in dieser Hinsicht in nichts von den Empfindungen unter- schieden denkt. „In sich selbst", sagt er, „sind sie geg^en- wärtige psychische Phänomene, Zustände eines gegenwärtigen Bewusstseins, und sie unterscheiden sich in dieser Hinsicht in nichts von den Empfindungen^)." Wenn wir an das, was Mill über;die Empfindungen lehrte, und namentlich an die Weise zurückdenken, wie er sie sich selbst erfassen liess, so sehen wir wohl, dass er nicht deutlicher uns zu- stimmen J^onnte. Bain ist zweifellos derselben Meinung. Ebenso glaubt Lotze, dass ein Bewusstsein von den in uns bestehenden psychischen Phänomenen in ihnen selbst gegeben sei; ja, wir dürfen sagen, dass unter allen, welche die Exi- stenz unbewusster psychischer Phänomene (in unserem Sinne) leugnen, keiner einer anderen Ansicht ist. Zu diesen gehört aber auch ülrici, und dem entsprechend erklärt er aus- drücklich, dass „alle unsere Empfindungen zugleich Selbst- Empfindungen der Seele" seien ^). Aber auch von denjenigen, welche nicht jedes psychische Phänomen für ein bewusstes halten, geben die Meisten un^ Zeugniss, wie z. B. Beneke. Wo immer er ein psychisches Phänomen von einem darauf bezüglichen Bewusstsein begleitet denkt, glaubt er nicht, dass dieses als ein zweiter, besonderer Act hinzukomme, sondern dass es, wie eine besondere Bestimmtheit und Eigenheit des Phänomenes selbst, mit demselben gegeben sei ^). Die Allge- meinheit dieser Ueberzeugung ist offenbar der Grund, wesshalb der vierte Weg zum Nachweise unbewusster psychischer Phänomene so wenig betreten worden ist, und durch sie wird die Richtigkeit unserer Auseinandersetzung in willkommener Weise bestätigt.
§. 11. Die eigen thümlich innige Verbindung des psy- chischen Actes mit der darauf bezüglichen Vorstellung, die ihn begleitet, machte es uns möglich, auch die letzte Art von Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein. 175 Beweisversuchen für das Dasein unbewusster psychischer Acte zu entkräften. Sehen wir, ob wir im Stande sein werden, noch weitere Aufschlüsse daraus zu gewinnen.
Wir haben früher die Frage besprochen, ob zwischen der Intensität der bewussten psychischen Erscheinungen und der Intensität der darauf bezüglichen begleitenden Vorstel- lungen ein functionelles Verhältniss bestehe. Es zeigte sich, dass die gewöhnliche Ansicht einer solchen Annahme günstig ist, indem sie die Vorstellungen von Vorstellungen, wo immer sie diese begleiten, der Intensität nach ihnen gleichzustellen pflegt, und eine nähere Untersuchung diente dieser Ansicht zur Bestätigung. Aber die Erörterung war, wenn nicht ge- rade sehr verwickelt, doch auch nicht von der Art, dass man glauben könnte, sie sei der Weg auf welchem die gewöhn- liche Meinung sich gebildet habe. Ihre Entstehung blieb also damals unerklärt. Jetzt dagegen sind wir, wenn ich nicht irre, in Stand gesetzt, die mangelnde Erklärung zu geben.
Wenn wir eine Farbe sehen und von diesem unserem Sehen eine Vorstellung haben, so wird in der Vorstellung vom Sehen auch die gesehene Farbe vorgestellt; sie ist Inhalt des Sehens, sie gehört aber auch mit zum Inhalte der Vorstellung des Sehens ^). Würde nun die Vorstellung des Sehens mehr oder minder intensiv sein als das Sehen, so würde die Farbe in ihr mit einer anderen Intensität als in dem Sehen vorgestellt wer- den. Erscheint dagegen diese, insofern sie gesehen wird, und insofern sie zum Inhalt der Vorstellung vom Sehen gehört, gleich intensiv, so werden auch das Sehen und die Vorstel- lung vom Sehen der Intensität nach einander gleich sein. Hier also ist für das Urtheil ein naheliegender Anhaltspunkt gegeben. Nun haben wir erkannt, dass das Sehen und die Vorstellung vom Sehen in solcher Weise verbunden sind, dass die Farbe, indem sie Vorstellungsinhalt des Sehens ist, zu- gleich zum Vorstellungsinhalt der Vorstellung vom Sehen beiträgt. Die Farbe wird darum, obwohl sie im Sehen und ^ Vgl. oben §. 8.
