SigPhi · Franz Brentano

Psychologie vom empirischen Standpunkte

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Wenn wirklich der rückständige Theil der psychischen Phänomene, von welchem wir jetzt handeln, einen ähnlich tiefgreifenden Unterschied wie das vorstellende und urtliei- lende Denken zeigte; wenn wirklich auch zwischen Fühlen und Streben von der Natur selbst eine scharfe Grenzlinie - yorgezeichnet wäre: so könnten vielleicht in die Bestimmung der eigenthümhchen Natur der einen und anderen Classe frrthümer sich einmischen; aber die 'Abgrenzung der Gattun- gen, die Angabe, welche Erscheinungen der einen und welche der anderen Gattung angehörten, würde sicher ein Leichtes sein. So wird man ohne Zögern sagen, dass „Mensch" eine blosse Vorstellung, „es gibt Menschen" ein für-wahr- Halten ausdrücke, auch wenn man über die Natur des ürtheils völlig im Unklaren ist; und Aehnliches gilt für das ganze Gebiet der einen und anderen Gattung des Denkens. Aber bei der Frage, was ein Gefühl und was ein Begehren, Wollen oder Streben sei, verhält es sich ganz anders; und ich wenigstens weiss in Wahrheit nicht, wo die Grenze zwischen beiden Classen eigentlich liegen sollte. Zwischen den Gefühlen der Lust und Unlust und dem, was man gewöhnlich Wollen oder Streben nennt, stehen andere Erscheinungen in der Mitte; und zwischen den Extremen mag der Abstand gross erschei- nen: wenn man aber die mittleren Zustände mit in Betracht zieht; wenn man immer nur das nächststehende mit dem nächststehenden Phänomene vergleicht: so zeigt sich auf dem gesammten Gebiete nirgends eine Kluft, sondern ganz alluiä- lig finden die Uebergänge statt.

Betrachten wir als Beispie! die folgende Eeilie: Traui'ig- keit — Sehnsucht nach dem vermissten Gute — Hoffnung, dass es uns zu Theil werde — - Verlangen, es uns zu ver- schaffen — Muth, den Versuch zu unternehmen ^ Willens- entschluss zur That. Das eine Extrem ist ein Gefühl, das andere ein Willen; und sie scheinen weit von einander abzu- stehen: aber wenn man auf die Zwischenglieder achtet und Capitel 8. Einheit der Grundclasse für Gefühl und Willen. $09 immer nur die nächststehenden miteinander vergleicht, zeigt sich da nicht überall der innigste Anschluss und ein fast unmerklicher Uebergang? — Wenn wir classificirend in Ge- fahle und Strebungen sie scheiden wollen, zu welcher von beiden Grundclassen sollen wir die einzelnen rechnen? — Wir sagen: „ich fühle Sehnsucht", „ich fühle Hoffnung", „ich fühle ein Verlangen, mir dieses zu verschaffen", „ich fühle Muth, dieses zu versuchen"; — nur, dass er einen Willens- entschluss fühle, wird wohl keiner sagen: ist darum vielleicht hier die Grenzmarke und gehören alle Mittelglieder noch der Grundclasse der Gefühle an? Wenn wir durch den Sprach- gebrauch des Volkes uns bestimmen lassen, werden wir aller- dings so urtheilen; und in der That verhalten wenigstens die Traurigkeit über die Entbehrung und die Sehnsucht nach dem Besitze sich etwa so, wie sich die Leugnung eines Gegen- standes und die Anerkennung seines Nichtseins zu einander verhalten: aber liegt nicht demungeachtet schon in der Sehnsucht ein Keim des Strebens? und spriesst dieser nicht auf in der Hoffnung, und entfaltet sich, bei dem Gedanken an ein etwaiges eigenes Zuthun, in dem Wunsche zu handeln und in dem Muthe dazu; bis endlich das Verlangen darnach zugleich die Scheu vor jedem Opfer und den Wunsch jeder längeren Erwägung überwiegt und so zum Willensentschluss gereift ist? — Sicher, wenn wir diese Reihe von Phänomenen nun doch einmal in eine Mehrheit von Grundclassen zertheilen wollen, so dürfen wir die mittleren Glieder ebensowenig mit dem ersten Gliede dem letzten imter dem Namen Gefühl, als mit dem letzten Gliede dem ersten unter dem Namen Willen oder Strebung entgegensetzen: vielmehr wird nichts übrig bleiben, als jedes Phänomen für sich als eine besondere Classe zu betrachten. Dann aber, glaube ich, ist es für Jeden unverkennbar, dass die Unterschiede. der Classen hier keine so tief einschneidenden Differenzen wie die zwischen Vor- stellung und ürtheil, oder zwischen ihnen und allen übrigen psychischen Phänomenen sind; und so nöthigt uns der Charakter unserer inneren Erscheinungen, die Einheit derä*v ■^ m ilf-; 310 Bach II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

