Eines Tags, als der nunmehr 14jährigen Patientin ein Mann auf der Treppe Anträge stellte, entwickelte sich aus dieser Konstellation eine Wahnbildung, deren Grundlagen leicht zu durchschauen sind. Sie hielt sich mehrere Monate lang für den Dienstbotenmörder Hugo Schenk und brachte so durch stärkere Abstraktion, die zu Sicherungszwecken eingeleitet wurde, ihre männliche, ihre homosexuelle und ihre sadistische Fiktion zur Verschränkung, indem sie sie schärfer zum Ausdruck brachte, und indem sie gleichzeitig ein zu befürchtendes Ereignis antizipierte. Diese drei Bedingungen: stärkere Abstraktion von der Realität, Verstärkung der männlichen, nach „oben" führenden Leitlinie und Antizipation des Leit- bildes meist in einer Verkleidung — sind die Fundamente jeder Wahnbildung. Die Rolle endogener and exogener Gifte be- steht in vielen Fällen darin, dass diese ein Gefühl erhöhter Unsicherheit hervorrufen und das die Machtpolitik hemmende Gemeinschaftsgefühl ausschalten, wie es auch durch psychische Erlebnisse und Affekte zu- stande kommen kann. Immer aber ist die neurotische Sicherungstendenz, die sich im Falle erhöhter Unsicherheit naturgemäss verstärkt, die wirkende Ursache der Wahnbildung. Sie zieht dann auch die neurotische Apperzeptionsweise stärker in ihren Machtbereich und bewirkt so die Absperrung. Die Verwendung von weiblichen Dienstboten im Wahn- gebäude unserer Kranken bringt gleichzeitig die gegen das weibliche Geschlecht gerichtete Entwertungstendenz zum Ausdruck. In ihr Wahn- gebäude ragte mächtig noch die Angst hinein, deutlich erkennbar als Sicherung gegen den Mann und so der Absicht ihres Wahnes koordiniert, ein zweiter Ausdruck für ihren verschärften männlichen Protest1).
Eine weitere Perversionsrichtung unserer Patientin, die ihr unklar bewusst war, bestand in einer Fella tiophantasie. Die Realien, die dazu vorlagen und bei der neurotischen Leistung ihrer Phantasie Ver- wendung fanden, waren der Patientin genau bekannt. Sie war immer sehr genäschig gewesen und hatte als Kind dieser Neigung sehr ge- fröhnt. Noch heute kommt dieser Charakter öfters zur Geltung. Es war aber auch nicht selten vorgekommen, dass sie ohne Ekel abscheu- liche Dinge in den Mund nahm. Auf ihrer Flucht vor der weiblichen Rolle2) versuchte es diese Patientin, da ihr, wie aus Einzelheiten ihrer J) Die Verstärkung der fiktiven Leitlinie beim unsicher gewordenen Neurotiker bringt es mit sich, dass er stärkere Mittel zu seiner Sicherung verwenden muss: Angst, wo ein anderer Moral hat, — Hypochondrie, wie ein anderer Vorsicht an- wendet. Unsere Patientin hat den Wahn und die Angst zugleich, während andere Mädchen noch mit Moral und Vorsicht auskommen. So auch Halluzinationen und Wahn an Stelle von Vorsicht, Befürchtungen und Zuspruch.
z) Siehe „Das Problem der Homosexualität" 1. c.
8* 116 II. Kapitel. Neurotische Grenzerweiterung durch Askese, Liebe usw.
Krankengeschichte hervorgeht, gerade der Geburtsakt als unannehmbar und besonders weiblich erschien, sich vorübergehend diese perverse Situation als möglich vorzustellen. Die Anregung ging von einem Ge- spräch aus, das sie belauscht hatte. Von einer in angenehmen Verhält- nissen lebenden allein stehenden Nachbarin wurde diese Perversion behauptet. Frühzeitig vom Manne abgedrängt suchte die Patientin gelegent- lich doch die Fühlung mit der Wirklichkeit zu gewinnen und fand in Ab- lehnung des Geburtsaktes, unterstützt durch ihre übertrieben empfundene Eignung zu ekelhaften Prozeduren den Weg zu dieser Perversionsphan- tasie. Doch auch gegen diese lehnte sich ihr männlicher Protest auf. Ihr nächtliches Aufschreien galt in der Regel derartigen probeweise arrangierten Traumsituationen, und mit diesem männlichen Protest des Schreis und der sichernden Angst antwortete sie auf die selbstgestellte Zumutung einer wTeiblich- perversen Rolle.
