SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

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in Priestern und Kirchen, der ethisch -soziale in den Verwaltern und sichtbaren Institutionen der Staatsgewalt, der Erkenntniswert in den Normen der Logik verkörpert, so steht keines von diesen losgelöster über den konkreten wertvollen Gegenständen oder Vorgängen keines ist mehr der bloß abstrakte Träger des Wertes und nichts weiter, kaum in einem geht die Gesamtheit der fraglichen Wertprovinz in so treuer Abspiegelung auf.

Dieser Charakter des reinen Symbols der ökonomischen Werte ist das Ideal, dem die Entwicklung des Geldes zustrebt, ohne ihn je völlig zu erreichen. Es steht ursprünglich - das muß unbedingt fest¬ gehalten werden — in einer Reihe mit allen anderen Wertobjekten und sein konkreter Substanzwert tritt in Abwägung gegen diese. Mit dem steigenden Bedürfnis nach Tauschmitteln und Wertmaßstäben wird es immer mehr aus einem Gliede von Wertgleichungen zu dem Ausdruck derselben und insofern von dem Werte seines Substrates immer unabhängiger. Dennoch kann es einen Rest von substanziellem Werte mcht abstreifen, und zwar nicht eigentlich aus inneren, aus seinem Wesen folgenden Gründen, sondern wegen gewisser Unvoll- kommenheiten der ökonomischen Technik. Die eine betrifft das Geld als Tauschmittel. Der Ersatz des Eigenwertes des Geldes durch eine bloß symbolische Bedeutung kann, wie wir gesehen haben, daraufhin erfolgen, daß die Proportion zwischen der einzelnen Ware und dem augenblicklich ökonomisch wirksamen Gesamtwarenquantum unter bestimmten Modifikationen gleich ist derjenigen zwischen einer Geld¬ summe und dem augenblicklich ökonomisch wirksamen Gesamtgeld¬ quantum; daß die Nenner dieser Brüche nur praktisch, aber nicht bewußt wirksam sind, da nicht sie, sondern nur die wechselnden Zähler von realem, den wirklichen Verkehr bestimmendem Interesse sind; und daß deshalb in diesem Verkehr eine unmittelbare Gleichung zwischen der Ware und der Geldsumme stattzufinden scheint, die freilich auf einer ganz anderen Basis ruht als die primäre Gleichung zwischen dem Objekt und dem Substanzwert des Geldes, welch letztere allmählich in jene übergeht. Wenn diese Entwicklung selbst zugegeben wird, so stehen doch jedenfalls die aus den betreffen¬ den Gesamtwertsummen bestehenden Faktoren zwischen äußerst schwankenden Grenzen, der instinktiv gewonnene Überschlag, in dem sie wirken, kann immer nur ein sehr ungenauer sein. Vielleicht ist dies ein Grund, weshalb auf eine unmittelbare Wertausgleichung zwischen Waren und Geld nicht völlig verzichtet werden kann. Das Stückchen eigenen, materialen Wertes, das im Geld steckt, ist der Halt und die Ergänzung, deren wir bedürfen, weil unsere Erkenntnis zu der genauen Bestimmung jener Proportion nicht ausreicht, bei der allerdings eine Wesensgleichheit zwischen dem Gemessenen und dem Maße, d. h. ein Eigenwert des Geldes sich erübrigen würde. So¬ lange aber empfunden wird und an der Praxis des Wirtschaftens sich zeigt, daß die dieses bedingende Proportion keine Genauigkeit besitzen kann, bedarf das Messen noch einer gewissen qualitativen Einheit des Wertmaßstabes mit den Werten selbst. Es ist vielleicht nicht uninteressant, sich einen entsprechenden Fall aus der ästheti¬ schen Verwertung der Edelmetalle klarzumachen. Von der Londoner Ausstellung von 1851 berichtete ein Kenner über den Unterschied englischer und indischer Gold- und Silberarbeiten: bei den englischen scheine der Fabrikant sich bemüht zu haben, eine