SigPhi · Franz Brentano

Psychologie vom empirischen Standpunkte

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Für irgend einen bestimmten Gebrauch des Wortes wer- den wir uns entscheiden müssen, wenn es uns nicht, statt guter, schlechte Dienste leisten soll. Würden wir auf den Ursprung des Namens Gewicht legen, so würden wir ihn ohne Zweifel auf Phänomene der Erkenntniss, sei es auf alle^ sei es auf einige, zu beschränken haben. Allein darauf kommt es offenbar weniger an; geschieht es ja auch sonst häufig ohne Nachtheil, dass Worte ihrer ursprünglichen Be- deutung entfremdet werden. Viel dienlicher ist es offenbar, ihn so zu gebrauchen, dass er eine wichtige Glasse bezeichnet, be- sonders wenn sonst ein entsprechender Namen dafür vermisst^ also durch ihn eine fühlbare Lücke ausgefüllt wird ^). So ge- brauche ich ihn denn am Liebsten als gleichbedeutend mit psychischem Phänonien oder psychischem Acte; denn einmal würde die beständige Anwendung einer solchen zusammen- *) Vgl. die Bemerkung Herbart*s, Lehrb. zur Psychol. I. Cap, 2. §. 17, und Psychol. als Wissenschaft, Th. I. Absehn. IL Cap. 2. §. 48.

Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein. 133 gesetzten Bezeichnung schwerfällig sein; und dann scheint der Ausdruck Bewusstsein, da er auf ein Object hinweist, von welchem das Bewusstsein Bewusstsein ist, die psychischen Phänomene gerade nach der sie unterscheidenden Eigenthüm- lichkeit der intentionalen Inexistenz eines Objectes zu charak- terisiren geeignet, für welche uns ebenso ein gebräuchlicher Ifamen mangelt.

§. 2. Dass kein psychisches Phänomen bestehe, welches nicht in dem angegebenen Sinne Bewusstsein von einem Ob- jecte ist, haben wir gesehen. Eine andere Frage aber ist die, ob kein psychisches Phänomen besteht, welches nicht Object eines Bewusstseins ist. Alle psychischen Phänomene sind Bewusstsein; sind aber auch alle psychischen Phänomene bewusst, oder gibt es vielleicht auch unbewusste psychische Acte?

Mancher wird über eine solche Frage den Kopf schüt- teln. Ein unbewusstes Bewusstsein anzunehmen, scheint ihm absurd. Und auch bedeutende Psychologen, wie z. B. Locke und J. St. Mill, wollten darin einen unmittelbaren Wider- spruch erblicken. Allein wer auf die vorangehenden Be- stimmungen achtet, wird kaum mehr so urtheilen. Er wird erkennen, dass, wer die Frage erhebt, ob es ein unbewusstes Bewusstsein gebe, nicht in ähnlicher Weise lächerlich fragt, wie einer, der wissen möchte, ob es eine nicht -rothe Röthe gebe. Ein unbewusstes Bewusstsein ist so wenig als ein un- gesehenes Sehen eine Contradictio in adjecto^).

Doch auch ohne durch falsche Analogien, die der ge- brauchte Ausdruck nahelegt, bestimmt zu sein, werden die meisten Laien in der Psychologie sich sofort gegen die An- nahme eines unbewussten Bewusstseins erklären. Hat es ^) Wir gebrauchen „unbewusst" in zweifacher Weise; einmal, activ, von dem, was sich einer Sache nicht bewusst ist; dann, passiv, VOR einer Sache, deren man sich nicht bewusst ist. In dem ersteren Sinne wäre „unbewusstes Bewusstsein" ein Widerspruch, nicht aber in dem zweiten, und dieser ist es, in welchem das Wort „unbewusst'^ hier genommen wird.