Die eingangs geschilderte psychische Haltung der Patientin zeigt den wesentlichen Unterschied. Allerdings war noch ein Rest ihrer Furcht vor dem Manne und ihres männlichen Protestes vorhanden, der nach kurzer Zeit einem normalen Verhalten Platz machte. Was einen nach- denklich stimmen konnte, war der Ansatz zu einer schwierigen, sozial minderwertigen Situation, der nur durch weiteres Eingreifen beseitigt werden konnte. Ob es aber eine um vieles günstigere Lösung des Pro- blems dieser Patientin gibt, die gealtert, durch die langdauernde Neu- rose aller gesellschaftlichen Verbindungen beraubt und mittellos ist?
Bei aller Wucht und Hartnäckigkeit, die den neurotischen Sym- ptomen und dem neurotischen Charakter anhaften, zeigen sie doch auch häufig eine derartige Wandelbarkeit und Hinfälligkeit, dass gerade diese Erscheinungen die Aufmerksamkeit vieler Autoren erregt haben. Der Charakter der Launenhaftigkeit, des Stimmungswechsels, der Suggestibilität und der Beeinflussbar keit (Janet, Strüm- pell, Raimann u. a.) wurde nicht mit Unrecht als ein wichtiges Zeichen einer psychogenen AfTektion angegeben. Es muss aber darauf hingewiesen werden, dass bei psychischen Erscheinungen, die, — wie wir nachgewiesen haben, — nur Mi ttel, Ausdrucksmittel, zweck- dienliche Bereitschaften vorstellen, die Variabilität selbst oft ge- wahrt bleiben muss, da sie ja auch als Hilfslinie erscheinen und dem fiktiven Endzweck, der Erhöhung des Persönlichkeitsgelühls dienen kann. Die neurotische Selbsteinschätzung wird allerdings dieses Seh wanken abermals zum Ausgangspunkt einer Betrachtung nehmen, wird durch tendenziöse Verstärkung der Suggestibilität das U rteil von der eigenen Schwäche übertreiben, es mit aufgesuchten, meist falsch gewerteten Erinnerungen stützen, um auf neurotische Weise den erhöhten Auf- trieb zu gewinnen. Etwra wie folgender Fall lehrt: Vor kurzem zeigte in Wien ein Arzt in Öffentlicher Sitzung Beispiele von Wachsuggestion, die auch bei einer bestimmten Dame an einigen Abenden gelangen. Als diesselbe Dame sich an einem späteren Abend abermals zur Demon- stration bieten sollte, antwortete sie wie zur Rache mit einem hyste- rischen Anfall von solcher Stärke, daß die weiteren Vorlesungen des Arztes polizeilich verboten wurden. — Bei der psycho -therapeutischen Behandlung muss man jederzeit gefasst sein, dass die Einfügung des Patienten seinen männlichen Protest, seine Anfallsbereitschaft steigert, und ist in erster Linie gezwungen, diese Reaktion zu unterbinden. Jede Besserung im Befinden wird von dem Patienten als Zwang und Nieder- II. Kapitel. Neurotische Grenzerweiterung durch Askese, Liebe usw. 117 läge empfunden, und oft schliesst sich eine Verschlechterung an, aus keinem anderen Grunde, alsweilein gutes Befinden vorhergegangen ist. — Die vielfachen, polar angeordneten, ambiva- lenten (Bleuler) Züge des Nervösen und psychotischen Kranken bauen sich auf der hermaphroditischen Spaltung der neurotischen Psyche auf und gehorchen einzig dem mit Überempfindlichkeit und grosser Vorsicht gesicherten Persönlichkeitsideal. Ihre Zusammengehörigkeit gibt, richtig erkannt, immer das Bild einer psychischen Einheit, z.B. in der Art: „weil ich schwach, leichtsinnig, weichherzig, zur Unterwerfung geneigt bin, muss ich stark, vorsichtig, hart, herrschsüchtig auftreten", wobei immer bestimmte Teile dieser „ Ambivalenz" je nach der Eigenart stärker in den Vordergrund treten. Der ausgleichende Rest steckt dann im Hintergrund.