176 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
in der Vorstellung vom Sehen vorgestellt wird, doch nicht mehr als einmal vorgestellt^). Von einem Unterschied^ der Intensität kann also selbstverständlich nicht die Rede sein. Somit erklärt es sich sehr einfach, warum man allge- mein glaubt, auch das Sehen und die Vorstellung des Sehens seien der Intensität nach nicht von einander verschieden, und dieser Glauben erscheint neuerdings als vollkommen ge- rechtfertigt. Steigt also oder sinkt die Stäike einer be- wussten Empfindung oder einer anderen bewussten Vorstel- lung, so steigt oder sinkt die Stärke der begleitenden, darauf bezüglichen inneren Vorstellung in gleichem Maasse, so dass beide Erscheinungen ihrer Intensität nach immer auf gleicher Höhe stehen.
§. 12. Doch ein Einwand. Wenn mit der Intensität des Hörens die Intensität der Vorstellung des Hörens immer in gleichem Maasse steigt und fällt, so wird, wenn die Inten- sität des Hörens Null wird, auch die der begleitenden Vor- stellung Null werden. Aber das Gegentheil scheint richtig. Wie sollten wir sonst wahrnehmen, dass wir nicht hören, was wir doch thun, indem wir in der Musik die Pausen und die Länge der Pausen und auch sonst das Eintreten voll- kommener Stille, das Aufhören jegliches Geräusches bemer- ken? Recht intensiv sogar scheint manchmal die Vorstellung des Nichthörens zu sein, da der Müller, der beim Klappern der Mühle ruhig schläft, wenn sie plötzlich stille steht, aus tiefstem Schlafe erweckt wird; und' dasselbe zeigt sich in einem Falle, den wir früher nach Lewes anführten, wenn der in der Predigt friedlich entschlummerte Zuhörer bei ihrem Schlüsse erwacht, auch ehe noch das Geräusch der sich er- hebenden Menge ihn erwecken konnte.
Der Einwurf mag in der That für einen Augenblick Be- denken erregen. Ist es doch, als ob er nicht bloss unserer eben verfochtenen Theorie gefährlich sei, sondern sogar die Existenz von Wahrnehmungen ohne ein positives Object ^) Ebend.
Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein. \ 177 beweise; denn der Mangel des Harens ist offenbar kein po- sitives Object. Betrachtet man aber die Thatsache etwas näher, so findet man wohl eine Lösung. Wenn wir die Vorstellung von einer Pause und von der Länge einer Pause haben, so erscheinen uns die Töne, von welchen die Pause begrenzt ist,' mit ihren verschiedenen zeitlichen Bestimmtheiten; wird ja doch ein jeder Ton, nachdem er als gegenwärtig erschienen ist, noch eine Zeit hindurch als vergangen, und als mehr oder minder vergangen vor- gestellt. Die Grösse dieser Verschiedenheit ist die so- genannte Länge der Pause. Auch hier haben wir also eine Vorstellung von Tönen wie bei der Vorstellung von conti- nuirlicher Musik; nur etwa Töne von einer gewissen mittleren zeitlichen Bestimmtheit werden nicht vorgestellt. Da wir nun eine Vorstellung von Tönen haben, so ist es nicht zu verwundem, wenn diese von einer gleich intensiven darauf bezüglichen Vorstellung begleitet ist.
Die Wahrnehmung bei eingetretener Stille ist> ein ähn- licher, nur einfacherer Fall. Ein Geräusch, das früher als gegenwärtig erschien, erscheint hier als unmittelbar vergangen, wenn auch keines als gegenwärtig erscheint. Und die Vor- stellung des als vergangen erscheinenden Geräusches ist, nach dem was wir festgestellt haben, von einer gleich intensiven Vorstellung dieser Vorstellung begleitet.
