oso pme ties kj 1 MAGILL UNIVERSITY LIBRARY GEORG SIMMEL PHILOSOPHIE DES GELDES GEORG SIMMEL • GESAMMELTE WERKE ERSTER BAND GEORG SIMMEL PHILOSOPHIE DES GELDES Sechste Auflage DUNCKER & HUMBLOT / BERLIN Simmel. Georg, Philosophie des geldes Alle Rechte Vorbehalten © 1958 Duncker & Humblot, Berlin Unveränderter Nachdruck der 1930 erschienenen 5. Auflage Gedruckt 1958 bei fotokop G.m.b.H., Darmstadt. — Printed in Germany V orrede, Jede Forschungsprovinz hat zwei Grenzen, an denen die Denk¬ bewegung aus der exakten in die philosophische Form übergeht. Die Voraussetzungen des Erkennens überhaupt, wie die Axiome jedes Sondergebietes verlegen ihre Darstellung und Prüfung aus diesem letzteren hinaus in eine prinzipiellere Wissenschaft, deren im Unend¬ lichen liegendes Ziel ist: voraussetzungslos zu denken — ein Ziel, das die Einzelwissenschaften sich versagen, weil sie keinen Schritt ohne Beweis, also ohne Voraussetzungen sachlicher und methodischer Natur, tun. Indem die Philosophie diese Voraussetzungen darstellt und untersucht, kann sie solche doch auch für sich nicht völlig auf- heben; nur ist es hier der jeweils letzte Punkt des Erkennens, an dem ein Machtspruch und der Appell an das Unbeweisbare in uns einsetzt, und der freilich vermöge des Fortschritts der Beweisbar¬ keiten nie definitiv festliegt. Zeichnet der Beginn des philosophischen Gebietes hier gleichsam die untere Grenze des exakten, so liegt dessen obere da, wo die immer fragmentarischen Inhalte des positiven Wissens sich durch abschließende Begriffe zu einem Weltbild zu ergänzen und auf die Ganzheit des Lebens zu beziehen verlangen. Wenn die Geschichte der Wissenschaften wirklich die philosophische Erkenntnisart als die primitive zeigt, als einen bloßen Überschlag über die Erscheinungen in allgemeinen Begriffen — so ist dieses vor¬ läufige Verfahren doch noch manchen Fragen gegenüber unentbehr¬ lich, nämlich denjenigen, besonders den Wertungen und all¬ gemeinsten Zusammenhängen des geistigen Lebens angehörigen, auf die uns bis jetzt weder eine exakte Antwort noch ein Verzicht möglich ist. Ja, vielleicht würde selbst die vollendete Empirie die Philosophie als eine Deutung, Färbung und individuell auswählende Betonung des Wirklichen gerade so wenig ablösen, wie die Vollendung der mechanischen Reproduktion der Erscheinungen die bildende Kunst überflüssig machen würde.
Aus dieser Ortsbestimmung der Philosophie im allgemeinen fließen die Rechte, die sie an den einzelnen Gegenständen besitzt. Wenn es eine Philosophie des Geldes geben soll, so kann sie nur diesseits und jenseits der ökonomischen Wissenschaft vom Gelde liegen: sie kann einerseits die Voraussetzungen darstellen, die, in der seelischen Verfassung, in den sozialen Beziehungen, in der logi¬ schen Struktur der Wirklichkeiten und der Werte gelegen, dem Geld seinen Sinn und seine praktische Stellung anweisen. Das ist nicht die Frage nach der Entstehung des Geldes: denn diese gehört in die Geschichte, nicht in die Philosophie. Und so hoch wir den Ge¬ winn achten, den das Verständnis einer Erscheinung aus ihrem histori¬ schen Werden zieht, so ruht der inhaltliche Sinn und Bedeutung der gewordenen doch oft auf Zusammenhängen begrifflicher, psychologi¬ scher, ethischer Natur, die nicht zeitlich, sondern rein sachlich sind, die von den geschichtlichen Mächten wohl realisiert werden, aber sich in der Zufälligkeit derselben nicht erschöpfen. Die Bedeutsam¬ keit, die Würde, der Gehalt des Rechts etwa oder der Religion oder der Erkenntnis steht ganz jenseits der Frage nach den Wegen ihrer historischen Verwirklichung. Der erste Teil dieses Buches wird so das Geld aus denjenigen Bedingungen entwickeln, die sein Wesen und den Sinn seines Daseins tragen.