selben natürlichen Grundclasse über das ganze. Reich des Fühlens und Strebens auszudehnen^).

^) Es ist interessant und lehrreich, das vergebliche Bemühen der Psychologen um eine fecte Grenzbestimmung zwischen Gefühl und WiUen oder Streben zu beobachten Sie widersprechen dabei dem her- kömmlichen Sprachgebrauche; und der eine widerspricht dem anderen^ ja nicht selten sogar sich selbst. Kant rechnet schon die hoffnungs- lose Sehnsucht nach anerkannt Unmöglichem zum Begehrungs ver- mögen, und ich zweifle kaum, dass er auch die Keue dazu gerechnet haben würde; und doch stimmt dies ebensowenig mit der gewöhn- lichen Weise der Bezeichnung, da man von einem Gefühle der Sehn- sucht spricht, als mit seiner Definition des Begehruogsvermögens als^ „Vermögens durch seine Vorstellungen Ursache von der Wirklichkeit der Gegenstände dieser Vorstellungen zu csin^' (s. o. S. 253). Hamilton wundert sich über die, wie er anerkennt, sehr häufige Confusion von Erscheinungen der beiden Classen, da es doch so leicht sei, die natür- liche Grenzscheide zwischen ihnen zu erkennen (Lect. on Metaph. ü. p. 433): aber seine wiederholten Bemühungen, eine genaue Bestimmung dafür zu geben, zeigen, dass dies keineswegs eine leichte Sache ist Er bestimmt, wie wir schon hörten, dass die Gefühle objectlos im vollen Sinne des Wortes, dass sie „subjectivisch subjectiv" seien (II, 432; vgl. o. S. 249), während nach ihm die Strebungen alle auf ein Object gerichtet sind; und hierin, soUte man meinen, werde man ein einfaches und leicht anwendbares Kriterium besitzen: aber so sicher dies der FaU sein müsste, wenn die Bestimmung der Eigenthümlichkeit der Erscheinungen entspräche, so wenig konnte Hamilton bei ihrer that. sächlichen Unrichtigkeit mit ihr ausreichen; selbst bei den entschieden- sten Gefühlen, wie Freude und Trauer, wird eben jeder sagen, auch sie schienen ih^ ein Object zu haben. Da macht denn Hamilton noch einen anderen Unterschied, obwohl vielleicht nicht ohne einigen Wider- spruch zum ersten^ geltend; er bestimmt, dass das Gefühl es bloss mit Gegenwärtigem zu thun habe, während die Strebung auf Zukünftiges sich richte. — „Lust und Unlust^', sagt er, „als Gefühle, gehören aus- schliesslich der Gegenwart an, während die Strebung sich einzig und allein auf die Zukunft bezieht; denn Strebung ist ein Verlangen, ein Trachten, entweder den gegenwärtigen Zustand dauernd zu erhalten^ oder ihn gegen einen anderen zu vertauschen^^ (II. p. 638). Diese Bestimmungen sind nicht wie die vorigen in der Art verfehlt, dass der einen von ihnen in Wahrheit kein psychisches Phänomen entspräche. Das ist aber auch ihr einziges Lob; denn die Scheidung des Gebietes nach Gegenwart und Zukunft ist sowohl unvollständig als willkürlich.