Man entgegnet vielleicht, diese Erklärung genüge nicht. So lange die Mühle fortfahre zu klappern, habe der Müller eben so gut die Vorstellung von einem Klappern, das als unmittelbar vergangen erscheine, wie wenn sie anfange still zu stehen, und nur ausser ihr noch die von einem als gegenwärtig erscheinen- den Klappern. Er habe also auch dann die Vorstellung, die ihn nach unserer Ansicht beim Stehenbleiben der Mühle weckte, und nur noch eine andere dazu. Somit fehle nach wie vor eine Ursache, die das Erwachen wirklich erklären könnte, und sie werde so lange fehlen, als man sich nicht entschliesse, eine besondere Wahrnehmung des Nichthörens anzuerkennen. — Allein das Verhältniss ist hier ähnlich, wie bei Vorstel- lungen einer Farbe, wenn sie einmal einen grösseren, ein- Brentano, Psychologie. I. 12 ^• u_ 'v 178 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
mal einen kleineren Kaum, einen Theil jenes grösseren Rau- mes, ausfüllt. Wie die Farbe dann räumligh beschränkter erscheint, so erscheint das Geräusch, wenn es abbrach, zeit- lich beschränkter. Das Bild wird in beiden Fällen ein an- deres, die Contoure wird verrückt. Und wie es wohl ge- schehen kann, dass die enger umgrenzte Farbenfläche uns auffällt, während sie, wenn sie sich weiter ausdehnte, unsere Aufmerksamkeit nicht erregen würde, so kann Aehnliches bei dem Geräusche der Fall. sein. Es wird dites von den beson- deren Associationen abhängen, welche sich an die eine und andere Erscheinung knüpfen. Bei dem Müller, der die Pflicht hat, sobald das Rad stehen bleibt, der eingetretenen Störung abzuhelfen, während er, so lange das Werk regelmässig fort- geht, die Mühle sich selbst überlassen kann, ist es in ähn- licher Weise begreiflich, warum gerade das abbrechende Ge- räusch ihn weckt, wie bei dem Aufwärter in der Restauration, von dem Lewes uns erzählte, warum ihn kein anderer Ruf mit solcher Leichtigkeit wie der Ruf: Kellner! weckte, durch den man seine Dienste gemeiniglich in Anspruch nahm.
Es liesse sich der Gegenstand noch eingehender erörtern, und man könnte namentlich darauf hinweisen, dass allgemein die Contoure die Aufmerksamkeit auf sich zieht; eine That- sache, für welche der Wettstreit der Sehfelder so merkwür- dige Belege bietet. Doch es scheint besser, dies einem spä- teren Orte vorzubehalten.
§. 13. Es bleibt also bei dem, was wir früher gefunden. Wenn die Stärke einer bewussten Vorstellung steigt und sinkt, so steigt und sinkt die Stärke der darauf bezüglichen begleitenden Vorstellung in gleichem Maasse, und beide Er- scheinungen stehen ihrer Intensität nach immer auf gleicher Höhe.
Ist dieses richtig, so liegt darin nicht bloss die Wider- legung eines etwaigen Versuches, aus dem betreffenden func- tionellen Verhältnisse das Dasein unbewusster Vorstellungen darzuthun: es kann vielmehr, wie wir auch früher schon andeuteten, zugleich als ein Beweis dafür betrachtet werden, Capitel 2. Vom inneren Bewusstsein. J79 dass es wirklich keine unbewussten Vorstellungen in unserem Sinne gibt. Hiemit ist allerdings noch nicht ausgesprochen, dass alle psychischen Phänomene während ihres Bestehens von Bewusstsein begleitet sind; denn ausser dem Vorstellen gibt es auch andere psychische Thätigkeiten, wie z. B. Ür- theil und Begehren; doch sind wir einem solchen Schlüsse, um ein Bedeutendes näher gerückt.
und wie etwa wird es uns möglich sein, das Fehlende zxi ergänzen? Der Analogie nach könnte einer vermuthen, dass auch bei anderen bewussten psychischen Thätigkeiten zwischen ihrer eigenen Intensität und der Intensität der dar- auf bezüglichen begleitenden Vorstellungen ein functionelles Verhältniss, und zwar dasselbe Verhältniss einfacher Gleich- heit bestehe, welches wir in Betreff des bewussten Vorstellens nachgewiesen haben. Allein wenn wir ^unter der Intensität eines ürtheils den Grad der Zuversicht verstehen, mit dem es gefällt wird, so lehrt uns die Erfahrung, dass eine schwache Meinung von einer nicht minder starken, ja von einer stär- keren Vorstellung als eine volle Ueberzeugung begleitet sein kann, wenn nur die der Meinung zu Grunde liegende Vor- stellung recht intensiv ist. Auch wird man bei einigem Nach- denken erkennen, dass man von einer Gleichheit, so wie von einem Mehr und Minder der Stärke einer Vorstellung gegen- über der Stärke einer Ueberzeugung gar nicht reden kann; dass es sich hier um Unterschiede handelt,, die gar nicht mit «inander vergleichbar sind.
