SigPhi · Friedrich Engels

Der Briefwechsel zwischen Friedrich Engels und Karl Marx 1844 bis 1883, Erster B

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sonstigen Polizeibrutalitäten, welche die belgische Regierung nach der Februarrevolution im Interesse der Aufrechterhaltung ihrer Ordnung bei sich zu Hause ins Werk setzte; auch geben sie ein kleines Stimmungsbild aus der Zeit zwischen dem Siege der Februarrevolution in Paris und der Erhebung vom 18. März 1848 in Berlin. Ein sehr charakteristisches Situationsbild gibt auch Engels’ vom 25. April 1848 datierter Brief aus Barmen. Er handelt von dem Versuch, für die von Marx-Engels und Freunden geplante radikal-demokratische Zeitung großen Stils – die dann den Titel Neue Rheinische Zeitung erhielt – Aktionäre auszutreiben, und zeigt, wie schnell nun, wo die Dinge ernst zu werden anfingen, jene Sympathien mit dem Kommunismus sich verflüchtigten, denen Engels vier Jahre vorher in Barmen-Elberfeld auf Schritt und Tritt begegnet war. Es dauert zwei Wochen, bis im nächsten Brief Engels die Zeichnung von vierzehn Aktien melden kann.

Immerhin, die Neue Rheinische Zeitung trat ins Leben, und ihr Erscheinungsort Köln ward das Zentrum der radikalen Demokratie Deutschlands. Zugleich aber regnete es bald Verfolgungen über ihre Redakteure und Parteigänger. Unter anderem ward im September 1848 Verhaftungsbefehl gegen Engels erlassen, und da gleichzeitig der Belagerungszustand über Köln verhängt wurde, zog es Engels vor, sich einstweilen durch Weggang ins Ausland der Verhaftung zu entziehen. Er wandte sich nach Belgien, ging dann über Frankreich in die Schweiz und arbeitete von dort, wohin ihm Marx Geld und Weisungen schickt, wieder an der Neuen Rheinischen Zeitung mit. Anfang 1849 kehrt Engels nach Köln zurück und findet eine ziemlich veränderte Situation vor. Durch Austritt eines Teils der bürgerlichen Aktionäre gestaltet sich trotz steigender Verbreitung die finanzielle Lage der Neuen Rheinischen Zeitung recht schwierig. Es fehlt an Betriebsmitteln, und um solche zu beschaffen tritt Marx eine Reise zu auswärtigen Gesinnungsfreunden an, worüber wir etwas aus Marx’ Brief vom 23. April 1849 ersehen. Als im Mai 1849 die preußische Behörde durch Ausweisung von Marx aus Preußen und Androhung von Ausweisung und Verhaftung anderer Redakteure der Neuen Rheinischen Zeitung den Lebensfaden abschnitt, ging Engels bekanntlich zunächst in die Pfalz und dann nach Baden, um an der dortigen Reichsverfassungskampagne teilzunehmen. Davon handelt der nächste dieser Epoche angehörige Brief. Er ist aus Vevey in der Schweiz vom 25. Juli 1849 an Frau Marx gerichtet und zeigt den liebenswürdigen Charakter Engels’, die rührende Zurücksetzung seiner Person, wo Marx in Betracht kam, wieder von der schönsten Seite. Wie mit Bezug hierauf spricht auch sonst dieser Brief im besten Sinne des Wortes für sich selbst. Ebenso läßt Marx’ Brief an Engels vom 7. Juni 1849 ausgestandene Sorge um den Freund erkennen. Marx’ aus Paris datierte Briefe berichten von seiner Drangsalierung durch die französische Regierung, seinen literarischen Projekten und politischen Hoffnungen. Mit dem Brief Marx’ vom 23. August 1849, der die unmittelbare Übersiedlung nach London anzeigt, endet der Briefwechsel dieser Epoche. Es beginnen die Jahre des Londoner Exils.

Lieber Marx!

Du wirst Dich wundern, daß ich nicht früher schon Nachricht von mir gab, und Du hast ein Recht dazu; indes kann ich Dir auch jetzt noch nichts wegen meiner Rückkehr dorthin sagen. Ich sitze jetzt hier seit drei Wochen in Barmen und amüsiere mich so gut es geht mit wenig Freunden und viel Familie, unter der sich glücklicherweise ein halbes Dutzend liebenswürdiger Weiber befinden. An Arbeiten ist hier nicht zu denken, um so weniger, als meine Schwester sich mit dem Londoner Kommunisten Emil Blank, den Ewerbeck kennt, verlobt hat und jetzt natürlich ein verfluchtes Rennen und Laufen im Hause ist. Übrigens sehe ich wohl, daß meiner Rückkehr nach Paris noch bedeutende Schwierigkeiten werden in den Weg gelegt werden, und daß ich wohl werde auf ein halbes oder ganzes Jahr mich in Deutschland herumtreiben müssen. Ich werde natürlich alles aufbieten, um dies zu vermeiden, aber Du glaubst nicht, was für kleinliche Rücksichten und abergläubische Befürchtungen mir entgegengestellt werden.