Sie ist unvollständig, denn wohin sollen wir jene Gemüthsbewegungeu Capitel 8. Einheit der Grundclassen für Gefühl und Willen. 311 §. 2. Wenn die Grundclasse für die Phänomene des Gefühls und Willens dieselbe ist, so muss, nach dem von uns angenommenen Principe der Eintheilung, die Weise der rechnen, die nicht auf Gegenwärtiges oder Zukünftiges, sondern wie die Heue und das Dankgeiühl auf Vei'gangenes sich beziehen? — Man müsste wohl für sie eine dritte Classe bilden. Doch das wäre das geringere üebel; viel schlimmer ist die Willkürlichkeit, mit welcher, in Rücksicht auf verschiedene Zeitbestimmungen, der Objecte, psychische Erscheinungen, die sich vorzüglich nahe stehen, hier in verschiedene Grundclassen zu sondern wären. So z. B. gehen die. Phänomene, die man als Wünsche zu bezeichnen pflegt, theils auf Zukünftiges, theils auf Gegenwärtiges, theils auf Vergangenes. Ich wünsche dich oft zu sehen; ich möchte, ich wäre ein reicher Mann; ich wünschte, ich hätte das nicht gethan; das sind Beispiele, welche die drei Zeiten vertreten; und wenn die letzten beiden Wünsche unfruchtbar und aussichtslos sind, so bleibt doch, wie Kant, Hamüton's vorzüglichste Autorität^ aner- kennt, der allgemeine Charakter des Wunsches dabei gewahrt. Es , kann aber sogar geschehen, dass, indem einer wünscht, sein Bruder sei glücklich in America angekommen, sein Wunsch sich auf Vergangenes bezieht, ohne darum auf etwas zu gehen, dessen Unmöglichkeit offen- bar ist. Sollen wir nun die psychischen Zustände, welche die Sprache hier unter dem Namen der Wünsche vereinigt, als in keiner Weise enger verwandt betrachten? sollen wir sie von einander scheiden, um einen Theil mit den Willensacten, einen anderen mit Lust und Unlust, einen dritten mit der für die Vergangenheit zu bildenden Classe zu vereini- gen? Ich glaube, keinem entgeht, wie ungerechtfertigt und widernatür- lich ein solches Verfahren wäre. Es ist demnach auch dieser Versuch einer Grenzbestimmung zwischen Gefühl und Willen völlig verunglückt. Kein Wunder daher, wenn die Confusion zwischen Gefühlen und Strebungen, die Hamilton an Andern tadelte, ihm selbst in keiner Weise erspart bleibt. Hört man die Begrifi^sbestimmungen, die er von den specielleren Erscheinungen gibt, so wird man oft schwerlich errathen, zu welcher von seinen zwei Grundclassen er die eine oder andere rechnen wollte. Die Eitelkeit definirt er als,,den Wunsch Anderen zu gefallen aus Begierde von ihnen geachtet zu werden** und rechnet sie — zu den Gefühlen (II. p. 519); und ebendazu rechnete er die Reue und die Scham, d. i. „die Furcht und Sorge, die Missachtung Anderer sich zuzuziehen*'; als ob nicht bei beiden ihre Bichtung auf ein Object, und — bei der einen an sich schon, bei der anderen nach der Definition, die Hamilton gibt — ihre Beziehung auf etwas nicht Gegenwärtiges aufs Deutlichste ersichtlich «wäre. Dieser vollständige Misserfolg eines so angesehenen Denkers bestätigt, glaube ich,' in einer schlagen- 312 Buch n. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

Beziehung des einen und anderen Bewusstseins eine wesentlich verwandte sein. Was aber sollen wir als den gemeinsamen Charaktelr ihrer Richtung auf die Gegenstände angeben? Auch hierauf muss, wenn unsere Ansicht richtig ist, di^ innere Erfahrung antworten. Sie thut dies wirklich und liefert so noch unmittelbarer den Beweis für die Einheit der höchsten Classe.