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doch ein paar Jahrtausende gewährt, ehe unter den Philoso- phen einer auftrat, d6r ein solches lehrte. Natürlich waren sie mit der Thatsache wohl bekannt, dass man einen Schatz erworbener Erkenntnisse, ohne an sie zu denken, besitzen könne; aber ganz richtig fassten sie dieselben als Dispositio- nen zu gewissen Acten des Denkens, wie auch den erwor- benen Charakter als Disposition zu gewissen AflFecten und Willensbethätigungen, nicht aber selbst als ein Erkennen und Bewusstsein. Einer der ersten, die ein unbewusstes Be- wusstsein gelehrt haben, ist wohl Thomas von Aquin '). Später sprach Leibnitz von „perceptiones sine appercep- tione seu conscientia", „perceptiones insensibiles ^)", und Kant folgte seinem Vorgange. In neuester Zeit aber findet die Lehre von unbewussten psychischen Phänomenen zahlreiche Vertreter, und zwar in Männern, die sonst nicht gerade ver- wandten Richtungen angehören. So sagt der ältere Mill, es gebe Empfindungen, deren wir uns aus gewohnter Unachtsam- keit nicht bewusst werden. Hamilton lehrt, dass die Kette un- serer Ideen oft nur durch unbewusste Mittelglieder verbunden sei. Ebenso glaubt Lewes, dass viele psychische Acte ohne Bewusstsein stattfinden. Maudsley macht die, wie er glaubt, sicher erwiesene Thatsache unbewusster Seelenthätigkeit zu einem der Hauptgründe für seine physiologische Methode. Herbart lehrt Vorstellungen, deren man sich nicht bewusst sei, und Beneke glaubt, nur diejenigen, welche ein höheres Maass von Intensität besitzen, seien von Bewusstsein be- gleitet. Auch Fechner sagt, die Psychologie könne von un- bewussten Empfindungen und Vorstellungen nicht Umgang nehmen. Wundt^), Helmholtz, Zöllner u. A. behaupten, dass es unbewusste Schlüsse gebe. Ulrici sucht durch gehäufte 2) Nouveaux Essais II. J. Monadologie §. 14. Frineipes de la nature et de la grace §. 4.

^) Wenigstens in seinem früheren Werke „Vorlesungen über Men- schen - und Thierseele". Einige Stellen seiner Physiol. Psychologie^ so weit sie bis jetzt vorliegt, scheinen anzudeuten, dass er von der An- nahme unbewusster Seelenthätigkeiten zurückgekommen ist.

s Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein. 135 Argumente daxzuthup, dass sowohl Empfindungen als auch andere psychische Acte, wie Liebe und Sehnsucht, oft unbe- wusst geübt würden. Und v. Hartmann hat eine ganze „Phi- losophie des ünbewussten" ausgearbeitet.

Indessen, so gross die Schaar derjenigen geworden ist, welche den unbewussten psychischen Phänomenen das Wort reden, fehlt doch viel daran, dass sie zu allgemeiner An- erkennung gelangt wären. Weder Lotze hat sie sich zu eigen gemacht, noch haben die berühmten englischen Psychologen A. Bain und H. Spencer sich ihr angeschlossen; und J. St» Mill hat die hohe Achtung, die er durchwegs den Ansichten seines Vaters zollt, nicht abgehalten, hier seiner Lehre ent- gegenzutreten. Ja auch von denen, welche unbewüsste Vor- stellungen behaupten, sind viele nur darum ihre Vertheidiger, weil sie mit den Worten einen anderen Sinn verbinden. Dies ist z. B. bei Fechner der Fall, der offenbar, wenn er von unbewusster Empfindung und Vorstellung spricht, mit den Namen Empfindung und Vorstellung etwas anderes bezeichnet als wir, so zwar, dass er gar kein psychische^ Phänomen darunter versteht. Die psychischen Phänomene sind nach ihm sämmtlich bewusst, und er ist also der Sache nach ein Gegner der neueren Anschauung^). Ulrici aber versteht unter Bewusstsein etwas Anderes, und leugnet in unserem Sinne ebenso wie Fechner jeden unbewussten *) Dies zeigt deutlich eine Stelle der Psychophysik (II. S. 438): „Die Psychologie kann von unbewussten Empfindungen, Vorstellungen, ja von Wirkungen unbewusster Empfindungen, Vorstellungen nicht ab- strahiren. Aber wie kann wirken, was nicht ist; oder wodurch unter- scheidet sich eine unbewüsste Empfindung, Vorstellung von einer sol- chen, die wir gar nicht haben?" Fechner antwortet hierauf, dass im ersteren Fall zwar nicht eigentlich eine Empfindung, aber etwas, wozu die Empfindung in functioneller Beziehung stehe, gegeben sei. „Em- pfindungen, Vorstellungen haben freilich im Zustande des Unbewusst- seins aufgehört, als wirkliche zu existiren, sofern man sie abstract von ihrer Unterlage fasst, aber es geht etwas in uns fort, die psychophysische Thätigkeit, deren Function sie sind, und woran die Möglichkeit des Wiederhervortrittes der Empfindung hängt, u. s. f."

