SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

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die Steuerforderung der Zentralgewalt sich auf das reine Geldein¬ kommen der einzelnen richtet, erfaßt sie gerade dasjenige Besitz - objekt, zu dem sie von vornherein das strikteste Verhältnis hat. Die Ausbildung des Beamtenwesens mit seiner engen Beziehung zum Geldwesen ist insofern nur ein Symptom dieser zentralistischen Ent- Wicklung; das Beamtentum des Lehenswesens ist ein dezentralisiertes, der räumlich ferne Landbesitz des Belehnten führt sein Interesse von der Zentralstelle ab, während die immer von neuem erfolgende Geldentlohnung ihn zu dieser hinführt, seine Abhängigkeit von dieser immer von neuem eindringlich macht. Deshalb war die Pforte bei ihrer ständigen Münzverschlechterung doch anfangs des 19. Jahr¬ hunderts einmal genötigt, für ihre Beamten und Offiziere doppelt schwere Münzen schlagen zu lassen, weil es gerade den eigentlichen Staatsfunktionären gegenüber eines wirklich gültigen Geldes be¬ durfte. Darum war die ungeheure Vermehrung und Verfeinerung des Beamtentums erst bei der Geldwirtschaft möglich; sie ist aber nichts als eines der Symptome der Beziehung, die zwischen dem Geld und der Objektivierung des Gruppenzusammenhanges zu einem be¬ sonderen zentralen Gebilde besteht. Bei den Griechen wurde diese ursprünglich nicht von einer staatlichen, sondern von der religiösen Einheit getragen. Alles hellenische Geld war einmal sakral, ebenso V°n ^ieSterSchaft ausgegangen, wie die andern allgemein gül¬ tigen Maßbegriffe: Gewichte, Umfangsmaße, Zeiteinteilungen. Und diese Priesterschaft repräsentierte zugleich die Verbandseinheit der andschaften; die ältesten Verbände ruhten durchaus auf religiöser rundlage, die manchmal für relativ weite Gebiete die einzige blieb. ie Heiligtümer hatten eine überpartikularistische, zentralisierende Bedeutung, und diese war es, die das Geld, das Symbol der gemein- samen Gottheit auf sich tragend, zum Ausdruck brachte. Die religiöse soziale Einheit, die im Tempel kristallisiert war, wurde in dem Gelde, das er ausgab, gleichsam wieder flüssig und gab diesem ein Funda- men und eine Funktion, weit über die Metallbedeutung des indivi- “e_ “ Stuckes hinaus. Von diesen soziologischen Konstellationen getragen und sie tragend, realisiert sich die steigende Bedeutung der Geldfunktionen auf Kosten der Geldsubstanz. Einige Beispiele und ST ^ di6Sen PrOZCß verdeu*hchen, und zwar knüpfe ich dieselben, unter den vielen, seinen Inhalt bildenden Diensten des Beünö.vl4? i°lg?den: T die ErIeichterunS des Verkehrs, an die Beständigkeit lies Wertmaßstabes, an die Mobilisierung der Werte Zi“’ “ ihre in Einleitenderweise möchte ich hervorheben, daß gerade die oben erwähnten, von den Fürsten begangenen Münzverschlechterungen durch die ungeheure Übervorteilung der Massen den Funktionswert des Geldes seinem Metallwert gegenüber aufs schärfste beleuchten Was die Untertanen bewog, die verschlechterte Münze zu akzeptieren und für sie die an Metall bessere hinzugeben, war doch eben, daß jene den Verkehrszweck des Geldes erfüllte. Was die Münzherren herausschlugen, war das ungebührlich gesteigerte Äquivalent für den Funktionswert des Geldes, um dessen twillen die Untertanen in den Münztausch, d. h. in die Aufopferung seines Metallwertes willigen mußten. Allein dies ist nur das ganz allgemeine Phänomen, als dessen spezifische Zuspitzung es erscheint, daß das Geld, das durch seine Form dem Verkehr im allgemeinen besser dient, als ein anderes, nicht nur bei gleichem Substanzgehalt diesem überlegen ist; sondern es kann dadurch seine eigene Substanzbedeutung so weit wie in dem folgenden