Wie die allgemeine Natur des Urtheils darin besteht, dass eine Thatsache angenommen oder verworfen wird: so besteht nach dem Zeugnisse der inneren Erfahrung auch der allgemeine Charakter des Gebietes, welches uns jetzt vorliegt, in einem gewissen Annehmen oder Verwerfen; nicht in demselben, aber in einem analogen Sinne. Wenn etwas Inhalt eines Urtheils werden kann, insofern es als wahr annehmlich oder als falsch verwerflich ist: so kann es Inhalt eines Phänomens der drit- ten Grundclasse werden, insofern es als gut genehm (im wei- testen Sinne des Wortes) oder als schlecht ungenehm sein kann. Es handelt sich, wie dort um Wahrheit und Falsch- heit, hier um Werth und Unwerth eines Gegenstandes.

Ich glaube Niemand wird meine Worte so verstehn, als wollte ich sagen, die Phänomene dieser Classe seien Erkennt- nissacte, vermöge' deren Güte oder Schlechtigkeit, Werth oder Unwerth in gewissen Gegenständen wahrgenommen werde; doch bemerke ich ausdrücklich, um jede solche Auslegung vollends unmöglich zu machen, dass dies eine gänzliche Verkennung meiner wahren Meinung wäre. Einmal, würde ich ja sonst diese Phänomene zu den Urtheilen rechnen; ich trenne sie aber von ihnen als eine besondere Classe; und dann, würde ich die Vorstellungen von Güte und Schlechtigkeit, Werth und Unwerth für diese Classe von Phänomenen allgemein voraussetzen, während dies so wenig der Fall ist, dass ich vielmehr zeigen werde, wie alle derartigen Vorstellungen erst den Weise, was ich über den Mangel einer von der Natur selbst vor- gezeichneten, deutlichen Abgrenzung zwischen den angeblichen zwei Grundclassen bemerkt habe.

/ Capitel 8. Einheit der Grundclasse für Gefühl und WiUen. 313 aus der inneren Erfahrung dieser Phänomene entspringen. Auch die Vorstellungen von Wahrheit und Falschheit werden, wie wohl Niemand bezweifelt, im Hinblick auf Urtheile und unter Voraussetzung ihrer uns zu Theil. Wenn wir sagen, jedes anerkennende Urtheil sei ein für - wahr - Halten, jedes verwerfende ein für - falsch - Halten, so bedeutet dies also nicht, dass jenes in einer Prädication der Wahrheit von dem für -wahr -Gehaltenen, dieses in einer Prädication der Falsch- heit von dem für -falsch -Gehaltenen bestehe; unsere früheren Erörterungen haben vielmehr dargethan, dass, was die Aus- drücke bedeuten, eine besondere Weise intentionaler Auf- nahme eines Gegenstandes, eine besondere Weise der psychi- schen Beziehung zu einem Inhalte des Bewusstseins ist. Nur das ist richtig, dass, wer etwas für wahr hält, nicht bloss den Gegenstand anerkennt, sondern dann, auf die Frage ob der Gegenstand anzuerkennen sei, auch das Anzuerkennen - sein des Gegenstandes, di h. (denn nichts Anderes bedeutet der barbarische Ausdruck) die Wahrheit des Gegenstandes eben- falls anerkennen wird. Und damit mag der Ausdruck,^für wahr halten" zusammenhängen. Der Ausdruck „für falsch halten" aber wird in analoger Weise sich erklären.