Wenn aber die Stärke der Vorstellung von Urtheilen nicht mit dem Grade ihrer Zustimmung oder Verwerfung ver- glichen werden kann, so ist es doch sicher, dass den Ur- theilen auch eine Intensität zukommt, in Bezug auf welche der Vergleich möglich ist. Wie fdie Intensität der Vor- stellung eines Gegenstandes gleich ist der Intensität, mit welcher der Gegenstand in ihr erscheint, so participirt auch das Urtheil an der Intensität seines Inhaltes. Die Intensität der Vorstellung, die dem Urtheile zu Grunde liegt, ist zu- gleich eine Intensität des Ürtheils in demselben Sinne. Wenn wir nun mit dieser Intensität die Intensität der begleitenden, ISO Buch n. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
auf rtaa Urtheil bezüglichen Vorstellimg vergleichen, so ist es leicht^ auf dem doppelten Wege, auf welchem wir für die Vor- stellung und die Vorstellung der' Vorstellung die Gleichheit der Intensitäten nachwiesen, auch hier dasselbe Verhältniss darzutbuD. Es ergibt sich einmal als Consequenz der Un- trüglichkeit der inneren Wahrnehmung, und findet femer da- durch seine Bestätigung, dass die Vorstellung vom TJrtheile mit dem Urtheile in derselben Weise verbunden erscheint, wie die Vorstellung von der Vorstellung mit dieser. Der In- halt des UrtheUs gehört, wie zum TJrtheile selbst, so auch zu der Vorstellung von ihm ohne irgendwelche Verdoppelung zu erfahren, und für einen Unterschied der Intensität ist darum keine Möglichkeit gelassen. Was aber vom Urtheile gilt, gilt aus denselben Gründen von jeder anderen Gattung bewusster Seelenthätigkeiten.
So dürfen wir denn das funetionelle Verhältniss, welches wir bei der bewussten Vorstellung zwischen ihrer Intensität und der Intensität der darauf bezüglichen inneren Vorstellung gefunden haben, auf das ganze Gebiet der bewussten Seelen- erscheinungen ausdehnen. Üurehgehends haben die beglei- tende und die begleitete Erscheinung gleiche Stärke, und diesem beweist, d^ss niemals ein psychisches Phänomen in uns besteht, von welchem wir keine Vorstellung haben.
Die Frage: gibt es ein unbewusstes Bewusstsein, in dem Sinne in welchem wir sie {gestellt hatten, ist demnach mit entscliiedenem Nein zu beantworten.
■ tt: Drittes Capitel.
Weitere Betrachtangen über das innere Bewnsstsein.
§. 1. Die Untersuchungen des vorigen Capitels haben «rgeben, dass jeder psychische Act von einem darauf bezüg- Uchen Bewusstsein begleitet ist. Es fragt sich aber, wie vielfach und von welcher Art das begleitende Bewustsein sei.
Vielleicht ist es gut, die Frage mit ein paar Worten zu erläutern.
Mit dem Namen Bewusstsein bezeichnen wir nach un- serer früheren Erklärung eine jede psychische Erscheinung, insofern sie einen Inhalt hat. Nun sind die psychischen Er- scheinungen von verschiedener Gattung; sie haben, wie be- reits bemerkt, in verschiedener Weise etwas zum Inhalte. Es fragt sich also, ob die psychischen Phänomene, wenn sie Gegenstand eines Bewusstseins sind, in einer oder in meh- reren Weisen bewusst sind, und in welchen? Bis jetzt ist nur erwiesen, dass sie von uns vorgestellt werden, und, wenn in irgend einer, so müssen sie natürlich in dieser Weise uns bewusst sein; denn die Vorstellungen sind für alle übrigen psychischen Phänomene die Grundlage. Es handelt sich also darum, ob sie bloss vorgestellt oder auch noch in anderer Weise uns bewusst sind.
Sicher ist es, dass häufig eine Erkenntniss sie begleitet. Wir denken, wir begehren etwas, und erkennen dass wir dieses thun. Erkenntniss aber hat man nur im Urtheile. Es Bach II. Von den psyehiaehen Phänomenen im Allgi steht also ausser Zweifel, dass mit dem psychischen Acte in vielen Fällen nicht bloss eine darauf bezügliche Vorstellui^, sondern auch ein darauf bezügliches Urtheil in uns besteht. Ob es auch Fälle gebe, in welchen ein solches Urtheil mangele, wollen wir jetzt untersuchen.
i^. 2. Dass die Annahme, jedes psychische Phänomen sei Gegenstand einer begleitenden Erkenntniss, zu einer un- endlichen Verwickelung des Seelenzustandes führe und darum in sich selbst unmöglich sei, wird Niemand behaupten, der au unsere Erörterung in Betreff der Vorstellungen zurück- denkt. Denn eben so deuthch wie dort zeigt sich auch hier jene eigenthümliche Verschmelzung von Bewusstsein und Ob- ject des Bewusstseins. Wo immer ein psychischer Act Ge- ;;eii-stand einer begleitenden inneren Erkenntniss ist, enthält er. ausser seiner Beziehung auf ein primäres Object, sich selbst seiner TotaJität nach als vorgestellt und erkannt.
