SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

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wenigstens die der relativen Unzerstörbarkeit noch bewahrt und kann sie erst bei einer bestimmten vorgeschrittenen Struktur der indivi¬ duellen und sozialen Verhältnisse abgeben.

Die Praxis und die Theorie der Geldpolitik scheint ebenso den Entwicklungsgang von der Substanzbedeutung des Geldes zur Funk¬ tionsbedeutung, wie die Abhängigkeit desselben von den soziologisehen Zuständen zu bestätigen. Man könnte den Fiskalismus des Mittelalters und den Merkantilismus als materialistische Geldpolitik bezeichnen. Wie der Materialismus den Geist mit seinen Äußerungen und seinem Werte der Materie einordnet, so meinten jene Stand¬ punkte das Wesen und die Bewegungskraft des staatlich -wirtschaft¬ lichen Lebens an die Geldsubstanz gebunden. Es besteht aber zwischen ihnen derselbe Unterschied wie zwischen der rohen und der feineren Form des Materialismus. Jene behauptet, daß die Vor¬ stellung selbst etwas Materielles wäre und das Gehirn Gedanken ab- sondere, wie die Drüsen ihre Flüssigkeit, wie die Leber die Galle. Diese: die Vorstellung sei nicht selbst materiell, aber eine Bewegungs- form des Materiellen, der Gedanke bestehe wie Licht, Wärme, Elek¬ trizität in einer besonderen Art von Schwingungen körperlicher Teile. Diesem Unterschiede der intellektuellen Standpunkte entspricht es, wenn einerseits der Fiskalismus das Interesse der Regierung darein verlegt, möglichst viel bares Geld zur unmittelbaren Verwendung des Fürsten oder für die Staatszwecke herauszuschlagen, andrerseits der Merkantilismus zwar auch auf das bare Geld einen Hauptwert legt, aber nicht, um es substanziell herauszuziehen, sondern um die wirt¬ schaftlichen Bewegungen des Landes funktionell zu beleben. Innerhalb dieser materialistischen Richtungen der Geldpolitik selbst, die noch ganz tief in der Vorstellung steckten, daß die Geldsubstanz der Wert an und für sich wäre, macht sich also doch schon die Wendung von der grob äußerlichen zu der funktionellen Bedeutung dieser Sub¬ stanz geltend. Dem entspricht die politische Verfassung der fraglichen Perioden. Der Fürst da, wo die mittelalterliche fiskalische Verfassung herrschte, in einem bloß äußerlichen Verhältnis zu seinem Lande, oft in einem völlig imorganischen, durch Erheiratung oder Eroberung hergestellten, so daß es sich in der Tendenz, nur möglichst viel Geld aus dem Lande zu ziehen, völlig adäquat ausdrückte — wovon der häufige Verkauf ganzer Territorien gegen Geld der konsequente Abschluß war; indem das starre, bloß substanzielle Geldinteresse Herrscher und Beherrschte verband, zeigte es, wie unverbunden sie waren. Für dieses soziologische Verhältnis zwischen den beiden Par¬ teien ist die im Mittelalter so häufige Münzpolitik der Herrscher, die in einer fortwährenden Verschlechterung der Münze bestand, die nächstliegende Technik; nur bei einem völlig unorganischen Zu¬ sammen sind derartige Politiken möglich, die auf der Seite des einen allen Nutzen, auf der der anderen allen Schaden lassen. Die Freude am baren Gelde, die den Orientalen angeboren scheint, hat man auf den Fiskalismus ihrer Fürsten zurückgeführt, die das Münzregal als Steuerquelle benutzen, ohne sich um die Folgen der Valuta- Verschlechterung