SigPhi · Alfred Adler

Über den nervösen Charakter

German

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Mass gemessen sein will. Torheiten und Aberglauben, arrangierte Überzeugungen von einem unheilvollen Fatum, der festwurzelnde Glaube an das eigene Pech dienen der gleichen Sicherungstendenz, die sich den Beweis konstruiert, dass Vorsicht nötig sei. In derselben Richtung wirkt die halluzinatorische Erweckung der Angst, von der der Nervöse einen ausgiebigen Gebrauch als Waffe und Sicherung macht.

Dass die Charakterzüge ebenso wie die AfTektbereitschaften im Dienste der leitenden Fiktion stehen, dafür sucht dieses Bach in weite- stem Ausmasse Beweise zu erbringen. Die steil aufwärts führende Leit- linie des Nervösen erzwingt eben besondere Mittel und Lebensformen, die unter dem wenig einheitlichen Begriff des neurotischen Symptoms zusammengefasst werden. Bald finden wir unter ihnen Sicherungen an entfernten Orten, die das neurotische Bezugssystem exakt in Bewegung setzen, unverständliche Sperr Vorrichtungen und Deckungs- gefechte, die den zentralen Impuls, den Willen zur Macht siegreich ge- stalten, dann wieder sind es, — oft schwer verständliche — Umwege, Schleichwegen vergleichbar, um die Leitlinie nicht zu verlieren, wenn der gradlinige Weg zum männlichen Triumpf verlegt scheint. Oft findet man einen Wechsel von nervösen Erscheinungen, die einem Ausproben gleichen, bis das schwerere Symptom den Einklang mit der leitenden Idee verbürgt. Auch diese Erscheinungen und ihre Psychogenese glaube ich in vorliegender Arbeit im Zusammenhange und in genügender Breite dargestellt zu haben. Sie fussen allesamt auf lange geübten und vorbereiteten Fähig- keiten, deren Überwertigkeit durch das Mittel der neurotischen Apper- zeption gestützt wird und in ihrer Eignung für den Kampf um das ideelle Persönlichkeitsgefühl begründet ist. Die Vorbereitungen selbst fallen in den Beginn der Neurose, begleiten den Aufbau der Persönlich- keitsidee und passen sich ihr an. Sie lassen sich am klarsten in den aufbewahrten Kindheitserinnerungen, in den oft wiederkehrenden Träumen, in der Mimik und im Habitus, im Spiel der Kinder und in ihren Phan- tasien über künftige Berufe, über die Zukunft erkennen.

Es liegt im Wesen einer hochangesetzten Leitidee, dass sie ihren Träger, den Nervösen, der Wirklichkeit entfremdet. Nicht selten macht sich dieser Zustand in einem „Fremdheitsgefühl" geltend, das aber wieder überwertet und tendenziös verwendet wird, um in einer unsicheren Situation einen vorsichtigen Rückzug zu empfehlen. Diesem „Zurück!'" scheinbar entgegengesetzt, tritt zuweilen das unberechtigte Gefühl der Vertrautheit mit einer Situation, das Gefühl des „dejä vu" hervor, oft um im Bilde einer versteckten Analogie zu warnen, oder zu ermutigen1). Bei neurotischen Schülern habe ich zuweilen beobachten können, wie sie sich unt^r dem Gefühl ihrer Prädestination in einer gänzlich un- *) Fremdheitsgefühl und Gefühl der Vertrautheit in der Neurose sind analog den Spiegelungen der Warnung und des Zuspruchs einer inneren Stimme im Traum, in der Halluzination und in der Psychose. Ersteres weist demonstrativ darauf hin, dass der Patient auf Erden nicht heimisch geworden ist, dass er sich schon nahezu als höheres Wesen fühlt, dem das Leben nichts bietet. Angrenzend sind ähnliche, auch dem Hochmut entstammende Allgemein gefühle wie: sich wie im Traum be- finden, wie benommen sein, anders zu sein usw. — Die Verwandtschaft dieses Zu- standsbildes mit der „Abschliessung", mit dem Dämmerzustand, mit Delirien, aber auch mit der Ekstase ist nicht zu verkennen. Diese Fähigkeit sich der Einfügung zu entreissen, der „Depersonalisation" (Jan et?), hängt mit der nahezu völligen Drosselung des Gemeinschaftsgefühls zusammen. Die Hoffart übernimmt die fast ausschliessliche Leitung. Dabei geht die Logik, Schöpfung und Band der Massen- seele, verloren.