Dies allein macht auch die Untrügliehkeit und unmittel- tiare Evidenz der inneren Wahrnehmung möglich. Wäre die Erkenntniss eines psychischen Actes, welche ihn begleitet, eiu Act für sich, der als zweiter Act zum ersten hinzukäme; wilre ihr Verhältniss zu ihrem Objecte kein anderes, als das einer "Wirkung zu ihrer Ursache, ähnlich wie es auch zwischen der Empfindung und dem physischen Reize besteht, der die Empfindung hervorruft: wie könnte sie dann in sich selbst gesichert sein? ja wie sollten wir überhaupt von ihrer Un- trügliehkeit uns überzeugen?
Man hat oft gesagt, eine untrügliche Controle der Wahr- nehmung sei da möglich, wo man fähig sei, den Inhalt der Vorstellung mit dem wirkhchen Gegenstande zu vergleichen. Bei der sogenannten äusseren Wahrnehmung vermöge man dieses nicht zu thun, da hier nur die Vorstellung des Gegen- standes, nicht aber der wirkliche Gegenstand in uns bestehe, Sie sei und bleibe darum unzuverlässig. Dagegen besitze man hinsichtlieh der Treue der inneren Wahrnehmung volle Gewissheit; denn hier bestehe, wie die Vorstellung, so auch der wirkhche Gegenstand der Vorstellung in uns.
Capitel 3. Weitere Betrachtungen über das innere Bewusstsein. 183 Der Fehler, der hier begangen wird, ist leicht erkenn- bar. Der Vergleich zwischen einem Vorstellungsinhalte und einer Wirklichkeit wird nicht dadurch möglich, dass die Wirklichkeit in ims ist, sondern nur dadurch, dass sie von uns erkannt ist. Nichts von dem, was in Jemand ist, ohne dass er davon weiss, kann er mit dem, was er vorstellt, als übereinstimmend erkennen. Somit setzt der Vergleich eben das als sicher erkannt voraus, dessen sichere Erkenntniss aus ihm gewonnen werden soll, was sich selbst widerspricht.
Eben so wenig genügt die Art, wie Ueberweg das Ver- trauen auf die innere Wahrnehmung rechtfertigt: „Die innere Wahrnehmung oder die unmittelbare Erkenntniss der psy- chischen Acte und Gebilde", sagt er, „vermag ihre Objecte so, wie sie an sich sind, mit materialer Wahrheit aufzufassen. Denn die innere Wahrnehmung erfolgt, indem das einzelne psychische Gebilde durch den Associationsprocess als ^in in- tegrirender Theil der Gesanmitheit unserer psychischen Ge- bilde aufgefasst wird...Nun aber kann die Association des einzelnen Gebildes mit den übrigen dasselbe nach Inhalt und Form nicht verändern; es geht so, wie es ist, in die- selbe ein; wie daher gegenwärtig unsere Vorstellungen, Ge- danken, Gefühle, Begehrungen, überhaupt die Elemente unseres psychischen Lebens und deren Verbindungen unter einander wirklich sind, so sind wir uns ihrer bewusst, und wie wir uns ihrer bewusst sind, so ist ihr wirkliches Sein, indem bei den Seelenthätigkeiten als solchen Bewusstsein und Dasein identisch ist^)."
Wir sehen, Ueberweg hält die innere Wahrnehmung nicht für gesichert durch Vergleiche zwischen dem Inhalte der Vor- stellung und der wirklichen Beschaffenheit des Gegenstandes. Er glaubt, dass die Wahrnehmung eines psychischen Actes in einer Verknüpfung des Actes mit anderen Acten bestehe. In Folge dieser Verknüpfung wird der wirkliche Act Theil von einem zusammenhängenden Ganzen, welches aus der Gesammtheit der wirklichen Acte gebildet ist. Das Auf- 184 Buch II. Von den psychkchen Phänomenen im Allgemeinen.
genommenBein in dieses Ganze ist das Wahrgenommen- und Erkanntsein des Actes, Er wird nothwendig so wahrgenom- men und erkannt, wie er wirklich ist, da er seiner Wirklich- keit nach aufgenommen wird.
Das Alles wäre schön und gut, wenn es nur richtig wäre, dass eine Vereinigung und Verkettung wirkhcher Dinge, eine Aufnahme von Theilen in ein festverbundenes Ganzes, wie z. B. von Rädern, Cylindern, Platten und Stangen in den Organismus einer wohlgefügten Maschine, mit einer Erkennt- niss dieser wirklichen Dinge gleichbedeutend wäre. Ueber- weg hat in seiner Geschichte der Philosophie Anseimus den Vorwurf gemacht, dass er in seinem ontologischen Argumente das Gedachtsein mit dem wirklichen Sein confiindire. Aber hier hat er selbst den gleichen Fehler begangen, indem er aus der wirklichen Existenz von Theilen in einem Ganzen unter der Hand eine Existenz in dem Sinne werden Hess, in welchem man von dem Erkannten sagt, dass es in dem Er- kennenden bestehe.
