SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

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Gewiß würde unter Voraussetzung eines an sich wertlosen Geldes der einzelne Geldpreis ganz beziehungslos neben der Ware stehen, deren Wert er ausdrücken soll, wenn sich die Betrachtung auf diese beiden Momente beschränkte; man würde nicht wissen, woraufhin das eine Objekt einen um ein ganz Bestimmtes höheren oder niederen Preis bedingen sollte, als ein anderes. Sobald aber, als absolute Voraussetzung dieser ganzen Relation die Summe alles Verkäuflichen der Summe alles Geldes — in einem nachher zu erörternden Sinn der »Summe« — äquivalent gesetzt wird, ergibt sich die Preis¬ bestimmtheit jeder einzelnen Ware einfach als der Bruch zwischen ihrem Wert und jenem Totalwert, der sich als der Bruch zwischen ihrem Preis und dem Gesamtgeldquantum wiederholt. Dies enthält, worauf ich nochmals hinweise, keineswegs den Zirkel: daß die Fähig¬ keit einer bestimmten Geldsumme, den Wert einer einzelnen Ware zu messen, auf das Gleichungsverhältnis alles Geldes mit allen Waren gegründet wird, dieses selbst ja aber schon die Meßbarkeit des einen am anderen voraussetze; die Frage, ob jede Messung eine Wesensgleichheit zwischen dem Objekt und dem Maßstab fordere, würde so freilich den konkreten Fall nicht mehr treffen, um aber an der Voraussetzung desselben ungelöst haften zu bleiben. Tatsächlich indes ist eine Messung relativer Quanten daraufhin möglich, daß ihre absoluten Quanten in irgendeinem Verhältnis stehen, welches nicht Messung oder Gleichheit zu sein braucht. Gewiß besteht zwischen der Dicke eines Eisenrohres und einer bestimmten Wasser¬ kraft keine Gleichheit und Messungsmöglichkeit; allein, wenn beide integrierende Teile eines mechanischen Systems mit einem be¬ stimmten Krafteffekt bilden, so kann ich, wenn eine gewisse Modi¬ fikation dieses letzteren gegeben ist, unter Umständen an der mir bekannt werdenden Änderung der Wasserkraft genau ermessen, welches der Durchmesser des in dem System verwendeten Rohres ist. So mögen Waren überhaupt und Geld überhaupt aneinander nicht meßbar sein; es würde genügen, daß sie beide für das Leben des Menschen eine gewisse Rolle innerhalb seines praktischen Zweck¬ systems spielen, damit die quantitative Modifikation des einen den Index für die des anderen abgäbe. Zu dieser Reduzierung der Be¬ deutung jedes Geldquantums als solchen auf einen Bruch, der es noch ganz dahingestellt sein läßt, von welcher absoluten Größe er diesen bestimmten Teil ausmacht, ist es nicht ohne Beziehung, daß die Römer ihre Münzen — mit einer besonders begründeten Aus¬ nahme nicht nach der absoluten, sondern der relativen Schwere benannten. So bedeutet as nur ein Ganzes aus 12 Teilen, das ebenso¬ gut auf die Erbschaft wie auf die Maße oder Gewichte beziehbar ist und ebenso für das Pfund wie für jeden beliebigen Teil desselben gesetzt werden kann. Und daß hier bloß die Relativität des Maßes bewußt und wirksam ist, wird auch durch die Hypothese nicht alte- riert, nach der das as vor Urzeiten eine Kupferstange von absolut bestimmtem Gewicht bedeutet habe.