III. Kapitel.
Nervöse Prinzipien. — Mitleid, Koketterie, Narzissismus. — Psychischer Hermaphroditismus. — Halluzinatorische Siche- rung. — Tugend, Gewissen, Pedanterie, Wahrheitsfanatismus.
Bei unserer vorhergehenden Betrachtung konnten wir die mannig- fachen Versuche, Vorbereitungen und Bereitschaften einer Patientin be- obachten, die durch ihre männliche Einstellung bedingt waren. Die resultierende Furcht vor dem Manne war so gross, dass jede Knüpfung einer Liebesbeziehung verhindert war, bis die Behandlung sie ermöglichte. In sehr vielen Fällen sieht man den männlichen Protest in einer schein- bar entgegengesetzten Weise zum Ausdruck kommen: die Patientinnen knüpfen ununterbrochen neue Beziehungen an, die freilich leicht ver- kümmern und von den seltsamsten Schicksalen bedroht sind. Auch Ehen zu schliessen sind sie ein- oder mehrere Male fähig, ebenso sie wieder aufzuheben. Sehr häufig brechen die heftigsten Leidenschaften der Liebe durch, die alle Hindernisse überwinden können, durch sie meist nur gesteigert werden. Die gleichen Erscheinungen kann man bei männlichen Nervösen beobachten. Bei näherer Betrachtung findet man die bekannten Züge des Neurotikers wieder, in erster Linie seine Herrsch- sucht, die sich wie seine anderen Charaktere der Liebesbeziehung als eines Vehikels bedienen, um sich beweisbar durchzusetzen. Die Sehnsucht alles habenzu wollen, drückt sich auf diesem Wege derart aus, dass alle Männer, zuweilen alle Menschen zum Ziel der Eroberung gemacht werden, wobei die Koketterie und das Zär tlichkeits- bedürfnis, die Unzufriedenheit mit dem erreichten Lose gar sehr in die Halme schiessen. Auffällig ist oft das Junktim mit Schwierig- keiten. Ein kleines Mädchen bevorzugt nur grossgewachsene Männer, oder die Liebe bricht erst los bei Verboten der Eltern, während das Erreichbare mit offener Geringschätzung und Feindseligkeit behandelt wird. In den Gesprächen und Erwägungen solcher Mädchen taucht immer das einschränkende Wörtchen „nur" auf. Sie wollen nur einen gebildeten, nur einen reichen, nur einen männlichen Mann, nur platonische Liebe, nur eine kinderlose Ehe, nur einen Mann, der ihnen volle Freiheit lässt usw. — Man sieht dabei oft die Entwertüngstendenz so stark am Werke, dass schliesslich kaum ein Mann übrig bleibt, der ihren Anforderungen ge- nügte. Meist haben sie ein fertiges, oft ein unbewusstes Ideal, dem Züge des Vaters, Bruders, einer Märchenfigur, einer literarischen oder historischen Persönlichkeit beigemengt sind. Je mehr man sich mit diesen Idealen vertraut macht, desto grösser wird unsere Überzeugung, dass sie als fiktives Mass aufgestellt sind, III. Kapitel. Nervöse Prinzipien, Mitleid, Koketterie, Narzissismus usw. 119 um daran die Wirklichkeit zu entwerten. Die psychische Rich- tung mit den begleitenden Zügen „unweiblichen" Wesens, die vielfach zu,, männlichen u Zügen der Sexualfreiheit, Untreue und Unkeuschheit Aulass gibt, zielt deutlich nach dem Leitbild der Manngleichheit. Die Analyse ergibt leicht ursprüngliche Organminderwertigkeiten, ein über- triebenes Minderwertigkeitsgefühl, eine auffällige