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psychischen Act^). Wir möchten wohl auch von Hartmann s^en, dass er mit „Bewusstsein" etwas Anderes als wir be- zeichnen wolle, denn seine Definition, das Bewusstsein sei „die Emancipation der Vorstellung vom Willen...und die Opposition des Willens gegen diese Emancipation", es sei „die Stupefaction des Willens über die von ihm nicht ge- wollte und doch empfindlich vorhandene Existenz der Vor- stellung", scheint sich, wenn überhaupt auf etwas nicht rein Imaginäres, jedenfalls auf etwas Anderes als dasjenige, was wir Bewusstsein nannten, zu beziehen^). Doch die von ihm ge- brachten Gründe wenigstens zeigen ihn deutlich als eiuen Verfechter der unbewussten psychischen Thätigkeiten in dem Sinne, in welchem wir davon reden.

Die Uneinigkeit der Psychologen in diesem Punkte kann uns nicht auffallen; begegneten wir ihr ja auch sonst bei jedem Schritte. Aus ihr lässt sich vernünftiger Weise kein Grund dafür entnehmen, dass die Wahrheit nicht mit Sicher- heit erkennbar sei. Dagegen ist die besondere Natur der Frage allerdings von der Art, dass Mancher glauben möchte, es stehe die UnmögUchkeit einer Beantwortung ihr auf der Stime geschrieben, und sie könne darum wohl Gegenstand geistreichen Gedankenspieles, nicht aber ernster wissenschaft- licher Untersuchung werden. Denn, dass keine unbewussten Vorstellungen im Bereiche unserer Erfahrung vorkommen, ist selbstverständlich und nothwendig der Fall, auch wenn solche in reicher Anzahl in uns vorhanden sein sollten; wären sie ja sonst nicht unbewusst. Wenn man aber darum, wie es scheint, die Erfahrung nicht gegen sie anrufen kann, so scheint dieselbe doch ebensowenig und aus demselben Grunde >) Gott und Mensch I. 283 sagt er, dass „wir überhaupt von un- seren inneren Zuständen, Vorgängen, Bewegungen und Thätigkeiten, ein unmittelbares Gefühl haben**, und dass es keinem Zweifel unter- liege, „d&ss es alle, auch die alltäglichsten Sinneseindrücke (Percep- tionen) begleite", dass wir in dieser Weise „auch fühlen, dass wir sehen, hören, schmecken etc."

Capitel 2. Vom iDneren Bewusstsein. 137 für sie Zeugniss geben zu können. Und wie sollen wir, von der Erfahrung verlassen, die Frage zur Entscheidung führen?

Doch gegenüber diesem Vorwurfe haben die Verthei- diger des unbewussten Bewusstseins mit Recht geltend ge- macht, dass^ was nicht unmittelbar erfahren, vielleicht mittel- bar aus Erifahrungsthat Sachen erschlossen werden könne ^). Und sie haben nicht versäumt, solche Thatsachen zu sammeln, und so durch viele und mannigfache Argumente den Beweis für ihre Behauptung zu versuchen.

§. 3. Vier verschiedene Wege sind es, die hier mit einer gewissen Hoffnung auf Erfolg eingeschlagen werden konnten.

