Der Tisch erinnert ihn an einen unterirdischen Keller in Nürnberg; dorthin war er zu einer wissenschaftlichen Unternehmung gefahren, die ihn ins germanische Museum führte. — In die gleiche Richtung, — des Germanentums, — leiteten Gedanken über das grosse Gefäss mit Bier. Es ist von vorneherein begreiflich, dass der ausserordentlich musikalische Patient mit starken Reminiszenzen an Wagners „Meister- singer" in Nürnberg ankam. Als er diese erwähnte, begann er eine Szene aus Wagners Opern zu suchen, in der jemand einen Trunk zu sich nimmt. Erst fiel ihm Tristan ein, hierauf Siegfrieds Eintreffen am Hof Gunters. In beiden Szenen trinkt der Held einen Liebestrank. So fühlte unser Patient die rätselhafte Neigung zu seiner Mutter als durch die Zauberkünste der Mutter erweckt. Zuletzt fiel ihm Siegmund ein, dem seine Schwester Sieglinde mitleidig ein Hörn mit Meth reicht. Der Sinn dieses Traumes lautet demnach: die Stimme des Blutes hat gesprochen, die Mutter nimmt sich mitleidig seiner an, er ist der Held, der dem Mann (Vater) die Frau entreisst. Der Ausblick auf den Inzest wie bei Wagner, Patient begehrt wie ein Trunkener nach seiner Mutter.
') Siehe „Individuelle Psychologie der Prostitustion" in „Praxis u. Theorie" 1. c.
I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw. 99 Aber die psychische Situation des Patienten war ins „Weibliche" geraten. Sein älterer Bruder kam von einer Reise nach Hause und wurde mit grosser Liebe empfangen. Wie anders war es ihm ergangen, als er vor einiger Zeit von seiner Deutschlandsreise zurückgekehrt war! Der Gedanke: ich bin verkürzt! — wurde durch den Empfang des Bruders mächtig verstärkt, und im Traum sucht er sich auf die männ- liche Linie hinüberzuretten. Es war ein Versuch, der scheitern musste — und sollte! In derselben Nacht bekam er einen Anfall.
Der Anfall hatte den Zweck, die Zärtlichkeit, das Mitleid der Mutter auf den Patienten zu lenken. Mit dem Vater gelang dies leicht. Aber auch die Mutter vergass seine eifersüchtigen, oft rohen Zornesausbrüche, sobald er bewusstlos lag, und setzte sich auf einige Zeit an sein Bett. So befriedigte er seinen Wunsch, alles zu haben, alles so zu haben, wie der Bruder, wie der Vater. Die Formenwandlung seiner ursprüng- lichen Fiktion: ich werde kein ganzer Mann sein, — war bis zu dem Gedanken gelangt: ich will auch die Mutter haben wie der Vater, wie der Bruder sie besitzen. Um mit der nötigen Energie vorgehen zu können, bedurfte es nun einer tiefgefühlten Überzeugung seiner Neigung zur Mutter: also fingierte er sie.
Den tiefsten Zweck seiner sehnsüchtigen Einstellung zur Mutter ergab die weitere Analyse, die einen entscheidenden Punkt in seinem Gefühle der Unsicherheit aufdeckte. Als sich die Mutter ihm in der Kindheit immer mehr entzog, kam er, wie so viele Kinder in ähnlicher Situation, auf den Gedanken, er sei nicht das Kind dieser Familie. Die Märchen vom „Schneewittchen" und „Aschenbrödel" dürften bei diesen Kinderphantasien häufig Leitgedanken abgeben. Als sein älterer Bruder einst erkrankte, wich die Mutter nicht von ihm. Seither reizte es unseren Patienten ununterbrochen, durch schwere Ohnmachtsanfälle, wie er sie von einem Onkel kannte, die Eltern, ins- besondere die Mutter zu prüfen, ob die Stimme des Blutes sprechen würde. Diese Prüfungen nahm er mit echt neurotischer Uner- sättlichkeit vor, und so zeigt sich auch in diesem Falle die völlige Auflösung des Ödipuskomplexes, sein Wesen als das einer arrangierten Fiktion, seine Bedingtheit als Ausdrucksmittel des männlichen Protestes gegen ein Gefühl der Unsicherheit und Minder- wertigkeit, seine Abhängigkeit von der neurotischen Sicherungstendenz des „alles haben Wollens".