Fall überflügeln. Als im Jahre 1621 durch die nieder¬ deutsche Münzverschlechterung der Wert des Reichstalers auf 48 bis 54 Schillinge gestiegen war, erließen die Obrigkeiten von Hol¬ stein, Pommern, Lübeck, Hamburg und anderen, ein gemeinsames Münzedikt, wonach der Taler von einem gewissen Zeitpunkt an nur 40 Schillinge gelten sollte. Obgleich dies allgemein als richtig und heilsam beurteilt und akzeptiert wurde, galt der Taler doch weiterhin wegen der leichteren Verteilung und Rechnung noch lange 48 Schillinge. Es ist auf einer viel höheren und komplizierten Stufe dasselbe, wenn die Börsen jetzt bei Rentenpapieren, die in größeren und kleineren Abschnitten ausgegeben sind, die letzteren etwas höher zu notieren pflegen als die ersteren, weil jene mehr gesucht sind und dem kleineren Verkehr besser dienen — obgleich der Wert pro rata der genau gleiche ist. Ja im Jahre 1749 erklärte ein Komitee für Münzzwecke in den amerikanischen Kolonien: in Ländern mit un- ausgebildeter Wirtschaft, die mehr konsumieren als produzieren, müsse das Geld immer schlechter sein als das ihrer reicheren Nach¬ barn, weil es sonst unvermeidlich diesen zuflösse. Dieser Fall ist also die Steigerung und Aufgipfelung der vorhererwähnten Tatsache, daß die Eignung einer bestimmten Geldform zu Berechnungen und Aus¬ gleichungen dieser Form einen Wert verschafft, der absichtlich weit über den sachlich gültigen gehoben wird. Die funktionelle Zweck¬ mäßigkeit des Geldes ist hier über seinen Substanzwert bis zur Um¬ kehrung seiner Bedeutung hinausgewachsen. Hierhin gehören, als Beweise für die Überwucherung des Metallwertes durch den Funktionswert, alle die Fälle, in denen das völlig minderwertige Klein¬ geld dem Edelmetall gegenüber einen manchmal unglaublichen Preis behauptet hat. Das kommt z. B. in Goldgräberdistrikten vor, wo die gewonnenen Reichtümer einen lebhaften Verkehr erzeugen, ohne daß man in ihnen doch das Tauschmittel für die kleineren Bedürfnisse des Tages hätte. So war unter den Goldgräbern in Brasilien am Ende des 17* Jahrhunderts eine Not um kleine Münze ausgebrochen, die der König von Portugal benutzte, um Silbergeld gegen ein ungeheures 12 Simmel, Philosophie des Geldes.

Agio in Gold hinüberzuschaffen. Später ist es auch in Kalifornien wie in Australien vorgekommen, daß die Goldgräber, um nur Klein¬ geld zu haben, seinen 2- bis 16 fachen Metallwert dafür in Gold be¬ zahlt haben. Die ärgsten Erscheinungen dieser Art bietet der bis vor kurzem herrschende — neuerdings, wie man sagt, in der Reform be¬ griffene Münzzustand in der Türkei. Dort existiert weder Nickel- noch Kupfergeld, sondern als Kleingeld nur jammervolle Silber¬ legierungen: Altiliks, Beschliks und Metalliques, die alle in einer für den Verkehr völlig unzureichenden Masse vorhanden sind. Die Folge davon ist, daß diese Münzen, deren nominellen Wert die Re¬ gierung selbst 1880 um ungefähr die Hälfte herabsetzte, diesen fast unverändert behalten haben und gegen Gold gar kein nennenswertes Disagio machen, ja die Metalliques, die für das schlechteste in der ganzen Welt kursierende Geldzeichen gehalten werden, stehen zeit¬ weise über pari gegen Goldl Gerade dies ist äußerst bezeichnend: die geringste Münze ist eben für den Verkehr die wichtigste und wird ausschließlich nach dieser Wichtigkeit gewertet — weshalb denn auch allenthalben die kleinen Münzen die ersten Objekte der Münz¬ verschlechterung sind. Der Preis der Metalliques enthält das Para¬ doxon daß ein Geld um so wertvoller sein kann, je wertloser es ist - weil gerade seine substanzielle Wertlosigkeit es zu gewissen funk¬ tioneilen Diensten geschickt macht, die seinen Wert nun fast un¬ begrenzt heben können.