Ebenso bedeuten uns denn die Ausdrücke, die wir hier in analoger Weise gebrauchen, „als gut genehm sein", „als schlecht ungenehm sein" nicht, dass in den Phänomenen dieser Classe Güte einem als - gut - Genehmen, oder Schlech- tigkeit einem als - schlecht - Ungenehmen zugeschrieben werde, vielmehr bedeuten auch sie eine besondere Weise der Beziehung der psychischen Thätigkeit auf einen Inhalt. Nur das ist auch hier richtig, dass einer, dessen Bewusstsein sich in solcher Weise auf einen Inhalt bezieht, die Frage, ob der Gegenstand von der Art sei, dass man zu ihm in die betreffende Beziehung treten könne, in Folge davon bejahen wird; was dann nichts Anderes heisst, als ihm Güte oder Schlechtigkeit, Werth oder Unwerth zuschreiben.

Ein Phänomen dieser Classe ist nicht ein Urtheil: „dies ist zu lieben", oder „dies ist zu hassen" (das wäre ein Urtheil ti;.

SÄ.

y; 314 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

Über Güte oder Schlechtigkeit); aber es ist ein Lieben oder Hassen.

Im Sinne der gegebenen Erläuterung wiederhole ich also jetzt ohne Besorgniss missverstanden zu werden, dass es sich analog wie bei den Urtheilen um Wahrheit und Unwahrheit bei den Phänomenen dieser Classe um Güte und Schlechtigkeit, um Werth und Unwerth der Gegenstände handelt. Und diese charakteristische Beziehung zum Objecto ist es, die, wie ich behaupte, bei Begehren und Wollen so wie bei allem, was wir Gefühl oder Gemüthsbewegung nennen, die innere Wahr- nehmung in gleich unmittelbarer und evidenter Weise erken- nen lässt.

§. 3. Beim Streben, Begehren und Wollen darf, was ich sage, als allgemein anerkannt betrachtet werden. Hören wir darüber einen der hervorragendsten und einflussreichsten Ver- theidiger der fundamentalen Scheidung von Gefühl und Willen.

Lotze, wo er diejenigen bekämpft, welche das Wollen als ein Wissen fassen und sagen, das „ich will" sei gleich einem zuversichtlichen „ich werde", setzt das Wesen des WoUens in eine Billigung oder Missbilligung, also in ein gut- Finden oder schlecht-Finden. „Nur die Gewissheit vielleicht, dass ich handeln werde", sagt er^ „mag gleichgeltend sein mit dem Wissen meines Wo Ileus, aber dann wird in dem Begriffe des Handelns jenes eigenthümliche Element der Billigung, der Zulassung oder Absicht eingeschlossen sein, welches den Willen zum Willen macht." Und wiederum, gegen diejenigen gewendet, welche den Willen als eine gewisse Macht zum Wirken begreifen wollen, erklärt er: „Diese Billigung nun, durch welche unser Wille den Entschluss, welchen die drängenden Beweggründe des Vorstellungslaufes ihm dar- bieten, als den seinigen adoptirt, oder die Missbilligung, • mit welcher er ihn von sich zurückweist, beide würden denk- bar sein, auch wenn keiner von beiden die geringste Macht besässe, bestimmend und verändernd in den Ablauf der Capitel 8. Einheit der Grundciasee für Gefühl und Willen. 315 inneren Ereignisse einzugreifen"^). — Was ist diese Billigung oder Missbilligung von der Lotze spricht? Es ist klar, dass er nicht ein gut- oder schlecht- Finden im Sinne eines prak- tischen Urtheils meint, da er die ürtheile, wie wir sahen, zur Classe der Vorstellungen rechnet. Was lehrt er also Anderes, als dass das Wesen des WoUens in einer besonderen Beziehung der psychischen Thätigkeit auf den Gegenstand als gut oder schlecht bestehe?

Aehnlich könnten wir Stellen von Kant und von Men- delssohn, den vorzüglichsten Begründern der üblichen Drei- theilung, anführen, die dafür sprechen, dass eine solche Beziehung auf den Gegenstand als gut oder schlecht den Grundcharakter eines jeden Begehrens ausmache^). Doch wir greifen lieber sogleich in das Alterthum zurück, um das Zeugniss der antiken Psychologie mit dem der modernen zu verbinden.