Jetzt muß die schon angedeutete Restriktion an dem Begriff des Gesamtgeldquantums etwas genauer vollzogen werden. Daß man nicht einfach sagen kann, es gäbe so viel kaufendes Geld, wie es kaufbare Ware gibt, liegt nicht etwa an der unermeßlichen Qualitäts¬ differenz, die zwischen allen angehäuften Waren auf der einen Seite und allem angehäuften Geld auf der anderen bestünde. Denn da es keinen gemeinsamen Maßstab für beide, wie für qualitativ gleich¬ geartete Dinge, gibt, so besteht zwischen ihnen überhaupt kein im¬ mittelbares Mehr oder Weniger. Kein Warenquantum hat von sich aus eine bestimmte Beziehung zu einem bestimmten Geldquantum, da prinzipiell alle Zwecke des Geldes mit einem beliebig verkleinerten Geldquantum erreichbar wären. Wieweit dies in Wirklichkeit gehen kann, ohne den Verkehr zu unterbinden, zeigt die berichtete Tatsache: es habe vor einigen Jahrhunderten in Rußland Silbermünzen von solcher Kleinheit gegeben, daß man sie überhaupt nicht mehr mit den Händen vom Tisch habe auf nehmen können, sondern sie aus dem Beutel auf denselben schüttete, und die zu zahlende Summe abteilte, worauf dann beide Parteien ihre Teile mit der Zunge aufleckten und in die Beutel zurückspuckten. Man könnte sagen: welches auch der absolute Umfang des Geldvorrats sei, er bleibt, solange er die Dienste des Geldes leistet, immer gleich viel »Geld«; es variiert nur das Quantum, das diese Zeichen oder Stücke in anderer Be¬ ziehung, nämlich als Material irgendwelcher Art betrachtet, dar¬ stellen, aber ihr Quantum als Geld braucht sich dadurch nicht zu ändern. Darum gibt jener direkte Vergleich aller Waren und alles Geldes überhaupt keinen Schluß. Die Unverhältnismäßigkeit zwischen der Totalität des Geldes und der der Waren, als Nenner jener wertausdrückenden Brüche, ruht vielmehr auf der Tatsache, daß der Geldvorrat als ganzer sich viel schneller umsetzt als der Warenwert als ganzer. Denn niemand läßt, soweit er es vermeiden kann, erheblichere Geldsummen still liegen, und man kann es tatsäch¬ lich fast immer vermeiden; kein Kaufmann aber entgeht dem, daß beträchtliche Teile seines Vorrates lange liegen, ehe sie verkauft werden. Diese Differenz des Umsatztempos wird noch viel größer, wenn man diejenigen Objekte einrechnet, die sich nicht zum Ver¬ kaufe anbieten, trotzdem aber gelegentlich und für ein verführeri¬ sches Gebot verkäuflich sind. Legt man also die wirklich gezahlten Preise für die einzelnen Waren zum Grunde und fragt nach dem Geldquantum, das daraufhin zum Ankauf des gesamten Vorrats er¬ forderlich wäre, so sieht man allerdings, daß dasselbe den tatsäch¬ lichen Geldvorrat unermeßlich übersteigt. Von diesem Gesichts¬ punkt aus muß man sagen, daß es sehr viel weniger Geld als Ware gibt, und daß der Bruch zwischen der Ware und ihrem Preise durchaus nicht dem zwischen allen Waren und allem Gelde gleich, sondern, wie sich leicht aus dem vorhergehenden ergibt, erheblich kleiner als dieser ist. Auf zwei Wegen aber läßt sich dennoch unsere grundlegende Proportion retten. Man könnte nämlich, erstens, als das in sie eintretende Gesamtwarenquantum dasjenige ansehen, das sich in aktueller Verkaufsbewegung befindet. Aristotelisch zu reden, ist die unverkaufte Ware nur eine Ware »der Möglichkeit nach«, sie wird zur Ware »der Wirklichkeit nach« erst in dem Moment ihres Verkauftwerdens. Wie das Geld erst in dem Augenblick, wo es kauft d. h. die Funktion des Geldes übt, wirklich Geld ist, so entsprechend die Ware erst, wenn sie verkauft wird; vorher ist sie Verkaufsobjekt nur vermöge und innerhalb einer ideellen Antizipation. Von diesem Standpunkte aus ist es ein ganz selbstverständlicher, ja identischer Satz, daß es so viel Geld gibt, wie es Verkaufsobjekte gibt — wobei natürlich unter Geld auch alle durch den Kredit und Giroverkehr ermöglichten Geldsubstitute einbegriffen sind. Nun sind zwar die momentan ruhenden Waren keineswegs wirtschaftlich unwirksam, und das wirtschaftliche Leben wäre unermeßlich