Adler, Nervöser Charakter. 3. Aufl. 4 50 III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose.

bekannten Frage zu Worte meldeten und völlig versagten. Solche Erlebnisse können dem Neurotiker sein etwa auftauchendes, unter- strichenes Gefühl der „Vertrautheit" als höchst suspekt, wie wenn ihm dauernd ein saurer Nachgeschmack, verblieben wäre, empfinden lassen. Die Sicherung durch die übertriebene Persönlichkeitsidee und das Haften an ihr bedingen oft auch das Gefühl oder sogar die Tatsache einer ge- wissen Weltfremdheit, die freilich meist tendenziös übertrieben wird. Furcht vor allem Neuen, Schwerbeweglichkeit, Ungeschicklichkeit, Schüchternheit und Verschlossenheit begleiten den der Wirklichkeit ab- holden Neurotiker und zeigen immer sein Bestreben, die Realität um- zudeuten, umzudichten, umzukonstruieren und als feindselig und nichtig zu empfinden. Auch dieser Mangel sucht seine Kompensation und findet sie in leichteren Fällen in der zur Realität leitenden Gegen fiktion, die wieder in abstrakter, meist aufdringlicher Form die Bedeutung der Realität zu überschätzen sucht, um aus übertriebener Furcht vor dem Irrtum und vor Niederlagen für alle Fälle Bereitschaften her- zustellen. Das Schwanken zwischen Ideal und Wirklichkeit kommt in der neurotischen Psyche übertrieben zum Ausdruck, wobei die Zweifel- sucht als Paradigma einer Bremsvorrichtung das Suchen nach der „einzigen Wahrheit" vorbereitet, nach dem männlichen Endzweck des Neurotikers. Oder es werden die äusseren Formen pedantisch, wie ein Fetisch festgehalten und überschätzt, als ob sie Sicherheit verbürgten. Aus Hebbels Briefen1) scheint mir folgende Stelle diesen Zug anzu- deuten: „Man kann äussere Formen, die man in der Jugend so leicht- sinnig bespöttelt, nie genug verehren, denn sie sind in der regellosen, rastlos bewegten Welt die einzigen Hilfslinien für die notwendige Unter- scheidung." — Im Kleinen wie im Grossen, immer zeigt sich die Sehn- sucht, Sicherheit zu gewinnen; und immer sucht sie der Mensch nach Analogien und auf abstrakten, prinzipiellen Wegen.

Die Häufigkeit des Befundes von sexuellen Leitlinien, mehr noch ihre Vordringlichkeit in der Neurose erklärt sich bei unbefangener Analyse aus folgenden Gründen: 1. weil sie eine geeignete Ausdrucksform des männlichen Protestes abgeben können, 2. weil es in der Willkür des Patienten liegt, sie als real zu empfinden, 3. weil sich der Neurotiker, gemäss dem Laufe der Dinge, durch sie einer „Unterwerfung" unter die Liebe zu entziehen vermag und dort die Gemeinschaft heimlich zu sprengen unternimmt. Um im Bogen ausweichen zu können, erfüllt er sich mit störendem sexuellen Material.

Die Eignung der sexuellen fiktiven Leitlinie beruht demnach gleichfalls in ihrem Wert für die Sicherung des Persönlichkeitsgefühls, haftet an ihrer Bedeutung als Abstraktion und an ihrer halluzinatorischen Erregkarkeit, an ihrer Fähigkeit, sich leicht zu konkretisieren und Anti- zipationen zuzulassen.