möglichst große Menge Metalls in ein Minimum von Formung hineinzupressen; bei den indischen aber sei »das Emaillieren, Tauschieren, Durchbrechen usw. so zur Anwendung gebracht, daß auf das geringst mögliche Metall¬ quantum die größtmögliche Menge vollendet geschickter Arbeit kommt«. Dennoch ist es für die ästhetische Bedeutung auch dieser letzteren sicher nicht gleichgültig, daß das wenige Metall, in dem sich die Formen ausdrücken, eben doch Edelmetall ist. Auch hier ist die Form, d. h. das bloße Verhältnis der Substanzteile zueinander, über die Substanz und ihren Eigenwert Herr geworden. Aber wenn das auch so weit getrieben werden mag, daß die Metallmasse nur noch verschwindenden Wert hat, so muß dieses Minimum, damit der Gegenstand im höchsten Maße schmücke und ästhetisch erfreue, immerhin noch ein edler Stoff sein. Sein eigentlicher Materialwert steht hier freilich nicht mehr in Frage, sondern nur dies, daß über¬ haupt nur der edelste Stoff der adäquate Träger für ein vollendetes formales Verhältnis der Teile ist.

Es liegt übrigens auf der Hand, daß jene Zurückführung des Materialwertes beim Geld auf ein Ergänzungs- und Festigungsprinzip gegenüber den nicht hinreichend zu sichernden bloßen Relationen nur eine Deutung von Prozessen ist, die völlig unterhalb des Bewußt¬ seins der Wirtschaftenden selbst Vorgehen. Die wirtschaftlichen Wechselwirkungen verlaufen eben überhaupt in so wunderbarer Zweckmäßigkeit, in so fein organisiertem Ineinandergreifen un¬ zähliger Elemente, daß man einen überschauenden, nach über¬ individueller Weisheit schaltenden Geist als Lenker derselben an¬ nehmen müßte, wenn man nicht auf die unbewußte Zweckmäßigkeit des menschlichen Gattungslebens zurückgreifen wollte. Bewußtes Wollen und Voraussehen des einzelnen würde nicht ausreichen, das wirtschaftliche Getriebe in derjenigen Harmonie zu halten, die es neben all seinen furchtbaren Dissonanzen und Unzulänglichkeiten aufweist; es müssen vielmehr unbewußte Erfahrungen und Be¬ rechnungen angenommen werden, die sich im geschichtlichen Ver¬ lauf der Wirtschaft summieren und denselben regulieren. Immerhin darf man nicht vergessen, daß unbewußte Vorstellungen keine zu¬ längliche Erklärung, sondern nur ein Hilfsausdruck sind, der sich eigentlich auf einem Trugschluß auf baut. Gewisse Handlungen und Gedanken entspringen in uns auf Grund bestimmter Vorstellungen, Schlußreihen usw. Sobald nun aber jene ohne diese Antezedentien in uns auf tauchen, so schließen wir, daß eben dieselben, nur in un¬ bewußter Form, dennoch dagewesen wären. Dies aber ist Zweifel- los logisch unberechtigt. Die bloß negative Tatsache, daß wir uns in diesem Falle keiner begründenden Vorstellungen bewußt sind, drehen wir unter der Hand in die positive um, daß unbewußte Vor¬ stellungen vorhanden sind. Tatsächlich wissen wir über solche, ein psychisches Resultat ohne begründende Bewußtseinsvorgänge dar¬ bietende Vorgänge gar nichts Näheres, und die unbewußten Vor¬ stellungen, Erfahrungen, Schlüsse sind nur der Ausdruck dafür daß jene so verlaufen, als ob bewußte Motive und Ideen ihnen zum Grunde lägen. Dem Erklärungstrieb bleibt aber vorläufig nichts übrig, als diese aufzusuchen und als — unbewußt — wirkende Ur¬ sachen zu behandeln, so sehr sie ein bloßes Symbol des wirklichen Verlaufes sind. Bei dem jetzigen Stande des Wissens ist es un¬ vermeidlich und deshalb legitim, die Wertbildungen, ihre Fixierungen und Fluktuierungen als unbewußte Vorgänge nach den Normen und Formen der bewußten Vernunft zu deuten.