Aristoteles spricht hier mit einer Deutlichkeit, die nichts zu wünschen übrig lässt. ^Grut" und „begehrbar" sind ihm gleichbedeutende Ausdrücke. „Der Gegenstand des Begehrens" (t6 oQexTov)^ sagt er in seinen Büchern von der Seele, „ist das Gute oder das als gut ferscheinende"; und am Anfange seiner Ethik erklärt er: „Jede Handlung und jede Wahl scheint nach einem Gute zu streben; wesshalb man mit Kecht das Gute als dasjenige bezeichnet hat, wonach Alles strebt"^). Daher identificirt er auch die Zweckursache mit dem Guten*). Dieselbe Lehre erhielt sich dann im Mit- telalter. Thomas von Aquin lehrt mit aller Klarheit, dass, wie das Denken zu einem Object als erkennbarem, das Begehren zu ihm als gutem in Beziehung trete. So könne es geschehen, dass ein und dasselbe Gegenstand ganz hete- rogener psychischer Thätigkeiten sei^).

>) Vgl. Mendelssohn, Gesammelte Schriften IV. p. 122 S. 3) De Anim. HI, 10. Eth. Nie. I, 1. Metaph. ui, 7. Vgl. auch Khet. I, 6.

316 Buch II. Von dea psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

Wir sehen an diesen Beispielen, wie die hervorragendsten Denker verschiedener Perioden hinsichtlich des Strebens und WoUens in der Anerkennung der von uns geltend gemach- ten Erfahrungsthatsache einig sind, wenn sie auch vielleicht nicht alle in gleicher Weise ihre Bedeutung würdigen, §. 4. Wenden wir uns zu den andern Phänomenen, um die es sich handelt, und namentlich zu Lust und Unlust, die am Meisten als Gefühle von dem Willen gesondert zu werden pflegen. Ist es richtig, dass auch hier die innere Erfahrung jene eigenthümliche Weise der Beziehung zum Inhalte, jenes „als gut Genehm -sein" oder „als schlecht Ungenehm - sein^* als Grundcharakter der Erscheinungen mit Klarheit erkennen lässt? Handelt es sich auch hier deutlich in ähnlicher Weise um den Werth und Unwerth, wie beim Urtheile um die Wahr- heit und Falschheit der Gegenstände? — Was mich betrifft, so scheint mir dies bei ihnen nicht minder einleuchtend als beim Begehren.

Weil man aber glauben könnte, dass eine Voreingenom- menheit hiebei im Spiele sei und mich die Erscheinungen missdeuten lasse, so will ich mich auch hier wieder zugleich auf die Zeugnisse Anderer berufen.

Hören wir auch in diesem Punkte vor Allem L o t z e. „War es eine ursprüngliche Eigenthümlichkeit des Geistes", sagt er in seinem Mikrokosmus i), „Veränderungen nicht nur zu erfah- ren, sondern sie auch vorstellend wahrzunehmen, so ist es ein ebenso ursprünglicher Zug desselben, sie nicht nur vor- zustellen, sondern in Lust und Unlust auch des Werthes inne zu werden, den sie für ihn haben." Unmittelbar darauf äussert er sich ähnlich: „Im Gefühle der Lust wird die Seele sich der Uebung ihrer Kräfte als einer Steigerung in dem Werthe ihres Daseins bewusst.'' So wiederholt er noch öfter den Gedanken und hält bei höheren wie niederen Gefühlen gleichmässig ihn fest. Der eigentliche Kern des sinnlichen Triebes ist nach ihm immer nur „ein Gefühl, das Capitel 8. Einheit der Grundclasse für Gefühl und Willen. 317 in Lust und Unlust uns den Werth eines vielleicht nicht zur bewussten Einsicht kommenden körperlichen Zustandes verräth" ^); und „die sittlichen Grundsätze jeder Zeit waren Aussprüche des werthempfindenden Gefühles^'; sie ;,wurden stets von dem Gemüthe in einer anderen Weise gebilligt als die Wahrheiten der Erkenntniss*^*).

