SigPhi · Franz Brentano

Psychologie vom empirischen Standpunkte

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>) In neuerer Zeit hat Herbart an diese Schwierigkeiten gerührt (Psychol. als Wissensch., Theil II. Abschn. 11. Cap. 5. §. 127; vergl. ebend. Theil I. Abschn. I. Cap. 2. §. 27). Im Alterthume hat Aristo- teles sie hervorgehoben (De Anim. III. 2. princ), ohne sie jedoch für unüberwindlich zu halten.

Capitel 2, Vom inneren BewusstBein. 161 ZU verratheii scheinen ^). Aber weder richtig scheint mir diese Auffassung zu sein, noch würde sie, wenn sie richtig wäre, die Schwierigkeit in ihrem ganzen Umfange zu besei- tigen vermögen. Sie ist nicht richtig, sage ich; denn mit unmittelbarer Evidenz zeigt uns die innere Wahrnehmung, dass das Hören einen von ihm selbst verschiedenen Inhalt hat, der im Gegensatze zu ihm an keiner der EigenthUm- lichkeiten der psychischen Phänomene participirt. Unter dem Tone versteht darum auch Niemand ein ausser uns befind- liches, anderes Hören, das durch die Einwirkung auf das Ohr unser Hören als sein Abbild hervorbrächte. Und auch nicht an eine unvorstellbare Kraft, die das Hören erzeugt, denkt man dabei, sonst würde man nicht von Tönen die in der Phan- tasie erscheinen sprechen. Vielmehr bezeichnet man mit dem Namen das, was als Erscheinung den immanenten, von unserem Hören verschiedenen Gegenstand unseres Hörens bildet, und je nachdem wir glauben oder nicht glauben, dass sie ausser uns eine ihr entsprechende Ursache habe, glauben wir, dass es auch in der Aussenwelt einen Ton gebe oder nicht. Der Anlass zur Entstehung einer Meinung, die so deutlich der inneren Erfahrung und dem Urtheile jedes Unbefangenen widerspricht, scheint in Folgendem zu suchen. Die frühere Zeit glaubte bei dem bewussten Hören ni(5ht bloss ausser der Vorstellung vom Hören eine Vorstellung vom Tone, sondern auch ausser der unmittelbaren Erkenntniss der Existenz des Hörens, eine unmittelbare Erkenntniss der Existenz des Tones zu besitzen. Man glaubte den Ton mit derselben P>idenz wahrzunehmen, wie das Hören. Dieser Glauben ward als Irrthum erkannt, man sah ein, dass dem Hören niemals ein Ton als äusseres, durch das Gehör wahrnehmbares Object gegenüberstehe. Allein man hatte sich daran gewöhnt, das Hören als ein Erkennen und den Inhalt des Hörens als einen wirklichen Gegenstand zu denken, und so kam man nun dazu, da nichts als das Hören sich als real erwies, dieses als ') Sowohl in Beiner Schrift über die PhiloBophie von Hamilton als in seinen Noten zur Analysis von James Mill.

Brdntano, Psychologie. I. 11 \ 162 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Aligemeinen.

auf sich selbst gerichtet zu betrachten. Dies war ein Irr- thum nach der entgegengesetzten Seite hin. Wenn beim Hören nichts Anderes als es selbst im eigentlichen Sinne wahrgenommen wird, so ist doch darum nicht weniger etwas Anderes als es selbst als vorgestellt in ihm vorhanden und bildet seinen Inhalt.

Aber noch mehr. Wenn diese Auffassung sogar richtig wäre, so ist doch leicht zu zeigen, dass sie auch dann nicht dazu dienen würde, die Schwierigkeit, um die es sich han- delt, in ihrem ganzen Umfange zu heben. Angenommen es hätte das Hören nichts Anderes als sich selbst zum In- halte, so könnte doch Niemand bezüglich anderer psy- chischer Acte, wie der Acte der Erinnerung und Erwar- tung, z. B. der Erinnerung eines früheren oder der Er- wartung eines späteren Hörens, das Gleiche annehmen, ohne sich der handgreiflichsten Absurdität schuldig zu machen. J. St. Mill selbst sagt darum an einer Stelle, wo er seine von uns verworfene Ansicht über die Empfindung auch zu er- kennen gibt: „Eine Empfindung enthält nichts Anderes; aber eine Erinnerung an eine Empfindung enthält den Glauben, dass eine Empfindung oder Vorstellung, deren Abbild sie ist, wirklich in der Vergangenheit bestanden habe; und eine Er- wartung enthält einen mehr oder minder festen Glauben, dass eine Empfindung oder ein anderes Phänomen, worauf sie sich bezieht, in der Zukunft bestehen werde ^)." Ist nun dieses richtig und unleugbar, so tritt derselbe Einwand, der in Betreff des Hörens durch die Identificirung des Hörens mit dem Gehörten zurückgewiesen war, bei der Erinnerung und Erwartung des Hörens in alter Kraft hervor. Wenn es keine unbewussten psychischen Phänomene gibt, so habe ich, wenn ich mich eines früheren Hörens erinnere, ausser der Vorstellung von dem Hören eine Vorstellung von der gegenwärtigen Erinnerung an das Hören, die nicht mit ihr iden- tisch ist. Auch diese soll bewusst sein, und wie wäre dieses denkbar ohne die Annahme einer dritten Vorstellung, die zu ») Examin. of Sir W. Hamilton's Philos, chapt. 12.

Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein. 163 ihr in dem gleichen Verhältnisse, wie sie selbst zur Erinne- rung stehen würde? Diese dritte verlangt aber dann 'ebenso eine vierte Vorstellung u. s. f. in's Unendliche. Der Annahme einer unendlichen Verwickelung der psychischen Zustände scheint man also, wenn jedes psychische Phänomen bewusst gedacht wird, in einer grossen Zahl sehr einfacher Fälle nicht entgehen zu. können. J. St. Mill erklärt nun zwar in sei- ner Schrift über Comte, indem er seiner Behauptung, der Verstand könne seine eigenen Acte nicht wahrnehmen, ent- gegentritt, dass der Geist mehr als einen Eindruck, ja sogar eine beträchtliche Anzahl von Eindrücken (nach Hamilton's Meinung nicht weniger als sechs) zugleich zu erfassen fähig sei; aber fiir eine Unendlichkeit von Vorstellungen wird jeden- falls seine Kraft nicht ausreichen, ja es wäre absurd, wenn einer sie ihm zuschreiben wollte. So scheint denn die An- nahme unbewusster psychischer Phänomene unvermeidlich.

Indessen ist Eines, was von vorn herein 'vermuthen lässt, dass die Schwierigkeit nicht gan:^ unlösbar sein möge. Zu verschiedenen Zeiten sind grosse Denker darauf ge- stos^en; aber nur wenige haben um ihretwillen eine unbe- wusste Seelenthätigkeit anerkannt. Aristoteles, der zuerst darauf aufmerksam machte, hat es nicht gethan. Und wenn in neuerer Zeit Herbart das Dasein unbewusster Vorstellun- gen als nothwendig daraus folgerte ^), so that er es doch nur, nachdem ihm die Existenz unbewusster psychischer Phäno- mene schon aus anderen Gründen feststand. Zudem ist es von ihm bekannt, dass er allzuleicht einen bloss scheinbaren Widerspruch unlösbar findet. Der einzige Philosoph von Bedeutung, der, wie es scheint, auf einem wenigstens ähn- lichen Wege zur Annahme unbewusster Seelenthätigkeiten *) „Unter den mehreren Vorsteilungsmassen, deren jede folgende die vorhergehende appercipirt, oder von denen wohl auch die dritte flieh die Verbindung oder den Widerstreit der ersten und zweiten zu ihrem Gegenstande nimmt, muss irgend eine die letzte sein; diese höchste appercipirende wird nun selbst nicht wieder ap- percipirt.** (Psychol. als Wissensch., Theil II. Abschn. II. Cap. 5.

164 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

geführt wurde, war meines Wissens Thomas von Aquin. Und seine Theorie ist von der Art, dass man nicht wohl glauben kann, er habe über diese Frage reiflich nachge- dacht ^). Es scheint also doch ein Ausweg zu bleiben, mittels *) Von den fimpfindungen der sogenannten fünf Sinne haben wir nach Thomas ein Bewusstsein. Die Sinne selbst, meint er, können allerdings ihre Acte nicht wahrnehmen. Dies wäre eine Reflexion auf die eigenen Acte, eine Einwirkung der Organe, als deren Functionen Thomas die Empfindungen denkt, auf sich selbst; und eine solche hält er darum für unmöglich, weil nie etwas Körperliches auf sich selbst verändernd einwirke. Was die Acte der Susseren Sinne wahrnimmt, ist daher nach Thomas ein von ihnen verschiedenes, inneres Sinnesver^ mögen, der sensus communis. (Summ, theol. P. I, Q. 78, A. 4, ad 2.; ibid. Q. 87, A. 3, obj. 3 und ad 3.) Aber auch dieser innere Sinn ist wie das ihioo entsprechende Object körperlich. Auch er kann darum nicht selbst seine Thätigkeit wahrnehmen. Da nun Thomas nicht wie- der einen neuen Sinn und ein neues Organ, durch welche wir die Thätigkeiten des inneren Sinnes wahrnehmen könnten, angenommen hat, so ergibt sich, dass nach seiner Lehre die Wahrnehmung der Empflndungsacte der äusseren Sinne niemals wahrgenommen wird, und dass wir demnach auf sinnlichem Gebiete alsbald auf eine un- bewusste Seelenthätigkeit stossen. Gewiss wäre es ihm ein Leichtes gewesen, noch einen zweiten und dritten inneren Sinn dazu zu fügen. Aber was hätte Ur damit gewonnen? Ohne die Annahme einer ge- radezu unendlichen Menge von Sinnen und Sinnesorganen, die offen- bar ein endlicher Leib zu umfassen nicht fähig wäre, hätte er nach seinen Principien die Allgemeinheit des Bewusstseins für alle sinnlichen Acte dennoch nicht durchführen können.