Ich war in Köln drei Tage und erstaunte über die ungeheure Propaganda, die wir dort gemacht haben. Die Leute sind sehr tätig, aber der Mangel an einem gehörigen Rückhalt ist doch sehr fühlbar. Solange nicht die Prinzipien logisch und historisch aus der bisherigen Anschauungsweise und der bisherigen Geschichte und als die notwendige Fortsetzung derselben in ein paar Schriften entwickelt sind, so lange ist es doch alles noch halbes Dösen und bei den meisten blindes Umhertappen. Später war ich in Düsseldorf, wo wir auch einige tüchtige Kerls haben. Am besten gefallen mir übrigens noch meine Elberfelder, bei denen die menschliche Anschauungsweise wirklich in Fleisch und Blut übergegangen ist; diese Kerls haben wirklich angefangen, ihre Familien wirtschaftlich zu revolutionieren, und lesen ihren Alten jedesmal den Text, wenn sie sich unterfangen, die Dienstboten oder Arbeiter aristokratisch zu behandeln. Und so was ist schon viel in dem patriarchalischen Elberfeld.

Außer dieser einen Clique existiert aber auch noch eine zweite in Elberfeld, die auch sehr gut, aber etwas konfuser ist. In Barmen ist der Polizeikommissär Kommunist. Vorgestern war ein alter Schulkamerad und Gymnasiallehrer bei mir, der auch stark angesteckt ist, und [dies] ohne daß er irgendwie mit Kommunisten in Berührung gekommen wäre. Könnten wir unmittelbar aufs Volk wirken, so wären wir bald obendrauf, aber das ist so gut wie unmöglich, besonders da wir Schreibenden uns still halten müssen, um nicht gefaßt zu werden. Im übrigen ist es hier sehr sicher, man kümmert sich wenig um uns, solange wir still sind. Ich bin hier noch nicht im allergeringsten molestiert worden, und bloß der Oberprokurator hat sich einmal bei einem unserer Leute angelegentlich nach mir erkundigt. Das ist alles, was mir bis jetzt zu Ohren gekommen ist.

Hier hat in der Zeitung gestanden, der Bernays sei dort von der hiesigen Regierung belangt worden und vor Gericht gewesen. Schreibe mir doch, ob das wahr ist, und auch was die Broschüre macht, sie wird jetzt doch wohl fertig sein. Von den Bauers hört man hier nichts, kein Mensch weiß was von ihnen. Dagegen um die Jahrbücher reißt man sich bis auf die heutige Stunde. Mein Artikel über Carlyle hat mir bei der „Masse“ ein enormes Renommee verschafft, lächerlicherweise, während den über Ökonomie nur sehr wenige gelesen haben. Das ist natürlich.

Auch in Elberfeld haben die Herren Pastoren...gegen uns gepredigt, vorläufig bloß gegen den Atheismus der jungen Leute, indes hoffe ich, daß bald auch eine Philippika gegen den Kommunismus folgen werde.

Vorigen Sommer sprach ganz Elberfeld bloß von diesen gottlosen Kerls.

Überhaupt ist hier eine merkwürdige Bewegung. Seit ich fort war, hat das Wuppertal einen größeren Fortschritt in jeder Beziehung gemacht als in den letzten fünfzig Jahren. Der soziale Ton ist zivilisierter geworden, die Teilnahme an der Politik, die Oppositionsmacherei ist allgemein, die Industrie hat rasende Fortschritte gemacht, neue Stadtviertel sind gebaut, ganze Wälder ausgerottet worden, und das ganze Ding steht jetzt doch eher über als unter dem Niveau der deutschen Zivilisation, während es noch vor vier Jahren tief darunter stand – kurz, hier bereitet sich ein prächtiger Boden für unser Prinzip vor, und wenn wir erst unsere wilden, heißblütigen Färber und Bleicher in Bewegung setzen können, so sollst Du Dich über das Wuppertal noch wundern. Die Arbeiter sind so schon seit ein paar Jahren auf der letzten Stufe der alten Zivilisation angekommen, sie protestieren durch eine reißende Zunahme von Verbrechen, Räubereien und Morden gegen die alte soziale Organisation. Die Straßen sind bei Abend sehr unsicher, die Bourgeoisie wird geprügelt, mit Messern gestochen und beraubt; und wenn die hiesigen Proletarier sich nach demselben Gesetz entwickeln wie die englischen, so werden sie bald einsehen, daß diese Manier, als _Individuen_ gewaltsam gegen die soziale Ordnung zu protestieren, nutzlos ist, und als _Menschen_ in ihrer allgemeinen Kapazität durch den Kommunismus protestieren. Wenn man den Kerls nur den Weg zeigen könnte! Aber das ist unmöglich.

