Drittens endlich haben wir gesehen, dass eine Varia- tion von Umständen, wie sie bei einer Verschiedenheit der Weise des Bewusstseins anderwärts sich zu zeigen pflegt, bei Gefühl und Willen nicht gefunden wird.
Somit dürfen wir wohl die Einheit unserer dritten Gnind- classe als vollkommen erwiesen betrachten, und es bleibt uns nur noch übrig, wie früher bei Vorstellung und Urtheil, BO jetzt bei Gefühl und Willen die Grande aufzudecken, welche eine Verkennung des wahren Verhältnisses begünstigten.
§. 9. Diese Anlässe der Täuschung scheinen mir von dreifacher Art gewesen zu sein: psychische, sprach- liche und, wenn wir sie so nennen wollen, historische, d. h. solche Anlässe, welche durch vorausgegangene Verirnm- gen der Psychologie in anderen Fragen gegeben wurden.
Betrachten wir zunächst die vornehmsten psychischen Gründe.
Wir haben früher gesehen, wie die Phänomene des in- neren Bewusstseins in eigenthümlicher Weise mit ihrem Ob- ject verschmolzen sind. Die innere Wahrnehmung ist in dem Acte, den sie wahrnimmt, mitbegriflfen, und ebenso ist das innere Gefühl, welches einen Act begleitet, selbst Theil seines Gegenstandes. Es lag nahe, diese besondere Weise der Verbindung mit dem Objecte mit einer besonderen Weise von intentionaler Beziehung zu ihm zu verwechseln, und so Capitel 8. Einheit der Grundclasse für Gefühl und Willen. 335 die zum inneren Bewusstsein gehörigen Phänomene der Liebe lUJQd desTlasses von allen übrigen, wie eine Grundclasse von einer anderen zu sondern.
Wenn wir an die Weise zurückdenken, in welcher Kant über den Unterschied des Gefühls und Begehrens sich äusserte, so glaube ich yrerden wir deutliche Spuren eines Zusammen- hanges seiner Lehre mit dem eben erwähnten Unterschiede erkennen; sagte er doch, dass das Begehrungsvermögen eine „objective Beziehung" habe, während das Gefühl „bloss aufs Subject" sich beziehe^).
Bei Hamilton tritt dasselbe in dem Maasse auffälliger hervor, als er sich ausführlicher über die Scheidung von Ge- fühl und Streben verbreitet; und Bestimmungen, die im Uebrigen schwer mit einander in Einklang zu bringen sind, weisen doch übereinstimmend darauf hin, dass ihm bei der Classe des Gefühls hauptsächlich die zum inneren Be- wusstsein gehörigen Gefühlsphänomene vorschwebten. Seine Bestimmung, dass das Gefühl ausschliesslich der Gegenwart angehöre, ist dann gerechtfertigt; und seine Charakteristik der Gefühle als „subjectivisch subjectiv" wenigstens begreif- lich geworden. Auch steht die Untersuchung über die Ent- stehung der Gefühle, wie man sie im zweiten Bande seiner Vorlesungen findet, vollkommen mit einer solchen Auffassung im Einklänge*).
Wie kommt es aber, dass wenn hier die besondere Ver- bindung der inneren Phänomene mit ihrem Objecte zu einer Unterscheidung zweier Grundclassen führte, auf dem Gebiete der Erkenntniss nicht dasselbe der Fall war? Warum hat man nicht auch die innere Wahrnehmung von jeder anderen Erkenntniss als eine eigene, grundverschiedene Weise des Bewusstseins abgesondert? — Die Antwort hierauf ist leicht. Wir haben gesehen, wie es eine Eigenthümlichkeit unserer dritten Grundclasse ist, eine Menge von Arten in sich zu schliessen, die mehr als besondere Classen von Ur- *) Lectures on MetaphysicB IL p. 436 es. Vgl. auch Lotze, Mikro- kosmus 1. Aufl. I. S. 261 ff. und a. a. 0.
336 Buch ir. Von den psychischen Phänomenen im AUgemeinen.
theilen von einander verschieden sind. So war es denn hier überhaupt leichter, die Uebereinstimmung im allgemeinen Charakter der Beziehung zum Objecte zu verkennen als bei den Phänomenen der Erkenntniss; und derselbe Umstand, der auf diesem Gebiete keinerlei Versuchung mit sich führte, konnte auf dem anderen die Täuschung veranlassen.