Die geschichtliche Erscheinung des Geldes, deren Idee und Struktur ich so aus den Wertgefühlen, der Praxis den Dingen gegen¬ über und den Gegenseitigkeitsverhältnissen der Menschen als ihren Voraussetzungen zu entfalten suche, verfolgt nun der zweite, synthe¬ tische Teil in ihren Wirkungen auf die innere Welt: auf das Lebens¬ gefühl der Individuen, auf die Verkettung ihrer Schicksale, auf die allgemeine Kultur. Hier handelt es sich also einerseits um Zusammen¬ hänge, die ihrem Wesen nach exakt und im einzelnen erforschbar wären, aber es bei dem augenblicklichen Stande des Wissens nicht sind und deshalb nur nach dem philosophischen Typus: im allge¬ meinen Überschlag, in der Vertretung der Einzelvorgänge durch die Verhältnisse abstrakter Begriffe, zu behandeln sind; andrerseits jum seelische Verursachungen, die für alle Zeiten Sache hypothetischer Deutung und einer künstlerischen, von individueller Färbung nie ganz lösbaren Nachbildung sein werden. Diese Verzweigung des Geld¬ prinzips mit den Entwicklungen und Wertungen des Innenlebens steht also ebensoweit hinter der ökonomischen Wissenschaft vom Gelde, wie das Problemgebiet des ersten Teiles vor ihr gestanden hatte. Der eine soll das Wesen des Geldes aus den Bedingungen und Verhältnissen des allgemeinen Lebens verstehen lassen, der andere umgekehrt Wesen und Gestaltung des letzteren aus der Wirk¬ samkeit des Geldes.
VI Keine Zeile dieser Untersuchungen ist nationalökonomisch ge¬ meint. Das will besagen, daß die Erscheinungen von Wertung und Kauf, von Tausch und Tauschmittel, von Produktionsformen,und Vermögenswerten, die die Nationalökonomie von einem Standpunkte aus betrachtet, hier von einem anderen aus betrachtet werden. Nur daß ihre, der Nationalökonomie zugewandte Seite die praktisch interessierendste, die am gründlichsten durchgearbeitete, die am exaktesten darstellbare ist — nur dies hat das scheinbare Recht be¬ gründet, sie als »nationalökonomische Tatsachen« schlechthin anzu¬ sehen. Aber wie die Erscheinung eines Religionsstifters keineswegs nur eine religiöse ist, sondern auch unter den Kategorien der Psycho¬ logie, vielleicht sogar der Pathologie, der allgemeinen Geschichte, der Soziologie untersucht werden kann; wie ein Gedicht nicht nur eine literaturgeschichtliche Tatsache ist, sondern auch eine ästhe¬ tische, eine philologische, eine biographische; wie überhaupt der Standpunkt einer Wissenschaft, die immer eine arbeitsteilige ist, niemals die Ganzheit einer Realität erschöpft — so ist, daß zwei Menschen ihre Produkte gegeneinander vertauschen, keineswegs nur eine nationalökonomische Tatsache; denn eine solche, d. h. eine, deren Inhalt mit ihrem nationalökonomischen Bilde erschöpft wäre, gibt es überhaupt nicht. Jener Tausch vielmehr kann ganz ebenso legitim als eine psychologische, als eine sittengeschichtliche, ja als eine ästhetische Tatsache behandelt werden. Und selbst als national - ökonomische betrachtet, ist sie damit nicht am Ende einer Sackgasse angekommen, sondern selbst in dieser Formung wird sie der Gegen¬ stand der philosophischen Betrachtung, die ihre Voraussetzungen in nicht-wirtschaftlichen Begriffen und Tatsachen und ihre Folgen für nicht -wirtschaftliche Werte und Zusammenhänge prüft.