verändert, wenn auf einmal der Warenvorrat so restlos in die Bewegung jedes Mo¬ mentes einginge, wie der Geldvorrat es tut. Allein genauer betrachtet scheint mir der ruhende Warenvorrat nur nach drei Seiten hin auf die wirklichen Geldkäufe zu wirken: auf das Tempo des Geldumlaufs, auf die Beschaffung der Geldstoffe oder -äquivalente, auf das Ver¬ hältnis der Geldausgaben zu den Reserven. Aber diese Momente haben auf die aktuellen Umsätze schon ihre Wirkung geübt, unter ihrem Einfluß hat sich das empirische Verhältnis zwischen Ware und Preis gebildet, und sie verhindern also gar nicht, in jener funda¬ mentalen Proportion das Gesamtwarenquantum als dasjenige zu ver¬ stehen, das sich aus den in jedem gegebenen Moment wirklich ge¬ schehenden Käufen zusammensetzt. Das kann aber, zweitens, auch als Folge der Tatsache anerkannt werden, daß dasselbe Geldquantum weil es nicht wie die Waren konsumiert wird, eine unbegrenzte Zahl von Umsätzen vermittelt und die Geringfügigkeit seiner Gesamt¬ summe im Verhältnis zu der der Waren, die in jedem isolierten Augenblick besteht, durch die Schnelligkeit seiner Zirkulation aus- gleicht. An einigen Höhepunkten des Geldwesens wird es ganz un¬ mittelbar anschaulich, eine wie verschwindend geringe Rolle die Geld- substanz in den durch sie vermittelten Wertausgleichen spielt: im Jahre 1890 hat die französische Bank auf Kontokorrent das 135 fache des tatsächlich darauf eingezahlten Geldes umgesetzt (54 Milliarden auf 400 Mill. Fr.), ja, die Deutsche Reichsbank das 190 fache. Innerhalb der funktionierenden Geldsummen, auf die hin die Geldpreisbestimmung der Waren erfolgt, wird die Geldsumme gegenüber dem, was durch ihr Funktionieren aus ihr wird, eine verschwindende Größe. Man kann deshalb zwar nicht von einem einzelnen Augenblick, wohl aber von einer bestimmt ausgedehnten Periode sagen, daß das Total¬ quantum des in ihr umgesetzten Geldes der Totalsumme der in ihr verkäuflich gewesenen Objekte entspräche. Der Einzelne macht doch auch seine Ausgaben, bewilligt insbesondere die Preise für größere Anschaffungen nicht von ihrem Verhältnis zu seinem momentanen Geldbestand aus, sondern im Verhältnis zu seinen Ge¬ samteinnahmen innerhalb einer längeren Periode. So mag in unserer Proportion der Geldbruch seine Gleichheit mit dem Warenbruch dadurch gewinnen, daß sein Nenner nicht das substanziell vorhandene Geldquantum, sondern ein durch die Zahl der Umsätze in einer ge¬ wissen Periode zu bestimmendes Vielfaches desselben enthält. Von diesen Gesichtspunkten aus läßt sich die Antinomie zwischen den überhaupt vorhandenen und den aktuellen Waren als Gegenwerten des Geldes lösen und die Behauptung aufrecht halten, daß zwischen der Gesamtsumme der Waren und der des Geldes in einem ge¬ schlossenen Wirtschaftskreise keine prinzipielle Disproportion herr¬ schen kann — so sehr man über das richtige Verhältnis zwischen einer einzelnen Ware und einem einzelnen Preise streiten mag, so viel Schwankungen und Disproportionalitäten entstehen mögen, wenn eine bestimmte Größe der fraglichen Brüche psychologisch fest ge¬ worden und daneben durch objektive Verschiebungen eine andere richtig geworden ist, so sehr namentlich eine rasche Steigerung des Verkehrs einen zeitweiligen Mangel an Umsatzmitteln fühlbar machen mag. Die Metallimporte und -exporte, die aus einem Mangel bzw. einem Überfluß von Geld in dem betreffenden Lande im Verhältnis zu seinen Warenwerten hervorgehen, sind nur Ausgleichungen inner¬ halb eines Wirtschaftskreises, dessen Provinzen die beteiligten Länder bilden, und bedeuten, daß das allgemeine, in diesem Wirtschafts¬ kreise jetzt wirkliche Verhältnis zwischen beiden aus der Verschieä bung, die es in einem einzelnen Teile erlitten hat, wieder hergestellt wird. Unter diesen Annahmen würde die Frage, ob ein Preis an¬ gemessen ist oder nicht, sich unmittelbar aus den beiden Vorfragen beantworten: erstens, welche Summe von Geld und welche Summe von Verkaufsobjekten momentan