SigPhi · Alfred Adler

Über den nervösen Charakter

German

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Haltung, Mimik und Geberde und in jenem psychischen Geschehen, dessen 5* 68 1. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw.

Ausdruck die Neurose ist. So kommt es, dass immer wer aus der Um- gebung den schlechten Charakterzug des Neurotikers kennt, freilich ohne den ganzen Ernst der Situation zu verstehen.

Bezüglich der Frage der Vererbung derartiger Charakterzüge, ja auch ihrer antagonistischen Anordnung % stellt sich in der Regel heraus, dass sie als sekundäre Leitlinien nach dem Bilde des Vaters, der Mutter oder stellvertretender Personen erworben und keineswegs an- geboren sind. Die neurotische Psyche findet sie im eigenen oder in einem vorbildlichen Material vor, als welches für viele Fälle auch das Doppelspiel, die Bewusstseinsspaltung der menschlichen Gesellschaft zu gelten hat. Der Kunstgriff der Neurose aber ist es dann, die für den fiktiven Zweck der Persönlichkeitserhöhung oft un- geeigneten, feindseligen, aggressiven Züge zu verbergen, zu verändern, den gleichen Zweck vielmehr noch intensiver auf Umwegen, oft durch entgegengesetzte Charakterstimmungen und durch neurotische Symptome zu erreichen. Man überzeugt sich dann leicht, dass die über- triebene Freigebigkeit solcher Patienten dem gleichen Ziel des „Willens zur Macht" gehorcht, dem sich der Kranke auch durch Steigerung seines Aggressionstriebs, seiner Begehrlichkeit, seiner Sparsamkeit zu nähern versucht, indem er sich in der Rolle des Gebenden zeigt, während er einzig der Nehmende ist.

Einer meiner Patienten, der wegen Stotterns und Depressions- zu ständen in meine Behandlung kam, Hess für seine Umgebung nur die Züge der Freigebigkeit erkennen. Eines Tages übergab er einem In- stitut eine grössere freiwillige Spende und erzählte mir dies, indem er scheinbar unvermittelt daran die Bemerkung knüpfte, er sei heute be- sonders deprimiert. Dabei trat auch sein Stottern stärker hervor. Der verstärkte Zustand seiner Neurose erwies sich als eine Folge seiner Frei- gebigkeit, durch die er sich nun verkürzt fühlt, und man ist berechtigt, den wahren Charakter in weiteren Handlungen, Gedanken oder Tiäumen, parallel laufend den hervortretenden neurotischen Symptomen zu er- warten, weil er sich von seinem Ziel: Vermehrung des Besitz- standes, zu weit entfernt hatte. Er muss nun etwas tun, um wieder dahin — zurückzukehren. „Es war schon spät in der Mittagszeit", so erzählte er weiter, „ich verspürte starken Hunger, und zudem erwartete mich mein Freund in einer Restauration, wo wir zusammen speisen wollten. So musste ich also den (weiten) Weg dahin gehen. Mein Freund wartete noch. Nach dem Essen wurde es mir etwas besser." Das heisst, er begann sofort wieder zu sparen und ging zu Fuss, trotz Hunger, Depression und Rendez-vous. Nebenbei konnte er so den Freund warten lassen, was für viele Neurotiker die verdeckte Art ist, ihre Herrschsucht zu betätigen. Seither sah ich viele Patienten, bei denen Hunger Kopfschmerzen, Zittern, Depression und Hassgefühle auslöste. Einiges mag sicher organisch bedingt sein, die übrigen Symptome sind Proteste gegen ein durch den Hunger veranlasstes Sinken des Persön- lichkeitsgefühls, das schliesslich zu Delirien führen kann.