In diesem Problemkreis ist das Geld nur Mittel, Material oder Beispiel für die Darstellung der Beziehungen, die zwischen den äußerlichsten, realistischsten, zufälligsten Erscheinungen und den ideellsten Potenzen des Daseins, den tiefsten Strömungen des Einzel¬ lebens und der Geschichte bestehen. Der Sinn und Zweck des Ganzen ist nur der: von der Oberfläche des wirtschaftlichen Ge¬ schehens eine Richtlinie in die letzten Werte und Bedeutsamkeiten alles Menschlichen zu ziehen. Der abstrakte philosophische System¬ bau hält sich in einer solchen Distanz von den Einzelerscheinungen, insbesondere des praktischen Daseins, daß er ihre Erlösung aus der Isolierung und Ungeistigkeit, ja Widrigkeit des ersten Anblicks eigentlich nur postuliert. Hier aber soll sie an einem Beispiel voll¬ bracht werden, an einem solchen, das, wie das Geld, nicht nur die Gleichgültigkeit rein wirtschaftlicher Technik zeigt, sondern sozu- VII sagen die Indifferenz selbst ist, insofern seine ganze Zweckbedeutung nicht in ihm selbst, sondern nur in seiner Umsetzung in andere Werte liegt. Indem hier also der Gegensatz zwischen dem scheinbar Äußer¬ lichsten und Wesenlosen und der inneren Substanz des Lebens sich aufs- äußerste spannt, muß er sich aufs wirkungsvollste versöhnen, wenn diese Einzelheit sich nicht nur in den ganzen Umfang der geistigen Welt, tragend und getragen, verwebt, sondern sich als Symbol der wesentlichen Bewegungsformen derselben offenbart. Die Einheit dieser Untersuchungen liegt also nicht in einer Be¬ hauptung über einen singulären Inhalt des Wissens und deren all¬ mählich erwachsendem Beweise, sondern in der darzutuenden Mög¬ lichkeit, an jeder Einzelheit des Lebens die Ganzheit seines Sinnes zu finden. — Der ungeheure Vorteil der Kunst gegenüber der Philo¬ sophie ist, daß sie sich jedesmal ein einzelnes, engumschriebenes Problem setzt: einen Menschen, eine Landschaft, eine Stimmung — und nun jede Erweiterung desselben zum Allgemeinen, jede Hinzu¬ fügung großer Züge des Weltfühlens, wie eine Bereicherung, Ge¬ schenk, gleichsam wie eine unverdiente Beglückung empfinden läßt. Dagegen pflegt die Philosophie, deren Problem sogleich die Gesamt¬ heit des Daseins ist, der Größe dieses gegenüber sich zu verengen und weniger zu geben, als sie verpflichtet scheint. Hier ist nun um¬ gekehrt versucht, das Problem begrenzt und klein zu nehmen, um ihm durch seine Erweiterung und Hinausführung zur Totalität und zum Allgemeinsten gerecht zu werden.
