sich vorsichtiger zu machen, und um nach Art eines Beispiels wie im Traume Argumente an die Hand zu bekommen, dass er die Hauptschlacht nicht wagen dürfe, dass er den Kampfplatz verlegen müsse. Wieviel er dabei arrangiert, übertreibt und entwertet, — was ihm durch eine gewisse Willkür ermöglicht wird, — wie er dabei falsch gruppiert und auf die Durchsetzung seiner Fiktion hinarbeitet, erfordert eine gesonderte Darstellung, wie ich sie im speziellen Teil und in der „Praxis und Theorie der Individualpsychologie" 1. c. geliefert habe. Dass aber in dem männlichen Protest des Neurotikers der ältere kompensierende Wille zur Macht steckt, der sogar die Empfindungen umwertet und Lust zur Unlust machen kann, geht aus den nicht seltenen Fällen hervor, wo der geradlinige Versuch, sich männlich zu geberden, auf grosse Widerstände stösst und sich eines Umweges bedient: die Rolle des Weibes wird höher gewertet, passive Züge werden verstärkt, masochistische, passiv homosexuelle Züge tauchen auf, kraft deren der Patient hofft, Macht über Männer oder Frauen zu gewinnen, kurz: der männliche Protest bedient sich weiblicher Mittel. Dass auch dieser Kunstgriff vom Willen zur Macht diktiert ist, geht aus den übrigen neurotischen Zügen hervor, die Herrschaft und Überlegenheit in der stärksten Form erstreben. Diese Apperzeption nach der Schablone Männlich — Weiblich aber bringt den sexuellen Jargon in die Neurose, der als symbolisch aufgefasst und weiter aufgelöst werden muss, und drängt die Erotik in eine dem Persönlichkeitskern passende Richtung. — Gleichzeitig oder dominierend findet man bei dem Neurotiker die Apperzeptionsweise nach dem räumlichen Gegensatz des „Oben-Unten". Auch für diesen primitiven Orientierungsversuch, den der Neurotiker verschärft und stark hervorhebt, finden sich Analogien bei primitiven Völkern. Während aber leicht zu verstehen ist, dass das männliche Prinzip mit der Vollwertigkeit identifiziert wird, sind wir bezüglich der Gleichstellung des „Oben" auf Vermutungen angewiesen. Eine gewisse Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass der Wert und die Bedeutung des oben befindlichen Hauptes im Gegensatz zu den Füssen in Betracht kommt. Noch wichtiger erscheint mir, dass die Wertschätzung des „Oben" und seine Gleichstellung mit der Voll Wertigkeit aus der Sehnsucht der Menschen stammt, sich zu erheben, zu fliegen, das zu leisten, was man nicht kann. Die universellen Fingträume der Menschheit und ihr gleichgerichtetes Streben sprechen wohl für diese Annahme. Dass im Congressus sexualis das „Oben" mit dem männlichen Prinzip zusammen- fiiesst. ist sicherlich auch von Bedeutung1).
Die Verstärkung der Fiktion in der Neurose verursacht eine Kon- zentration der Aufmerksamkeit auf die vom Nervösen als wichtig *) Diese letztere bescheidene Bemerkung, die jeder Psychologe leicht auf ihre Richtigkeit nachprüfen kann, nimmt Freud zum Anlass, um an sie als an eine vielleicht mündliche Äusserung einige belanglose kritische Worte zu knüpfen. Herr Freud hat mit meinen mündlichen Äusserungen Pech. Von meiner bekannten sozialistischen Weltanschauung berichtet er in schwer verständlicher, polemischer Absicht. Und meine zarte Ablehnung: „es sei kein Vergnügen, in seinem Schatten zu stehen'' — d. h. durch die Mitarbeit an der Neurosenpsychologie für alle Un- gereimtheiten des Freudismus mitschuldig gemacht zu werden, — deutet er flugs als ein Bekenntnis meiner revoltierenden Eitelkeit, um sie ahnungslosen Lesern aufzutischen. Da bisher keiner der Wissenden dieses Pech wahrnahm, bin ich selbst zu einer Zerstörung einer Legendenbildung genötigt.