Der innere Widerspruch, der sich bei dieser Form des männlichen Protestes oft geltend macht, die moralische Verurteilung eines dem Grundsatz des „alles haben Wollens" entsprechenden Handelns, aber auch die stärkere Einsicht in die Unerfüllbarkeit oder die Furcht vor der Entscheidung, die gegen den Patienten fallen könnte, erzwingen häufig ein Kompromiss. Man kann dieses am besten in die Worte kleiden: Halb und halb! Der Patient sucht einen Ausweg aus dem Dilemma und kommt auf diesem Wege zu dem: Divide et impera! Zuweilen ist dieser Weg gangbar, — wegen der Möglichkeit einer Befriedigung der Herrschsucht. Manchmal kommt es dabei zu starken kulturellen, aber auch zu utopischen Ausprägungen von Gleichheitsgefühlen und Gerechtigkeitsliebe.
7* IL Kapitel.
Neurotische Grenzerweiterung durch Askese, Liebe, Reisewut, Verbrechen. — Simulation und Neurose. — Minderwertigkeits- gefühl des weiblichen Geschlechts. — Zweck des Ideals. — Zweifel als Ausdruck des psychischen Hermaphroditismus. — Masturbation und Neurose. — Der „Inzestkomplex" als Symbol der Herrschsucht. — Das Wesen des Wahns.
Eine Betrachtung, die sich hier anreihen darf, will zu zeigen ver- suchen, wie die kompensierende Leitidee: „alles haben zu wollen", von ihrem geraden Weg abbiegen kann, um auf Umwegen oder nach Art eines Kunstgriffes sonderbare neurotische, verbrecherische, aber auch schöpferische Leistungen anzuregen, um endlich bei ihrem Ziele anzu- langen und eine Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls irgendwie durch- zusetzen, zumindest aber, und so lange bleibt die Neurose produktiv, vor einer Herabsetzung zu bewahren. Schon die Sparsamkeit, Karg- heit und Askese mancher Neurotiker zeigt uns einen derartigen Um- weg, auf den sich der Patient treiben lässt, als ob er nur in dieser Weise vor Gefahren gefeit wäre. Er handelt dann strenge nach diesen fiktiven Leitlinien, glaubt an sie, steigert auch sein abnormes Wesen in Fällen besonderer Unsicherheit bis zur Psychose. In der Melancholie, bei Vorwiegen von Verarmungsphantasien, antizipiert der Patient, um einer wirklichen Gefahr zu entgehen, ähnlich wie bei der Hypo- chondrie einen befürchteten Zustand, versucht eine Fiktion zu realisieren, unterstreicht sein Minderwertigkeitsgefühl und verwendet sein Leiden zur Sicherung seines Persönlichkeitsgefühls. Auch Fälle von Kaufzwang, Fetischismus, neurotische Sammelwut und Kleptomanie kommen als Äusserungen dieser Gier, alles haben zu wollen, zustande. Immer ist ein Zug sichtbar, die von der Realität gesetzten Grenzen entlang einer fiktiven Leitlinie zu durchbrechen, um einem Gefühl der Verkürzung zu entkommen. Immer tritt dabei die Apperzeption nach dem streng bildlichen Gegensatz von,,männlich-weiblich" zutage und lässt den Patienten häufig Betonungen und Unterstreichungen vornehmen, durch welche be- wiesen werden soll, dass er ein Mann sei. Dazu nun eignet sich das sexuelle Symbol als Ausdrucksmittel recht gut, dessen Auf- lösung die übertriebene männliche Richtungslinie zuweilen auf sonder- baren Umwegen ergibt. Hier reihen sich nervöse Lügenhaftigkeit, Prahlerei, Hochstaplertum an, ebenso Versuche mit dem Feuer, mit der Liebe zu spielen, sich bis zum Abgrund vorzuwagen und so die ge- gebenen Grenzen soweit als möglich hinauszuschieben. Harmlosere Erscheinungen sind pathologische Reiselust, deren Ausartung im Weglaufen, in der Fugue neurotischer und psychotischer Personen II. Kapitel. Neurotische Grenzerweiterung durch Askese, Liebe usw. 101 zu finden ist1). Regelmässig ist im Leitbild dieser Nervösen ein Persön- lichkeitsideal, dessen Höhe durch Nachahmung oder durch trotziges, negativistisches Verhalten zu erreichen gesucht wird. Die gleiche Richtung, männliches Können bis an die äusserste Grenze auszu- dehnen, liegt auch den fortgesetzten Neigungen zugrunde, gruselige, Ent- setzen erregende Handlungen zu lesen, zu hören, zu sehen, zu begehen. Häufig treten telepathische, spiritistische Neigungen auf, abergläubische Regungen und ein Hang zum Wunderglauben.