zu sorgen: das notwendige Gegenstück dazu sei die Leidenschaft des Untertanen für die Aufhäufung von barem Gold und Silber. Der aufkommende zentralistisch -despotische Staat be¬ deutete ein viel engeres und lebendigeres Verhältnis zwischen den politischen Faktoren: die Vorstellung ihrer organischen Einheit bildet das Gemeinsame der Fürstenideale, vom l’ötat c’est moi bis zum Könige als dem ersten Diener seines Volkes. Wenn nun auch hier das Interesse der Regierung noch an dem Hereinbringen möglichst reichlicher Geldsubstanz haftet, so entspricht es doch der regeren Wechselwirkung zwischen Haupt und Gliedern des Staatskörpers, der Belebtheit der Staatsexistenz als solcher, daß nicht mehr in dem substanziellen Besitze, sondern in der Fruchtbarkeit des Geldes für das Gedeihen der Industrie usw. der Endzweck seines Erwerbes ge¬ sucht wurde. Als dann die liberalen Tendenzen das staatliche Leben zu immer freierem Fluß, immer ungehemmterer Geschmeidigkeit immer labüerem Gleichgewicht der Elemente führten, war die ma¬ terielle Grundlage für die Theorie Adam Smiths gegeben: daß Gold und Silber bloße Werkzeuge sind, nicht anders als Kochgeräte, und daß ihr Import an und für sich so wenig den Wohlstand der Länder steigere, wie man durch die Vermehrung der Kochgeräte schon mehr zu essen habe. Haben sich schließlich die alten substanziellen Ord¬ nungen so weit aufgelöst, um anarchistische Ideale zu ermöglichen, so wird m ihnen begreiflicherweise auch diese Richtung der Geld- theorie ihr Extrem erreichen. Proudhon, der alle festen Staatsgebilde beseitigen und die freie unmittelbare Wechselwirkung der Individuen ais die einzig richtige Form des sozialen Lebens anerkennen will, ekampft den Gebrauch des Geldes überhaupt; denn in ihm sieht er ein genaues Analogon jener Herrschaftsgebilde, die aus den Indivi- duen ihre lebendige Wechselwirkung heraussaugen und in sich kri- stalhsieren. Es müsse daher die Tauschbarkeit der Werte ohne Da- zwischenkunft des Geldes begründet werden, ebenso wie die Re¬ gierung der Gesellschaft durch alle Bürger ohne Dazwischenkunft des Königs; und wie man jedem Bürger das Stimmrecht gegeben habe so müsse jede Ware an und für sich und ohne Vermittlung des Gehles zum Wertrepräsentanten werden. - Mit der Ansicht Adam Smiths ist die Richtung auf die hier vertretene Geldtheorie einge¬ schlagen, die man im Gegensatz zu den materialistischen als tran¬ szendentale bezeichnen kann. Denn wenn der Materialismus erklärt: er Geist ist Materie — so lehrt die Transzendentalphilosophie: auch die Materie ist Geist. Nicht um den Geist im Sinne des Spiritualis¬ mus handelt es sich, der auch eine Substanz, ein ruhendes Sein, wenn auch immaterieller Art ist; sondern um die Erkenntnis, daß jegliches Objekt, körperhafter oder geistiger Art, für uns nur besteht, insofern es von der Seele in ihrem Lebensprozeß erzeugt wird, oder genauer: insofern es eine Funktion der Seele ist. Wenn nun die materialistische Auffassung des Geldes als Irrtum erscheint, so zeigt die historische Betrachtung, daß es kein zufälliger war, sondern der angemessene theoretische Ausdruck eines tatsächlichen soziologischen Zustandes, der erst durch reale Mächte überwunden werden mußte, ehe sein theoretisches Gegenbild durch theoretische überwunden werden konnte.

