SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

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Ci Gegenscitigkcn des Sichaufwiegens, vermöge deren jedes Objekt des Wirtschaftens seinen Wert in einem anderen Gegenstände ausdrückt hebt beide aus ihrer bloßen Gefühlsbedeutung heraus: die Relativität’ der Wertbestimmung bedeutet ihre Objektivierung. Die Grund¬ beziehung zum Menschen, in dessen Gefühlsleben sich freilich alle Wertungsprozesse abspielen, ist hierbei vorausgesetzt, sie ist in die inge sozusagen hineingewachsen, und mit ihr ausgerüstet treten sie m jene gegenseitige Abwägung ein, die nicht die Folge ihres wirt¬ schaftlichen Wertes, sondern schon dessen Träger oder Inhalt ist Die Tatsache des wirtschaftlichen Tausches also löst die Dinge von dem Eingeschmolzensein in die bloße Subjektivität der Subjekte und laßt sie, indem sie ihre wirtschaftliche Funktion in ihnen selbst investiert sich gegenseitig bestimmen. Den praktisch wirksamen Wert verleiht dem Gegenstand nicht sein Begehrtwerden allein, son¬ dern das Begehrtwerden eines anderen. Ihn charakterisiert nicht die eziehung auf das empfindende Subjekt, sondern daß es zu dieser Beziehung erst um den Preis eines Opfers gelangt, während von der anderen Seite gesehen dieses Opfer als zu genießender Wert, jener selbst aber als Opfer erscheint. Dadurch bekommen die Objekte eine Gegenseitigkeit des Sichaufwiegens, die den Wert in ganz besonderer eise als eine ihnen selbst objektiv innewohnende Eigenschaft er- scheinen läßt. Indem um den Gegenstand gehandelt wird — das bedeutet doch, daß das Opfer, das er darstellt, fixiert wird — er¬ scheint seine Bedeutung für beide Kontrahenten vielmehr wie etwas außerhalb dieser letzteren selbst Stehendes, als wenn der Einzelne ihn nur m seiner Beziehung zu sich selbst empfände; und wir werden nachher sehen, wie auch die isolierte Wirtschaft, indem sie den Wirt- schaftenden den Anforderungen der Natur gegenüberstellt, ihm die gleiche Notwendigkeit des Opfers für den Gewinn des Objektes auf¬ erlegt, so daß auch hier das gleiche Verhältnis, das nur den einen Träger gewechselt hat, den Gegenstand mit derselben selbständigen von seinen eigenen objektiven Bedingungen abhängigen Bedeutung ausstatten kann. Die Begehrung und das Gefühl des Subjektes steht freihch als die treibende Kraft hinter alledem, aber aus ihr an und .ur sich konnte diese Wertform nicht hervorgehen, die vielmehr nur dem Sichaufwiegen der Objekte untereinander zukommt. Die Wirt¬ schaft leitet den Strom der Wertungen durch die Form des Tausches hindurch, gleichsam ein Zwischenreich schaffend zwischen den Be¬ gehrungen, aus denen alle Bewegung der Menschenwelt quillt, und der Befriedigung des Genusses, in der sie mündet. Das Spezifische der Wirtschaft als einer besonderen Verkehrs- und Verhaltungsform besteht wenn man einen paradoxen Ausdruck nicht scheut — nicht 31 sowohl darin, daß sie Werte austauscht, als daß sie Werte aus¬ tauscht. Freilich liegt die Bedeutung, die die Dinge in und mit dem Tausch gewinnen, nie ganz isoliert neben ihrer subjektiv-unmittel- baren, über die Beziehung ursprünglich entscheidenden; vielmehr gehört beides zusammen, wie Form und Inhalt zusammengehören. Allein der objektive und oft genug auch das Bewußtsein des Ein¬ zelnen beherrschende Vorgang abstrahiert sozusagen davon, daß es Werte sind, die sein Material bilden, und gewinnt sein eigenstes Wesen an der Gleichheit