Begriffes von einem anderen nicht unumgänglich dazu ge- höre, ist eine Wahrheit, die zwar gewöhnlich, aber doch nicht ausnahpislos verkannt wurde. Kant hat bei seiner Kritik des ontologischen Gottesbeweises die treifende Bemerkung gemacht, in einem Existentialsatze, d. h. in einem Satze von der Formel „A ist", sei das Sein „kein reales Prädicat, d. i. ein Begriff von etwas, was zu dem Begriffe eines Dinges hin- zukommen könne". „Es ist'*, sagte er, „bloss die Position eines Dinges oder gewisser Bestimmungen an sich selbst." Anstatt aber nun zu erklären, dass der Existentialsatz über- haupt kein kategorischer Satz sei, weder ein im Kant'schen Sinne analytischer, d. h, ein solcher, bei welchem das Prä- dicat im Subject eingeschlossen ist, noch ein synthetischer, bei welchem das Subject das Prädicat nicht in sich begreift^), liess Kant sich dazu verleiten, den Satz zu den synthetischen zu rechnen, indem er meinte, wie das „ist" der Copula ge- wöhnlich zwei Begriffe zu einander in Beziehung setze, so setze das „ist" in dem Existentialsatz „den Gegenstand in Beziehung auf meinen Begriff". „Der Gegenstand", sagt er, „kommt zu meinem Begriffe synthetisch hinzu 2)."
Dies war eine unklare und widerspruchsvolle Halbheit. Herbart machte ihr ein Ende, indem er die Existentialsätze ^) Auch diese Bestimmungen gebe ich nach Kant. Dass sie eigent- lich nicht auf die betreffenden Urtbeile passen (was aus den folgenden Untersuchungen hervorgehen wird), hindert nicht, dass sie, wegen ihrer Uebereinstimnrung mit der Ansicht, die man gemeinighch von ihnen hat, sie genugsam kennzeichnen.
^) Dass Kant die Urtbeile der Existentialsätze noch mit zu den kategorischen Urtbeilen reebnete, ersiebt man daraus, dass er ihrer bei der Relation der Urtbeile nicht besonders erwähnt.
Ganz eben so nahe wie Kant ist im Mittelalter Thomas von Aquin der Wahrheit gekommen, und merkwürdiger Weise in Eeflexion auf denselben Satz „Gott ist'^ Auch nach ihm soll das,,ist^< kein reales Prädicat, sondern ein iZeicben des für -wahr -Haltens sein. (Summ. Tbeol. P. I. Q. 3. A. 4. ad 2.) Aber auch er hält dennoch den Satz für kategorisch (ebend.) und glaubt, dass das Urtbeil einen Vergleich unserer Vorstellung mit ihrem Gegenstande enthalte, was nach ihm von jedem Urtbeile gelten soll. (Q. 16. A. 2.) Dass dies unmöglich ist, haben wir früher gesehen. (Vgl. Buch 11. Cap. 3. §. 2. S. 1S2 ff.)
Cftpitel 7. Yorstellang u. Urtheil zwei Terschiedene Grundclassen. 281 deutlich als eine besondere Art von den kategoriscaen Sätzen unterschied^). Andere Philosophen, und niqht bloss seine zahlreichen Anhänger, sondern^ bis zu gewissem Maasse auch Solche, die, wie Trendelenburg, der Herbart'schen Schule gewöhnlich polemisch entgegentreten, haben sich ihm in die- sem Punkte angeschlossen^).
Aber noch mehr. Wenn auch nicht alle Denker die von uns vertretene Auffassung des Existentialsatzes bereits als richtig anerkennen, so geben doch gegenwärtig alle ohne Ausnahme eine andere Wahrheit zu, aus welcher sich die- selbe mit grösster Stringenz erschliessen lässt. Auch die- jenigen, welche die Natur des „ist" und „ist nicht" in dem Existentialsatze missdeuten, beurtheilen doch das „ist" und „ist nicht", welche als Copula zu einem Subject und Prädicat *) Vgl. darüber Drobisch, Logik, 3. Aufl. S. 61.
