SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

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und Inhalt entgegentreten, so knüpft sich unser Wertgefühl auch an ihre Form, weil sie die Form dieses Inhalts, an ihren Inhalt, weil er der Inhalt dieser Form ist. Auf höheren Stufen sondern sich diese Elemente, und es wenden sich besondere Schätzungsweisen an die Funktion als bloße Form. Die Mannigfaltigkeit des Inhalts, die von dieser getragen wird, erscheint ihr gegenüber oft irrelevant. So schätzen wir z. B. die religiöse Stimmung, unter Gleichgültigkeit gegen ihren dogmatischen Inhalt. Daß diese bestimmte Erhebung, Spannung und Versöhnung der Seele überhaupt vorhanden sei, die, als ein Allgemeines, die imendliche Verschiedenheit der historischen Glaubensinhalte trägt, — empfinden wir als wertvoll. So flößt juns die Kraftbewährung als solche oft einen Respekt ein, den wir ihren Ergebnissen versagen müssen. So wendet sich das verfeinerte ästhe¬ tische Interesse immer mehr dem zu, was am Kunstwerk bloß Kunst ist, der Kunstform im weitesten Sinne, unter wachsender Gleichgültig¬ keit gegen seine Materie, d. h. gegen seinen Vorwurf und gegen die ursprünglichen Gefühle, in deren Sublimierung und Objektivierung erst die eigentlich ästhetische Funktion, in Produktion wie Kon¬ sumtion, verläuft. So empfinden wir die Erkenntnis als wertvoll, rein als die formale Funktion des Geistes, die Welt in sich zu spiegeln, und insoweit gleichgültig dagegen, ob die Gegenstände und Resultate des Erkennens erfreuliche oder unerfreuliche, verwertbare oder rein ideelle sind. Diese Differenzierung der Wertgefühle hat nun eine weitere bemerkenswerte Seite. Die ganze Entwicklung des modernen naturalistischen Geistes geht auf die Entthronung der Allgemein¬ begriffe und die Betonung des Einzelnen als des allein legitimen Vor¬ stellungsinhaltes. In der Theorie wie in der Praxis des Lebens wird das Allgemeine als bloß Abstraktes behandelt, das seine Bedeutung nur an seinem Stoffe, d. h. an greifbaren Einzelheiten finden kann; indem man sich über diese erhebt, glaubt man ins Leere zu fallen. Dennoch aber ist das Gefühl für die Bedeutsamkeit des Allgemeinen, das einst in Plato seinen Höhepunkt erreichte, nicht verschwunden, und eine völlig befriedigende Stellung zur Welt würden wir erst ge¬ winnen, wenn jeder Punkt unseres Bildes von ihr die stoffliche Re¬ alität des Singulären mit der Tiefe und Weite des Formal-Allgemeinen versöhnte. So ist der Historismus und die soziale Weltanschauung ein Versuch, das Allgemeine zu bejahen und doch seine Abstraktheit zu verneinen: ein Erheben über das Einzelne, ein Ableiten des Ein¬ zelnen aus einem Allgemeinen, das doch volle und gediegene Wirk¬ lichkeit besitzt; denn die Gesellschaft ist das Allgemeine, das nicht abstrakt ist. In dieser Richtung liegt nun auch jene Wertung der Funktion in ihrer Sonderung vom Inhalte. Die Funktion ist das Allgemeine gegenüber dem speziellen Zweck, dem sie dient: das religiöse Gefühl ist das Allgemeine gegenüber seinem Glaubens¬ inhalte, das Erkennen das Allgemeine gegenüber seinen einzelnen Objekten, jede Kraft überhaupt das Allgemeine gegenüber den speziellen Aufgaben, zu deren Mannigfaltigkeit sie sich als die immer gleiche verhält gleichsam eine Form und Fassung, die die ver¬ schiedenartigsten Stoffe aufnimmt. An dieser Entwicklungstendenz scheint das Geld teilzunehmen, wenn das daran geknüpfte Werf¬ gefühl sich von seinem Stoffe unabhängig macht und auf seine Funktion übergeht, die ein Allgemeines und doch kein Abstraktes ist. Die Schätzung, welche anfangs den in bestimmter Weise funktio¬ nierenden Stoff als Einheit betraf, differenziert sich, und