SigPhi · Alfred Adler

Über den nervösen Charakter

German

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Der Patientin gelang dies nur schwer, obwohl es ganz deutlich ist, dass sie, um nur genug stark aufzutragen, ihre Flucht aus der Weib- lichkeit mit der Furcht vor dem Tode motiviert Ji. Der Zusammenhang J) Man beachte, wie der Traum seine Argumente tendenziös „aus der Luft greift."

VIII. Kapitel. Furcht vor dem Partner, Das Ideal in der Neurose usw. 187 von Sexualität und Tod kommt in der Philosophie und Dichtung häufig zur Sprache. Die Analysen Nervöser weisen oft diesen Zusammenhang im Sinne eines affektverstärkenden „Junktims" auf.

Als Sinn des Traumes ergibt sich die nun gegen den Arzt gerichtete, aus den Phantasien der Patientin zu verstehende Bereitschaft: Es wäre verrückt, sich einem Manne unterzuordnen, — gleichbedeutend mit tot. Sie hat sich nach ihrer Wertung aber bereits untergeordnet, dadurch, dass sie seit der Behandlung schläft. Dieser Traum revoltiert also gegen den Schlaf, und ihre herabsetzende Bemerkung, sie möchte jetzt Tag und Nacht schlafen, also wieder der ihre weibliche Rolle heischenden Gemeinschaft entfliehen, ist von der gleichen Tendenz getragen. Damit entpuppte sich die neurotische Bereitschaftsstellung dieser Patientin gegenüber der Möglichkeit, dass ein Mann auf sie Einfluss gewinnen könnte, und es erweist sich, dass die Patientin so handelte und träumte, als ob sie um ihr Leitziel wüsste1).

Diese prinzipielle Bereitschaft, ihre Entwertungstendenz, ihre Lüsternheit nach Siegen über die Männer und ihre neurotische Siche- rungstendenz, die mit den Schrecken des Todes und des Wahnsinns im Hintergrund droht, hatten auch durch Verstärkung zum Zweck erhöhter Sicherung die Entwickelung der Neurose verannlast. Die Patientin wird durch die gewaltsame Hemmung ihrer Frauenrolle lebensunfähig. — Die neurotische Apperzeptionsweise, die ein Junktim zwischen Liebe und Wahnsinn und Tod hervorzaubert, hat etwas vom Goldklang der Poesie. Wie fest sie in den Gedanken der Patientin sitzt, geht aus ihrer anfänglichen Erzählung hervor: der junge Mann war wie „verrückt" über sie hergefallen.

Oft findet man in der Vorgeschichte von männlichen Nervösen, dass sie unter dem Einfluss einer starken Frau, Mutter, Erzieherin, Schwester gestanden sind, die also trotz ihrer weiblichen Rolle oder neben dieser eine männliche spielten, „oben" waren, und denen die Umgebung die Anerkennung, bisweilen die Missbilligung nicht versagte, in dem Hinweis, sie wären eigentlich Männer. Auch dieser Umstand trägt manchmal zur Verstärkung der Unsicherheit des disponierten Knaben bei, der durch das Verstehen der Sexualunterschiede zur Über- zeugung seiner Männlichkeit zu kommen sucht. Solche Kinder sind schon mit der Mutter „nicht fertig geworden". Ein Spezialfall der Sicherung durch Wissen, die sexuelle Neugierde, drängt sie dazu, ihre geschlechtliche Überlegenheit immer wieder durch den Augenschein zu bestätigen, ein Bedürfnis, das um so näher an die männliche Leitlinie gerückt ist, als es gleichzeitig aus der Vorbereitung für die Zukunft geschöpft ist, sicheres Wissen und ausgiebige Kenntnis des weiblichen Körpers zu erwerben. Die neurotische Unsicherheit haftet als Vorwand und Begründung der Furcht vor der Frau oft bis über die Ehe hinaus dem Nervösen an, so dass man oft äussern hört, der weibliche Körper, der Zustand der Virginität, die Legitimität der Kinder, die Vaterschaft seien wie die ganze Frau rätselhaft. Zuweilen gesellt sich zur Befriedi- gung über den Anblick des weiblichen Körpers bei disponierten Kindern das unheimliche Gefühl einer Gefahr, als ob dem Knaben unklare.Ge- danken aufstiegen, dass sein ferneres Leben, sein Sieg und seine Niederlage *) Richard Wagners geniale Intuition im Gesang der Erda: „Mein Schlaf ist Träumen, mein Träumen Sinnen, mein Sinnen Walten" des Wissens".