Man konnte Erstens nachzuweisen suchen, dass gewisse in der Erfahrung gegebene Thatsachen die Annahme eines unbewussten psychischen Phänomens als ihre Ursache ver- langen.

Man konnte Zweitens darzuthun streben, dass eine in der Erfahrung gegebene Thatsache ein psychisches Phänomen als Wirkung nach sich ziehen müsse, während doch keines im Bewusstsein erscheine.

Man konnte Drittens darauf ausgehen zu zeigen, dass bei den bewussten psychischen Phänomenen die Stärke des begleitenden Bewusstseins eine Function ihrer eigenen Stärke sei, und dass in Folge dieses Verhält- nisses in gewissen Fällen, in welchen die letztere eine posi- tive Grösse sei, die erstere jedes positiven Werthes entbehren müsse.

Man konnte endlich Viertens den Beweis versuchen, dass die Annahme, es sei jedes psychische Phänomen Object eines psychischen Phänomens, zu einer unendlichen Verwicke- lung der Seelenzustände führe, welche sowohl von vornher- ein unmöglich, als auch der Erfahrung entgegen sei.

^) Vgl. Kant, Anthropol. §. 5.

v 138 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

§. 4. Am Häufigsten ward und wird der erste Weg betreten. Gewöhnlich aber hat man nicht genug auf die Bedingungen geachtet, unter welchen er allein zum Ziele fuhren kann. Soll aus einer gewissen Thatsache als Wirkung auf ein unbewusstes psychisches Phänomen als Ursache ein gültiger Schluss gezogen werden, so muss vor Allem die That- sache selbst hinreichend gesichert sein. Dies ist die erste Bedingung. Aus diesem Grunde schon wird den Beweisver- suchen, welche sich auf die Erscheinungen des sogenannten Hellsehens, der Ahnungen, Vorgefühle u. dgl. stützen, ein zweifelhafter Werth zukommen. Hartmann selbst, der auf sie hinweist^), ist sich recht wohl bewusst, dass der Aus- gangspunkt des Beweises hier nicht auf grosses Vertrauen rechnen darf. Von diesen Argumenten werden wir darum gänzlich Umgang nehmen können. Aber auch was Maudsley von Leistungen des Genies erzählt^), die^ nicht aus bewuss- tem Denken hervorgehen, sind keine Thatsachen, welche genugsam gesichert sind, um als Grundlage eines triftigen Arguments benützt zu werden. Die genialen Denker sind seltener noch als die Somnambulen, und überdies berichte- ten manche von ihnen, wie z. B. Newton, in der Art über ihre herrlichsten Entdeckungen, dass wir deutlich erkennen, wie dieselben nicht die Frucht unbewussten Denkens ge- wesen sind. Wir begleiten sie auf dem Wege ihrer For- schung und begreifen ihren Erfolg, ohne ihn darum weniger zu bewundem. Wenn aber andere von ihren Leistungen nicht in gleicher Weise Rechenschaft geben konnten, ist es dann eine gewagtere Annahme, dass sie der bewussten Ver- mittelung sich nicht mehr erinnerten, als dass ein unbewuss- tes Denken die Brücke geschlagen habe? Goethe, der sicher Anspruch hat, unter den Genies einen Platz zu erhalten, sagt in seinem Wilhelm Meister, dass ungewöhnliches Talent „nur eine geringe Abweichung von gewöhnlichem" sei. Gibt *) Physiol. u. Pathol. d. Seele, deutsch von Böhm, S. 17 f. 32 ff.; vgl. oben Buch I. Capitel 3. §. 6.

Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein. 139 es unbewusste psychische Vorgänge, so werden sie sich also auch an minder seltenen Exemplaren nachweisen lassen.

