Von den einschlägigen Bedeutungen des Kreditcharakters des Verkehrs greife ich nur eine heraus, welche zwar nicht durchgehend, aber sehr bezeichnend ist. Ein Reisender erzählt, ein englischer Kaufmann habe ihm einmal definiert: »ein gewöhnlicher Mann ist, wer Waren gegen bare Zahlung kauft, ein Gentleman der, dem ich Kredit gebe und der mich alle sechs Monate mit einem Scheck be¬ zahlt«. Hier ist zunächst die Grundempfindung bemerkenswert: daß nicht ein Gentleman vorausgesetzt wird, der dann als solcher Kredit erhält, sondern daß derjenige, der Kredit beansprucht, eben ein Gentleman ist. Daß so der Kreditverkehr als der vornehmere erscheint, geht wohl auf zweierlei Empfindungsrichtungen zurück. Zunächst darauf, daß er Vertrauen fordert. Es ist das Wesen der Vornehmheit, ihre Gesinnung und deren Wert nicht sowohl vorzu¬ demonstrieren, als den Glauben daran einfach vorauszusetzen — wes¬ halb denn auch, entsprechend, alles ostentative Hervorkehren des Reichtums so spezifisch unvomehm ist. Gewiß enthält jedes Ver¬ trauen eine Gefahr; der vornehme Mensch verlangt, daß man im Verkehr mit ihm diese Gefahr auf sich nehme, und zwar mit der Nüance, daß er, in der absoluten Sicherheit über sich selbst, dies gar nicht als eine Gefahr anerkennt und deshalb sozusagen keine Risiko - prämie dafür gewährt: aus eben dieser Grundempfindung heraus sagt das Schillersche Epigramm, daß adlige Naturen nicht mit dem, was sie tun, sondern nur mit dem, was sie sind, zahlen. Es ist begreiflich, wie die bare, Zug um Zug erfolgende Zahlung für jenen Kaufmann etwas kleinbürgerliches hatte, sie rückt die Momente der wirtschaft¬ lichen Reihe in ängstliche Enge zusammen, während der Kredit eine Distanz zwischen ihnen ausspannt, die er vermittels des Vertrauens beherrscht. Es ist allenthalben das Schema höherer Entwicklungs¬ stufen, daß das ursprüngliche Aneinander und die unmittelbare Ein¬ heit der Elemente aufgelöst wird, damit sie, verselbständigt und von¬ einander abgerückt, nun in eine neue, geistigere, umfassendere Syn¬ these vereinheitlicht werden. Im Kreditverkehr wird statt der Un¬ mittelbarkeit der Wertausgleichung eine Distanz gesetzt, deren Pole durch den Glauben zusammengehalten werden; wie Religiosität um 35 Simmel, Philosophie des Geldes.
so höher steht, eine je unermeßlichere Distanz sie — im Gegensatz zu allem Anthropomorphismus und allen sinnlichen Erweisen — zwischen Gott und der Einzelseele bestehen läßt, um gerade damit das äußerste Maß des Glaubens hervorzurufen, das jene Distanz überbrücke. Daß bei dem größeren Verkehr innerhalb der Kauf¬ mannschaft das Vornehmheitsmoment beim Kredite nicht mehr fühl¬ bar wird, liegt daran, daß er hier eine impersönliche Organisation geworden ist und das Vertrauen den eigentlich persönlichen Charakter — ohne den die Kategorie der Vornehmheit nicht anwendbar ist — verloren hat: der Kredit ist eine technische Verkehrsform ohne, oder mit sehr herabgestimmten, psychologischen Obertönen geworden. — Und zweitens: jene Aufhäufung der kleinen Schulden bis zu der schließlichen Bezahlung mit dem Scheck bewirkt eine gewisse Re¬ serve des Abnehmers gegenüber dem Kaufmann, die fortwährende und unmittelbare Wechselwirkung, die bei jedesmaligem barem Be¬ zahlen eintritt, wird aufgehoben, die Lieferung des Kaufmanns hat, äußerlich angesehen, sozusagen ästhetisch, die Form eines Tributes, einer Darbringung an einen Mächtigen, die dieser, wenigstens in dem einzelnen Falle, ohne Gegenleistung hinnimmt. Indem nun auch am Ende der Kreditperiode die Auszahlung nicht von Person zu Person erfolgt, sondern auch durch ein Kreditpapier, durch die Anweisung auf das gleichsam objektive Depot bei der Scheckbank, wird diese Reserve des Subjekts fortgesetzt und so von allen Seiten her die Distanz zwischen dem »Gentleman« und dem Krämer betont, die den Begriff des ersteren entstehen läßt und für die diese Art des Verkehrs allerdings der adäquate Ausdruck ist.