188 VIII. Kapitel. Furcht vor dem Partner, Das Ideal in der Neurose usw.

davon abhingen, wie er mit der Sexualfrage fertig würde. Dabei bringt es die Natur der Dinge oft mit sich, dass für das Kind die Be- sichtigung nur in einer Stellung möglich wird, wenn die Frau sich ober- halb des Knaben befindet. Auch dieser kleine Umstand findet sich, wie ich wiederholt gezeigt habe, als bildliche Darstellung der weiblichen Überlegenheit in den Phantasien der vor dem /Weib erschreckten Ner- vösen. Ganghofer und Stendhal berichten gleichermassen in ihrer Kindheitsgeschichte von diesem schreckenden Erlebnis, das dauernde Spuren zurückgelassen haben soll. Der Schrecken war vielmehr schon Sicherung des verletzten männlichen Prestiges, und die erregende Szene blieb ein bildlich zu verstehendes Memento für die Vorsicht gegenüber der Macht der Frau.

Oft greift an diesem Punkte, wo die Überlegenheit der Frau sich drohend darstellt, die Entwertungstendenz ein und führt zum Ver- gleich männlicher und weiblicher Vorzüge und Mängel. Die bildlich -abstrakte Darstellung der Inferiorität der Frau greift gerne in Träumen und Phantasien, im Witz und in der Wissenschaft zum Ausdrucksmittel verloren gegangener Glieder oder vermehrter Höhlungen. Einer meiner Patienten, der an Vertigo litt, träumte, als ihm einst seine Frau eine heftige Szene machte, folgenden Traum, der die Herab- setzung der ihm überlegenen Frau summarisch und prinzipiell be- bewerkstelligt: „Es tauchte das Bild eines Birkenstammes auf. An einer Stelle befand sich ein Astauge mit rundlicher Verschwellung. Es war dort ein Ast abgefallen, und ich hatte die Empfindung, als ob das ein weib- liches Genitale wäre".

Ahnliche Träume haben ich und andere schon berichtet. Mir aber ergab sich als der Sinn solcher Träume die bildlich zu verstehende Frage nach dem Geschlechtsunterschied, die in kindlicher Weise dahin beant- wortet wird, das Mädchen ist ein Knabe, dem die Männlichkeit verloren gegangen war. Der obige Traum fügt sich in die psychische Situation des Träumers ein, indem er den Sinn ergibt, ich bin ein Mann, dem die Männlichkeit abhanden kam, der schwach und krank ist, der in Ge- fahr ist, nach unten zu kommen, zu fallen. Jetzt hat er die Operations- basis, er sieht sich verkürzt und holt Atem, um wieder das Über- gewicht zu bekommen. Nun setzen im wachen Zustande als männ- licher Protest Herrschsucht, Zornausbrüche und Akte der Untreue ein. Im Traum war also nur der Ausgangspunkt, das Gefühl der Weiblichkeit, zur Darstellung gekommen.

Ich will dabei erwähnen, dass man von Nervösen sehr oft hört, dass sich in Momenten persönlicher Gefahr, oder wenn ihnen eine Nieder- lage droht, eine Verkürzung und Zusammenziehung des Genitales bemerkbar macht, zuweilen auch ein schmerzliches Gefühl, das mit ungeheuerer Kraft auf eine Beendigung dieser Situation drängt1).