Die allerersten Äusserungen, Handlungen, Mitteilungen des Patienten beim Arzte enthalten oft das Wesentliche aus dem Krankheitsmechanis- mus und aus der Charakterbildung. Es rührt dies daher, weil der Patient noch nicht die Vorsichtsbereitschaft dem Arzt gegen- über besitzt. Als obiger Patient sich mir vorstellte, erzählte er mir unaufgefordert, sein Vater sei nicht wohlhabend, und er könne für die I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw. 69 Behandlung keine grossen Opfer bringen. Nach einiger Zeit kam während der Behandlung notgedrungen das Geständnis zutage, dass er mich in diesem Punkte belogen hatte, um einen geringeren Honoraransatz zu erzielen. Auch in vielen anderen Beziehungen erwies er sich als geizig. Aber gleichzeitig versuchte er sich und insbesondere andere darüber zu täuschen. Beide Züge besass auch der Vater, und unser Patient war von diesem mit besonderem Nachdruck auf die Sparsamkeit hingelenkt worden. Oft hatte man es ihm vorgesagt: rGeld ist Macht, für Geld kann man alles haben V So konnte es nicht fehlen, dass unser Patient, der bereits in der Kindheit sehr ehrgeizig und herrschsüchtig war, als er später in eine unsichere Situation geriet und das Mass des Vaters auf geradem Wege nicht erreichen zu können glaubte, unter dem Drucke seines Ehrgeizes zu dem Kunstgriff Zuflucht nahm, durch Beibehaltung eines Kinderfehlers, des Stotterns, den Vater von dessen Ohnmacht, vom Fehlschlagen seiner Erziehungspläne zu überzeugen. Er verdarb durch das Stottern dem Vater das Spiel, weil er nicht der erste sein, weil er ihn nicht überflügeln konnte. Gleichzeitig sorgte er so für seine Enthebung, um den Gott, den er im Busen trug, nicht auf die Probe stellen zu müssen. Auch in meinen anderen Fällen von Stottern fand sich dieses Symptom als Ausdruck des Zögerns bei ehr- geizigen Menschen, die vorübergehend oder dauernd den Glauben an sich verloren haben1).

Unsere Kultur gibt aber den Kindern grossenteils recht, die in der Ansammlung von Geld den Weg zur Macht erblicken. Also geleitet nahm sein Wille zur Macht die äussere Form der Sparsamkeit und des Geizes an, indem er diese noch überspannte. Erst der Widerspruch zwischen offenen, niedrigen Geizbetätigungen und dem Persönlichkeits- ideal, das auch mit dem Gemeinsinn rechnen muss, zwang zum Verstecken der Geizregung, mit deren Hilfe er dem Vater überlegen werden wollte, und erzwang das Stottern als Ersatz.

Im weiteren Verlaufe der Analyse zeigte sich der Ausgangspunkt seines verstärkten Strebens nach Besitz. Er litt in den ersten Lebens- jahren fast unausgesetzt an Magen- und Darmbeschwerden, die sich als Ausdrucksform einer angeborenen Minderwertigkeit des Er- nährungstraktes geltend machten. Auch in der Familie spielten Magen- und Darmerkrankungen eine grosse Rolle. Der Patient erinnerte sich sehr genau, wie oft er trotz Hungergefühls und Begehrlichkeit wohlschmeckende Speisen entbehren musste, während Eltern und Ge- schwister sie behaglich verzehrten. Wo er konnte, sammelte er Speisen, Bonbons und Früchte, um sie später schmausen zu können. In dieser Neigung zum Sammeln und Sparen sehen wir bereits die Wirkung der vorbauenden Sicherungstendenz, die beständig daran arbeitet, das Ver- kürzungsgefühl irgendwie auszugleichen.

Wie weit sie aber reicht, kann uns etwa ein konstruiertes Bei- spiel zeigen, das ich mit Analogien aus unserem Fall belegen kann. Die Gier nach Macht und folglich nach Besitz kann durch das Gefühl der Minderwertigkeit so aufgepeischt werden, dass man sie an Stellen der psychischen Entwicklung trifft, wo man sie kaum vermutet. Ein derartiger kleiner Patient wird wohl anfangs den Apfel wünschen, der J) Siehe auch Appelt, Fortschritte der Stottererbehandlung in,, Heilen und Bilden« (1. c).