derselben — ungefähr, wie die Geometrie ihre Aufgaben nur an den Größenverhältnissen der Dinge findet, ohne die Substanzen einzubeziehen, an denen allein doch jene Verhältnisse real bestehen. Daß so nicht nur die Betrachtung der Wirtschaft, sondern die Wirtschaft selbst sozusagen in einer realen Abstraktion aus der umfassenden Wirklichkeit der Wertungsvorgänge besteht, ist nicht so verwunderlich, wie es zuerst scheint, sobald man sich klar¬ macht, wie ausgedehnt das menschliche Tun innerhalb jeder seeli¬ schen Provinz mit Abstraktionen rechnet. Die Kräfte, Beziehungen, Qualitäten der Dinge — zu denen insoweit auch unser eigenes Wesen gehört — bilden objektiv ein einheitliches Ineinander, das erst von unseren hinzutretenden Interessen und um von uns bearbeitet zu werden, in eine Vielheit selbständiger Reihen oder Motive gespalten wird. So untersucht jede Wissenschaft Erscheinungen, die erst unter dem von ihr gestellten Gesichtspunkte eine in sich geschlossene Ein¬ heitlichkeit und reinliche Abgrenzung gegen die Probleme anderer Wissenschaften haben, während die Wirklichkeit sich um diese Grenzlinien nicht kümmert, sondern jeder Abschnitt der Welt ein Konglomerat von Aufgaben für die mannigfaltigsten Wissenschaften darstellt. Ebenso schneidet unsere Praxis aus der äußeren oder inneren Komplexität der Dinge einseitige Reihen heraus und schafft erst so die großen Interessensysteme der Kultur. Dasselbe tritt an Betätigungen des Gefühls hervor. Wo wir religiös oder sozial emp¬ finden, wo wir melancholisch oder weltfreudig gestimmt sind, da sind es immer Abstraktionen aus dem Wirklichkeitsganzen, die' uns als Gegenstände unseres Gefühls erfüllen — sei es, daß unsere Reaktionsfähigkeit aus den dargebotenen Eindrücken nur diejenigen ergreift, die unter diesen oder jenen gemeinsamen Interessenbegriff gehören; sei es, daß sie von sich aus jeden Gegenstand mit einer Färbung versieht, deren in dem Gegenstand selbst gelegene Be¬ rechtigung sich in dessen Ganzheit mit den Begründungen anderer Färbungen zu einer objektiv ungeschiedenen Einheit verwebt. So ist auch dies eine der Formeln, in die man das Verhältnis des Men¬ schen zur Welt fassen kann: daß aus der absoluten Einheit und 32 dem Ineinanderverwachsensein der Dinge, in dem jedes das andere trägt und alle zu gleichen Rechten bestehen, unsere Praxis nicht weniger als unsere Theorie unablässig einzelne Elemente abstrahiert, um sie zu relativen Einheiten und Ganzheiten zusammenzuschließen. Wir haben, außer in ganz allgemeinen Gefühlen, keine Beziehung zu der Totalität des Seins: erst indem wir von den Bedürfnissen unseres Denkens und Handelns aus fortwährende Abstraktionen aus den Er¬ scheinungen ziehen und diese mit der relativen Selbständigkeit eines bloß inneren Zusammenhanges ausstatten, die die Kontinuität der Weltbewegungen dem objektiven Sein jener verweigert, gewinnen wir ein in seinen Einzelheiten bestimmtes Verhältnis zur Welt. So ist das wirtschaftliche System allerdings auf eine Abstraktion ge¬ gründet, auf das Gegenseitigkeitsverhältnis des Tausches, die Balance zwischen Opfer und Gewinn, während es in dem wirklichen Prozeß, in dem es sich vollzieht, mit seinem Fundamente und seinem Er¬ gebnis: den Begehrungen und den Genüssen, untrennbar ver¬ schmolzen ist. Aber diese Existenzform unterscheidet es nicht von den sonstigen Gebieten, in die wir die Gesamtheit der Erscheinungen zu den Zwecken unserer Interessen zerlegen.