In methodischer Hinsicht kann man diese Grundabsicht so aus- drücken: dem historischen Materialismus ein Stockwerk unterzu¬ bauen, derart, daß der Einbeziehung des wirtschaftlichen Lebens in die Ursachen der geistigen Kultur ihr Erklärungswert gewahrt wird, aber eben jene wirtschaftlichen Formen selbst als das Ergebnis tieferer Wertungen und Strömungen, psychologischer, ja, meta¬ physischer Voraussetzungen erkannt werden. Für die Praxis des Erkennens muß sich dies in endloser Gegenseitigkeit entwickeln: an jede Deutung eines ideellen Gebildes durch ein ökonomisches muß sich die Forderung schließen, dieses seinerseits aus ideelleren Tiefen zu begreifen, während für diese wiederum der allgemeine ökono¬ mische Unterbau zu finden ist, und so fort ins unbegrenzte. In solcher Alternierung und Verschlingung der begrifflich entgegengesetzten Erkenntnisprinzipien wird die Einheit der Dinge, unserem Erkennen ungreifbar scheinend und doch dessen Zusammenhang begründend, für uns praktisch und lebendig.
Die hiermit bezeichneten Absichten und Methoden dürften kein prinzipielles Recht beanspruchen, wenn sie nicht einer inhaltlichen VIII Mannigfaltigkeit philosophischer Grundüberzeugungen dienen könnten. Die Anknüpfung der Einzelheiten und Oberflächlichkeiten des Lebens an seine tiefsten und wesentlichsten Bewegungen und ihre Deutung nach seinem Gesamtsinne kann sich auf dem Boden des Idealismus wie des Realismus, der verstandesmäßigen wie der willens¬ mäßigen, einer absolutistischen wie einer relativistischen Inter¬ pretation des Seins vollziehen. Daß die folgenden Untersuchungen sich auf einem dieser Weltbilder, das ich für den angemessensten Aus¬ druck der gegenwärtigen Wissensinhalte und Gefühlsrichtungen halte, unter entschiedenem Ausschluß des entgegengesetzten auf- bauen, mag ihnen im schlimmsten Fall die Rolle eines bloßen Schul¬ beispiels lassen, das, wenn es sachlich unzutreffend ist, seine metho¬ dische Bedeutung als Form künftiger Richtigkeiten erst recht hervortreten läßt.
Die Änderungen in der zweiten Auflage betreffen nirgends die wesentlichen Motive. Wohl aber habe ich versucht, durch neue Bei¬ spiele und Erörterungen, vor allem durch Vertiefung der Funda¬ mente, eine erhöhte Chance für die Verständlichkeit und die An¬ nehmbarkeit dieser Motive zu gewinnen.
IX Inhaltsverzeichnis.
- Seite Vorrede. V-IX Analytischer Teil.
Erstes Kapitel: Wert und Geld. 3—100 I. Wirklichkeit und Wert als gegeneinander selbständige Kate¬ gorien, durch die unsere Vorstellungsinhalte zu Weltbildern werden. Die psychologische Tatsache des objektiven Wertes.
Das Objektive in der Praxis als Normierung oder Gewähr für die Totalität des Subjektiven. Der wirtschaftliche Wert als Objektivation subjektiver Werte« vermöge der Distanzierung zwischen dem unmittelbar genießenden Subjekt und dem Gegen¬ stand. Analogie: der ästhetische Wert. Die Wirtschaft als Distanzierung (durch Mühen, Verzicht, Opfer) und gleichzeitige Überwindung derselben. 3—29 II. Der Tausch als Veranlassung für die Enthebung des Gegen¬ standes aus seiner bloß subjektiven Wertbedeutung: in ihm drücken die Dinge ihren Wert durch einander aus. Der Wert des Gegenstandes dadurch objektiviert, daß für ihn ein anderer hingegeben wird. Der Tausch als Lebensform und als Bedingung des wirtschaftlichen Wertes, als primäre wirtschaft¬ liche Tatsache. Reduktion der Brauchbarkeits- und Selten¬ heitstheorie. Der sozial fixierte Preis als Vorstufe des sachlich regulierten. 30—61 ÜI. Einordnung des wirtschaftlichen Wertes in ein relativistisches Weltbild. Beispielsweise Skizzierung des letzteren in erkenntnis¬ theoretischer Hinsicht: der Aufbau der Beweise ins Unendliche und ihr Umbiegen zu gegenseitiger Legitimierung. Die Objek¬ tivität der Wahrheit wie die des Wertes als Relation subjektiver Elemente. Das Geld als der verselbständigte Ausdruck der Tauschrelation, durch die die begehrten Objekte zu wirtschaft¬ lichen werden, der Ersetzbarkeit der Dinge. Erläuterung dieses Wesens des Geldes an seiner Wertbeständigkeit, seiner Ent¬ wicklung, seiner Objektivität. Das Geld als eine Substanziierung der allgemeinen Seinsform, nach der die Dinge ihre Bedeutung an einander, in ihrer Gegenseitigkeit, finden. 62—100 XI Seite Zweites Kapitel: Der Snbstanzwer t des Geldes I. Ein Eigenwert des Geldes für II.