ursprüngliche Höher- schätzung des Mannes, der die Entwertung als Sicherung auf dem Fusse folgt. Andere Sicherungen bekräftigen unsere gewonnene Anschauung. Prinzipielle Anschauungen wie: alle Männer sind roh, tyrannisch, haben einen üblen Geruch, sind infiziert usw., zeigen den Einfluß der tendenziösen Apperzeption. Bei männlichen Nervösen findet man miss- trauische Grundauffassungen, welche jede Frau als lasterhaft, unersätt- lich, leichtsinnig, physiologisch schwachsinnig, ihrer Sexualität schranken- los preisgegeben hinstellen. Unsere Lehrmeister, — Philosophen und Dichter, — die uns die Leitbilder unserer Zeit, den „heimlichen Kaiser" (Simmel) formen, unterliegen nicht selten den gleichen Fiktionen. Der Nervöse greift sie dann gerne auf, um eine sichernde Linie in der Un- rast des Lebens zu gewinnen. Für die obige neurotische Richtung der Männer haben ausser den Religlonslehrern und Kirchenvätern noch Schopenhauer, Strindberg, Moebius und Weininger die beliebtesten Klichees geschaffen. Den gelehrten Disputationen der Kle- riker, ob das Weib eine Seele habe, ob sie ein Mensch sei, folgte der Hexenhammer und die Schmach der Hexenverbrennungen. Die dazu passende Erotik ist eine perverse oder Masturbation und gehäufte Pollu- tionen mit ihrer tieferen Absicht: ohne weiblichen Partner. — Die sichernden schematischen Fiktionen nervöser Mädchen sind, — da die Kunst fast ausschliesslich noch Männerwerk ist und die neurotische Apperzeption der Frau weniger geeignete Stoffe bietet, — einer kindlichen Anschauungsstufe entnommen, deshalb noch schwerer mit der Realität in Einklang zu bringen.
Wo aber die Realität auf die neurotische Fiktion der Mädchen wirken kann, wird sie meist Charakterzüge und Tendenzen zeitigen, die noch immer deutlich genug die männliche Neigung zur Überwältigung des Mannes, bei stärkster Sicherung auch in homosexueller Richtung aufweisen oder den entwerteten, in geringerem Grade kampffähigen Mann zur Liebe oder Ehe suchen. Der Ausdruck des Mitleids kann dann oft den wahren Sachverhalt verschleiern, und die Liebe wird dann frei, wenn der Mann machtlos, gesunken, ein Krüppel, gealtert ist. In Phantasien, Träumen, Halluzinationen, in denen der Mann entmannt, in ein Weib, in eine Leiche verwandelt, „unten" ist, besonders aber in der Tendenz, den Mann wehrlos, klein, erniedrigt zu sehen, äussert sich der Zwang der männlichen leitenden Fiktion, und findet in der Nekro- philie seinen gesteigerten Ausdruck1).
Ein anderer Weg führt, wie schon erwähnt, über die Linie des „alles haben Wollens" zur neurotischen Koketterie. Der männliche Protest drückt sich dabei aus: 1. in der Tendenz, ein ursprüngliches Gefühl der Minderwertigkeit, der Verkürztheit durch Beherrschung vieler, aller Männer zu kompensieren, 2. durch die Ablehnung einer weiblichen Rolle im Sexualverkehr, in der Ehe; an Stelle dieser als Herabsetzung gewerteten Rolle setzen sich Kunstgriffe, die von der männlichen Leit- *) Eulenburg hat die innige Beziehung der aktiven Algolagnie (v. S c h r e n c k - Notzing) zur Nekrophilie in der gleichen Weise hervorgehoben.