') Logische Untersuchungeu 2. Aufl. II. S. 208. Vgl. auch das Citat aus Schleiermacher (ebend. S. 214, Anm..1). Anklänge an die richtige Auffassung der Existentialsatze finden sich schon bei Ari- stoteles. Doch scheint er nicht zu voller Klarheit über sie gelangt zu sein. In seiner Metaphysik, O, 10 lehrt er, dass, da die Wahrheit des Denkens in seiner Uebereinstimmung mit den Dingen bestehe, die Erkenntniss einfacher Gegenstände im Gegensatze zu anderen Erkennt- nissen nicht eine Verbindung oder Trennung von Merkmalen, sondern ein einfaches Denken, ein Wahrnehmen (er nennt es Berühren, ^9t,y€lv) sein müsse. In der Schrift „De Interpretatione** (Cap, 3) spricht er klar aus, dass das,,Sein^' der Copula nicht etwas für sich bedeute wie ein Namen, sondern nur den Ausdruck eines Urtheils ergänze, und von diesem „Sein" der Copula hat er das „Sein** im Existential- satze nie als etwas wesentlich Anderes, und als etwas, was schon für sich eine Bedeutung habe, unterschieden. Zeller sagt mit Recht: „Dass jeder Satz, selbst der Existentialsatz, logisch betrachtet aus drei Be- standtheilen besteht, sagt Aristoteles nirgends.'* Und er macht darauf aufmerksam, wie vielmehr Manches eine entgegengesetzte Ansicht bei Aristoteles erkennen lasse. (Philos. d. Griechen II. 2. S. 158, Anm. 2.) Wäre dies richtig, so würde Aristoteles hiedurch nicht hinter der Lehre der gewöhnlichen späteren Logik zurückstehen, wie Zeller zu glauben scheint, sondern im Gegentheile hier wie in manchem anderen Punkte eine richtigere Anschauung anticipirt haben. (Man vgl. auch die Re- production der Aristotelischen Lehre bei Thomas von Aquin, Summ.
282 Bach 11. Von den psycIiiBcheii Phänomenen im Allgemeinen.
hinzukommen, vollkommen richtig. Wenn sie glauben, dass das „ist" und „ist nicht" im Existentialsatze etwas filr sich allein bezeichne, dass es die Vorstellung des Prädicats „Exi- stenz" zu der Voratellui^ des Subjects hinzubringe, um beide mit einander zu verknüpfen: so erkennen sie dagegen hin- sichtlich der Copula an, dasa sie, für sich allein genommen ohne alle Bedeutung, nur den Ausdruck von Vorstellungen zum Ausdrucke eines anerkennenden oder verwerfenden Ur- theils ei^änze. Hören wir z. B. J. St. Mill, der in der Auf- fossung des Existentlalsatzes unser Gegner ist: „Ein Frädicat und ein Subject", sagt er, „sind alles, was nöthig ist, um ein Urtheil zu bilden. Da wir aber aus der blossen Zusam- menstellung zweier Namen nicht ersehen können, dass sie Frädicat und Subject sind, d. b. dass das eine von dem an- deren behauptet oder verneint werden soll, so muss ein Mo- dus oder eine Form da sein, woraus sieb das erkennen lässt, irgend ein Zeichen, um eine Prädication von jeder anderen Redeform zu unterscheiden...Diese Function wird bei einer Affirmation gewöhnlich von dem Worte „ist", bei einer Ke- gation von „ist nicht" oder durch einen anderen Theil des Zeitwortes „sein" (Ibemommen. Ein solches als Zeichen der Prädication dienendes Wort wird Copula genannt^)." Von diesem „ist" oder „ist nicht" der Copula unterscheidet er dann ausdrUckhch da^enige, welches den Begiiff der Existenz in seiner Bedeutung einsehliesse. Das ist die Lehre nicht allein von Mill, sondern man darf sagen von Allen, welche in der Auffassung des Existentialsatzes nicht mit uns über- einstimmen. Ausser von Logikern findet man sie auch von Grammatikern und Lexicographen vertreten *). Und wenn J. St. Mill erst James Mill diese Auffassung klar entwickeln lässt ^), so ist er sehr im Unrecht. Er hätte sie z. B. in der Logik von Port Boyal schon ganz ebenso dargelegt finden können ').