Das Entscheidende für die Objektivität des wirtschaftlichen Wertes, die das Wirtschaftsgebiet als selbständiges abgrenzt, ist das prinzipielle Hinausgehen seiner Gültigkeit über das Einzelsubjekt. Dadurch, daß für den Gegenstand ein anderer gegeben werden muß, zeigt sich, daß derselbe nicht nur für mich, sondern auch an sich, d. h. auch für einen anderen etwas wert ist. An der wirtschaftlichen Form der Werte findet die Gleichung: Objektivität = Gültigkeit für Sub¬ jekte überhaupt — eine ihrer deutlichsten Rechtfertigungen. Durch die Äquivalenz, die überhaupt erst gelegentlich des Tausches ein Be¬ wußtsein und Interesse erwirbt, wächst dem Wert der spezifische Charakterzug der Objektivität zu. Denn nun mag jedes der Elemente nur personaler Art oder nur subjektiv wertvoll sein — daß sie ein¬ ander gleich sind, ist ein objektives, in keinem dieser Elemente für sich und doch nicht außerhalb beider liegendes Moment. Der Tausch setzt eine objektive Messung subjektiver Wertschätzungen voraus, aber nicht im Sinne zeitlichen Vorangehens, sondern so, daß beides in einem Akte besteht.

Man muß sich hier klarmachen, daß die Mehrzahl der Be¬ ziehungen von Menschen untereinander als Tausch gelten kann; er ist die zugleich reinste und gesteigertste Wechselwirkung, die ihrer¬ seits das menschliche Leben ausmacht, sobald es einen Stoff und In¬ halt gewinnen will. Zunächst wird schon oft übersehen, wie vieles, das auf den ersten Blick eine bloß einseitig ausgeübte Wirkung ist, 3 Simmel, Philosophie’ des Geldes.

33 tatsächlich Wechselwirkung einschließt: der Redner scheint der Versammlung, der Lehrer der Klasse, der Journalist seinem Publi¬ kum gegenüber der allein Führende und Beeinflussende zu sein; tat¬ sächlich empfindet jeder in solcher Situation die bestimmende und lenkende Rückwirkung der scheinbar bloß passiven Masse; für politische Parteien gilt allenthalben das Wort: »ich bin ihr Führer, also muß ich ihnen folgen«; ja, ein hervorragender Hypnotiseur hat neulich betont, daß bei der hypnotischen Suggestion — offenbar doch dem entschiedensten Falle reiner Aktivität von der einen, unbedingter Beeinflußtheit von der anderen Seite — eine schwer beschreibliche Wirkung des Hypnotisierten auf den Hypnotiseur stattfände, ohne die der Effekt nicht erreicht würde. Jede Wechselwirkung aber ist als ein Tausch zu betrachten: jede Unterhaltung, jede Liebe (auch wo sie mit andersartigen Gefühlen erwidert wird), jedes Spiel, jedes Sichanblicken. Und wenn der Unterschied zu bestehen scheint, daß man in der Wechselwirkung gibt, was man selbst nicht hat, im Tausch aber nur, was man hat — so hält dies doch nicht stand. Denn ein¬ mal, was man in der Wechselwirkung ausübt, kann immer nur die eigene Energie, die Hingabe eigener Substanz sein; und umgekehrt, der Tausch geschieht nicht um den Gegenstand, den der andere vor¬ her hatte, sondern um den eigenen Gefühlsreflex, den der andere vorher nicht hatte; denn der Sinn des Tausches: daß die Wertsumme des Nachher größer sei als die des Vorher — bedeutet doch, daß jeder dem anderen mehr gibt, als er selbst besessen hat. Freilich ist Wechselwirkung der weitere, Tausch der engere Begriff; allein in menschlichen Verhältnissen tritt die erstere ganz überwiegend in Formen auf, die sie als Tausch anzusehen gestatten. Unser