§. 10. Zu dem angegebenen kommt aber noch ein an- derer psychischer Grund. Wie wir uns erinnern, machten Kant und seine Nachfolger für die fundamentale Verschie- denheit des Wollens von dem Gefühle seine Unableitbarkeit aus den Phänomenen dieser Classe geltend. Es ist ausser Frage, dass die Erscheinungen des Willens wirklich aus an- deren psychischen Phänomenen nicht abgeleitet werden kön- nen., Und ich meine hier nicht etwa dies, dass die besondere Färbung der Willensbethätigungen nur durch specifische Erfah- rung erkannt werden kann; denn das ist etwas, was ebenso für andere specielle Classen der Liebe und des Hasses gilt. Die besondere Färbung der Hoffnung gegenüber dem besitzen- den Genüsse, die besondere Färbung der edelen geistigen Freude gegenüber der niederen Sinnenlust sind ebenfalls unableitbar. Ein anderer Umstand ist, der in einer ganz vorzügüchen Weise gerade das WoUen als unableitbar er- scheinen und gerade bei ihm die Neigung entstehen lässt, es als Bethätigung eines besonderen Urvermögens zu fassen.
Jedes Wollen oder Streben im eigentlicheren Sinne be- zieht sich auf ein Handeln. Es ist nicht einfach ein Begeh- ren, dass etwas geschehe, sondern ein Verlangen, dass etwas als Folge des Verlangens selbst eintrete. Ehe Jemand die Er- kenntniss oder wenigstens die Vermuthung gewonnen hat, dass gewisse Phänomene der Liebe und des Verlangens die ge- liebten Gegenstände unmittelbar oder mittelbar als Folge nach sich ziehen, ist ein Wollen für ihn unmöglich.
Wie soU er nun aber zu einer solchen Erkenntniss oder Vermuthung gelangen? — Aus der Natur der Phänomene der Liebe, seien sie Phänomene der Lust oder Unlust, des Verlangens, der Furcht oder andere, lässt sie sich nicht Capitel 8. Einheit der Grandclasse für Gefühl und Willen. 337 schöpfen. Es bleibt also nur übrig, entweder anzunehmen dass sie ihm angeboren sei, oder dass sie, ähnlich wie auch andere Erkenntnisse von Krafbbeziehungen, von ihm der Er- fahrung entnommen werde. Das Erste wäre offenbar die Annahme einer ganz ausserordentlichen Thatsache, die, wenn irgend etwas, keine Ableitung zuliesse. Das Zweite aber, das gewiss von vom herein unvergleichlich wahrscheinlicher ist, setzt deutlich einen besonderen Kreis von Erfahrungen und die Existenz und wirkliche Bethätigung einer besonderen Gattung von Kräften voraus, auf welche diese Erfahrungen sich beziehen. Somit ist die Kraft gewisser Phänomene der Liebe zur Verwirklichung der Gegenstände^ auf welche sie gerichtet sind, eine Vorbedingung des WoUens, und gibt, auch wenn man nicht, wie Bain es gethan hat, das Vermö- gen zu handeln als das Vermögen des Wollens selbst be- trachtet, in gewisser Weise erst die Fähigkeit zu ihm. Da nun diese Kraft zur Aeusserung und Bethätigung der Liebe und des Verlangens der Fähigkeit zu diesen Phänomenen selbst völlig heterogen ist, und darum nicht mehr, ja eher noch viel weniger aus ihr als sie aus dem Vermögen der Erkenntniss ableitbar erscheint: so erscheint natürlich auch die Fähigkeit zum Streben und Wollen als ein in ganz vorzüglicher Weise unableitbares Vermögen, obwohl die Un- möglichkeit der Ableitung nicht darin ihren Grund hat, dass die betreffenden Phänomene selbst einen von den übrigen Phänomenen der Liebe fundamental verschiedenen Charakter zeigen.
Im Gegentheile wird man bei näherer Erwägung finden, dass sich hier aufs Neue ein Zug der Verwandt- schaft der Willensphänomene mit anderen Erscheinungen der Liebe und des Verlangens offenbart. Wenn das Wollen die Erfahrung eines Einflusses von Phänomenen der Liebe zur Hervorbringung des geliebten Gegenstandes voraus- setzt, so setzt es offenbar voraus, dass auch Phänomene der Liebe, welche kein Wollen genannt werden können, ähnlich wie das Wollen, wenn auch vielleicht in schwächerem Grade, sich wirksam erweisen. Denn würde eine solche Brentano, Psychologie. I. 22 pt ' 338 Buch U. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
P:l: ^y Einwirkung sich ausschliesslich an das Wollen knüpfen, so ^ y würde man in einen verhängnissvoUen Zirkel verwickelt.