') Ded u. Induct. Logik. Uebera. v. Schiel, I. S. 9S. *) Vgl B. B. Heyae's Wörterbuch der Deutschen Sprache. ') Ebend. S. 9ä. ') Logique oa t'Art de Fenser, II. Partie, Cbap. 3.
Capitel 7. Vorstellung u. Urtheil zwei verschiedene Grundclassen. 283 Wohlan denn, — es bedarf nicht mehr als dieses Zuge- ständnisses, welches unsere Gegner allgemein in Betreff der Copula machen, um daraus mit Nothwendigkeit zu folgern, dass auch dem „ist" und „ist nicht** des Existentialsatzes keine andere Function zugeschrieben werden könne. Denn aufs Deutlichste lässt sich zeigen, dass jeder kategorische Satz ohne irgend welche A ender ung des Sinnes in einen Existentialsatz übersetzt werden kann, und dass dann das „ist" und „ist nicht" des Existentialsatzes an die Stelle der Copula tritt.
Ich will dies an einigen Beispielen nachweisen.
Der kategorische Satz „irgend ein Mensch ist krank'' hat denselben Sinn wie der Existentialsatz „ein kranker Mensch ist" oder „es gibt einen kranken Menschen".
Der kategorische Satz „kein Stein ist lebendig" hat den- selben Sinn wie der Existentialsatz „ein lebendiger Stein ist nicht" oder „es gibt nicht einen lebendigen Stein".
Der kategorische Satz „alle Menschen sind sterblich" hat denselben Sinn wie der Existentialsatz..ein unsterblicher Mensch ist nicht" oder „es gibt nicht einen unsterblichen Menschen*' *).
Der kategorische Satz „irgend ein Mensch ist nicht gelehrt" hat denselben Sinn wie der Existentialsatz „ein ungelehrter Mensch ist*' oder „es gibt einen ungelehrten Menschen'*.
Da in den vier Beispielen, die ich wählte, die sämmt- lichen vier Classen von kategorischen Urtheilen, welche die Logiker zu unterscheiden pflegen ^), vertreten sind, so ist die ^) Die gewöhnliche Logik erklärt, die Urtheile „alle Menschen sind sterblich'^ und „kein Mensch ist nicht sterblich'^ für aequipollent (vgl. z. B. Ucberweg, Logik, Th. 5. §. 90. 2. Aufl. S. 235); in W^ahrheit sind sie identisch.
*) Die particulär bejahenden, die allgemein verneinenden, und die irrthümlich sogenannten allgemein bejahend^^n und particulär vernei- nenden. In Wahrheit ist, wie die obige Rückführung auf die existeu- tiale F*ormel deutlich erkennen lässt, kein bejahendes Urtheil allgemein (es müsste denn ein Urtheil mit individueller Materie allgemein ge- nannt werden) und kein verneinendes Urtheil particulär.
284 Buch IT. Von den pgychiEchen PMaoraeuen im Allgeraeinen.
Möglichkeit der sprachlichen Umwandlung der kategorischen Sätze in Existentialsätze dadutch allgemein erniesen; und es ist deutlich, däss das „ist" und „ist nicht" des Existen- tialsatzes nichts als ein AequiTalent der Copula, also kein Prädicat, und filr sich allein genommen gänzlich bedeu- tiiugslos ist.