Ich begnüge mich mit diesem singulären Beispiel für die distan¬ zierende Wirkung des Kredites auf den Lebensstil und schildere nur noch einen sehr allgemeinen, auf die Bedeutung des Geldes zurück¬ weisenden Zug des letzteren. Durch die moderne Zeit, insbesondere, wie es scheint, durch die neueste, geht ein Gefühl von Spannung, Erwartung, ungelöstem Drängen — als sollte die Hauptsache erst kommen, das Definitive, der eigentliche Sinn und Zentralpunkt des Lebens und der Dinge. Dies hängt ersichtlich von dem hier oft hervor¬ gehobenen Übergewicht ab, das mit gewachsener Kultur die Mittel über die Zwecke des Lebens gewinnen. Neben dem Gelde ist hier¬ für vielleicht der Militarismus das schlagendste Beispiel. Das stehende Heer ist bloße Vorbereitung, latente Energie, Eventualität, deren Definitivum und Zweck nicht nur jetzt verhältnismäßig selten eintritt, sondern auch mit allen Kräften zu vermeiden gesucht wird; ja, die äußerste Anspannung der militärischen Kräfte wird als das einzige Mittel gepriesen, ihre eigene Entladung zu verhindern. An diesem teleologischen Gewebe haben wir also den Widerspruch der Übertönung des Zwecks durch das Mittel zu absoluter Höhe gehoben: indem der wachsenden Bedeutung des Mittels eine gerade in dem¬ selben Maß wachsende Perhorreszierung und Verneinung seines Zwecks entspricht. Und dieses Gebilde durchdringt das Volksleben mehr und mehr, greift in den weitesten Umkreis personaler, inner¬ politischer und Produktionsverhältnisse ein, gibt gewissen Alters¬ stufen und gewissen sozialen Kreisen direkt und indirekt ihre Fär¬ bung I Weniger kraß, aber gefährlicher und schleichender tritt diese Richtung auf das Illusorisch-Werden der Endzwecke vermittels der Fortschritte und der Bewertung der Technik auf. Wenn die Lei¬ stungen derselben in Wirklichkeit zu demjenigen, worauf es im Leben eigentlich und schließlich ankommt, eben doch höchstens im Ver¬ hältnis von Mittel oder Werkzeug, sehr oft aber in gar keinem stehen — so hebe ich von den mancherlei Veranlassungen, diese Rolle der Technik zu verkennen, nur die Großartigkeit hervor, zu der sie sich in sich entwickelt hat. Es ist einer der verbreitetsten und fast unvermeidlichen menschlichen Züge, daß die Höhe, Größe und Voll¬ endung, welche ein Gebiet innerhalb seiner Grenzen und unter den ihm eignen Voraussetzungen erlangt hat, mit der Bedeutsamkeit dieses Gebietes als ganzen verwechselt wird; der Reichtum und die Voll¬ kommenheit der einzelnen Teile, das Maß, in dem das Gebiet sich seinem eignen immanenten Ideale nähert, gilt gar zu leicht als Wert und Würde desselben überhaupt und in seinem Verhältnis zu den anderen Lebensinhalten. Die Erkenntnis, daß etwas in seinem Genre und gemessen an den Forderungen seines Typus sehr hervorragend sei, während dieses Genre und Typus selbst weniges und niedriges bedeute — diese Erkenntnis setzt in jedem einzelnen Falle ein sehr geschärftes Denken und differenziertes Wertempfinden voraus. Wie häufig unterliegen wir der Versuchupg, die Bedeutung der eignen Leistung dadurch zu exaggerieren, daß wir der ganzen Provinz, der sie angehört, übertriebene Bedeutung beilegen! — indem wir ihre relative Höhe auf jenes Ganze überfließen lassen und sie dadurch zu einer absoluten steigern. Wie oft verleitet der Besitz einer hervor¬ ragenden Einzelheit irgendeiner Wertart — von den Gegenständen