Für das Bewusstsein vom Denken des Verstandes (intellectus) gibt Thomas eine ganz andere Theorie. Dieser gilt ihm als unkörperlich und darum als fähig, auf sich selbst zu reflectiren. Von dieser Seite steht also der Erkenntniss seiner Acte durch ihn selbst nichts im Wege. Aber etwas Anderes macht Schwierigkeit; nämlich, dass der Verstand, wie Tho- mas annimmt, nie mehr als einen Gedanken zugleich zu denken fähig ist. Eine Potenz hat gleichzeitig nie mehr als einen Act in sich. Thomas hilft sich dadurch aus der Verlegenheit, dass er das Bewusst- sein von einem Gedanken mit diesem selbst nicht gleichzeitig be- stehen, sondern ihm nachfolgen lässt. Auf diese Art tritt nun bei ihm, wenn kein Denkact unbewusst bleiben soll, an die Stelle einer simultan gegebenen eine successive Reihe, in der jeder folgende Act auf den früheren sich bezieht, und für die man, wie Thomas meint, nun ohne Absurdität annehmen kann, dass ihre Glieder in*s Unend- Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein. 165 dessen man sich der Folgerung eines unbewussten Bewusst- seins entziehen kann.

liehe sich vervielfältigen. (Summ, theol. P. I, Q. 87, A. 3, 2 und ad 2.) Thatsächlich wird dies natürlich nie der Fall sein, und so kommt man auch hier wieder auf ein Denken, das unbewusst ist und bleibt, als letztes Glied der Keihe.

Nur ganz kurz will ich auf einige wesentliche Mängel, welche die- ser Lehre anhaften, hinweisen. Vor Allem ist es inconvenient, dass Thomas eine ganz andere Theorie für das Bewusstsein von der Sinnes- thätigkeit und für das von der Thätigkeit des Verstandes gibt, da doch nach dem Zeugnisse der inneren Erfahrung das eine Phänomen voll- ständig d<ßm anderen analog erscheint. Dann erregt aber auch jede der beiden Theorien für sich ihre grossen Bedenken. Wir sollen uns nie bewusst sein, dass wir uns des Hörens, Sehens u. s. f. bewusst sind. Schon dies scheint eine harte Annahme. Aber noch deutlicher beweist ein anderer Umstand die Unmöglichkeit der Auffassung. Das Verhältniss des inneren Sinnes zu seinem Object und das des äusseren zu der Ursache, welche eine Empfindung hervorruft, werden einander völlig gleich gedacht. Dem widerspricht aber die untrügliche Evidenz der inneren Wahrnehmung, an weicher die äussere nicht im Geringsten Theil hat. Die innere Wahrnehmung der Empfindungen könnte un- möglich unmittelbar evident sein, wenn sie auf einen ihr fremden Zu- stand, auf den Zustand eines von ihrem Organe verschiedenen Organs, gerichtet wäre. Ebensowenig befriedigt die Theorie von dem Bewusst- sein der Verstandesthätigkeit. Nach ihr sollen wir uns nie des gegen- wärtigen, sondern immer nur eines vergangenen Denkens bewusst sein, eine Behauptung, die mit der Erfahrung nicht im Einklänge erscheint. Wäre sie aber richtig; so könnte man strenggenommen nicht von einer inneren Wahrnehmung des eigenen Denkens, vielmehr nur von einer Art Gedächtniss sprechen, welches auf einen unmittelbar vergangenen eigenen Act sich bezöge; und dies hätte die Folge, dass auch hier die unmittelbare untrügliche Evidenz unbegreiflich würde. Und wie wür- den wir nach dieser Theorie den Denkact wahrnehmen? als gegen- wärtig oder vergangen oder als zeitlich unbestimmt? Als gegenwärtig nicht; dann wäre ja die Wahrnehmung falsch. Aber auch nicht als zeitlich unbestimmt; sonst wäre sie nicht die Erkenntniss eines in- dividuellen Actes. Als vergangen also; und somit ist klar, dass sein Erfassen in der That nicht bloss als etwas dem Gedächtnisse Aehn- liches, sondern als ein reiner Gedächtnissact gedacht werden müsste. Seltsam aber wäre es gewiss, wenn wir von den», was, da es gegen- wärtig war, von uns unbemerkt geblieben ist, nachher eine Erinnerung haben sollten.