I. Kapitel. Ursprung und Entwicklung des Gefühls der Minderwertigkeit usw. 25 eingeschätzten Gesichtspunkte. Daraus ergibt sich die Einengung des Gesichtsfeldes als motorische und psychische Bereitschaft. Gleich- zeitig tritt der verstärkte neurotische Charakter in Kraft, der die Sicherung durchführt, Fühlung mit feindlichen Gewalten nimmt und weit über die Grenzen der Persönlichkeit hinaus, über Zeit und Raum sich ausdehnend, als sekundäre Leitlinie der Vorsicht dem Willen zur Macht Vorschub leistet. Der neurotische Anfall endlich, dem Kampf um die Macht vergleichbar, hat die Aufgabe, das Persönlichkeitsgefühl vor Herabsetzungen zu bewahren.
Aus der resultierenden Haltung eines Angreifers oder Angegriffenen erwächst dem Nervösen der Eindruck einer besonderen Feindseligkeit des Lebens. Seine Einfügung in die Gemeinschaft ist fortan gehindert, Beruf, Gesellschaft und Liebe fügen sich nicht seiner Kämpferstellung, werden meist scheu umgangen oder bilden bestenfalls den Tummelplatz seines ehrgeizigen Machtrausches. Eine tief pessimistische Weltan- schauung und sein Menschenhass bringen ihn um alle Freuden des geben- den Mitspielers. Die Stimmung des Nehmen-Wollens hat ihn ganz erfüllt, vergiftet ihn mit Unzufriedenheit und zwingt ihn, immer an sich und nie an die andern zu denken.
Aus der konstitutionellen Minderwertigkeit und aus ähnlich wirkenden Positionen der Kindheit erwächst also ein Gefühl der Minderwertigkeit, das eine Kompensation im Sinne der Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls ver- langt. Dabei kommt der fiktive Endzweck des Machtstre- bens zu ungeheurem Einfluss und zieht alle psychischen Kräfte in seine Richtung. Selbst aus der Sicherun gsten- denz erwachsen, organisiert er psych i sehe Berei tsch aften zu Sicherungszwecken, unter denen sich der neurotische Charakter sowie die funktionelle Neurose als hervor- stechende Kunstgriffe abheben. Die leitende Fiktion hat ein einfaches, infantiles Schema und beeinflusst die Apperzeption und den Mechanismus des Gedächtnisses.
IL Kapitel.
Die psychische Kompensation und ihre Vorbereitung.
Unsere Betrachtung hat uns dahingeführt zu verstehen, wie sich aus der absoluten Minderwertigkeit des Kindes, inbesondere des kon- stitutionell belasteten eine Selbsteinschätzung entwickelt, die das Gefühl der Minderwertigkeit hervorruft. Analog dem öög nov otco sucht das Kind einen Standpunkt zu gewinnen, um die Distanzen zu den Problemen des Lebens abschätzen zu können. Von diesem Standpunkte einer nie- drigen Selbsteinschätzung aus, der als ruhender Pol in der Erscheinungen Flucht angenommen wird, spannt die kindliche Psyche Gedankenfäden zu den Zielen seiner Sehnsucht. Auch diese werden von der abstrahierenden Anschauungsform des menschlichen Verstandes als feste Punkte erfasst und sinnlich interpretiert. Das Ziel: gross zu sein, stark zu sein, ein Mann, oben zu sein, wird in der Person des Vaters, der Mutter, des Lehrers, des Kutschers, des Lokomotivführers usw. symbolisiert, und das Gebaren, die Haltung, identifizierende Gesten, das Spiel der Kinder und ihre Wünsche, Tagträume und Lieblingsmärchen, Gedanken über ihre künftige Berufswahl1) zeigen uns an, dass die Kompensations- tendenz am Werke ist und Vorbereitungen für die zukünf- tige Rolle trifft. Das eigene Gefühl der Minderwertigkeit und Untauglichkeit, die Empfindung der Schwäche, der Kleinheit, der Unsicherheit wird so zur geeigneten Operationsbasis, die aus den anhaften- den Gefühlen der Unlust und Unbefriedigung die inneren Antriebe hergibt, einem fiktiven Endziel näher zu kommen. Das