der Sammelmanien anfangend bis zu den spezialistischen Kenntnissen eines wissenschaftlichen Sondergebietes — dazu, eben diese Wertart als ganze im Zusammenhänge des Wertkosmos so hoch zu schätzen, wie jene Einzelheit es innerhalb ihrer verdient! Es ist, im Grunde genommen, immer der alte metaphysische Fehler: die Bestimmungen, welche die Elemente eines Ganzen untereinander, also relativerweise, aufzeigen, auf das Ganze zu übertragen — der Fehler, aus dem heraus z. B. die Forderung ursächlicher Begründung, die für alle Teile der Welt und für deren Verhältnis untereinander gilt, auch dem Ganzen der Welt gegenüber erhoben wird. Den Enthusiasten für die moderne Technik würde es wahrscheinlich sehr wunderlich Vorkommen, daß ihr inneres Verhalten demselben Formfehler unterliegen soll, wie das der spekulierenden Metaphysiker. Und doch ist es so: die relative Höhe, welche die technischen Fortschritte der Gegenwart gegenüber den früheren Zuständen und unter vorausgesetzter Anerkennung ge¬ wisser Ziele erreicht haben, wächst ihnen zu einer absoluten Be¬ deutung dieser Ziele und also jener Fortschritte aus. Gewiß haben wir jetzt statt der Tranlampen Azetylen und elektrisches Licht; allein der Enthusiasmus über die Fortschritte der Beleuchtung vergißt manchmal, daß das Wesentliche doch nicht sie, sondern dasjenige ist, was sie besser sichtbar macht; der förmliche Rausch, in den die Triumphe von Telegraphie und Telephonie die Menschen versetzt haben, läßt sie oft übersehen, daß es doch wohl auf den Wert dessen ankommt, was man mitzuteilen hat, und daß dem gegenüber die Schnelligkeit oder Langsamkeit des Beförderungsmittels sehr oft eine Angelegenheit ist, die ihren jetzigen Rang nur durch Usurpation er¬ langen konnte. Und so auf unzähligen Gebieten.
Dieses Übergewicht der Mittel über die Zwecke findet seine Zu¬ sammenfassung und Aufgipfelung in der Tatsache, daß die Peri¬ pherie des Lebens, die Dinge außerhalb seiner Geistigkeit, zu Herren über sein Zentrum geworden sind, über uns selbst. Es ist schon richtig, daß wir die Natur damit beherrschen, daß wir ihr dienen; aber in dem herkömmlichen Sinne doch nur für die Außenwerke des Lebens richtig. Sehen wir auf dessen Ganzheit und Tiefe, so kostet jenes Verfügenkönnen über die äußere Natur, das die Technik uns einträgt, den Preis, in ihr befangen zu sein und auf die Zentrierung des Lebens in der Geistigkeit zu verzichten. Die Illusionen dieses Gebietes zeichnen sich deutlich an den Ausdrücken, die ihm dienen und mit denen eine auf ihre Objektivität und Mythenfreiheit stolze Anschauungsweise das direkte Gegenteil dieser Vorzüge verrät. Daß wir die Natur besiegen oder beherrschen, ist ein ganz kindlicher Be¬ griff, da er irgendeinen Widerstand, ein teleologisches Moment in der Natur selbst voraussetzt, eine Feindseligkeit gegen uns, da sie doch nur gleichgültig ist, und alle ihre Dienstbarkeit ihre eigene Gesetzmäßigkeit nicht abbiegt — während alle Vorstellungen von Herrschaft und Gehorsam, Sieg und Unterworfensein nur darin Sinn haben, daß ein entgegenstehender Wille gebrochen ist. Dies ist frei¬ lich nur das Gegenstück zu der Ausdrucksweise, daß die Wirksam¬ keit der Naturgesetze den Dingen einen unentrinnbaren Zwang auferlege. Denn zunächst wirken Naturgesetze überhaupt nicht, da sie nur die Formeln für die allein möglichen Wirksamkeiten: der ein¬ zelnen Stoffe und Energien, sind. Die Naivität einer mißverstandenen Naturwissenschaftlichkeit: als ob die Naturgesetze als reale Mächte die Wirklichkeit lenkten, wie ein Herrscher sein Reich, steht insofern auf einem Blatt mit der unmittelbaren Lenkung der irdischen Dinge durch den