22 schloß sich ein nennenswerter Teil der belgischen Kohlen- grubenarbeiter ihnen an. Andere Beispiele oder Versuche internationaler Streiks finden sich in Industrien, die sich in Grenzgebieten benachbarter Länder angesiedelt haben, wie z. B. die Stickerei im österreichischen Vorarlberg und den schweizerischen Kantonen Appenzell und St. Gallen. Es leuchtet aber ein, daß Streiks wie die letzteren faktisch auf gleicher Stufe mit den Distrikts- oder Provinzstreiks ran- gieren. Die Internationalität bedeutet da keine quantitative Steigung über den Umfang des nationalen Streiks hinaus.
Über Berufsgrenze und Ort hinaus greifen insbesondere diejenigen Streiks, die entweder nicht rein gewerblichen, sondern mehr gewerbepolitischen Zwecken dienen sollen oder direkt politische Zwecke haben. Überhaupt fällt die geographische oder berufliche Ausdehnung des Streiks in der Regel mit er- weiterten sozialpolitischen Zwecken zusammen. Streiks um die bloße Höhe des Lohnsatzes überschreiten selten die Ortsgrenze.
Der Streik unter dem Gesichtspunkt von Ursache und Zweck JM allgemeinen, wenn auch nicht immer, ist der Zweck des Streiks entweder öko- nomische oder rechtlich -soziale Besser- stellung oder eine Kombination von beiden.
Gelegentlich kommt es allerdings vor und ist es namentlich in der vorkapitali- stischen Epoche oft geschehen, daß Arbeiter die Arbeit ledig- lich aus dem Grunde niederlegten, um irgendwelche innere Erregung auszulösen: Unwillen über Benehmen des Meisters oder sonstiger Vorgesetzten, Abneigung gegen die Natur der 23 ihnen zugemuteten Arbeit, Erbitterung über Verletzungen des gewerblichen Herkommens u. dergl. In der Zeit des Aufkommens der Fabrik war der Streik, wie es scheint, manchmal nur ein Auf bäumen der noch nicht völlig dressierten Menschennatur gegen die triste Einförmigkeit der Fabrik- arbeit, ein Ausbruch urwüchsigen Hanges zur Freiheit gegen die Unterjochung unter die automatische Maschine und die Dis- ziplin der Fabrik. Daß bloßer Übermut oder Rachsucht gleich- falls Anlässe zur Arbeitseinstellung werden können, ist selbst- verständlich und soll daher auch nicht verschwiegen werden.
Auf der Grenze zwischen dem Streik aus Stimmungs- reflexen und dem Streik zur ökonomischen Besserstellung stehen die im späteren Mittelalter und der vorkapitalistischen Epoche nicht seltenen Streiks von Handwerksgesellen behufs Änderung der verabfolgten Kost. Das eine Mal han- delt es sich da nur um stärkere Abwechslung, das andere Mal aber tatsächlich um Verbesserung der Kost, die indes selbst nach den Angaben der Gesellen meist kräftiger war, als die Kost der großen Masse der Lohnarbeiter unserer Tage.
Die dem Mittelalter angehörenden Arbeitseinstellungen um den Platz in der Kirche und die Stelle in den Prozessionen sind, wie schon bemerkt, den Streiks um die soziale Hebung oder Behauptung verwandt. Denn nach dem Platz in der Kirche und in der Prozession bemaß sich das soziale Ansehen der Körperschaft. Nicht wenige Arbeiter- kämpfe des Mittelalters drehen sich um die Zahl der den Gesellen zugebilligten Feiertage.
Mit dem Eintritt der neueren Zeit bilden einen häufigen Anlaß zu Streiks die Bestrebungen zur Einführung neuer Produktionsmethoden. Welcher heftige Widerstand gerade von seiten der Handwerksgesellen der Einführung der ersten 24 Maschinen entgegengesetzt wurde, ist bekannt. An kon- servativer Gesinnung gab der Handwerksgeselle dem Zunft- meister nichts nach, wenn er ihn nicht überbot. Er er- blickte in der Maschine nur die Feindin, die ihm und seinem Kollegen das Brot vom Munde fortzunehmen drohte. Geht man von dieser seiner Vorstellung aus, von dem Zweck, der seinem Bewußtsein vorschwebte, so war der Streik des Arbeiters gegen die Einführung der Maschine oder gegen Än- derung der Produktionsmethode in 99 Prozent der Fälle ein Streik um Sicherung der Arbeitsgelegenheit und des Lohnes. Unter diesem Gesichtspunkt hat er namentlich in England noch in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahr- hunderts eine Rolle gespielt und ist er auch jetzt noch nicht ausgestorben. Zugleich ist aber in neuerer Zeit von Arbeitern wiederholt die Einführung von vervollkommneten Maschinen verlangt und die Nichterfüllung dieser Forderung mit Einstellung der Arbeit beantwortet worden.