120 in. Kapitel. Nervöse Prinzipien, Mitleid, Koketterie, Narzissismus usw.
linie diktiert sind, wie sexuelle Anästhesie und Per Versionen aller Art, unter denen sadistische, den Mann herabsetzende überwiegen. Bloch hat die Herrschaft der Koketten gut hervorgehoben, indem er sagt (Beiträge zur Ätiologie der Psychopathia sex. 1903): „Die Koketterie, welche man als die Bemühung der Weiber, die Männer an sich zu fesseln und unter ihre Herrschaft zu bringen, definieren kann, bedient sich denn auch vorzüglich rein sinnlicher Mittel, um ihre Zwecke zu erreichen und ist in dieser Hinsicht ein Ausfluss echt gynaiko- kratischer Instinkte". Wir können nur hinzufügen, dass diese;.gynaiko- kratischen Instinkte" nach dem Muster der Manngleichheit konstruiert sind, sich also von einem männlichen Persönlichkeitsideal abhängig erweisen, wenngleich durch einen Kunstgriff dabei weibliche Mittel als die einzig vorhandenen und wirksameren zur Anwendung ge- langen. Die Aufmerksamkeit und das Interesse dieser Nervösen, unter denen die männlichen koketten Neurotiker dadurch auffallen, dass sie nach Art von Frauen ihren männlich gewerteten Triumph durchsetzen wollen, ist in hochgradiger Weise darauf gerichtet, Eindruck zu machen, und die andern in ihren Dienst zu nehmen. Es hängt mit diesem Charakterzug zusammen, dass die neurotische Verstärkung dieser sekundären Leitlinie zur Selbstüberschätzung führt, damit auch zu verstärkten Zügen der Herrschsucht, des Stolzes und der Ent- wertung anderer. So darf uns dabei nicht wundernehmen, dass das Objekt des Begehrens in der Regel durch den Narzissismus (Naecke) des Patienten überwertet erscheint. Diese Überwertung ist vielmehr Vorbedingung in der Konstruktion der Beziehung, und in ihr spiegelt sich das Grössengefühl der Patienten1). In der psychotherapeutischen Be- handlung rufen insbesondere diese Fälle den Schein der „Verliebtheit in den Arzt" hervor. Es lässt sich aber unschwer entnehmen, dass diese „Liebesübertragung" nur einer der vielen Kampfbereitschaftsmög- lichkeiten entspricht, den Widerstand und damit die Überlegenheit des Mannes, des männlichen Arztes zu brechen. Und es ist nicht schwer, ihr Gefühl der Verkürztheit, das diese sonderbare, verwickelte Form des männlichen Protestes hervorruft, aus dem Gefühl ihrer Weiblichkeit ent- springen zu sehen, die sie in der Folge als eine Minderwertigkeit empfinden. In keinem Falle aber, w7ie weit auch die kokette Nervöse gehen mag, ist ihr Ziel mit der Unterwerfung unter den Mann zu vereinbaren. Bald früher, bald später auf diesem Wege droht dem Manne die Ent- wertung, und zwar immer dann, wenn der neurotischen Patientin die Situation „zu weiblich" wird. Auch dieser Moment kann verschiedent- lich angesetzt werden, in der Regel aber lösen eine intimere Berührung, ein Kuss, die Erwartung des Sexualverkehrs oder die Befürchtung einer Gravidität und Geburt die verstärkte Sicherungstendenz aus und erzeugen den Ausbruch dessen, was gemeiniglich als Neurose oder Psychose be- zeichnet wird. Dann kommt die stärkere Abstraktion von der Wirk- lichkeit zu ihrem Recht, die Fiktionen der Machtpolitik treten deutlicher hervor, die erforderte Entwertung des Mannes drängt zu Handlungen und Taten, die scheinbar jeden Sinn verloren haben, und die feindlichen Bereitschaften des gereizten Aggressionstriebes, mit ihnen die neurotischen Charakterzüge werden sichtbarer.