Diese Versuche, die Untrüglichkeit der inneren Wahr- nehmung zu begründen, sind demnach vollständig misslungen, und dasselbe gilt von jedem anderen, den man etwa an die Stelle setzen möchte. Die Richtigkeit der inneren Wahr- nehmung ist in keiner Art erweisbar, aber sie ist mehr als dies, sie ist unmittelbar evident; und wer skeptisch diese letzte Grundlage der Erkenntniss antasten wollte, der würde keine andere mehr finden, um ein Gebäude des Wissens darauf zu errichten. Einer Rechtfertigung unseres Ver- trauens auf die innere Wahrnehmung bedarf es also nicht; wohl aber bedarf es einer Theorie über das Verhältniss die- ser Wahrnehmung zu ihrem Objecte, welche mit ihrer un- mittelbaren Evidenz vereinbar ist; und eine solche ist, wie gesagt, nicht mehr möglich, wenn man Wahrnehmung und Object in zwei verschiedene psychische Acte »rerlegt, von welchen nur etwa der eine Wirkung des anderen wäre. Das macht schon die bekannte Bemerkung von Descartes klar; denn ein etwa bestehendes, unendlich mächtiges Wesen würde jedenfalls dieselbe Wirkung wie das Object hervorzubringen Capitel 3. Weitere Betrachtangen über das innere Bewusstsein. 185 > im Stande sein. Wenn also nicht jene reale Einheit, jene eigenthümlich innige Verbindung, die wir früher zwischen dem psychischen Acte und der Tjegleitenden Vorstellung ge- funden, auch zwischen ihm und der inneren Wahrnehmung bestände, so wäre die Evidenz ihrer Erkenntniss eine Un- mögUchkeit.
Man kann sagen, dass dieses Argument aus der Evidenz der inneren Wahrnehmung in seiner Kraft weiter reicht, und dass es selbst für die Weise der Vereinigung der inneren Vorstellung mit ihrem wirklichen Objecte, die wir früher auf anderem Wege erkannten, zur Bestätigung dient. Die Erkenntniss eines^ wirklichen Gegenstandes kann nicht inniger mit ihm vereinigt sein als seine Vorstellung, indem diese für die Erkenntniss die Grundlage bildet. Für beide gilt also nicht bloss dasselbe, sondern auch dasselbe aus denselben Gründen. Es ist darum nicht zu verwundern, wenn die Psycho- logen, welche, ähnhch wie wir, die begleitende Vorstellung eines psychischen Actes accessorisch in ihm selbst einge- schlossen dachten, sowohl die modernen als auch Aristoteles, in derselben Weise auch die begleitende Erkenntniss mit darin enthalten glaubten.
§. 3. Aber wenn die Folgerung einer unendUchen Ver- wickelung der Seelenthätigkeit nicht zu fürchten ist, so scheint es doch als stehe der Annahme, jeder psychische Act sei von einer darauf bezüglichen Erkenntniss begleitet, eine andere Schwierigkeit im Wege. Jede Erkenntniss ist ein Urtheil, und jedes ürtheil, sagt man gemeiniglich, bestehe darin, dass ein Prädicat einem Subjecte beigelegt oder ihm abgesprochen werde. Im Falle der Erkenntniss durch innere Wahrnehmung ist das ürtheil ohne Zweifel affirmativ, das beigelegte Prädicat aber müsste wohl die Existenz sein; denn man nimmt wahr, dass ein psychischer Act existirt. Was nun. der Namen Existenz eigentlich besage, darüber sind die Philosophen nicht einig, obwohl nicht bloss sie, son- dern jeder einfache Mann ihn mit aller Sicherheit zu ge- brauchen weiss. Aber es scheint nicht schwer einzusehen, 186 Buch IL Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
Ar* • dass es ein sehr allgemeiner,' also ein sehr abstracter Begriff ist, wenn anders er wirklich aus der Erfahrung gewonnen wurde und nicht (was anzunehmen immer sein Missliches hat) als apriorischer Begriff vor aller Erfahrung in uns vor- handen war. Sollte es hienach denl^bar sein, dass schon das erste Empfinden eines Kindes nicht bloss von einer Vor- stellung des Empfindungsactes, sondern zugleich von einer Wahrnehmung desselben begleitet sei? von einer Erkenntniss, dass er ist? von einem Urtheile, welches mit dem psychischen Phänomene als Subject den Begriff der Existenz als Prädicat verknüpft? Ich glaube Niemand verkennt, wie unwahrschein- lich, ja unmöglich, eine solche Annahme ist.