wirksam sind, und zweitens, welchen Teil des letzteren Quantums das jetzt in Rede stehende Objekt aus¬ macht. Die letztere ist die eigentlich entscheidende, und die Gleichung zwischen dem Objektbruch und dem Geldbruch kann eine objektiv und berechenbar wahre oder falsche sein, während es sich bei der zwischen den Objekten überhaupt und dem Geld überhaupt nur um Zweckmäßigkeit oder Unzweckmäßigkeit, nicht aber um Wahrheit im Sinne einer logischen Erweislichkeit handeln kann. Dieses Ver¬ hältnis der Totalitäten zueinander hat gewissermaßen die Bedeutung eines Axioms, das gar nicht in demselben Sinne wahr ist, wie die einzelnen Sätze, die sich auf dasselbe gründen; nur diese sind beweis¬ bar, während 'jenes auf nichts hinweisen kann, von dem es sich logisch herleite. Eine methodische Norm von großer Bedeutsamkeit kommt hier zur Geltung, für die ich ein Beispiel aus einer ganz anderen Kategorie von Werten anführen will. Die Grundbehauptung des Pessimismus ist, daß die Gesamtheit des Seins einen erheblichen Uberschuß der Leiden über die Freuden aufweise; die Welt der Lebewesen, als eine Einheit betrachtet, oder auch der Durchschnitt derselben, empfinde sehr viel mehr Schmerz als Lust. Eine solche Behauptung ist nun von vornherein unmöglich. Denn sie setzt voraus, daß man Lust und Schmerz, wie qualitativ gleiche Größen mit ent¬ gegengesetztem Vorzeichen, unmittelbar gegeneinander abwägen und aufrechnen könne. Das kann man aber in Wirklichkeit nicht, da es keinen gemeinsamen Maßstab für sie gibt. Keinem Quantum Leid kann es an und für sich anempfunden werden, ein wie großes Quantum Freude dazu gehört, um es aufzuwiegen. Wie kommt es, daß dennoch solche Abmessungen in einem fort stattfinden, daß wir sowohl in den Angelegenheiten des Tages, wie in dem Zusammen¬ hang der Schicksale, wie in der Gesamtheit des Einzellebens das Urteil fällen, das Freudenmaß sei hinter dem Maß der Schmerzen zurückgeblieben, oder habe es überschritten? Das ist nicht anders möglich, als daß die Erfahrung des Leben uns — genauer oder un¬ genauer - darüber belehrt, wie Glück und Unglück tatsächlich ver¬ teilt sind, wieviel Leid im Durchschnitt hingenommen werden muß, um ein gewisses Lustquantum damit zu erkaufen, und wieviel von beiden das typische Menschenlos aufweist. Erst wenn hierüber irgend¬ eine Vorstellung besteht, wie unbewußt und unbestimmt auch immer, kann man sagen, daß in einem einzelnen Falle ein Genuß zu teuer d. h. mit einem zu großen Leidquantum — erkauft ist, oder daß ein einzelnes Menschenschicksal einen Überschuß von Schmerzen über seine Freuden zeige. Jener Durchschnitt selbst ist aber nicht »unverhältnismäßig«, weil er vielmehr dasjenige ist, woran sich das Verhältnis der Empfindungen im einzelnen Falle erst als ein ange¬ messenes oder unangemessenes bestimmt — so wenig wie man sagen kann, der Durchschnitt der Menschen wäre groß oder klein, da dieser Durchschnitt ja erst den Maßstab abgibt, an dem der einzelne Mensch als welcher allein groß oder klein sein kann — sich mißt; ebenso, wie man nur sehr mißverständlich sagen kann, daß »die Zeit« schnell oder langsam verginge — das Vergehen der Zeit vielmehr, d. h. das als Durchschnitt erfahrene und empfundene Tempo der Er¬ eignisse überhaupt ist die messende Größe, an der sich die Schnellig¬ keit oder Langsamkeit des Ablaufs der einzelnen Erlebnisse ergibt, ohne daß jener Durchschnitt selbst schnell oder langsam wäre. So also ist die Behauptung des Pessimismus, daß der Durchschnitt des Menschenlebens mehr Leid als Lust aufweise, ebenso methodisch un¬ möglich wie der des Optimismus, daß er mehr Lust als Leid ein¬ schließe; das Empfundenwerden der Gesamtquanten von Lust und Leid (oder, anders ausgedrückt, ihres auf das Individuum oder die Zeitperiode entfallenden Durchschnitts) ist das Urphänomen, dessen Seiten nicht miteinander verglichen werden können, weil es dazu eines außerhalb beider gelegenen und sie gleichmäßig umfassenden Ma߬ stabes bedürfte.