Schema, dessen sich das Kind bedient, um handeln zu können und sich zurecht zu finden, ist allgemein und entspricht dem Drängen des menschlichen Verstandes, durch unreale Annahmen, Fiktionen, das Chaotische, Fliessende, nie zu Erfassende in feste Formen zu bannen, um es zu berechnen. So handeln wir auch, wenn wir durch Meridiane und Parallelkreise die Erdkugel zerlegen; denn nur so erhalten wir feste Punkte, die wir in Relation setzen können. Bei allen ähnlichen Versuchen, von denen die mensch- liche Psyche voll ist, handelt es sich um die Eintragung eines unwirk- lichen abstrakten Schemas in das wirkliche Leben, und ich betrachte als die Hauptaufgabe dieser Schrift, diese Erkenntnis, die ich aus der psychologischen Betrachtung der Neurose und Psychose gewonnen habe, und die sich nach den Nachweisen Vai hingers in allen wissenx) S. „Heilen und Bilden". Herausgegeben von Dr. Alf. Adler und Dr. Carl Furtmüller. Dieses Werk umfasst einen grossen Teil der erzieherischen Fragen und Schlussfolgerungen aus der Individualpsychologie. IL Auflage in Vorbereitung.
IL Kapitel. Die psychische Kompensation und ihre Vorbereitung. 27 schaftlichen Anschauungen wiederfindet, zu fördern. An welchem Punkte immer man die psychische Entwicklung eines Gesunden oder Nervösen untersucht, findet man ihn stets in den Maschen seines Schemas verstrickt, den Neurotiker, der nicht zur Wirklichkeit zurückfindet und an seine Fiktion glaubt, den Gesunden, der es benützt, um ein reales Ziel zu erreichen. Bei Erstgeborenen fand ich oft als durchgreifende Annahme und leitende Fiktion willige und gesuchte Anerken- nung von Grösse und Macht, bei Zweitgeborenen tritt stärker die Überrennung anderer Machteinflüsse hervor, für einzige Kinder wird häufig das Suchen nach einer zentralen Stellung zur un- lösbaren Aufgabe. Was aber zur Benützung des Schemas den brennen- den Anlass gibt, ist stets die Unsicherheit in der Kindheit, die grosse Distanz von der Machtentfaltung des Mannes, von seinem Vorrang und Privileg, von dem das Kind Ahnungen und Gewissheiten besitzt. Was uns alle, was vor allem das Kind und den Neurotiker zwingt, die näher- liegenden Wege der Induktion und Deduktion zu verlassen, sich solcher Kunstgriffe zu bedienen wie der schematischen Fiktion, stammt aus dem Gefühl der Unsicherheit, ist die Tendenz der Sicherung, die letzter Linie darauf hinzielt, des Gefühls der Minderwertigkeit ledig zu werden, um sich zur vollen Höhe des Persönlichkeitsgefühls, zur ganzen Männ- lichkeit, zum Ideal des Obenseins aufzuschwingen. Je grösser diese Distanz ist, um so schärfer tritt die leitende Fiktion zutage, so dass das Gefühl des Untenseins in gleicher Weise ausschlaggebend sein kann wie etwa das überlebensgross gefasste Bild eines starken Vaters, einer starken Mutter.
Wir sehen so Anspannungen zutage treten, die weit über das Mass dessen hinausgehen, was bei den angestrengtesten körperlichen Leistungen der Triebe, bei der stärksten Sehnsucht nach Befriedigung organischer Lust zu erwarten wäre. Unter anderen weist auch Goethe darauf hin, dass wohl die Wahrnehmung an praktische Bedürfnisbefriedigungen anknüpfe, dass der Mensch aber darüber hinaus ein Leben in Gefühl und Einbildungskraft führe. Damit ist der Zwang zur Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls trefflich erfasst, wie auch aus einem seiner Briefe an Lavater hervorgeht, wo Goethe bemerkt: „Diese Begierde, die Pyramide meines Daseins, deren Basis mir angegeben und gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles andere und lässt kaum augenblickliches Vergessen zu."