Eine weitere Bedingung ist diese, dass die Erfahrungs- thatsache durch die Annahme eines psychischen Phänomens, von dem wir kein Bewusstsein haben, wirklich wie eine Wir- kung durgh die entsprechende Ursache eine Erklärung ^ finden kann. Dazu gehört vor Allem, dass bewusste psychische Phänomene erfahrungsgemäss ähnliche Folgen nach sich zo- gen. Femer, dass diese nicht zugleich auch andere Folgen nach sich zogen, welche in dem betreffenden Falle fehlen, obwohl kein Grund ist, zu vermuthen, sie seien an das hier mangelnde begleitende Bewusstsein geknüpft gewesen. Fer- ner ist nöthig, dass die unbewussten psychischen Phänomene, welche die Hypothese zu Hülfe nimmt, in ihrem Verlaufe so wie in ihren anderen Eigenthümlichkeiten mit den anerkann- ten Gesetzen der bewussten psychischen Phänomene nicht im Widerspruche stehen, so zwar, dass etwaige Besonderheiten aus dem Mangel des begleitenden Bewusstseins hinreichend begreiflich sind. Unmittelbar können ihr Verlauf und ihre anderen Eigenthümlichkeiten natürlich nicht wahrgenommen werden, aber in ihren Wirkungen werden sie sich offenbaren, wie ja auch die Gesetze der Aussenwelt, das Gesetz der Trägheit, der Gravitation u. s. f. in den Empfindungen als ihren Wirkungen zu Tage treten. So muss denn insbeson- dere auch die Entstehung des psychischen Phänomens, wel- ches man trotz mangelnden Bewusstseins annimmt, nicht selbst als etwas ganz und gar Undenkbares erscheinen.

Diese Forderungen werden ganz besonders dann unab- weislich sein, wenn, wie es fast ausnahmslos geschieht, die angenommenen unbewussten Seelenthätigkeiten den bewussten homogen gedacht werden. Auch kann man sagen, dass die- jenigen, welche aus Erfahrungsthatsachen auf unbewusste psychische Acte als ihre Ursache schlössen, in ihrer grossen Mehrzahl wenigstens nicht auffallend gegen sie zu Verstössen pflegen. Nur bei einzelnen Denkern, wie namentlich bei Hartmann, liegt das Gegentheil zu Tage. Er aber unter- scheidet sich auch darin von der grösseren Schaar der Ver- 140 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

treter unbewusster psychischer Acte, dass er sie den be- wussten heterogen, ja in den wesentlichsten Beziehungen von ihnen abweichend denkt. Es ist einleuchtend, dass wer dieses thut, von vorn herein die Hypothese schwächt. Viele Forscher, welche in ihren logischen Ansichten mit J. St. Mill *) übereinkommen, werden sie in dieser Gestalt, weil sie keiner „Vera Causa" als Erklärungsprincips sich bediene, sogar ohne Weiteres als unwissenschaftlich verwerfen. Sicher ist, dass der Schluss als Analogieschluss in dem Maasse an Kraft verliert, in welchem die Aehnlichkeit der angenommenen Ursache mit den beobachteten schwindet. Schon die erste abweichende Bestimmung bringt also in dieser Hinsicht Nach- theil, und mit jeder neuen, welche sich aus den früheren nicht als nothwendige Consequenz ergibt, wird die Wahr- scheinlichkeit der Hypothese auch wegen der wachsenden Complication eine bedeutende Einbusse erleiden. Im üebrigen, glaube ich, kann man die Annahme nicht als eine bodenlose und willkürliche Fiction abweisen, wenn sie nur dasjenige erfüllt, was von den zuvor erwähnten Forderungen nach wie vor in Kraft bleibt, oder an deren Stelle tritt. Auch wenn wir aus den Erscheinungen unserer Empfindungen auf eine raumähnlich ausgebreitete Welt als ihre Ursache schliessen, nehmen wir etwas an, was nie als unmittelbare Erfahrungs- thatsache gefunden wurde, und doch ist der Schluss vielleicht nicht unberechtigt. Aber warum nicht? Darum allein, weil wir, indem wir mit der Annahme einer solchen Welt die Annahme gewisser allgemeiner Gesetze verbinden, die in ihr herrschen, die sonst unverständliche Succession unserer Em- pfindungsphänomene in ihrem Zusammenhang zu begreifen, ja vorherzusagen im Stande sind. So wird es denn auch hier nöthig sein, die Gesetze jener angeblichen unbewussten Phänomene darzulegen und durch die einheitliche Erklärung einer Fülle von Erfahrungsthatsachen, die sonst unerklärt blieben, und durch die Voraussagung anderer, die sonst Nie- mand erwarten würde, zu bewähren. Femer, da die un- ^) Ded. u. Ind. Log. B. III. c.