Das gesteigerte Bewußtsein und die gesteigerte Tatsächlichkeit er Funktionsbedeutung des Geldes ermöglichte auch den Einwand gegen die Silberwahrung: was man vom Geld fordere, sei zuerst und unbedingt Bequemlichkeit und Handlichkeit. Man könne zwar ein Nahrungsmittel beibehalten, wenn sein Gebrauch auch viele Un¬ bequemlichkeiten mit sich bringt, sobald es nur nahrhaft und wohl¬ schmeckend sei, auch ein unbequemes Kleidungsstück, weil es schön oder warm ist. Aber ein unbequemes Geld sei wie ein ungenießbares ahrungsmittel oder ein untragbares Kleidungsstück. Denn der oberste Zweck des Geldes sei die Bequemlichkeit des Güter- austausches. Der Unterschied gegen die hier verglichenen Güter be¬ ruht eben darauf, daß das Geld weniger Nebenqualitäten neben seiner lauptquahtat hat und haben darf, als andere Güter. Da es das abso¬ lute Abstraktum über allen konkreten Gütern ist, so wird es von je(?er, ^U^n[at,’ die außerhalt> seiner reinen Bestimmung liegt, un¬ gebührlich belastet und abgelenkt.

Daß die Steigerung oder Herabsetzung einer Funktion des Gel¬ des seinen Wert unabhängig von seinem Substanzwert erhöhen oder erniedrigen könne - gilt selbst für denjenigen Schätzungsgrund seiner, der besonders eng mit seinem Substanzwert verbunden scheint: für seine Wertbeständigkeit. Die römischen Kaiser besaßen, wie schon erwähnt, das ausschließliche Recht der Gold- und Silber¬ prägung, während die Kupfermünzen, d. h. das Kreditgeld, vom Senat und im Orient von den Städten geschlagen wurden. Das bildete von vornherein eine gewisse Garantie dagegen, daß der Kaiser das Land mit substanzwertloser Scheidemünze überschwemmte. Der Erfolg war schließlich nur der, daß die Kaiser sich an die ihnen freistehende Verschlechterung des Silbers hielten, von der dann auch der boden¬ lose Verfall des römischen Münzwesens ausging. Daraus entstand nun eine merkwürdige Umkehrung der Wertverhältnisse: das Silber sank durch seine Verschlechterung zur Kreditmünze herab, während das Kupfer dadurch, daß es sich ziemlich unverändert behauptet hatte, wieder in höherem Maße den Charakter der Wertmünze erhielt. Die Eigenschaft der Wertbeständigkeit also ist hier imstande, durch ihre relative Höhe oder Erniedrigung die bisherigen Charaktere der Metallsubstanzen als Geldwertträger völlig umzukehren. In diesem Sinne des Hinausragens des Stabilitätswertes über den Substanz wert hat man jetzt hervorgehoben, daß der Übergang eines Notenlandes zur Goldwährung keineswegs die Wiederaufnahme der Barzahlungen mit sich bringen müßte. In einem Lande wie Österreich etwa, dessen Noten kein Disagio gegen Silber mehr machen, wäre schon durch den Übergang zur bloßen Goldrechnung der entscheidende Vorteil der Goldwährung, nämlich die Stabilisierung des Geldwertes, ge¬ wonnen: die Funktion der Substanz, auf die es ankommt, wäre so ganz ohne die Substanz selbst erreichbar. Und neuerdings hat das Interesse an der Beständigkeit des Geldwertes sogar zu der Forde¬ rung geführt, die metallische Deckung der Noten überhaupt abzu¬ schaffen. Denn sobald diese bestände, wäre für die verschiedenen Länder eine Gemeinsamkeit des Systems geschaffen, die den inneren Verkehr eines jeden all den Schwankungen in den politischen und wirtschaftlichen Schicksalen der anderen unterwirft! Ein ungedecktes Papiergeld biete durch seine Exportunfähigkeit nicht nur den Vorteil, überhaupt im Lande zu bleiben und für alle Unternehmungen daselbst bereit zu sein, sondern vor allem eine vollständige Wertbeständigkeit. So angreifbar diese Theorie ist, so zeigt ihre bloße Möglichkeit doch jene psychologische Lösung des Geldbegriffes von dem Substanz - begriff und seine wachsende Erfüllung durch die Vorstellung seiner funktionellen Dienste. Übrigens unterliegen alle derartigen Funk¬ tionen des Geldes ersichtlich den Bedingungen, unter denen seine all¬ gemeine Auflösung in Funktionen steht: daß sie in jedem gegebenen Augenblick nur unvollkommen gelten und ihre Begriffe ein im Un¬ endlichen liegendes Entwicklungsziel bezeichnen. Schon dadurch, daß die Werte, die es messen und deren gegenseitiges Verhältnis es ausdrucken soll, etwas bloß Psychologisches sind, wird ihm die Be¬ ständigkeit der Raum- oder Gewichtsmaße versagt.