Es lässt sich leicht verstehen, dass eine derart angespannte psychische Situation, — und jeder Künstler, jedes Genie kämpft den gleichen Kampf gegen sein Gefühl der Unsicherheit, nur mit kulturell wertvollen Mitteln — geeignet ist, eine ganze Anzahl von Charak- terzügen zu verstärken und hervorzutreiben, welche die Neurose kon- stituieren helfen. So vor allem den Ehrgeiz. Er ist wohl die stärkste von den sekundären Leitlinien, die zum fiktiven Endzweck hinstreben. Und er erzeugt eine Summe von psychischen Bereitschaften, die dem Nervösen den Vorrang in allen Lebenslagen sichern sollen, die aber seine Aggression, seine Affektivität stets als gereizt erscheinen lassen. So präsentiert sich der Nervöse meist als stolz, als rechthaberisch, neidisch und geizig, will überall Eindruck machen, immer der Erste sein, zittert aber stets für den Erfolg und schiebt gerne die Entscheidung hinaus. Daher das Zögernde, das Vor- sichtige im Auftreten des Neurotikers, sein Misstrauen, Schwanken und 28 II. Kapitel. Die psychische Kompensation und ihre Vorbereitung.
seine Zweifel. Wie zu einer Art Übung, im Sinne einer Vorbe- reitung, produziert er diese psychischen Bereitschaften im Kleinen, um Anhaltspunkte und weitere sichernde Richtlinien für grosse Ziele zu gewinnen, die ihn im Banne halten. Der Kranke wird durch seine Sicherungstendenz gezwungen, probeweise, in Gorpore vili Beweise zu sammeln, die seine zögernde psychische Gesamthaltung rechtfertigen und immer wieder rechtfertigen sollen. In der Regel resultiert die Anschauung: ich muss vorsichtig sein, wenn ich mein Ziel erreichen will! Und es ist gar nicht so selten, dass der Patient dreiste Unvorsichtigkeiten begeht, um sich im Hauptpunkt seines Männlichkeitsideals durch warnendes Hervorheben seiner Unvorsichtigkeit zu sichern. Sehr häufig übernehmen Halluzinationen und Träume bei Neurotikern und Psychotikern die Funktion dieser warnen- den Stimme, malen aus, wie es schon einmal war, wie es bei anderen war, oder wie es kommen könnte, — um den Patienten bei der sichernden Leitlinie zu halten.
Scheinbar anders verläuft der Vorgang bei Neurotikern, die nur in ruhiger Situation, wenn alles gut geht, wenn sie sich wohl fühlen, im Konzert, im.Theater sitzend von Depressionen überfallen werden. Solcher Art sind oft Menschen, die in gute Verhältnisse gelangt sind, die aber nun nach Art des Polykrates einen Teil opfern wollen. Kurzsichtige Analysen bleiben in solchen Fällen bei der Feststellung einer Neigung zum Opfer oder eines Schuldgefühls stecken. Folgt man den Anschauungen der Individualpsychologie, so stellt sich bald heraus, dass in solchen „Opfern", in solchem „Schuldgefühl" das lüsterne Triumpf- gefühl über einen Sieg, über den Neid und die Niederlage der andern steht.