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ihm verwehrt ist, wenn er dem Vater oder Bruder beim Essen zusieht. Es wird sich der Neid regen, und nach kurzer Zeit kann ein solches Kind in seinen Überlegungen und im Vorausdenken soweit sein, — aus Gleichheitsbestrebung es zu verhindern, dass der andere etwas voraus haben könnte. Es wird auch den Ausbau dieses gewiss wenig bedeutungs- vollen Wollens bald so weit vollzogen haben, dass es Vorbereitungen und Bereitschaften parat hält, es wird sich, besonders bei ursprünglicher muskulärer Unfähigkeit, das ganze Jahr im Klettern und Springen üben, um im Herbst als Meister einen Baum erklimmen zu können. Die menschliche Psyche ist nicht imstande, jederzeit über fiktive Endziele Rechnung zu legen, und so kann dieses Kind, scheinbar losgelöst von seinem Endziel, seine Bereitschaft für Sport und Gymnastik in den Dienst anderer Tendenzen stellen, die auf andere Weise dem Persönlichkeits- gefühl dienen, etwa wie unsere modernen Staaten Kriegsrüstungen be- treiben, ohne auch nur den künftigen Feind zu kennen.

Der Vater unseres Patienten konnte leicht von dem Knaben als beiläufiges Vorbild genommen werden, da er an Grösse, Kraft, Reichtum und sozialer Stellung seine Umgebung überragte. Wollte der kleine Junge aus seiner Unsicherheit heraus, in die ihn seine konstitutionelle Minder- wertigkeit gestürzt hatte, so musste er wie nach einem Plan, auf einen fixen Punkt zu, seine Vorbereitungen fürs Leben treffen. Das starke Hervortreten der Leitlinie zum Vaterideal ist be- reits ein neurotischer Zug, denn in ihm können wir die ganze Not dieses unsicher gewordenen Kindes und seine Überspannung be- greifen. Die Sicherungstendenz der Neurose führt den Patienten aus dem Bereich seiner eigenen Kräfte und zwingt ihn auf einen Weg, der aus der Wirklichkeit herausführt: 1. weil er seine Fiktion, dem Vater zu gleichen oder ihn zu übertreffen, zu seiner Aufgabe macht und nun gezwungen ist, sein Erleben der Welt unter ihrem Zwang jm formen, zu gruppieren und zu beeinflussen; 2. weil es nie ganz gelingen kann, eine derartige abstrakte Fiktion in der Wirklichkeit durchzusetzen, ab- gesehen von der Psychose; 3. weil das in solchem Falle überschätzte Ziel gleichzeitig abschreckt. Es kommt so in die Psyche des Kindes ein intensiv suchender, messender, abwägender, zaudernder Zug, von dem ich einiges hervorheben muss.