i seine Funktion, Werte zu messeni'sTheinbar erforderlich. Widerlegung durch Verwand¬ lung der unmittelbaren Äquivalenz zwischen der emzetaen Ware und der einzelnen Geldsumme in die Gleichheit zweier Proportionen: zwischen jener und dem momentan wir^ Gesamtwarenquantum einerseits, und dieser und dem momaito wirksamen Gesamtgeldquantum andrerseits. Unbewußtheit der Nenner dieser Brüche. Logische Möglichkeit einer von allem Substanzwert unabhängigen Geldfunkt.on. Ursprüngliche Er- fordertheit wertvollen Geldes. Entwicklung der Aquivalenz- vorstellungen über dieses Stadium hinaus und auf den reinen 2g Symbolcharakter des Geldes zu.
Der Verzicht auf die nicht - geldmäßigen Verwendungen der Geldsubstanz. Erster Grund gegen das Ze.chengeld: die Geld- Waren- Relationen, die den Eigenwert des Geldes überflüssig machen würden, nicht genau erkennbar; sein Eigenwert als Ergänzung dieser Unzulänglichkeit. Zweiter Gegengrund; die unbegrenzte Vermehrbarkeit der Geldzeichen; die rela¬ tivistische Gleichgültigkeit gegen die absolute Höhe des Geldquantums und ihre Irrungen. Die unvollendbare Ent¬ wicklung des Geldes von seiner substanziellen zur relativisti¬ schen Bedeutung als Fall eines allgemeinen Verhaltens; die Wirklichkeit als gegenseitige Einschränkung reiner Begriffe.
III. Geschichtliche Entwicklung des Geldes von der Substanz zur Funktion; soziologische Bedingtheit derselben. Die sozialen Wechselwirkungen und ihre Kristallisierung zu Sondergebilden; das gemeinsame Verhältnis von Käufern und Verkäufern zu der sozialen Einheit als soziologische Voraussetzung des Geldverkehrs. Größe und Kleinheit, Lockerheit und Konzentriertheit des Wirtschaftskreises in ihrer Bedeutung für den Substanzcharakter des Geldes. Der Übergang zum Funktionscharakter an seinen Einzeldiensten entwickelt: Verkehrserleichterung, Beständigkeit des Wert¬ maßes, Mobilisierung und Kondensierung der Werte.
Sinkende Substanzbedeutung und steigende Wertbedeutung des Geldes. 151-196 Drittes Kapitel: Das Geld in den Zweckreihen. 197—294 L Das Zweckhandeln als bewußte Wechselwirkung zwischen Subjekt und Objekt. Die Länge der teleologischen Reihen.