Das Wollen würde die Erfahrung des Wollens voraussetzen.
?^! während natürlich umgekehrt auch diese das Wollen voraussetzt.
i: Anders, wenn auch schon das blosse Verlangien nach gewissen I? V Ereignissen ihr Eintreten zur Folge hat; es kann dann mit *r der Modification, welche die Kenntniss von dieser Kraftbe- ^1^ Ziehung ihm gibt, d. i. als Wollen sich wiederholen.
^Sv Mögen diese Andeutungen genügen, bis wir später uns fr eingehend mit dem Probleme der Entstehung des Wollens ^^y beschäftigen werden.
^p Wenn wir aus einer früher betrachteten Aeusserung 1# Känt's über die Eigenthümlichkeit der Gefühle den Zusam- * ■ menhang seiner Classification mit der Zugehörigkeit gewisser ^^- Phänomene der Liebe zum inneren Bewusstsein erkannten, so weisen andere, und nicht wenige, sehr deutlich auf die eben betrachteten Verhältnisse hin. Hat doch Kant das Be- i^^r ' gehrungsvermögen geradezu als das „Vermögen durch seine Vorstellungen Ursache von der Wirklichkeit der Gegenstände dieser Vorstellungen zu sein" definirt, und an derselben Stelle, an welcher er von einer Beziehung von Vorstellungen „bloss aufs Subject" redet, hinsichtlich welcher sie „im Verhältnisse zum Gefühle der Lust betrachtet werden", spricht er von einer anderen, „objectiven Beziehung, da sie, zugleich als Ur- sache der Wirklichkeit dieses Objectes betrachtet, zum Be- gehrungsvermögen gezählt »werden". Nun fällt aber die Ab- grenzung der beiden Classen, welche sich ergibt, wenn man die inneren Phänomene der Liebe als Gefühle zusammenfasst und allen übrigen entgegenstellt, keineswegs mit jener zu- sammen, zu welcher man gelangt, wenn man das Streben nach einem Gegenstande, das die besprochene Kraftbeziehung als bekannt voraussetzt, von allen übrigen Phänomenen der Liebe scheidet. Daher finden wir bei Kant jene befremdende Behauptung, dass jeder Wunsch, und wenn es ein anerkannt unmöglicher wäre, wie z. B. der Wunsch Flügel zu haben, schon ein Bestreben sei, das Gewünschte zu erlangen, und die Capitel 8. Einheit der Gnmdclasse für Gefühl und Willen. 339 Vorstellung der Causalität unserer Begehrung enthalte^). Sie ist ein verzweifelter Versuch die Grenzlinie der beiden Glassen, so wie die eine Bücksicht sie verlangt, auch mit der anderen in Einklang zu bringen. Andere haben es vor- gezogen, die Classe der Gefühle weiter und bis zur Grenze des eigentlichen WoUens auszudehnen, und wieder Andere haben jeder der beiden Glassen mehr oder minder beträcht- liche Theile von dem Zwischengebiete zugewiesen. Daher die Unsicherheit der Grenzscheidung, die wir gefunden haben.
I §. 11. Wir sagten, zu den psychischen Gründen, die in der eig^nthümlichen Natur der Phänomene selbst liegen, seien sprachliche Anlässe hinzugekommen.
Aristoteles, welcher die Einheit unserer dritten Gnmd- classe richtig erkannt hatte, bezeichnete sie, wie wir hörten, mit dem Namen Begehren (ogc^tg). Der Ausdruck war wenig passend gewählt ^); denn nichts liegt dem Sprachgebrauche des gewöhnlichen Lebens femer, als die Freude ein Begeh- ren zu nennen. Doch dies hinderte nicht, dass das Mittel- alter sich hier wie in so mancher anderen Beziehung von der Autorität des „Philosophen" und seiner üebersetzer leiten iiess und das Vermögen zu den sämmtlichen hieher gehörigen Acten als „facultas appetendi" bezeichnete *); und an die Aus- drücke der Scholastiker schloss sich später Wolflf bei der Unter- scheidung seines Erkenntniss- und Begehrungsvermögens an.