*) Der Glaube an den eigenen Zauber ist so gross, dass jeder Widerstand zu neuen Anstrengungen Anlass gibt. Siehe auch Adler:,,Das Problem der Homo- sexualität" 1 c III. Kapitel. Nervöse Prinzipien, Mitleid, Koketterie, Narzissismus usw. 121 Jeder Neurotiker hat etwas von dieser narzissistischen Koketterie; sie entstammt ja seiner hypostasierten Persönlich- keitsidee und gründet sich wie diese auf einem ursprünglichen Gefühl der Minderwertigkeit. Mit diesem Zuge steht in gutem Einklänge, dass sich jeder Neurotiker, insbesondere aber die eben behandelte Spielart so schwer von Personen oder Dingen trennen kann. Der Ab- schied eines scheinbar fernstehenden Menschen, geschweige eines schein- bar geliebten, kann die schwersten neurotischen Symptome hervorrufen, neuralgische Anfälle, Depression, Schlaflosigkeit, Weinkrämpfe usw. Andererseits sind Drohungen mit Verlassen oder Scheidung nicht selten und sollen Beweise des Einflusses erbringen.
Dass der männliche Protest in der neurotischen Koketterie herrscht, geht aus mehreren Erscheinungen hervor. Die starke Abneigung vor einer deutlich weiblichen Rolle wurde bereits hervorgehoben; sie kann in diesen Fällen ein auffälliges Bild, wie wir gezeigt haben, den Schein eines double vie, einer Spaltung des Bewussteins, einer Ambivalenz (Bleuler) hervorrufen. Immer ergeben sich in der Analyse gleichzeitig eine Anzahl weiterer Beweise für das Streben zur Manngleichheit. Träume, Phantasien, Halluzinationen, ausbrechende Psychosen zeigen in deutlicher Weise das Streben, ein Mann zu sein, oder eines der vielen Äquivalente wie Furcht vor einem weiblichen Schicksal. Die starke Entwertungstendenz gegenüber dem Manne stammt aus dem Ringen nach Gleichwertigkeit und drängt im Liebeserlebnis zur Fiktion einer männlichen Rolle, die sich in der Frigidität und in Situationen ausdrückt, die den Mann in eine sklavische, erniedrigende Position zwingen.
Oft rechnet man den Ausbruch der Neurose von solchen Momenten an, wo die Furcht vor einer Entscheidung, Prüfungsangst, Angst vor der Ehe, vor öffentlichem Auftreten, Platzangst eine ärztliche Be- handlung erfordern. Diese Angst entsteht beim Auftauchen eines Widerspruchs im männlichen Protest, wenn in der Verfolgung des Macht- zieles eine Herabsetzung, ein weibliches Schicksal, eine Niederlage und damit die Notwendigkeit eines Eingeständnisses der Unvollkommen- heit droht.
So war es bei einer meiner Patientinnen, die vor mehreren Jahren knapp vor ihrem ersten Auftreten an Klavierspielerkrampf er- krankte. Diese Neurose gab einen guten Vorwand ab, einer gefürchteten Niederlage zu entgehen. Die nähere Einsicht in die Bedingungen dieser Erkrankung ergab eine neurotische Illusion, in welcher Patientin durch den Anblick der Noten an männliche Genitalien erinnert wurde. Nichts läge näher als die Auffassung einer gesteigerten aber verdrängten Sexualität, deren Widerspiel in dem „Klavierspielerkrampf", einer „Ver- drängung von Masturbationsneigungen", zu suchen wäre. Das Ergebnis lautete durchaus anders. Der Triumph in der Öffentlichkeit sollte die Gleichberechtigung mit dem Manne bedeuten, die Manngleichheit. Diese Fiktion stand mit der Wirklichkeit, mit der Weiblichkeit in Wider- spruch, so dass ein öffentliches Auftreten, — sehr viele begabte Mädchen und Frauen scheitern aus dem gleichen Grunde, — einem endgültigen Abwägen der Tatsachen gleichkam. Letzteres Hess der vor die Tat- sachen gestellte Realitätssinn der Patientin nicht zu und arrangierte durch symbolische Auffassung der Notenköpfe und Striche ein fiktives 122 III. Kapitel. Nervöse Prinzipien, Mitleid, Koketterie, Narzissismus usw. ' Hindernis, das gleichzeitig an die eigene Weiblichkeit erinnerte und so zu einem Rückzugssignal wurde1).