Doch ist die von uns gegebene Rückführung der vier ka- tegorischen Sätze auf Existentialsätze auch wirklich richtig? Gerade von Seiten Herbart's, den wir zuvor als Zeugen an- riefen, würde sie vielleicht beanstandet werden. Denn seine Auffassung der kategorischen Sätze war von der unserigen völlig verachieden. Er glaubte, dass jeder kategorische Satz ein hypothetisches Urtheil ausdriicke, dass das Prädicat nur unter einer gewissen Voraussetzung, nämlich unter Voraus- setzung der Existenz des Subjects, demselben zu- oder ab- gesprochen werde. Gerade darauf gründete er seinen Beweis- versuch daMr, dass der Existentialsatz nicht als ein kategori- selier Satz gefasst werden dürfe ^). Nach uns dagegen ent- spiicht der kategorische Satz einem Urtheile, das man ebensogut in der existentialen Formel aussprechen kann, und die in Wahrheit affirmativen kategorischen Sätze enthalten einschliesslich die Anerkennung des Subjectes^). Allein, so sehr wir die Ansieht Herbart's über das „Sein" des Existcn- tialsatzes billigen, so wenig können wir mit seiner Deduction derselben uns einverstanden erklären. Vielmehr acheint mis diese ein Beispiel, das in ausgezeichneter Weise die Bemer- kung des Aristoteles bestätigt, dass irrige Prämissen zu einem richtigen Sclilusssatze fuhren können. Es ist eine starke, ja ') Die in Wahrheit afSrmativeD aiad nach dem, wels in einer vor- aiifgebenden Note bemerkt worden ist, das sogenannte particulSr be- .(ahende und das sogenannte particuläi verneinende. Die in Wahrheit negativen Behauptungen, zu nelchen auch die allgemein bejahenden gehören, eotbalteii selbstverständlich nicht die Anerkennung des Sub- jects, da sie ja überhaupt nicht etwas anerkennen, sondern verwerfen. Warum sie auch nicht die Verwerfung des Subjects enthalten, z^gt eine frühere Erörterung (S. 277).
u CapitelT. Vorstellung u.Urtheil zwei verschiedene Grundclassen. 285 unmögliche Zumuthung, zu glauben, dass der Satz „ii'g^iid ein Mensch geht spaziren" oder auch der oben angeführte „irgend ein Mensch ist krank" die stillschweigende Voraus- setzung „wenn es nämlich einen Menschen gibt" enthalte. Und ebenso ist es nicht bloss nicht richtig, sondern es hat auch nicht den mindesten Schein für sich, dass der Satz „irgend ein Mensch' ist nicht gelehrt" diese Voraussetzung mache. Bei dem Satze „kein Stein ist lebendig" wüsste ich gar nicht, was die Beschränkung „wenn es nämlich einen Stein gibt" für eine Bedeutung haben sollte. Wenn es kei- nen Stein gäbe, so wäre es ja sicher eben so richtig, dass es keinen lebendigen Stein gibt, als jetzt, da Steine existiren. Nur bei dem Beispiele „alle Menschen sind sterblich", einem von den gewöhnlich sogenannten allgemein bejahenden Sätzen, hat es allerdings einen gewissen Schein, als ob eine beschrän- kende Bedingung darin enthalten sei. Er scheint die Ver- bindung von „Mensch" und „sterblich" zu behaupten. Diese Verbindung von Mensch und sterblich besteht offenbar nicht, wenn kein Mensch besteht. Und doch lässt sich aus dem Satze „alle Menschen sind sterblich" die Existenz eines Men- schen nicht erschliessen. Somit scheint er die Verbindung von Mensch und sterblich nur unter der Voraussetzung der Existenz eines Menschen zu behaupten. Doch ein Blick auf den diesem kategorischen Satze äquivalenten Existentialsatz löst die ganze Schwierigkeit. Er zeigt, dass der Satz in Wahrheit keine Bejahung, sondern eine Verneinung ist, und darum gilt von ihm Aehnliches wie das, was wir so eben über den Satz „kein Stein ist lebendig" bemerkten.
Wenn ich übrigens die Lehre Herbart's, dass alle kate- gorischen Sätze hypothetische Sätze seien, hier behämpfte, so that ich.es nur, um meine oben gegebenen Uebersetzungen in Existentialsätze im Einzelnen zu rechtfertigen, nicht aber, weil in dem Falle, dass Herbart Recht hätte, eine solche Rückführung unmöglich sein würde. Im Gegentheile gilt von den hypothetischen Sätzen dasselbe, was ich von den kategorischen sagte; auch sie lassen sich sämmtlich in die existentiale Formel kleiden, und es ergibt sich dann, dass sie r 286 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemein^.