Es sei schliesslich noch bemerkt, dass es nach der Thomistischen jB' lfi.> S/'i X 166 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

§. 8. Betrachten wir desshalb noch einmal und mit aller Genauigkeit die Thatsache, um die es sich handelt.

Es kommt vor, daran kann wohl Niemand zweifeln, dass wir uns eines psychischen Phänomens, während es in. uns besteht, bewusst sind, z. B. dass wir, während wir die Vor- stellung eines Tones haben, uns bewusst sind, dass wir sie haben. Es fragt sich nun: haben wir in einem solchen Falle mehrere und verschiedenartige Vorstellungen oder nur eine einzige? — Ehe wir die Frage beantworten, müssen wir- uns darüber klar sein, ob wir nach der Zahl und Ver- schiedenheit der Objecte die Zahl und Verschiedenheit der Vorstellungen bestimmen wollen, oder nach der Zahl der psychischen Acte, in welchen wir die Objecte vorstellen. Wenn das Erste, so ist klar, dass wir sagen müssen, wir hätten in einem solchen Falle mehrere Vorstellungen, und diese seien von verschiedener Art; so zwar, dass eine von ihnen den Inhalt der anderen bilde, während sie selbst ein physisches Phänomen zum Inhalt habe. Ist dies richtig, so muss das physische Phänomen in gewisser Weise zu dem Inhalte beider Vorstellungen gehören, zu dem der einen als ausschliesslicher, zu dem der anderen, so zu sagen als eingeschlossener Gegenstand. Es scheint darum, wie aucb Aristoteles schon bemerkt hat, sich herauszustellen, dass das physische Phänomen zweimal vorgestellt werden müsse ^).

Theorie von dem Erkennen der eigenen Verstandesacte nicht bloss ge- wisse Acte geben würde, deren man sich nicht bewusst wird, obwohl man sich ihrer bewusst werden könnte, sondern, ähnlich wie bei den Em- pfindungen, auch solche, deren man sich unmöglich bewusst werden kann; es müsste denn einer dem Verstände eine unendliche Kraft, eine Fähigkeit für unendlich complicirtes Denken zuschreiben. „Alius est actus^S j^Ag^ Thomas, „quo intellectus intelligit lapidem, et alius est actus, quo intelligit se intelligere lapidem; et sie deinde." Die Com- plication der Glieder wächst also in's Unendliche in steigender arith- metischer Progression.

^) De Anim III. 2. p. 425, b, 12: IniX ^ afai^avofis^a ori OQm/nsv xal ilxoiOfisv; uvdyxrj.rj ryoipei afaO^aveoO-ai ort OQa, rj h^Qcc. 'a?X rj ttVTTj farai rrji o\l)E<og xal tov vTToxfifisrov;^ow^«ro?. (SaTS rj ^vo lov avrov ^Govrai ^ ctvrrj avTtjs.

Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein. 167 Aber dennoch ist dies nicht der Fall. Vielmehr scheint die innere Erfahrung unzweifelhaft zu zeigen, dass die Vorstel- lung des Tones mit der Vorstellung von der Vorstellung des Tones in so eigenthüralich inniger Weise verbunden ist, dass sie, indem sie besteht, zugleich innerlich zum Sein der au- deren beiträgt.

Dies deutet auf eine eigenthümliche Verwebung des Ob- jects der inneren Vorstellung mit dieser selbst und auf eine Zugehörigkeit beider zu ein und demselben psychischen Acte hin. Diese müssen wir in der That annehmen. So gewiss wirnn unserem Falle die Frage nach der Mehrheit der Vor- stellungen affirmativ entscheiden mussten, wenn wir sie nach der Zahl der Objecto bestimmten: so gewiss müssen wir sie negativ beantworten, wenn wir sie nach der Zahl der psy- chischen Acte bestimmen, in welchen vorgestellt wird. Die Vorstellung des Tones und die Vorstellung von der Vorstel- lung des Tones bilden nicht mehr als ein einziges psychisches Phänomen, das wir nur, indem wir es in seiner Beziehung auf zwei verschiedene Objecto, deren eines ein physisches, und deren anderes ein psychisches Phänomen ist, betrachte- ten, begrifflich in zwei Vorstellungen zergliederten. In dem- selben psychischen Phänomen, in welchem der Ton vorgestellt wird, erfassen wir zugleich das psychische Phänomen selbst, imd zwar nach seiner doppelten Eigenthümlichkeit, insofern es als Inhalt den Ton in sich hat, und insofern es zugleich sich selbst als Inhalt gegenwärtig ist.