Die zweite Veranlassung dazu, das Geld nicht in seinem Symbol¬ charakter völlig aufgehen zu lassen, liegt mehr nach seiner Be¬ deutung als Element des Verkehrs hin. So sehr die Tauschfunktionen des Geldes, abstrakt betrachtet, durch ein bloßes Zeichengeld er¬ füllt werden könnten, so würde doch keine menschliche Macht es mit den hinreichenden Garantien gegen die dann naheliegenden Mißbräuche umgeben können. Die Tausch- wie die Meßfunktion jedes Geldes ist offenbar an eine bestimmte Begrenzung seiner Quantität, an seine »Seltenheit«, wie man zu sagen pflegt, gebunden. Gilt nämlich jene Proportion zwischen dem Einzelquantum und dem Gesamtquantum von Waren und Geld, so scheint sie freilich bei jeder beliebigen Vermehrung des letzteren unverändert und mit gleicher Bedeutung für die Preisbildung weiterbestehen zu können. Der Geldbruch zeigte dann nur bei der Vergrößerung des Nenners auch die proportionale Vergrößerung des Zählers, ohne seinen Wert zu ändern. Allein tatsächlich findet bei sehr erheblicher Geld¬ vermehrung diese Proportionalität der Änderung nicht statt. Wäh¬ rend vielmehr in Wirklichkeit der Nenner des Geldbruches sich sehr vergrößert, bleibt zunächst, und bis alle Verkehrsverhältnisse sich der neuen Grundlage angepaßt haben, der Zähler derselbe. Der Preis also, der aus der absoluten Größe des letzteren besteht, ist vorläufig ungeändert, während er relativ, d. h. während der Geld¬ bruch, viel kleiner wird. Infolgedessen ist der Besitzer der neuen Geldmassen, zunächst also etwa die Regierung, in einer außer¬ ordentlich begünstigten Lage allen Warenverkäufern gegenüber, worauf dann unvermeidlich Reaktionen voll schwerster Erschütte¬ rungen des Verkehrs eintreten müssen, und zwar besonders von dem Augenblick an, wo die Einnahmen der Regierung selbst in dem ent¬ werteten Gelde eingehen. Der Zähler des Geldbruches — der Preis der Waren — hebt sich natürlich erst dann proportional, wenn der übermäßige Geldvorrat der Regierung im wesentlichen ausgegeben ist. Sie findet sich also den erhöhten Preisen ihrer Bedürfnisse wieder mit einem gesenkten Geldvorrat gegenüber, eine Situation, in der die Versuchung, ihr durch eine neue Emission von Geld zu begegnen, meist unwiderstehlich ist und das Spiel von neuem be¬ ginnen läßt. Ich führe dies nur als Typus der zahlreichen und so oft behandelten Mißerfolge willkürlicher Papiergeldemissionen an. Solche liegen aber verführerisch nahe, sobald nicht eine feste Bin¬ dung des Geldes an eine Substanz da ist, deren Vermehrung eine begrenzte ist. Ja, eine äußerlich gegenteilige Erscheinung beweist dies um so entschiedener. Im 16. Jahrhundert schlug ein französi¬ scher Staatsmann vor, man solle doch künftig das Silber nicht mehr als Geld verwenden, sondern die Münzen aus Eisen prägen — und zwar von dem Gesichtspunkt aus, daß die Masseneinfuhr des Silbers aus Amerika diesem Metall seine Seltenheit raubte. Nähme man da¬ gegen ein Metall, das ausschließlich durch die staatliche Prägung überhaupt einen Wert erhält, so läge darin eine größere Garantie für die erforderliche Eingeschränktheit des Geldquantums; während, wenn jeder Besitzer von Silber damit unmittelbar auch Geld habe, es an jeder Grenze für seine Masse fehle. Dieser merkwürdige Vor¬ schlag zeigt also ein sehr klares Gefühl dafür, daß Edelmetall nicht als solches der geeignete Geldstoff ist, sondern nur insofern es der Geldherstellung die unentbehrliche Grenze steckt; so daß, wenn es dies zu tun aufhört, irgendein anderes Substrat, zu dessen Einschränk - barkeit man größeres Vertrauen hat, an seine Stelle zu treten hat — wie es denn überhaupt nur bestimmte funktionelle Qualitäten der Edelmetalle sind, die ihnen den Vorzug als Zirkulationsmittel ver¬ schaffen, und, wenn diese ihnen einmal aus irgendeinem Grunde fehlen, ein anderes in diesen Hinsichten besser qualifiziertes Um¬ laufsmittel an ihre Stelle tritt: in Genua trieb im Jahre 1673 ein¬ gestandenermaßen die elende Beschaffenheit und unberechenbare Verschiedenheit der einströmenden Münzen dazu, den Verkehr auf Wechsel und Anweisungen zu basieren. Wir wissen heute nun frei¬ lich, daß nur die Edelmetalle oder sogar nur das Gold die Garantie für die erforderlichen Qualitäten, insbesondere für die Quantitäts¬ beschränkung gibt, und daß Papiergeld der Gefahr des Mißbrauchs durch willkürliche Vermehrung nur durch ganz bestimmte Bindungen an Metallwert entgeht, die entweder durch Gesetz oder durch die Wirtschaft selbst fixiert sind. Wie wirksam die Zweckmäßigkeit dieser Einschränkung ist — so daß sie sogar über den primären individuellen Nutzen völlig Herr werden kann — zeigt z. B. die folgende Erscheinung. Während des Bürgerkrieges in den Ver¬ einigten Staaten war in den westlichen Staaten die Zirkulation des Papiergeldes — der Greenbacks — tatsächlich ausgeschlossen; ob¬ gleich sie gesetzliches Zahlungsmittel waren, wagte niemand, ein in Gold empfangenes Darlehen in ihnen zurückzuzahlen, wobei er einen Gewinn von 150 o/0 gemacht hätte. Ähnlich ging es sogar anfangs des 18. Jahrhunderts mit Schatzbons, die die französische Regierung in großer Geldnot ausgab. Obgleich sie durch Gesetz bestimmte, daß von jeder Zahlung ein Viertel in diesen Bons geleistet werden dürfe, so fielen sie dennoch sehr bald auf einen ganz geringen Bruch¬ teil ihres Nominalwertes. Solche Fälle beweisen, wie sehr die Gesetze des Verkehrs selbst die Bedeutung des Metallgeldes konser¬ vieren. Und zwar können sie das keineswegs nur nach dem Typus der angeführten Beispiele. Als die Bank von England zwischen 1796 und 1819 ihre Noten nicht mehr einlöste, betrug schließlich die Entwertung derselben gegen Gold nur 3—5 o/0; aber die Waren¬ preise erhöhten sich infolgedessen um 20 — 50 0 j0 1 Und wo ein Zwangskurs ausschließlich Papier und Scheidemünze im Verkehr läßt, sind die schwersten Schädigungen nur