Ein doppeltes Gesicht trägt auch der Streik gegen Ver- wendung von bestimmtem Arbeitsmaterial. Es ist nur begreiflich, wenn Arbeiter sich gegen Verwendung von Material auflehnen, das die Arbeit ungewöhnlich ekel- erregend, schädlich oder langwierig macht. Ihr Widerstand liegt im letzteren Falle um so mehr in der Natur der Sache, wenn sie nach Stück oder Werk entlohnt werden. Es kommt aber auch vor, daß Arbeiter die Verarbeitung bestimmten Materials lediglich deshalb verweigern, weil die Qualität ihrer Arbeit darunter leiden würde.
Die große Mehrheit der Streiks der Gegenwart aber dreht sich um die drei Punkte: Lohnfrage, Frage der Arbeitszeit, Frage des Arbeitsrechts.
In der Lohnfrage handelt es sich nicht nur um die 25 Sicherstellung einer bestimmten Lohnhöhe, sondern sehr häufig auch um die Löhnungsart: ob Zeitlohn oder Werk- lohn und welches System des Werklohnes*), um die Nor- mierung von Ortszuschlägen zum bestehenden oder ge- forderten Normal- oder Mindestlohn und die Festsetzung von Zuschlägen für Arbeit unter besonderen Umständen (Arbeit auf entlegenen Arbeitsplätzen, auf Probefahrten und außerhalb der normalen Arbeitsstunden oder über diese hinaus). Ein sehr bedeutsames Objekt des Kampfes der Arbeiterklasse und je nachdem also auch von Streiks ist in neuerer Zeit die Forderung ausgearbeiteter örtlicher oder selbst nationaler Lohntarife und der Festlegung bestimm- ter Methoden der Lohnberechnung geworden.
Bei der Frage der Arbeitszeit steht die Verkürzung der normalen Arbeitszeit auf ein bestimmtes, die vor- zeitige Erschöpfung der Arbeitskraft ausschließendes und dem Arbeiter einen Genuß seiner Mußezeit freilassendes Maß natürlich im Vordergrund. Gegebenenfalls kommt hinzu die genaue Normierung der Arbeitsstunden und Arbeits- pausen, die Bestimmung von Feiertagen und — in neuerer Zeit — auch eines jährlichen Urlaubs. Eine nicht geringe Rolle im Kampf um die Arbeitszeit spielt ferner die Frage der Überzeitarbeit. Das Bestreben der organisierten Arbeiter geht darauf hinaus, sie ganz zu beseitigen. Ist dies nicht zu erzielen, so wird durch Verhandlung oder Streik folgendes durchzusetzen gesucht: Beschränkung der Überstundenarbeit auf ein Maximum pro Tag, Woche und *) Unter Werklohn als Sammelbegriff sind hier alle Löhnungs- arten verstanden, bei denen die Menge oder Güte der Leistung den wesentlichen Maßstab für den Lohn bildet, wie Akkordlohn, Stück- lohn, Prämienlohn etc.
26 Jahr, und so wesentlich erhöhte Bezahlung der Überzeit- arbeit, daß der Anreiz, zu ihr zu greifen, bei den Unter- nehmern sehr abgeschwächt wird.
Der Streik um das Arbeitsrecht betrifft prinzipiell die Rechtsstellung des Arbeiters als Persönlichkeit gegenüber dem Arbeitgeber oder dessen Vertreter (Werkführer etc.) und äußert sich praktisch meist zunächst in der Forderung der Arbeiter, den Arbeitgebern als organisierte Kollektivi- tät gegenübertreten zu dürfen, d. h. er dreht sich um An- erkennung der Organisation der Arbeiter als zuständige Instanz für Abmachungen, die das Arbeitsverhältnis aller betreffen.
Die Rechtsstellung des Arbeiters gegenüber dem Arbeit- geber findet ein äußerliches Merkmal schon in der Form der Anrede. Die Abschaffung des Duzens der Arbeiter durch den Arbeitgeber, das im alten Handwerk allgemein üblich war, ist dort, wo diese Sitte nicht von selbst in Weg- fall kam, wiederholt auch bei Streiks als Forderung aufge- stellt worden. Wir finden die Forderung in Deutschland noch in den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts auf Streikerklärungen.