während das Edelmetall als solches immer weiter geschätzt wird, gewinnt nun auch seine Funktion, die jedem ihrer stofflichen Träger gegenüber em Ubenndividuelles ist, eine besondere und selbständige Wertung Daß das Geld Tausche vermittelt und Werte mißt, ist gleichsam die Form, in der es für uns existiert; indem das Metall diese Form an¬ nimmt, wird es Geld — wie Vorstellungen über das Überirdische zur Religion werden, indem die religiöse Gefühlsfunktion sie auf¬ nimmt, und wie der Marmorblock zum Kunstwerk wird, wenn die künstlerische Produktivität ihm die Form verleiht, die nichts anderes als eben diese Funktion in räumlichem Festgewordensein ist. Die Verfeinerung des Wertempfindens löst dies ursprüngliche Ineinander und laßt die Form oder F unktion sich zu einem selbständigen Werte für uns entwickeln. Gewiß muß auch dieser Wert des Geldes einen Träger haben; aber das Entscheidende ist, daß er nicht mehr aus seinem Träger quillt, sondern umgekehrt der Träger das ganz Se¬ kundäre ist, auf dessen an sich seiende Beschaffenheit es nur noch aus technischen, jenseits des Wertempfindens liegenden Gründen ankommt.

Drittes Kapitel.

Das Geld ln den Zweckreihen.

i.

Der große Gegensatz aller Geistesgeschichte: ob man die In¬ halte der Wirklichkeit von ihren Ursachen oder von ihren Folgen aus ansieht und zu begreifen sucht — der Gegensatz der kausalen und der teleologischen Denkrichtung — findet sein Urbild an einem Unterschiede innerhalb unserer praktischen Motivationen. Das Ge¬ fühl, das wir Trieb nennen, erscheint als an einen physiologischen Vorgang gebunden, in dem gespannte Energien auf ihre Lösung drängen; indem jene sich in ein Tim umsetzen, endet der Trieb; wenn er wirklich ein bloßer Trieb ist, so ist er »befriedigt«, sobald er durch das Tun sozusagen sich selbst los geworden ist. Diesem grad¬ linigen Kausalvorgange, der sich im Bewußtsein als das primitivste Triebgefühl spiegelt, stehen diejenigen Aktionen gegenüber, deren Ursache, soweit sie sich als Bewußtseinsinhalt kundgibt, in der Vor¬ stellung ihres Erfolges besteht. Wir empfinden uns hier gleichsam nicht von hinten getrieben, sondern von vom gezogen. Das Be¬ friedigungsgefühl tritt infolgedessen hier nicht durch das bloße Tun ein, in dem der Trieb sich auslebt, sondern erst durch den Erfolg\ den das Tun hervorruft. Wenn etwa eine ziellose innere Unruhe uns zu einer heftigen Bewegung treibt, so liegt ein Fall der ersten Kate¬ gorie vor; der zweiten, wenn wir uns die gleiche Motion machen, um einen bestimmten hygienischen Zweck damit zu erreichen; das Essen ausschließlich aus Hunger gehört in die erste, das Essen ohne Hunger, nur um des kulinarischen Genusses willen, in die zweite Kate¬ gorie; die Sexualfunktion, im Sinne des Tieres ausgeübt, in die erste, die in der Hoffnung eines bestimmten Genusses gesuchte in die zweite. Dieser Unterschied scheint mir nun nach zwei Seiten hin wesentlich zu sein. Sobald wir aus bloßem Triebe heraus, also im engeren Sinne 13 rein kausal bestimmt handeln, so besteht zwischen der psychischen Verfassung, die als Ursache des Handelns auftritt, und dem Resultat, in das sie ausläuft, keinerlei inhaltliche Gleichheit. Der Zustand' dessen Energien uns in Bewegung setzen, hat insofern zu der Hand¬ lung und ihrem Erfolge so wenig qualitative Beziehungen, wie der Wind zu dem Fall der Frucht, die er vom Baum schüttelt. Wo da¬ gegen die Vorstellung des Erfolges als Veranlassung gefühlt wird, da decken sich Ursache und Wirkung ihrem begrifflichen oder an¬ schaubaren Inhalte nach. Die Ursache der Aktion ist indes auch in diesem Falle die reale — wenn auch wissenschaftlich nicht näher formulierbare — Kraft der Vorstellung