Der Typus des Erkennens, um den es sich hier handelt, dürfte so hinreichend charakterisiert sein. Innerhalb der angeführten und mancher anderen Gebiete sind die primären, sie bildenden Elemente an sich unvergleichbar, weil sie von verschiedener Qualität sind, also nicht aneinander oder an einem dritten gemessen werden können. Nun aber bildet die Tatsache, daß das eine Element überhaupt in diesem, das andere in jenem Maße vorhanden ist, ihrerseits den Maß- stab für die Beurteilung des singulären und partiellen Falles, Er¬ eignisses, Problemes, in dem beiderlei Elemente mitwirken. Indem die Elemente des einzelnen Vorkommnisses die Proportion der Ge¬ samtquanten wiederholen, haben sie das »richtige«, d. h. das normale, durchschnittliche, typische Verhältnis, während die Abweichung da¬ von als »Übergewicht« des einen Elementes, als »Unverhältnismäßig¬ keit« erscheint. An und für sich besitzen natürlich diese Elemente der Einzelfälle so wenig ein Verhältnis von Richtigkeit oder Falschheit, Gleichheit oder Ungleichheit, wie ihre Gesamtheiten es haben; sie gewinnen es vielmehr erst dadurch, daß die Maße der Gesamtquanten das Absolute bilden, nach dem das Einzelne, als das Relative, ge- 8 Simmel, Philosophie des Geldes.

schätzt wird; das Absolute selbst aber unterliegt nicht den Bestim¬ mungen der Vergleichbarkeit, die es seinerseits dem Relativen er¬ möglicht. — Diesem Typus könnte nun das Verhältnis zwischen dem Verkaufsobjekt und seinem Geldpreis angehören. Vielleicht haben beide inhaltlich gar nichts miteinander gemeinsam, sind qualitativ so ungleich, daß sie quantitativ unvergleichbar sind. Allein da nun ein¬ mal alles Verkäufliche und alles Geld zusammen einen ökonomischen Kosmos ausmachen, so könnte der Preis einer Ware der »ent¬ sprechende« sein, wenn er denjenigen Teil des wirksamen Gesamt¬ geldquantums darstellt, den die Ware von dem wirksamen Gesamt¬ warenquantum ausmacht. Nicht der gleiche »Wert« in der Ware und der bestimmten Geldsumme braucht ihre gegenseitige Verhältnis - mäßigkeit zu begründen; der Geldpreis braucht vielmehr keinen Wert überhaupt oder wenigstens keinen Wert in demselben Sinne zu ent¬ halten, sondern nur denselben Bruch mit allem Geld überhaupt zu bilden, den die Ware mit allen Warenwerten überhaupt bildet. — Auch der Verlauf der Individualwirtschaft zeigt, wie abhängig der Geldpreis einer Ware von dem Verhältnis dieser zu einer Waren¬ gesamtheit ist. Man sagt: wir bringen ein Geldopfer — das uns an sich beschwerlich ist — nur wenn wir einen angemessenen Gegenwert erhalten. Jede Ersparnis an jenem Opfer wird als ein positiver Ge- wenn gerechnet. Allein sie ist ein Gewinn nur dadurch, daß sie er¬ möglicht, dasselbe Opfer bei einer anderen Gelegenheit zu bringen. Wüßte ich mit dem Geld sonst nichts anzufangen, so würde ich meinen ganzen Geldbesitz ohne weiteres für das eine Objekt, für das er ge¬ fordert würde, hingeben. Die Angemessenheit des Preises bedeutet also nur, daß ich — als Durchschnitts wesen — nachdem ich ihn bezahlt habe, noch so viel übrigbehalten muß, um die übrigen gleich¬ falls begehrten Dinge zu kaufen. Der Aufwand für jeden einzelnen Gegenstand muß sich danach richten, daß ich noch andere Gegen¬ stände außer ihm kaufen will. Wenn jedermann seine privaten Aus¬ gaben so reguliert, daß sein Aufwand für jede Warengattung seinem Gesamteinkommen proportioniert ist, so bedeutet dies, daß sein Auf¬ wand für das Einzelne sich zu seinem Aufwand für das Ganze der Wirtschaft verhält, wie sich die Bedeutung des beschafften Einzel¬ objekts zu der der zu beschaffenden Gesamtheit der ihm wünschbaren und zugängigen Objekte verhält. Und dieses Schema der Individual¬ wirtschaft ist offenbar nicht nur eine Analogie der Wirtschaft über¬ haupt, sondern aus seiner durchgängigen Anwendung muß die Fest¬ setzung der Durchschnittspreise hervorgehen: die fortwährenden sub¬ jektiven Abwägungen müssen als Niederschlag das objektive Ver¬ hältnis zwischen Ware und Preis erzeugen, das also ebenso von dei Proportion zwischen dem wirrksamen Gesamtwarenvorrat und dem Gesamtgeldquantum abhängt, wie— alle Modifikationen Vorbehalten— von der Proportion zwischen den Gesamtbedürfnissen des Einzelnen und seinem dafür verfügbaren Gesamtgeldeinkommen.