lauter verneinende Behauptungen sind. Ein Beispiel wird genügen, um zu zeigen, wie dasselbe Urtheil ohne die ge- ringste Veränderung sowohl in der Formel eines hypothe- tischen als in der eines kategorischen und eines Existential- satzes ausgesprochen werden kann. Der Satz „wenn ein Mensch schlecht handelt, schädigt er sich selbst" ist ein hy- pothetischer Satz. Er ist aber dem Sinne nach derselbe wie der kategorische Satz „alle schlechthandelnden Menschen schädigen sich selbst". Und dieser wiederum hat keine an- dere Bedeutung als der Existentialsatz „ein sich selbst nicht schädigender schlechthandelnder Mensch ist nicht" oder, etwas gefälliger ausgedrückt, „es gibt keinen sich selbst nicht schä- digenden schlechthandelnden Menschen". Die schwerfällige Gestalt, die der Ausdruck des Urtheils in der existentialen Formel erhält, macht es sehr begreiflich, warum die Sprache ausser ihr auch andere syntaktische Einkleidungen erfunden hat, aber mehr als ein Unterschied sprachlichen Ausdruckes liegt in der Verschiedenheit der drei Sätze nicht vor, obwohl der berühmte Philosoph von Königsberg sich verleiten liess, um derartiger Verschiedenheiten willen fundamentale Unter- schiede der Urtheile anzunehmen, und besondere apriorische Kategorien auf diese „Relation der Urtheile" zu gründen.
Die Eückführbarkeit der kategorischen, ja die Rückfuhr- barkeit aller Sätze, welche ein Urtheil ausdrücken, auf Exi- stentialsätze ist also zweifellos i). Und dieses dient in doppelter *) Es gibt noch gewisse Fälle, in welchen eine solche Rückftihr- barkeit aus specielleren Gründen beanstandet werden könnte. Obwohl ich ihretwegen den Gang der Untersuchung im Texte nicht aufhalten will (denn Mancher wird sich von vorn herein wenig daran stossen)« so scheint es mir doch andererseits gut, sie wenigstens in einer An- merkung zu berücksichtigen. J. St. Miil, wo er in seiner Logik die verschiedene Natur des „Seins** der Copula und des „Seins" des Exi- stentialsatz es, welches nach ihm den Begriff der Existenz einschliesst, klar machen will, beruft sich zur Verdeutlichung auf den Satz,,ein Centaur ist eine Erfindung der Poeten'*. Dieser, sagt er, könne un- möglich eine Existenz aussagen, da vielmehr im Gegentheil daraus hervorgehe, dass das Subject kein reales Dasein besitze. (Buch I. Cap. 4. §. 1.) Ein auderesmal führt er zu ähnlichem Zwecke den Satz ^ Capite] 7. Vorstellung u.ürtheil zwei verschiedene Grandclassen. 287 Weise die irrige Meinung derjenigen zu widerlegen, welche den wesentlichen Unterschied des Urtheils von der Vorstellung an:,^upiter ist ein Non-£ns'S In der Tbat sind diese Sätze von der Art, dasB bei ihnen die Bückführbarkeit auf existentiale Sätze am Wenigsten möglich scheint. Im Briefwechsel mit Mill hatte ich ein- mal die Frage über die Existentialsätze zur Sprache gebracht, und namentlich auch die Möglichkeit der Zurückfährung einer jeden Aus- sage auf einen Existentialsatz dagegen geltend gemacht, dass das „Sein** desselben sich zu dem der Copula so, wie er glaubte, verhalte. In seiner Antwort beharrte Mill auf seiner alten Auffassung. Und obwohl er nicht ausdrücklich der von mir dargelegten Bückführbarkeit aller anderen Aussagen auf existentiale widersprach, so vermuthete ich doch, ich möge diesen Punkt meiner Beweisführung ihm nicht genug- sam einleuchtend gemacht haben. Ich kam darum nochmals auf ihn zurück und besprach auch speciell die Beispiele in seiner Logik. Da ich unter meinen Papieren gerade ein Brouillon des Briefes