Denselben Charakter trägt die Forderung der Abschaf- fung des Einliegens als Kostgänger beim Prinzipal. Der Arbeiter wird erst dann vor sich und anderen zum mündigen Staatsbürger, wenn er nicht mehr beim Prinzipal in Kost und Logis ist. Der Streik richtet sich daher auch gegen die Reste des Einliegerwesens.
Des weiteren prägt sich die Rechtsstellung des Arbeiters im System der Disziplinarmittel für die Aufrecht- erhaltung der Ordnung in Werkstatt und Betrieb aus. So- weit hier nicht die Gesetzgebung der Unternehmerwillkür Riegel vorgeschoben hat, ist der Streik eines der Mittel, 27 sie bei Festsetzung und Durchführung von Arbeitsordnungen auszuschließen.
Aber nicht nur bei solchen Überbleibseln aus dem alten Zunftrecht, sondern bei scheinbar rein ökonomischen oder ökonomisch begründeten Beziehungen und Vorgängen, wie Anstellung im Geschäft, Auswahl der Personen für be- stimmte Arbeiten, Auswahl bei Entlassungen und dergleichen, stoßen wir auf die größten faktischen Widersprüche gegen den Begriff eines der Idee der freien Persönlichkeit ent- sprechenden Arbeiterrechtes. Hier an Stelle der Willkür des Arbeitgebers, die sich so oft in Günstlingswirtschaft, Be- stechung von Zwischenpersonen, Kriecherei und Angeberei in der Werkstatt übersetzt, die Willkür ausschließende Normen zu setzen und ihre Durchführung zu überwachen, wird auf vorgerückter Stufe eine der vornehmsten Aufgaben der Arbeiterorganisationen und so gegebenenfalls Objekt von Streiks. Hierher gehört insbesondere auch der Kampf um den Arbeitsnachweis, der immer größere sozialpolitische Bedeutung erlangt. Wie der Arbeitsnachweis beschaffen ist, so sieht in Realität das Arbeitsrecht aus.
Soziale Form und Entwicklung des Streiks urwüchsigste Form des Streiks, sozu- seine Form als Elementarerschei- ist die Augenblickskoalition bisher unorganisierter oder mangelhaft organi- Arbeiter. Selbst im Mittelalter und Spätmittelalter, wo die Handwerksgesellen ihre Brüderschaften hatten, trug die Ar- beitseinstellung wesentlich diesen Charakter, denn die Brüder- schaft war keine Kampforganisation, sondern nahm höchstens 38 in gespannten Situationen einen Kampfcharakter an, wobei aber Taktik und Strategie des Kampfes eben doch improvisiert wer- den mußten. Letzteres, die Improvisierung der Kampfformen und Kampfmethoden, herrscht in der Ära des aufkommen- den kapitalistischen Industrialismus durchaus vor. Über- all waren die mittelalterlichen Gesellenverbindungen ge- sprengt, das Verbindungswesen der Arbeiter gesetzlich ein- geengt oder ganz unterdrückt, der Arbeiter überhaupt vor dem Gesetz ein Unmündiger, und sein Leben unstät. Aus den althergebrachten Verhältnissen herausgerissen, den Anforde- rungen der neuen weder geistig gewachsen, noch für sie materiell ausgestattet — man denke an die elenden Arbeiter- quartiere der emporwachsenden Industriestädte —, war der Arbeiter der Epoche halb Knecht, halb Rebell. Er hatte, wenn man es so ausdrücken darf, sein Niveau noch nicht gefunden, und ebensowenig wußten ihn die anderen Klassen unterzubringen. Jede selbständige Regung seinerseits er- schien ihnen als eine Auflehnung, als Akt verwerflicher Unbotmäßigkeit, und nicht viel anders erschien sie ihm selbst. Infolgedessen erhält jeder Streik einen revolutionären Anstrich. Wird er vorbereitet, so unter der Hand, in Formen, die Verschwörungscharakter tragen, und mit den moralischen Rückwirkungen der Verschwörung. Bricht er unter dem Einfluß irgendwelcher provozierender Vorkomm- nisse als Elementarereignis aus, so ruft er die höchsten Leidenschaftserregungen hervor. In beiden Fällen verläuft er selten ohne Gewalttätigkeiten jener Art, für die Carlyle das Wort „wilde Justiz“ geprägt hat. Auf dieser Stufe ist der Streik das einzige Hilfsmittel des Arbeiters, sich gegen die Zufälle des Marktes und die Übergriffe des Unternehmer- tums zu wehren, die Streikverbindung ist Koalition ad hoc. 29 Vom Bedürfnis des Augenblicks ins Leben gerufen, ver- schwindet sie nach beendetem Kampf fast ebenso schnell von der Bildfläche. Dies um so mehr, als die meisten der hierhergehörenden Streiks entweder verloren gehen oder nur kurzlebige Erfolge erzielen. „Eine lange Reihe von Niederlagen, unterbrochen von einzelnen wenigen Siegen“ — so bezeichnet Friedrich Engels 1844 in der „Lage der arbeitenden Klassen“ die Kämpfe der ersten modernen Arbeiterkoalitionen. Es ist wie ein wildes Umsichschlagen, bei dem unmäßig viel Spannkraft vergeudet wird und dem um so größere Abmattung folgt.