Wir können den Ton das primäre, das Hören selbst das secundäre Object des Hörens nennen. Denn zeitlich treten sie zwar beide zugleich auf, aber der Natur der Sache nach ist der Ton das frühere. Eine Vorstellung des Tones ohne Vorstellung des Hörens wäre, von vom herein wenigstens, nicht undenkbar; eine Vorstellung des Hörens ohne Vor- stellung des Tones dagegen ein offenbarer Widerspruch. Dem Tone erscheint das Hören im eigentlichsten Sinne zugewandt, und indem es dieses ist, scheint es sich selbst nebenbei und als Zugabe mit zu erfassen.

168 Buch II. Von den psychiselien Phänomenen im Allgemeinen^ §. 9. Ist dieses richtig, so ergibt sich daraus die Er- klärung mehrerer auffallender Erscheinungen, und mit an- deren löst sich auch d i e Schwierigkeit, welche zuletzt gegen die Annahme, es seien alle psychischen Phänomene bewusst, geltend gemacht wurde.

Nehmen wir psychische Phänomene wahr, die in uns be- stehen? — Die Frage muss mit entschiedenem Ja beantwortet werden; denn woher hätten wir ohne eine solche Wahrneh- mung die Begriffe des Vorstellens und Denkens? Aber es zeigt sich andererseits, dass wir nicht im Stande sind, unsere gegenwärtigen psychischen Phänomene zu beobachten, und wie soll man dies erklären, wenn nicht daraus, dass wir un- fähig sind sie wahrzunehmen? — Früher, in der That, schien eine andere Erklärung nicht wohl denkbar; jetzt aber sehen wir den wahren Grund deutlich ein. Die einen psychischen Act begleitende, auf ihn bezügliche Vorstellung gehört mit zu dem Gegenstande, auf welchen sie gerichtet ist. Würde jemals aus einer inneren Vorstellung eine innere Beobach- tung werden, so würde eine Beobachtung auf sich selbst gerichtet sein. Das aber scheinen auch die Vertheidiger der inneren Beobachtung nicht für möglich zu halten, und J. St. Mill, wo er gegen Comte die Möglichkeit vertritt, dass Jemand sich beim Beobachten beobachte, beruft sich darum auf unsere Thätigkeit, Mehreres gleichzeitig mit Aufmerk- samkeit zu verfolgen^). Eine Beobachtung soll also auf die andere Beobachtung, nicht dieselbe auf dieselbe gerichtet sein können. In Wahrheit kann etwas, was nur secundäres Object eines Actes ist, zwar in ihm bewusst, nicht aber in ihm beobachtet sein; zur Beobachtung gehört vielmehr, dass man sich dem Gegenstande als primärem Objecte zuwende.

Also nur in einem zweiten, gleichzeitigen Acte, der einem in uns bestehenden Acte als primärem Objecte sich zuwendete, könnte dieser beobachtet werden. Aber die begleitende in- nere Vorstellung gehört eben nicht zu einem zweiten Acte. Somit sehen wir, dass überhaupt keine gleichzeitige Be- obachtung des eigenen Beobachtens oder eines anderen eigenen ^j In der Abhandlung über A. Comte und den Positivismus. I. Theil.

Capitel 2. Vom inneren Bewusstseiu. 169 psychischen Actes möglich ist. Die Töne die wir hören können wir beobachten, das Hören der Tone können wir nicht beobachten; denn nur im Hören der Töne wird das Hören selbst mit erfasst. Einem früheren Hören dagegen, welches wir im Gedächtnisse betrachten, wenden wir uns als einem primären Objecte, und darum mitunter auch in ähn- licher Weise wie ein Beobachtender zu. Der gegenwärtig bestehende Act der Erinnerung ist in diesem Falle das psy- chische Phänomen, das nur secundär erfasst werden kann*). Dasselbe gilt bei der Wahrnehmung aller anderen psychischen Erscheinungen.