Dieses Argument wäre sicher unwiderleglich, wenn die herkömmliche Theorie, wonach jedes Urtheil eine Mehrheit von Begriffen verbindet, und insbesondere das im Existentialsatze ausgedrückte ürtheil 4^^ Begriff der Existenz zu irgend welchem Subjectsbegriffe fügt, auf Wahrheit beruhte. Wir werden später diese Ansicht in allgemeiner Weise als irrig nachweisen^), denn die Zusammensetzung aus Subject und Prädicat ist keineswegs etwas, was der Natur des Urtheils wesentlich ist, und die Unterscheidung der beiden Bestand- theile hängt vielmehr nur mit einer gemeinüblichen Form des sprachlichen Ausdruckes zusammen. In der Erkenntniss durch innere Wahrnehmung liegt uns aber im Besonderen ein Urtheil vor, das recht augenscheinlich den gewöhnlichen An- sichten der Psychologen und Logiker widerspricht. Keiner, der auf das achtet, was in ihm vorgeht, wenn er hört oder sieht und sein Hören oder Sehen wahrnimmt, kann sich darüber täuschen, dass dieses Urtheil der inneren Wahrneh- mung nicht in der Verbindung eines psychischen Actes als Sub- ject mit der Existenz als Prädicat, sondern in einer einfachen Anerkennung des im inneren Bewusstsein vorgestellten psy- chischen Phänomens besteht. So erweist sich auch dieses Argument gegen die Allgemeinheit einer Erkenntniss der psy- chischen Acte durch inneres Bewusstsein als unhaltbar.
') Buch II. Cap. 7. § 5 ff.
/ I t Capitel 3. Weitere Betrachtungen über das innere Bewusstsein. 187 i §. 4. Versuchen wir, ob es uns gelingt, sogar den po- sitiven Beweis für die Allgemeinheit einer solchen begleiten- den Erkenntniss zu erbringen.
Wii* erinnern uns des Weges, den wir einschlugen, als es sich darum handelte, ob jeder psychische Act von einer darauf bezüglichen Vorstellung begleitet sei. Wir zeigten, dass bei bewussten Seelenerscheinungen die Intensität der be- gleitenden Vorstellung mit der Intensität des begleiteten Actes (beziehungsweise der dem Acte zu Grunde liegenden Vorstellung) gleichmässig zu- und abnimmt und immer auf gleicher Höhe steht. Hieraus folgte, dass die begleitende Vorstellung nur in solchen Fällen mangelt, in welchen der Act selber aufgehoben ist. Bezüglich der begleitenden Er- kenntniss scheint der Nachweis nicht so einfach. Als Urtheil besitzt sie, dem früher Bemerkten entsprechend, eine zwei- fache Intensität: einmal eine Intensität in dem Sinne, in welchem eine solche auch Vorstellungen zukommt; dann eine dem Urtheil eigenthümliche Art yon Stärke, nämlich den Grad der Ueberzeugung, mit welchem das Urtheil gefällt wird. Würde die eine oder andere Null werden, so würde das Urtheil nicht mehr bestehen.
Doch unsere früheren Untersuchungen haben uns reich- lich vorgearbeitet. Wir wissen, dass, was die erste Weise der Intensität anlangt, jedes Urtheil an dem Grade der In- tensität der zu Grunde liegenden Vorstellung theilnimmt. Da nun die Intensität der begleitenden Vorstellung nur in dem Falle Null wird, in welchem das Object selbst aufhört, so wird, so weit es auf sie ankommt, niemals ein Grund vor- handen sein, wesshalb die den psychischen Act begleitende Erkenntniss wegfiele. Wir haben also nur noch auf die dem Urtheile als Urtheile eigenthümliche Stärke, auf den Grad der Ueberzeugung zu achten. Hier finden wir nun nichts, was dem besprochenen functionellen Verhältniss ähnlich sehen würde, ja das Maass der Ueberzeugung, welche der be- gleitenden Erkenntniss inwohnt, ist überhaupt nicht eine Function der Intensität des begleiteten psychischen Actes. Mag derselbe eine Vorstellung, mag er ein Urtheil, eine r^ 188 Buch IL Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