bzw. ihres physischen Kor¬ relats, die von ihrem Gedankeninhalt durchaus zu trennen ist. Denn dieser Inhalt, der ideelle Sachgehalt des Handelns oder Geschehens, ist an und für sich absolut kraftlos, er hat nur eine begriffliche Gültig¬ keit und kann nur insoweit in der Wirklichkeit sein, als er der In¬ halt einer realen Energie wird: sowie die Gerechtigkeit oder die Sittlichkeit als Ideen niemals eine Wirksamkeit in der Geschichte üben, das vielmehr erst können, wenn sie von konkreten Mächten als Inhalt des Kraftmaßes derselben aufgenommen werden. Der Kom¬ petenzstreit zwischen Kausalität und Teleologie innerhalb unseres Handelns schlichtet sich also so: indem der Erfolg, seinem Inhalte nach, in der Form psychischer Wirksamkeit da ist, bevor er sich in die der objektiven Sichtbarkeit kleidet, wird der Strenge der Kausal- verbmdung nicht der geringste Abbruch getan; denn für diese kommen die Inhalte nur, wenn sie Energien geworden sind, in Be¬ tracht, und insofern sind Ursache und Erfolg durchaus geschieden, während die Identität, die die ideellen Inhalte beider zeigen, wiederum mit der realen Verursachung überhaupt nichts zu tun hat.

Von tieferer Bedeutung für die jetzige Aufgabe ist die andere Differenz, durch die sich das triebhafte und das vom Zweck geleitete Woben gegeneinander charakterisieren. Sobald unser Handeln nur kausal (im engeren Sinne) bestimmt wird, ist der ganze Vorgang mit der Umsetzung der drängenden Energien in subjektive Bewegung beendet, das Gefühl der Spannung, des Getriebenwerdens ist gehoben, sobald die Aktion als Folge des Triebes eingetreten ist. Der Trieb lebt sich mit der ihm natürlichen Fortsetzung in Bewegung voll¬ ständig aus, so daß der gesamte Vorgang innerhalb des Subjekts beschlossen bleibt. Ganz anders verläuft der Prozeß, der durch das Bewußtsein des Zweckes geleitet ist. Dieser geht zunächst auf einen bestimmten objektiven Erfolg des Tuns und erreicht seinen Abschluß durch die Reaktion dieses auf das Subjekt bzw. des Subjekts auf ihn. Die prinzipielle Bedeutung des Zweckhandelns liegt also in der Wechselwirkung, die es zwischen dem Subjekt und Objekt stiftet. Indem schon die bloße Tatsache unserer Existenz uns in diese Wechselwirkung verwebt, hebt das zweckbestimmte Handeln sie in die Innerlichkeit des Geistes. Durch eben dies stellt sich unser Ver¬ hältnis zur Welt gleichsam als eine Kurve dar, die vom Subjekt aus auf das Objekt geht, es in sich einbezieht und wieder zum Subjekt zu.vückkehrt. Und während freilich jede zufällige und mechanische Berührung mit den Dingen äußerlich dasselbe Schema zeigt, wird es als Zweckhandeln von der Einheit des Bewußtseins durchströmt und zusammengehalten. Als Naturwesen betrachtet sind wir in fort¬ währender Wechselwirkung mit dem natürlichen Dasein um uns her¬ um, aber in völliger Koordination mit diesem; erst im Zweckhandeln differenziert sich das Ich als Persönlichkeit von den Naturelementen außerhalb (und innerhalb) seiner. Oder, anders angesehen: erst auf der Grundlage solcher Scheidung eines persönlich wollenden Geistes und der rein kausal betrachteten Natur ist jene Einheit höherer Stufe zwischen beiden möglich, die sich in der Zweckkurve ausdrückt. Dieses prinzipielle Verhältnis wiederholt sich, mit gewissen Ab- schwächungen, an dem Unterschied, den man zwischen der Arbeit des Kulturmenschen und des Naturmenschen zu finden meint: jene gehe regelmäßig und methodisch, diese unregelmäßig und stoßweise vor sich; das heißt, die erstere fordere eine willenshafte Überwindung der Widerstände, die unser Organismus der Arbeit entgegensetze, während die andere nur die Auslösung der in den psychischen Zentren angehäuften Nervenkraft sei.