Sonst finden sich, „um die Pyramide des Daseins so hoch als möglich in die Luft zuspitzen", stark unterstrichene Züge von Kampf- lust, Trotz und Aktivität, vielfach gesichert oder verschärft durch Pedanterie, letztere, um hervorzustechen und in der Richtung zu bleiben. Dass die Wissbegierde, als mächtige Förderin zu hohen Zielen, sich ungeheuer anspannt, ist gewiss nicht wunderlich. Ebenso deutlich zeigt sich die Ungeduld, die Furcht zu spät zu kommen, die Furcht nichts zu erreichen als besonders heftiger Antrieb, einen Vorteil nicht aus den Augen zu lassen, lieber zu viel als zu wenig für die Erreichung des fiktiven Endzweckes zu tun. Immerhin liegen diese Züge schon ganz im Gebiet der entwickelten Neurose, wo die Sicherungs- tendenz immer mehr in den Vordergrund tritt und zu den gefährlichen Kunstgriffen treibt: die Gefühle der Minderwertigkeit zu ver- tiefen, so zu handeln, als ob man verkürzt, vom Erfolg abgeschnitten, ohne Hoffnungen sei, oder mehr weniger in Passivität zu tauchen, weibliche Züge emporzutreiben, sich masochistisch und pervers zu geberden, zuletzt seinen Wirkungskreis stark einzuschränken, um diesen durch die Krankheitssymptome desto gewaltiger zu erschüttern und zu beherrschen. In ähnlicher Weise kommt das Arrangement von Indolenz, Faulheit, Müdigkeit, Impotenz jeder Art zustande, die den Vorwand abgeben, vor Entscheidungen zu fliehen, die den Stolz des Nervösen kränken könnten, sich dem Studium, dem Beruf, einer Ehe zu entziehen. Zuweilen endet diese Entwickelungsphase mit Selbstmord, der dann immer als gelungene Rache an dem Schicksal, an den Angehörigen, an der Welt voraus empfunden wird.
II. Kapitel. Die psychische Kompensation und ihre Vorbereitung. 29 Auch Schuldgefühle gewinnen an Raum. Damit stehen wir an einem der schwierigsten Punkte des Verständnisses von Neurosen und Psychosen. Schuldgefühl und Gewissen sind fiktive Leitlinien der Vorsicht, ähnlich wie Religiosität, und dienen der Siche- rungstendenz1). Sie haben die Aufgabe, ein Sinken des Persönlich- keitsgelühls zu verhüten, wenn die gereizte Aggression ungestüm zu selbstsüchtigen Taten drängt und das wie der Chor der Eumeniden drohende Gemeinschaftsgefühl verletzt. Im Schuldgefühl ist der Blick nach rückwärts gewendet, das Gewissen wirkt durch Voraussicht; beide bleiben in der Neurose unfruchtbar und verhindern das Handeln. Auch die Wahrheitsliebe wird durch die Sicherungstendenz getragen, liegt eigentlich im Rahmen unseres Persönlichkeitsideals, während die neurotische Lüge einen schwächlichen Versuch darstellt, den Schein zu wahren und also kompensierend zu wirken. Neurotische Wahrheits- liebe bietet reichlich Anlass zu fruchtlosen Konflikten zwecks Zeitver- trödelung und Herabsetzung des anderen.
Alle diese Versuche des Höherstrebens, des Willens zur Macht müssen naturgemäss als eine Form des männlichen Strebens aufgefasst, mit dem männlichen Protest identifiziert werden, da dieser eine Urform psychischen Geltungsdranges darstellt, nach welchem alle Erfah- rungen, Wahrnehmungen und Willensrichtungen gruppiert werden. Die Apperzeption wird nach diesem sinnfälligsten Schema geleitet, der End- zweck, zumal beim Neurotiker, ist die Ausgestaltung des männlichen Protestes gegen niedrige Selbsteinschätzung, und so richten sich auch die Aufmerksamkeit, die Vorsicht, der Zweifel, ebenso aber alle anderen Charakterzüge und sonstigen psychischen und körperlichen Bereit- schaften, in höchstem Masse vor allem die Wertung alles Erlebens nach dem männlichen Endzweck, so dass alle diese Erscheinungen in sich eine Dynamik trafen und dem Kenner verraten, die von unten nach oben, vom Weiblichen zum Männlichen drängt. Die Auslösung aller dieser Kraftlinien, die Fixierung des fernabliegenden Endzweckes, die Hervorhebung und gelegentliche Protektion minderwertiger, weiblicher Züge im Nebensächlichen zwecks besserer Bekämpfung derselben in der Hauptsache durch den männlichen Protest geschieht durch den gleichen Faktor, der auch die organischen Kompensationen schafft, durch den Zwang zum Ausgleich2), durch stetige Versuche, eine schädigende Minderleistung durch Mehrarbeit zu ersetzen, was im Psychischen in der Siehe run nsten de nz zum Ausdruck kommt, die das Streben nach Macht, nach Männlichkeit zur Leitlinie macht, um dem Gefühl der Unsicherheit zu entgehen.