Der weitere Zusammenhang, in den sich der soziologische Cha¬ rakter des Geldes einstellt, ist dieser. Als den Ausgangspunkt aller sozialen Gestaltung können wir uns nur die Wechselwirkung von Person zu Person vorstellen. Gleichviel wie die in Dunkel gehüllten historischen Anfänge des gesellschaftlichen Lebens wirklich ge¬ staltet waren — seine genetische und systematische Betrachtung muß diese einfachste und unmittelbarste Beziehung zum Grunde legen, von der wir doch schließlich auch heute noch unzählige gesellschaftliche Neubildungen ausgehen sehen. Die weitere Entwicklung ersetzt nun diese Unmittelbarkeit der wechselwirkenden Kräfte durch die Schaffung höherer überpersönlicher Gebilde, die als gesonderte Träger eben jener Kräfte auf treten und die Beziehungen der Indivi¬ duen untereinander durch sich hindurchleiten und vermitteln. Diese Gebilde bieten sich in den verschiedensten Erscheinungsarten dar: in greifbarer Realität wie als bloße Ideen und Phantasieprodukte, als weitverzweigte Organisationen wie in der Darstellung an Einzel¬ personen. So bildeten sich aus den Erforderlichkeiten und Usancen, die sich im Verkehr der Gruppengenossen zunächst von Fall zu Fall entwickeln und sich schließlich fixieren, die objektiven Gesetze der Sitte, des Rechts, der Moral — ideale Erzeugnisse des menschlichen Vorstellens und Wertens, die nun für unser Denken ganz jenseits des einzelnen Wollens und Handelns stehen, gleichsam als dessen los¬ gelöste »reine Formen«. So verkörpert sich, diesen Prozeß fortsetzend, das Staatsgesetz in dem Richterstand und der ganzen Verwaltungs¬ hierarchie; so die zusammenhaltende Kraft einer politischen Partei in dem Parteivorstand und der parlamentarischen Vertretung; so verlegt sich die Kohäsion eines Regimentes in seine Fahne, einer mystischen Vereinigung in ihren Gral usw. Es werden also die Wechselwirkungen unter den primären Elementen selbst, die die soziale Einheit erzeugen, dadurch ersetzt, daß jedes dieser Elemente für sich zu dem darüber oder dazwischen geschobenen Organe in Be¬ ziehung tritt. In diese Kategorie substanzgewordener Sozialfunktionen gehört das Geld. Die Funktion des Tausches, eine unmittelbare Wechselwirkung unter Individuen, ist mit ihm zu einem für sich be¬ stehenden Gebilde kristallisiert. Der Austausch der Arbeitsprodukte oder des sonst aus irgendeiner Quelle her Besessenen ist offenbar eine der reinsten und primitivsten Formen menschlicher Vergesell¬ schaftung, und zwar nicht so, daß die »Gesellschaft« schon perfekt wäre, und dann käme es zu Tauschakten innerhalb ihrer; sondern der Tausch selbst ist eine der Funktionen, die aus dem bloßen Neben¬ einander der Individuen ihre innerliche Verknüpfung, die Gesellschaft, zustande bringen; denn die Gesellschaft ist nicht eine absolute Ein¬ heit, die erst dasein müßte, damit alle die einzelnen Beziehungen ihrer Mitglieder: Über- und Unterordnung, Kohäsion, Nachahmun¬ gen, Arbeitsteilung, Tausch, gleichgerichtete Angriffe und Verteidi- gungen, religiöse Gemeinschaft, Parteibildung und viele andere in ihr als dem Träger oder Rahmen jener entstünden. Sondern Gesell¬ schaft ist nichts als die Zusammenfassung oder der allgemeine Name für die Gesamtheit dieser speziellen Wechselbeziehungen. Die ein¬ zelne freilich kann ausscheiden, und es bleibt noch immer »Gesell¬ schaft« übrig — aber nur, wenn nach Wegfall der einen noch eine hinreichend große Anzahl anderer in Kraft bleiben; fielen alle fort, so würde es auch keine Gesellschaft mehr geben: gerade wie die Lebenseinheit eines organischen Körpers noch damit weiterbestehen kann, daß eine oder die andere seiner Funktionen, d. h. der Wechsel¬ beziehungen zwischen seinen Teilen aufhört, aber nicht mehr damit, daß sie alle aufhören — weil »Leben« nichts anderes ist als die Summe solcher unter den Atomen eines Körpers wechselseitig ausgeübten Kräfte. Fast ist es deshalb noch ein zweideutiger Ausdruck, daß der Tausch Vergesellschaftung bewirke: er ist vielmehr eine Vergesell¬ schaftung, eine jener Beziehungen, deren Bestehen eine Summe von Individuen zu einer sozialen Gruppe macht, weil »Gesellschaft« mit der Summe dieser Beziehungen identisch ist.