Mein Bruder ist jetzt Soldat in Köln und wird, solange er unverdächtig bleibt, eine gute Adresse sein, um Briefe für H[eß] und Komp.

einzuschicken. Einstweilen weiß ich indes seine Adresse selbst noch nicht genau und kann sie Dir auch nicht angeben. – Seit ich das Vorstehende schrieb, war ich in Elberfeld und bin wieder auf ein paar mir früher total unbekannte Kommunisten gestoßen. Man mag sich hindrehen und hinwenden, wohin man will, man stolpert über Kommunisten. Ein sehr wütender Kommunist, Karikaturen- und angehender Geschichtsmaler namens Seel geht in zwei Monaten nach Paris, ich werde ihn an Euch adressieren, der Kerl wird Euch durch sein enthusiastisches Wesen, seine Malerei und Musikliebhaberei gefallen und ist sehr gut zu gebrauchen als Karikaturenmacher. Vielleicht bin ich dann selbst schon da, das ist aber noch sehr zweifelhaft.

Der Vorwärts kommt in ein paar Exemplaren her, ich habe dafür gesorgt, daß andere bestellen werden; lasse die Expedition Probeexemplare schicken nach Elberfeld an Richard Roth, Wilhelm Blank-Hauptmann _junior_, J. W. Strücker, bayerisch Bierwirt Meyer in der Funkenstraße (Kommunistenkneipe), und zwar alle durch den kommunistischen Buchhändler Bädeker daselbst und kuvertiert. Wenn die Kerls erst sehen, daß Exemplare herüberkommen, so werden sie auch bestellen. Nach Düsseldorf an Dr. med. W. Müller, nach Köln meinetwegen an Dr. med. D’Ester, Bierwirt Löllchen, an Deinen Schwager und Ko. Alles natürlich per Buchhandel und kuvertiert.

Nun sorge dafür, daß die Materialien, die Du gesammelt hast, bald in die Welt hinausgeschleudert werden. Es ist verflucht hohe Zeit. Ich werde mich auch tüchtig an die Arbeit setzen und gleich heute wieder anfangen.

Die Germanen sind alle noch sehr im unklaren wegen der praktischen Ausführbarkeit des Kommunismus; um diese Lumperei zu beseitigen, werde ich eine kleine Broschüre schreiben, daß die Sache schon ausgeführt ist, und die in England und Amerika bestehende Praxis des Kommunismus populär schildern. Das Ding kostet mich drei Tage oder so und muß die Kerls sehr aufklären. Das habe ich schon in meinen Gesprächen mit den Hiesigen gesehen.

Also tüchtig gearbeitet und rasch gedruckt. Grüße Ewerbeck, Bakunin, Guerrier und die anderen, Deine Frau nicht zu vergessen, und schreibe mir recht bald über alles. Schreibe, falls dieser Brief richtig und uneröffnet ankommt, unter Kuvert an „J. W. Strücker und Ko., Elberfeld“, mit möglichst kaufmännischer Handschrift auf der Adresse, sonst an irgend eine andere Adresse, von denen, die ich Ewerbeck gab. Ich bin begierig, ob die Posthunde sich durch das damenhafte Aussehen dieses Briefes täuschen lassen werden.

Nun lebe wohl, lieber Kerl, und schreibe recht bald. Ich bin seitdem doch nicht wieder so heiter und menschlich gestimmt gewesen, als ich die zehn Tage war, die ich bei Dir zubrachte. Wegen des zu etablierenden Etablissements hatte ich noch keine Gelegenheit, Schritte zu tun.

[Fr. Engels.]

2 [Fragment.]

Barmen, 19. November 1844.

Lieber Marx!

Ich habe vor etwa vierzehn Tagen ein paar Zeilen von Dir und Bernays erhalten, datiert 8. Oktober, und mit Poststempel Brüssel, 27. Oktober.

Ungefähr um dieselbe Zeit, als Du das Billett schriebst, schickte ich einen Brief für Dich, adressiert an Deine Frau, ab und hoffe, daß Du ihn erhalten hast. Um in Zukunft sicher zu sein, daß mit unseren Briefen kein Unterschleif getrieben wird, wollen wir sie numerieren, mein jetziger ist also Nr. 2, und wenn Du schreibst, so zeige eben an, bis zu welcher Nummer Du erhalten hast und ob einer in der Reihenfolge fehlt.

Ich war vor ein paar Tagen in Köln und Bonn. In Köln geht alles gut.

Grün wird Dir von der Tätigkeit der Leute erzählt haben. Heß gedenkt in vierzehn Tagen bis drei Wochen auch dort hinzukommen, wenn er die gehörigen Gelder dazu bekommt. Den Bürgers habt Ihr ja jetzt auch da, und damit ein gehörig Konzilium. Um so weniger werdet Ihr mich nötig haben und um so nötiger bin ich hier. Daß ich jetzt noch nicht kommen kann, ist klar, weil ich mich sonst mit meiner ganzen Familie überwerfen müßte. Zudem hab’ ich eine Liebesgeschichte, die ich auch erst ins reine bringen muß. Und einer von uns muß jetzt doch hier sein, weil die Leute alle nötig haben, gestachelt zu werden, um in der gehörigen Tätigkeit zu bleiben und nicht auf allerhand Flausen und Abwege zu geraten. So ist zum Beispiel Jung und eine Menge anderer nicht zu überreden, daß zwischen uns und Ruge ein prinzipieller Unterschied obwaltet, und noch immer der Meinung, es sei lediglich persönlicher Skandal. Wenn man ihnen sagt, Ruge sei kein Kommunist, so glauben sie das nicht recht und meinen, es sei immer schade, daß eine solche „literarische Autorität“ wie Ruge unbedachtsam weggeworfen sei! Was soll man da sagen? Man muß warten, bis Ruge sich einmal wieder mit einer kolossalen Dummheit losläßt, damit es den Leuten _ad oculos_ demonstriert werden kann. Ich weiß nicht, es ist mit dem Jung doch nichts Rechtes, der Kerl hat nicht Entschiedenheit genug.

