SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

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festzustellen und unmittelbar überhaupt nicht auszudrücken ist. So besteht ein Relativismus, gleichsam ein unendlicher Prozeß zwischen dem Inneren und dem Äußeren: eines, als das Symbol des anderen, dieses zur Vorstellbarkeit und Darstellbarkeit bringend, keines das erste, keines das zweite, sondern in ihrem Aufeinander-Angewiesen- sein die Einheit ihres, d. h. unseres Wesens verwirklichend.

Dieser gegenseitigen symbolisierenden Deutung sind die seeli¬ schen und die körperhaften Daseinsinhalte um so unbedenklicher zu¬ gängig, je einfacher sie sind. Bei den einfachen Prozessen der Ver¬ bindung, Verschmelzung, Reproduktion der Vorstellungen können wir noch einigermaßen die Idee einer allgemeinen Formgesetzlichkeit festhalten, die der inneren wie der äußeren Welt ein analoges Ver¬ halten vorschreibt und so die eine zur Stellvertretung der anderen geeignet macht. Bei komplizierteren und eigenartigeren seelischen Gebilden wird die Bezeichnung nach Analogien der räumlichen An¬ schaulichkeit immer diffiziler; immer dringender ist sie auf die An¬ wendbarkeit in einer Vielheit von Fällen angewiesen, um nicht zufällig und spielerisch zu erscheinen und um eine feste, wenn auch nur sym¬ bolische Beziehung zu der seelischen Wirklichkeit zu besitzen. Und von sich selbst ausgehend wird diese letztere den Weg in die Dinge, deren Sinn und Bedeutung nach sich interpretierend, um so schwerer und unsicherer finden, je spezieller oder zusammengesetzter die Vor¬ gänge auf beiden Seiten sind; denn um so unwahrscheinlicher und schwerer herausfühlbar wird jene geheimnisvolle Formgleichheit innerer und äußerer Erscheinungen, die der Seele eine Brücke von den einen in die anderen baut. — Hiermit sollen Erwägungen ein¬ geleitet werden, die eine Reihe mannigfaltiger innerer Kulturerschei¬ nungen zusammenfassen und dadurch, daß diese alle die Deutung nach je einer und derselben anschaulichen Analogie gestatten, ein¬ leuchtend machen sollen, daß sie alle einem und demselben Stil des Lebens angehören.

Eines der häufigsten Bilder, unter denen man sich die Organi¬ sation der Lebensinhalte deutlich zu machen pflegt, ist ihre An¬ ordnung zu einem Kreise, in dessen Zentrum das eigentliche Ich steht. Es gibt einen Modus des Verhältnisses zwischen diesem Ich und den Dingen, Menschen, Ideen, Interessen, den wir nur als Distanz zwischen beiden bezeichnen können. Was uns zum Objekt wird, das kann, inhaltlich ungeändert bleibend, nahe an das Zentrum heran- oder bis zur Peripherie unseres Blick- und Interessenkreises abrücken; aber dies bewirkt nicht etwa, daß unser inneres Verhältnis zu diesem Objekt sich ändere, sondern umgekehrt, wir können ge¬ wisse Verhältnisse des Ich zu seinen Inhalten nur durch das anschauliche Symbol einer bestimmten oder sich ändernden Distanz zwischen beiden bezeichnen. Es ist von vornherein schon ein sym¬ bolischer Ausdruck für einen an sich unsagbaren Sachverhalt, wenn wir unser inneres Dasein in ein zentrales Ich und darumgelagerte Inhalte scheiden; und angesichts der ungeheueren Unterschiede der sinnlich -äußerlichen Eindrücke von den Dingen je nach ihrem Ab¬ stand von unseren Organen — Unterschiede, nicht nur der Deutlich¬ keit, sondern der Qualität und des ganzen Charakters der em- fangenen Bilder — liegt es nahe, jene Symbolisierung dahin auszu¬ dehnen, daß die Verschiedenheit auch der innerlichsten Verhältnisse zu den Dingen als Verschiedenheit der Distanz zu ihnen gedeutet werde.