Die grösste Schwierigkeit für das Verständnis der Neurose bietet die auffällige Protektion minderwertiger, weiblicher Züge und deren Anerkennung durch den Patienten. Hierher gehört das Hervortreten von Krankheitserscheinungen überhaupt, aber auch passiver, masochisti- scher Züge, weiblicher Charaktere, Homosexualität, Impotenz, Sugge- stibilität, Zugänglichkeit und Neigung für Hypnose oder endlich das 3) Siehe Furtmüller, Psychoanalyse und Ethik, München, E. Reinhardt 1912.
-) Bei Freud erscheint jetzt diese Anschauung in der Form des „Todes- wunsches", der sichtlich nur eine der vielen Möglichkeiten ausmacht, um den Aus- gleich, die Parität, herzustellen. Wurde hier und anderwärts in der Psychologie des Selbstmordes oft hervorgehoben. Die Rache, die Entwertungstendenz gegen das Leben ist ja unverkennbar.
30 II. Kapitel. Die psychische Kompensation und ihre Vorbereitung.
scheinbare Aufgehen in weibisches Wesen und Gebaren. Der Endzweck bleibt immer die Beherrschung anderer, die als männlicher Triumph empfunden und gewertet wird, oder der Stillstand. Niemals auch fehlen in der Charakterologie dieser Patienten die oben geschilderten kompen- sierenden Züge, wie man sie bei Menschen zu, erwarten hat, die das Gefühl der Verkürztheit zur Operationsbasis nehmen und nun auf jede Weise den Ersatz, das zu einem übertriebenen Persönlichkeitsgefühl Fehlende, hereinzubringen trachten. In dieser psychischen Situation gewinnt das Sexuelle als Symbol an Raum, indem solche Patienten häufig nach einem Schema apperzipieren, als ob ihre Sexualität geschädigt wäre, und sie deshalb fortwährend gezwungen wären, einen Ersatz zu suchen. Eine Form dieses Ersatzes finden sie in der Herabsetzung, Verweiblichung aller anderen Personen. Aus dieser Entwertungs- tendenz stammen namhafte Verstärkungen gewisser Charakterzüge, die weitere Bereitschaften vorstellen und bestimmt sind, andere zu beeinträchtigen, wie Sadismus, Hass, Rechthaberei, Unduld- samkeit, Neid usw. Auch die aktive Homosexualität, sowie Per- versionen, die den Partner herabsetzen, auch Lustmord gehen aus der Entwertungstendenz des Neurotikers hervor, die man sich nicht stark genug vorstellen kann Sie alle stellen Fleisch gewordene Symbolik des Unterwerfens nach dem Schema: sexuelle Überlegenheit des Mannes — vor. Kurz, der Neurotiker kann sein Persönlichkeitsgefühl auch dadurch erhöhen, dass er den anderen herabsetzt, im ernstesten Falle Herr über Leben und Tod wird, über sein eigenes Leben oder über das anderer.