Das ist nun nicht so gemeint, als ob der eigentliche Zweck jedes Zweckhandelns im handelnden Subjekt selbst liegen müßte, als ob der Grund, um dessentwillen irgendein Objektives verwirklicht wird, immer in dem Gefühle bestünde, das es rückwirkend in uns erregt. Wenn dies in den eigentlich egoistischen Handlungen stattfindet, stehen daneben doch unzählige, in denen jene Inhaltsgleichheit zwischen Motiv und Erfolg nur den Erfolg im Sinne des Objekts, des äußer-subjektiven Geschehens betrifft; unzählige Male nimmt die innere Energie, aus der unser Handeln hervorgeht, ihrer Bewußt¬ seinsseite nach nur ihren sachlichen Erfolg in sich auf und läßt die auf uns selbst zurückkehrende Weiterwirkung desselben ganz außer¬ halb des teleologischen Prozesses. Zwar, wenn nicht der Erfolg unseres Tuns schließlich ein Gefühl in uns auslöste, so würde von seiner Vorstellung nicht die bewegende Kraft ausgehen, die ihn zu verwirklichen strebt. Allein dieses unentbehrliche Endglied des Han¬ delns ist darum noch nicht sein Endzweck; unser teleologisch be¬ stimmtes Wollen macht vielmehr sehr oft an seinem sachlichen Erfolge halt und fragt bewußt nicht über diesen hinaus. Suchen wir also die Formel des Zweckprozesses in seinem Gegensatz zu dem kausal-triebhaften — wobei dahingestellt bleibt, ob dieser Gegen¬ satz etwa nur ein solcher der Betrachtungsweise, sozusagen ein methodologischer ist — so ist es die, daß das Zweckhandeln die be¬ wußte Verflechtung unserer subjektiven Energien mit einem objek¬ tiven Dasein bedeutet, und daß diese Verflechtung in einem doppelten Ausgreifen der Wirklichkeit in das Subjekt hinein besteht: einmal in der Antizipation ihres Inhaltes in der Form der subjektiven Ab¬ sicht und zweitens in der Rückwirksamkeit ihrer Realisierung in der Form eines subjektiven Gefühls. Aus diesen Bestimmungen ent¬ wickelt sich die Rolle des Zweckes im Lebenssystem.

Es geht zunächst daraus hervor, daß sogenannte unmittelbare Zwecke einen Widerspruch gegen den Begriff des Zweckes selbst be¬ deuten Wenn der Zweck eine Modifikation innerhalb des objektiven Sems bedeutet, so kann dieselbe doch nur durch ein Tun realisiert werden, welches die innere Zwecksetzung mit dem ihr äußeren Da¬ sein vermittelt; unser Handeln ist die Brücke, über welche der Zweck- inhah aus seiner psychischen Form in die Wirklichkeitsform über- geht. Der Zweck ist seinem Wesen nach an die Tatsache des Mittels gebunden. Hierdurch unterscheidet er sich einerseits vom bloßen Mechanismus - und seinem psychischen Korrelat, dem Trieb in dem die Energien jedes Momentes sich in dem unmittelbar folgen¬ den vollständig entladen, ohne über diesen hinaus auf einen nächsten zu weisen; welcher nächste vielmehr nur von dem unmittelbar vorher- gehenden ressortiert. Die Formel des Zweckes ist dreigliedrig, die es Mechanismus nur zweigliedrig. Andrerseits unterscheidet sich ?enifeneHanHrf Angewieusensein auf das auch von dem- K handeln, das man sich als das göttliche denken mag. Für die Macht eines Gottes kann unmöglich ein zeitliches oder sachliches Intervall zwischen dem Willensgedanken und seiner Verwirklichung bestehen. Das menschliche Handeln, zwischen diese beiden Momente eingeschoben, ist nichts als das überwinden von Hemmungen die ur einen Gott nicht bestehen können; wenn wir ihn nicht narh a Büde irdischer Unvollkommenheit denken, so muß sein Wille um mittelbar als solcher schon Realität des Gewollten sein. Von einem Endzweck den Gott mit der Welt hätte, kann man nur in einem sehr modifmerten Sinne reden, nämlich als dem zeitlich letzten Zu stand, der ihre Schicksale abschließt. Verhielte sich aber fZ J göttlichen Ratschluß jener zu diesen vorhergehenden, wie sich ein menschlicher Zweck zu seinen Mitteln verhält: nämlich als das allein Wertvolle und Gewollte - so wäre nicht abzusehen, weshaTb G0« ihn nicht unmittelbar und mit Übergehung jener wertlosen und hemmenden Zwischenstadien sollte herbeigeführt haben; denn er be¬ darf doch nicht der technischen Mittel, wie wir, die wir der selb¬ ständigen Welt mit sehr beschränkten, auf Kompromisse mit ihren Hemmungen und auf Allmählichkeit des Durchsetzens angewiesenen Kräften gegenüberstehen. Oder anders ausgedrückt: für Gott kann es keinen Zweck geben, weil es für ihn keine Mittel gibt.