Von den Erscheinungen, die von hier aus gesehen eine einheit¬ liche Reihe bilden, hebe ich zunächst die künstlerischen hervor. Die innere Bedeutsamkeit der Kunststile läßt sich als eine Folge der verschiedenen Distanz auslegen, die sie zwischen uns und den Dingen herstellen. Alle Kunst verändert die Blickweite, in die wir uns ur¬ sprünglich und natürlich zu der Wirklichkeit stellen. Sie bringt sie uns einerseits näher, zu ihrem eigentlichen und innersten Sinn setzt sie uns in ein unmittelbareres Verhältnis, hinter der kühlen Fremdheit der Außenwelt verrät sie uns die Beseeltheit des Seins, durch die es uns verwandt und verständlich ist. Daneben aber stiftet jede Kunst eine Entfernung von der Unmittelbarkeit der Dinge, sie läßt die Konkretheit der Reize zurücktreten und spannt einen Schleier zwischen uns und sie, gleich dem feinen bläulichen Duft, der sich um ferne Berge legt. An beide Seiten dieses Gegensatzes knüpfen sich gleich starke Reize; die Spannung zwischen ihnen, ihre Verteilung auf die Mannigfaltigkeit der Ansprüche an das Kunstwerk, gibt jedem Kunststil sein eigenes Gepräge. Ja, die bloße Tatsache des Stiles ist an sich schon einer der bedeutsamsten Fälle von Distanzierung. Der Stil in der Äußerung unserer inneren Vorgänge besagt, daß diese nicht mehr unmittelbar hervorsprudeln, sondern in dem Augen¬ blick ihres Offenbarwerdens ein Gewand umtun. Der Stil, als gene¬ relle Formung des Individuellen, ist für dieses eine Hülle, die eine Schranke und Distanzierung gegen den anderen, der die Äußerung aufnimmt, errichtet. Diesem Lebensprinzip aller Kunst: uns den Dingen dadurch näher zu bringen, daß sie uns in eine Distanz von ihnen stellt — entzieht sich auch die naturalistische Kunst nicht, deren Sinn doch ausschließlich auf Überwindung der Distanz zwischen uns und der Wirklichkeit gerichtet scheint. Denn nur eine Selbst¬ täuschung kann den Naturalismus verkennen lassen, daß auch er ein Stil ist, d. h. daß auch er die Unmittelbarkeit des Eindrucks von ganz bestimmten Voraussetzungen und Forderungen her gliedert und um¬ bildet — unwiderleglich durch die kunstgeschichtliche Entwicklung bewiesen, in der alles das, was eine Epoche für das wörtlich treue und genau realistische Bild der Wirklichkeit hielt, durch eine spätere als vorurteilsvoll und verfälscht erkannt worden ist, während sie aun erst die Dinge, wie sie wirklich sind, darstelle. Der künst¬ lerische Realismus verfällt demselben Fehler wie der wissenschaft¬ liche, wenn er meint, ohne ein Apriori auszukommen, ohne eine Form, die, aus den Anlagen und Bedürfnissen unserer Natur quellend, der sinnlichen Wirklichkeit Gewandung oder Umgestaltung Zuwachsen läßt. Diese Umformung, die sie auf dem Wege in unser Bewußtsein erleidet, ist zwar eine Schranke zwischen uns und ihrem unmittel¬ baren Sein, aber zugleich die Bedingung, sie vorzustellen und darzu¬ stellen. Ja, in gewissem Sinn mag der Naturalismus eine ganz be¬ sondere Distanzierung den Dingen gegenüber bewirken, wenn wir nämlich auf die Vorliebe achten, mit der er seine Gegenstände im allertäglichsten Leben, im Niedrigen und Banalen sucht. Denn da er eben zweifellos auch eine Stilisierung ist, so wird diese für ein feineres Empfinden — das im Kunstwerk die Kunst und nicht seinen, auch auf beliebig andere Weise darstellbaren Gegenstand sieht — um so fühlbarer, an je näherem, roherem, irdischerem Materiale sie sich vollzieht.