Was nach meiner Erfahrung das zu scharf gefasste Leitbild des Vaters bei neurotischen Kindern zuerst verschuldet, zeigt sich, wie ich in meinen Arbeiten gezeigt habe, beim Suchen nach der Geschlechts- rolle. Das neurotisch disponierte Kind, oder wie ich sagen kann, das Kind, das unter dem Druck eines Minderwertigkeitsgefühls steht, will ein Mann werden, — sobald die Neurose ausbricht, ein Mann sein. In beiden Fällen kann es sich nur um ein Gebaren handeln, als ob es ein Mann wäre oder werden sollte. Die verstärkte Sicherungstendenz zwingt auch in diesem Falle die Haltung des angehenden Nervösen in den Bann der Fiktion, so dass zum Teil auch bewusste Simulation zu- stande kommen kann, dass z. B. ein Mädchen, um seinem Minderwertig- keitsgefühl zu entgehen, anfänglich in bewusster Nachahmung männ- liche Gesten des Vaters entlehnt. Es liegt kein Grund vor, anzunehmen, dass sie vorerst in den Vater verliebt sein muss. Die Höherschätzung des männlichen Prinzips genügt dabei, kann allerdings zuweilen von dem Mädchen sowie von der Umgebung als Verliebtheit empfunden werden, wenn die Vorbereitung für die Zukunft in spielerischer Weise I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw. 71 eine Hindeutung auf Liebe oder Ehe verlangt. In unserem Falle setzte sich die Leitlinie zum kompensierenden Persönlichkeitsideal im Wandel ihrer Form und ihres Inhalts in ein ehrgeiziges Streben um, den Vater an Reichtum, Ansehen und, — damit im Zusammenhang, — an Männ- lichkeit zu übertreffen. Das Suchen nach der eigenen Geschlechtsrolle setzte intensiv und in typischer Weise als sexuelle Neugier ein, wobei der Patient im Gefühle seiner Minderwertigkeit die eigene Klein- heit gegenüber der Grösse des Vaters als eine herbe Zurücksetzung, als Mangel an Männlichkeit empfand. Sein Ehrgeiz, der ihm ermög- lichen sollte, von der Stufe der Minderwertigkeit aufzusteigen, zwang ihn zur Steigerung seines Schamgefühls, damit man nicht bei einer Ent- blössung seine kleinen Genitalien sehen sollte. Dazu kam noch, dass er jüdischer Abkunft war. Er hatte von der Zirkumzision manches ge- hört und hegte die Vorstellung, dass man ihn auch bei dieser Operation verkürzt habe. Sein männlicher Protest trieb ihn zur Entwertung der Frau, als ob er auf diese Weise seine Überlegenheit erweisen müsste, und er kam mit seiner Mutter in das denkbar schlechteste Verhältnis. Aber auch dem Vater gegenüber, dessen Vorliebe für ihn er durch diplomatische Anpassung nährte, hegte er feindliche Gefühle, die besonders dann zutage traten, wenn der Vater seine Überlegenheit forcierte, wozu er eine grosse Neigung hatte. In diesem Wirrwarr der Gefühle suchte er Orientierung und fand sie nur in dem Gedanken, dem Vater überlegen zu werden, männlicher zu werden wie er. So blieben ihm als Zeichen des männlichen Protestes bloss die Versuche, reicher, angesehener, klüger wie der Vater zu werden und seine Um- gebung herabzusetzen. Dieses Streben erfüllte ihn nach zahlreichen vergeblichen Versuchen mit Zaghaftigkeit und Vorsicht.

Sein Vater hatte grosse Hoffnungen auf des Patienten Rednergabe gesetzt, die sich in der Kindheit schon gezeigt hatte, hatte sich auch durch das geringfügige Stottern des Knaben nicht beirren lassen und hoffte, dass er die juristische Laufbahn ergreifen werde. Hier konnte er den Vater gleichzeitig an der wundesten Stelle treffen, und so verfiel er in immer heftigeres Stottern, eine neurotische Äusserung der Siche- rung gegen die Überlegenheit des Vaters, zu der ihm die Anregung durch einen stotternden Hauslehrer gekommen war. In der Folge bekam dieses Symptom eine Unzahl anderer Verwendungen, bei- spielsweise die, dass er durch das Stottern immer Zeit gewann, seinen Partner zu beobachten, seine Worte abzuwägen, Forderungen der Familie an ihn abzulehnen, das Mitleid anderer auszunützen und ebenso das Vorurteil, womit man nur geringe Erwartungen an ihn stellte, die er dann leicht übertraf. Interessant ist, dass ihm sein recht auffälliges Stottern in der Liebeswerbung kein Hindernis war, dass es ihn eher förderte, was von unserem Standpunkte begreiflich erscheint, nach welchen ein weit verbreiteter Typus von Mädchen von der Liebesbedingung nicht lassen kann, der Mann ihrer Wahl müsse unter ihnen stehen, damit sie ihn sicher beherrschen können.

Besonders feindselige Regungen gegen Eltern, Geschwister und Dienstboten beendete er, um der sozialen Ächtung zu entgehen, mit der Aufstellung einer neuen Leitlinien, die ihn als gütigen Menschen er- scheinen lassen sollte. Diese neue Entwicklung vollzog sich unter all- abendlicher Ablegung einer Selbstbeichte, bei der er sich seine Bösartigkeit vorwarf und Gewissensbisse arrangierte. Sein wachsendes Verständnis 72 I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw.

hatte ihn so auf einen kulturellen Umweg zur Erhöhung seines Persön- lichkeitsgefühls hingewiesen.