Je stärker dieser Drang nach wertlosem Besitz sich geltend macht, um so mehr verfälscht er normale Neigungen und Wertungen. Etwa wie die Liebe für die Natur nur vorgetäuscht, aber in übertriebener Weise dargestellt wird, wenn ein Tourist alle Spitzen auf seinem Berg- stock verzeichnet haben will. Die Leporelloliste zeigt uns diese Gier in bezus auf Liebe, und dem Don Juan ist die Messalina gleichzusetzen, die Nymphomane, die sich stets ungesättigt und verkürzt wähnt, weil in diaser neurotischen Gestaltung reale Befriedigungsmöglichkeiten un- zureichend sind. Die Fesselung und Entwertung des Partners kommt dabei wesentlich in Betracht, ebenso die Furcht vor dem überlegen er- scheinenden, einzigen Partner.
„Liebe Seele, wo wäre ich nicht gewesen", antwortet Immer- manns Münchhausen auf die Frage, ob er einen fernen Ort kenne. Die realen Befriedigungen bei Bewegungsspielen, Reiten, Fahren, Schnell- fahren, bei der Aviatik stammen in ihrem tiefsten Grunde aus der Be- sitzergreifung, aus der Bemächtigung. Deshalb will jedes Kind Kutscher, Kondukteur, Lokomotivführer, Aviatiker, nicht minder aber auch Kaiser sein, Lehrer, um die anderen zu beherrschen und den sichtbaren Aus- druck für seine Überlegenheit zu schaffen, Arzt werden, um den Tod zu bannen und die Grenzen des Lebens zu erweitern, General, um die Armee zu leiten, Admiral, um dem Meere zu gebieten.
Lüge, Diebstahl und andere Verbrechen der Kinder erweisen sich als Versuche einer derartigen Grenzerweiterung. Meist bleibt es beim Phantasieren und Tagträumen. Eine von mir angeregte Enquete in einer höheren Mädchenschule ergab bei allen 25 Mädchen Erinnerungen an kleine Diebstähle2). Die Lehrerin durfte ich mitzählen. Bei näherer Einsicht erschliesst sich immer als Antrieb dieses Strebens, auf die Höhe zu kommen, ein aus dem Minderwertigkeitsgefühl des Kindes stammender unerträglicher Reizzustand. Häufig wird das Kind unter diesem Zwang neugierig, genäschig, wissbegierig, sucht seine Fehler zu erkennen und Raum zu schaffen für die Entfaltung seiner Persönlichkeit. Der Mangel, das Übel, das Gefühl der Unsicherheit und der Minderwertigkeit erzwingen, analog dem Kompensationszwang im Organischen, oft auch eine stürmische Entwickelung des psychischen Überbaues. Jatgeir sagt in Ibsens Kronprätendenten: „Ich empfing die Gabe des Schmerzes, und da ward ich Skalde." Man kann in einer Anzahl von Fällen leicht den Nachweis erbringen, dass ein besonders starkes Minderwertigkeitsgefühl den Forschertrieb in die Wege leitet, oder dass der „Eingangsakkord eines Künstlerlebens, — eines späteren *) Fast immer finde ich als Grundtentenz der Fugue, der Vagabundage jugendlicher Nervöser und Verwahrloster: auf mich muss man besser acht- geben! Demnach Unzufriedenheit und ein Druck auf die Umgebung.