Wir haben jetzt überall öffentliche Versammlungen, um Vereine zur Hebung der Arbeiter zu stiften, das bringt famose Bewegung unter die Germanen und lenkt die Aufmerksamkeit des Philistertums auf soziale Fragen. Man beruft diese Versammlungen ohne weiteres, ohne die Polizei zu befragen.

In Köln haben wir die Hälfte des Komitees zur Statutenentwerfung mit Unsrigen besetzt, in Elberfeld war wenigstens einer drin, und mit Hilfe der Rationalisten brachten wir in zwei Versammlungen den Frommen eine famose Schlappe bei; mit ungeheurer Majorität wurde alles Christliche aus den Statuten verbannt. Ich hatte meinen Spaß daran, wie gründlich lächerlich sich diese Rationalisten mit ihrem theoretischen Christentum und praktischen Atheismus machten. Im Prinzip gaben sie der christlichen Religion vollkommen recht, in der Praxis aber sollte das Christentum, das nach ihrer eigenen Aussage doch die Basis des Vereins bilde, auch mit keinem Worte in den Statuten erwähnt werden; die Statuten sollten alles enthalten, nur nicht das Lebensprinzip des Vereins! Die Kerle hielten sich aber so steif auf dieser lächerlichen Position, das ich gar nicht nötig hatte, ein Wort zu sagen, und wir doch solche Statuten bekamen, wie sie bei den bestehenden Verhältnissen nur zu wünschen sind.

Nächsten Sonntag ist wieder Versammlung, ich kann aber nicht beiwohnen, weil ich morgen nach Westfalen gehe.

Ich sitze bis über die Ohren in englischen Zeitungen und Büchern vergraben, aus denen ich mein Buch über die Lage der englischen Proletarier zusammenstelle. Bis Mitte oder Ende Februar denke ich fertig zu sein, da ich durch die schwierigste Arbeit, die Anordnung des Materials, seit acht bis vierzehn Tagen durch bin. Ich werde den Engländern ein schönes Sündenregister zusammenstellen; ich klage die englische Bourgeoisie vor aller Welt des Mordes, Raubes und aller übrigen Verbrechen in Masse an und schreibe eine englische Vorrede dazu, die ich apart abziehen lassen und an die englischen Parteichefs, Literaten und Parlamentsmitglieder einschicken werde. Die Kerls sollen an mich denken. Übrigens versteht es sich, daß ich den Sack schlage und den Esel meine, nämlich die deutsche Bourgeoisie, der ich deutlich genug sage, sie sei ebenso schlimm wie die englische, nur nicht so couragiert, so konsequent und so geschickt in der Schinderei. Sobald ich damit fertig bin, geht’s an die soziale Entwicklungsgeschichte der Engländer, die mir noch weniger Mühe kosten wird, weil ich das Material dazu fertig und im Kopfe geordnet habe, und weil mir die Sache ganz klar ist. In der Zwischenzeit schreibe ich wohl einige Broschüren, namentlich gegen _List_, sobald ich Zeit habe.

Du wirst von dem Stirnerschen Buche „Der Einzige und sein Eigentum“ gehört haben, wenn es noch nicht da ist. Wigand schickte mir die Aushängebogen, die ich mit nach Köln nahm und bei Heß ließ. Das Prinzip des edlen Stirner – Du kennst den Berliner Schmidt, der in der Buhlschen Sammlung über die _mystères_[1] schrieb – ist der Egoismus Benthams, nur nach der einen Seite hin konsequenter, nach der anderen weniger konsequent durchgeführt. Konsequenter, weil Stirner den einzelnen als Atheist auch über Gott stellt oder vielmehr als Allerletztes hinstellt, während Bentham den Gott noch in nebeliger Ferne darüber bestehen läßt, kurz, weil Stirner auf den Schultern des deutschen Idealismus steht, in Materialismus und Empirismus umgeschlagener Idealist, wo Bentham einfacher Empiriker ist. Weniger konsequent ist Stirner, weil er die Rekonstruierung der in Atome aufgelösten Gesellschaft, die Bentham bewerkstelligt, vermeiden möchte, aber es doch nicht kann. Dieser Egoismus ist nur das zum Bewußtsein gebrachte Wesen der jetzigen Gesellschaft und des jetzigen Menschen, das letzte, was die jetzige Gesellschaft gegen uns sagen kann, die Spitze aller Theorie innerhalb der bestehenden Dummheit.