Im ganzen nun geht das ästhetische Interesse der letzten Zeit auf Vergrößerung der durch das Kunstwerden der Dinge geschaffenen Distanz gegen sie. Ich erinnere an den ungeheueren Reiz, den zeitlich und räumlich weit entfernte Kunststile für das Kunstgefühl der Gegenwart besitzen. Das Entfernte erregt sehr viele, lebhaft auf- und abschwingende Vorstellungen und genügt damit unserem vielseitigen Anregungsbedürfnis; doch klingt jede dieser fremden und fernen Vorstellungen wegen ihrer Beziehungslosigkeit zu unseren persön¬ lichsten und unmittelbaren Interessen nur leise an und mutet deshalb geschwächten Nerven nur eine behagliche Anregung zu. Was wir den »historischen Geist« in unserer Zeit nennen, ist vielleicht nicht nur eine begünstigende Veranlassung dieser Erscheinung, sondern quillt mit ihr aus der gleichen Ursache. Und wechselwirkend macht er, mit der Fülle der inneren Beziehungen, die er uns zu räumlich und zeitlich weit abstehenden Interessen gewährt, uns immer empfind¬ licher gegen die Chocs und Wirrnisse, die uns aüs der unmittelbaren Nähe und Berührung mit Menschen und Dingen kommen. Die Flucht in das Nicht-Gegenwärtige wird erleichtert, verlustloser, gewisser¬ maßen legitimiert, wenn sie zu der Vorstellung und dem Genuß kon¬ kreter Wirklichkeiten führt — die aber eben weit entfernte, nur ganz mittelbar zu fühlende sind. Daher nun auch der jetzt so lebhaft emp¬ fundene Reiz des Fragmentes, der bloßen Andeutung, des Aphoris¬ mus, des Symbols, der unentwickelten Kunststile. Alle diese For¬ men, die in allen Künsten heimisch sind, stellen uns in eine Distanz von dem Ganzen und Vollen der Dinge, sie sprechen zu uns »wie aus der Feme«, die Wirklichkeit gibt sich in ihnen nicht mit gerader Sicherheit, sondern mit gleich zurückgezogenen Fingerspitzen. Das äußerste Raffinement unseres literarischen Stiles vermeidet die direkte Bezeichnung der Objekte, streift mit dem Worte nur eine abgelegene Ecke ihrer, faßt statt der Dinge nur die Schleier, die um die Dinge sind. Am entschiedensten beweisen wohl die symbolisti¬ schen Neigungen in bildenden und redenden Künsten eben dieses. Hier wird die Distanz, die die Kunst schon als solche zwischen uns und die Dinge stellt, noch um eine Station erweitert, indem die Vor¬ stellungen, die den Inhalt des schließlich zu erregenden Seelenvor¬ ganges bilden, in dem Kunstwerke selbst überhaupt kein sinnliches Gegenbild mehr haben, sondern erst durch Wahrnehmbarkeiten ganz anderen Inhaltes zum Anklingen gebracht werden. In alledem zeigt sich ein Zug des Empfindens wirksam, dessen pathologische Aus¬ artung die sogenannte »Berührungsangst« ist: die Furcht, in allzu nahe Berührung mit den Objekten zu kommen, ein Resultat der Hyperästhesie, der jede unmittelbare und energische Berührung ein Schmerz ist. Daher äußert sich auch die Feinsinnigkeit, Geistigkeit, differenzierte Empfindlichkeit so überwiegend vieler moderner Men¬ schen im negativen Geschmack, d. h. in der leichten Verletzbarkeit durch Nicht -Zusagendes, in dem bestimmten Ausschließen des Un¬ sympathischen, in der Repulsion durch Vieles, ja oft durch das Meiste des gebotenen Kreises von Reizen, während der positive Ge¬ schmack, das energische Ja-Sagen, das freudige und rückhaltlose Ergreifen des Gefallenden, kurz die aktiv aneignenden Energien große Fehlbeträge auf weisen.