dadurch zu vermeiden, daß das Agio für längere Perioden immer nur minimale Schwan¬ kungen zeigt, was eben seinerseits nur durch genaue Eingrenzung der Papiergeldemissionen möglich ist. Diese unentbehrliche regu¬ lierende Bedeutung aber hat das Gold und hatte früher auch das Silber nicht wegen seiner Wertgleichheit mit den Gegenständen, deren Austausch es vermittelt, sondern wegen seiner relativen Selten¬ heit, die die Überschwemmung des Marktes mit Geld und damit die fortwährende Zerstörung derjenigen Proportion verhindert, auf der die Äquivalenz einer Ware mit einem bestimmten Geldquantum beruht. Und zwar findet die Zerstörung dieser Proportion von beiden Seiten her statt. Die übermäßige Geldvermehrung erzeugt im Volke einen Pessimismus und Argwohn, infolgedessen man soweit wie mög¬ lich des Geldes zu entraten und auf Naturaltausch oder Obligation zurückzugreifen sucht. Indem dies die Nachfrage nach Geld ver¬ mindert, sinkt für das kursierende der Wert, der eben in der Nach¬ frage liegt. Da nun die geldemittierende Instanz dieser Wertverringe¬ rung durch gesteigerte Vermehrung entgegenarbeiten wird, so müssen Angebot und Nachfrage immer weiter auseinanderklaffen und der circulus vitiosus der angedeuteten Gegenwirkungen den Wert solchen Geldes immer tiefer senken. Auch kann das Mißtrauen gegen die durch die staatliche Prägung erzeugte Wertung des Geldsubstrats — gegenüber der Zuverlässigkeit des reinen Metallwertes — die Form annehmen, daß in der späteren römischen Republik die Münze eigentlich nur im Detailverkehr zirkulierte, der Großverkehr dagegen sich überwiegend des Geldes nach Gewicht bediente; nur so glaubte er gegen politische Krisen, Parteiinteressen und Regierungseinflüsse gesichert zu sein.

Nach alledem scheint es freilich, als wären die Unzuträglichkeiten einer durch nichts begrenzten Geldvermehrung nicht eigentlich ihr selbst, sondern nur der Art ihrer Verteilung zuzuschreiben. Nur weil das aus dem Nichts geschaffene Geld sich zunächst in einer Hand befindet und sich von da aus in ungleichmäßiger und unzweckmäßiger Weise verbreitet, entstehen jene Erschütterungen, Hypertrophien und Stockungen; sie scheinen vermeidlich, wenn man einen Modus fände, der die Geldmassen entweder gleichmäßig oder nach einem be¬ stimmten Gerechtigkeitsprinzip zur Verteilung brächte. So ist be¬ hauptet worden, daß, wenn plötzlich jeder Engländer in seiner Tasche das Geld verdoppelt fände, dadurch zwar eine entsprechende Er¬ höhung aller Preise eintreten, dieselbe aber niemandem einen Vorteil bringen würde; der ganze Unterschied wäre, daß man die Pfunde, Schillinge und Pence in höheren Ziffern zu rechnen hätte. Damit würde nicht nur der Einwand gegen das Zeichengeld fortfallen, sondern nun würde der Vorteil der Geldvermehrung hervor¬ treten, der sich auf die empirische Tatsache gründe, daß mehr Geld immer auch mehr Verkehr, Behagen, Macht und Kultur be¬ deutet habe.