Wir haben oben von der Protektion weiblicher Züge zwecks besserer Bekämpfung der eigenen, unhaltbaren Neigung zur Hingabe, behufs besserer Selbstüberwachung in der Neurose gesprochen. Diese Unterstreichungen, dazu die deutliche Tendenz, den Willen zur Männlichkeit hervorzuheben, schaffen den Schein eines Kkffens in der Psyche des Nervösen, der den Autoren in der Annahme eines double vie, einer Dissoziation, ebenso in dem Stimmungswechsel der Nervösen, aber auch in der Abfolge von Depression und Manie, von Verfolgungs- und Grössenideen in der Psychose geläufig ist. Stets habe ich als inneres Band dieser gegensätzlichen Zustände die Tendenz gefunden, das Persönlichkeitsgefühl zu erhöhen, wobei die „inferiore" Situation an eine Herabsetzung an- knüpft, aber als Operationsbasis abgegrenzt und arrangiert wird. Dann setzt der männliche Protest ein, der oft bis zur Gottähnlichkeit oder zu einer Art intimer Verbindung mit Gott fortgeleitet wird. Am klarsten liegt dieser Prozess in der Manie zutage, die immer im Gefolge eines Gefühls der Herabsetzung ausbricht. Die zyklische Manie ergibt sich wohl als die gewohnheitsmässige Wiederholung dieses Mechanismus, sobald das Gefühl des Sinkens den Patienten überkommt. Für diese scheinbare „Bewusstseinsspaltung" ist ausserdem noch die scharfe schematische und stark abstrahierende Apperzeptionsweise des nervös Disponierten massgebend, der innere sowie äussere Gescheh- nisse nach einem streng gegensätzlichen Schema, etwa wie nach dem Soll-Haben in der Buchhaltung, gruppiert und keine Übergänge gelten lässt. Dieser Fehler des neurotischen Denkens, identisch mit zu weit getriebener Abstraktion, ist gleichfalls durch die neurotische Sicherungstendenz verschuldet; diese braucht zum Zwecke des Wählens, Ahnens und Handelns scharf umschriebene Richtlinien, Idole, Götzen, IL Kapitel. Die psychische Kompensation und ihre Vorbereitung. 31 Popanze, an die der Nervöse glaubt. Dadurch entfremdet der Mensch sich der konkreten Wirklichkeit. Denn in dieser sich zurechtzufinden erfordert Elastizität, nicht Starrheit der Psyche, eine Benützung der Abstraktion, nicht eine Anbetung, Zwecksetzung und Vergöttlichung derselben.
Demgemäss werden wir im Seelenleben des Neurotikers, ganz wie im primitiven Denken, im Mythus, in der Legende, in der Kosmogonie, Theogonie, in der primitiven Kunst, in den Leistungen der Psychose und in den Anfängen der Philosophie die Neigung in ausgesprochenstem Masse finden, sich, seine Erlebnisse, die Personen seiner Umgebung zu stilisieren. Dabei müssen nun freilich nicht zusammengehörige Erschei- nungen durch abstrahierende Fiktion scharf auseinandergerückt werden. Der Zwang zu dieser Massnahme geht aus der Sehnsucht nach Orientierung hervor und stammt aus der Sicherungstendenz. Elr ist oft so beträchtlich, dass er die künstliche Zerlegung der Einheit, der Kategorie, der Einheit des Ichs in zwei oder mehrere gegensätzliche Teile verlangt.
Von der früher beschriebenen Selbsteinschätzung des Kindes, das durch seine Organminderwertigkeit und die daraus stammenden Übel zu besonderen Sicherungen veranlasst wird, bis zur vollen Ent- wicklung der neurotischen Technik des Denkens und ihrer Hilfslinie, des neurotischen Charakters, treten eine Anzahl psychischer Phänomene hervor, die im Sinne Karl Groos' *) als Einübung, in unserem Sinne als Vorbereitung für den fiktiven Endzweck aufzufassen sind. Sie zeigen sich recht frühzeitig, andeutungsweise im Säuglingsalter, und unterliegen ständig den Einwirkungen bewusster und unbewusster Er- ziehung. Die gan/.e Art der Entwickelung eines Kindes zeigt, dass es sich nach einer Idee richtet, welche sich freilich meist primitiv darstellt, sich regelmässig auch in Gestalt einer Person konkretisiert. Unter diesem Zwange, dessen psychischer Mechanismus zum grösseren Teile unbewusst, nur zum kleineren Teile bewusst wirkt, kommt es zu deutlicheren Ausprägungen der sich formenden Seele, und geistiges wie körperliches Leben eines Menschen, an einer bestimmten Stelle seiner Entwickelung gefasst, ist als Teil einer Antwort zu verstehen, die er auf die Frage des Lebens gibt.