J) Zuweilen reicht dieses „Druckgefühl" bis zum Abdomen, in die Brust- und Herzgegend oder tritt ausschliesslich an diesen Stellen auf. Zuweilen folgen Pollutionen oder Erektionen als reaktives Symbol des männlichen Endzweckes. Der häufige Genitaltypus reagiert leichter als andere auf Furcht und Schrecken mit Genitalerregungen, wie der Blasentypus mit Erregungen der Blase, der Darmtypus mit solchen des Verdauungstraktes. Ausgeprägte Genitaltypen können schliesslich in jeder Erregung einen sexuellen Beiklang spüren, so dass ihnen leicht die „sexuelle Grundlage" zu einem Dogma wird.

VIII. Kapitel. Furcht vor dem Partner, Das Ideal in der Neurose usw. 189 Am häufigsten findet sich diese Erscheinung bei der Höhenangst, bei der Furcht zu fallen. Die Verkürzung des Genitales im Bade ruft bei Nervösen fast regelmässig eine Reaktion in der Richtung einer Ver- stimmung, zuweilen mit Kopfdruck nach sich.

Dass die Homosexualität als Neigung und als Handlung der Furcht vor dem gegengeschlechtlichen Partner entspringt, wurde bereits hervorgehoben. Dazu soll noch kurz erwähnt werden, wie die Wert- schätzung des gleichgeschlechtlichen Partners den invertierten Nervösen im Werte mitsteigen lässt. In der Neurose findet man die Homosexualität, auch wenn sie ausgeübt wird, immer nur als Symbol, durch welches die eigene Überlegenheit ausser Frage gestellt werden soll. Dieser Mechanismus ist dem des religiösen Wahnes ähnlich, bei dem auch die Gottesnähe eine Erhebung bedeutet.

Eine der Formen, in die sich die Furcht vor der Frau besonders gerne verkleidet, stellt die Syphilidophobie dar. Der Gedanken- gang solcher Phobiker (Adler, Syphilidophobie, in „ Theorie und Praxis" 1. c.) ist gewöhnlich folgender: sie fürchten aus irgendwelchen Minder- wertigkeitsgefühlen, für die sie allerlei Gründe parat haben, zu- weilen auch ohne bewusste Motivierung, dass sie der Frau gegenüber keine herrschende Rolle spielen werden. Dabei kommen sie auf dem Wege fortschreitender Entwertung der Frau zu misstrauischen Gedanken- gängen, durch welche sie sich vor Liebesbeziehungen sichern. Bald ist die Frau ein Rätsel, bald ein verbrecherisches Wesen, stets auf Putz und Ausgaben bedacht und sexuell nie zu befriedigen. Immer drängen sich Vermutungen ein, das Mädchen wolle nur die Versorgung, habe es darauf angelegt, den Mann zu kapern, sei listig und verschlagen und stets zum Bösen gewandt. Diese Gedankengänge sind universell und finden sich zu allen Zeiten. Sie tauchen in den erhabensten und niedrigsten Kunstschöpfungen auf, treiben im Sinnen und Trachten der Weisesten und Toren ihr Spiel und schaffen beim Manne wie bei der Gesellschaft eine stete Bereitschaft, die misstrauische und vorsichtige Züge entwickelt, um immer in Fühlung mit dem Feind zu bleiben und seine tückischen Angriffe rechtzeitig abzuwehren. Man irrt, wenn man meint, dass nur der Mann Misstrauen gegen den geschlechtlichen Partner hegt. Die gleichen Züge finden sich bei der Frau, oft weniger deutlich, wenn Fiktionen von der eigenen Stärke dem Zweifel an der eigenen Wertig- keit steuern, aber um so heftiger auflodernd, wenn das Gefühl der Herabsetzung übermächtig wird. In dieser Haltung zeigt sich der Mangel des Zusammengehörigkeitsgefühls, der Verwachsenheit mit den Menschen besonders häufig.