Aus dieser Gegenüberstellung wird die eigentliche Bedeutung des oben Betonten ersichtlich, daß der Zweckprozeß eine Wechselwirkung zwischen dem persönlich wollenden Ich und der ihm äußeren Natur bedeutet. Der Mechanismus, der zwischen dem Willen und seiner Befriedigung steht, ist einerseits Verbindung, andrerseits aber auch Trennung beider. Er bedeutet die Unmöglichkeit für den Willen, aus sich selbst heraus zu seiner Befriedigung zu gelangen, er stellt die Hemmung dar, die er überwindet. Zweckmäßigkeit ist also ihrem Wesen nach ein relativer Begriff, weil sie immer das an sich Zweck - fremde voraussetzt, in dessen Umformung sie besteht. Wenn es dieser letzteren nicht bedürfte, der Wille vielmehr als solcher schon seine Erfüllung in sich trüge, so käme es gar nicht zu einer Zwecksetzung. Das eigene Tun, in das der zweckbestimmte Wille sich fortsetzt, ist der erste Fall, an dem wir dieses Doppelcharakters des Mittels inne werden: an ihm fühlen wir ganz nahe den Widerstand des außer¬ seelischen Seins unser selbst und die dirigierende Energie, die ihn überwindet — eines am anderen bewußtwerdend und sein spezifisches Wesen gewinnend. Wenn nun das Tun den äußeren Gegenstand des Zweckes nicht unmittelbar erzeugen kann, sondern dazu erst ein anderes äußeres Ereignis einleiten muß, das seinerseits das er¬ wünschte Resultat bewirkt, so ist das dazwischengeschobene Ge¬ schehen unserem eigenen Handeln hier wesensgleich: beides ist gleichmäßig Mechanismus, aber beides auch gleichmäßig vom Geist zum Geiste führender Mechanismus; beides setzt sich kontinuier¬ lich aneinander an, um die Kurve zu bilden, deren Anfangs- und Endpunkte in der Seele liegen; die durchschnittliche Gliederzahl dieser Kurve innerhalb eines bestimmten Lebensstiles zeigt nun die Kenntnis und Beherrschung der Natur wie die Weite und Ver¬ feinerung der Lebensführung an. Und hier setzen die gesellschaft¬ lichen Komplikationen an, die in der Schaffung des Geldes gipfeln.

Zunächst ist folgender Zusammenhang klar. Wenn ein Zweck D erreicht und dazu eine Kette mechanischer Vorgänge ABC produziert werden soll, derart, daß B durch A, C durch B und D erst durch C veranlaßt wird, so ist diese in ihrem Inhalt und ihrer Richtung durch D bestimmte Reihe von der Erkenntnis des Kausalzusammenhanges zwischen ihren Gliedern abhängig. Wenn ich nicht schon wüßte, daß C imstande ist, D hervorzurufen, B ebenso C usw., so würde ich mit meinem Verlangen nach D ganz hilflos dastehen. Nie¬ mals kann also eine teleologische Kette erwachsen, ohne daß die um¬ gekehrt gerichteten, kausalen Verbindungen ihrer Glieder bekannt wären. Der Zweck vergilt dies, indem er gewöhnlich seinerseits die psychologische Anregung gibt, überhaupt nach kausalen Zusammen¬ hängen zu forschen. Die teleologische Kette findet also ihre inhalt¬ liche, logische Möglichkeit in der kausalen, diese aber ihr Interesse, d. h. ihre regelmäßige psychologische Möglichkeit in dem Wollen eines Zwecks. Die so bezeichnete Wechselwirkung, die, ganz all¬ gemein gesprochen, das Verhältnis von Theorie und Praxis bedeutet, hat ersichtlich zur Folge, daß die Vertiefung des kausalen Bewußt¬ seins mit der des teleologischen Hand in Hand geht. Die Länge der Zweckreihen hängt von der Länge der Kausalreihen ab; und andrer¬ seits, der Besitz der Mittel erzeugt unzählige Male nicht nur die Verwirklichung, sondern erst den Gedanken des Zwecks.