Der Mangel einer geradlinigen Aggression zeigte sich auch darin, dass er seinen Ehrgeiz in Gedanken und Phantasien, allerdings auch in guten Fortschritten in der Schule bewies, durch die er die meisten seiner Mitschüler besiegte. Eine zunehmende Neigung zu Sarkas- mus und Verhetzung anderer wurde jetzt der einzig sichtbare Ausdruck seiner früher oft gewalttätigen Aggression, die ihm den Spitznamen „Blutegel" eintrug. Eine wichtige Rolle spielte seine kämpferische Stellung für das Judentum, die sich in einer um das 12. Lebensjahr auftretenden Zwangshandlung widerspiegelte. Wenn er ein Schwimmbad betrat, so musste er die Genitalien mit den Händen verdecken und sofort den Kopf unter Wasser stecken, wo er ihn so lange hielt, als er bis 49 gezählt hatte, so dass er oft schwer nach Lui't schnappend und erschöpft auftauchte. Die Auflösung ergab als gedanklichen Inhalt die Bestrebung seiner Phantasie, die Gleichheit der Genitalien herzustellen. Das 49. Jahr hat in der alten jüdischen Gesetzgebung, die er kurz vorher kennen gelernt hatte, die Bedeutung des Jubeljahres, in dem alle Güter wieder gleichgemacht wurden. Einfälle dieser Art und das gleichzeitige Verstecken der Genitalien wiesen der Deutung den Weg. Man konnte nun bereits den Schluss machen, dass auch sein Stottern eine Überlegenheit wrett machen sollte, die Über- legenheit des Vaters, aller Menschen, indem es ihnen zum Hindernis, oft zur Pein wurde. Gleichzeitig erschien das Stottern ihm und der Umgebung als unverschuldete, rätselhafte Schranke seiner Leistungs- fähigkeit.

Sein Geiz, seine Sparsamkeit waren ja in der gleichen Richtung tätig, Überlegenheiten anderer aus dem Felde zu schlagen, ihn vor Demütigung und weiterer Verkürzung durch Verarmung zu sichern, und er musste diese sekundären Richtungslinien stark ausdehnen und seine Erlebnisse nach ihnen formen und werten, um zur Erhöhung seines Persönlichkeitsgefühls, zum männlichen Protest zu gelangen. Nur bei Anlässen, wo ihm durch Lautwerden dieser Charakterzüge eine Beeinträchtigung seines Selbstgefühls erwachsen wäre, unterdrückte er ihre offene Betätigung, versenkte er sie ins Unbewusste.

Es wäre eine Unding, in einer medizinisch-psychologischen Frage einen Standpunkt der Moral einnehmen zu wollen, etwa Personen wie die obige als moralisch minderwertig zu beurteilen. Diejenigen, die Neigung dazu verspüren, erinnere ich an die überaus starken, kom- pensatorischen, wertvollen Charakterzüge, im übrigen aber an die weisse Sentenz Larochefoucaulds, der also urteilte: „Ich habe nie die Seele eines schlechten Menschen untersucht, aber ich habe einmal die Seele eines guten Menschen kennen gelernt, — ich war erschüttert!"