In den Disputationen frommer Gelehrter des Mittelalters tauchten Fragen auf, ob das Weib eine Seele habe, ob es überhaupt ein Mensch sei, und die allgemeine Ergriffenheit von dem gleichen Gedanken loderte empor in den wahnsinnigen Hexenverbrennungen der darauffolgenden Jahrhunderte, bei denen sich Regierung, Kirche und das verblendete Volk die Hände boten. Diese gehässigen, wie auch die liebenswürdigeren Entwertungen der Frau, die sich in christlichen, jüdischen und moham- medanischen Religionsgebräuchen und Formeln wiederfinden, brechen un- widerstehlich aus der Seele des fürchtenden, unsicheren Mannes hervor und erfüllen die Gedankenwelt des Neurotikers so vollständig, dass man die Entwertungstendenz des Partners als hervorspringendsten Charakterzug in der neurotischen Psyche wiederfindet. Nun sind die 190 VIII. Kapitel. Furcht vor dem Partner, Das Ideal in der Neurose usw.

vorgeschobenen Posten zur Sicherung des machtheischenden Persönlich- keitsgefühls festgelegt, und das eigenartige Spiel der neurotischen Charakter- züge beginnt. Fortwährendes Prüfen, Abtasten, Unterwerfenwollen, eine Sucht, Fehler zu finden und den Partner herabzuwürdigen setzen nun ein, immer begünstigt durch die einseitig gerichtete Aufmerksamkeit und das tendenziöse Interesse, mif dem Feind in Fühlung zu bleiben, einer Überrumpelung vorzubeugen. Solange diese Entwertungstendenz mit ihren peripheren Ausläufern, Misstrauen, Furcht, Eifersucht, Negativismus, Herrschsucht besteht, kann von einer Heilung der Neurose nicht die Rede sein. Grosse, vielfach anerkannte Leistungen der Kunst und Literatur danken dieser Tendenz, wie wir gesehen haben, ihren Ursprung. Von der „Lysistrata" zu den „Kreuzel- schreibern" führt die gleiche Linie wie von der Gorgo Medusa zu der Syphilisfratze, die vor Lenaus oder Ganghofers Augen auf- stieg. Die Leitlinie, die in Tolstois Kreuzersonate den Grundton angibt und die Herabsetzung der Frau anstrebt, war schon in den Knaben- jahren sichtbar, als er seine künftige Braut aus dem Fenster stiess, war im Alter noch kräftig, als er aus dem Hause flüchtete und in die Ferne sterben ging. Zur Syphilidophobie wird diese alte Leitlinie durch Formenwandel, die im Mythus vom Giftmädchen1) im Altertum, im Mittelalter und im Beginn der Neuzeit in der Furcht vor Hexen, Dämonen, Vampyren und Nixen sich gestaltete. Poggio erzählte von einem Kleriker, der ein Mädchen vergewaltigte. Das Mädchen ver- wandelte sich in den Teufel und verschwand mit Gestank.

Alle diese Gedankengänge, wie sie ähnlich im Traum und in der Psyche des Neurotikers wiederkehren, zeigen den vorbauenden, in seiner Männlichkeit unsicheren Mann, der sich ebenso durch Aufstellung von Schreckgespenstern vor dem wirklichen Leben zu sichern trachtet, als er sich durch die Verehrung eines unerreichbaren Ideals vor diesem selben Leben zurückzieht.