Es erstreckt sich aber jene innere Tendenz, die wir unter dem Symbol der Distanz betrachten, weit über das ästhetische Gebiet hinaus. So muß der philosophische Materialismus, der die Wirk¬ lichkeit unmittelbar zu fassen glaubte, auch heute wieder vor sub- jektivistischen oder neu-kantischen Theorien zurückweichen, die die Dinge erst durch das Medium der Seele brechen oder destillieren lassen, ehe sie sie zu Erkenntnissen werden lassen. Der Subjektivis¬ mus der neueren Zeit hat dasselbe Grundmotiv, von dem uns die Kunst getragen schien: ein innigeres und wahreres Verhältnis zu den Dingen dadurch zu gewinnen, daß wir, uns in uns selbst zurück¬ ziehend, von ihnen abrücken, oder die immer bestehende Distanz gegen sie nun bewußt anerkennen. Und wenn dieser Subjektivismus unvermeidlicher Weise mit dem stärkeren Selbstbewußtsein unserer Innerlichkeit diese auch häufiger betonen und besprechen läßt, so ist doch andrerseits mit ihm eine neue, tiefere, bewußtere Scham verbunden, eine zarte Scheu, das Letzte auszusprechen oder auch einem Verhältnis die naturalistische Form zu geben, die sein innerstes Fundament fortwährend sichtbar machte. Und auf weiteren wissen¬ schaftlichen Gebieten: innerhalb der ethischen Überlegungen tritt die platte Nützlichkeit als Wertmaßstab des Wollens immer weiter zurück, man sieht, daß dieser Charakter des Handelns eben nur dessen Beziehung zu dem Allernächstliegenden betrifft und daß es deshalb seine eigentümliche Direktive, die es über seine bloße Tech¬ nik als Mittel heraushebe, von höher aufblickenden, oft religiösen, der sinnlichen Unmittelbarkeit kaum verwandten Prinzipien erhalten muß. Endlich: über der spezialistischen Detailarbeit erhebt sich von allen Seiten her der Ruf nach Zusammenfassung und Verallgemeine¬ rung, also nach einer überschauenden Distanz von allen konkreten Einzelheiten, nach einem Fernbild, in dem alle Unruhe des Nahe¬ wirkenden aufgehoben und das bisher nur Greifbare nun auch begreif¬ bar würde.

Diese Tendenz würde vielleicht nicht so wirksam und merkbar sein, wenn ihr nicht die entgegengesetzte zur Seite ginge. Das geistige Verhältnis zur Welt, das die moderne Wissenschaft stiftet, ist tat¬ sächlich nach beiden Seiten hin auszudeuten. Gewiß sind schon allein durch Mikroskop und Teleskop imendliche Distanzen zwischen uns und den Dingen überwunden worden; aber sie sind doch für das Be¬ wußtsein erst in dem Augenblick entstanden, in dem es sie auch über¬ wand. Nimmt man hinzu, daß jedes gelöste Rätsel mehr als ein neues auf gibt und das Näher-Herankommen an die Dinge uns sehr oft erst zeigt, wie fern sie uns noch sind — so muß man sagen: die Zeiten der Mythologie, der ganz allgemeinen und oberflächlichen Kennt¬ nisse, der Anthropomorphisierung der Natur lassen in subjektiver Hinsicht, nach der Seite des Gefühls und des, wie immer irrigen, Glaubens, eine geringere Distanz zwischen Menschen und Dingen bestehen, als die jetzige. Alle raffinierten Methoden, durch die wir in das Innere der Natur eindringen, ersetzen doch nur sehr langsam und stückweise ihre innig vertraute Nähe, die die Götter Griechen¬ lands, die Deutung der Welt nach menschlichen Impulsen und Ge¬ fühlen, die Lenkung ihrer durch einen persönlich eingreifenden Gott, ihre teleologische Einstellung auf das Wohl des Menschen, der Seele gewährt haben. Wir können das also zunächst so bezeichnen, daß die Entwicklung auf eine Überwindung der Distanz in relativ äußerlicher Hinsicht, auf eine Vergrößerung derselben in innerlicher Hinsicht ginge. Hier kann das Recht dieses symbolischen Ausdrucks sich wieder an seiner Anwendbarkeit auf einen ganz anderenlnhalt zeigen. Die Ver¬ hältnisse des modernen Menschen zu seinen Umgebungen entwickeln sich im ganzen so, daß er seinen nächsten Kreisen ferner rückt, um sich den ferneren mehr zu nähern. Die wachsende Lockerung des Familienzusammenhanges, das Gefühl unerträglicher Enge im Ge¬ bundensein an den nächsten Kreis, dem gegenüber Hingebung oft ebenso tragisch verläuft wie Befreiung, die steigende Betonung der Individualität, die sich gerade von der unmittelbaren Umgebung am schärfsten abhebt — diese ganze Distanzierung geht Hand in Hand mit der Knüpfung von Beziehungen zu dem Fernsten, mit dem Inter- essiert-sein für weit Entlegenes, mit der Gedankengemeinschaft mit Kreisen, deren Verbindungen alle räumliche Nähe ersetzen. Das Ge¬ samtbild aus alledem bedeutet doch ein Distanznehmen in den eigent¬ lich innerlichen Beziehungen, ein Distanzverringern in den mehr äußerlichen. Wie die kulturelle Entwicklung bewirkt, daß das früher unbewußt und instinktiv Geschehende später mit klarer Rechenschaft und zerlegendem Bewußtsein geschieht, während andrerseits vieles, wozu es sonst angespannter Aufmerksamkeit und bewußter Mühe bedurfte, zu mechanischer Gewöhnung und instinktmäßiger Selbst¬ verständlichkeit wird — so wird hier, entsprechend, das Entfernteste näher, um den Preis, die Distanz zum Näheren zu erweitern.