Finger Gottes. Und nicht weniger irreführend ist der vorgebliche Zwang, das Müssen, dem das Naturgeschehen unter¬ liegen soll. Unter diesen Kategorien empfindet nur die menschliche Seele das Gebundensein an Gesetze, weil solchem in ihr Regungen entgegenstehen, die uns in andere Richtungen führen möchten. Das natürliche Geschehen als solches aber steht ganz jenseits der Alter¬ native von Freiheit und Zwang, und mit dem »Müssen« wird in das einfache Sein der Dinge ein Dualismus hineingefühlt, der nur für bewußte Seelen einen Sinn hat. Wären dies alles auch nur Fragen des Ausdrucks, so leitet dieser doch alle oberflächlicher Denkenden auf anthropomorphistische Irrwege, und zeigt, daß die mythologische Denkweise auch innerhalb der naturwissenschaftlichen Weltanschau¬ ung ein Unterkommen findet. Jener Begriff einer Herrschaft des Menschen über die Natur erleichtert die selbstschmeichlerische Ver¬ blendung über unser Verhältnis zu ihr, die doch selbst auf dem Boden dieses Gleichnisses nicht unvermeidlich wäre. Der äußerlichen Ob¬ jektivität und Sichtbarkeit nach ist allerdings die wachsende Herr¬ schaft auf der Seite des Menschen; aber damit ist noch gar nicht entschieden, daß der subjektive Reflex, die nach innen schlagende Bedeutung dieser historischen Tatsache nicht im entgegengesetzten Sinn verlaufen könne. Man lasse sich nicht durch das ungeheure Maß von Intelligenz beirren, vermöge dessen die theoretischen Grundlagen jener Technik hervorgebracht sind und das allerdings den Traum Platos: die Wissenschaft zur Herrscherin des Lebens zu machen, — zu verwirklichen scheint. Aber die Fäden, an denen die Technik die Kräfte und Stoffe der Natur in unser Leben hineinzieht, sind ebensoviele Fesseln, die uns binden und uns unendlich Vieles unentbehrlich machen, was doch für die Hauptsache des Lebens gar sehr entbehrt werden könnte, ja müßte. Wenn man schon auf dem Gebiet der Produktion behauptet, daß die Maschine, die den Men¬ schen doch die Sklavenarbeit an der Natur abnehmen sollte, sie zu Sklaven eben an der Maschine selbst herabgedrückt hat, — so gilt es für feinere und umfassendere innerliche Beziehungen erst recht: der Satz, daß wir die Natur beherrschen, indem wir ihr dienen, hat den fürchterlichen Revers, daß wir ihr dienen, indem wir sie be¬ herrschen. Es ist sehr mißverständlich, daß die Bedeutsamkeit und 35 geistige Potenz des modernen Lebens aus der Form des Individuums in die der Massen übergegangen wäre; viel eher ist sie in die Form der Sachen übergegangen, lebt sich aus in der imübersehbaren Fülle, wunderbaren Zweckmäßigkeit, komplizierten Feinheit der Maschinen, der Produkte, der überindividuellen Organisationen der jetzigen Kultur. Und entsprechend ist der »Sklavenaufstand«, der die Selbst¬ herrlichkeit und den normgebenden Charakter des starken Einzelnen zu entthronen droht, nicht der Aufstand der Massen, sondern der der Sachen. Wie wir einerseits die Sklaven des Produktionsprozesses geworden sind, so andrerseits die Sklaven der Produkte: d. h., was uns die Natur vermöge der Technik von außen liefert, ist durch tausend Gewöhnungen, tausend Zerstreuungen, tausend Bedürfnisse äußerlicher Art über das Sich-Selbst-Gehören, über die geistige Zentripetalität des Lebens Herr geworden. Damit hat das Domi¬ nieren der Mittel nicht nur einzelne Zwecke, sondern den Sitz der Zwecke überhaupt ergriffen, den Punkt, in dem alle Zwecke zu¬ sammenlaufen, weil sie, soweit sie wirklich Endzwecke sind, nur aus ihm entspringen können. So ist der Mensch gleichsam aus sich selbst entfernt, zwischen ihn und sein Eigentlichstes, Wesentlichstes, hat sich eine Unübersteiglichkeit von Mittelbarkeiten, technischen Er¬ rungenschaften, Fähigkeiten, Genießbarkeiten geschoben.