Der Widerspruch im männlichen Protest dieser Patientin ergab sich, wie fast regelmässig in der Neurose, aus der Unrealisierbarkeit der Fiktion, gerade wenn vor der Entscheidung, — eine regelmässige, selbstverständliche Tatsache, — die Möglichkeit einer Niederlage auf- taucht. Nun wird der Charakterzug der Ängstlichkeit, der Schüch- ternheit, das Lampenfieber verstärkt, und sie bieten entweder selbst Vorwände oder gleichgerichtete Vorbereitungen und Bereitschaften. Durch Einfühlung und krampfhafte Haltung der Hände entstehen Schmerzen und Schwerbeweglichkeit wie in unserem Falle und lenken den Blick von der Bedrohung des männlichen Protestes ab.
Aber auch in diesem Falle muss man die Kraft der männlichen Leitlinie anstaunen, die noch aus der Flucht der Patientin in die Krank- heit eine männliche Kampfbereitschaft gestaltet. Dieses Mädchen hatte unter dem Druck der unnachgiebigen Mutter gegen den eigenen Willen die Virtuosenlaufbahn betreten. Das Scheitern der ehrgeizigen mütter- lichen Pläne bedeutete für die Tochter einen Sieg, der sie teilweise entschädigte. Was ihr Trotz, ihre männliche Auflehnung nicht zuwege brachte, gelang mit den Mitteln der Krankheit, sobald wie ein drohendes Memento Notenköpfe ihr zuriefen: du bist ein unfähiges Weib, gib acht, lasse dich von der Mutter nicht in eine fügsame Rolle bringen, — unter- wirf die Mutter! — Eine weitere Konstruktion, ein Vor wand, um die Operationsbasis gegen die Mutter zu gewinnen, lag in ihrem gesteigerten Gefühl der Zurückgesetztheit gegenüber einer älteren Schwester. Dieser Gedanken- gang, sowie ihr Ringen um den ausschliesslichen Besitz jeder Person, der Mutter, aller Familienglieder, aller Menschen in ihrer Umgebung, eines Hundes auch, spiegelt sich in dem verstärkten Zug ihrer Koketterie und kommt beispielsweise in einem ihrer letzten Träume dem Arzt gegen- über zu gutem Ausdruck. Der Traum lautet: „Ich sitze Ihnen gegenüber und frage, ob Sie andere Patienten auch so gerne haben wie mich. Sie antworten: ja, alle, und meine 4 Kinder auch. Auf einmal verwandeln sie sich in ein Weib und schlafen ein. Eine Frau gibt auf die schwarzen Noten acht."
Die Liebesbereitschaft dieser Patientin verträgt keinen Neben- buhler. Sie braucht die Gewissheit ihres Sieges, um ihre Überlegenheit zu fühlen. Ich, der Arzt, der ihr zu verstehen gibt, dass er mit gleichem Interesse alle Patienten behandelt, der zudem seine Kinder liebt, wird dadurch zum Angriffspunkt ihrer Herrschsucht wie früher die Mutter, ihr Mann, den sie kürzlich geheiratet hat, wie alle Personen ihrer Um- gebung, Dienstboten, Geschäftsleute, Lieferanten, Lehrer usw. Ihr egozentrisches Wesen braucht nicht zu „übertragen", da sie nur fertige, starre Bereitschaften in die Behandlung mitbringt und diese vom ersten Augenblick der Begegnung mit dem Arzte spielen lässt. Nur dass die neue Situation Erschwerungen und Hindernisse bringt, unter denen der Wille zur Beherrschung durch Liebe nicht voll zur Entfaltung kommt. Verständlicher Weise fehlt meine Frau im Traume. Gerade diese Aus- ]) Ähnlich ergeben sexuelle Übererregbarkeiten, die sich an unausweisliche Situationen wie Tramwayfahrten, Gesellschaft, Theater usw. knüpfen, geeignete Wegweiser zum Rückzug aus der Gesellschaft. Die verstärkte Einfühlung in die rettende Fiktion ergibt dann die „realen" Symptome III. Kapitel. Nervöse Prinzipien, Mitleid, Koketterie, Narzissismus usw. 123 lassung ist der Angelpunkt der Situation: meine Frau ist endgültig be- seitigt. Bis hierher reichen die weiblichen Mittel und charakterisieren die weibliche Linie, auf der sich die Patientin hält. Nun reckt sich deutlich der männliche Protest. Ich werde entmannt, die sichernde Illusion der Patientin, Noten als schützendes Symbol der männlichen Genitalien, tritt in ihre Rechte, sie selbst „gibt acht", sichert sich, um in ihrem männlichen Persönlichkeitsgefühl nicht zu sinken, keine Nieder- lage zu erleiden.