finde, s6 will ich die kleine Erörterung hier wörtlich wiederholen. „Es dürfte'*, schrieb ich, „nicht undienlioh sein, wenn ich die Möglichkeit einer sol- chen Reduction speciell an einem Satze zeige, welchen Sie in Ihrer Logik so zu sagen als ein Beispiel, an dem das Gegentheil ersichtlich sei, anführen. Der Satz, „ein Centaur ist eine Erfindung der Poeten** verlangt, wie Sie mit Recht bemerken, nicht, dass ein Centaur existire, vielmehr das Gegentheil. Allein er verlangt, um wahr zu sein, wenigstens dass etwas Anderes existire, nämlich eine Fiction der Poeten, die in einer besonderen Weise Theile des menschlichen Organismus und Theile des Pferdes verbindet. Wenn es keine Fiction der Poeten gäbe, und wenn es keinen von den Poeten fingirten Centauren gäbe, so wäre der Satz falsch; und seine Bedeutung ist thatsächlich keine andere als die, „es gibt eine poetische Fiction, welche einen mensch- lichen Oberleib mit dem Rumpfe eines Pferdes zu einem lebenden We- sen vereinigt denkt**, oder (was dasselbe sagt) „es gibt einen von den Poeten fingirten Centauren**. Aehnliches gilt, wenn ich sage, Jur piter sei ein Non-Ens, d. h. wohl, er sei etwas, was bloss in der Einbildung, nicht aber in Wirklichkeit bestehe. Die Wahrheit des Satzes verlangt nicht, dass es einen Jupiter, wohl aber, dass es etwas Anderes gebe. Gäbe es nicht etwas, was bloss in der Vorstellung existirte, so wäre der Satz nicht wahr. — Der besondere Grund, warum man bei Sätzen wie „der Centaur ist eine Fiction** geneigt ist, ihre Bück- führbarkeit auf Existentialsätze anzuzweifeln, liegt in einem, wie mir scheint, von den Logikern bisher übersehenen Verhältniss ihrer Prädicate zu ihren Subjecten. Aehnlich wie die Adjectiva für das ihnen beigefügte Substantiv, sind auch die Prädicate für das mit ihnen yer- 288 Buch IF. Von den ptjchischen PUnomenen im Allgemeineit.
darin finden wollten, dass es eine Verbindung von Merkmalen zum Inhalte habe. Einm^ tritt bei der RQckfUhrui^ des bnndene Suliject gewöbnlicli etwas, was den Begriff durch neue Be- stimmungen bereichert, manchmal aber etwas, was ihn modificirt. Das Erste gilt z. B., wenn ich sage „ein Mensch ist gelehrt"; das Zn-eite, wenn ich sage „ein Mensch ist todt'*. Ein gelehrter Mensch ist ein Menecb; ein todter Mensch ist aber kein Mensch. So setzt denn der Sati,,ein t^ter MeuBch ist*' nicht, um wahr zu sein, die Existenz einea Menschen, sondern nur die eines todten Menschen voraua; und ähn- lich fordert der Sftta „ein Centaur ist eine Fiction" nicht, dass es einen Centauien, sondern einen fingitten Centauren, d. i. die Fiction eines Ccntanren gebe, u. s. f." Vielleicht dient diese Erklärung dazu, ein Bedenken, das.in Jemand entstanden sein konnte, zu beseitigen. Was Mill selbst betrifft, so zeigte es sich, dass sie bei ihm gar nicht nöthig gewesen wSre, denn er antwortete mir unter dem 6. Februar 1873: ),Vou did not, as yoa seem to suppose fall to convince me of the invariable convertibility of all categorical affiitoaüve propositions iuto predications of eiistence (er meint affiruiaUve Existentialaätze, die ich natürlich nicht als „Prädicatlonen von Existenz'' bezdchnet hatte). The Suggestion was new to me, but 1 at once saw its truth when poibted out. It is not on that point that onr difference binges et£." Dass Mill trotz der zugestandenen Bückfiihrharkeit aller kategorischen SAtze auf Existentialaätze seine Meinung, das „ist" und „ist nicht" in ihnen enthalte einen Prädicatsbcgriff „Existenz" wie früher festhielt, zeigt sich schon in der mitgetheilten Stelle seines Briefes, und er sprach es in dem darauf Folgenden noch entschiedener aus. Wie er aber da. bei an seiner Lehre tos der Copula festhalten könne, zeigte er nicht. Conseqnent hätte er sie aufgeben und überhaupt noch Vieles in seiner Logik (wie z. B, Buch I. Cap. 5. §. 