Solcher Betonung der Mittelinstanzen des Lebens, gegenüber seinem zentralen und definitiven Sinne, wüßte ich übrigens keine Zeit, der dies ganz fremd gewesen wäre, entgegenzustellen. Vielmehr, da der Mensch ganz auf die Kategorie von Zweck und Mittel ge¬ stellt ist, so ist es wohl sein dauerndes Verhängnis, sich in einem Widerstreit der Ansprüche zu bewegen, die der Zweck unmittelbar, und die die Mittel stellen; das Mittel enthält immer die innere Schwierigkeit, für sich Kraft und Bewußtsein zu verbrauchen, die eigentlich nicht ihm, sondern einem andern gelten. Aber es ist ja gar nicht der Sinn des Lebens, die Dauer versöhnter Zustände, nach der es strebt, auch wirklich zu erlangen. Es mag sogar für die Schwungkraft unserer Innerlichkeit gerade darauf ankommen, jenen Widerspruch lebendig zu erhalten, und an seiner Heftigkeit, an dem Überwiegen der einen oder der anderen Seite, der psychologischen Form, in der jede von beiden auf tritt, dürften sich die Lebensstile mit am charakteristischsten unterscheiden. Für die Gegenwart, in der das Vorwiegen der Technik ersichtlich ein Überwiegen des klaren, intelligenten Bewußtseins — als Ursache wie als Folge — bedeutet, habe ich hervorgehoben, daß die Geistigkeit und Sammlung der Seele, von der lauten Pracht des naturwissenschaftlich -technischen Zeitalters übertäubt, sich als ein dumpfes Gefühl von Spannung und unorientierter Sehnsucht rächt; als ein Gefühl, als läge der ganze Sinn unserer Existenz in einer so weiten Ferne, daß wir ihn gar nicht lokalisieren können und so immer in Gefahr sind, uns von ihm fort, statt auf ihn hin zu bewegen — und dann wieder, als läge er vor unseren Augen, mit einem Ausstrecken der Hand würden wir ihn greifen, wenn nicht immer gerade ein Geringes von Mut, von Kraft oder von innerer Sicherheit uns fehlte. Ich glaube, daß diese heimliche Unruhe, dies ratlose Drängen unter der Schwelle des Be¬ wußtseins, das den jetzigen Menschen vom Sozialismus zu Nietzsche, von Böcklin zum Impressionismus, von Hegel zu Schopenhauer und wieder zurück jagt — nicht nur der äußeren Hast und Aufgeregt¬ heit des modernen Lebens entstammt, sondern daß umgekehrt diese vielfach der Ausdruck, die Erscheinung, die Entladung jenes innersten Zustandes ist. Der Mangel an Definitivem im Zentrum der Seele treibt dazu, in immer neuen Anregungen, Sensationen, äußeren Aktivitäten eine momentane Befriedigung zu suchen; so ver¬ strickt uns dieser erst seinerseits in die wirre Halt- und Ratlosig¬ keit, die sich bald als Tumult der Großstadt, bald als Reisemanie, bald als die wilde Jagd der Konkurrenz, bald als die spezifisch mo¬ derne Treulosigkeit auf den Gebieten des Geschmacks, der Stile, der Gesinnungen, der Beziehungen offenbart. Die Bedeutung des Geldes für diese Verfassung des Lebens ergibt sich als einfacher Schluß aus den Prämissen, die alle Erörterungen dieses Buches festgestellt haben. Es genügt also die bloße Erwähnung seiner Doppelrolle: das Geld steht einmal in einer Reihe mit all den Mitteln und Werkzeugen der Kultur, die sich vor die innerlichen und Endzwecke schieben und diese schließlich überdecken und verdrängen. Bei ihm treten, teils wegen der Leidenschaft seines Begehrtwerdens, teils wegen seiner eigenen Leerheit und bloßen Durchgangscharakters die Sinnlosig¬ keit und die Folgen jener teleologischen Verschiebung am auf¬ fälligsten hervor; allein insofern ist es doch nur die graduell höchste all jener Erscheinungen, es übt die Funktion der Distanzierung zwischen uns und unseren Zwecken nur reiner und restloser als die anderen