Die häufig scherzhafte Note in solcher Haltung zu den Frauen ist durchaus bedeutungslos in Hinsicht auf unsere Auffassung. Sie zeigt vielmehr den Versuch, sich keiner Übertreibung schuldig zu machen, das Dekorum zu wahren und sich vor Lächerlichkeit durch die Geste des Witzes zu sichern. Ähnlich bei Gogol, dessen starke Sicherungs- tendenzen im feinsten Geäder seiner Dichtungen fühlbar werden. Im „Jahrmarkt von Sorotschinsk" lässt er eine Person reden: „Himmel Herr- gott, warum bestrafst du uns arme Sünder so? Es gibt doch schon so- viel Unrat, musstest du auch noch die Weiber in die Welt setzen?" In den „Toten Seelen" dieses grossen Dichters, der zeitlebens neurotisch war, an Zwangsmasturbation gelitten hat und im Irrenhaus starb, lässt er seinen Helden beim Anblick eines jungen Mädchens überlegen: „Ein herrliches Weibchen! Was aber das Beste an ihr ist, — das Beste an ihr ist, dass sie soeben aus einem Institut oder Pensionat entlassen zu sein scheint, und dass sie noch nichts spezifisch Weibliches an sich hat, nichts von jenen Zügen, die das ganze Geschlecht verun- zieren. Jetzt ist sie noch das reine Kind, alles an ihr ist schlicht und einfach; sie spricht wie ihr ums Herz ist und lacht, wenn ihr darnach zumute ist. Es lässt sich alles aus ihr machen; sie kann ein herrliches J) Wilhem Hertz, Die Sage vom Giftmädchen. Abh. d. bayer. Akademie d. Wissenschaften 1897.

VIII. Kapitel. Furcht vor dem Partner, Das Ideal in der Neurose usw. 191 Geschöpf, aber ebensogut auch ein verkrüppeltes Wesen werden, — und so wird es wohl auch kommen, wenn sich erst die Tanten und Mamas an ihre Erziehung machen. Die werden sie in einem Jahre mit ihrem Weiberkram vollpfropfen, dass ihr eigener Vater sie nicht wiedererkennen wird. Sie wird ein aufgeblasenes und affektiertes Wesen annehmen, wird sich nach auswendig gelernten Regeln drehen, wenden und kniksen, sich den Kopf darüber zerbrechen, was sie, mit wem sie und wieviel sie sprechen, wie sie ihren Kavalier anblicken muss usw., wird fortwährend in der grössten Angst schweben, ob sie nur kein überflüssiges Wort gesagt hat, schliesslich gar nicht mehr wissen, was sie zu tun hat, und wie eine grosse Lüge durchs Leben wandeln. Pfui Teufel! — übrigens wüsste ich gern, wie sie eigentlich ist!"

IX. Kapitel.

Selbstvorwürfe, Selbstquälerei, Bussfertigkeit und Askese. — Flagellation. — Neurosen bei Kindern. — Selbstmord und Selbstmordideen.

Unter den Formen des neurotischen Gebarens zwecks Sicherung der männlichen Fiktion treten in auffälliger Stärke die Regungen der Selbstverwünschung, der Selbstvorwürfe, der Selbstquälerei und des Selbstmordes hervor. Unser Befremden darüber wrird freilich abgeschwächt, sobald wir sehen, dass das ganze Arrangement der Neurose diesem Zuge der Selbstquälerei folgt, dass die Neurose ein selbstquälerischer Kunstgriff ist, der bezweckt, das Persönlichkeitsgefühl zu heben und die nähere Umgebung zu drücken. Und in der Tat stammen die ersten Regungen des gegen die eigene Person gerichteten Aggressionstriebes1) beim Kinde aus einer Situation, in der das Kind durch Krankheit, Tod, Schande und allerlei konstruierte Mängel den Eltern Schmerz bereiten oder sich besser in Erinnerung bringen will. Dieser Zug charakterisiert schon das disponierte Kind, welches aus den Erinnerungen seiner Organminderwertigkeitserscheinungen und aus deren Bedeutung für die Hebung seines Persönlichkeitsgefühls, für die Steigerung der elterlichen Zärtlichkeit und des Interesses Bereitschaften gebildet hat. Die entwickelte Neurose baut letztere aus und leitet ihre Aktivierung durch die Verstärkung der Fiktion ein, sobald es die wachsende Unsicherheit gebietet. Es ist bekannt, wie starke Aggravationen dabei mitspielen, der halluzinatorische Charakter, die anti- zipatorische Kraft, die Einfühlung des Nervösen hilft mit, und die Situation des Anfalls uud der Gesundheitsstörung mit ihrem Übergewicht über die Umgebung ist gegeben. So paradox es auf den ersten Blick erscheint, der Nervöse ist erst ruhig, wenn er seinen Anfall hinter sich hat. Janet hat schon auf diese Tatsache hingewiesen. Ich kann als Grund nur hin- zufügen, weil er dann durch die Krankheitslegitimation die Sicherung seiner Überlegenheit, wenn auch nur auf kurze Zeit, gewonnen hat.