2) Herrn Kollegen Wexberg verdanke ich die Mitteilung eines phantasierten Diebstahls, der deutlich die Überwältigung des Vaters darstellt.
102 II. Kapitel. Neurotische Grenzerweiterung durch Askese, Liebe usw.
Vorbilds abgeklärter Harmonie der Kunst und des Lebens, — mit einer herben Dissonanz beginnt." (B. Litzmann, Clara Schumann.) Clara Schumann litt bis zum 8. Lebensjahre an Hörstummheit. — Eine andere Art, wie sich Kinder oft ihren Eltern überlegen zeigen, hahe ich in der „Psychischen Behandlung der Trigeminusneuralgie" l) beschrieben. Sie besteht darin, dass in Erinnerung früherer Mängel oder in Nachahmung fremder ein Zustand von scheinbarer Dummheit, Blindheit, Taubheit, Hinken, Stottern, Enuresis, Kot- schmieren, Ungeschicklichkeit, Appetitlosigkeit, Er- brechen, Faulheit und Verwahrlosung festgehalten wird. All- mählich gestaltet die Psyche aus diesen vorbereiteten psychischen Ge- berden, mit denen das Kind auf das Gefühl der Herabsetzung antwortet, psychische Bereitschaften, die in der Neurose das Symptomenbild gemäss einer Richtungslinie gestalten: handle so, als ob du dir durch einen dieser Mängel, durch eines dieser Gebrechen die Sicherheit, das Gefühl der Überlegenheit verschaffen müsstest. Diese Art sich unangenehm bemerkbar zu machen zielt deutlich auf eine Befriedigung der Eitelkeit und gibt der Umgebung regelmässig Fleissaufgaben. Wirkt auch wie eine Rache für verweigerte Parität. Der Unterschied von der Simulation besteht oft nur darin, dass nicht erst in jedem Falle die Überlegung das Phänomen hervorruft, sondern dass die fertige Symptombereitschaft als Sicherung gegen die Befürchtung der Herabsetzung dem ehernen Be- stand des Gedächtnisses einverleibt wird, etwa wie die Fingerfertigkeit eines Virtuosen stets bereit ist, auf entsprechende Anforderungen zu reagieren2). Das gesamte Heer der neurotischen Symptome, Erröten, Kopfschmerz, Migräne, Ohnmacht, Schmerzen, Tremor, Depression, Ex- altation usw., lassen sich auf diese bereitgestellten psychischen Attitüden zurückführen.
Auch bei normaler Zielrichtung geben ja nicht immer Gedanken und Sprache sondern fast regelmässig auch Körperteile, der Zirkulations- apparat, die Atmungsorgane usw. Antworten auf irgendwelche Be- anspruchungen. Lachen, Weinen, Mimik, dass einer „Maul und Augen aufreisst" bei einer Überraschung usw. sind solche Beispiele. Bei den bekannten Scherzfragen: „was ist kompakt?•' „was ist eine Wendeltreppe V" „was ist ein Kirchturm?" sieht man das Ausspielen eines ganzen Be- wegungskomplexes. Nicht anders bei den obigen Fehlschlägen, nur ist dort das System ausgebreiteter und verschleiert.
Eine der Tatsachen, deren Feststellung ich meiner Betrachtungs- weise zu verdanken habe, betrifft das mehr weniger bewusste Minderwertigkeitsgefühl aller Mädchen und Frauen, das ihnen durch die „Weiblichkeit" gegenüber dem Manne vermittelt wird. Ihr Seelenleben wird dadurch so sehr alteriert, dass sie stets Züge des „männlichen Protestes" aufweisen, und zwar meistens in der Form des Umweges über scheinbar weibliche, minderwertige Züge, wie sie in der vorigen Gruppe geschildert wurden. Erziehung sowie die nötigen Vorbereitungen für die Zukunft zwingen sie, ihre Überlegenheit, ihren „männlichen Protest" auf Schleichwegen, resignierend meist, zum Aus- druck zu bringen. Immerhin sind die Züjje von „Emotionalität" *) Siehe „Praxis uud Theorie der lndividualpsychologie" 1. c. '-) Daraus folgt, dass die Feststellung einer Simulation die analoge neuro- tische Bereitschaftsstellung in der Vorgeschichte ausschliessen muss.