5) wesentlich umbilden müssen. Ich hoffte, im Frühsonuner seiner Einladung nach Avignon folgend, über diese wie über andere zwischen nns schwebende Fragen mündlich mich leichter mit ihm verständigen zu können, und urgirtc den Punkt nicht weiter. Doch sein plötzlicher Tod vereitelte meine Hoffnungen. Nur noch eine kurze Bemeritung will ich meiner Erörterung gegen Mill beifügen. Die Sätze von der.Art wie „ein Mensch ist todt'' sind im wahren Sinne des Wortes gar nicht kategorisch zu nennen, weil todt kein Attribut, sondern, wie gesagt, eine Modification des Subjectes enthält. Was würde einer zu dem kategorischen Schlüsse sagen: „alle Menschen sind lebende Wesen; irgend ein Mensch ist todt; also ist irgend ein Todtes ein lebendes Wesen"? Er wäre aber, nenn die Minor ein wahrer kategorischer Satz wäre, ein gültiger Schluss der dritten Figur. Wollten wir nun mit Kant, solchen verschiedenen Capitel 7. Vorstellung n Urtheil zwei verschiedene Grundclassen. 289 9 kategorischen auf den Existentialsatz das „Sein'' des Existen- tialsatzes an die Stelle der Gopula und lässt so erkennen, dass es so wenig wie diese ein Prädicat enthält. Dann sieht man recht anschaulich, wie die Verbindung mehrerer Glieder, die man für die allgemeine und besondere Natur der Urtheile so wesentlich glaubte, die Combination von Subject und Prä- dicat, von Antecedens und Consequens u. s. f., in Wahrheit nichts anderes als Sache des sprachlichen Ausdruckes ist.
Hätte man dies von Anfang erkannt, so wäre wohl Nie- mand auf den Gedanken gekommen, Vorstellungen und Ur- theile dadurch zu unterscheiden, dass der Inhalt der ersteren ein einfacher, der Inhalt der letzteren ein zusammengesetzter Gedanken sei. Denn in Wahrheit besteht hinsichtlich des Inhaltes nicht der geringste Unterschied. Der Bejahende, der Verneinende und der ungewiss Fragende haben denselben Gegenstand im Bewusstsein; der letzte, indem er ihn bloss vorstellt, die beiden ersten, indem sie ihn zugleich vorstellen und anerkennen oder verwerfen. Und jedes Object, das In- halt einer Vorstellung ist, kann unter Umständen auch Inhalt eines Urtheils werden.
§. 8. Ueberblicken wir noch einmal rasch den Gang unserer Untersuchung in seinen wesentlichsten Momenten* Wir sagten, wenn man nicht zugebe, dass zwischen Vorstel- lung und Urtheil ein Unterschied wie zwischen Vorstellung und Begehren, d. h. ein Unterschied in der Weise der Be- ziehung zum Gegenstand bestehe, so leugne doch Niemand, dass irgend ein Unterschied zwischen beiden anerkannt werden müsse. Ein bloss äusserer Unterschied, eine blosse Verschiedenheit in den Ursachen oder Folgen könne aber Aussageformeln entsprechend, verschiedene Classen von,36^ft^^<^°'' ^^^ Urtheile annehmen, so hätten wir hier wieder neue,,transcendentale*' Entdeckungen zu machen. In Wahrheit ist aber die besondere Aus- sageformel leicht abgestreift, indem der £xistentialsatz „es gibt einen todten Menschen" ganz und gar dasselbe besagt. Und somit, hoffe ich, wird man endlich einmal aufhören, hier sprachliche Unterschiede mit Unterschieden des Denkens zu verwechseln.
Brentano, Psychologie. I. 19 290 Buch II. Von d«n psychiBchen Phänomenen im Allgemeinen.