Darum ist das Ding aber wichtig, wichtiger als Heß zum Beispiel es dafür ansieht. Wir müssen es nicht beiseite werfen, sondern eben als vollkommenen Ausdruck der bestehenden Tollheit ausbeuten und, _indem wir es umkehren_, darauf fortbauen. Dieser Egoismus ist so auf die Spitze getrieben, so toll und zugleich so selbstbewußt, daß er in seiner Einseitigkeit sich nicht einen Augenblick halten kann, sondern gleich in Kommunismus umschlagen muß. Erstens ist es Kleinigkeit, dem Stirner zu beweisen, daß seine egoistischen Menschen notwendig aus lauter Egoismus Kommunisten werden müssen. Das muß dem Kerl erwidert werden. Zweitens muß ihm gesagt werden, daß das menschliche Herz von vornherein, unmittelbar, in seinem Egoismus uneigennützig und aufopfernd ist, und er also doch wieder auf das hinauskommt, wogegen er ankämpft. Mit diesen paar Trivialitäten kann man die _Einseitigkeit_ zurückweisen. Aber was an dem Prinzip wahr ist, müssen wir auch aufnehmen. Und wahr ist daran allerdings das, daß wir erst eine Sache zu unserer eigenen, egoistischen Sache machen müssen, ehe wir etwas dafür tun können – daß wir also in diesem Sinne, auch abgesehen von etwaigen materiellen Hoffnungen, auch aus Egoismus Kommunisten sind, aus Egoismus _Menschen_ sein wollen, nicht bloße Individuen. Oder, um mich anders auszudrücken: Stirner hat recht, wenn er „den Menschen“ Feuerbachs, wenigstens [den] des Wesens des Christentums verwirft; der Feuerbachsche „Mensch“ ist von Gott abgeleitet. Feuerbach ist von Gott auf den „Menschen“ gekommen, und so ist „der Mensch“ allerdings noch mit einem theologischen Heiligenschein der Abstraktion bekränzt. Der wahre Weg, zum „Menschen“ zu kommen, ist der umgekehrte. Wir müssen vom Ich, vom empirischen, leibhaftigen Individuum ausgehen, um nicht, wie Stirner, drin stecken zu bleiben, sondern uns von da aus zu „dem Menschen“ zu erheben. „Der Mensch“ ist immer eine Spukgestalt, solange er nicht an dem empirischen Menschen seine Basis hat. Kurz, wir müssen vom Empirismus und Materialismus ausgehen, wenn unsere Gedanken und namentlich unser „Mensch“ etwas Wahres sein sollen; wir müssen das Allgemeine vom Einzelnen ableiten, nicht aus sich selbst oder aus der Luft _à la_ Hegel.

Das sind alles Trivialitäten, die sich von selbst verstehen, die von Feuerbach schon einzeln gesagt sind, und die ich nicht wiederholen würde, wenn Heß nicht – wie mir scheint, aus alter idealistischer Anhänglichkeit – den Empirismus, namentlich Feuerbachs und jetzt Stirners, so scheußlich heruntermachte. Heß hat in vielem, was er über Feuerbach sagt, recht, aber auf der anderen Seite scheint er noch einige idealistische Flausen zu haben – wenn er auf theoretische Dinge zu sprechen kommt, geht es immer in Kategorien voran, und daher kann er auch nicht populär schreiben, weil er viel zu abstrakt ist. Daher haßt er auch allen und jeden Egoismus und predigt Menschenliebe usw., was wieder auf die christliche Aufopferung herauskommt. Wenn aber das leibhaftige Individuum die wahre Basis, der wahre Ausgangspunkt ist für unsere „Menschen“, so ist auch selbstredend der Egoismus – natürlich nicht der Stirnersche Verstandesegoismus _allein_, sondern auch der _Egoismus des Herzens_ – Ausgangspunkt für unsere Menschenliebe, sonst schwebt sie in der Luft. Da Heß jetzt bald herüberkommt, so wirst Du selbst mit ihm darüber sprechen können. Übrigens langweilt mich all dies theoretische Geträtsch alle Tage mehr, und jedes Wort, das man noch über „den Menschen“ verlieren, jede Zeile, die man gegen die Theologie und Abstraktion wie gegen den krassen Materialismus schreiben oder lesen muß, ärgert mich. Es ist doch etwas ganz anderes, wenn man sich statt all dieser Luftgebilde – denn selbst der noch nicht realisierte Mensch bleibt bis zu seiner Realisierung ein solches – mit wirklichen, lebendigen Dingen, mit historischen Entwicklungen und Resultaten beschäftigt. Das ist wenigstens das Beste, solange wir noch allein auf den Gebrauch der Schreibfeder angewiesen sind und unsere Gedanken nicht unmittelbar mit den Händen oder, wenn es sein muß, mit den Fäusten realisieren können.

Das Stirnersche Buch zeigt aber wieder, wie tief die Abstraktion in dem Berliner Wesen steckt. Stirner hat offenbar von den Freien am meisten Talent, Selbständigkeit und Fleiß, aber bei alledem purzelt er aus der idealistischen in die materialistische Abstraktion und kommt zu nichts.