Der Charakterzug, alle anderen übertreffen zu wollen, mischt sich auch in das Gefühl, dem der Nervöse regelmässig Ausdruck verleiht: als ob er an Schmerzen, an Heldentum alle überträfe. Diese Überzeugung aber braucht er, weil sie ihm die Operationsbasis abgeben muss, um sich den anderen gegenüber zu fühlen, um Forderungen abzulehnen, einer Entschei- dung auszuweichen oder um anzugreifen. So kommt es auch, dass Anfälle, Schmerzen oder eine Krankheit herbeigewünscht werden, wenn es die Situation fordert; zuweilen steht auch der Wunsch oder Gedanke oder die Furcht statt des Anfalles, wenn sie als Erinnerung Adler, Der Assrressionstrieb, in „Heilen und Bilden" IX. Kapitel. Selbstvorwürfe, Selbstquälerei, Bussfertigkeit u. Askese usw. 193 schon die Umgebung schrecken. Für die Eigenpsyche des Patienten genügt es zuweilen, wie mir eine Patientin sagte, wenn eine Phantasie gebildet wird, wie es auch oft im Traum geschieht, nach welcher der Nervöse durch die Handlungen eines anderen Schmerzen erleidet. Dies erzeugt die Empfindung der Unterdrückung oder Misshandlung, weckt die Sicherungstendenz und leitet den männlichen Protest ein. Gleichzeitig genügt dieser Zug der neurotischen, grenzenlosen Eitelkeit. Die ganze Welt, die Menschen, das Gewitter, alle Unglücksfälle, alle Männer, alle Frauen haben nur die einzige Tendenz, den Pati- enten zu bedrohen. Hier sieht man die Linie, die deutlicher im paranoischen Zustandsbild hervortritt.

Über die Bedeutung der Schuldgefühle, des Gewissens und der Selbstvorwürfe als einer Konstruktion sichernder Fiktionen und frucht- loser, zeitraubender Präokkupationen wurde bereits gesprochen. Nicht selten findet man in der Psychologie der Masturbation beigemengte Züge von Busse oder einer Schädigungsabsicht, diese gleich einer trotzigen Revolte gegen die Eltern oder gegen das Leben gerichtet, jene als billigen Vorwand oder scheinheiligen Akt einer Erotik des Einzelgängers.

Durch Busse einen anderen zu schädigen ist einer der feinsten Kunstgriffe des Nervösen, wenn er sich z. B. in Selbst- verwünschungen ergeht. Suizidideen lassen den gleichen Me- chanismus erkennen, was ganz deutlich bei gemeinsamen Selbst- morden hervortritt, Auch in der Melancholie finden sich verwandte Züge. — Als einer meiner Patienten wegen Impotenz von einem Arzte Kühlsonden bekam, hatte er den Wunsch: „der Arzt soll mich verletzen".

Als er vor 2 Jahren grosse geschäftliche Verluste hatte, wollte er einen Selbstmord begehen, obwohl er noch immer ein reicher Mann blieb.

Die Triebfeder dieser Verwünschungen (s. Shylok) ist der neuro- tische Geiz. Die Analyse ergibt eine vollkommene Erklärung.

Um sich vor Ausgaben für Mädchen zu sichern, ver- wünscht er sich auch, wenn er ärztliche Kosten zu tragen hat. Dies sicherlich von einem halbbewussten Gefühl be- gleitet, dass seine Wünsche nicht unbedingt in Erfüllung zu gehen brauchen. Insbesondere verflucht er seinen Leichtsinn, — denn dies ist der Sinn seiner Selbstvorwürfe und Verwünschungen, — wenn er grössere Zahlungen geleistet hat oder leisten soll. Dann wird ihm jede kleine Ausgabe zur Qual, damit er sich vor Ausgaben in einer Ehe sichert. Angstanfälle vor Einkäufen sind häufig.