Die ganze bisherige Deduktion berührte in keiner Weise die Frage, ob das Geld in Wirklichkeit ein Wert ist oder nicht; sondern nur, daß seine Funktion, Werte zu messen, ihm den Charakter eines Eigenwertes nicht aufzwingt, galt es zu beweisen. Aber diese bloße Möglichkeit macht doch den Weg für die Erkenntnis nicht nur seines wirklichen Entwicklungsganges, sondern vor allem seines innerlichen Wesens frei. — Auf den primitiven Wirtschaftsstufen treten allent¬ halben Gebrauchswerte als Geld auf: Vieh, Salz, Sklaven, Tabak, Felle usw. Auf welche Weise sich das Geld auch entwickelt habe, am Anfang muß es jedenfalls ein Wert gewesen sein, der unmittelbar als solcher empfunden wurde. Daß man die wertvollsten Dinge gegen einen bedruckten Zettel fortgibt, ist erst bei einer sehr großen Aus¬ dehnung und Zuverlässigkeit der Zweckreihen möglich, die es sicher macht, daß das unmittelbar Wertlose uns weiterhin zu Werten ver- hilft. So kann man logische Schlußreihen, die auf durchaus bündige Schlußsätze führen, durch an sich unmögliche oder widerspruchsvolle Glieder hindurchleiten — aber doch nur, wenn das Denken seiner Richtung und Richtigkeit ganz sicher ist; ein primitives, noch schwankendes Denken würde an einem solchen Punkte sofort seine Direktion und sein Ziel verlieren und muß deshalb seine Funktionen an Sätzen ausüben, von denen jeder für sich möglichst konkret und von greifbarer Richtigkeit ist — freilich um den Preis der Beweglich¬ keit des Denkens und der Weite seiner Ziele. Entsprechend steigert die Durchführung der Wertreihen durch das Wertlose ihre Aus¬ dehnung und Zweckmäßigkeit ganz außerordentlich, kann sich aber erst bei einer gewachsenen Intellektualität der Einzelnen und stetigen Organisation der Gruppe verwirklichen. Niemand wird so töricht sein, einen Wert gegen etwas wegzugeben, was er unmittelbar über¬ haupt nicht verwenden kann, wenn er nicht sicher ist, dieses Etwas mittelbar wieder in Werte umsetzen zu können. Es ist also nicht anders denkbar, als daß der Tausch ursprünglich ein Naturaltausch, d. h. ein zwischen unmittelbaren Werten erfolgender gewesen ist. Man nimmt an, daß Objekte, welche gerade wegen ihrer allgemeinen Er- wünschtheit besonders häufig eingetauscht wurden und kursierten, also besonders häufig mit anderen Gegenständen dem Werte nach gemessen wurden, psychologisch am ehesten zu allgemeinen Wert¬ maßen auswachsen konnten. In scheinbar entschiedenem Gegensatz gegen das eben gewonnene Resultat, nach dem das Geld an und für sich kein Wert zu sein braucht, sehen wir hier, daß zunächst gerade das Notwendigste und Wertvollste dazu neigt, zum Geld zu werden. Das Notwendigste verstehe ich hier keineswegs im physiologischen binn; vielmehr kann z. B. das Schmuckbedürfnis die herrschende j oHe unter den empfundenen »Notwendigkeiten« spielen; wie wir denn auch tatsächlich von Naturvölkern hören, daß der Schmuck ihres Körpers, bzw. die dazu verwendeten Gegenstände, ihnen wert- vo 1er ist als alle die Dinge, die wir uns als viel dringlicher not¬ wendig vorstellen. Da die Notwendigkeit der Dinge für uns immer nur ein Akzent ist, den unser Gefühl ihren an sich ganz gleich- erechtigten — richtiger: an sich überhaupt nicht »berechtigten« — nhalten erteilt, und der ausschließlich von den Zwecken abhängt ie wir uns setzen — so ist von vornherein in keiner Weise auszurlches de™ nun J'ene unmittelbar dringlichen und den Geldcharakter anzunehmen geneigten Werte eigentlich sind; nur daß emtfund!nf MC “ SOkhe geknÜPft hat> die durch ihre empfundene Notwendigkeit eine besondere Häufigkeit des Austausches gegen die Mannigfaltigkeit anderer Dinge aufwiesen scheint rw"SrgliCh' Tauschraittel noch Stoffe nTeh /l haI,e “tstehe" können, wenn es nicht seinem Stoffe nach als unmittelbar wertvoll empfunden worden wäre.