Indes rechnet die Praxis mit dieser Wertbeständigkeit als mit einer Tatsache angesichts der Frage, wie man sich bei der Wieder¬ erstattung eines Gelddarlehns zu verhalten habe, wenn inzwischen der Wert des Geldes sich geändert hat. Geschieht das etwa durch Sinken des Geldwertes überhaupt, so daß die gleiche Summe bei der Rückgabe weniger wert ist, so wird dies von den Gesetzen nicht m Betracht gezogen; die identische Geldsumme gilt ohne weiteres als der identische Wert. Wo die Münze sich selbst verschlechtert, sei es durch Legierung, sei es durch Änderung des Münzfußes, entschei- en die Gesetze bald so, daß die, nach dem neuen Münzfuß, ent¬ sprechende Summe, bald das gleiche Quantum Feingehalt, bald rein mechanisch der Nennwert der Schuld zu erstatten sei. Im ganzen also uberwiegt dte Vorstellung, daß das Geld seinen Wert unverändert ehalte. Nun ist diese Stabilität zwar auch an Naturalgegenständen, bei deren Ausleihe sie niemand bezweifelt, eine Fiktion: ein Zentner Kartoffeln, den man sich im Frühling leiht, um ihn später in natura wiederzugeben, kann dann viel mehr oder viel weniger wert sein.

lern hier kann man sich auf die unmittelbare Bedeutung des Gegen¬ standes zurückziehen: während der Tauschwert der Kartoffeln schwanken mag, bleibt ihr Sättigungs- und Nährwert genau der gleiche. Da nun aber das Geld keinen derartigen, sondern ausschließ- Tauschwert hat, so ist die Voraussetzung seiner Stabilität eine um so auffallendere. Die Entwicklung wird zweckmäßigerweise da¬ hin streben, diese praktisch notwendige Fiktion mehr und mehr zu bewahrheiten. Schon vom Edelmetallgeld hat man hervorgehoben, daß seine Beziehung zum Schmuck seiner Wertstabilität diene: denn da das Schmuckbedürfnis sehr elastisch sei, so nehme es bei Ver- de8Metall Vorrates sogleich ein größeres Quantum desselben auf und verhindere dadurch einen zu starken Druck auf seinen Wert wahrend bei steigendem Bedürfnis nach Geld die Schmuckvorräte als Reservoir dienen, aus dem das erforderliche Quantum zu ent- nelunen und die Preiserhöhung zu begrenzen sei. In der Fortsetzung dieser Tendenz aber scheint das Ziel zu liegen, die Geldsubstanz über- ^ rZUSChfCn- D'nncselbst eine 80 geeignete wie das Edel¬ metall kann nicht ganz den Schwankungen entzogen werden, die aus seinen eigenen Bedingungen des Bedarfs, der Produktion, der Ver¬ arbeitung usw. hervorgehen und die bis zu einem gewissen Grade mit seinem Dienste als Tauschmittel und Ausdruck der relativen Waren¬ werte nichts zu tun haben. Die vollständige Stabilität des Geldes wäre erst erreichbar, wenn es überhaupt nichts mehr für sich wäre, sondern nur der reine Ausdruck des Wert Verhältnisses zwischen den konkreten Gütern. Damit wäre es in eine Ruhelage gekommen, die sich durch die Schwankungen der Güter so wenig verändert, wie der Meterstab durch die Verschiedenheit der realen Größen, die er mißt. Dann wäre auch der Wert, der ihm durch das Leisten dieses Dienstes zukäme, auf ein Maximum von Stabilität gelangt, weil so das Verhältnis von Angebot und Nachfrage sich viel genauer regulieren ließe, als bei seiner Abhängigkeit von einer Substanz, deren Quantum unserem Willen nur unvollkommen unterliegt. Damit ist freilich nicht ge¬ leugnet, daß unter bestimmten historischen und psychologischen Um¬ ständen die Bindung an das Metall dem Gelde noch eine größere Stabilität garantieren könnte, als die Lösung von ihm — wie ich es oben selbst behauptet habe. So mag — um an die dort gegebenen Analogien anzuknüpfen — die tiefste und sublimste Liebe diejenige sein, die nur zwischen Seelen, unter völliger Ausschaltung jedes Erdenrestes, besteht — allein solange diese nicht erreichbar ist, wird sich ein Maximum von Liebesempfindung gerade da zeigen, wo die rein seelische Beziehung einen Zusatz und Vermittlung durch sinn¬ liche Nähe und Anziehung erhält; so mag das Paradies das Wunder¬ versprechen