Er fürchtete den Zauber der Sexualität. Sogar die Schwester könnte er, wie er mit böser Absicht und Übertreibung hervorhebt, ins Unglück stürzen. Oder die Tochter seiner Schwester, die beide bei ihm wohnen. Gleichzeitig musste er wohl die Bedeutung seiner Selbstver- wünschung recht gering veranschlagen, vielleicht sogar das Gegenteil erwarten; dies geht aus der Unsumme seiner Sicherungsmassnahmen hervor, unter denen die Selbstverwünschungen nur eine kleine Rolle spielten. Weit mehr sicherte er sich durch das Arrangement der Impotenz.

Selbstverkleinerung und Selbstquälerei konstruiert der Patient ähnlich wie Hypochondrie, — um sich das Gefühl der eigenen Minder- wertigkeit vor Augen zu halten, sich für zu schwach, zu klein, unwürdig Ailler, Nervöser Charakter. 3. Aufl. ]3 194 IX. Kapitel. Selbstvorwürfe, Selbstquälerei, Bussfertigkeit u. Askese usw.

zu^euipfinden. Sie treten als Abhaltungen auf, und stehen derart fast an Stelle des Zweifels, der immer die Stelle eines deutlichen Nein vertritt. Nervöse Mädchen, die sich vor dem Manne fürchten, eine weib- liche Rolle nicht spielen wollen, grübeln fortwährend über ihre Behaarung, über Muttermäler nach und befürchten, ihre Kinder könnten einmal ebenso missgestaltet sein. Oit waren sie unschöne Kinder oder haben gegenüber einem bevorzugten Bruder als Mädchen häutig Zurücksetzungen erfahren. Bei einer Patientin mit Zwangsneurose entpuppte sich ihr Zwangsdenken an das Grösserwerden der Hautporen als deutlicher Wink gegen eine Entscheidung für die Frauenrolle und als Präokku- pation.

Eine andere Form der Selbstquälerei stellt sich als Tendenz zur Bussfertigkeit dar. Man kann sie schlicht als Sicherungstendenz erkennen, wenn man versteht, dass diese Patienten ebensowenig wie jene mit den verwandten Empfindungen der Reue an dem Vergangenen etwas ändern oder bessern wollen, ihre tiefere Absicht ist wie die der Zwangsneurose: Zeitvertrödelung, Privilegien und — Befriedigung der Eitelkeit. „Edel, fromm bin ich auch!" So fand sich unter anderem bei einer Patientin Depression und tätige Bussfertigkeit, so oft sie ein starkes Glucksgeluhl hatte und sich allen andern überlegen glaubte. Ihre Büsserstiminung zeigte ihr den Vorrang an, den sie vor anderen genoss. Einer meiner Patienten erlitt in jeder be- haglichen Situation eine herbe Verstimmung durch die Vision eines langst verstorbenen Freundes. Es erwies sich, dass dieser in einer Zeit der Rivalität mit meinem Patienten elend zugrunde gegangen war. Mein Patient war Sieger geblieben.. Das Bild des verstorbenen Freundes (Bankos Geist!) und die anknüpfende Depression zeigten sicn als gleichwertig einer Genugtuung über den Sieg. Letztere hatte nur eine dem Gemeinschaftsgefühl genehmere Form angenommen. In der Literatur wird em ähnlicher Vorgang fälschlich als „Verdrängung" an- gesprochen, offenbar weil der Patient sich anders auszudrücken beliebt als dem Psychologen genehm ist. Em tieferes Verständnis ergibt sich auch dann noch nicht, wenn man in einer wissenschaftlich scheinenden Bestrebung die Redensart von verdrängter „libidou einsetzt. Erst die künstlerische Einfühlung in die Haltung des „Patienten" zu seinen Lebens- aufgaben Jässt erkennen, dass er sich, bewusst oder unbewusst, wohl anders ausdrückt als andere, aber doch so, dass sein Persönlich- keitsgeiühl (man kann auch Ichgefühl sagen), steigt, wenn auch unter namhaften Kosten. Die Frage nach dem ü runde der teilweisen Un be- wusst hei t erklärt sich einerseits aus der Rivalität der kritischen In- stanzen des Gemeinschaftsgefühls. Abgesehen von der Psychose ist es ein schweres Stück sich als den Glücklichsten, Bedeutendsten, Ersten aufzu- spielen. Andererseits muss ich aber duch bemerken, dass, obwohl jeder etwas von dieser Don Quijoterie in sich trägt, sie auch den spitzfindig- sten Analytikern unbekannt geblieben ist, also auch bei ihnen im Ln- bewussten liegt. Fälle von Platzangst zeigen ebenso wie solche von Waschzwang, Angstneurose usw., wie sich die Angst oder der Zwang als Ausdrucksmittel, als Beweis der Einzigartigkeit durchsetzt. n Wie kann man ein solches Juwel, wie ich es bin, solchen Ge- iahren, Schwierigkeiten aussetzen?"