Der typische Verlauf solcher Streiks ist etwa der folgende. Beim Ausbruch des Streiks wird ein Komitee ernannt, das den Streik vor der Öffentlichkeit leitet, die Sammlungen entgegennimmt, die Unterstützungen verteilt, mit den Unter- nehmern zu verhandeln sucht. Ist dem Streik eine ge- heime Agitation vorhergegangen, so wird das Komitee, das diese geleitet hatte, gewöhnlich auch das offizielle Streik- komitee; kommt er den Arbeitern selbst überraschend, dann wählen oder akzeptieren sie ein Komitee von Kollegen, die ihnen als energisch und schreib- oder redegewandt be- kannt sind oder von bekannteren Kollegen als solche vor- geschlagen werden. Denn auch ohne jede Art von Organisation besteht doch fast überall soviel Verkehr unter den Arbeitern der einzelnen Berufe miteinander, daß, wer von ihnen sich durch irgend welche Eigenschaften auszeichnet, auch einem weiteren Kreis von Kollegen bekannt wird. In der Mehr- heit der Fälle lassen sich die Unternehmer nicht herbei, mit diesem Komitee zu verhandeln; selbst wenn sie sich zu Zugeständnissen verstehen, bewilligen sie sie zehnmal eher von Fabrik zu Fabrik den Arbeitern direkt, als einem 30 30 im Namen aller Arbeiter agierenden Komitee. Geht der Streik verloren, was, wie bemerkt, auf dieser Stufe meistens der Fall ist, so sind die Mitglieder des Komitees die ersten, die gemaßregelt werden; aber auch bei relativem Erfolg sind sie gewöhnlich für Maßregelungen vorgezeichnet. Den Unternehmern, sowie der öffentlichen Meinung, die auf dieser Entwicklungsstufe fast noch völlig auf seiten der Unternehmer steht, sind sie Aufwiegler, Hetzer, Rädels- führer, und da Streiks dieser Art selten ohne Gewaltakte verlaufen, werden sie obendrein gern als Anstifter dieser verantwortlich gemacht und strafrechtlich verfolgt. Zum Streikführer eignet sich unter diesen Umständen am besten, wer nichts zu verlieren oder sonst alle Schiffe hinter sich verbrannt hat.
Wenn ein Streik verloren geht, so erscheint Geldmangel fast immer als die Hauptursache der Niederlage. Beim ele- mentarisch eintretenden Streik ist sie es auch gewöhnlich. Es ist unmöglich, die Summen, die zur Unterstützung der Streikenden erforderlich sind, im Moment des Kampfes selbst aufzubringen. Die Streikunterstützung ist von Anfang an gering und versagt sehr bald gänzlich, so daß fast jeder Streik große Entbehrungen im Gefolge hat und trotz des größten Heroismus ein Streik nach dem andern verloren geht. Aus dieser Erfahrung heraus erwächst das Bestreben, der Koalition dauernden Charakter zu geben und mittels regel- mäßiger Beiträge Fonds zur Kriegsführung anzusammeln, und es entsteht die Elementarform der modernen Gewerkschaft. Sie ist überall in erster Linie Streik- vereinigung, der Streik ihr eigentlicher Zweck. Was sie sonst sich als Aufgabe stellt, ist nur Mittel zum Zweck, bestimmt, die Wehrkraft der Koalition zu erhöhen und die 3i gewonnenen Mitglieder fester an sie zu ketten. In den meisten Gewerben ist es auch im Anfang gewöhnlich herz- lich wenig und beschränkt sich neben Vorkehrungen für Unterhaltung und etwas Belehrung auf die leichteren Zweige des Hilfskassenwesens: Sterbekasse, Reiseunterstützung und dergleichen. Diese erste Form der dauernden Koalition gilt vielen auch heute noch als ihre einzig richtige, ihre klassische Form, weil sie die Form der reinen Kampforganisation ist. „Wir haben keinerlei Hilfskassenunterstützungen“, erklärten in den neunziger Jahren in England die Führer des „Neuen Trade Unionismus“ mit Stolz in ihren Versammlungen, um damit den Kampfcharakter ihrer Organisationen zu dokumen- tieren, und aus dem gleichen Gefühl heraus sträubten sich viele deutsche Gewerkschaften lange Zeit heftig gegen die Einführung der Arbeitslosenunterstützung in ihren Ver- einigungen. Aber eine deutsche Gewerkschaft nach der andern hat die Arbeitslosenunterstützung eingeführt, und soweit sie Bestand gehabt haben, haben sich die britischen „Neuen Trade Unions“ ebenfalls eine nach der andern zur Einführung des „friendly benefit“ verstehen müssen. Man könnte auch umgekehrt sagen, soweit sie dies letztere nicht taten, haben sie keinen Bestand gehabt.