.Wie sich Lotze das Empfinden des W^rthes in dem Gefühle denkt, wage ich nicht mit voller Sicherheit zu bestimmen: dass er aber das Gefühl selbst nicht als die Erkenntniss eines Werthes ansah, ist unzweifelhaft, nicht bloss aus einzelnen Aeusserungen^), sondern auch schon daraus.

*) So setzte er in der eben mitgetbeilten Stelle die Billigung durch das Gefühl als eine „andere Weise der Billigung" jeder Anerkennung einer Wahrheit entgegen. Und p. 26)J sagt er, die Gefühle der Lust oder Unlust würden „immer von uns auf irgend eine unbekannte För- derung oder Störung gedeutet werden**. Die Annahme folgt also erst dem Fühlen, wenn auch vielleicht auf dem Fusse. — Fragen wir aber, warum jene Gefühle immer so gedeutet werden, so bekommen wir von Lotze, wie mir scheint, keine ganz genügende Antwort. Dass die Vorstellung einer Lust ohne eine gleichzeitige Förderung wie die, auf welche wir sie nach Lotze deuten, eine Contradiction enthalten würde, scheint nicht seine Ansicht; woher also jene Nothwendigkeit oder unüberwindliche Neigung? — Wir, auf unserem Standpunkte, können, glaube ich, die Frage beantworten. Mit derselben Nothwen- digkeit, mit welcher Jemand dem Objecto eines anerkennenden oder verwerfenden Urtheils in Folge dieses Urtheils Wahrheit zuschreibt, mit derselben Nothwendigkeit schreibt er bei der Ausübung einer Thätig- keit der dritten Grundclasse in Folge dieser Thätigkeit ihrem Objecto einen Werth oder Unwerth zu (s. o. S. 313). So denn auch bei Lust und Unlust. Haben wir also eine von Lust begleitete sinnliche Empfindung, so schreiben wir der Empfindung einen Werth zu, und in so weit ist der Frocess ofionbar nothwendig Wir werden aber alsbald weiter geführt. Indem wir z. B. bemerken, dass die angenehmen Empfindungen von gewissen körperlichen Processen abhängen, werden uns nothwendig auch diese wegen ihrer Folgen werthvoll sein-, und vermöge der eigenthümlichen Gesetze, welche wir später für dieses Gebiet der Seelenerscheinungen festzustellen haben, wird es dann geschehen, dass sie allmälig auch ohne Berücksichtigung der Folgen 318 Ituch IL Von den psfchiaclien Phänomenen im Allgemeinen.

dass er es somt seiner ersten Classe untergeordnet haben würde. Danach acheint aber der Ausdruck nur mehr in einer Weise, und zwar im Sinne unserer Anschauung sich rechtfertigen zu lassen. Eis ist auch bemerkenswerth, dass Lotze nicht bloss sagt, dass das Gefühl Werth und Unwerth empfinde, und es so zu dem Gegenstand als gut und schlecht in iiezieliung setzt, sondern bei ihm auch ganz derselben Bezeicimung „bilügen" sich bedient, die er zuvor angewandt hatte, uin das „eigenthümliche Element, welches den Willen zum \Villen macht", zu benennen. Umgekehrt sagt er ein anderes Mal für „Wollen" „herzliche Theilnahme'"), ein Ausdruck, der gewöhnlich für Phänomene von Lust und Leid gebraucht wird. Wie sollte nicht in dieser Uebertragung der aiii Meisten charakteristischen Benennungen des einen Gebietes auf das andere ein unwillkürliches aber bedeutungs- volles Zeugniss für die wesenthche Verwandtschaft in der Bezieliungsweise der beiderseitigen Erscheinungen zu ihren Objecten und somit für ihre Zusammengehörigkeit zu einer Grundclasse liegen?