1) Kritik der Urtheilskraft, Einleitung III. Anm.
^) Aristoteles wurde auf ihn wahrscheinlich durch eine veraUge- meinemde Zusammenfassung von ^vfxog und intd-vfiia geführt, die in Platon's Eintheilung neben dem XoyiOfiog erscheinen; ein Zeichen mehr für die Wahrheit unserer früheren Bemerkung, dass sich die Grund- eintheüungen des Aristoteles sämmtlich aus der Platonischen entwickelt haben. Nach anderen Seiten hin ist der Zusammenhang ohnehin un- verkennbar.
') Nur einzelne Male zeigen sich Spuren von Emancipation, wie z. B. bei Thomas von Aquin, wenn er Summ. Theol. P. I. Q. 37. art. 1 und öfter den Ausdruck „amare^^ als allgemeinsten Ciassennamen ge- braucht.
340 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
Da nun der Namen Begehren im Leben eine viel zu enge Bezeichnung hat, als dass er alle psychischen Phänomene ausser denen des Denkens umfassen könnte, so lag der 6e* danken nahe, dass es Phänomene gebe, die in den bisher aufgestellten Glassen nicht einbegriffen seien, und dass somit diesen eine neue Classe coordinirt werden müsse. Dass wirkUch auch dieser Umstand nicht ohne Einfluss blieb, zeigt eine früher aus Hamilton angezogene Stelle^).
§, 12. Wir sagten aber, die Täuschung hinsichtlich der Einheit dieser Classe psychischer Phänomene habe auch noch eine dritte Art von Ursachen gehabt; in früheren Unter- suchungen begangene Fehler haben hier nachtheilig eingewirkt.
Der Irrthum, den wir hier vorzüglich im Auge hatten, war der, dass man Vorstellung und Urtheil als Phänomen derselben Grundclasse betrachtete. Man fand die drei Ideen (wie man sie oft mit Auszeichnung nennt) des Wahren, Guten und Schönen; und sie schienen einander co- ordinirt. Man glaubte, sie müssten eine Beziehung zu drei coordinirten, grundverschiedenen Seiten unseres Seelenlebens haben. Die Idee des Wahren theilte man dem Erkenntniss- vermögen, die Idee des Guten dem Begehrungsvermögen zu; da war denn das dritte Vermögen, das der Gefühle, eine will- kommene Entdeckung, um ihm die Idee des Schönen als sei- nen Antheil zuzuweisen. So ist schon bei Mendelssohn, wo er von den drei Seelenvermögen spricht, von dem Wahren, Guten und Schönen die Rede. Und Kant wird es von späteren Vertretern einer ähnlichen Dreitheilung zum Vorwurfe ge- macht, dass er das Gefühl der Lust und Unlust „einseitig auf das ästhetische Geschmacksurtheil" beschränl^, und ebenso „das Begehrungsvermögen nicht als rein psychologische Kraft, sondern in Beziehung zum Ideal des Guten, dem es dienen soll, betrachtete*)."
Capitel 8. Einheit der Grundclasse für Gefühl und Willen. 341 Bei einer genaueren Untersuchung, ob die Vertheilung des Wahren, Guten und Schönen auf die drei Classen des Erkenntniss -, Begehrungs- und Gefühlsvermögens wirklich zu rechtfertigen sei, wird sich freilich manches Bedenken erheben.
Wir haben früher eine Stelle von Lotze angeführt, worin dieser Denker, der doch selbst Willen und Gefühl als Grund- vermögen scheidet, „die sittlichen Grundsätze jeder Zeit" als „Aussprüche eines werthempfindenden Gefühles" bezeich- net. In der That hat Herbart die ganze Ethik, wie einen besonderen Zweig, der Aesthetik als der allgemeineren Wis- senschaft zugewiesen, so dass bei ihm das Ideal des Guten ganz in dem des Schönen unterzugehen droht, oder doch als eine besondere Gestaltung dem umfassenderen Gedanken sich unterordnet.