Wie der Streik früher oder später aufhört, ausschließ- licher Zweck der gewerkschaftlichen Koalition zu sein, wenn er auch noch lange ihr vornehmster Zweck bleibt, so hört er auch früher oder später auf, ihr ausschließliches Kampf- mittel zu sein und wird auch hier zu einem Mittel unter vielen, wobei er jedoch lange primum inter multa bleibt. Je fester der Bestand der Gewerkschaft und je größer die Zahl der Berufsgenossen, die sie umfaßt, um so mehr Mittel findet sie, sich Anerkennung und ihren Forderungen Gehör 32 zu verschaffen. Der Typus ihrer Führer wird ein anderer; ein komplizierter, viele Kräfte in Anspruch nehmender Ver- waltungsorganismus breitet sich aus, ihr Ansehen in der öffentlichen Meinung wächst und sie vermag schon hin und wieder, diese gegen die Unternehmer auszuspielen. Und zwar findet hier Wechselwirkung statt. Nicht nur der Typus des Führers, sondern auch der Typus des Arbeiters ist ein anderer geworden, und das Bild der Gesellschaft selbst hat sich verändert.
Der Fortschritt der Koalition ist nur möglich bei fort- schreitender Industrialisierung der Gesellschaft, und fort- schreitende Industrialisierung heißt Ausbildung des Typus des modernen, sich seiner gesellschaftlichen Stellung bewuß- ten Lohnarbeiters, sowie Vermehrung der Zahl und des sozialen Gewichtes der Arbeiterklasse. Der Arbeiter beginnt als Konsument eine größere Rolle zu spielen, die Fluktua- tionen seiner Konsum- bezw. Kaufkraft werden für viele Gewerbtreibende Faktoren, von denen ihr eigenes Gedeihen abhängt. Der Arbeiter kann im Kampf bei gewissen Fällen seinen Konsum als Faktor in die Wagschale werfen, damit wird für ihn der Boykott ein Kampfmittel, und die auf den Massenabsatz im Volk spekulierende Presse fängt an, auf seine Stimme zu hören.
Auf diese Weise wird der Streik erfolgreicher und zugleich damit seltener, um schließlich, wie heute in den meisten Ländern der Kulturwelt der Krieg, nur noch die Rolle der ultima ratio zu spielen, d. h. mehr als la- tente Kraft denn als in direkte Funktion versetzte Waffe zu wirken, und neben ihm wird von immer größerer Be- deutung der Tarif- und je nachdem auch der Schieds- gerichtsvertrag.
/ j f Diese Entwicklung geht in keinem Lande in dessen verschiedenen Gewerben gleichzeitig und in gleicher Zeit- dauer vor sich. Wie sich die verschiedenen Gewerbe tech- nisch verschieden schnell entwickeln und mit verschieden- artigen Absatzverhältnissen zu rechnen haben, so stellt sich auch in ihnen das Verhältnis von Unternehmer und Ar- beiter verschieden. Wo Gewerbe den Orts bedarf ausschließ- lich oder ohne nennenswerte auswärtige Konkurrenz unter ihre Angehörigen verteilen, wie das z. B. im Baugewerbe, beim Zeitungsdruck, bei gewissen Lebensmittelindustrien etc. der Fall ist, werden unter sonst gleichen Umständen die Unternehmer leichter auf Forderungen ihrer Arbeiter ein- gehen, als in Gewerben, deren Produkt eine starke aus- wärtige Konkurrenz zu bestehen hat. Aber die Umstände variieren hier noch sehr. Die Technik der Arbeit bedingt ganz verschiedene Arten von Arbeitern und damit ein weiteres oder engeres Rekrutierungsfeld, sowie eine stärkere oder geringere Organisationsfähigkeit der Arbeiter. Letzteres insbesondere, wo sie Frauenarbeit überwiegen macht. Während also z. B. die auswärtige Konkurrenz auf ihr unterworfene Industrien so stark als Faktor sozialer Auslese einwirken kann, daß nur technisch hoch entwickelte Betriebe das Feld behaupten, die dann doch auf eingeschulte Arbeiter Wert legen und ihnen ein größeres Entgegenkommen zeigen müssen, können durch die Natur ihres Produkts völlig lokalisierte Gewerbe mit tiefstehender und wenig organisationsfähiger Arbeiterschaft verbunden sein. Ein Beispiel für ersteres bietet die Baumwollspinnerei Lancashires, die sich mehr als je der sehr eingeschulte Arbeiter erheischen- den Feinspinnerei zu wendet; solche für das letztere findet man in'gewissen Maßarbeitszweigen der Bekleidungsindustrien.