IL Kapitel. Neurotische Grenzerweiterung durch Askese, Liebe usw. 103 (Heymans) deutlich genug, Herrschsucht, Geiz, Neid, Gefallsucht, Nei- gung zur Grausamkeit usw. fallen so häufig in die Augen, dass man sie leicht entlarven kann als kompensatorische männliche Züge, nach einer männlichen Richtungslinie geordnet. Parkes Weber (Lancet 1911) hat nach mir in dieser Art der Sicherung vor Herabsetzung die Grundlage hysterischer Phänomene gefunden.
Auch die Verbrechensbereitschaft ist als Vorstoss des männ- lichen Protestes bei Personen zu verstehen, deren kompensierendes Ideal eine fiktive Richtungslinie erzwingt, bei der Leben, Gesundheit, Güter des Nächsten entwertet werden. Im Falle erhöhter Unsicherheit, bei Entbehrungen, Herabsetzungen, drohender Einbusse des Persönlichkeits- gefühls, ebenso bei angestrengten Versuchen „oben" zu sein, ihre Über- legenheit zu sichern, werden sich solche Personen, deren Minderwertig- keitsgefühl in der Affektbereitschaft eine Kompensation gesucht hat, in prinzipieller Verfolgung ihrer Richtungslinie, durch abstrahierendes Vorgehen gegenüber der Realität, ihrem Persönlichkeitsideal durch ein Verbrechen zu nähern suchen. Dr. A. Jassny hat diesen Mechanismus, der am deutlichsten bei Affektverbrechen, Ge- wohnheitsverbrechen und Fahrlässigkeit hervortritt, bei verbrecherischen Frauen im Archiv für Kriminalanthropologie 1911 vortrefflich auseinander- gesetzt. Zu ergänzen wäre, dass der Weg des Verbrechens die grosse Unsicherheit des Verbrechers enthüllt, seine Gel- tung im Einklang mit dem Gemeinschaftsgefühl durch- setzen zu können.
Die überragende Bedeutung der Liebesbeziehung im mensch- lichen Leben bringt es mit sich, dass sich die neurotische Gier, alles haben zu wollen, regelmässig in das Verhältnis von Mann und Frau einmengt und dort eine störende Tendenz entfaltet, indem sie zwingt, von der Wirklichkeit abzusehen und Versuche zu unternehmen, die auf eine Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls abzielen. Es liegt im Wesen des Nervösen, sein Minderwertigkeitsgefühl durch fortwährende Beweise seiner Überlegenheit abschwächen zu wollen. Eine geliebte Person soll ihre Persönlichkeit aufgeben, soll ganz in ihm — oder in ihr aufgehen, soll zum Mittel werden, das eigene Persönlichkeitsgefühl zu heben. Es wäre ein guter Prüfstein einer echten, von neurotischen Tendenzen freien Liebe, ob der eine Mensch es vertragen kann, wenn der andere seine Eigengeltung behält, ja wenn er ihn darin noch unterstützt. Dieser Fall ist selten. Gerade in die Beziehung der Geschlechter kommt fast regelmässig ein prüfender, suchender, misstrauischer, eigen- sinniger und eigennütziger Zug, der ein liebevolles Nebeneinander immer wieder stört. Prinzipielle Forderungen stehen hier auf der Tagesord- nung, und ein Junktim löst das andere ab, wobei die Spitze immer leicht zu erkennen ist. Es ist als ob beide Teile vor einem Rätsel stünden, dessen Lösung sie mit allen Mitteln durchsetzen wollen. Die Analyse deckt dann regelmässig als Folge des Gefühls der Minder- wertigkeit Furcht vor dem sexuellen Partner und damit ein Ringen um die Überlegenheit auf. Liebe und Ehe sind aber für diesen Ringkampf nicht geeignet. Sie haben ihre eigene Logik und werden durch fremdartige Forderungen, durch den Kampf um die Macht gesprengt.
Wir haben dieses Ringen auf verdeckten Wegen in Fällen mit gesteigertem Minderwertigkeitsgefühl, bei angeborener Organminder- 104 II. Kapitel. Neurotische Grenzerweiterung durch Askese, Liebe usw.