Andere haben einen entgegengesetzten Versuch gemacht; sie haben das Schöne unter den Begriff des Guten gestellt, wie z. B. Thomas von Aquin, indem er sagt, gut sei das, was gefalle, schön das, dessen Erscheinung gefalle*). Hier wird zunächst die Erscheinung des Schönen als etwas Gutes betrachtet, und dann natürlich ist auch das, was die Erschei- nung hervorruft, in Rücksicht darauf ein Gut. In der That gehört die Schönheit in diesem Sinne ohne Zweifel unter die Güter; aber auch von der Wahrheit muss Aehnliches gesagt werden; und somit scheint der Charakter des Begehrenswer- then allen dreien gemeinsam zu sein, wie es ja auch darum weil es sich um drei Ideale handelt nicht anders denkbar ist.
*) Im Grunde genommen schon Adam Smith, wenn anders Kant Becht hat, indem er sagt, schön sei was uninteressirtes Wohlgefallen errege. Ja lange vor ihnen sagte Augastinus: „Honestam voco in- telligibilem pulchritudinem, quam spiritualem nos proprie dicimus." (83 Q. Q. quaest. 30 nahe am Anf.)
>) De ratione boni est quod in eo quietetur appetitus. Sed ad ra- tionem pulchri pertinet quod in ejus aspectu seu cognitione quietetur appetitus...Pulchrum addit supra bonum quemdam ordinem ad ▼im cognoscitivam; ita quod honum dicatur id quod simpHciter com- placet appetitui; pulchrum autem dicatur id cujus ipsa apprehensio placet. (Summ. Theol. P. IL 1. Q. 27. A. 1 ad 3.)
342 Buch II. Ton den paychischen PhSnomenen im Allgemeinen.
Es thut also Noth, in einer etwas anderen Weise die Dreiheit des Schönen, Wahren und Guten zu fassen, und es wird sich dann zeigen, dass sie wirklich zu einer Dreiheit der SeitMi »mseres Seelenlebens in Beziehung steht; nicht aber zu Erkenntniss, GefUhl und Willen, sondern zu jener Dreiheit, die wir in dea drei Gnindclassen der psychi- schen Phänomene unterschieden haben.
Jede Grundelasse von psychischen Phänomenen hat eine ihr cigenthümliehe Gattung von Vollkommenheit; und diese gibt sich in dem inneren Gefühle, welches, wie wir sahen, jeden Act begleitet, zu erkennen. Den vollkommensten Acten jeder Grundelasse wohnt eine darauf bezüghche, wie wir sagen, edle Freude inne. Die höchste Vollkommenheit der vorstellenden Thätigkeit liegt in der Betrachtung des Schonei), sei diese nun durch die Einwirkung des Objectes unterstützt, oder von einer solchen unabhängig. An sie knüpft sich der höchste Genuss, welchen wir in der vorstellen- den Thiitigkeit als solcher finden können. Die höchste ^oll- komnienheit der urtheilenden Thätigkeit liegt in der Erkenntniss der Wahrheit; am Meisten natürlich in der Er- kenntnie;s solcher Wahrheiten, die mehr als andere eine reiche l-'ülle des Seins uns offenbaren. Dies ist z. B, dann der Fall, wenn wir ein Gesetz erfassen, durch welches, wie durch das Gesetz der Gravitation, mit einem Schlage ein weites Gebiet von Erscheinungen erklärt wird. Darum ist das Wissen eine Freude und ein Gut an und fllr sich und abgesehen von allem praktischen Nutzen, den es gewährt. „Alle Menschen verlangen von Natur nach dem Wissen", sagt der grosse Denker, der mehr als viele Andere die Freuden der Erkenntniss verkostet hat. Und wiederum sagt er: „die erkennende Betrachtung ist das Süsseste und Beste i)." Die höchste Vollkommenheit der liebenden Thätigkeit endUch liegt in der durch Rücksicht auf eigene Lust und eigenen Gewinn ungehemmten freien Erhebung zu höheren Gütern, in der opferwilligen Hingabe ihrer sdhst an das, was um Capitel 8. Einheit der Grondclasse für Gefühl und Willen. ^43 seiner Vollkommenheit willen mehr und über Alles liebens- würdig ist, in* der Uebung der Tugend oder der Liebe des Guten um seiner selbst willen und nach dem Maasse seiner Vollkommenheit. Die Freude, die der edlen Handlung und überhaupt der edlen Liebe innewohnt, ist es, die in ähnlicher Weise dieser Vollkommenheit, wie die Freuden der Erkennt- niss und der Betrachtung des Schönen der Vollkommenheit der anderen beiden Seiten des