\ dieser Unterschied offenbar nicht sein. Vielmehr sei er, wenn \ man die Verschiedenheit der Beziehoogaweisen ausschliesse, nur in zweifacher Art denkbar; entweder aia ein Unterschied in dem, was gedacht wird, oder als ein Unterschied der ^ Intensität, mit welcher es gedacht wird. Wir prüften beide Hypothesen. Die zweite erwies sich sofort als hinfällig. Aber auch die erste, zu der man zunächst eher geneigt sein konnte, zeigte sich bei näherer Betrachtung als völlig an- haltbar. Wenn eine noch immer sehr gewöhnliche Meinung dahin geht, dass die Vorstellung auf einen einfacheren, das Urtheil auf einen zusammengesetzteren Gegenstand, auf eine Verbindung oder Trennung gehe, so wiesen wir dagegen nach, dass auch blosse Vorstellungen diese zusammengesetzteren Gegenstände, und andererseits auch Urtheile jene einfacheren Gegenstände zum Inhalte haben. Wir zeigten, dass die Ver- bindung von Subject und Prädicat und andere derartige Combinationen durchaus nicht zum "Wesen des Urtheils ge- hören. Wir begründeten dies durch Betrachtung des affir- ; mativen wie negativen Existentialsatzes; wir bestätigten es durch den Hinweis auf unsere Wahrnehmungen und insbe- sondere unsere ersten Wahrnehmungen, und endlich durch die Rückführung der kategorischen, ja aller Arten von Aus- sagen auf Existentialsätze. So wenig also ein Unterschied der Intensität, so wenig kann ein Unterschied des Inhaltes es sein, was die Eigenthümhchkeit des Urtheils gegenüber der Vorstellung ausmacht. Somit bleibt nichts Anderes übrig als, wie wir es gethan, die Eigenthümlichkeit des Urtheils als eine Besonderheit in der Beziehung auf den immanenten Gegenstand zu begreifen.
§. 9. Ich glaube, die eben beendete Erörterung ist eine kräftige Bestätigung unserer These; so zwar, dass sie jeden Zweifel daran niederschlägt. Dennoch wollen wir wegen der fundamentalen Bedeutung der Frage den Unterschied von Vorstellung und Urtheil nochmals und von einer anderen Seite her beleuchten. Denn nicht bloss die Unmöghchkeit sonstwie von ihm Rechenschaft zu geben, auch, vieles Andere Capitel 7. Vorstellung u.ürtheü zwei verschiedene Grunddassen. 291 weist uns auf die Wahrheit hin, die nach unserer Behaup- tung unmittelbar in der inneren Erfahrung vorliegt.
Vergleichen wir zu diesem Zwecke das Verhältniss von Vorstellung und Urtheil mit dem Verhältniss zwischen zwei Classen von Phänomenen, deren tiefgreifende Verschiedenheit in der Beziehung zum Object ausser Frage steht: nämlich mit dem Verhältniss zwischen Vorstellungen und Phänomenen von Liebe oder Hass. So sicher es ist, dass ein Gegenstand, der zugleich vorgestellt und geliebt, oder zugleich vorgestellt und gehasst wird, in zweifacher Weise intentional im Be- wusstsein ist: so sicher gilt dasselbe auch in Betreff eines Gegenstandes, den wir zugleich vorstellen und anerkennen, oder zugleich vorstellen und leugnen.
Alle Umstände sind hier und dort analog; alle zeigen, dass wenn in dem einen auch in dem an^deren Falle eine zweite, grundverschiedene Weise des Bewusstseins zu der ersten hinzugekommen ist.
Betrachten wir dies im Einzelnen.
Zwischen Vorstellungen finden wir keine Gegensätze ausser die der Objecto, die in ihnen aufgenommen sind. In- sofern Warm und Kalt, Licht und Dunkel, hoher und tiefer Ton u. dgL Gegensätze bilden, können wir die Vorstellung des einen und des anderen entgegengesetzte nennen; und in einem anderen Sinne findet sich überhaupt auf dem ganzen Gebiete dieser Seelenthätigkeiten kein Gegensatz.
Indem Liebe und Hass hinzutreten, tritt eine ganz an- dere Art von Gegensätzen auf. Ihr Gegensatz ist kein Gegen- satz zwischen den Objecten, denn derselbe Gegenstand kann geliebt oder gehasst werden: er ist ein Gegensatz zwischen den Beziehungen zum Object; gewiss ein deutliches Zeichen, dass wir es hier mit einer Classe von Phänomenen zu thun haben, bei welchen der Charakter der Beziehung zum Object ein drfrchaus anderer als bei den Vorstellungen ist.
Ein ganz analoger Gegensatz tritt aber unverkennbar auch dann in dem Bereiche der Seelenerscheinungen auf, wenn nicht Liebe und Hass, sondern Anerkennung und Leugnung auf die vorgestellten Gegenstände sich richten.
l'ifvf.'« >■ 292 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.