Dass ich im Traume einschlafe, weist mir eine ähnliche Stellung an, wie sie ihr Mann einnimmt. Patientin empfindet es als stärkste Herabsetzung, dass ihr Mann, ein stark überarbeiteter Fabrikant, häufig früher einschläft als sie selbst. Die Entmannung des Mannes ist die Antwort darauf, ebenso eine langwierige Schlaflosigkeit, deren konstruktive Bedeutung darin liegt, dass sie der Patientin gestattet, gegen den Mann zu operieren. Nun kann sie ihm sein Mannesrecht verweigern und verweist ihn, anfangs mitten in der Nacht, später dauernd aus dem Schlafzimmer. Denn er „ schnarcht, und stört sie so am Einschlafen". Unsere Patientin fände leicht ein anderes Argument, falls sich dieses nicht böte, und es wäre ein arger Fehler, etwa eine neurotische Konstruktion auszuschliessen, weil das Recht auf Seiten des Nervösen liegt. Um recht zu behalten, wird der Patient in der Regel treffend argumentieren; das neurotische Stigma liegt vielmehr in der Tendenz, seine Überlegenheit mit allen Mitteln ersichtlich zu machen. Der Querulantenwahn z. B. zeigt uns diesen Mechanismus mit noch grösserer Deutlichkeit. — Die Neurose unserer Patientin baut übrigens sichernd weiter fort. An ihre Schlaflosigkeit knüpft sich, um diese zu festigen, eine G ehörsüberempfindlichkeit. Deren Mechanismus besteht in einer tendenziösen Aufmerksamkeitsüber- ladung der Hörfunktion, so dass wir auch sagen könnten: damit Patientin, sobald sie einschläft, durch die geringsten Geräusche geweckt wird. So kann sie, des Morgens noch wach, in den Tag hineinschlafen und sich den weiblichen Aufgaben der Haushaltung entziehen, ähnlich wie sie sich durch Lampenfieber und Fingerkrampf der Herrschaft der Mutter entzogen hat1).
Dieser und ähnliche Fälle konnten mich auch belehren, wie die Suggestibilität im Dienste der Sicherungstendenz steht, sei es, damit sich der Patient im Kleinen die Überzeugung seiner Schwäche holt, um im entscheidenden Punkte wehrhaft zu sein, sei es, dass er mit überraschender Schmiegsamkeit sich einfügt, um den andern zu erobern2). Die geradlinigeren Versuche seiner Herschsucht kon- trastieren dann so gewaltig, dass bei oberflächlicher Betrachtung die Auffassung einer Bewusstseinsspaltung nahe genug liegt. Ebenso wird ihn die Eitelkeit, der Stolz, die Selbstbewunderung in manchen Fällen zum gleichen Ziele leiten, wie er zuweilen, nach Art eines Kunstgriffes sich bescheiden, einfach und nachlässig im Wesen und in der Kleidung geberdet. Zumeist wird der Spiegel, das Äussere und die körperliche Haltung mit grosser Aufmerksamkeit bedacht sein. Häufig findet man narzistische Züge, deren wesentliche konstruk- ') „Über Schlaflosigkeit", in „Praxis und Theorie der Individualpsychologie" 1. c.
2) Letzterer Mechanismus erweist sich auch als die Grundlage der passiven Homosexualität und beide Einstellungen können sich als die Struktur des Maso- chismus (daher besser: Pseudomasochismus) herausstellen.
124 III. Kapitel. Nervöse Prinzipien, Mitleid, Koketterie, Narzissismus usw.