So wenig nun die Erörterung dieser, auf ganz unrealisierbaren Voraussetzungen ruhenden Konstruktionen um ihrer selbst willen lohnt, so führt sie doch über die Erkenntnis realer Verhältnisse, die es bewirken, daß die allmähliche Auflösung des Substanzwertes des Geldes niemals ihren Endpunkt völlig erreichen kann. — Nehmen wir jenen idealen Zustand als gegeben an, in dem die Vermehrung des Geldes wirklich die gleichmäßige Erhöhung jedes individuellen Besitzes bewirkt habe, so widerspricht die eine Folgerung: daß alles beim alten bleibt, da alle Preise gleichmäßig in die Höhe gingen — der anderen, die der Vermehrung des Geldes eine Belebung und Erhöhung des gesamten Verkehrs zuschreibt. Denn die Vorstellung liegt zwar verlockend nahe* die Verhältnisse der Individuen unter¬ einander, d. h. die soziale Position eines jeden zwischen dem darüber und dem darunter Stehenden würden in diesem Falle ungeändert bleiben; dagegen die objektiven Kulturgüter würden in lebhafterer, intensiverer und extensiverer Weise produziert werden, so daß schließlich die Lebensinhalte und -genüsse jedes Einzelnen, absolut genommen, mit dem sozialen Gesamtniveau gestiegen wären, ohne daß sich in den Reichtums- oder Armutsverhältnissen ebendesselben, die sich nur durch seine Relation zu anderen bestimmen, etwas ge¬ ändert hätte. Man könnte darauf hinweisen, daß die moderne geld¬ wirtschaftliche Kultur schon jetzt eine Reihe von Gütern — öffent¬ liche Einrichtungen, Büdungsmöglichkeiten, Unterhaltsmittel usw. — dem Armen zugängig gemacht hat, die früher sogar der Reiche ent¬ behren mußte, ohne daß dadurch die relative Stellung beider zu¬ gunsten des ersteren verschoben wäre. Diese Möglichkeit: daß die proportional ausgeteilte Geldvermehrung die objektive Kultur, also auch den Kulturinhalt des einzelnen Lebens, absolut genommen ver¬ mehre, während die Verhältnisse der Individuen untereinander un¬ geändert bleiben ist an sich gewiß der Erörterung wert. Sieht man aber genau zu, so ist jener sachliche Erfolg doch gar nicht anders zu realisieren, als daß die Geldvermehrung — wenigstens zunächst — vermittels einer ungleichmäßigen Verteilung wirkt. Das Geld, ein ausschließlich soziologisches, in Beschränkung auf ein Individuum ganz sinnloses Gebilde, kann irgendeine Veränderung gegen einen gegebenen Status nur als Veränderung der Verhältnisse der Individuen untereinander bewirken. Die gesteigerte Lebhaftig¬ keit und Intensität des Verkehrs, die einer Geldplethora folgt, geht darauf zurück, daß mit ihr die Sehnsucht der Individuen nach mehr Geld gesteigert wird. Der Wunsch, von dem Geld der anderen mög¬ lichst viel in die eigene Tasche zu leiten, ist zwar ein chronischer, er wird aber offenbar nur dann akut genug, um den Einzelnen zu besonderer Kraftanspannung und Emsigkeit zu führen, wenn diesem sein Minderbesitz anderen gegenüber besonders scharf und dringend ins Bewußtsein tritt; in welchem Sinne man sagt: les affaires — c’est l'argent des autres. Wenn die Voraussetzung jener Theorie einträte: daß die Vermehrung des Geldquantums die Relationen der Menschen zueinander und der Warenpreise zueinander völlig ungeändert ließe, so würde es zu solcher Anstachelung der Arbeitsenergien nicht kommen. Auch wird jene zauberhafte Verdoppelung der Geldquanten nur dann keine Veränderung der Relationen mit sich bringen, wenn sie nicht auf eine bestehende Verschiedenheit der Besitze trifft. Denn die Verdoppelung z. B. dreier Einkommen von 1000, ioöoo und iooooo Mark verschiebt auch das Verhältnis ihrer Besitzer gegen den vorigen Stand sehr erheblich, da für die zweiten 1000 usw. Mark doch nicht bloß das Doppelte der für die ersten 1000 usw. Mark be¬ schafften Dinge gekauft wird. Es würde vielmehr auf der einen Seite etwa nur zu einer Verbesserung der Nahrung, auf der zweiten zu einer Verfeinerung der ästhetischen Kultur, auf der dritten zu größeren Spekulationswagnissen kommen. Unter der Voraussetzung voran¬ gängiger absoluter Gleichheit würden allerdings die subjektiven Niveaus un geändert bleiben, aber auch das objektive — während anderenfalls dieses letztere in unberechenbarer Weise alteriert würde und jedenfalls jenen gerühmten Aufschwung nur dann zeigen würde, wenn die Unterschiede im Besitz der Einzelnen entschiedener als vorher bestehen oder empfunden werden.