Die oft hervorgehobenen Unbequemlichkeiten und Unzulänglich¬ keiten des Naturaltausches nun sind durchaus denen vergleichbar, die sich bei anderen sozialen Wechselwirkungen einstellen, solange sie sich noch in dem Stadium der Unmittelbarkeit befinden: wenn alle Regierungsmaßregeln von der Gesamtheit der Bürger beraten und gebilligt werden müssen; wenn der Schutz der Gruppe nach außen noch durch den primitiven Waffendienst jedes Gruppenangehörigen bewerkstelligt wird; wenn Zusammenfassung und Organisation noch ausschließlich auf persönlich ausgeübter Autorität und Gewalt beruht, wenn die Verwaltung der Gerechtigkeit noch durch den unmittelbaren Urteilsspruch der Gemeinde geschieht — so ergeben sich daraus bei wachsender Extensität und Komplikation der Gruppe alle jene Un- Zweckmäßigkeiten, Behinderungen und Lockerungen, die einerseits auf die Abgabe dieser Funktionen an besondere arbeitsteilige Organe, andrerseits auf die Kreierung vertretender und zusammenhaltender Ideale und Symbole hindrängen. Die Tauschfunktion führt tatsäch¬ lich zu Bildungen von beiderlei Art: einerseits zum Stande der Händ¬ ler, andrerseits zum Geld. Der Händler ist der differenzierte Träger der sonst zwischen den Produzenten unmittelbar ausgeübten Tausch¬ funktionen; statt der einfachen Wechselbeziehungen unter diesen tritt die Beziehung ein, welche jeder derselben für sich zum Händler hat, wie die unmittelbare Kontrolle und Kohäsion der Gruppengenossen durch die gemeinsame Beziehung zu den Regierungsorganen ersetzt wird. Und nun kann man, genauere Erkenntnis vorbereitend, sagen: wie der Händler zwischen den tauschenden Subjekten steht, gerade so steht das Geld zwischen den Tauschobjekten. Statt daß deren Äquivalenz unmittelbar wirksam wird und ihre Bewegungen in sich beschlossen sein läßt, tritt nun jedes von ihnen für sich in ein Gleichungs- und Austauschverhältnis zum Geld. Wie der Händler die verkörperte Funktion des Austausches ist, so das Geld die verkörperte Funktion des Ausgetauschtwerdens: es ist, wie wir früher sahen, das zur Substanz gewordene bloße Verhältnis der Dinge zueinander, wie es in ihrer wirtschaftlichen Bewegung zum Ausdruck kommt. So steht es schließlich jenseits der einzelnen Dinge, deren jedes zu ihm in Be¬ ziehung steht, als ein nach eigenen Normen organisiertes Reich, das eben doch nur die Objektivation der ursprünglich unter jenen ein¬ zelnen Dingen selbst geschehenen Ausgleichs- und Austausch - bewegungen ist. Allein dies ist, wie gesagt, nur eine vorbereitende Ansicht. Denn schließlich sind es doch nicht die Dinge, sondern die Menschen, die diese Prozesse vollziehen, und die Verhältnisse zwischen jenen sind auf dem hier fraglichen Gebiete doch Verhältnisse zwischen diesen. Was der Tausch unter Individuen als Aktion ist, das ist das Geld in konkret gewordener, für sich bestehender, gleichsam er¬ starrter Form, in demselben Sinne, wie die Regierung das gegen¬ seitige Sichinordnunghalten der Gruppenmitglieder, wie das Palla¬ dium oder die Lade ihre Kohäsion, wie der Kriegerstand ihr Sich- verteidigen darstellt. Alles dies sind gleichmäßig Fälle jenes weitesten Typus: daß aus primären Erscheinungen, Substanzen, Vor¬ gängen eine einzelne Seite, die nur an und mit ihnen existiert, wie die Eigenschaft an ihrer Substanz und die Tätigkeit an ihrem Subjekt, dennoch von ihnen gelöst wird, indem sie sich mit einem eigenen Körper bekleidet: die Abstraktion wird eben dadurch vollzogen, daß sie zu einem konkreten Gebilde kristallisiert. Außerhalb des Tausches ist das Geld so wenig etwas, wie Regimenter und Fahnen außerhalb 11 Simmel, Philosophie des Geldes.

der gemeinsamen Angriffe und Verteidigungen oder wie Priester und Tempel außerhalb der gemeinsamen Religiosität. Die Doppelnatur des Geldes: zwar eine sehr konkrete und als solche geschätzte Sub stanz zu sein und doch seinen Sinn nur in der völligen Auflösung in Bewegung und Funktion zu besitzen — gründet sich darauf, daß es nur in der Hypostasierung, gleichsam in der Fleischwerdung einer reinen Funktion, des Tausches unter Menschen, besteht.