Wir hören von Fortschritten des Sozialismus in allen Teilen Deutschlands, aber von Berlin keine Spur. Diese superklugen Berliner werden sich noch eine _Démocratie pacifique_[2] auf der Hasenheide etablieren, wenn ganz Deutschland das Eigentum abschafft – weiter bringen es die Kerle gewiß nicht. Gib acht, nächstens steht in der Uckermark ein neuer Messias auf, der Fourier nach Hegel zurechtschustert, das Phalanstère aus den ewigen Kategorien konstruiert und es als ein ewiges Gesetz der zu sich kommenden Idee hinstellt, daß Kapital, Talent und Arbeit zu bestimmten Teilen am Ertrag partizipieren.

Das wird das Neue Testament der Hegelei werden, der alte Hegel wird Altes Testament, der „Staat“ das Gesetz wird ein „Zuchtmeister auf Christum“, und das Phalanstère, in dem die Abtritte nach logischer Notwendigkeit placiert werden, das wird der „neue Himmel“ und die „neue Erde“, das neue Jerusalem, das herabfährt vom Himmel, geschmückt wie eine Braut, wie das alles des breiteren in der neuen Apokalypse zu lesen sein wird. Und wenn das alles vollendet sein wird, dann kommt die Kritische Kritik, erklärt, daß sie alles in allem ist, daß sie Kapital, Talent und Arbeit in ihrem Kopfe vereinigt, daß alles, was produziert sei, durch sie sei und nicht durch die ohnmächtige Masse – und nimmt alles für sich in Beschlag. Das wird das Ende der Berliner Hegelschen friedlichen Demokratie sein.

Wenn die Kritische Kritik fertig ist, so schicke mir ein paar Exemplare kuvertiert und versiegelt auf dem Wege des Buchhandels zu – sie wer [...] konfisziert werden. Für den Fall, daß Du meinen letzten Brief nicht erhalten haben solltest, setze ich nochmals her, daß Du mir entweder [...] für E. junior, Barmen, oder per Kuvert an F. W. Strücker und Ko., Elberfeld, schreiben kannst. Dieser Brief geht Dir auf einem Umweg zu.

Nun schreibe aber bald – es sind über zwei Monate, daß ich nichts von Dir höre –, was macht der Vorwärts? Grüße die Leute alle.

Dein [Fr. Engels.]

---------- [1] Geheimnisse. [Es ist Eugen Sues Roman „Die Geheimnisse von Paris“ gemeint.]

[2] Die friedfertige Demokratie. [So bezeichneten sich in den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts diejenigen Fourieristen, deren Haupt Victor Considérant war.]

Lieber Marx!

Wenn ich Dir nicht früher geantwortet habe, so liegt das hauptsächlich daran, daß ich auf den von Dir versprochenen Vorwärts wartete. Da das Ding indes bis jetzt noch nicht hier ist, so habe ich das Warten aufgegeben und ebenso das Warten auf die Kritische Kritik, von der ich weiter gar nichts höre. Was den Stirner betrifft, so bin ich durchaus mit Dir einverstanden. Als ich Dir schrieb, war ich noch zu sehr unter dem unmittelbaren Eindruck des Buches befangen, seitdem ich es habe liegen lassen und mehr durchdenken können, finde ich dasselbe, was Du findest. Heß, der noch immer hier ist und den ich vor vierzehn Tagen in Bonn sprach, ist nach einigen Meinungsschwankungen ebendahin gekommen wie Du; er las mir einen Artikel über das Buch vor, den er bald drucken lassen wird, worin er, ohne Deinen Brief gelesen zu haben, dasselbe sagt. Ich habe ihm Deinen Brief dagelassen, weil er noch einiges benutzen wollte, und muß ihn daher aus dem Gedächtnis beantworten. Was mein Herüberkommen betrifft, so ist daran kein Zweifel, daß ich in etwa zwei Jahren dort sein werde, auch bin ich darüber im reinen, daß ich um jeden Preis nächsten Herbst auf vier bis sechs Wochen herüberkomme. Wenn die Polizei mir mein Wesen hier legt, so komme ich ohnehin, und wie die Sachen hier stehen, kann es dem Gesindel alle Tage einfallen, unsereins zu molestieren. Wir werden an Püttmanns Bürgerbuch sehen, wie weit man etwa gehen darf, ohne gefaßt oder geschaßt zu werden. – Meine Liebesgeschichte hat ein Ende mit Schrecken genommen. Erlaß mir die langweilige Auseinandersetzung, es kann doch nichts mehr helfen, und ich habe so schon genug mit der Sache durchgemacht. Ich bin froh, daß ich wenigstens wieder arbeiten kann, und wenn ich Dir den ganzen Bettel erzählte, wäre ich für den Abend verdorben.

Das Neueste ist, daß Heß und ich vom 1. April an bei Thieme & Butz in Hagen eine Monatsschrift: „Gesellschaftsspiegel“ herausgeben und darin die soziale Misere und das Bourgeoisieregime schildern werden.