Der Umfang und die Intensität der Rolle, die das Geld in diesem Doppelprozeß spielt, ist zunächst als Überwindung der Distanz sichtbar. Es bedarf keiner Ausführung, daß allein die Übersetzung der Werte in die Geldform jene Interessenverknüpfungen ermöglicht, die nach dem räumlichen Abstand der Interessenten überhaupt nicht mehr fragen; erst durch sie kann, um ein Beispiel aus hunderten zu nennen, ein deutscher Kapitalist, aber auch ein deutscher Arbeiter an einem spanischen Ministerwechsel, an dem Ertrage afrikanischer Goldfelder, an dem Ausgange einer südamerikanischen Revolution real beteiligt sein. Bedeutsamer aber erscheint mir das Geld als Träger der entgegengesetzten Tendenz. Jene Lockerung des Fa¬ milienzusammenhanges geht doch von der wirtschaftlichen Sonder¬ interessiertheit der einzelnen Mitglieder aus, die nur in der Geld¬ wirtschaft möglich ist. Sie bewirkt vor allem, daß die Existenz auf die ganz individuelle Begabung gestellt werden kann; denn nur die Geldform des Äquivalents gestattet die Verwertung sehr speziali¬ sierter Leistungen, die ohne diese Umsetzung in einen allgemeinen Wert kaum zu gegenseitigem Austausch gelangen könnten. Indem sie nun weiter auch die individuelle Anknüpfung nach außen erleichtert, den Eintritt in fremde Kreise, die nur nach der geldwerten Leistung oder dem Geldbeitrag ihrer Mitglieder fragen, — formt sie die Familie zum äußersten Gegensatz der Struktur, die der mehr kollektive Besitz, insbesondere als Grundeigentum, ihr verlieh. Dieser schuf eine Solidarität der Interessen, die sich soziologisch als eine Kontinuität im Zusammenhang der Familienmitglieder darstellte, während die Geldwirtschaft diesen eine gegenseitige Distanzierung ermöglicht, ja sogar aufdrängt. Über das Familienleben hinaus ruhen gewisse weitere Formen des modernen Daseins gerade auf der Distan¬ zierung durch den Geldverkehr. Denn er legt eine Barriere zwischen die Personen, indem immer nur der eine von zwei Kontrahenten das bekommt, was er eigentlich will, was seine spezifischen Empfin¬ dungen auslöst, während der andere, der zunächst nur Geld be¬ kommen hat, eben jenes erst bei einem Dritten suchen muß. Daß jeder von beiden mit einer ganz anderen Art von Interesse an die Transaktion herangeht, fügt dem Antagonismus, den schon die Ent¬ gegengesetztheit der Interessen von vornherein bewirkt, eine neue Fremdheit hinzu. In demselben Sinne wirkt die früher behandelte Tatsache, daß das Geld eine durchgängige Objektivierung des Ver¬ kehrs mit sich bringt, ein Ausschalten aller personalen Färbung und Richtung — im Verein mit der anderen, daß die Zahl der auf Geld gestellten Verhältnisse stetig zunimmt und die Bedeutung des Men¬ schen für den Menschen mehr und mehr, wenn auch oft in sehr ver¬ steckter Form, auf geldmäßige Interessen zurückgeht. Auf diese Weise entsteht wie gesagt eine innere Schranke zwischen den Men¬ schen, die aber allein die moderne Lebensform möglich macht. Denn das Aneinander-Gedrängtsein und das bunte Durcheinander des gro߬ städtischen Verkehrs wären ohne jene psychologische Distanzierung einfach unerträglich. Daß man sich mit einer so ungeheuren Zahl von Menschen so nahe auf den Leib rückt, wie die jetzige Stadt - kultur mit ihrem kommerziellen, fachlichen, geselligen Verkehr es bewirkt, würde den modernen, sensibeln und nervösen Menschen völlig verzweifeln lassen, wenn nicht jene Objektivierung des Ver¬ kehrscharakters eine innere Grenze und Reserve mit sich brächte. Die entweder offenbare oder in tausend Gestalten verkleidete Geld- haftigkeit der Beziehungen schiebt eine unsichtbare, funktionelle Distanz zwischen die Menschen, die ein innerer Schutz und Aus¬ gleichung gegen die allzu gedrängte Nähe und Reibung unseres Kulturlebens ist.