Die Entwicklungen des Geldstoffes bringen seinen soziologischen Charakter zu immer vollkommenerem Ausdruck. Die primitiven Tauschmittel, wie Salz, Vieh, Tabak, Getreide, sind ihrer Verwendung nach von dem reinen Individualinteresse bestimmt, solipsistisch, d. h. sie werden schließlich von einem einzelnen konsumiert, ohne daß in diesem Augenblick andere noch ein Interesse daran hätten. Das Edel¬ metall dagegen weist durch seine Bedeutung als Schmuck auf die Beziehung zwischen den Individuen hin; man schmückt sich für andere. Der Schmuck ist ein soziales Bedürfnis, und die Edelmetalle eignen sich eben durch ihren Glanz ganz besonders dazu, die Augen auf sich zu ziehen. Darum sind bestimmte Schmuckarten auch be¬ stimmten sozialen Positionen Vorbehalten; so war im mittelalterlichen Frankreich das Tragen von Goldschmuck allen unter einem gewissen Range Stehenden verboten. Dadurch, daß der Schmuck seine ganze Bedeutung in den psychologischen Vorgängen hat, die er außerhalb seines Trägers in anderen erregt, unterscheidet sich das Edelmetall durchaus von jenen ursprünglicheren, sozusagen zentripetalen Tausch¬ mitteln. Der Tausch als das reinste soziologische Vorkommnis, d. h. als die vollständigste Wechselwirkung, findet den entsprechenden Träger in der Substanz des Schmuckes, der alle Bedeutung für seinen Besitzer nur mittelbar, nämlich als Beziehung zu anderen Menschen, aufweist.

Wenn diese Verkörperung der Tauschaktion in einem besonderen Gebilde sich technisch so vollzieht, daß jedes Objekt, statt unmittel¬ bar gegen ein anderes, zunächst gegen jenes eingetauscht wird, so ist nun die Frage: welches ist, näher angesehen, das dem ent¬ sprechende Verhalten der hinter den Objekten stehenden Menschen? — denn das gemeinsame Verhalten zum Händler, so sehr es Ursache und Wirkung des Geldverkehrs ist, konnte hierfür doch nur als Gleich¬ nis dienen. Nun scheint es mir klar: das Fundament und der sozio¬ logische Träger jenes Verhältnisses zwischen den Objekten und dem Gelde ist das Verhältnis der wirtschaftenden Individuen zu der Zentralmacht, die das Geld ausgibt oder garantiert. Den Dienst, als absolute Zwischeninstanz über allen Einzelprodukten zu stehen, leistet das Geld erst, wenn die Prägung es über den bloßen Charakter als Metallquantum — von naturaleren Geldarten nicht zu reden — hin¬ ausgehoben hat. Jene Abstraktion des Tauschprozesses aus den ein¬ zelnen realen Tauschen und ihre Verkörperung in einem objektiven Sondergebilde kann erst eintreten, wenn der Tausch etwas anderes geworden ist als ein privater Vorgang zwischen zwei Individuen, der völlig in den individuellen Aktionen und Gegenaktionen dieser be¬ schlossen liegt. Dies andere und weitere wird er, indem der Tausch¬ wert, den die eine Partei gibt, seine Bedeutung für die zweite nicht unmittelbar, sondern als bloße Anweisung auf andere, definitive Werte enthält — eine Anweisung, deren Realisierung von der Gesamt¬ heit des Wirtschaftskreises oder von der Regierung als der Vertretung desselben abhängt. Indem der Naturaltausch