Prospektus usw. nächstens. Einstweilen wird es gut sein, wenn sich der poetische „Ein Handwerker“ die Mühe geben will, uns aus der _dortigen_ Misere Material zuzuschicken. Besonders einzelne Fälle, das klappt für den auf den Kommunismus vorzubereitenden Philister. Das Ding kann mit wenig Mühe redigiert werden, für Material, um monatlich vier Bogen zu füllen, werden sich Mitarbeiter genug finden – wir haben wenig Arbeit dabei und können viel wirken. Außerdem wird Püttmann bei Leske eine Vierteljahrsschrift: Rheinische Jahrbücher überzensurgroß erscheinen lassen, worin lauter Kommunismus erscheinen soll. Du kannst Dich wohl auch dabei beteiligen. Es schadet ohnehin nichts, wenn wir einen Teil unserer Arbeiten zweimal – erst in einer Zeitschrift und dann apart und im Zusammenhang – drucken lassen; die verbotenen Bücher zirkulieren doch weniger frei, und wir haben so doppelte Chance zu wirken. Du siehst, wir haben hier in Deutschland genug zu tun, um alle diese Geschichten mit Stoff zu versehen und dabei doch größere Sachen auszuarbeiten – aber wir müssen doch klotzen, wenn wir was zustande bringen wollen, und da ist’s gut, wenn’s einem etwas auf den Fingern brennt. Mein Buch über die englischen Arbeiter wird in vierzehn Tagen bis drei Wochen fertig, dann nehme ich mir vier Wochen Zeit für kleinere Sachen, und dann gehe ich an die historische Entwicklung Englands und des englischen Sozialismus.

Was mir einen aparten Spaß macht, ist diese Einbürgerung der kommunistischen Literatur in Deutschland, die jetzt ein _fait accompli_[1] ist. Vor einem Jahre fing sie an, sich außer Deutschland in Paris einzubürgern, eigentlich erst zu entstehen, und jetzt sitzt sie dem deutschen Michel schon auf dem Nacken. Zeitungen, Wochenblätter, Monats- und Vierteljahrsschriften und eine heranrückende Reserve von schwerem Geschütz ist alles in bester Ordnung. Es ist doch verflucht rasch gegangen! Die Propaganda unterderhand war auch nicht ohne Früchte – jedesmal, wenn ich nach Köln, jedesmal, wenn ich hier in eine Kneipe komme, neue Fortschritte, neue Proselyten. Die Kölner Versammlung hat Wunder getan – man entdeckt allmählich einzelne kommunistische Cliquen, die sich ganz im stillen und ohne unser direktes Zutun entwickelt haben.

– Auch das Gemeinnützige Wochenblatt, das früher mit der Rheinischen Zeitung zusammen ausgegeben [wurde], ist jetzt in unseren Händen.

D’Ester hat es übernommen und wird sehen, was zu machen ist. Was uns jetzt aber vor allem not tut, sind ein paar größere Werke, um den vielen Halbwissenden, die gern wollen, aber nicht allein fertig werden können, einen gehörigen Anhaltspunkt zu geben. Mache, daß Du mit Deinem nationalökonomischen Buche fertig wirst, wenn Du selbst auch mit vielem unzufrieden bleiben solltest, es ist einerlei, die Gemüter sind reif, und wir müssen das Eisen schmieden, weil es warm ist. Meine englischen Sachen werden zwar auch ihre Wirkung nicht verfehlen, die Tatsachen sind zu schlagend, aber trotzdem wollte ich, daß ich die Hände freier hätte, um manches auszuführen, was für den jetzigen Augenblick und die deutsche Bourgeoisie schlagender und wirksamer wäre. Wir theoretischen Deutschen – es ist lächerlich, aber ein Zeichen der Zeit und der Auflösung des Nationaldrecks – können noch gar nicht zur Entwicklung unserer Theorie kommen, wir haben noch nicht einmal die Kritik des Unsinns publizieren können. Jetzt ist aber hohe Zeit. Darum mache, daß Du vor April fertig wirst, mach’s wie ich, setze Dir eine Zeit, bis wohin Du positiv _fertig sein willst_, und sorge für einen baldigen Druck. Kannst Du es da nicht drucken lassen, so laß in Mannheim, Darmstadt oder so drucken. Aber heraus muß es bald.