Wertigkeit zum Teil schon kennen gelernt *). Es wird durch eine Anzahl neurotischer Bereitschaften gesichert, und gewisse Charakterzüge werden stark hervorgetrieben, damit man,,mit dem Feind" in enger Fühlung bleibt. Vielleicht der sozial bedeutsamste dieser Züge ist das Miss- trauen und die Eifersucht, denen gleichlaufend Herrschsucht und Rechthaberei beigeordnet sind. Je nach der Vorgeschichte des Patienten, nach seinen verwendbaren Vorübungen und tendenziös gewerteten Er- innerungen wird bald der eine Zug, bald der andere deutlicher hervor- treten. Sie stehen alle unter dem Drucke des fiktiven Endzweckes, brechen bei drohender Einbusse des Persönlichkeitsgefühls mächtig hervor oder erweisen sich noch als wirksam, wenn der Stolz sie ins Unbewusste zurückdrängt. In allen Fällen verfügen sie über die neurotischen Be- reitschaften, die bald als Depression, bald als Angst vor dem Alleinsein, als Platzangst, als Schlaflosigkeit und in hundert anderen Symptomen den „ Gegner" zur Waffenstreckung zwingen sollen. Die stärksten mora- lischen Prinzipien haben die gleiche Geltung wie etwa Gefallsucht und Ehebruch als Racheakt, wrenn das Gefühl einer Herabgesetztheit die Wiederherstellung der Gleichberechtigung oder die Niederlage des anderen verlangt. Die protestierende Rachsucht des Mannes bei Mangel des Überlegenheitsgefühls ist meist geradliniger, äussert sich im „Spielen des wilden Mannes", in Seitensprüngen und Verschmähung, zuweilen aber in Impotenz, auffallender Protektion der Kinder oder Zweifel an deren Legitimität, häufig auch im Meiden der Häuslichkeit, vermehrtem Alkoholkonsum oder im Aufsuchen von Vergnügungen. Die Absicht dieser Handlungsweise ist meist so durchsichtig, dass sie ver- standen wird. Denn nur dann erfüllt sio ihren Zweck, wenn sich die Frau dadurch herabgesetzt fühlt. Der häufige Eifersuch tswahn des AI koho listen ist nicht in der resultierenden Impotenz begründet, sondern Alkoholismus, Impotenz und der verstärkte Charakterzug der Eifersucht sind koordinierte neurotische Ausdrucksformen des Disponierten, dessen Minderwertigkeitsgefühl eine Steigerung erfahren hat. Wie jeder Neurotiker leidet auch er an der neurotischen Apperzeption, mittelst deren er den Abstand der Wirklichkeit von einem tendenziös verstärkten Ideal misst. Es ist aber eine der wirksamsten Attitüden des Nervösen, polliceverso sozusagen einenwirklichen M enschenan einem Ideal zu messen, da man ihn dabei beliebig stark entwerten kann. Die Rachsucht der verschmähten, herabgesetzten Frau bedient sich mit Vorliebe neurotischer Symptome, unter denen die Frigidität eine hervor- ragende Rolle spielt. Die Absicht zielt darauf hin, dem Manne die Männlichkeit zu bestreiten, ihm selbst bei gutem Einvernehmen die Grenzen seines Einflusses vor Augen zu führen, und sich so ein gut Stück Unüberwindlichkeit zu sichern. Das Zusammenspiel bleibt aus. Dass dieser mächtige Aufbau die Folge ursprünglicher Gefühle der Verkürztheit ist, die nach Kompensation verlangen, geht aus eingehen- deren Analysen hervor. Gewöhnlich geschieht die Apperzeption einer Herabsetzung oder einer analogen Befürchtung oder eines solchen Wunsches nach dem Bilde des Gegensatzes von Mann und Weib. demzufolge die *) Es ist erstaunlich, wie Kretschmer, der insbesondere mit der Aufstellung des schizothymen Gesichtstypus eine so wertvolle Bereicherung der Organminder- wertigkeitslehre gegeben hat, die hier aufgedeckte Planmässigkeit in der Neurose und Psychose zu übersehen vermag und über die Kluft zwischen humoralen Einflüssen und Psyche hinübertaumelt.