Capitel 2. Vom iuneren Bewusstsein. 141 bewussten Phänomene, die man voraussetzt, wenn auch nicht den bewussten homogen, doch in einem gewissen Maasse ihnen ähnlich gedacht werden (würden sie ja sonst mit- Unrecht den psychischen Thätigkeiten zugezählt): so wird man nach- zuweisen haben, dass, was sich an das ihnen Gemeinsame knüpft, nicht verletzt wird; und überhaupt, dass man in ihrer Annahme nicht widersprechende Bestimmungen vereinigt.

Diesen Forderungen hat Hartmann eben so wenig wie den früher angegebenen genügt. Vielmehr zeigt sich da, wo man die Gesetze für die unbewussten psychischen Phänomene erwarten sollte^), dass diese gar keine psychischen Phäno- mene sind. Sie lösen sich in ein ewig Unbewusstes, in ein alleiniges ^), allgegenwärtiges, allwissendes und allweises ^) Wesen auf. Ein Gott tritt an die Stelle, dem, um diesen Namen vollkommen zu verdienen, nur das Bewusstsein mangeln soll *), der aber freilich auch sonst noch mit einigen kräftigen Widersprüchen behaftet ist. Er ist das An - sich - seiende^), er erkennt das An -sich -seiende^), er erkennt aber doch nicht sich selbst. Er ist erhaben über alle Zeit '), obwohl er doch zeitlich nicht bloss wirkt, sondern auch leidet®). Er ermüdet nicht*), geht aber doch sehr darauf aus, sich mög- lichst alle Mühe zu ersparen^®). Die Maschinerien, die er zu dem Zwecke erfindet, bleiben freilich sehr unvollkommen^ und es bleibt ihm nichts anderes übrig, als fort und fort und ^) Ebend. S. 480. Es gibt nichts ausser dem Unbewussten (ebend.

®) Ebend. S. 472 wird z. B. von einer „Wechselwirkung gewisser materieller Theile des organischen Individuums mit dem Unbewussten^^ gesprochen.

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Überall durch unmittelbares Eingreifen nachzuhelfen^). Aber auch das thut er nicht immer und lässt es im Widerspruche mit seinem sonstigen Verhalten geschehen, dass die Ziele, die durch sein unmittelbares „allweises" Eingreifen sicher zu erreichen wären, verfehlt werden ^), ja dass die von ihm zur Erhaltung geschaffenen Einrichtungen zur Zerstörung führen '). Mit einem Worte, er spielt ganz die Rolle eines Dens ex machina, die vor Zeiten Piaton und Aristoteles an dem Nus des Anaxagoras rügten, der überall als Lückenbüsser bei der Hand ist, wo die mechanische Erklärung im Stiche lässt*). Ein solches hypothetisches Unding wird jeder, auch wenn er nicht die von J. St. Mill der wissenschaftlichen Hypothese angewiesenen Schranken anerkennt, wenn er nur einiger- maassen ein exacter Denker ist, als unzulässig verwerfen. Es kann darum keinem Zweifel unterliegen, dass die sämmt- lichen Argumente, die Hartmann für die Annahme unbewusster psychischer Thätigkeit anführt, so wie er sie bringt, der zweiten Bedingung nicht genügen. Er hat nicht nachgewie- sen, dass die Erfahrungsthatsachen, aus welchen die unbe- wusste psychische Thätigkeit erschlossen werden soll, durch eine solche Annahme eine wirkliche Erklärung finden würden. Eine dritte Bedingung für die Gültigkeit des Schlusses auf unbewusste psychische Phänomene als Ursache gewisser Erfahrungsthatsachen ist endlich die, dass nachgewiesen werde, wie die betreffenden Erscheinungen gar nicht oder wenigstens nicht ohne die grösste Unwahrscheinlichkeit auch ohne ihre Annahme auf Grund anderer Hypothesen denkbar sind. Wenn feststeht, dass in gewissen Fällen bewusste psychische Phänomene ähnüche Erscheinungen als Folgen nach sich zogen, so ist damit noch nicht erwiesen, dass diese niemals in Folge anderer Ursachen entstehen. Es ist nicht richtig, Ebend. S. 555.