Das Werkzeug als das potenzierte Mittel, das Geld als das reinste Beispiel des Werkzeugs. Die Wertsteigerung des Geldes durch die Unbegrenztheit seiner Verwendungsmöglich¬ keiten. Das Superadditum des Reichtums. Unterschied des gleichen Geldquantums als Teil eines großen und eines kleinen Besitzes; die konsumtive Preisbegrenzung. Das XII Seite Geld vermöge seines reinen Mittelcharakters als Domäne der Persönlichkeiten, die dem sozialen Kreise unverbunden sind. 197 — 228 II. Das psychologische Auswachsen der Mittel zu Zwecken; das Geld als extremstes Beispiel. Die Abhängigkeit seines Zweck¬ charakters von den kulturellen Tendenzen der Epochen. Psy¬ chologische Folgen der teleologischen Stellung des Geldes: Geldgier, Geiz, Verschwendung, asketische Armut, moderner Zynismus, Blasiertheit. 229—266 III. Die Quantität des Geldes als seine Qualität. Die subjektiven Unterschiede der Risikoquoten. Allgemeine Erscheinung qualitativ ungleichmäßiger Folgen von quantitativ abgeän¬ derten Ursachen. Die Schwelle des ökonomischen Bewußt¬ seins. Die Unterschiedsempfindlichkeit in Hinsicht wirtschaft¬ licher Reize. Die Verhältnisse zwischen äußeren Reizen und Gefühlsfolgen auf dem Gebiet des Geldes. Bedeutung der personalen Einheit des Besitzers. Das sachliche und das kulturelle Verhältnis von Form und Quantum, von Quantität und Qualität der Dinge und die Bedeutung des Geldes für dasselbe. 267—294 Synthetischer Teil.
Viertes Kapitel: Die individuelle Freiheit. 297—386 I. Die mit Verpflichtungen zusammenbestehende Freiheit danach abgestuft, ob jene sich auf die Persönlichkeit oder auf die Arbeitsprodukte erstrecken; die Geldverpflichtung als die Form, mit der die äußerste Freiheit vereinbar ist. Einstellung in das Problem der Maximisierung der Werte durch den Besitzwechsel. Kulturelle Steigerung der Personenzahl, von der man abhängt, unter gleichzeitigem Sinken der Bindungen an individuell bestimmte Personen. Das Geld als der Träger der unpersönlichen Beziehungen zwischen Personen und da¬ durch der individuellen Freiheit. 297—321 II. Der Besitz als Tun. Gegenseitige Abhängigkeit zwischen Haben und Sein. Gelöstheit derselben vermittels des Geld¬ besitzes. Unfreiheit als Verflechtung psychischer Reihen in¬ einander: am geringsten bei Verflechtung je einer mit dem Allgemeinsten der anderen Reihe. Anwendung auf die Bin¬ dung durch das ökonomische Interesse. Freiheit als Aus¬ prägung des Ich an den Dingen, als Besitz. Unbedingte und bedingte Nachgiebigkeit des Geldbesitzes gegenüber III. Differenzierung von Person und Besitz: räumliche Distanzie¬ rung und technische Objektivierung durch das Geld. Die Trennung der Gesamtpersönlichkeit von ihren einzelnen Leistungen und deren Folgen für die Leistungsäquivalente. Verselbständigung des Individuums der Gruppe gegenüber XIII Seite und neue Assoziationsformen vermöge des Geldes; der Z edc verband. Allgemeine Beziehungen zwischen der Geldwirtschaft g6 und dem Prinzip des Individualismus.
Fänftes Kapitels Das Geldäquivalent personaler Werte...
L Das Wergeid. Der Übergang von der utilitarischen zu der objektiven und der absoluten Wertung des Menschen. Die Geldstrafe und die Kulturstufen. Das Vorschreiten der Diffe. renzierung des Menschen und der Indifferenz des Geldes als Ursache ihrer wachsenden Inadäquatheit. Die Kaufehe und der Wert der Frau. Die Arbeitsteilung zwischen den Oe- schlechtem und die Mitgift Die typische Beziehung zw?5he.n Geld und Prostitution, ihre Entwicklung analog der Mord¬ sühne. Die Geldheirat. Die Bestechung. Das Vornehmheitsideal und das Geld.
U. Die Umwandlung von Rechten spezifischen Inhalts in Geld¬ forderungen. Die Erzwingbarkeit. Die Umsetzung von Sach¬ werten in Geldwert: der negative Sinn der Freiheit und die Entwurzelung der Persönlichkeit. Die Wertdifferenz zwischen persönlicher Leistung und Geldäquivalent.