IL Kapitel. Neurotische Grenzerweiterung durch Askese, Liebe usw. 105 Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls als männlich, eine Erniedrigung als weiblich empfunden und gewertet wird. Oder es setzt sich in Phantasien und Träumen der Gedanke einer Kastration (weiblich) an Stelle des Gefühls der Herabsetzung. Recht häufig dringt die männliche Leitlinie, die bereits in der Vorgeschichte eine grosse Rolle gespielt hat, in der Neurose vorwiegend oder nebenbei durch und verstärkt männliche Züge, sobald das Persönlichkeitsgefühl in Frage gestellt wird, was bei Frauen in der Regel leicht auffällig wird. Gleichzeitig damit erfolgt der Rück- zug aus der Gesellschaft.
Abgesehen von der Bereitschaft zur Eifersucht findet man bei weiblichen Nervösen eine Anzahl anderer Symptome, die aus dem Fest- halten einer männlichen Leitlinie erwachsen. Sie sind im allgemeinen der Liebe, insbesondere dem Sexualverkehr abhold und können eine ganze Anzahl von Gründen statt des einen wahrhaften nennen, der Un- zufriedenheit mit der Frauenrolle, und sie versuchen eine Art von Ver- männlichung soweit als möglich durchzusetzen. Abneigung gegen Liebe und Ehe dauert dann entweder durchs ganze Leben an, oder dieser Formenwandel der männlichen Leitlinie entwickelt mit zunehmen- den Jahren einen derartigen inneren Widerspruch, — die Furcht den Mann nicht fesseln zu können drückt auf das Persön- lichkeitsgefühl und zeitigt unter fortwährenden Schwankungen neu- rotische Liebesregungen. Diese Schwankungen kommen dadurch zu- stande, dass die neue Richtungslinie, einen Mann zu gewinnen, um da- durch zur Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls zu gelangen, bereits seinen Gegensatz in sich ragt: Verminderung des Persönlich- keitsgefühls durch Verweiblichung. Oft erwacht in solchen Fällen das Symptom neurotischer Zwe ifelsu cht und macht sich in den banalsten Beziehungen breit, bis man hinter den hermaphroditischen Ge- halt der aktuellen Situation kommt, aus dem der Antrieb des Schwankens und Zweifeins hervorquillt. Jeder Entschluss ruft im Gegenbewusstein (Lipps) die gegenteilige Regung hervor, die beide dann nach dem Gegen- satz „Männlich-Weiblich" empfunden und gewertet werden, so dass die Patientin entweder gleichzeitig oder hintereinander eine weibliche und männliche Rolle spielt. Folgender Fall dürfte diesen Zustand anschau- lich darstellen: Ein 30jähriges Mädchen, das sich durch Lektionen ihren Unterhalt erwirbt, stellt sich mit Klagen über Unruhe, fortwährenden Zweifel, Schla:losigkeit und Suicidgedanken vor. Seit dem Tode des Vaters sorgt sie für die ganze Familie, vertritt also den Mann, den Ernährer, ist in ihren Phantasien und Träumen das Lasttier, das Pferd, das alles her- beischafft. Sie arbeitet bis zur Erschöpfung und opfert alles ihrem Bruder und ihrer Schwester. Soweit sie zurückdenkt, wollte sie immer ein Mann sein. Als Kind hatte sie derbe, knabenhafte Züge und wurde in ihrem 15. Lebensjahre noch im Bade für einen Knaben gehalten.
Neuss er hat in seiner Arbeit über Status thymico-lymphaticus auf gegengeschlechtliche körperliche Charaktere bei dieser Konstitutions- anomalie hingewiesen. Auch in meinen Arbeiten neurologischen Inhalts habe ich den Befund der körperlichen Gegengeschlechtlichkeit hervor- gehoben und von ihr nachweisen können, dass sie von der Neurose häufig benutzt wird, sei es zur Hervorhebung der Minderwertigkeit in- folge eines weiblichen Einschlags, sei es zum männlichen Protest. Die 106 II. Kapitel. Neurotische Grenzerweiterung durch Askese, Liebe usw.