seiner Seligkeit darin erfüllen, daß das Bewußtsein der¬ selben keines Sichabhebens von entgegengesetzten Empfindungen be¬ darf — so lange wir aber Menschen sind, können allein sonst vor¬ handene, leidvolle, indifferente oder herabgesetzte Gefühlszustände uns ein positives Glück, als Unterschiedsempfindung, eintragen. Wenn also auch in einer idealen Sozialverfassung ein ganz substanzloses Geld das absolut zweckmäßige Tauschmittel ist, so kann doch bis dahin seine relativ höchste Zweckmäßigkeit gerade von seiner Bin¬ dung an eine Substanz bedingt sein. Dieser letztere Umstand be¬ deutet also keine Ablenkung des unendlichen Weges, der zur Auf¬ lösung des Geldes in einen bloß symbolischen Träger seiner reinen Funktion führt.

Ein besonderes Stadium des Scheidungsprozesses zwischen dem Funktions- und dem inneren Werte des Geldes zeigen die Fälle, wo für die Schätzung der Werte als Maßstab ein Geld angewandt wird, in dem die tatsächlichen Zahlungen gar nicht erfolgen. Den Tausch¬ dienst kann das Geld nicht leisten, ohne zugleich Maßdienste zu leisten; wohl aber zeigen sich die letzteren in gewisser Hinsicht von jenem unabhängig. Im alten Ägypten wurden die Preise nach dem Uten, einem Stück gewundenen Kupferdrahts, bestimmt, während die Zahlungen in den verschiedensten Bedarfsartikeln erfolgten. Im Mittelalter wird vielfach der Geldpreis festgesetzt, während der 12 Käufer ihn zahlen darf, in quo potuerit. An vielen Stellen Afrikas wird heute der Güteraustausch nach einer, manchmal recht kompli¬ zierten, Geld-Valuta vollzogen, aber das Geld selbst ist meistens nicht vorhanden. Die Geschäfte der außerordentlich wichtigen Genueser Wechselmessen des 16. Jahrhunderts wurden nach der Werteinheit des Markenskudo (scudo de’ marchi) abgewickelt. Diese war in keiner existierenden Münze ausgedrückt, war vielmehr rein imaginär: ioo Skudi galten so viel wie 99 der besten Goldskudi. Alle Verpflich¬ tungen waren auf Markenskudi gestellt, wodurch die Meßwährung, eben wegen ihrer Idealität, eine vollkommen feste, aller Schwankung und Zerfahrenheit der Prägungen entzogene war. Auch die indische Kompagnie hat, um der Verschlechterung, dem Verschleiß und der Fälschung der indischen Münze zu begegnen, den rupee current ein¬ geführt: eine überhaupt nicht geprägte Münze, die einem gewissen Quantum Silber entsprach und nur den Maßstab bildete, an dem der Wert der wirklichen, deteriorierten Münzen festgestellt wurde. Diese gewannen nun durch ein solches festes ideelles Maß auch für sich einen festen relativen Wert. Damit war fast schon der Zustand er¬ reicht, den ein Theoretiker von Anfang des 19. Jahrhunderts vor Augen hat. Indem er alles gemünzte oder in anderer Form den Ver¬ kehr vermittelnde Geld für eine Anweisung auf tauschbare Güter er¬ klärt, kommt er schließlich zu einer Negation aller Realität des Gel¬ des: er stellt dem Gelde im eigentlichen Sinne die Münze gegenüber und erklärt nur die letztere für jene »Anweisung«, die nach dem Geld berechnet wäre, während das Geld selbst nur der ideale Maß- stab für alle Vermögenswerte wäre. Hier ist also das Prinzip des Markenskudo zu einer allgemeinen Theorie geworden, das Geld ist so sehr zu einer reinen Form und Verhältnisbegriff idealisiert, daß es Überhaupt mit keiner greifbaren Wirklichkeit mehr identisch ist, son¬ dern zu dieser sich nur noch verhält, wie das abstrakte Gesetz zu emem empirischen Fall. In den oben angeführten Vorkommnissen hat die Funktion des Wertmessers sich von dem substanziellen Träger gelost: die Rechenmünze tritt wie in einen absichtlichen Gegensatz zu der MetaUmunze, um ihre Stellung jenseits dieser festzulegen. In der hier fraglichen Beziehung tut das ideale Geld dieselben Dienste wie das gute Geld, denn auch dieses ist hier eben gutes nur wegen seiner Funktion: der Sicherheit der Wertabmessungen, die sich mit Hilfe seiner vollziehen.