34 Über das Verhältnis von Lohn- und Arbeitszeitbewegungen einer gut organisierten Gewerkschaft, die ohne Streik erledigt wurden, zu solchen der gleichen Gewerk- schaft, bei denen Streik oder Aussperrung stattfand, finden wir in dem schon zitierten Jahr- und Handbuch des deut- schen Metallarbeiterverbandes für 1904 eine sehr interessante Statistik. Nach dem Bericht des Vorstandes dieser, jetzt gegen 300000 Mitglieder zählenden Organisation hatte der Ver- band im Jahre 1904 folgende Bewegungen zu verzeichnen: 7 -u\ a** Zahl der beteiligten Zahl der Falle: Personen: Abwehrstreiks 97 Angriffsstreiks 73 Aussperrungen 24 Bewegungen ohne Arbeitseinstellung Die Bewegungen ohne Arbeitseinstellung übertrafen an Zahl der Fälle und Teilnehmer sehr erheblich die der Kampfbewegungen.*) *) Die bezüglichen Zahlen für 1905 sind nach dem während Drucklegung dieser Schrift erschienenen Bericht für dieses Jahr: Zahl der Fälle: Zahl der beteiligten Personen: Abwehrstreiks Angriffsstreiks 95 Aussperrungen 29 Bewegungen ohne Arbeits- einstellung Auch hier überstieg die Zahl der Bewegungen ohne Arbeitseinstellung die der Kampfbewegungen; die Differenz übertrifft die des Vorjahrs absolut wie prozentuell: 1904 waren es 50, 1905 aber 78 mehr, 1904 55,71 °/°, 1905 56,92% aller Fälle. Dagegen waren 1905 Es wird das natürlich nicht in jedem Jahr der Fall sein. Ein einziger Kampf von nationaler Ausdehnung kann das Verhältnis der beteiligten Personen gänzlich umkehren. Indes ist die Tendenz doch unbestritten.*) „Seit wir starke Gewerkschaften haben“, schrieb im Januarheft 1901 des Engineering Magazine Sir Benjamin Browne, der Chef eines der bedeutendsten Maschinenschiffbauwerke Nordenglands**), „ist die Zahl der Kämpfe im Gewerbe bedeutend geringer geworden.“ In den wohlorganisierten Gewerben finden zeit- weise Streiks von großer Ausdehnung statt, um dann Jahren fast absoluten Friedens Platz zu machen, während in schlecht organisierten Gewerben ewige Unruhe herrscht. Eine sehr leicht zu erklärende Erscheinung. In den wohlorganisierten Gewerben kommt es fast nur noch über grundlegende Fragen zu Streiks, deren Ausgang für das ganze Gewerbe bei den ohne Arbeitseinstellung erledigten Bewegungen 21 214 weniger Arbeiter beteiligt als bei den Kämpfen mit Arbeitseinstellung. Es sind im Wesentlichen die Aussperrungen in den großen Berliner Elektrizitätswerken, die dieses veränderte Verhältnis herbeigeführt haben. Die auf die Streiks bezüglichen Ziffern weisen dagegen auch in dieser Hinsicht ein erhebliches relatives Zurückbleiben gegenüber den Ziffern der ohne Streik erledigten Bewegungen auf. Von den Streiks und Aussperrungen führten 25, von den Bewegungen ohne Arbeitseinstellungen aber 54 zu Tarifvereinbarungen!
*) Nach der vorzüglichen Statistik der Generalkommission der zentralisierten Gewerkschaften Deutschlands hatten diese im Jahre 1904 insgesamt 1625 Streiks und Aussperrungen, an denen 135957 Per- sonen direkt beteiligt waren; dagegen war die Zahl der Arbeiter, die an den ohne Streik erledigten Lohnbewegungen jenes Jahres direkt beteiligt waren, 184206, also gegen 4 0% mehr.