natür¬ liches Schicksal, das jeden Tag aus einer Kontinuität von Gewinn und Verlust, Zufließen und Abströmen der Lebensinhalte zusammen¬ setzt, wird im Tausch vergeistigt, indem nun das eine für das andere mit Bewußtsein gesetzt wird. Derselbe geistig -synthetische Prozeß, der überhaupt aus dem Nebeneinander der Dinge ein Mit- und Für¬ einander schafft; dasselbe Ich, das, die sinnlichen Gegebenheiten innerlich durchströmend, ihnen die Form seiner eigenen Einheit ein¬ baut — hat mit dem Tausch jenen naturgegebenen Rhythmus unserer Existenz ergriffen und seine Elemente zu einer sinnvollen Verbunden¬ heit organisiert. Und zwar wird gerade dem Tausch wirtschaftlicher Werte die Färbung des Opfers am wenigsten erspart bleiben. Wo wir Liebe um Liebe tauschen, wüßten wir mit der darin offenbarten inneren Energie sonst nichts anzufangen; indem wir sie hingeben, opfern wir — von äußeren Betätigungsfolgen abgesehen — keinerlei Nutzen auf; wenn wir in der Wechselrede geistige Inhalte mitteilen, 34 so nehmen diese darum nicht ab; wenn wir unserer Umgebung das Bild unserer Persönlichkeit darbieten, indem wir das der anderen in uns aufnehmen, so vermindert dieser Austausch unseren Besitz unser selbst in keiner Weise. Bei all diesen Tauschen geschieht die Wert¬ vermehrung nicht durch Aufrechnung von Gewinn und Verlust, sondern der Beitrag jeder Partei steht entweder ganz jenseits dieses Gegensatzes, oder es ist an sich schon ein Gewinn, ihn nur hingeben zu dürfen, so daß wir die Erwiderung als ein, trotz unserer eigenen Gabe, unverdientes Geschenk empfinden; wogegen der wirtschaft¬ liche Tausch — mag er Substanzen oder Arbeit oder in Substanzen investierte Arbeitskraft betreffen — immer das Opfer eines auch anderweitig nutzbaren Gutes bedeutet, so sehr auch im Endresultat die eudämonistische Mehrung überwiege.

Daß alle Wirtschaft Wechselwirkung, und zwar in dem spezifi¬ schen Sinne des aufopfernden Tausches ist, hat einem Einwand zu begegnen, den man gegen die Gleichsetzung des wirtschaftlichen Wertes überhaupt mit dem Tauschwert erhoben hat. Auch der ganz isolierte Wirt, so hat man gesagt — der also weder kaufe noch ver- kaufe — müsse doch seine Produkte und Produktionsmittel ab¬ schätzen, also einen von allem Tausche unabhängigen Wertbegriff bilden, wenn seine Aufwendungen und seine Ergebnisse im richtigen Verhältnis zueinander stehen sollen. Allein diese Tatsache beweist gerade, was sie widerlegen soll. Denn alle Abwägung, ob ein be¬ stimmtes Produkt einen bestimmten Aufwand an Arbeit oder sonstigen Gütern rechtfertigt, ist für das wirtschaftende Subjekt ge¬ nau dieselbe, wie die beim Tausche vor sich gehende Wertung dessen, was man hingibt, gegen das, was man erhält. Es wird nämlich gegen¬ über dem Begriffe des Tausches oft jene Denkunklarheit begangen, infolge deren man von einer Beziehung, einem Verhältnis so spricht, als wäre es etwas außerhalb der Elemente, zwischen denen es spielt’. Es bedeutet doch nur einen Zustand oder eine Veränderung innerhalb jedes derselben, aber nichts, was zwischen denselben, im Sinne der räumlichen Besonderung eines zwischen zwei anderen befindlichen Objekts, existierte. Indem man die beiden Akte oder Zustands¬ änderungen, die in Wirklichkeit vor sich gehen, in den Begriff »Tausch« zusammenfaßt, liegt