Dies fuhrt nun weiter auf die Vertretung des Geldwertes durch Äquivalente, insoweit diese die Mobilisierung der Werte als einen der wesentlichen Dienste des Geldes hervortreten lassen. Je mehr die Bedeutung des Geldes als Tauschmittel, Wertmaß, Aufbewahrungsmittel usw. aus ihrer ursprünglichen Geringfügigkeit zum Über¬ gewicht über seinen sogenannten Substanzwert aufwächst, desto mehr Geld kann auch in anderer als gerade in Metallform in der Welt zirkulieren. Und dieselbe Entwicklung, die von der eingeschränkten Starrheit und substanziellen Festgelegtheit des Geldes zu diesen Ver¬ tretungen führt, macht sich auch weiterhin innerhalb dieser selbst geltend. So etwa in der Entwicklung von dem von Person zu Person lautenden Schuldschein zu dem Inhaberpapier. Die Stufen dieser Entwicklung sind noch zu verfolgen. Die Klausel des Schuld¬ anerkenntnisses, daß der Inhaber desselben und nicht nur der eigent¬ liche Ausleiher zur Einziehung berechtigt sei, kommt zwar schon im Mittelalter vor; aber nicht um seinen Wert zu übertragen, sondern um die Einziehung durch einen Vertreter des Gläubigers zu er¬ leichtern. Diese bloß formale Mobilisierung des Papiers wurde eine mehr tatsächliche in dem französischen billet en blanc, das an der Lyoner Börse kursierte. Dasselbe wies seiner Fassung nach noch auf einen individuellen Gläubiger an, dessen Name aber nicht aus¬ gefüllt war; wurde ein solcher indes an die leere Stelle eingefügt, so war nun der Gläubiger individuell bestimmt. Der eigentliche Handels¬ verkehr mit reinen Inhaberpapieren begann im 16. Jahrhundert in Antwerpen; wir wissen, daß anfänglich denselben, wenn sie ohne be¬ sondere Zession in Zahlung gegeben waren, oft die Einlösung jam Verfallstage verweigert wurde, so daß eine kaiserliche Verordnung ihre prinzipielle Gültigkeit feststellen mußte. Hier haben wir eine sehr deutliche Stufenfolge. Der fragliche Wert ist durch den indivi¬ duell bestimmten Schuldschein sozusagen zwischen Gläubiger und Schuldner festgeklemmt; er gewinnt seine erste Beweglichkeit, indem er wenigstens von einem anderen eingezogen werden kann, wenngleich für Rechnung des ursprünglichen Gläubigers; dies erweitert sich, indem das Blankopapier die personale Bestimmtheit des Gläubigers zwar nicht aufhebt, aber doch beliebig hinausschiebt, bis schließlich in dem reinen Inhaberpapier, das wie eine Münze von Hand zu Hand gehen kann, der Wert völlig mobilisiert ist. Dies erscheint als dei Revers oder die gleichsam subjektive Wendung der oben an den staatlichen Schatzassignationen beobachteten Entwicklung. Indem dieselben statt auf einzelne bestimmte Kroneinkünfte schließlich auf die Staatseinkünfte überhaupt lauteten, verloren sie nach der Seite des Schuldners hin ihre individuelle Fixiertheit, gingen aus ihrer substanziellen Eingeschränktheit in die Bewegungen der allgemeinen Staatswirtschaft über und wurden, schon weil die Prüfung ihrer be¬ sonderen Qualität jetzt wegfiel, unendlich viel beweglichere Träger des Wertes, den sie darstellten.