Noch näher aber an unser Ziel reichen die Überlegungen heran, die sich an die sachliche Seite jener Theorie knüpfen: daß die Ver¬ doppelung jedes Geldbesitzes deshalb alles ungeändert ließe, weil damit sogleich auch für alle Warenpreise gleichmäßige Verdoppe¬ lung eintreten würde. Allein diese Begründung ist irrig und übersieht eine eigentümliche, tief einschneidende Bestimmtheit des Geldes, die man seinen relativen Elastizitätsmangel nennen könnte: sie besteht darin, daß ein neues, innerhalb eines Wirtschaftskreises verteiltes Geldquantum die Preise nicht nach ihren bisher bestehenden Proportionen erhöht, sondern neue Preisverhältnisse zwischen ihnen schafft, und zwar auch ohne daß die Macht individueller Interessenten diese Verschiebung bewirkt. Sie beruht vielmehr auf den Folgen der Tatsache, daß der Geldpreis einer Ware, trotz seiner Relativität und seiner inneren Zusammenhangslosigkeit mit der Ware, dennoch bei längerem Bestehen eine gewisse Festigkeit annimmt und daraufhin als das sachlich angemessene Äquivalent erscheint. Wenn der Preis eines Gegenstandes lange Zeit hindurch sich auf einem bestimmten Durchschnittsniveau innerhalb bestimmter Schwankungsgrenzen ge¬ halten hat, so pflegt er diese Höhe auf Grund einer Änderung des Geldwertes nicht zu verlassen, ohne irgendeinen Widerstand zu leisten. Die Assoziation — nach Begriffen wie nach Interessen — zwischen dem Gegenstand und seinem Preise ist psychologisch so fest ge¬ worden, daß weder der Verkäufer dessen Sinken, noch der Käufer dessen Steigen mit jener Leichtigkeit zugeben, die selbstverständlich sein müßte, wenn der Ausgleich zwischen Geldwert und Warenwert wirklich durch denselben hemmungslosen Mechanismus erfolgte, durch den das Thermometer je nach der Lufttemperatur steigt oder sinkt, ohne die Genauigkeit der Proportion zwischen Ursache und Wirkung durch eine Verschiedenheit des Widerstandes zu stören, den es der einen Bewegung mehr als der anderen entgegensetze. Auch wenn man plötzlich noch einmal so viel Geld in der Tasche hat als kurz vorher, ist man doch nicht geneigt, nun ebenso plötzlich für jede Ware das Doppelte wie vorher aufzuwenden; man wird allerdings vielleicht, im Übermut des neuen Besitzes, dessen Bedeutung man unvermeidlich nicht nach dem neuen, sondern nach dem von früher gewohnten Maßstab schätzt, nach dem Preise überhaupt nicht fragen. Allein das Überschreiten des jetzt Angemessenen zeigt nicht weniger als das Dahinter-Zuriickbleiben, daß von einer proportionalen Regu¬ lierung der Preise wenigstens in der ersten Zeit der Geldplethora nicht die Rede sein kann, daß in diese Regulierung vielmehr die fest¬ gewordene Assoziation zwischen der Ware und dem gewohnten Preis¬ spielraum immerzu ablenkend eingreift. Ferner wird sich die Nach¬ frage nach den Waren bei einer, wenn auch alle Wirtschaftenden gleichmäßig treffenden Herab- oder Heraufsetzung ihres Geld¬ besitzes sehr verschieben. Im ersteren Falle werden z. B. bisher ziem¬ lich gleichmäßig verkäufliche Objekte bis zu einem gewissen Maß des Umfanges oder der Überflüssigkeit noch für die Hälfte des Preises abzusetzen sein, jenseits jener Grenze aber überhaupt keinen Abnehmer mehr finden. Andrerseits, im Falle allseitiger Geld¬ vermehrung, wird eine stürmische Nachfrage nach Gütern entstehen, die für die breiten Massen das bisherige Ziel ihrer Wünsche waren, also denjenigen, die immittelbar oberhalb des Niveaus ihrer bis¬ herigen Lebenshaltung liegen; weder für die primitivsten Bedürf¬ nisse — deren Verbrauchsmenge physiologisch begrenzt ist — noch für die feinsten und höchsten — die immer nur für kleine, sehr lang¬ sam vergrößerbare Kreise von Bedeutung sind — würde sich die Nachfrage erheblich steigern. Die Preiserhöhung würde also jene mittleren Güter in extremer Weise treffen, auf Kosten der anderen, in ihren Preisen relativ verharrenden; von einer proportionalen Ver¬ teilung des Geldzuflusses auf alle Preise könnte nicht die Rede sein. Prinzipiell ausgedrückt: die Lehre von der Gleichgültigkeit des abso¬ luten Quantums vorhandenen Geldes, die sich auf die Relativität der Preise stützt, ist deshalb unrichtig, weil diese Relativität in der prak¬ tischen Preisbildung nicht vollständig besteht, sondern von einer psychologischen Verfestigung und Verabsolutierung der Preise in Hinsicht bestimmter Waren fortwährend durchbrochen wird.