Der halluzinatorische Charakter der Nervösen ist demnach ein besonderer Fall des Sicherungsmechanismus. Er bedient sich, wie auch das Denken und die Sprache, der primitiven, auf das kleinste dynamische Maass reduzierten Erinnerungen, zu denen er durch die abstrahierende Kraft der suchenden Sicherungstendenz geleitet wird. Seine Funktion J) R. M. Werner, Aus Hebbels Frühzeit, österreichische Rundschau 1911.

III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose. 51 und Aufgabe ist es, aus einfachen, kindlich gelegenen Erfahrungen durch Unterstreichung einer erlittenen Herabsetzung oder durch die tröstende Erinnerung an ein überstandenes Übel per analogiam den Weg zur Höhe zu berechnen. Die halluzinatorische Kraft stellt eine fertige Bereitschaft der angespannten Sicherungs- tendenz vor und entnimmt ihr Material, wie es die Funktion des Denkens und Vorausdenkens tut, dem ehernen Bestand des hier neurotisch ge- richteten Gedächtnisses. Was von den Autoren die Regression in der Neurose im Traume und in den Halluzinationen genannt wird, ist der alltägliche Vorgang des auf Erfahrungen zurückgreifenden Denkens, kann bloss das Material betreffen, nie aber die Dynamik des Traumes oder der Halluzination erklären. Die psychische Dynamik der Halluzination1) be- steht vielmehr darin, dass in einer Situation der Unsicherheit mit Macht eine ßichtungslinie gesucht und durch Abstraktion, per analogiam, mit den Schätzen der Erfahrung, durch Antizipation und durch die einer sinnlichen Wahrnehmung angenäherte fiktive Darstellung hypostasiert wird. Letztere Fähigkeit als wirksamstes Mittel des Ausdrucks kann durch die der Realität geneigte Gegenfiktion wie auch der Traum und die Phantasie als in bewusstem Gegensatz zur Wirklichkeit empfunden werden, oder die Sicherungstendenz löst die Gegenfiktion auf und lässt letztere wie die Halluzination als real empfinden.

Jodl definiert die Kultur als „das unter bestimmten Umständen und besonderer Intensität gesteigerte Streben des Menschen, seine Per- sönlichkeit und sein Leben vor den feindlichen Mächten der Natur wie vor dem Antagonismus der übrigen Menschen zu sichern, seine Bedürf- nisse, sowohl reale als ideale, in steigendem Masse zu befriedigen und sein Wesen ungehindert zur Entfaltung zu bringen". Der Nervöse hält diese Leitlinie viel fester im Auge, kann aber je nach Bedarf die ins Transzendentale führende Leitlinie oder die zur Kultur geneigte Gegen- fiktion schematischer und prinzipieller zum Ausdruck bringen, letztere im Sinne eines neurotischen Umweges, etwa indem er sich dem „Anta- gonismus der übrigen Menschen" als Märtyrer weitgehend zu unterwerfen scheint, damit aber über sie triumphiert, wie es etwa Tolstoi in ein System gebracht hat.

Die Entwicklung dieses Strebens, sein Wesen ungehindert zur Entfaltung zu bringen, den Gipfelpunkt dessen zu erreichen, was der Nervöse seine Kultur nennen könnte, führt uns wieder zu den schon erörterten interessanten und psychologisch- bedeutsamen Vorbereitungen zurück, zu den tastenden Versuchen, welche die Kompensation des ursprünglichen Minderwertigkeitsgefühls einleiten sollen. Alle unfertigen, kindlichen Organe streben danach, mit allen ihren angeborenen Fähigkeiten und Entwickelungsmöglichkeiten zweckmässige, sozusagen intelligente Bereitschaften auszubilden. Bei den Versuchen konstitutionell minderwertiger Organe mit ihren mannigfachen Fehl- leistungen wächst infolge der grösseren Spannung gegenüber den An- forderungen der Aussenwelt der Eindruck der Unsicherheit, und die niedrige Selbsteinschätzung des Kindes bringt ein dauerndes Minderwertig- keitsgefühl zuwege. So kommt es, dass bereits in der frühkindlichen Zeit die Beherrschung der Situation nach einem mustergültigen Bei- spiel, meist über dieses Beispiel hinaus zum Leitmotive genommen wird, *) Siehe „Über Halluzination" in „Praxis und Theorie", 1. c.