^) Man vergleiche, um recht schlagende Belege dafür zu finden, 2. B. das Capitel über die aufsteigende Entwickelang des organischen Lebens auf der Erde.

Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein. 143 dass ähnliche Wirkungen immer ähnliche Ursachen haben. Sehr verschiedenartige Körper sind der Farbe pach oft nicht von einander zu unterscheiden. Die Wirkung ist also hier die gleiche, die Ursachen aber sind darum nicht weniger von «inander verschieden. Dass Bacon diese Möglichkeit ausser Acht liess, war der vorzügliche Grund, wesshalb seine in- ductiven Versuche so wenig von glücklichem Erfolge gekrönt wurden. Was aber hier auf physischem, ist auch auf psychi- schem Gebiete möglich. Wirklich gelangen wir oft, schon Aristoteles hat dies erkannt und hervorgehoben, von ver- -schiedenen Prämissen ausgehend, zu demselben Schlusssatze. Und derselbe grosse Denker hat auch bereits bemerkt, dass Urtheile, welche das eine Mal im eigentlichen Sinne er- schlossen, das andere Mal nur erfahrungsmässig oder (wie wir, um Missverständnisse zu vertiieiden, uns vielleicht besser ausdrücken werden) vermöge der Gewohnheit, unvermittelt gefällt werden. Gewohnheit ist es, die ihre Kraft zeigt, wenn gewisse, häufig angewandte, aber nichts weniger als selbst- verständliche Principieiji uns unmittelbar einleuchtend schei- nen, indem sie sich mit einer fast unabweisbaren Macht uns aufdrängen; und wiederum ist es vielleicht Gewohnheit und nichts Anderes, wenn Thiere in ähnlichen Fällen Aehnliches erwarten. Was aber hier eine erworbene, könnte anderwärts eine angeborene Disposition zu unmittelbaren Urtheilen be- wirken ^), und wir hätten auch dann Unrecht, von unbewussten Schlüssen, d. h. von Schlüssen, deren Prämissen unbe- wusst geblieben sind, zu sprechen.

Wenn man fragt, inwieweit die verschiedenen hieher ge- hörigen Beweisversuche für die Existenz unbewusster psychi- scher Phänomene dieser dritten Bedingung genug gethan haben, so nehme ich keinen Anstand zu sagen, dass kein einziger ihr gebührend Rechnung trug, und will dies an den wichtigsten unter ihnen im Einzelnen nachweisen.

^) Ein so genanntes „instinctives** Urtheilen.

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V' Hamilton^) und mit ihm viele Andere haben die An- nahme unbewusster Vorstellungen daraus gefolgert, dass bei der Erneuerung eines früheren Gedankenzuges in der Er- innerung zuweilen ekie ganze Reihe von Mittelgliedern über- sprungen erscheint. Diese Thatsache wäre ohne Zweifel mit den Gesetzen der Association in Einklang gebracht, wenn man annähme, dass die betreffenden Zwischenglieder auch hier vermittelt hätten, aber nicht in's Bewusstsein getreten wären. Allein weder Hamilton noch Andere haben gezeigt oder auch nur zu zeigen versucht, dass dies die einzig mög- liche Erklärungsweise sei. In Wahrheit ist dies keineswegs der Fall. J. St. Mill, wo er Hamilton kritisirt^), konnte leicht zwei andere angeben; und da, wo wir von der Asso- ciation der Ideen handeln, werden wir sehen, dass die Zahl dieser möglichen Hypothesen, von denen bald die eine, bald die andere eine ganz überwiegende Wahrscheinlichkeit besitzt, sich noch bedeutend vermehren lässt.