älteren Hervorhebungen Fliess, der ebenso wie Halb an meine Auf- merksamkeit auf dieses Gebiet gelenkt hat, betreffen nicht den psychischen Mechanismus in meinem Sinne. Übertriebene, unhaltbare Annahmen von körperlicher Gegengeschlechtlichkeit sind überaus häufig und unter- stellen den Irrtum einer seelischen Gegengeschlechtlichkeit.
In einer nicht allzu seltenen Variante enthüllt die Patientin ihren männlichen Protest gleich am ersten Tage, indem sie mit grosser Schärfe eine unentgeltliche Behandlung ablehnt. Sie wolle sich nichts schenken lassen, betont sie mehrere Male hintereinander, was sie in der Folge in der mir bereits bekannten Art aufklärte, es sei un- männlich, sich Geschenke machen zu lassen, Deswegen habe sie es stets abgelehnt. Dagegen schenkt sie selbst gerne, was sie insbesondere in ihrer väterlichen Rolle innerhalb der Familie häufig praktiziert.
Aus ihrer Krankengeschichte hebe ich als wichtig hervor, dass ein Oheim sie im 9. Lebensjahr zu vergewaltigen suchte. Sie verhielt sich in ihrem Schrecken passiv, tat aber von diesem Angriff keine Erwähnung. Seit ihre Nervosität Fortschritte gemacht hatte, zwang sie sich zu der Auffassung, sie wäre schon als Kind ein sinnliches Geschöpf gewesen und fähig, sich jedem hinzugeben. Und so sei es auch bis heute geblieben. Also die uns bereits geläufige neurotische Nutzan- wendung einer Erinnerung zu Zwecken der Sicherung; denn die Folge dieses Gedankenganges war, dass sie bis zu ihrem 30. Lebensjahre allen Männern auswich.
Seit ihrem 10. Lebensjahre trieb sie bis vor 5 Jahren, wie sie behauptete, eifrig Masturbation. Sie entwickelte daraus ein überaus starkes Schuldgefühl, stärkte die Überzeugung von ihrer Sinnlichkeit und kam zu dem Schlüsse, sie habe sich auf immer unwürdig gemacht in die Ehe zu treten. Diese Überzeugung musste noch weiter ihre Haltung beeinflussen, die sie gegen Männer einnahm.
Dies ist die gewöhnliche Rolle der Masturbation in der Neurose, dass sie durch das Arrangement eines Schuldge- fühls1), gleichzeitig aber durch ihr Ergebnis, auf den Partner ver- zichten zu können, die Sicherung vor dem Partner durchführt. Die Ähnlichkeit mit jenen Fällen, die durch Verstärkung eines Kinderfehlers, Enuresis, Stottern oder durch neurotische Symptome die gleiche Siche- rung vornehmen, liegt auf der Hand. Das ursprüngliche Minderwertig- keitsgefühl bleibt als „Schale" zurück, füllt sich mit Verkürztheits- phantasien und Schuldgefühlen und zwingt, den männlichen Leitpunkt auf Umwegen zu erreichen. Das Gebaren unserer Patientin ist nach der Richtungslinie aufgebaut: ich will ein Mann sein, ich will keine Frauenrolle spielen.
x) Die primären Gewissensregungen bei der Masturbation sind die Folgen, zugleich aber die Sicherungen des beleidigten Persönlichkeitsideals. In der Neurose werden diese Sicherungen, oft unter Beibehaltung der Masturbation verstärkt und als zweckdienlich dem Lebensplan eingefügt: der Autoerotismus wird so zum Symbol des Lebensplanes, woraus sich sein Zwangscharakter ableitet. Der Lebensplan aber lautet: Isolierung, Ablehnung des Gemeinschaftsgefühls und Aus- merzung aller Fähigkeit zur Hingabe, — weil das Aufgehen in der Gemeinschaft vom Machtstreben als hinderlich empfunden wird. Den Kontakt mit der Gemein- schaft halten am stärksten aufrecht: Sprache, Sexualität und Liebe, Beruf und Tatbereitschatt. An diesen Punkten setzt die Neurose zerstörend ein. Jeder Nervöse hat die Form der Erotik, die zu seinem neurotischen Lebensplan gehört.
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