durch den Geldkauf ersetzt wird, tritt zwischen die beiden Parteien eine dritte Instanz: die soziale Gesamtheit, die für das Geld einen entsprechenden Realwert zur Verfügung stellt. Der Drehpunkt der Wechselwirkung jener bei¬ den rückt damit weiter fort, er entfernt sich aus der tmmittelbaren Ver¬ bindungslinie zwischen ihnen und verlegt sich in das Verhältnis, das jeder von ihnen als Geldinteressent zu dem Wirtschaftskreise hat, der das Geld akzeptiert und dies durch die Prägung seitens seiner höchsten Vertretung dokumentiert. Hierauf beruht der Kern von Wahrheit in der Theorie, daß alles Geld nur eine Anweisung auf die Gesellschaft ist; es erscheint gleichsam als ein Wechsel, in dem der Name des Bezogenen nicht ausgefüllt ist, oder auch: in dem die Prägung die Stelle des Akzeptes vertritt. Wenn man gegen die Lehre, die auch im Metallgelde einen Kredit finden will, eingewendet hat, daß der Kredit doch eine Verbindlichkeit begründe, die Metallgeld¬ zahlung aber jede Verbindlichkeit löse, so ist übersehen, daß das, was für den einzelnen Lösung ist, für die Gesamtheit Bindung sein kann. Die Solvierung jeder privaten Verbindlichkeit durch Geld bedeutet eben, daß jetzt die Gesamtheit diese Verpflichtung gegen den Be¬ rechtigten übernimmt. Die Verbindlichkeit aus einer naturalen Leistung' ist doch nur auf zweierlei Weise aus der Welt zu schaffen: entweder durch direkte Gegenleistung oder durch Anweisung auf eine solche. Letztere hat der Geldbesitzer in der Hand, und indem er sie an denjenigen, der vorgeleistet hat, übergibt, weist er ihn an einen vorläufig anonymen Produzenten, der auf Grund seiner Zugehörig¬ keit zu dem betreffenden Wirtschaftskreise jene erforderte Leistung gegen eben dieses Geld auf sich nimmt. Der Unterschied zwischen dem gedeckten und dem ungedeckten Papiergeld, den man in Be¬ ziehung zu dem Kreditcharakter des Geldes gesetzt hat, ist dabei ganz irrelevant. Man hat gemeint, nur uneinlösbares Papier sei wirklich Geld (papier-monnaie), wogegen einlösbares nur eine Anweisung auf Geld sei (monnaie de papier); dagegen ist nun wieder geltend gemacht, daß dieser Unterschied keine Bedeutung für den Verkehr zwischen Käufer und Verkäufer habe, denn in diesem funktioniere auch das gedeckte Papier nicht als Zahlungsversprechen, sondern als definitive Zahlung, im Unterschiede etwa gegen den Scheck, der auch zwischen Käufer und Verkäufer nur ein Versprechen sei. Diese ganze Frage¬ stellung dringt nicht zu dem soziologischen Sachverhalt hinunter; für diesen ist kein Zweifel, daß auch das Metallgeld ein Versprechen ist und daß es sich insofern von dem Scheck nur durch die Größe des Kreises unterscheidet, der dessen Einlösung verbürgt. Das gemein¬ same Verhältnis von Geldbesitzer und Verkäufer zu einem sozialen Kreise der Anspruch jenes an eine in diesem Kreise zu prästierende Leistung und das Vertrauen des anderen, daß dieser Anspruch ho¬ noriert werden wird — ist die soziologische Konstellation, in der sich der Geldverkehr im Gegensatz zum Naturalverkehr vollzieht.