Um diese Verwebung des natürlichen und des geistigen Seins in ihrer Bedeutung einzusehen, muß man sich das scheinbar Selbst¬ verständliche vor Augen halten, daß wir mit vielgliedrigen Reihen von Mitteln mehr und wesentlichere Zwecke erreichen können als mit kurzen. Der primitive Mensch, dessen Kenntnis der natürlichen Ur¬ sächlichkeiten sehr beschränkt ist, ist dadurch in seinen Zweck¬ setzungen ebenso beschränkt. Die Zweckkurve wird bei ihm als Mittelglieder kaum mehr als das eigene physische Tun und die un¬ mittelbare Einwirkung auf je ein Objekt enthalten; wenn nun von diesem nicht die erhoffte Rückwirkung auf ihn erfolgt, so wird die Einschiebung einer magischen Instanz, von der er durch irgendein Beeinflussen die Bewirkung des gewünschten Erfolges erhofft, doch weniger als Verlängerung der teleologischen Reihe, denn als Beweis für die Untunlichkeit derselben erscheinen. Wo jene kurze Reihe also nicht ausreicht, wird er entweder auf den Wunsch verzichten, oder, unendlich häufiger, ihn überhaupt nicht ausbilden. Die Verlängerung der Reihe bedeutet, daß das Subjekt die Kräfte der Objekte in steigendem Maße für sich arbeiten läßt. Je mehr die primitiven Be¬ dürfnisse schon befriedigt sind, desto mehr Glieder pflegt die teleo¬ logische Reihe zu fordern, und erst einer sehr verfeinerten Kausal¬ erkenntnis gelingt dann manchmal die Reduktion der Gliederzahl, indem sie unmittelbarere Zusammenhänge, kürzere Wege innerhalb der natürlichen Ordnung der Dinge entdeckt. Dies kann sich bis zu einer Umkehrung des natürlichen Verhältnisses steigern: in relativ primitiven Zeiten werden die einfachen Lebensbedürfnisse noch durch einfache Zweckreihen beschafft, während es für die höheren und differenzierten vielgliedriger Umwege bedarf; die vorgeschrittene technische Kultur dagegen pflegt gerade für die letzteren relativ ein¬ fachere, direktere Herstellungsarten zu besitzen, wogegen die Ge¬ winnung der fundamentalen Erfordernisse des Lebens auf immer größere Schwierigkeiten stößt, die durch immer kompliziertere Mittel überwunden werden müssen. Die Kulturentwicklung geht, mit einem Wort, auf Verlängerung der teleologischen Reihen für das sachlich Naheliegende und Verkürzung derselben für das sachlich Fern¬ liegende. Und hier tritt der äußerst wichtige Begriff des Werk¬ zeugs in unsere Erwägung des Zweckhandelns ein. Die primäre Form jener teleologischen Kurve ist doch die, daß unser Tun ein äußeres Objekt zu Reaktionen veranlaßt, die, gemäß der eigenen Natur desselben verlaufend, an den Punkt der erwünschten Ein¬ wirkung auf uns gelangen. Das Werkzeug bedeutet nun die Ein¬ schiebung einer Instanz zwischen dem Subjekt und diesem Objekt, die nicht nur zeitlich -räumlich, sondern auch inhaltlich eine Mittel¬ stellung zwischen ihnen einnimmt. Denn es ist einerseits zwar ein äußeres Objekt von bloß mechanischer Wirksamkeit, andrerseits aber auch eins, auf das nicht nur, sondern mit dem — wie mit der Hand — gewirkt wird. Das Werkzeug ist das potenzierte Mittel, denn seine Form und sein Dasein ist schon durch den Zweck bestimmt, wäh¬ rend bei dem primären teleologischen Prozeß die natürlichen Existenzen erst nachträglich in den Dienst des Zweckes gestellt wer¬ den. Wer einen Samen in die Erde steckt, um später die Frucht des