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ein dauernder Willensimpuls wird festgelegt, um einer leitenden Idee, — dem Willen zur Macht, — die dauernde Führung zu überweisen. Dies ist auch die Zwecksetzung in der neurotischen Psyche, die bewusst oder unbewnsst der Formel entspricht: ich muss so handeln, dass ich letzten Endes Herr der Situation bin. Längeres Verweilen des Kindes in der Phase des Minderwertigkeitsgefühls führt zur Steige- rung und Verstärkung der Intensität jener Leitt'ormel, so dass von der besonderen Intensität alles Strebens, der vorbereitenden Handlungen, der Bereitschaften, der Charakterzüge in irgend einer Entwickelungs- periode auf ein ursprüngliches Minderwertigkeitsgefühl ge-chlossen werden darf. Auch an den der Norm nahestehenden Organen findet man die tastenden Versuche, wie sie die Bereitschaften zum Gehen, Sehen, Essen, Hören ausgestalten. Exner hebt hervor, wie in der Sprachentwickelung des Kindes diese tastenden Versuche dem Treffen der Lautkombinationen vorangehen. Viel krankhafter gestalten sich die Vorbereitungen im Werdegang der minderwertigen Organe, deren Bereitschaften und Arbeits- weisen im günstigen Falle der Überkompensation künstlerische Leistungen und Fertigkeiten zutage fördern, oft aber, wie in der Neurose, aus der Behütung durch die Vorsicht kaum je herauswachsen. Auf dem durch die Sicherungstendenz gebotenen Weg sucht das Kind seine Fehler kennen zu lernen, sie zu verbessern oder durch einen Kunstgriff aus ihnen Nutzen zu ziehen. Da es den wahren Grund seiner Minderwertigkeit nicht kennt, oft auch aus Stolz nicht kennen will, wird es leicht ver- leitet, äussere Ursachen namhaft zu machen, die „Tücke des Objekts u, zumeist die Angehörigen zu beschuldigen, — und bezieht damit eine aggressive, feindliche Stellung zur realen Aussenwelt. Meist bleibt ihm die Ahnung, die Erwartung böser Schicksale als abstrakter Rest seines Minderwertigkeitsgefühls, die es gerne übertreibt, oft zu Schuldgefühlen ausbaut, wenn die Situation es erlaubt, um sein Voraussehen, seine Vorsicht mit gutem Grund entfalten zu können. Das neurotische Be- streben führt letzter Linie dahin, die Grenzen der Persönlichkeit zu erweitern und zu sichern, indem fortwährend die eigenen Kräfte an den Schwierigkeiten der Aussenwelt abgemessen und erprobt werden. Auf diese angestrengten Versuche lassen sich mancherlei Neigungen des Nervösen, sein Hang mit dem Feuer zu spielen, gefährliche Situationen zu schaffen und aufzusuchen, seine Lust am Grausamen und Teuflischen zurückführen. Ebenso wie sadistische Regungen liegen die Neigungen zum Verbrechen an der männlichen Leitlinie, scheitern aber oft an dem sich gestaltenden Widerspruch zum Gemeinschaftsgefühl und werden nur mehr in der Erinnerung tendenziös übertrieben, um vor einer Aus- führung zurückzuschrecken.