Seelenlebens, entspricht. Das Ideal der Ideale besteht in der Einheit alles Wahren, Guten und Schönen, d. i. in einem Wesen, dessen Vorstel- lung die unendliche Schönheit und in ihr wie in ihrem un- endlich überragenden ürbilde alle denkbare endliche Schön- heit zeigt; dessen Erkenntniss die unendliche Wahrheit und in ihr wie in ihrem ersteü und allgemeinen Erklärungs- grunde alle endliche Wahrheit offenbart; und dessen Liebe das unendliche, allumfassende Gut und in ihm jedes andere liebt, welches in endlicher Weise an der Vollkommenheit Theil hat. Das, sage ich, ist das Ideal der Ideale. Und die^ Seligkeit aller Seligkeiten bestände in dem dreifachen Ge- nüsse dieser dreifachen Einheit, indem die unendliche Schön- heit angeschaut, und aus ihrer Anschauung durch sich selbst als nothwendige und unendliche Wahrheit erkannt, und als unendliche Liebenswürdigkeit offenbar geworden mit gänz- licher und nothwendiger Hingabe als das unendliche Gut geliebt würde. Dies ist auch die Verheissung der Seligkeit, welche in der vollkommensten der Religionen, die in der Geschichte aufgetreten sind, in dem Christenthume, gegeben wird, und mit ihm stimmen die grössten Denker des Heiden- thums und namentlich der gottbegeisterte Piaton in der Hoffnung auf ein solches beseligendes Glück überein.
Wir sehen, auch wenn man mit uns das Gefühl als eine Grundclasse verwirft, wenn man nur zugleich im Uebrigen unsere Grundeintheilung sich eigen macht, lässt die Dreiheit der Ideale, des Schönen, Wahren und Guten, sich aus dem System der psychischen Vermögen wohl erklären. Ja sie wird dadurch erst in voller Weise verständlich gemacht; und selbst bei Kant fehlt es nicht an Aeusserungen, welche dafür zeu- 344 Buch II. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
gen, dass nur durch die von uns durchgeführte Beziehung des Schönen zur vorstellenden Thätigkeit die richtige Stel- lung ihm gegeben wird. Unter vielen will ich hier nur die eine oder andere Stelle aus verschiedenen seiner" Schriften hervorheben. In der Kritik der ürtheilskraft sagt Kant: „Wessen Gegenstandes Form in der blossen Reflexion über dieselbe als der Grund einer Lust an der Vorstellung eines solchen Objectes beurtheilt wird; mit dessen Vorstellung wird dieseLust auch als nothwendig verbunden geurtheilt, folglich als nicht bloss für das Subject, welches diese Form auffasst, sondern für jeden Ur- theilenden überhaupt. Der Gegenstand heisst alsdann schön; und das Vermögen durch eine solche Lust (folglich auch allgemeingültig) zu urth eilen, der Ge- schmack^)." In den metaphysischen Anfangsgründen der Rechtslehre (1797) wiederholt er nochmals, dass es eine Lust gebe, welche mit gar keinem Begehren des Gegenstandes, sondern mit der blossen Vorstellung, die man sich von einem Gegenstande macht, schon verknüpft sei, und bemerkt: „Man würde die Lust, die mit dem Begehren des Gegen- standes nicht nothwendig verbunden ist, die also im Grunde nicht eine Lust an der Existenz des Objectes der Vorstellung ist, sondern bloss an der Vorstellung allein haftet, bloss contemplative Lust oder unthätiges Wohlgefallen nennen können. Das Gefühl der letzteren Art von Lust nennen wir Geschmack ^y So bewährt sich unsere Behauptung, dass die Verken- nung der fundamentalen Verschiedenheit von Vorstellung und ürtheil die Annahme eines anderen fundamentalen Unterschie- ») Krit. d. ürtheilskr. Einl. VI.
') Metaph. Anfangsgr. der Rechtslehre Cap. 1. -^ Auch Thomas von Aquin, der, wie überhaupt die Peripatetische Schule, den Fehler der Vereinigung von Vorstellung und Urtheil in derselben Grundclasse mit Kant gemein hatte, gibt in der oben (S. 341 Anm. 2) mitgetheilten Stelle der Beziehung des Schönen zur Vorstellung Zeugniss. An einem anderen Orte sagt er: „Bonum proprie respicit appetitum...Pulchrum autem respicit vim cognoscitivam: pulchra enim dicuntur, quae visa placent" (Summ. Theol. F. I. Q. 5. A. 4 ad 1.)