**) Firma: R. & W. Hawthorne, Leslie &. Co., Ltd., Newcastle on Tyne.
36 auf längere Zeit präjudizierlich wirkt. So hat der große 1893er Streik der Baumwollarbeiter von Lancashire, der die ganze Industrie zum Stillstand brachte und zwanzig Wochen währte, bis heute dort noch keinen Nachfolger von auch nur entfernt annähernder Ausdehnung und Dauer gehabt. Der bei seinem Abschluß zwischen dem Verband der Unternehmer und dem Verband der Arbeiter abge- schlossene Tarifvertrag, das sogenannte „Brooklands Agree- ment“, ist seitdem das Mittel gewesen, allen ausbrechenden Konflikten die Spitze abzubrechen. Es schuf oder vervoll- kommnete erstens den äußeren Apparat für die Erledigung solcher Konflikte und es schuf ferner grundlegende Normen für die Behandlung jeder nur möglichen Streitfrage der Lohnberechnung, so daß der Spielraum für einen eventuell durch Kampf auszu fechtenden Konflikt auf die beiden Fragen: Höhe des Normallohnes und Dauer der Arbeitszeit eingeengt wurde. Die Frage der Arbeitszeit ist dadurch in den Hintergrund gedrängt, daß die Textilarbeiter Lan- cashires die kürzeste Arbeitszeit in der Textilindustrie der Welt haben, die Lohnfrage aber war durch die erfolgte Kraftprobe für so lange gegenstandslos geworden, als nicht eine radikale Änderung der Industrielage zu einer Neu- prüfung herausforderte *).
*) Eine solche ist seit dem Frühjahr 1905 eingetreten; die Textil- industrie Lancashires blüht, und so haben die Arbeiter eine immer noch recht mäßige Lohnerhöhung verlangt. Die Fabrikanten sperr- ten sich unter Hinweis auf ihre bisherigen Verluste längere Zeit, auf die Forderungen der Arbeiter einzugehen, und es sah aus, als sollte es zu einem neuen großen Streik kommen. Im letzten Moment aber ist ein Kompromiß geschlossen worden, der die Inanspruch- nahme der ultima ratio überflüssig gemacht hat.
37 / 37 / In Deutschland ist es insbesondere das Tarifabkommen im Buchdruckgewerbe, das in gleicher Weise den Streik als Regel von der Tagesordnung abgesetzt hat. Es wurde erst 1896 perfekt, muß aber als die Frucht des an- scheinend von den Gehilfen verlorenen großen Ausstands des Jahres 1891 bezeichnet werden, der zehn Wochen dauerte, und — bei etwa 12000 Ausständigen — über zwei Millionen Mark Unterstützungsgelder erfordert hatte. Der Tarif stieß zuerst bei einem Teil der Gehilfen auf lebhaften Widerspruch und verursachte sogar eine kleine Sezession, die aber nicht lange vorhielt. Seine Erneuerung im Jahre 1901, bei der verschiedene Punkte Abänderungen erfuhren, die zusammen eine Lohnaufbesserung von bis zu 7 1 / 2 °/ 0 bedeutete, wurde ohne nennenswerte Opposition genehmigt. Der vom Tarifamt der deutschen Buchdrucker, das aus Ver- tretern der Prinzipale und Gehilfen zusammengesetzt ist, herausgegebene „Deutsche Buchdrucker-Tarif mit Kommen- tar“ ist ein wahres Monument in der Geschichte der Arbeiterklasse.
Ähnlich wie in den bezeichneten Gewerben steht es im englischen Kohlenbergbau. Von Süd-Wales abgesehen, sah der englische Kohlenbergbau seinen letzten großen Streik im Jahre 1893. Er betraf 300000 Arbeiter direkt und dauerte über drei und einen halben Monat. Sein Objekt war die Forderung der Arbeiter auf Sicherstellung eines „auskömm- lichen Mindestlohnes“ — living wage —, sein Ergebnis der Abschluß eines Vertrags, des „Rosebery Agreement“, der für die Praxis bisher die Verwirklichung jener Forderung be- deutet hat, wenn er auch das Prinzip nicht bis auf den Buchstaben verbürgt. 1900 erkämpften die Kohlenbergleute des südlichen Wales, die bis dahin einen Wandeltarif „ohne 38 Boden** gehabt hatten, einen ähnlichen Vertrag. Seitdem kennt der englische Kohlenbergbau im Gebiet des großen Verbands und in Süd-Wales nur noch kleine örtliche Kon- flikte, und auch ihre Zahl würde erheblich geringer sein, wenn der streng föderalistische Charakter der Organisation nicht den Ortsverbänden so große Selbständigkeit ließe, daß die Zentralleitung auf die örtlichen Streitereien fast einfluß- los ist.