Mit Vorliebe bedient sich die Nervosität der mangelhaften Organ- leistungen, der Kinderfehler, des Krankheitsgefühls überhaupt, einerseits um das Persönlichkeitsgefühl des Patienten, — meist nach Art einer trotzigen Revolte, — gegenüber den Forderungen elterlicher Autorität, später des Lebens zu sichern, andererseits um, — nach Art einer kunst- vollen Obstruktion, — Entscheidungen und Zusammenstösse, die der männlichen Fiktion gefahrvoll werden könnten, hinauszuschieben, gewisse Kampfpositionen aufzugeben, um wichtigere halten zu können. Ja, der Nervöse wird häufig kleine Niederlagen suchen, sie künstlich sogar herbei- führen oder gefahrvolle Ausblicke schaffen, um daraus die Berechtigung für sein neurotisches Handeln und seine Vorsicht abzuleiten. Bei neu- III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose. 53 rotisch festgehaltenen Kinderfehlern darf man stets auf besonderen Trotz und starke Aggression gegen Vater oder Mutter gefasst sein.

Zwangsmässiges Suchen nach Verständnis der äusseren Schwierig- keiten, Versuche, sie zu überwältigen, zu beherrschen, zu bekämpfen, Geringschätzung und Entwertung des Lebens und seiner Freuden oder Flucht vor ihnen charakterisieren so die eine Seite der Neurose. Dabei kommt recht häufig zutage, dass der Patient vom Leben, von der Arbeit, von der Liebe und Ehe in glühendster Begeisterung, aber platonisch schwärmt, während er sich heimlich durch die Neurose den Zugang zu ihnen verrammelt, um auf begrenzterem Terrain, in der Familie, beim Vater oder bei der Mutter sein Herrschergefühl zu sichern.

Dieser nach aussen gewendete, ängstlich vorsichtige Blick des Neurotikers, zur Wahrung der leitenden Fiktion bestimmt, ist regel- mässig auch von einer höheren Intensität der Selbstbeobachtung begleitet. Zuweilen ist in einer Situation psychischer Unsicherheit die personifizierte, vergöttlichte Leitidee als zweites Selbst, als innere Stimme, analog dem Dämon des Sokrates warnend, anfeuernd, strafend, beschul- digend anzutreffen. Und was uns der Neurastheniker, der Hypochonder gar berichten, wie sie im eigenen Innern wühlen, wie scharf sie alle Akte ihres Lebens kontrollieren und begleiten, gilt für den Nervösen überhaupt. Die Selbstbeobachtung kann zur Abgrenzung des Kampf- platzes führen, indem sie sich der Äusserungen von Krankheitsfurcht bedient, wobei der Nervöse jederzeit in der Lage ist, den sichernden Rückzug anzutreten. Sie muss als wirksam gedacht werden, wenn die primitiven Sicherungen der Angst, der Scham, der Schüchtern- heit, die komplizierten des Ekels, des Gewissens, der nervösen Anfälle die Ahnung einer Niederlage begleiten, um das Persönlichkeitsgefühl nicht unter das geforderte Niveau sinken zu lassen. Selbstbeobachtung und Selbsteinschätzung, immer von der leitenden Fiktion gereizt und ver- stärkt, damit eine Operationsbasis geschaffen und die Aggression eingeleitet werde, aktivieren sofort die nervösen, prinzipiellen Charakterzüge des Neides, Geizes, der Herrschsucht usw. Im fortwährenden Messen und Ringen des Nervösen um seine eigene Geltung, gegen die Geltung des anderen, spielt seine gesteigerte Selbstbeobachtung mit, sie gibt dem Vorausdenken und der Phantasie Winke, und verkündet ihre An- wesenheit, wenn der Patient der Entscheidung ausweicht oder zu dem gleichen Zwecke sich dauernd dem Zweifel ergibt. Dass alle diese Selbstbeobachtungen aus dem Gefühl der Unzulänglichkeit stammen und von diesem erzwungen werden, ist ebenso leicht zu verstehen, als dass sie schliesslich ihr Ziel erreichen, auf das sie eigentlich hingearbeitet sind: die Vorsicht. So ist die Selbstbeobachtung im selben Masse Ver- zögerung, Egoismus, Grössenwahn, Treppenwitz, Zweifel, Kleinheitswahn und berührt sich mit allen anderen Phänomenen, die vom Gefühle der Minderwertigkeit aus angeregt werden; insbesondere dient sie zur Ver- stärkung und Kontrolle der „männlichen Protestcharaktere" wie Mut, Stolz, Ehrgeiz usw., ebenso auch zur Vertiefung aller Sicherungstendenzen wie der Sparsamkeit, der Genauigkeit, des Fleisses, der Reinlichkeit. Sie beeinflusst die Aufmerksamkeit und dient auch zur Lenkung derselben, so dass sie im Netz der Sicherungstendenzen eine hervorragende Stellung einnimmt. Ihre Ergebnisse allerdings sind ten- denziös gefälscht. Es wäre weit gefehlt, sie als libidinös oder lustbringend anzusehen. Ihre Funktion ist vielmehr, alle Eindrücke der Aussenwelt 54 III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose.