die Vorstellung verlockend nahe, als wäre mit dem Tausch etwas neben oder über demjenigen geschehen, was in dem einen und in dem anderen Kontrahenten geschieht — wie wenn die begriffliche Substantialisierung im Begriff des »Kusses«, den man ja auch »tauscht«, verführen wollte, den Kuß für etwas zu halten, was irgendwo außerhalb der beiden Lippenpaare, außerhalb ihrer Bewegungen und Empfindungen läge. Auf seinen unmittel- 35 - baren Inhalt angesehen, ist der Tausch nur die kausal verknüpfte Zweimaligkeit der Tatsache, daß ein Subjekt jetzt etwas hat, was es vorher nicht hatte, und dafür etwas nicht hat, was es vorher hatte. Dann aber verhält sich jener isolierte Wirt, der gewisse Opfer zur Erzielung gewisser Früchte bringen muß, genau so, wie der Tau¬ schende: nur daß sein Kontrahent nicht ein zweites wollendes Subjekt ist, sondern die natürliche Ordnung und Gesetzmäßigkeit der Dinge, die unsere Begehrungen so wenig ohne ein Opfer unsrerseits zu er¬ füllen pflegt, wie ein anderer Mensch es tut. Seine Wertberechnungen, nach denen er seine Handlungen bestimmt, sind generell genau die¬ selben, wie beim Tausch. Für das wirtschaftende Subjekt als solches ist es sicherlich vollkommen gleichgültig, ob es in seinem Besitz befindliche Substanzen oder Arbeitskräfte in den Boden versenkt oder einem anderen Menschen hingibt, wenn nur das Resultat der Hingabe für ihn das gleiche ist. Dieser subjektive Prozeß von Opfer und Gewinn in der Einzelseele ist keineswegs nur etwas Sekundäres oder Nachgebildetes gegenüber dem interindividuellen Tausch, sondern umgekehrt: der Austausch zwischen Hingabe und Errungen¬ schaft innerhalb des Individuums ist die grundlegende Voraussetzung und gleichsam die wesentliche Substanz jedes zweiseitigen Tausches. Dieser ist eine bloße Unterart jenes, nämlich diejenige, bei der die Hingabe durch die Forderung eines anderen Individuums veranlaßt ist, während sie, mit dem gleichen Erfolg für das Subjekt, von Dingen und ihrer technisch-natürlichen Beschaffenheit veranlaßt sein kann. Es ist außerordentlich wichtig, diese Reduktion des Wirtschafts¬ prozesses auf dasjenige, was wirklich, d. h. in der Seele jedes Wirt¬ schaftenden, geschieht, zu vollziehen. Man darf sich dadurch, daß beim Tausch dieser Vorgang ein wechselseitiger, durch den gleichen Vorgang in einem anderen bedingter ist, nicht darüber täuschen lassen, daß die naturale und sozusagen solipsistische Wirtschaft auf dieselbe Grundform zurückgeht wie der zweiseitige Tausch: auf den Ausgleichungsprozeß zwischen zwei subjektiven Vorgängen inner¬ halb des Individuums; dieser wird an und für sich von der sekundären Frage nicht berührt, ob die Anregung zu ihm von der Natur der Dinge oder der Natur des Menschen ausgeht, rein naturalwirtschaftlich oder tauschwirtschaftlich ist. Alle Wertgefühle also, die durch beschaffbare Objekte ausgelöst werden, sind im allgemeinen nur durch den Verzicht auf andere Werte zu erreichen, wie ein solcher Verzicht nicht nur in jener mittelbaren Arbeit für uns selbst, die als Arbeit für andere auftritt, sondern oft genug in der ganz unmittel¬ baren Arbeit für unsere eigenen Zwecke liegt. Hiermit wird be¬ sonders klar, daß der Tausch genau so produktiv und wertbildend 36 ist, wie die eigentlich so genannte Produktion. In beiden Fällen handelt es sich darum, Güter um den Preis anderer, die man hingibt zu empfangen, und zwar derart, daß der Endzustand einen Über¬ schuß von Befriedigungsgefühlen gegenüber dem Zustand vor der Aktion ergibt. Wir können weder Stoffe noch Kräfte neu schaffen, ,S.