Somit bewährt sich hier das Sprichwort; denn zwischen den früheren von uns besprochenen*) entgegengesetzten An- sichten eines Comte, Maudsley, Lange einerseits, und der grossen Mehrzahl der Psychologen andererseits, liegt die W^ahrheit in der Mitte.

Eine andere Frage. Hat, wer einen Ton oder ein an- deres physisches Phänomen vorstellt und dieser Vorstellung sich bewusst ist, auch von diesem Bewusstsein ein Bewusst- seiu, oder nicht? — Thomas von Aquin hat dies in weitem Umfange geleugnet. Aber jeder Unbefangene wird zunächst wenigstens geneigt sein, die Frage zu bejahen. Erst, wenn man ihm dann vorrechnet, wie er in diesem Falle ein drei- faches und dreifach ineinandergeschachteltes Bewusstsein, und ausser der ersten Vorstellung und der Vorstellung der Vor- stellung auch noch eine Vorstellung der Vorstellung der Vor- stellung haben müsse, wird er vielleicht schwankend werden. Denn diese Annahme scheint inconvenient und nicht mehr der Erfahrung entsprechend. Doch das Ergebniss unserer Untersuchung zeigt, wie diese Folgerung mit Unrecht gezogen wird; denn nach ihr fällt das Bewusstsein von der Vorstel- lung des Tones mit dem Bewusstsein von diesem Bewusstsein *) Dieser Umstand macht es begreiflicher, wie Thomas von Aquin darauf verfallen konnte, das Bewusstsein, welches das Denken beglei- tet, als ein nachfolgendes zu< denken, und das Bewusstsein von diesem Bewusstsein als drittes Glied einer Reihe von Reflexionen zu betrach- ten, von welchen jede folgende auf die vorhergehende sich bezieht.

170 Buch Ilf Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

offenbar zusammen. Ist ja das Bewusstsein, welches die Vor- stellung des Tones begleitet, ein Bewusstsein, nicht sowohl von dieser Vorstellung, als von dem ganzen psychischen Acte, worin der Ton vorgestellt wird, und in welchem es selber mitgegeben ist. Der psychische Act des Hörens wird, ab- gesehen davon, dass er das physische Phänomen des Tones vorstellt, zugleich seiner Totalität nach für sich selbst Ge- genstand und Inhalt.

Und hienach löst sich auch mit Leichtigkeit der zuletzt betrachtete Beweisvei-such für das Dasein unbewusster psy- chischer Phänomene. Eine unendliche Verwickelung des See- lenzustandes sollte daraus folgen, wenn jedes psychische Phä- nomen von einer darauf bezüglichen Vorstellung begleitet wäre. Und wirklich schien es einen Augenblick, als sei eine solche unendliche Verwickelung unvermeidlich. Aber, wenn der Gedanken so ganz absurd ist, wie lässt es sich erklären, dass man ihn fast allgemein angenommen, und dass selbst von den Philosophen, welche unbewusste psychische Acte lehrten, die wenigsten auf jene Absurdität sich berufen haben? Schon von vorn herein schien es uns darum wahrscheinlich, dass irgend ein Ausweg offen stehen müsse. Und nun sehen wir deutlich, dass die Vennuthung richtig war, und dass die Folgerung jener unendlichen Verwickelung in Wahrheit nicht nothwendig ist. Weit entfernt, dasö mit mehr und mehr sich verwickelnden Gliedern eine unendliche Reihe von Vor- stellungen zugleich in uns aufgenommen werden müsste, zeigt es sich vielmehr, dass schon mit dem zweiten Gliede die Reihe sich abschliesst.

§. 10. Die eigenthümliche Verschmelzung der begleiten- den Vorstellung mit ihrem Objecte, wie wir sie dargestellt haben, wurde von der grossen Mehrzahl der Psychologen wohl erkannt ^), obwohl nicht eben häufig eingehend und genau er- örtert. Und ohne Zweifel war dies der Grund, warum die einen die Schwierigkeit nicht sahen, und andere sich nicht dadurch beirren Hessen.

') So in neuester Zeit von Bergmann, Grundlinien einer Theorie des Bewusstseins, Berlin 1870.' Cap. 1 und 2.

Cnpitel 2. Vom inneren Bewuestsein. 171 Das Letztere ist besotiders bei Aristoteles unzweideutig ei'kennbar, der fast eben so wie wir die scheinbare Noth- wendigkeit unendlicher Verwickelung hervorhob. Es fiel ihm nicht ein, desshalb einen unbewussten Seelenzustand anzu- nehmen. Vielmehr kommt er sofort zu der Folgerung, dass in dem bewussten psychischen Phänomene selbst das Be- wusstsein von ihm mitbeschlossen sein müsse ^).