tendenziös zu gruppieren und unter einen einheitlichen Text zu bringen, dergestalt, dass die primäre Unsicherheit des Individuums sozusagen mathematisch oder statistisch, nach Massgabe einer Wahrscheinlich- keit, vor Entlarvung gewahrt bleibe, dass das Individuum einer Nieder- lage entgehen könne. In der „Neurotischen Disposition" (1. c.) habe ich zum ersten Male diese Dynamik der Neurose hervorgehoben, und die Aufgabe der vorliegenden Arbeit ist es, sie vertieft und erweitert darzustellen. Die geweckte und vertiefte Selbstbeobachtung liegt also auf dem Wege zur Neurose, mag sie auch in der Philosophie, Psycho- logie und Selbsterkenntnis zuweilen herrliche Früchte tragen. Sie ist die von der Realität der Welt durch einen Fehlschuss sich entfernende Privatphilosophie des Neurotikers, dessen Wahn, — durch Analyse korrigierbar, — die ihr wertvolles Analogon im rvw&i oavtöv des er- habenen Philosophen hat. Der scheinbar unkorrigierbare Wahn in den Grübeleien und phantastischen Selbstbeobachtungen des Psychotikers, der um vieles leichter als arrangierter Wahn zum Zwecke der Sicherung des Persönlichkeitswertes zu durchschauen ist, lehrt uns dwi Wahn in den Selbstbeobachtungen des Neurotikers verstehen.

Das Streben des Nervösen nach Sicherheit, seine Sicherungen selbst können demnach nur betrachtet werden, wenn man den ursprüng- lichen, entgegengesetzten Wertfaktor der Unsicherheit mitbetrachtet. Beides sind Ergebnisse eines nach Gegensätzlichkeit gruppierenden Urteils, welches in Abhängigkeit von dem fiktiven Persönlichkeitsideal geraten ist, das aber tendenziöse, „subjektive" Wertungen darbietet. Das Ge- fühl der Sicherheit und das seines Gegenpols der Unsicherheit, ein- geordnet dem Gegensatzpaar von Minderwertigkeitsgefühl und Persön- lichkeitsideal, sind wie das letztere ein fiktives Wertpaar, ein psychisches Gebilde, von welchem Vaihinger hervorhebt, „dass in ihnen das Wirkliche künstlich zerlegt ist, dass sie nur zusammen Sinn und Wert haben, einzeln aber durch Isolation auf Sinnlosigkeit, Widersprüche und Scheinprobleme führen". In der Analyse von Psychoneurosen kommt nun regelmässig zum Vorschein, dass sich diese Gegensatzpaare analog dem real gefassten „Gegensatz" von „Mann — Frau" zerlegen, so dass Minderwertigkeitsgefühl, Unsicherheit, Untensein, Weiblichkeit auf die eine Seite der Gegensatztafel, Sicherheit, Obensein, Persönlichkeitsideal, Männlichkeit auf die andere Seite gelangen. Die Dynamik der Neurose kann demnach so betrachtet Averden, wird auch in ihren Ausstrahlungen auf die Psyche des Nervösen von diesem oft so erfasst, als ob der Patient sich aus einer Frau in einen Mann verwandeln wollte. Diese Bestrebungen ergeben in ihrer bunten Fülle das Bild dessen, was ich männlichen Protest genannt habe.