°.n,,rnLJlur die gegebenen so umlagern, daß möglichst viele in der Wirklichkeitsreihe stehende zugleich in die Wertreihe aufsteigen Diese formale Verschiebung innerhalb des gegebenen Materials aber vollbringt der Tausch zwischen Menschen genau so wie der mit der Natur, den wir Produktion nennen, die also beide unter den gleichen Wertbegriff gehören: bei beiden handelt es sich darum, die leer¬ gewordene Stelle des Hingegebenen durch ein Objekt größeren Wertes auszufüllen, und erst in dieser Bewegung löst sich das vorher mit dem bedürfenden und genießenden Ich verschmolzene Objekt von diesem und wird zu einem Wert. Auf den tiefen Zusammenhang zwischen dem Wert und dem Tausch, der nicht nur diesen durch jenen, sondern auch jenen durch diesen bedingt sein läßt, weist schon die Gleichheit des Umfanges hin, in dem sie beide das praktische Leben fundamentieren. So sehr unser Leben durch den Mechanismus und die Sachlichkeit der Dinge bestimmt scheint, so können wir in Wirklichkeit keinen Schritt machen und keinen Gedanken denken, ohne daß unser Fühlen die Dinge mit Werten ausstattete und ihnen gemäß unser Tun dirigierte. Dieses Tun selbst aber vollzieht sich nach dem Schema des Tausches: von der niedrigsten Bedürfnis¬ befriedigung bis zum Erwerbe der höchsten intellektuellen und reli¬ giösen Güter muß immer ein Wert eingesetzt werden, um einen Wert zu gewinnen. Was hier Ausgangspunkt und was Folge ist, kann viel¬ leicht nicht bestimmt werden. Denn entweder ist in den Fundamental¬ vorgängen beides nicht zu trennen, sondern bildet die Einheit des praktischen Lebens, die wir freilich, da wir sie als solche nicht un¬ mittelbar ergreifen können, in jene Momente auseinanderlegen; oder zwischen beiden spielt ein unendlicher Prozeß, derart, daß zwar jeder Tausch auf einen Wert, dieser Wert aber seinerseits auf einen Tausch zurückgeht. Das Fruchtbarere und eigentlich Aufklärende aber ist, mindestens für unsere Betrachtung, der Weg vom Tausche zum Werte, da das Umgekehrte uns bekannter und selbstverständlicher erscheint. — Daß der Wert sich uns als Ergebnis eines Opferprozesses darbietet, das offenbart den imendlichen Reichtum, den unser Leben dieser Grundform verdankt. Das Streben nach möglichster Ver¬ kleinerung des Opfers und die schmerzliche Empfindung seiner lassen uns glauben, daß erst sein vollständiger Fortfall das Leben auf seine äußerste Werthöhe heben würde. Aber hierbei übersehen wir, daß 3 37 das Opfer keineswegs immer eine äußere Barriere ist, sondern die innere Bedingung des Zieles selbst und des Weges zu ihm. Die rätselhafte Einheit unseres praktischen Verhältnisses zu den Dingen zerlegen wir in Opfer und Gewinn, Hemmung und Erreichen, und indem das Leben in seinen differenzierten Stadien oft beides zeitlich trennt, vergessen wir, daß, wenn das Ziel sich uns ohne solche zu überwindende Hinderung verliehe, es gar nicht mehr ebendasselbe Ziel sein würde. Der Widerstand, den unsere Kraft zu vernichten hat, gibt ihr doch erst die Möglichkeit, sich zu bewähren; die Sünde, nach deren