Capitel 8. Einheit der Gnmdclasse für Gefühl und Willen. 345 des, der nicht wirklich vorhanden ist, vorbereitete; und dass so der erste in der Eintheilung der psychischen Phänomene begangene Fehler zur Entstehung des zweiten wesentlich bei- trug., Es scheint, als ob dieser Umstand nicht am Wenigsten ein störendes Moment geworden sei.
Ausserdem wurde der neue Irrthum natürlich auch durch den Mangel an Klarheit über das eigentliche Pjrincip der Eintheilung begünstigt. Wir haben davon schon früher ge- sprochen und können uns darum jetzt jedes weitere Wort ersparen.
Was immer sonst noch dazu beigetragen haben mag, dass man Ge^l und Willen irrthümlich für zwei verschie- dene Grundclassen psychischer Erscheinungen hielt: die haupt- sächlichsten Anlässe der Täuschung haben wir, glaube ich, in der vorausgegangenen Untersuchung zusammengestellt. Sie sind so mannigfach und bedeutend, dass wir uns nicht v darüber verwundem können, wenn sich auch mancher her- vorragende Denker dadurch verführen liess; und so, hoffe ich, wird durch ihre Darlegung das letzte Bedenken gegen die von uns verfochtene Zusammengehörigkeit von Gefühl und Willen verschwunden sein. Dann aber scheint unsere Grundeintheilung überhaupt gesichert. Wir dürfen es daher als feststehend betrachten, dass die psychischen Phänomene nicht mehr und nicht weniger als einen dreifachen funda- mentalen Unterschied hinsichtlich ihrer Beziehung zum In- halte, oder, wie wir uns ausdrücken können, hinsichtlich der Weise des Bewusstseins zeigen; und dass sie hienach in drei Grundclassen zerfallen: in die Glasse der Vorstellungen, in die der Urtheile und in die der Phänomene der Liebe und des Hasses.
Neuntes Capitel.
Vergleich der drei Gmndclassen mit dem dreifachen Phänomene des inneren Bewnsstseins. Bestimmnng ihrer natürlichen Ordnung.
§. 1. Die drei von uns festgestellten Grundclassen der Vorstellung, des ürtheils und der Liebe erinnern uns an eine früher gefundene Dreiheit von Phänomenen. In dem inneren Bewusstsein, das jede psychische Erscheinung begleitet, sahen wir eine darauf gerichtete Vorstellung, eine Erkenntniss und ein Gefühl beschlossen, und offenbar entspricht je eines die- ser Momente einer der drei Glassen der Seelenthätigkeiten, die sich uns jetzt ergeben haben.
Hieraus ersehen wir, dass Phänomene der drei Grund- classen aufs Innigste sich miteinander verflechten. Denn eine innigere Verbindung als die zwischen den drei Momenten des inneren Bewusstseins ist nicht mehr denkbar.
Wir erkennen femer, dass die drei Glassen von äusser- ster Allgemeinheit sind; es gibt keinen psychischen Act, bei welchem nicht alle vertreten wären. Jeder Classe kommt eine gewisse Allgegenwart in dem ganzen Seelenleben zu.
Daraus folgt aber, wie auch früher bemerkt, nicht, dass sie auseinander ableitbar sind. Aus jedem Gesammtzustande des psychischen Lebens lässt sich erkennen, dass ein Ver- mögen zu jeder der drei Gattungen von Thätigkeiten vor- Capitel 9. Vergleich der Grundclassen mit dem inneren Bewnsstsein. 347 banden ist. Aber ohne Widerspruch Hesse es sich denken, dass' ein psychisches Leben bestände, dem die eine oder auch zwei von den Gattungen, so wie die Fähigkeit zu ihnen mangelte. Ebenso bleibt ein Unterschied zwischen psychi- schen Acten, die in einem relativen Sinne blosse Vorstellungs- acte zu nennen sind, und solchen, bei welchen dies nicht der Fall ist, insofern das primäre Object eines Actes bald bloss vorgestellt, bald auch anerkannt oder geleugnet, bald zugleich in irgendwelcher Weise geliebt oder gehasst wird. Bei den letzteren werden Saiten, die in dem ersten Falle nur mitge- klungen hatten, so zu sagen direct angeschlagen.