Die Stärke des männlichen Einschlags im Kulturideal sowohl, wie insbesondere in der fiktiven Leitlinie des Nervösen, die wir im Wollen, Handeln, Denken, Fühlen unserer Patienten, in ihren Einstellungen zur Aussenwelt, in ihren Vorbereitungen fürs Leben und in ihren Bereit- schaften, in jedem Charakterzug, in jeder physischen und psychischen Geste finden, — die die Kraft des Aufschwungs gibt und die Linie des Lebens nach oben richtet, — lässt erraten, dass am Beginne der psy- chischen Entwicklung ein Mangel an solcher Männlichkeit empfunden wurde, und dass das ursprüngliche Minderwertigkeitsgefühl des konsti- tutionell beeinträchtigten Kindes aus diesem Gegensatz heraus auch als weiblich gewertet wird. Was immer dem Minderwertigkeitsgefühl III. Kapitel. Die verstärkte Fiktion als leitende Idee in der Neurose. 55 zugrunde lag, — wenn die starke neurotische Sicherung durch Aufstellung der männlichen Fiktion eingeleitet wird, fällt der supponierte Grund der kindlichen Unsicherherheit, und diese selbst wird infolge der neurotischen gegensätzlichen Gruppierung als weiblich gewertete Erscheinung empfunden. Die Empfindung der Kleinheit, der Schwäche, der Ängstlichkeit und Unbeholfenheit, der Krankheit, des Mangels, der Schmerzen, der Weich- heit löst dann im Neurotiker Reaktionen aus, als ob er sich gegen eine ihm innewohnende Weiblichkeit zur Wehre setzen, also männlich und stark reagieren müsste. In gleicher Weise erfolgt diese Antwort, reagiert die Affektbereitschaft des männlichen Protestes gegen jede Herabsetzung, gegen das Gefühl der Unsicherheit, der Verkürztheit, der Minderwertig- keit, und der Nervöse zeichnet, um den Weg zur Höhe nicht zu ver- fehlen, um die Sicherung vollkommen zu machen, konstant wirkende Leitlinien für sein Wollen, Handeln und Denken in Form der Charakter- züge in die weiten, chaotischen Felder seiner Seele. Meist findet man die Charakterzüge geradlinig zum männlichen Ideal hinstreben, bei männlichen und weiblichen Patienten; entsprechend den früheren Dar- legungen ergaben sich aber, insbesondere nach einer entscheidenden Niederlage des Patienten, die uns schon bekannten neurotischen Umwege, Anfälle und Anfallsbereitschaften, deren psychologische Aullösung und Einordnung in das Gesamtbild wieder den Zug zur Erhöhung des männ- lichen Persönlichkeitsgefühls aufweisen, wenngleich sie äusserlich und oberflächlich genommen oft als Zaghaftigkeit, Angst, als unmännlich erscheinen, ebenso als Flucht oder als Rückzug vor dem Leben angesehen werden können! Die einfache Frage betreffs der Beharrlichkeit der oft weither geholten Kunstgriffe in Form der neurotischen Symptome lässt uns verstehen, dass in diesen letzteren Fällen nicht eine Entscheidung gefallen, sondern dass das ursprünglich konstruierte, fiktive männliche Leitziel nach wie vor wirksam ist, und dass eine kulturelle Einfügung, Ruhe und Zufriedenheit nicht aufkommen kann, weil das Ziel zu hoch angesetzt ist. Die „weiblichen" Linien erscheinen dann wie ein erster Akt, auf den ein zweiter „männlicher" folgt. — Durch gewisse Unsicherheiten des Kindes betreffs seiner eigenen Geschlechtsrolle wrird der männliche Einschlag in der leitenden Fiktion namhaft verstärkt. In der Tat kann man bei allen Kindern das un- geheure Interesse für Geschlechtsunterschiede in meist verdeckter Form durchbrechen sehen. Die einheitliche Kleidung der Kinder in den ersten Lebensjahren, weibliche Züge bei kleinen Knaben, männliche bei Mädchen, gewisse Drohungen der Eltern, wie: ein Knabe werde sich in ein Mädchen verwandeln, tadelnde Bemerkungen den Knaben gegenüber wie die, dass er wie ein Mädchen, Mädchen gegenüber, dass sie wie Knaben seien, können die Unsicherheit noch vergrössern, solange die Differenz der Genitalorgane unbekannt bleibt. Aber selbst bei weitest gediehener Aufklärung können durch Anomalien der Genitalien oder durch Fehlurteile Zweifel erwachen, die tendenziös festgehalten werden und immer wieder im gegensätzlichen Bilde des „Männlich oder Weib- lich" im ferneren Leben auftauchen, so dass unsere ursprüngliche Fest- stellung1), dem neurotischen Zweifel liege der Zweifel an der eigenen Geschlechtsrolle zugrunde, bloss in der Richtung eine Erweiterung ver- ]) „Psychischer Hermaphroditismus im Leben und in der Neurose" in „Heilen und Bilden" 1. c. und die Arbeiten in „Praxis und Theorie der Individualpsychologie".