Gewächses zu genießen, statt sich mit der wild wachsenden zu be¬ gnügen, handelt teleologisch, aber die Erscheinung des Zweckes mündet an der Grenze seiner Hand; wenn aber bei dieser Gelegen¬ heit Hacke und Spaten verwendet werden, so ist der Punkt, von dem an die natürlichen Prozesse sich selbst überlassen sind, weiter hinausgeschoben, das subjektiv bestimmte Moment ist dem objek¬ tiven gegenüber verlängert. Mit dem Werkzeug fügen wir der Zweck - reihe allerdings ein neues Glied freiwillig zu, damit aber nur be¬ weisend, daß keineswegs jeder Weg in dem Maße der kürzere ist, in dem er der gerade ist. Das Werkzeug ist der Typus dessen, was man in der Außenwelt unser Geschöpf nennen könnte, indem es, gleichsam an dem einen Ende, ganz von unseren Kräften geformt wird und am anderen ganz in unsere Zwecke eingeht; gerade dadurch, daß es selbst nicht Zweck ist, fehlt ihm jene relative Selbständigkeit, die der Zweck besitzt, sei es, daß er uns als absoluter Wert an sich selbst gelte, sei es, daß wir von ihm eine Wirkung auf uns erwarten: es ist das absolute Mittel. Das Werkzeug-Prinzip ist nun keineswegs nur an Physischem wirksam. Vielmehr dort, wo das Interesse nicht unmittel¬ bar der materiellen Produktion gilt, sondern geistige Bedingungen und Seiten derselben oder überhaupt immaterielle Geschehnisse in Frage stehen, gewinnt das Werkzeug eigentlich eine noch reinere Form, insofern es nun wirklich ganz das Geschöpf unseres Willens ist und sich nicht mit der Besonderheit und inneren Zweckfremdheit einer Materie abzufinden hat. Den ausgeprägtesten Typus bilden hier viel¬ leicht die sozialen Institutionen, durch deren Benutzung der Einzelne Zwecke erreichen kann, zu denen sein bloß persönliches Können nie¬ mals zureichen würde. Ganz abgesehen von dem Allerallgemeinsten: daß das Teilhaben am Staat durch den äußeren Schutz, den er ge¬ währt, überhaupt die Bedingung für die Mehrzahl individueller Zweckhandlungen ist — so verschaffen etwa die besonderen Ein¬ richtungen des Zivilrechts dem Wollen des Einzelnen Realisierungs¬ möglichkeiten, die ihm sonst völlig versagt blieben. Indem sein Wille den Umweg über die Rechtsform des Vertrags, des Testaments, der Adoption usw. einschlägt, benutzt er ein von der Allgemeinheit her¬ gestelltes Werkzeug, das seine eigene Kraft vervielfältigt, ihre Wirkungslinien verlängert, ihre Resultate sichert. Aus den Wechsel¬ wirkungen der vielen entstehen, indem das Zufällige sich gegenseitig abschleift und die Gleichmäßigkeit der Interessen eine Summierung der Beiträge gestattet, objektive Einrichtungen, die gleichsam die Zentralstation für unzählige teleologische Kurven der Individuen bil¬ den und diesen ein völlig zweckmäßiges Werkzeug für die Er¬ streckung derselben auf sonst Unerreichbares bieten. So verhält es sich auch mit dem kirchlichen Kultus: er ist ein von der Gesamtheit der Kirche bereitetes, die für dieselbe typischen Empfindungen objek¬ tivierendes Werkzeug — gewiß ein Umweg für die innen und oben gelegenen Endziele der Religiosität, aber der Umweg über ein Werk¬ zeug, das, im Unterschiede von allen materiellen Werkzeugen, sein ganzes Wesen darin hat, bloß Werkzeug zu jenen Zielen zu sein die das Individuum für sich allein, d. h. auf direktem Wege, nicht glaubt gewinnen zu können.