Die gleiche Funktion des Geldes für den Lebensstil steigt nun noch tiefer in das Einzelsubjekt selbst hinab, als Distanzierung nicht gegen andere Personen, sondern gegen die Sachgehalte des Lebens.

Schon daß ein Vermögen heute aus Produktionsmitteln, statt wie in primitiven Epochen aus Konsumtionsmitteln besteht, ist eine enorme Distanzierung. Wie sich in die Herstellung der Kulturobjekte selbst immer mehr und mehr Stationen einschieben — indem das Produkt immer weiter vom Rohstoff abliegt —, so stellt die jetzige Art des Vermögensbesitzes den Eigentümer technisch und infolgedessen auch innerlich in eine viel weitere Entfernung von dem definitiven Zwecke alles Vermögens, als zu den Zeiten, wo Vermögen nur die Fülle un¬ mittelbarer Konsumtionsmöglichkeiten bedeutete. Auf dem Gebiet der Produktion wird der gleiche innere Erfolg durch die Arbeits¬ teilung begünstigt, die durch das Geldwesen wechselwirkend bedingt ist. Je weniger jeder Einzelne ein Ganzes schafft, desto durchgehen¬ der erscheint sein Tun als bloßes Vorstadium, desto weiter scheint die Quelle seiner Wirksamkeiten von deren Mündung, dem Sinn und Zweck der Arbeit, abgerückt. Und nun unmittelbar: wie sich das Geld zwischen Mensch und Mensch schiebt, so zwischen Mensch und Ware. Seit der Geld Wirtschaft stehen uns die Gegenstände des wirt¬ schaftlichen Verkehrs nicht mehr unmittelbar gegenüber, unser Inter¬ esse an ihnen wird erst durch das Medium des Geldes gebrochen, ihre eigene sachliche Bedeutung rückt dem Bewußtsein ferner, weil ihr Geldwert diese aus ihrer Stelle in unseren Interessenzusammen¬ hängen mehr oder weniger herausdrängt. Erinnern wir uns der früheren Ausmachungen, wie oft das Zweckbewußtsein auf der Stufe des Geldes halt macht, so zeigt sich, daß das Geld uns mit der Ver¬ größerung seiner Rolle in immer weitere psychische Distanz zu den Objekten stellt, oft in eine solche, daß ihr qualitatives Wesen uns davor ganz außer Sehweite rückt und die innere Berührung mit ihrem vollen, eigenen Sein durchbrochen wird. Und das gilt nicht nur für die Kulturobjekte. Unser ganzes Leben wird durch die Entfernung auch von der Natur gefärbt, die das geld wirtschaftliche und das davon abhängige städtische Leben erzwingt. Allerdings wird vielleicht erst durch sie die eigentlich ästhetische und romantische Empfindung der Natur möglich. Wer es nicht anders kennt, als in unmittelbarer Be¬ rührung mit der Natur zu leben, der mag ihre Reize wohl subjektiv genießen, aber ihm fehlt die Distanz zu ihr, aus der allein ein eigent¬ lich ästhetisches Betrachten ihrer möglich ist, und durch die außer¬ dem jene stille Trauer, jenes Gefühl sehnsüchtigen Fremdseins und verlorener Paradiese entsteht, wie sie das romantische Naturgefühl charakterisieren. Wenn der moderne Mensch seine höchsten Natur¬ genüsse in den Schneeregionen der Alpen und an der Nordsee zu finden pflegt, so ist das wohl nicht allein durch das gesteigerte Auf¬ regungsbedürfnis zu erklären; sondern auch so, daß diese unzn gängige, uns eigentlich zurückstoßende Welt die äußerste Steigerung und Stilisierung dessen darstellt, was