Überwindung die Seele zum Heile aufsteigt, sichert ihr erst jene »Freude im Himmel«, die dort an den von vornherein Ge¬ rechten nicht geknüpft wird; jede Synthese bedarf des gleichzeitig wirksamen analytischen Prinzips, das sie doch eben verneint (weil sie ohne dieses nicht die Synthese mehrerer Elemente, sondern ein absolutes Eins wäre), und ebenso jede Analyse einer Synthese, in deren Aufhebung sie besteht (denn sie fordert noch immer ein ge¬ wisses Zusammengehören, ohne das sie bloße Beziehungslosigkeit wäre: auch die bitterste Feindschaft ist noch mehr Zusammenhang als die einfache Gleichgültigkeit, die Gleichgültigkeit noch mehr als das bloße Nicht-von-einander-Wissen). Kurz, die hemmende Gegenbewegung, deren Beseitigung eben das Opfer bedeutet, ist oft (vielleicht, auf die elementaren Vorgänge hin angesehen, sogar immer) die positive Voraussetzung des Zieles selbst. Das Opfer ge¬ hört keineswegs, wie Oberflächlichkeit und Habgier vorspiegeln möchten, in die Kategorie des Nicht-sein-Sollenden. Es ist nicht nur die Bedingung einzelner Werte, sondern, innerhalb des Wirtschaft¬ lichen, das uns hier angeht, die Bedingung des Wertes überhaupt; nicht nur der Preis, der für einzelne, bereits festgestellte Werte zu zahlen ist, sondern der, durch den allein es zu Werten kommen kann.

Der Tausch nun vollzieht sich in zwei Formen, die ich hier nur für den Arbeitswert andeuten will. Insoweit der Wunsch nach Muße oder einem bloßen sich selbst genügenden Spiel der Kräfte oder der Vermeidung der an sich lästigen Anstrengung besteht, ist jede Arbeit unbestreitbar eine Aufopferung. Allein neben diesen Antrieben hegt ein Quantum latenter Arbeitsenergie, mit dem wir entweder von ihm aus nichts anzufangen wüßten, oder das sich durch einen Trieb zu freiwilligem, weder durch Not noch durch ethische Motive hervor¬ gerufenem Arbeiten zeigt. Um dieses Quantum Arbeitskraft, dessen Hingabe an und für sich keine Aufopferung ist, konkurrieren eine Mehrzahl von Anforderungen, für deren Gesamtheit es nicht zureicht Bei jeder Verwendung der Kraft müssen also eine oder mehrere mög¬ liche und wünschenswerte Verwendungen derselben aufgeopfert 38 38 werden. Könnten wir die Kraft, mit der wir die Arbeit A leisten, nicht auch nützlich auf die Arbeit B verwenden, so würde jene erstere uns gar kein Opfer kosten; dasselbe aber gilt auch für B, falls wir diese etwa statt A vollbrächten. Was also, unter eudämonistischer Minderung, hingegeben wird, ist nicht die Arbeit, sondern gerade die Nichtarbeit; wir zahlen für A nicht das Opfer der Arbeit — denn diese hinzugeben macht uns, wie wir hier voraussetzen, an sich keiner¬ lei Beschwerde —, sondern den Verzicht auf B. Das Opfer also, das wir bei der Arbeit in den Tausch geben, ist einmal sozusagen ein absolutes, ein anderes Mal ein relatives: das Leiden, das wir auf uns nehmen, ist einmal ein unmittelbar mit der Arbeit verbundenes — wo sie uns Mühe und Plage ist —, ein anderes Mal ein indirektes, wo wir das eine Objekt nur unter Verzicht auf das andere, bei eu¬ dämonistischer Irrelevanz oder sogar positivem Werte der Arbeit selbst, erlangen können. Damit sind also auch die Fälle der gern geleisteten Arbeit auf die Form des entsagungsvollen Tausches zurück¬ geführt, durch den die Wirtschaft allenthalben charakterisiert wird.