Lange ^) bemerkt hinsichtlich der Erscheinungen des blinden Fleckes, von welchen auch wir später zu sprechen haben werden, das Auge schliesse auf die Farbe, die ihn scheinbar ausfülle, und mache bei längeren, in geeigneter Weise fortgesetzten Experimenten die Entdeckung, dass es sich getäuscht habe. Da hätten wir also wieder ein un- bewusstes Denken; denn wir sind uns des vermittelnden Schlussverfahrens in keiner Weise bewusst^). Ich lasse es *) Examination of Sir W. Hamilton^s Philos. eh. 15 und James Mill, Anal, of the Phenom. of the Human IVlind, 2. edit. note 34. L ») Ge8ch. d. Material. 1. Ausg. S. 494 ff.* Vgl. auch E. H. We- ber, Ueber den Raumsinn und die Empfindungskreise in der Haut und im Auge (Ber. d. K. Sachs. Ges. d. Wissensch. 1852, p. 158).

*) Es ist nicht ganz klar, ob Lange wirklich einen vermittelnden Vorgang, ähnlich dem bewussten Schliessen, anerkennen will. S. 494 sagt er: „Das Auge macht gleichsam einen Wahrscheinlichkeits- schluss, einen Schlnss aus der Erfahrung, eine unvollständige Induc- tion.'* Und S. 495: „Das Auge kommt gleichsam zu dem Be- wusstsein, dass an dieser Stelle nichts zu sehen ist, und corrigirt seinen Capitel 2. Vom iuneren Bewusstaein. 145 dahingestellt, ob die von Lange gegebene Erklärung auch nur der Bedingung entspricht, dass sie selber nach jeder Seite hin möglich erscheint, obwohl Manches ist, was hier zum Zweifel berechtigt. Jedenfalls aber hat Lange es unter- lassen, die Möglichkeit jeder anderen Hypothese auszu- schliessen. Hätte er auf die Gesetze der Association ge- achtet, so würde er gefunden haben, was wir an einem späteren Orte finden werden, dass diese Gesetze das Auftreten wie das Verschwinden der Erscheinung, und das eine ohne unbewussten Fehlschluss,, das andere ohne unbewusste Be- richtigung, mit Leichtigkeit begreifen lassen.

Des gleichen Versäumnisses habeü sich Helmholtz^), Zöllner ^) und ausnahmslos auch die übrigen, wie auch immer tüchtigen Forscher schuldig gemacht, welche die Raumvor- stellungen, die wir in Folge früherer Erfahrungen mit den gesehenen Farben verbinden, und eine Reihe anderer optischer Erscheinungen auf unbewusste Schlüsse zurückführten. Sie trugen niemals den Mitteln Rechnung, welche die Psychologie auch heute schon bietet, um ohne solche unbewusste Zwi- schenglieder den Thatsachen gerecht zu werden. Es wäre unzweckmässig, auf diese Mittel schon hier näher einzugehen; erst spätere Erörterungen werden uns damit bekannt machen. Für jetzt genügt es hervorgehoben zu haben, dass die an- geblichen Folgerungen aus unbewussten Schlüssen so lange keinen Beweis für das Dasein unbewusster psychischer Thä- tigkeit liefern können, als der Nachweis der Unmöglichkeit oder überwiegenden Unwahrscheinlichkeit jeder anderen Auf- fassung nicht gefuhrt wird, und dass dieser Bedingung bis jetzt von Niemand entsprochen wurde. Es gilt dies bei den vorerwähnten optischen Erscheinungen; es gilt ebenso da, wo man den in zartem Alter schon vorhandenen Glauben an die Existenz der Aussenwelt einer unbewussten Induction ursprünglichen Trugschluss.'* Doch spricht er ebendaselbst davon als von einem Vorgange im rein sinnlichen Gebiet, welcher „mit den Ver- standesschiüssen wesensverwandt" sei.

2) Ueber die Natur der Cometen, S. 378 ff.