Wie dies zu denken sei, das sucht er bezüglich der Em- pfindungen mehrfach und nicht ganz glücklich zu erläutern. Es stehe fest, meint er, dass wir durch das Gesicht, Gehör u. s. f. in mehr als einer Weise etwas wahrnehmen; denn durch das Gesicht nehmen wir nicht bloss das Licht sondern auch die Finsterniss, durch das Gehör nicht bloss die Töne son- dern auch die Pausen, nicht bloss das Geräusch sondern auch die Stille, den Mangel jeglichen Geräusches wahr; aber nicht in derselben Weise.. Wir haben also erwiesenermassen durch das Gesicht, durch das Gehör u. s. f. ein Wahrnehmen mehr- facher Art, und so sei es auch recht wohl denkbar, dass, wir durch das Gesicht nicht bloss die Farben sondern auch unser Sehen, durch das Gehör nicht bloss die Töne sondern auch unser Hören wahrnehmen, obwohl die letztere Wahr- nehmung kein eigentliches Hören sei. Noch mehr. Wie das Tönen, so sei auch das Hören eine Einwohnung des Tones. Sie verhalten sich zu einander wie Wirken und Leiden. Sie seien darum in Wirklichkeit immer gleichzeitig gegeben. Man könne nur sagen dass etwas wirklich töne, wenn auch etwas sei was wirklich den Ton vernehme. Ausserdem dürfe man nur von einem Tönen in Möglichkeit reden. Tönen und Hören seien also, wie allgemein das Wirken und das dem Wirken entsprechende Leiden, sachlich Eins und den Begriffen nach correlativ und darum nie anders als zusammen und in ein und demselben Acte vorstellbar*).

^) De Anim III. 2: hi dUi xtd h^qa slrj rijg oipfotg atnd-rjaig, rj eig aneiQov etaiv rj avrri reg ^arai aviijg.

*) Ebend.: (pavsQov tolvvv ozc ov/ iV t6 tj oipH ulaS-dvEoi^ai ' xtxl yccQ otav firi OQtofx^v, t^ oxpH xqCvo/ä€v xal xb axorog xal t6 (püHg, «AA' ovx (oünvTOig. ht ^k xa) t6 OQüiv eOTiv wg xf/QM/uaTiaicct,' t6 yteg 172 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

Der Vergleich der Wahrnehmung des Hörens mit der Wahrnehmung der Stille durch das Gehör ist wenig treffend; und die Unterordnung des Begriffspaares, Hören und Tönen, unter das des Leidens und Wirkens gänzlich verfehlt. Der Begriff Ton ist kein relativer Begriff. Wäre dies der Fall, so würde nicht das Hören ein secundäres, sondern mit dem Tone zugleich das primäre Object des psychischen Actes sein, und dasselbe würde in jedem anderen Falle gelten, was unverkennbar der Ansicht des Aristoteles selbst entgegen ist^). Auch könnten wir gar nichts denken ausser gewissen Relationen zu uns selbst und unseren Gedanken, und dies ist ohne Zweifel falsch. Allein wenn an dieser Stelle Ari- stoteles zum Mindesten ungenau spricht, so finden wir ander- wärts bei ihm die richtige Ansicht mit aller Klarheit aus- gesprochen. So sagt er im zwölften Buche der Metaphysik: „Das Wissen und die Empfindung und die Meinung und das Nachdenken scheinen immer auf etwas Anderes zu gehen.