Nun wird man vielleicht diesen Bedenken gegen die Harmlosig¬ keit der durch keine äußere Schranke begrenzten Geldvermehrung entgegenhalten, daß sie doch nur die Übergangszeiten zwischen je zwei Anpassungen des Preisniveaus beträfen. Ihre Voraussetzung ist ja gerade, daß der ganze Prozeß von einer nach den Quantitäts¬ verhältnissen von Waren und Geld bestimmten Proportionalität der Preise ausgeht. Eben diese muß doch aber auch auf einem anderen Niveau herstellbar sein, und so gut wie die Schwankungen, die jener früheren vorausgingen, einmal beseitigt worden sind, können es auch die später entstehenden. Jene Bedenken gelten nur der Veränderung des Zustandes, aber nicht dem veränderten Zustand, den man nicht für die Unausgeglichenheiten, Erschütterungen und Schwierigkeiten des Überganges zu ihm verantwortlich machen dürfe. Es läßt sich allerdings kein Quantum von Umlaufsmitteln denken, an das nicht schließlich eine vollkommene Anpassung stattfinden, d. h. bei dem nicht der Geldpreis einer Ware die Proportion zwischen ihrem Werte und dem des in Frage kommenden Gesamtwarenquantums gerecht ausdrücken könnte; so daß die beliebige Vermehrung des Geldes diese Proportion nicht dauernd zu stören vermöchte. — Dies ist ganz richtig. Allein es beweist dennoch nicht, daß die Entfernung jeder inneren Schranke der Geldvermehrung innerhalb der Unzulänglichkeit menschlicher Verhältnisse möglich wäre. Denn sie würde ja gerade jenen Übergangszustand, dessen Schwankungen und Schwierigkeiten zugegeben sind, in Permanenz erklären und würde es zu der An- 10 Simmel, Philosophie des Geldes.

gepaßtheit, die prinzipiell freilich für jedes Quantum von Geld er¬ reichbar ist, niemals kommen lassen.

Man könnte diese Erörterungen so zusammenfassen: das Geld er¬ füllt seine Dienste am besten, wenn es nicht bloß Geld ist, d. h. nicht bloß die Wertseite der Dinge in reiner Abstraktion darstellt. Denn daß die Edelmetalle zum Schmuck und zu technischen Zwecken ver¬ wendbar sind, ist zwar auch wertvoll, aber doch als primäre Tatsache von der sekundären: daß sie infolge jener wertvoll sind — durchaus begrifflich zu unterscheiden; während das Geld an seinem Wertsein seine erste und einzige Bestimmung hat. Aber eben die Realisierung dieses begrifflich Geforderten, der Übergang der Geldfunktion an ein reines Zeichengeld, ihre völlige Lösung von jedem, die Geld¬ quantität einschränkenden Substanzwert ist technisch untunlich _