III. Das Arbeitsgeld und seine Begründung. Die Gratisleistung des Geistes. Die Höhenunterschiede der Arbeit als Quantitäts¬ unterschiede. Die Muskelarbeit als Arbeitseinheit. Der Wert physischer Leistung auf den der psychischen Leistung reduzier¬ bar. Die Nützlichkeitsunterschiede der Arbeit als Gegengrund gegen das Arbeitsgeld; dadurch geförderte Einsicht in die Be- deutung des Geldes.
Sechstes Kapitel: Der Stil des Lebens...L Durch die Geldwirtschaft vermitteltes Übergewicht der in¬ tellektuellen über die Gefühlsfunktionen; Charakterlosigkeit und Objektivität des Lebensstiles. Die Doppelrolle des Intellekts wie des Geldes; ihrem Inhalte nach überpersönlich, ihrer Funktion nach individualistisch und egoistisch; Beziehung zu dem Rationalismus des Rechtes und der Logik. Das rechnende Wesen der Neuzeit. 480—501 II. Der Begriff der Kultur. Steigerung der Kultur der Dinge, Zurückbleiben der Kultur der Personen. Die Vergegenständ- lichung des Geistes. Die Arbeitsteilung als Ursache für das Auseinandertreten der subjektiven und der objektiven Kultur. Gelegentliches Übergewicht der ersteren. Beziehung des Geldes zu den Trägern dieser Gegenbewegungen. 502—533 III. Die Änderungen der Distanz zwischen dem Ich und den Dingen als Ausdruck für die Stilverschiedenheiten des Lebens. Moderne Tendenzen auf Distanz -Vergrößerung und -Ver¬ kleinerung. Rolle des Geldes in diesem Doppelprozeß. Der Kredit. Die Herrschaft der Technik. — Die Rhythmik oder XIV Seite Symmetrie der Lebensinhalte und ihr Gegenteil. Das Nach¬ einander und das Nebeneinander beider Tendenzen, die Ent¬ wicklungen des Geldes als Analogie und als Träger der¬ selben. — Das Tempo des Lebens, seine Veränderungen und die des Geldbestandes. Die Konzentration des Geldverkehrs.
Die Mobilisierung der Werte. Beharrung und Bewegung als Kategorien des Weltverständnisses, ihre Synthese in dem Re¬ lativitätscharakter des Seins, das Geld als historisches Symbol desselben. 534—585 XV n Analytischer Teil.
1 Simmel, Philosophie des Geldes.
Erstes Kapitel.
Wert und Geld, i.
Die Ordnung der Dinge, in die sie sich als natürliche Wirklich¬ keiten einstellen, ruht auf der Voraussetzung, daß alle Mannigfaltig¬ keit ihrer Eigenschaften von einer Einheit des Wesens getragen werde: die Gleichheit vor dem Naturgesetz, die beharrenden Summen der Stoffe und der Energien, die Umsetzbarkeit der verschieden¬ artigsten Erscheinungen ineinander versöhnen die Abstände des ersten Anblicks in eine durchgängige Verwandtschaft, in eine Gleich - berechtigtheit aller. Allein bei näherem Hinsehen bedeutet dieser Begriff doch nur, daß die Erzeugnisse des Naturmechanismus als solche jenseits der Frage nach einem Rechte stehen: ihre unver¬ brüchliche Bestimmtheit gibt keiner Betonung Raum, von der ihrem Sein und Sosein noch Bestätigung oder Abzug kommen könnte. Mit dieser gleichgültigen Notwendigkeit, die das naturwissenschaftliche Bild der Dinge ausmacht, geben wir uns dennoch ihnen gegenüber nicht zufrieden. Sondern, unbekümmert um ihre Ordnung in jener Reihe, verleihen wir ihrem inneren Bilde eine andere, in der die All- gleichheit völlig durchbrochen ist, in der die