Diese Antwort, recht eigentlich die Art, das Leben zu nehmen, ist nach allen Erfahrungen, die wir gewonnen haben, identisch mit dem Versuch, der Unsicherheit des Lebens, dem Chaos der Ein- drücke und Empfindungen ein Ende zu machen, die Griffe anzusetzen, um die Schwierigkeiten zu überwinden. Schon die Überlegung, Beobachtung, das Denken und Vorausdenken selbst, Aufmerksamkeit, Einschätzung und Wertung werden durch die Sicherungs- tendenz hervorgetrieben. Und da das Gefühl der eigenen Minder- wertigkeit ein akstraktes Mass für Ungleichheit unter den Menschen ab- gibt, wird der Grössere, der Stärkere und sein Mass zum fiktiven Endziel gemacht, um dann vor Unsicherheit, vor dem „Gruseln" geborgen zu sein. So kommt es in der Seele des Kindes zur Bildung einer Leitlinie, die auf Erhöhung des Persönlichkeitsgefühls drängt, um der Unsicherheit zu entgehen, unter heftigerem Drängen beim Nervösen, der die Minderwertigkeit schärfer empfunden hat. Mythen, das Volk, Dichter, Philosophen und Religionsstifter haben aus ihrer Zeit das Material für Umformungen der Leitlinien genommen, so dass als Endziele körperliche *) Siehe Karl Groos, Die Spiele der Menschen, Die Spiele der Tiere.
32 IT. Kapitel. Die psychische Kompensation und ihre Vorbereitung.
oder geistige Kraft, Unsterblichkeit, Tugend, Frömmigkeit, Keichtum, Wissen, Herrenmoral, soziales Empfinden oder Selbstherrlichkeit zur Verfügung stehen, und je nach der rezeptorischen Eigenart des nach Vollwertigkeit lüsternen Individuums ergriffen werden. Auch der Tod kann eine solche Geborgenheit vorstellen. An dieser Stelle werden die lebendigen Energiekräfte des Kindes ' hinübergeleitet in den selbst geschaffenen Kreis seiner subjektiven Welt, die nunmehr als leitende Fiktion alle Empfindungen und Kegungen, Lust, Unlust, den Trieb der Selbsterhaltung sogar zu ihren Gunsten fälscht und umwertet, um sicher zum Ziele zu gelangen, die alles Erfahren und Erleben beim Nervösen in ihrer besonderen Art verwendet, um Bereitschaften herzustellen und den Triumph vorzubereiten. Aus seinen persönlichen Wahrnehmungen und Erfahrungen aber gewinnt das Kind Eindrücke von den Bedingungen des menschlichen Zusammenlebens und trägt ihnen in der Formung seiner Ideale und Leitlinien bis zu einem bestimmten Grade Rechnung.
Diese vorbereitenden Akte mit ihrer Umwertung der Werte lassen sich am deutlichsten beim Spiel des nervösen Kindes, in seinen Er- wägungen über den künftigen Beruf, und in seiner körper- lichen und psychischen Haltung beobachten. Von diesen Erscheinungen soll noch im Zusammenhang mit der sie beherrschenden Sicherungstendenz gesprochen werden. Bezüglich des nervösen Ha- bitus sei hervorgehoben, dass er in der Regel frühzeitig auffällig wird, dass er eine pantomimische Darstellung eines Charakter- zuges bietet, sei es als ängstliche, lauernde, misstrauische, unsichere, vorsichtige, schüchterne, sei es als feindselige, trotzende, selbstsichere, selbstgefällige, vorlaute Attitüde. Leicht macht sich Erröten bemerkbar, oder der Blick ist eigentümlich fangend, untergeschlagen oder feindlich. Es gelingt immer, eine dieser Attitüden oder Geberden, einen mimischen Zug etwa, auf das Vorbild zurückzuführen. Oft rindet man bei nervösen Kindern schon die Nachahmung des männlichen Prinzips, des Vaters; das Vorbild der Mutter schiebt sich erst durch den Formenwandel der leitenden Fiktion ein, oder wenn von allem Anfang das moralische Über- gewicht der Mutter ausser Frage steht. Meist sind es geringfügige Erscheinungen, die sonst der ärztlichen Beobachtung nicht unterzogen