ttiad^TTjQiov ^exTixov Tov aiad-TjTov avav jr\g vlrjs exaarov. dio xal aneXd-ovxmv rav äta&r}Tc5v tvEtOi^v al aiad^aei^g xal (pavTaaiac iv roig cdod-TjTrjQioig, t) ^e tov cciaS^TOv Mgyeia xal Trjg aiad-rjoicog rj avTTi fji,äv ioTi xal fjLiay To d^alvat ov Tttvxby avraTg' Xfycj 6*oiov ipotpog o xar ivi()y€ittv, xal ttxori rj xax Iviqyuav* t(Sxi yaQ axorjV ^/ovra fzr} dxovStv, Xttl TO f/or xfjoifov ovx ail ipo(f6L. oTov ^ Iv^Qy^ TO övvafiivov dxovstv xal ifJOfp^ TO dvvafxevov xjjotpeiv, tots tj xax Mgynav äxo^ a/Lia yCvaTai xal 6 xttT Iv^Qyecav ipoipog^ o)v aXmuv av rig to fitv elvac axovoiif t6 (Ff ^oiprjOcv. si 6*}^auv ij xCvr^Oig xal rj noirjatg xal t6 Ttdd-og Iv toJ noiovju^vip, dvdyxTj xal tov \p6(fov xal ttjv dxoriv ttjv xax Iviqyhiav Iv rij xaxa dvvafxi^f eivm' rj yaQ xov ttoltjxixov xal xivrjxixov ^v^gyeia ir xb) ndaxovxi lyyivsxai. öio ovx dvdyxri xb xivovv xivelo&ai 6 ^avxbg koyog xal inl xc5v allcjv aiaS-rjaecov xal aiad-rjXMV. toüneQ ydo r} TToCrjacg xal rj ndd-rjaig iv tm nda/oVTi dX}J ovx iv x(p Tiowvviiy ovxta xal ^ xov aiad-rixov iviqyeia xal ij xov aiaS^nxov iv x^ ata&rjxtx^...insl d^ /tt/a fÄ^v iOTcv iviqyua rj xov alodjixov xal rj xov aiod^jtxov x6 ^^elyai exSQOVf dvdyxrj ufia (p&€(^fa&ai xal aw^aS-ai xrjv ovxco XeyofjLivriv dxoriv xal ip6(fov, xal x^f^^ ^h ^«^ ysvcftv xal xd aXla Ofiotcog' xd cTf xaxa ^vrajuiv Xeyofisva ovx dvayxi].

^) Sonst würde er uns wie die Farbe auch das Sehen sehen lassen, und nicht, damit das Sehen sich selbst erfasse, der o\pig eine zweite Art von ala&dna&ai („«U' ov/ (oaavxtog^^) zuschreiben.

Capitel 2. Vom inneren Bewiisstsein. 173 auf sich selbst aber nebenbei ^)." Hier zeigt sich seine Auf- fassung der unserigen vollkommen conform, und so hat sie ihm gewiss auch vorgeschwebt, als er die zuvor betrachtete Stelle niederschrieb, und um ihretwillen die unendliche Ver- wickelung der Seelenthätigkeit als unberechtigte Folgerung zurückwies. Doch da er hier seine Ansichten von der eigen- thümlichen Vereinigung des Hörens und der Wahrnehmung des Hörens in einem Acte anschaulich machen wollte, und keine passenden Analogien dafür fand, begegnete es ihm, dass er sie vielmehr in ein falsches Licht setzte.

Dass auch die übrigen Psychologen fast allgemein einer verwandten Anschauung sich zuneigen, davon kann man sich leicht überzeugen. J. St. Mill, dessen abweichende Ansicht über die Empfindungen wir früher kennen lernten und zu widerlegen suchten, spricht hinsichtlich der Erinnerungen und Erwartungen eine mit der unserigen congruente üeberzeu- gung aus. Er gibt ihnen (und wie sollte er es nicht thun?) ein von ihnen verschiedenes, ein als früher oder später ge- dachtes Phänomen zum Inhalte; aber er glaubt, dass sie zu- gleich selbst für sich selbst Gegenstand seien, indem er sie ^). Metapb. Ji^ 9: (paCviraL 6\'<el äXXov rj ^nicnrifiri xai tj atoßrjOig 3(al ri do^a xal rj diavoia^ avrrs (Tlv naqiqyfp. Vgl. auch ebend. 1, 7. p. 1072, b, 20. Anderw^ärts hat es den Anschein, als ob Aristoteles ähnlich wie Thomas v. A. für die Empfindungen einen besonderen inneren Sinn annehme, und so der Lehre von einer Verschmelzung der begleitenden inneren Vorstellung mit der Empfindung in einem Acte untreu werde. Seine allgemeine Theorie von den Seelenver- BQÖgen scheint auch mit einer solchen Ansicht leichter vereinbar. Und darum habe ich selbst in meiner „Psychologie des Aristoteles** mit der Mehrzahl der Erklärer sie ihm zugeschrieben. Doch die Stelle De Anim III, 2. spricht so klar dagegen, und es ist so misslich, einen VTiderspruch seiner verschiedenen Aussagen in diesem Punkte anzuneh- men, dass ich mich jetzt zu der hier im Texte dargelegten Auffassung bekenne. H. Schell in seiner Schrift: „Die Einheit des Seelenlebens aus den Principien der Aristotelischen Philosophie entwickelt", Frei- barg 1873, hat mit vielem Scharfsinne den Versuch gemacht, die ihr entgegenstehenden Aussagen damit zu versöhnen und auch die meta- physischen Anschauungen des Aristoteles über Act und Potenz u. s. w. damit in Einklang zu bringen. Vgl. auch unten Buch II. Cap. 3. §. 5.

mä^m^ 174 Buch IL Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

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