höchste Erhebung des einen Punktes neben dem entschiedensten Herabdrücken des anderen steht, und deren tiefstes Wesen nicht die Einheit, sondern der Unter¬ schied ist: die Rangierung nach Werten. Daß Gegenstände, Ge¬ danken, Geschehnisse wertvoll sind, das ist aus ihrem bloß natür¬ lichen Dasein und Inhalt niemals abzulesen; und ihre Ordnung, den Werten gemäß vollzogen, weicht von der natürlichen aufs weiteste ab. Unzählige Male vernichtet die Natur das, was vom Gesichtspunkt seines Wertes aus eine längste Dauer fordern könnte, und konserviert das Wertloseste, ja dasjenige, was dem Wertvollen den Existenzraum benimmt. Damit ist nicht etwa eine prinzipielle Gegnerschaft und durchgängiges Sich-Ausschließen beider Reihen gemeint; denn dies 3 würde immerhin eine Beziehung der einen zur anderen bedeuten, und zwar eine teuflische Welt ergeben, aber eine vom Gesichtspunkte de Wertes, wenn auch mit umgekehrtem Vorzeichen, bestimmte Viel¬ mehr, das Verhältnis zwischen beiden ist absolute Zufälligkeit. M derselben Gleichgültigkeit, mit der uns die Natur die Gegenstar ide unserer Wertschätzungen einmal darbietet, versagt sie sie uns anderes Mal; so daß gerade die gelegentliche Harmonie beider Reihen, die Realisierung der aus der Wertreihe stammenden Forde¬ rungen durch die Wirklichkeitsreihe, die ganze Prinziplosigkeit ihres Verhältnisses nicht minder offenbart als der entgegengesetzte Fa. Derselbe Lebensinhalt mag uns sowohl als wirklich wie als wertvoll bewußt werden; aber die inneren Schicksale, die er in dem einen un in dem anderen Falle erlebt, haben völlig verschiedenen Sinn. Man könnte die Reihen des natürlichen Geschehens mit lückenloser Vo ständigkeit beschreiben, ohne daß der Wert der Dinge dann vorkame — gerade wie die Skala unserer Wertungen ihren Sinn unabhängig davon bewahrt, wie oft und ob überhaupt ihr Inhalt auch in der Wirk¬ lichkeit vorkommt. Zu dem sozusagen fertigen, in seiner Wirklichkeit allseitig bestimmten, objektiven Sein tritt nun erst die Wertung hinzu, als Licht und Schatten, die nicht aus ihm selbst, sondern nur von anderswoher stammen können. Es muß aber das Mißverständnis fern¬ gehalten werden, als sollte damit die Bildung der Wertvorstellung, als psychologische Tatsache, dem naturgesetzlichen Werden entrückt sein. Ein übermenschlicher Geist, der das Weltgeschehen mit ab¬ soluter Vollständigkeit nach Naturgesetzen begriffe, würde unter den Tatsachen desselben auch die vorfinden, daß die Menschen Wert- vorstellungen haben. Aber diese würden für ihn, der bloß theoretisch erkennt, keinen Sinn und keine Gültigkeit über ihre psychologische Existenz hinaus besitzen. Was hier der Natur als mechanischer Kau¬ salität abgesprochen wird, ist nur die sachliche, inhaltliche Be¬ deutung der Wertvorstellung, während das seelische Geschehen, das jenen Inhalt zu unserer Bewußtseinstatsache macht, ohne weiteres in die Natur hineingehört. Die Wertung, als ein wirklicher psychologi¬ scher Vorgang, ist ein Stück der natürlichen Welt; das aber, was wir mit ihr meinen, ihr begrifflicher Sinn, ist etwas dieser Welt un¬ abhängig Gegenüberstehendes, und so wenig ein Stück ihrer, daß es