uns Natur überhaupt noch ist: ein seelisches Fernbild, das selbst in den Augenblicken körperlicher Nähe wie ein innerlich Unerreichbares, ein nie ganz eingelöstes Ver¬ sprechen vor uns steht und selbst unsere leidenschaftlichste Hingabe mit einer leisen Abwehr und Fremdheit erwidert. Daß erst die moderne Zeit die Landschaftsmalerei ausgebildet hat — die, als Kunst, nur in einem Abstand vom Objekte und im Bruch der natür¬ lichen Einheit mit ihm leben kann — und daß auch erst sie das romantische Naturgefühl kennt, das sind die Folgen jener Distanzie¬ rung von der Natur, jener eigentlich abstrakten Existenz, zu der das auf die Geldwirtschaft gebaute Stadtleben uns gebracht hat. Und dem widerspricht nicht, daß gerade der Geldbesitz uns die Flucht in die Natur gestattet. Denn gerade daß sie für den Stadtmenschen nur unter dieser Bedingung zu genießen ist, das schiebt — in wie vielen Umsetzungen und bloßen Nachklängen auch immer — zwischen ihn und sie jene Instanz ein, die nur verbindet, indem sie zugleich trennt.

Im weiteren Maße tritt diese Bedeutung des Geldwesens an seiner Steigerung, dem Kredite, hervor. Der Kredit spannt die Vor¬ stellungsreihen noch mehr und mit einem entschiedeneren Bewußt¬ sein ihrer unverkürzlichen Weite aus, als die Zwischeninstanz des baren Geldes es für sich tut. Der Drehpunkt des Verhältnisses zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer ist gleichsam aus der gradlinigen Verbindung ihrer hinaus und in einer weiten Distanz von ihnen fest¬ gelegt: die Tätigkeit des Einzelnen wie der Verkehr bekommt dadurch den Charakter der Langsichtigkeit und den der gesteigerten Symbolik. Indem der Wechsel oder überhaupt der Begriff der Geldschuld die Werte weit abliegender Objekte vertritt, verdichtet er sie ebenso in sich, wie der Blick über eine räumliche Entfernung hin die Inhalte der Strecke in perspektivischer Verkürzung zusammendrängt. Und wie uns das Geld von den Dingen entfernt, aber auch — in diesen gegensätzlichen Wirkungen seine spezifische Indifferenz zeigend — sie uns näher bringt, so hat die Kreditanweisung ein doppeltes Ver¬ hältnis zu unserem Vermögensbestande. Vom Checkverkehr ist einerseits hervorgehoben worden, daß er ein Palliativmittel gegen Verschwendungen bilde; manche Individuen ließen sich angesichts ihres Kassenbarbestandes leichter zu unnützen Ausgaben verleiten, als wenn sie denselben im Depot eines Dritten haben und erst durch eine Anweisung darüber verfügen müssen. Andrerseits aber scheint mir die Versuchung zum Leichtsinn gerade besonders verführerisch, wenn man das viele wegzugebende Geld nicht vor sich sieht, sondern nur mit einem Federzug darüber verfügt. Die Form des Scheckver¬ kehrs rückt uns einerseits durch den mehrgliedrigen Mechanismus zwischen uns und dem Gelde, den wir immer erst in Bewegung zu setzen haben, von diesem ab, andrerseits aber erleichtert sie uns die Aktion damit, nicht nur wegen der technischen Bequemlichkeit, son¬ dern auch psychologisch, weil das bare Geld uns seinen Wert sinn¬ licher vor Augen stellt und uns damit die Trennung von ihm er¬ schwert.