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langt, dass die Neurose diese Zweifelslage des Patienten in der Folge als Sicherung gegen Entscheidungen festhält, um die „zögernde Attitüde" auszubauen.

Je länger die Unsicherheit an der eigenen Geschlechtsrolle besteht, um so dringlicher werden die Versuche und tastenden Vorbereitungen, in die männliche Rolle zu gelangen. So entsteht das Urbild des männ- lichen Protests, der dahin zielt, unter allen Umständen seinen Träger in die männlichste Schaustellung zu drängen, oder, wie es bei Mädchen und frühzeitig neurotisch erkrankten Knaben meist schon im 3. Lebens- jahr geschieht, die Herabsetzung in allen Formen durch neurotische Kunstgriffe zu verhindern, gleichzeitig aber geradlinige männliche Cha- rakterzüge und starke Affektbereitschaften auszubilden.

Das Vorstadium der Erkenntnis der eigenen Geschlechtsrolle, der psychische Hermaphroditismus des Kindes, besteht wohl regelmäßig. Seine Bedeutung wurde von Dessoir und von mir hervorgehoben. Dass dieses Stadium mit seinem starken, den männlichen Linien zugeneigten Streben von grösster Bedeutung für die Entwicklung der Neurose mit ihrem hoch angesetzten männlichen Leitziel und seinen Sicherungen ist, ergab mir die Analyse der Psychoneurosen. Als guter Beobachter und Kenner der Kinderseele zeigt sich Goethe, der in Wilhelm Meisters theatralischer Sendung hervorhebt: „Sowie in gewissen Zeiten die Kinder auf den Unterschied der Geschlechter aufmerksam werden und ihre Blicke durch die Hüllen, die diese Geheimnisse verbergen, gar wunder- bare Bewegungen in ihrer Natur hervorbringen, so war's Wilhelmen mit dieser Entdeckung; er war ruhiger und unruhiger als vorher, deuchte sich, dass er was erfahren hätte, und spürte eben daran, dass er gar nichts wisse."