Das Symptom der Bussfertigkeit zielt klar auf die Zukunft, und dies ebensowohl, wenn es sich als persönliche Regung in individueller IX. Kapitel. Selbstvorwürfe, Selbstquälerei, Bussfertigkeit u. Askese usw. 195 Form und Handlung, als wenn es sich gesellschaftlich in religiösen Ver- richtungen kundgibt. Wie bei allen Sicherungstendenzen ist auch durch sie keineswegs ausgeschlossen, dass neuerlich schlechte Handlungen und Gedanken zutage treten, sie soll vielmehr als einschränkende Warnung wirksam werden und als tiefmnerlicher Beweis für die wertvolle Gesinnung des Handelnden. Nicht zuletzt liegt der Antrieb zur Bussfertigkeit in diesem Sichaufsichselbst besinnen und in der Hervor- hebung innerer Werte, wobei immer der Gegensatz zu anderen gedacht ist, so sehr, dass zuweilen die Bussfertigkeit und Reue eine stark gegen- sätzliche, trotzige, eitle, kämpferische, feindselige Note aufweisen. Der epidemische Charakter von Bussübungen insbesondere entbehrt fast nie dieses auffälligen Prunkens, man überbietet sich im Schreien, Weinen, in Selbstquälereien und in der Zerknirschung.

Die Möglichkeit also, sich durch büsserische Veranstaltungen wie Fasten und Beten, in Sack und Asche zu gehen usw., ein Gefühl der Überlegenheit zu sichern, wird leicht einen Anreiz für schwächere Seelen abgeben, sobald sie geneigt sind, fromm und gut, religiös und erhaben zu identifizieren. Und die Askese wird zur Erhebung führen, wenn sie als Triumph, in meinem Sinne als männlicher Protest empfunden wird. Dass es dabei nur auf die willkürliche Wertung ankommt, bei der häutig der Gegensatz zu sonst überlegenen Personen als Ausgangspunkt ge- nommen wird, zeigt sich auch beim Widerpart des Gottesfürchtigen, beim Atheisten, streitbaren Freigeist und Bilderstürmer, die in gleicher Weise ihre Überlegenheit zu dokumentieren suchen. In diesem Sinne ist die Äusserung Lichtenbergs zu verstehen, dort wo er anmerkt, wie selten die Leute seien, die nach den Satzungen ihrer Religion leben, und wie häufig, die für ihre Religion streiten und kämpfen. Der Um- schlag vom stürmischen Freigeist zum Orthodoxen ist nicht selten, ebenso von der Sinnenlust zur Askese. Beide sind nicht so weit von einander entfernt als man glaubt. Pascal: „an Gott zweifeln heisst an Gott glauben!"