An der allgemeinen Zirkulationsbeschleunigung der Werte ent¬ wickelt sich nun auch unmittelbar das Verhältnis von Substanz und Funktion des Geldes. Gegenüber einer einseitigen Auffassung des Verhältnisses zwischen Geld und Geldsurrogaten hat man bervor- gehoben, daß diese letzteren — Schecks, Wechsel, Warrants, Giro — das Geld nicht verdrängen, sondern nur zu schnellerer Umsetzung veranlassen. Diese Funktion gerade der Vertretungen des Geldes zeigt sich recht daran, daß die Noten von ihren großen und also schwerer beweglichen Werten zu immer geringeren herabsteigen: bis 1759 gab die englische Bank keine kleineren Noten aus als zu 20 Pfund, die Bank von Frankreich bis 1848 nur solche von 500 Fr Indem jene Surrogate an die Stelle der Barzahlung treten, ersparen sie es dem Einzelnen zwar, einen größeren Geldbestand in seiner Kasse zu halten, allem der Vorteil davon liegt doch nur darin, daß das so frei werdende Geld anderwärts bzw. bei der Scheckbank arbeiten kann. Was erspart wird, ist also nicht eigentlich das Geld sondern nur sein passives Daliegen als Kassenbestand. So ist auch sonst zu beobachten, daß Kredit- und Bargeld sirh «...n n verschiedenen Betätigungen des Erkenntnistriebes, sowohl wenn sie sich gegenseitig hervorrufen, wie wenn sie sich gegenseitig ver¬ drängen, gleichmäßig die Einheit des grundlegenden Interesses be¬ kunden; endlich, die politischen Energien in einer Gruppe verdichten sich je nach dem Naturell und Milieu der Einzelnen zu divergenten Parteien, aber sie zeigen ihr Kraftmaß ebenso in der Leidenschaft des Kampfes zwischen diesen, wie darin, daß das Interesse des Ganzen sie gelegentlich zu gemeinsamer Aktion zu vereinheitlichen imstande ist. So weist die Bedeutung des Kredits: einerseits mit der Bargeld¬ zirkulation in einem Verhältnis gegenseitiger Anregung zu stehen, andrerseits dieselbe zu ersetzen, nur auf die Einheit des Dienstes hin, den beide zu leisten haben.

Nun tritt an die Stelle der Vermehrung der Geldsubstanz, die durch die Steigerung des Umsatzes erfordert scheint, immer mehr die Vermehrung seiner Umlaufsgeschwindigkeit. Ich führte früher an, daß schon im Jahre 1890 die französische Bank auf Kontokorrent das 135 fache der tatsächlich darauf eingezahlten Gelder umgesetzt hat (54 Milliarden auf 400 Millionen Francs), die deutsche Reichsbank sogar das 190 fache. Man macht sich im allgemeinen selten klar, mit wie unglaublich wenig Substanz das Geld seine Dienste leistet. Die auffällige Erscheinung, daß bei Ausbruch eines Krieges oder sonstiger Katastrophen das Geld verschwindet, als ob es in die Erde gesunken wäre, bedeutet doch nur die Stockung der Zirkulation, die durch die Ängstlichkeit des Einzelnen, sich auch nur momentan von seinem Gelde zu trennen, veranlaßt oder verstärkt ist. In normalen Zeiten läßt die Schnelligkeit der Zirkulation seine Substanz viel aus¬ gedehnter erscheinen, als sie in Wirklichkeit ist — wie ein glühendes Fünkchen, das im Dunkeln rasch im Kreise bewegt wird, als ein ganzer glühender Kreis erscheint, — um in dem Augenblick, wo seine Bewegung aufhört, sofort wieder in seine substanzielle Minimität zu¬ sammenzuschmelzen. Am heftigsten tritt dies bei einem schlechten Gelde auf. Denn das Geld gehört in jene Kategorie von Er¬