Tatsächlich stecken in dem Metallgeld, das man als den absoluten Gegensatz des Kreditgeldes aufzufassen pflegt, zwei in eigentümlicher Weise verschlungene Kreditvoraussetzungen. Zunächst ist innerhalb des täglichen Verkehrs die Prüfung der Münze auf ihr Schrot und Korn nur ausnahmsweise tunlich. Ohne ein Vertrauen des Publikums zu der emittierenden Regierung oder, gegebenenfalls, zu denjenigen Personen, die den Realwert der Münze gegenüber ihrem Nominalwert festzustellen imstande sind, kann es auch zu einem Bargeldverkehr nicht kommen. Die Aufschrift der Malteser Münzen: non aes sed fides - bezeichnet ganz vortrefflich den integrierenden Zusatz des Glaubens, ohne den die noch so vollwichtige Münze ihre Funktion in den weitaus meisten Fällen nicht ausüben kann. Gerade die Mannigfaltigkeit, oft Entgegengesetztheit der Gründe für die Akzep¬ tierung des Geldstücks zeigt, daß nicht deren objektive Beweiskraft das Wesentliche ist: in einigen Gegenden von Afrika muß der Maria- Theresia-Taler weiß und rein sein, in anderen gerade fettig und schmutzig, damit man ihn als echt annehme! Es muß aber zweitens der Glaube vorhanden sein, daß das Geld, das man jetzt einnimmt! auch zu dem gleichen Wert wieder auszugeben ist. Auch hier ist das Unentbehrliche und Entscheidende: non aes sed fides _ das Ver¬ trauen zu dem Wirtschaftskreise, daß er uns das fortgegebene Wert¬ quantum für den dafür erhaltenen Interimswert, die Münze, ohne Schaden wieder ersetzen werde. Ohne so nach zwei Seiten hin Kredit zu geben, kann niemand sich der Münze bedienen; dieser doppelte Glaube erst verleiht der schmutzigen, vielleicht kaum erkennbaren Münze das bestimmte Wertmaß. Wie ohne den Glauben der Men¬ schen aneinander überhaupt die Gesellschaft auseinanderfallen würde, — denn wie wenige Verhältnisse gründen sich wirklich nur auf das, was der eine beweisbar vom anderen weiß, wie wenige würden irgend¬ eine Zeitlang dauern, wenn der Glaube nicht ebenso stark und oft stärker wäre, als verstandesmäßige Beweise und sogar als der Augen¬ schein! — so würde ohne ihn der Geld verkehr zusammenbrechen. Dieser Glaube ist indes in einer bestimmten Weise nuanciert. Die Be¬ hauptung, jedes Geld sei eigentlich Kreditgeld, da sein Wert auf dem Glauben des Empfängers beruhe, für das Tauschinstrument eine ge¬ wisse Menge Waren zu bekommen — ist noch nicht vollständig auf¬ klärend. Denn auf derartigem Glauben beruht nicht nur die Geld¬ wirtschaft, sondern jede Wirtschaft überhaupt. Wenn der Landwirt nicht glaubte, daß das Feld in diesem Jahre so gut wie in früheren Früchte tragen wird, so würde er nicht säen; wenn der Händler nicht glaubte, daß das Publikum seine Waren begehren wird, so würde er sie nicht anschaffen usw. Diese Art des Glaubens ist nichts als ein abgeschwächtes induktives Wissen. Allein in dem Fall des Kredites, des Vertrauens auf jemanden, kommt zu diesem noch ein weiteres, schwer zu beschreibendes Moment hinzu, das am reinsten in dem religiösen Glauben verkörpert ist. Wenn man sagt, man glaube an Gott, so ist das nicht nur eine unvollkommene Stufe des Wissens von ihm, sondern ein überhaupt nicht in der Richtung des Wissens liegender Gemütszustand, einerseits freilich weniger, andrerseits aber mehr als dieses. Es ist eine sehr feine und tiefe Wendung der Sprache, daß man »an jemanden glaubt« — ohne daß weiter hinzugesetzt oder auch nur deutlich dabei gedacht würde, was man denn eigentlich von ihm glaube. Es ist eben das Gefühl, daß zwischen unserer Idee von einem Wesen und diesem Wesen selbst von vornherein ein Zu¬ sammenhang, eine Einheitlichkeit da sei, eine gewisse Konsistenz der Vorstellung von ihm, eine Sicherheit und Widerstandslosigkeit in der Hingabe des Ich an diese Vorstellung, die wohl auf angebbare Gründe hin entsteht, aber nicht aus ihnen besteht. Auch der wirtschaftliche Kredit enthält in vielen Fällen ein Element dieses übertheoretischen Glaubens, und nicht weniger tut dies jenes Vertrauen auf die All¬ gemeinheit, daß sie uns für die symbolischen Zeichen, für die wir die Produkte unserer Arbeit hingegeben haben, die konkreten Gegen¬ werte gewähren wird. Das ist, wie gesagt, in sehr hohem Maße ein einfacher Induktionsschluß, aber es enthält darüber hinaus noch einen Zusatz jenes sozial-psychologischen, dem religiösen verwandten »Glaubens«. Das Gefühl der persönlichen Sicherheit, das der Geld¬ besitz gewährt, ist vielleicht die konzentrierteste und zugespitzteste Form und Äußerung des Vertrauens auf die staatlich-gesellschaftliche Organisation und Ordnung. Die Subjektivität dieses Vorganges ist