Hamilton — denn auch diesen grossen Vertheidiger der Sonderstellung der Gefühle wollen wir nicht unberück- sichtigt lassen — nennt mit ganz ähnlichen Ausdrücken GegenstÄnd unserer Liebe und Werthochätiung werden. Ja es kann dazu kommen, dass wir ihnen Vorzüge beilegen, für deren Annahme niT nicht den mindesten vemünffigen Anhalt besitzen, wie wenn wir ohne Jede Erfahrung, daas wohlschmeckende Speisen der Gesundheit zuträglicher seien, ihnen um ihres WohlgewhmackeB willen auch diese gute Eigenschaft znschriebcn. Hat ja der Aberglauben des Volkes in dem Golde, weil es in anderer Hinsicht eich vielfach werthvoll und nützlicji emies, in Folge dcsEen auch ein treffliches Heilmittel Ter- muthct. Doch gibt es in unserem Falle auch specifieche Erfahrungen, die einen sehr weitgehenden Zusammenhang von Lust und organischer Fiirdei'ung erkennen lassen, und so eine verDÜnftigere Vermuthung gestuttcn, es möge auch in dem einzelnen, vorliegenden Falle dasselbe gelten. Auch diese mögen, wenn nicht allgemein, doch in der Regel zu den vorher besprochenen Motiven hinzukommen und mit ihnen zusammen wirken.

Capitel 8. Einheit der Grandclasse für GeffM und Willen. 319 wie Lotze „Lust und Unlust^^ „eine Schätzung des relativen Werthes der Objecte"^), wobei wir es freilich ihm selbst über- lassen müssen, diesen Ausspruch mit dem, wie er uns lehrte, „subjectivisch subjectiven" Charakter der Gefühle in Einklang zu bringen. Solche Aeusserungen, welche die Beziehung der Gefühlsphänomene auf die Gegenstände als gut und schlecht deutlich anerkennen, kehren bei ihm auch anderwärts, ja sehr häufig wieder 2).

Kant endlich, in seiner Kritik der ürtheilskraft, bezeich- net gerade da, wo er Gefühl und Begehren scheiden will, beide als ein Wohlgefallen, nur das eine als uninteressirtes, das andere als praktisches. Näher' untersucht, läuft dies darauf hinaus, dass man in dem Gefühle bloss an der Vor- stellung eines Gegenstandes, in dem Begehren an der Existenz eines Gegenstandes ein Interesse habe; und auch dieser Unterschied würde aufgehoben, wenn es sich zeigen sollte, dass was Kant hier. Gefühl nennt, in Wahrheit auf jene Vorstellung selbst als seinen Gegenstand gerichtet ist. In einer früheren Schrift aber sagt Kant geradezu: „Man hat es in unseren Tagen allerst einzusehen angefangen, dass das Vermögen, das Wahre vorzustellen, die Erkenntniss, dasjenige aber, das Gute zu empfinden, das Gefühl sei, und dass beide ja nicht miteinander müssen verwechselt werden"^).

Solche Zeugnisse aus dem Munde der am Meisten her- vorragenden Gegner sind gewiss von unleugbarer Bedeutung. Und auch hier verbinden sich mit den modernen*) die über- ') Untersuchung über die Deutlichkeit der Grundsätze der natür- lichen Theologie und Moral (I. S. 109), eine Schrift aus dem Jahre 1763.

*) Einige andere, freilich sehr unfreiwillige neuere Zeugnisse für den übereinstimmenden Charakter von Gefühl und Willen führt Her- bart an. Wenn man die Psychologen nach dem Ursprünge der Grenze zwischen Fühlen und Begehren fragt, sagt er: „drehen sich ihre Erklärungen im Cirkel** „Maass in dem Werke über die Gefühle (S. 39 des I. Th.) erklärt Fühlen durch Begehren („ein Gefühl ist angenehm, so fern es um seiner selbst willen begehrt wird'*), aber .-^fii 'm 320 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.

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