In einem anderen Falle zeigt sich der Charakter des Geizes nicht allein als Hilfskonstruktion, um ein Gefühl der Verkürztheit zu kom- pensieren, sondern vor allem als Kunstgriff, der der Sicherungstendenz dient. Ein 45jähriger Patient, der zeitlebens an psychischer Impotenz litt und von Suizidgedanken verfolgt wrar, zeigte eine besonders starke Neigung, andere herabzusetzen. Wir kennen diesen Charakterzug aus der Schilderung des vorigen Falles, wo er, wie immer, dazu diente, das eigene Gefühl der Minderwertigkeit aufzuheben. Mit dieser Tendenz I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw. 73 sind regelmässig gesteigertes Misstrauen und Neid verbunden, die als neurotische, psychische Bereitschaften das Aufsuchen und Werten der Erlebnisse zu verfälschen haben. Auch eine Neigung, anderen in irgend einer Weise körperlichen oder seelischen Schmerz zu bereiten, wird sich dabei in versteckter Weise immer durchzusetzen wissen. Der abstrakte leitende Gesichtspunkt - des Patienten, seine herrschende Stellung zu sichern, „oben zu sein", schien offenbar bedroht und zwang zur Verstärkung fiktiver Richtungslinien. Aus der Kinderzeit kamen Erinnerungen zur Verwendung in der Neurose, denen zufolge er einem Homosexuellen fast zum Opfer gefallen wäre. Er war unter Schwestern als einziger Knabe aufgewachsen, eine Situation, die nach meiner Erfahrung das Verständnis für die eigene Geschlechtsrolle häufig beein- trächtigt, überempfindlich macht und die Selbstsicherheit bedroht. Wichtig war seine Stellung zum Vater, weil sie ihn auch zu verstärkten Sicherungen zwang. Der Vater war nämlich brutal, egoistisch, tyrannisch, so dass es dem Knaben schwer fiel, sich neben ihm in offener Weise zur Geltung zu bringen. Einige Liebesabenteuer hatten den Vater in recht schwierige Situationen gebracht, die unser Patient in seiner ent- wickelten Neurose als Memento verwendete. Sein Misstrauen wendete sich generalisierend gegen alle Frauen. Seinen Schwestern gegenüber blieb er zeitlebens aufopferungsfähig, aber diese Tatsache apperzipierte er schon mit überaus starker Empfindung und entwickelte daraus mit Tendenz Gedankengänge, wie leicht er Frauen gegenüber nachgäbe. Und er konnte auch gelegentlich in dieser Richtung weit gehen, um diesen Eindruck bei sich recht scharf hervorzuheben. Dann war er vorbereitet, sich von den Frauen zurückzuziehen, ihnen die Hingabe zu verweigern.

Aus seiner Kindheit hatte er Gefühle der Minderwertigkeit in ein sexuelles Bild gebracht. Die Ursache seiner unmännlichen Haltung, — 1 hatte ihn doch der Homosexuelle als Mädchen nehmen wollen! — suchte und fand er in einem gelegentlichen Kryptorchismus, der mit einem offenen Leistenkanal zusammenhing. Solange er den Vater zum Leitpunkt gemacht hatte, zeigte er die gewöhnlichen Vorbereitungen, ihm gleich zu werden. Er trank ihm heimlich den Schnaps aus, ver- suchte die Mutter auf seine Seite zu ziehen und wählte frühzeitig den Beruf seines Vaters, in welchem er auch seine durch das Gefühl seiner Minderwertigkeit und durch das Hinstreben zum Leitbild des Vaters gereizten sadistischen Neigungen befriedigen konnte, er wurde Fleisch- hauer. Rohe Neigungen betätigte er auch gerne an Mädchen und Frauen, er biss sie, schlug sie und nahm auch einmal an einer Vergewaltigung teil. Dieses Erlebnis aber, das ihn noch ganz in der brutalen Manier des Vaters zeigte, drängte ihn durch die drohende Konsequenz vor strafrechtlichen Folgen und durch die damit verbundene Herabsetzung seines Persönlichkeitsgefühls auf einen neurotischen Umweg. Er ver- wendete sein ohnehin gesteigertes Misstrauen gegen Mädchen dazu, sie mit eifersüchtigen Anwandlungen zu quälen, sie ganz unter seinen Einfluss zu beugen und sich auf diese Weise den Schein seiner Herrschaft zu sichern. Seine Ejaculatio praecox und die damit ver- bundene Impotenz, (ebenso wie Frigidität sichere Zeichen mangelnder Hingabe) dienten seinem Sicherungsbedürfnis ebenso wie seiner Gehässigkeit gegen die Frau. Mit Vorliebe versuchte er ver- heiratete Frauen zu verführen, um ihnen durch seine Impotenz Ent- 74 I. Kapitel. Geiz, Misstrauen, Neid, Grausamkeit usw.