Das Jahr 1897/98 sah den großen Kampf im eng- lischen Maschinenbaugewerbe, der über ein halbes Jahr dauerte. Den Anstoß zu ihm hatte ein Kampf um den Achtstundentag in London gegeben, in seinem Verlauf traten die Fragen des Rechts auf Bestimmung der Lohnart, der Besetzung der Maschinen, der Beschäftigung von unge- lernten Arbeitern etc. in den Vordergrund. Der Ausgang war, daß man ständige, aus Vertretern beider Verbände gleichmäßig zusammengesetzte Instanzen zur Regelung aller bezüglichen Streitfragen schuf. So sehr haben seitdem die Konflikte im englischen Maschinenbaugewerbe aufgehört zu Streiks zu führen, daß, obwohl der Verband der Arbeiter seine durch den Streik geleerten Kassen auffallend schnell wieder füllte, die Ausgaben für Streiks auf einen geradezu lächerlich niedrigen Satz gefallen sind.
Ins Jahr 1904 trat der Maschinenbauerverband bei gegen 1897 wenig erhöhter Mitgliederzahl mit einem über 50 °/ 0 höheren Vermögensbestand als vor dem Streik von 1897 ein, nämlich, in deutschem Geld, mit 12 Millionen gegen nicht ganz 8 Millionen Mark. Seine Ausgabe für Streiks belief sich in diesem ganzen Jahr auf noch nicht ein Prozent der Gesamtausgabe, nämlich 68000 Mark von 7316 000 Mark. Im gleichen Jahr gab der deutsche Metallar- 39 /f /f beiterverband bei allerdings doppelter Mitgliederzahl *) das Sechzehnfache jenes Betrages, nämlich in8oooMark für Streiks aus. Nun war allerdings das Jahr 1904 ein ziem- lich ungünstiges für den englischen Maschinenbau, die Aus- gaben des Verbands für Arbeitslose und Reiseunterstützung stiegen auf über 2 1 / 9 Millionen Mark, und in solcher Zeit ist die Verführung zu Streiks nicht sehr groß. Aber im Jahre 1902, wo die Arbeitslosenziffer wesentlich geringer war und der betreffende Ausgabeposten sich nur auf 1,74 Millionen belief, wurden für Streikunterstützung gar nur 42 000 Mark erheischt. Übrigens zeigt die Zahl des Jahres 1904, daß auf der Unternehmerseite von Ausnutzung des schlechten Geschäftsgangs zu Lohndrückereien und dergleichen wenig die Rede war, denn solchen hätten die Arbeiter jedenfalls Abwehrstreiks entgegengesetzt. Eine der bemerkenswertesten Folgen jener großen Kämpfe und der im Anschluß an sie geschlossenen Verträge ist das Einsetzen einer sehr starken Stabilität der Lohnsätze. Von welchem Vorteil das für die Unternehmer ist, bedarf keiner langen Auseinander- setzung: bei allen Kostenaufstellungen für Werkverträge usw. kann mit den Ausgaben für Arbeitslöhne als mit fest bestimmten Größen gerechnet werden. Der Vorteil für die Arbeiter liegt nicht so offen zutage, denn es wird sich *) Der deutsche Metallarbeiterverband ist ein Industrieverband, der Arbeiter der verschiedensten Zweige der Eisen-, Kupfer-, Zinn-, Gold- und Silberverarbeitungsindustrien umfaßt, der britische Maschinenbauerverband, wie schon sein Name besagt, eine lediglich auf den Maschinenbau beschränkte Sektion der Organisationen der englischen Metallgewerbe. Die großen Umsatzziffern seiner Finanz- gebarung rühren daher, daß er, wie die meisten englischen Ge- werkschaften, gleichzeitig Gewerkschaft und Hilfskasse ist.
40 nicht bestreiten lassen, daß, wo die bezeichneten Verträge in Kraft sind, manche Prosperitätschance von den Arbeitern nicht so ausgenutzt wird, und auch, da sie eben durch Kollektivvertrag gebunden sind, nicht so ausgenutzt werden kann, wie wenn kein Vertrag bestände. Vergegenwärtigt man sich jedoch, daß solche Verträge zugleich in schlechten Zeiten die Häufigkeit und Intensität von Lohnsenkungen verhindern, so wird man zu der Folgerung gelangen, daß dieser Vorteil wohl jenen Nachteil wettmachen, ja ihn sehr wesentlich überragen kann. Zwei Kurven mögen uns dies veranschaulichen.
A. Lohnbewegung bei Abwesenheit von lang- fristigen Tarifverträgen etc.
B. Lohnbewegung bei langfristigen Tarif- etc.
Verträgen.
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