Daß Du die Kritische Kritik bis auf zwanzig Bogen ausgedehnt, ist mir allerdings verwunderlich genug gewesen. Es ist aber ganz gut, es kommt so vieles schon jetzt an den Mann, was sonst wer weiß wie lange noch in Deinem Sekretär gelegen hätte. Wenn Du aber meinen Namen auf dem Titel hast stehen lassen, so wird das sich kurios ausnehmen, wo ich kaum anderthalb Bogen geschrieben habe. Wie gesagt, habe ich von dem Löwental noch nichts gehört, auch nichts vom Erscheinen des Buches, auf das ich natürlich sehr begierig bin. – Gestern bekam ich den Vorwärts, von dem ich seit meiner Abreise nichts gesehen. Einige Witze von Bernays haben mich köstlich amüsiert, der Kerl kann einem so ein recht gründliches Lachen abgewinnen, was mir sonst beim Lesen selten passiert. Sonst ist es freilich schlecht und nicht interessant und belehrend genug, als daß viele Deutsche es auf die Dauer halten sollten. Wie steht es jetzt äußerlich, und ist es wahr, was ich in Köln höre, daß es in eine Monatsschrift verwandelt werden soll? Wir sind hier so fürchterlich mit Arbeit überladen, daß von hier aus nur gelegentlich Beiträge kommen können. Ihr müßt Euch dort auch angreifen. Schreibe doch alle vier bis sechs Wochen einen Artikel dafür, laß Dich nicht von Deiner Stimmung „maßregeln“. Warum schreibt Bakunin nichts, und warum ist der Ewerbeck nicht dazu zu kriegen, daß er wenigstens trivial schreibt? Der arme Bernays wird jetzt wohl im Brummstall sitzen, grüße ihn von mir und laß ihn sich den Dreck nicht zu sehr zu Herzen nehmen, zwei Monate gehen auch herum, obwohl es scheußlich genug ist. Was machen überhaupt die Bengels? Du schreibst gar nichts darüber. Ist Guerrier wieder dort, schreibt Bakunin französisch? Was treibt die ganze Bande, die im August jeden Abend den Quai Voltaire frequentierte? Und was fängst Du eigentlich an? Wie geht’s mit Deiner Stellung dort? Wohnt Fouine noch unter Deinen Füßen? Fouine hat sich ja neulich wieder im Telegraphen losgelassen. Wie sich von selbst versteht, über den Patriotismus. Es ist groß, wie er den zu Tode reitet, wie ihm alles wurst ist, wenn es ihm nur gelingt, den Patriotismus zu vernichten. Wahrscheinlich war das des Pudels Kern, den er Fröbeln nicht geben wollte. Die deutschen Zeitungen ließen neulich Fouine nach Deutschland zurückkehren wollen. Wenn’s wahr ist, so gratuliere ich, aber es kann nicht wahr sein, er müßte sich ja zum zweitenmal zur Anschaffung eines Omnibus mit Abtritt verstehen, und das geht doch nicht.

Ich sprach neulich einen, der von Berlin kam. Die Auflösung des _caput mortuum_[2] der Freien scheint vollständig zu sein. Außer den Bauers scheint auch Stirner keinen Umgang mehr mit ihnen zu haben. Der kleine Rest, Meyen, Rutenberg und Konsorten lassen sich durch nichts stören, gehen wie vor sechs Jahren täglich 2 Uhr nachmittags zu Stehely und klugscheißen über die Zeitungen. Jetzt sind sie aber doch schon bei der „Organisation der Arbeit“ angelangt, und dabei wird’s bleiben. Auch Herr Nauwerk scheint diesen Schritt gewagt zu haben, denn er eifert ja in Volksversammlungen. Ich sagte Dir ja, die Leute werden alle _Démocrates pacifiques_[3]. Dabei haben sie die Klarheit usw. unserer Artikel in den Jahrbüchern sehr „anerkannt“. Wenn mich nächstens mal wieder der Teufel reitet, so setze ich mich mit dem kleinen Meyen in Korrespondenz, man kann möglicherweise Spaß _von_ den Kerls haben, wenn auch keinen Spaß _an_ ihnen. Ohnehin fehlt einem hier alle Gelegenheit, seinen Übermut von Zeit zu Zeit auszulassen, denn ich führe Dir hier ein Leben, wie es der glänzendste Philister nur verlangen kann, ein stilles und geruhiges Leben in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit, sitze auf meinem Zimmer und arbeite, gehe fast gar nicht aus, bin solide wie ein Deutscher, wenn das so fortgeht, so fürchte ich gar, daß der Herrgott mir meine Schriften übersieht und mich in den Himmel läßt. Ich versichere Dich, ich fange an, hier in Barmen in guten Ruf zu kommen. Ich bin’s aber auch leid, ich will Ostern weg von hier, wahrscheinlich nach Bonn. Ich hatte mich durch die Zureden meines Schwagers und die trübseligen Gesichter meiner beiden Alten noch einmal zu einem Versuch mit dem Schacher bestimmen lassen und seit vierzehn Tagen etwas auf dem Kontor gearbeitet, auch die Aussicht wegen der Liebesgeschichte veranlaßte mich mit dazu – aber ich war es leid, ehe ich anfing zu arbeiten, der Schacher ist zu scheußlich, Barmen ist zu scheußlich, die Zeitverschwendung ist zu scheußlich, und besonders ist es zu scheußlich, nicht nur Bourgeois, sondern sogar Fabrikant, aktiv gegen das Proletariat auftretender Bourgeois zu bleiben. Ein paar Tage auf der Fabrik meines Alten haben mich dazu gebracht, diese Scheußlichkeit, die ich etwas übersehen hatte, mir wieder vor die Augen zu stellen. Ich hatte natürlich darauf gerechnet, nur so lange im Schacher zu bleiben, als mir paßte, und dann irgend etwas Polizeiwidriges zu schreiben, um mich mit guter Manier über die Grenze drücken zu können, aber selbst bis dahin halte ich’s nicht aus.

Wenn ich nicht täglich die scheußlichsten Geschichten aus der englischen Gesellschaft hätte in mein Buch registrieren müssen, ich glaube, ich wäre schon etwas versauert, aber das hat wenigstens meine Wut im Kochen