täuschungen zu bereiten, gleichzeitig aber, um in spielerischer Weise Bestätigungen zu erlangen, dass „alle Frauen" schlecht seien. Auch in Zwangsideen äusserte sich diese Neigung, weh zu tun. So hatte er während der Kur noch Anwandlungen, eine Sprachlehrerin während des Unterrichts zu beissen und zu schlagen, weil ihm Gedanken aufgetaucht waren, sie hätte einen Geliebten, den sie ihm vorzöge. Diese sadistische Reaktion auf ein Gefühl des Unterliegens, als männlicher Protest gegen die Empfindung, unmännlich, weich zu sein, stammt aus der Kindheit und durchzieht seine ganze Neurose. Es war nicht schwer, nachzuweisen, dass seine Impotenz in gleicher Weise dem Endzweck gehorchte, einen Weg zu finden, um der Liebeshörigkeit, der Unterstellung unter ein Weib zu entkommen, eine Tendenz, die aber ihre Fortsetzung darin fand, immer wieder Frauen auf irgend eine Weise herabzusetzen. Als er bei seiner Lehrerin keine Aussicht zu reüssieren hatte, verliess er sie brüsk, da er wusste, dass das Mädchen auf Stundengeben an- gewiesen war. Vorher aber stellte er kritische Berechnungen über die Kosten seiner Sprachstunden auf, fand sie für seine Verhältnisse un- erschwinglich, was 'als falsche, tendenziöse Wertung des sehr wohlhaben- den Mannes deutlich in die Augen sprang. — In gleicher Richtung verwendete er gelegentlich auftauchende Erinnerungen an inzestuöse Ge- danken, um sich seiner Schwäche, seiner verbrecherischen Neigung, so- bald Frauen ins Spiel kamen, mit Schrecken bewusst zu werden. So stellte er eine Operationsbasis her, von der aus er sich vor dem weib- lichen Geschlechte sichern musste, wodurch ihm eine dauernde Über- legenheit im Leben gewährleistet schien.

Der tiefste Kern seines Zwangs zur Sicherung vor der Frau war, er könnte in der Ehe, in der Liebe Enttäuschungen erfahren, die er seiner Unmännlichkeit zugeschrieben hätte. Da er sein neurotisches Ziel im Beweis seiner Macht suchte, musste er vorsichtig und zu neu- rotischen Umwegen geneigt werden. Auch bei diesem Patienten lagen frühzeitige Magen-Darmstörungen vor und als peripheres Minderwertig- keitszeichen der fatale Leistenbruch und der Kryptorchismus. Bei seiner Art der Liebesbetätigung bot sich der übertriebene Geiz als das brauchbarste Mittel zur Sicherung gegen eine zuweitgehende Hingabe. Sollte aber dieser Geiz etwas leisten können, so musste er den ganzen Kreis seiner Lebensbeziehungen umfassen und allgegenwärtig sein. Er musste selbst wieder gestützt und durch allerlei Winkelzüge befestigt werden. Unter anderem geschah dies durch das Arrangement von Zwangsgedauken. Wenn er ein Automobil benützte, kam ihm der Ge- danke, es könnte oder möge ein Zusammenstoss erfolgen. Ein näheres Eingehen auf diese Zwangsidee ergab, dass er nicht im Entferntesten an diese Möglichkeit glaubte, dass er aber, auf seine Phobie gestützt, allen teuren Fahrgelegenheiten auswich. Ja sogar, wenn er eine längere Strecke mit der Trambahn fuhr, kam ihm am Ende der billigeren Zone der Gedanke an einen Zusammenstoss oder an das Einstürzen einer zu befahrenden Brücke, so dass er fast immer den geringeren Fahrpreis bezahlte, einige Heller ersparte und den Rest des Weges zu Fuss ging. Er war auf der Linie, sich jede Ausgabe zu verbittern, gleichzeitig auch den Kreis seiner Leistungsfähigkeit einzuschränken.