Begierde oder irgend welche andere Art psychischer Erschei- nung sein, die Zu- oder Abnahme seiner Intensität berührt nicht die Intensität der Ueberzeugung, mit welcher wir ihn erkennen. Aber trotzdem sind die Verhältnisse von der Art, dass sie einen sicheren Schluss gestatten. Die Stärke der Ueberzeugung in dem begleitenden, das psychische Phänomen . anerkennenden Urtheile zeigt sich als eine in allen Fällen gleiche, constante Grösse. Und diese Grösse ist nicht etwa jener geringe Grad von Zustimmung, wie er einer schwach aufkeimenden Meinung eigen ist, sondern sie ist die denkbar höchste; wir haben bei jeder inneren Wahrnehmung jene Vollkommenheit der Ueberzeugung, welche den unmittelbar evidenten Erkenntnissen innewohnt. Dieses Verhalten ist natürlich dasjenige, welches vor allen anderen die Annahme der Allgemeinheit der begleitenden Erkenntniss begünstigt. Wenn hinsichtlich der Stärke der* Ueberzeugung die innere Wahrnehmung niemals anders als in der höchsten Vollkom- menheit auftritt; wenn sie nie und unter keinerlei Umständen aus diesem Grunde eine Hinneigung zum Verschwinden zeigt: so dürfen wir mit Sicherheit annehmen, dass nur etwa wegen des Verlustes jener anderen, wandelbaren Intensität die in- nere Wahrnehmung fehlen werde. Da aber auch diese nach solchen Gesetzen und in solchem Verhältnisse zur Intensität des begleiteten Actes sich ändert, dass sie nur bei dessen gänzhchem Verschwinden auf den Nullpunkt herabsinkt: so dürfen wir behaupten, dass die darauf bezügliche Er- kenntniss selbst nur in diesem Falle mangeln wird. Mit jedem psychischen Acte ist daher ein doppeltes inneres Be- wusstsein verbunden, eine darauf bezügliche Vorstellung und ein darauf bezügliches Urtheil, die sogenannte innere Wahr- nehmung, welche eine unmittelbare, evidente Erkenntniss des Actes ist.
§. 5. Die Erfahrung zeigt, dass nicht bloss eine Vor- stellung und ein Urtheil, sondern häufig auch noch eine dritte Art von Bewusstsein des psychischen Actes in uns besteht, nämlich ein auf den Act bezügliches Gefühl, eine Lust oder Capitel 3« Weitere Betrachtungeu über das innere Bewusstsein. 189 Unlust, die wir an ihm haben. Blicken wir auf unser altes Beispiel zurück, so ist das Hören eines Schalles oft nicht bloss von einer Vorstellung und Erkenntniss des Hörens, sondern unverkennbar. auch von einem Gefühle begleitet, sei es von einer Lust, wie bei dem Klang einer sanften und reinen jugendlichen Stimme, sei es von einer Unlust, wie beim Kratzen eines schlechtgeführten Geigenstriches. Auch dieses Gefühl, hat nach früheren Erörterungen^) einen Ge- genstand, worauf es sich bezieht. Und dieser ist nicht das physische Phänomen des Schalles, sondern das psychische Phänomen des Hörens; denn offenbar ist es nicht eigentlich der Schall, der uns angenehm und lieb ist oder uns quält, sondern das Hören des Schalles. Demnach gehört auch die- ses Gefühl zum inneren Bewusstsein. Aehnliches finden wir beim Sehen von schönen und hässlichen Farben und in an- deren Fällen.
Auch dieses begleitende Gefühl zeigt sich da, wo es auf- tritt, in ähnlicher Weise dem begleiteten Phänomen innig zugehörig und in ihm enthalten, wie die darauf bezügliche Vorstellung und Wahrnehmung. Wäre das Verhältniss hier ein anderes, so wäre das begleitende Gefühl ein zweiter psy- chischer Act, der selbst wieder von Bewusstsein begleitet wäre. In der auf ihn bezüglichen Vorstellung würde aber nothwendig nicht bloss er selbst, sondern auch sein In- halt, der psychische Act, auf welchen er sich bezieht, vor- gestellt werden. Somit würde dieser zweimal vorgestellt: einmal durch die zu ihm selbst gehörige, in ihm selbst gegebene Vorstellung seiner selbst, und dann durch die zu dem begleitenden Gefühlsacte gehörige Vorstellung des Gefühles. Nichts von dem zeigt uns die Erfahrung; vielmehr lässt sie nur die eine Annahme als möglich bestehen, dass, wie die innere Vorstellung und Wahrnehmung, auch das in- nere Gefühl des Hörens, des Sehens und jedes anderen Actes, der in dieser Weise uns innerlich bewusst ist, mit seinem I f 190 Buch IL Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
Objecte verschmolzen und in ihm selbst mitenthalten sei. Unsere frühere analoge Darlegung enthebt uns der Mühe, das Gesagte durch ausführlichere Erörterung zu verdeutlichen.
Dagegen ist es vielleicht nicht ohne Werth, auf die vie- len und mannigfachen Spuren hinzuweisen, welche Zeichen für die Richtigkeit unserer Auffassung sind.