Die Thatsache gibt also nur der universellen Bedeutung jeder der drei Classen Zeugniss; und dieses Zeugniss ist, wo es sich um die Frage nach dem fundamentalen Charakter der Classe handelt, gewiss willkommen. Die übliche Drei- theilung in Erkenntniss, Gefühl und Willen kann es nicht in gleicher Weise 'für sich anführen. Hamilton, wahrscheinlich weil er die Bedeutsamkeit des Umstandes begriff, hat freilich auch ftir die Wülensthätigkeit den Anspruch vollkommener Allgemeinheit erhoben. „In unseren philosophischen Büchern", sagt er, „da mögen allerdings Erkenntniss, Gefühl und Be- strebung, jedes von dem anderen getrennt in Büchern und Gapiteln stehen; in der Natur sind sie aber miteinander ver- woben. In jeder, auch der einfachsten Modification des Gei- stes finden sich Erkenntniss, Gefühl und Willen zusammen, um den psychischen Zustand zu bilden" i), u. s. f. Aber dem- jenigen, welcher den Begriff des Wollens analysirt, kann es nicht zweifelhaft bleiben, dass Hamilton für seine dritte Grundclasse Unmögliches behauptet. Wird doch ein Wollen, wie wir auch früher sagten, erst durch den Gedanken an ein eigenes Wirken möglich; ein Umstand, der, wie er überhaupt den weniger generellen Charakter dieses Classenbegriffes an- zeigt, insbesondere beweist, wie weit er davon entfernt ist, auf eine primitive Bethätigung Anwendung finden zu können.
*) Lect on Metaph. I. p. 188. Später (ebend. IT. p. 433) wieder- holt er nochmals denselben Gedanken, aber nicht mehr mit der glei- chen Zuversicht.
« 848 Buch 11. Von den psychischen Phänomenen im Allgemeinen.
So sehen wir auch nach dieser Seite hin unsere Classi- fication gegenüber der gegenwärtig üblichen im Vortheile, obwohl ich diesem Umstände nicht eine gleich entscheidende Bedeutung wie manchen Ergebnissen früherer Erörterung bei- legen möchte.
§. 2. Es bleibt uns jetzt nur noch eine Frage zu be- antworten, und auch für sie ist die Entscheidung in den vor- angegangenen Untersuchungen vorbereitet, ja gewissennassen schon auticipirt. Es ist die Frage nach der natürlichen Reihen- folge der drei Classen.
Wie überall, so muss auch in unserem Falle die relative Unabhängigkeit, Einfachheit imd Allgemeinheit der Classen für ihre Ordnung bestimmend werden.
Nach diesem Principe ist es klar, dass der Vorstellung der erste Platz gebührt: denn sie ist das einfachste der drei Phänomene, indem Urtheil und Liebe immer eine Vorstellung in sich schliessen; sie ist ebenso das unabhängigste unter ihnen, da sie die Grundlage der übrigen ist; und ebendarum ist dieses Phänomen auch das allgemeinste. Ich sage dies nicht, als wollte ich leugnen, dass auch Urtheil und Liebe in jedem psychischen Zustande irgendwie vertreten seien; dies haben wir vielmehr so eben noch ausdrücklich hervorge- hoben. Aber wir haben dennoch zugleich einen gewissen Unterschied der Allgemeinheit bemerkt, insofern das primäre Object noth wendig und allgemein nur in der dem Vorstellen eigenen Weise der intentionalen Einwohnung im Bewusstsein gegenwärtig ist. Auch könnte man sich ohne Widerspruch ein Wesen denken, welches, ohne Vermögen für Urtheil und Liebe, allein mit dem Vermögen der Vorstellung ausgestattet wäre, nicht aber umgekehrt; und die Gesetze des Vorstel- lungslaufes bei einer solchen psychischen Fiction könnten einige von den Gesetzen sein, die auch jetzt in unserem psy- chischen Leben ihren Einfluss offenbaren.
Aus ähnlichen Gründen gebührt dem Urtheile die zweite Stelle. Denn das Urtheil ist nächst der Vorstellung die ein- fachste Classe. Es hat nur die Vorstellung zu seiner Grund- Capitel 9. Die natürliche Ordnung der Grundclassen. 349