daß das reldenf Wlr J'et2igen ZuStand> 50 ist unzweifelhaft, Smff a,,k UnS mCht mChr deshalb "««voll ^t, weil sein glstelU wüT fJ ^ dn unentbehrlicher Wert vor- ^ rde- ^fin Mensch europäischer Kultur findet heute ein ’ TÜ SiCh dn Scbmnckgegenstand daraus he“ stellen beße Und schon deshalb kann der heutige Geldwert nicht auf seinen Metallwert zurückgehen, weil das Edelmetall jetzt in viel zu großen Quantitäten vorhanden ist, um bloß zu Schmuck- und technischen Zwecken noch lohnende Verwendung zu finden Denkt man sich wie es m der Konsequenz der Metallwerttheorie liegt einen solchen Übergang als vollzogen, so würde dies eine demrZ de^eVauf^LgMStänden aUSuEdelmetaI1 erzeugen, daß der Wert derselben auf em Minimum sinken müßte. Daß man das Geld also auf seine mögliche Umsetzung in sonstige Metallobjekte wertet ist gerade nur unter der Bedingung möglich, daß diese Umsetzung nicht oder nur m ganz verschwindendem Maße erfolge. So sehr also auch am Anfang der Entwicklung, d. h. bei einem sehr geringen Bestie von Edelmetallen, ihre Verwendung als Schmuck ihren Geldwert be stimmt haben möge, so verschwindet diese Beziehung doch in dem Maße ihrer gesteigerten Produktion. Diese Entwicklung wird noch urch unterstützt, daß der primitive Mensch, wie ich hervorhob, n es zwar für eine vitale Notwendigkeit hält, sich in einer bestimmten Weise zu schmücken, daß aber die spätere Ausbildung der Wert¬ skalen dieses Interesse tatsächlich in die Kategorie des »Entbehr¬ lichen« oder »Überflüssigen« einreiht. Der Schmuck spielt im mo¬ dernen Kulturleben absolut nicht mehr die soziale Rolle, die wir mit Staunen in den ethnologischen, aber auch noch in mittelalterlichen Berichten finden. Auch dieser Umstand muß dazu dienen, die Be¬ deutung des Geldes, die es seinem Material verdankt, herabzudrücken. Man kann sagen, daß der Wert des Geldes immer mehr von seinem terminus a quo auf seinen terminus ad quem übergeht, und daß so das Metallgeld, in bezug auf die psychologische Vergleichgültigung seines Materialwertes, mit dem Papiergeld auf einer Stufe steht. Man darf die materiale Wertlosigkeit dieses letzteren nicht deshalb als irrelevant erklären, weil es nur eine Anweisung auf Metall wäre. Dagegen spricht schon die Tatsache, daß selbst ein völlig ungedecktes Papiergeld doch immer als Geld gewertet wird. Denn wenn man auch auf den politischen Zwang hinweisen wollte, der allein solchem Papiergeld seinen Kurs verschaffte, so heißt das ja gerade, daß andere Gründe als der der unmittelbaren und materialen Verwertung einem bestimmten Stoff den Geldwert verleihen können und jetzt