technischen Mittelinstanzen, aber prinzipiell in keiner anderen Weise; auch hier zeigt es sich als nichts Isoliertes, sondern nur als der vollkommenste Ausdruck von Tendenzen, die sich auch unterhalb seiner in einer Stufenfolge von Erscheinungen darstellen. Nach einer anderen Richtung freilich stellt sich das Geld jenseits dieser ganzen Reihe, indem es nämlich vielfach der Träger ist, durch den die einzelnen, jene Umbildung erfahrenden Zweckreihen ihrerseits erst zustande kommen. Es durchflicht dieselben als Mittel der Mittel, als die allgemeinste Technik des äußeren Lebens, ohne die die einzelnen Techniken unserer Kultur unentstanden geblieben wären. Also auch nach dieser.Wirkungsrichtung hin zeigt es die Doppelheit seiner Funktionen, durch deren Vereinigung es die Form der größten und tiefsten Lebenspotenzen überhaupt wiederholt: daß es einerseits in den Reihen der Existenz als ein Gleiches oder allenfalls ein Erstes unter Gleichen steht, und daß es andrerseits über ihnen steht, als zusammenfassende, alles Einzelne tragende und durchdringende Macht. So ist die Religion eine Macht im Leben, neben seinen andern Interessen und oft gegen sie, einer der Faktoren, deren Gesamtheit das Leben ausmacht, und andrerseits die Einheit und der Träger des ganzen Daseins selbst einerseits ein Glied des Lebensorganismus, andrerseits diesem gegenüberstehend, indem sie ihn in der Selbst¬ genügsamkeit ihrer Höhe und Innerlichkeit ausdrückt. — Ich komme nun zu einer zweiten Stilbestimmtheit des Lebens, die nicht, wie die Distanzierung, durch eine räumliche, sondern durch eine zeitliche Analogie bezeichnet wird; und zwar, da die Zeit inneres und äußeres Geschehen gleichmäßig umfaßt, wird die Wirklichkeit damit unmittelbarer und mit geringerer Inanspruchnahme der Sym¬ bolik als in dem früheren Falle charakterisiert. Es handelt sich um den Rhythmus, in dem die Lebensinhalte auftreten und zurück¬ treten, um die Frage, inwieweit die verschiedenen Kulturepochen überhaupt die Rhythmik in dem Abrollen derselben begünstigen oder zerstören, und ob das Geld nicht nur in seinen eigenen Bewegungen daran teil hat, sondern auch jenes Herrschen oder Sinken der Periodik des Lebens von sich aus beeinflußt. Auf den Rhythmus von Hebung und Senkung ist unser Leben in all seinen Reihen eingestellt; die Wellenbewegung, die wir in der äußeren Natur unmittelbar und als die zugrunde liegende Form so vieler Erscheinungen erkennen, be¬ herrscht auch die Seele im weitesten Kreise. Der Wechsel von Tag und Nacht, der unsere ganze Lebensform bestimmt, zeichnet uns die Rhythmik als allgemeines Schema vor; wir können nicht zwei, dem Sinne nach koordinierte Begriffe aussprechen, ohne daß psychologisch der eine den Akzent der Hebung, der andere den der Senkung er¬ hielte. so ist z. B. »Wahrheit und Dichtung« etwas ganz anderes als »Dichtung und Wahrheit«. Und wo von drei Elementen das dritte dem zweiten koordiniert sein soll, ist auch dies psychologisch nicht vollkommen zu realisieren, sondern die Wellenform des Seelischen strebt dem dritten einen dem ersten ähnlichen Akzent zu geben: z. B. ist das Vermaß - ~ ~ gar nicht völlig korrekt auszusprechen, sondern unvermeidlich wird die dritte Silbe schon wieder etwas stärker als die zweite betont. Die Einteilung der Tätigkeitsreihen, im großen wie im kleinen, in rhythmisch wiederholte Perioden dient zunächst der Kraftersparnis. Durch den Wechsel innerhalb der ein¬ zelnen Periode werden die Tätigkeitsträger, physischer oder psychi¬ scher Art, abwechselnd geschont, während zugleich die Regelmäßig¬ keit des Turnus eine Gewöhnung an den ganzen Bewegungskomplex schafft, deren allmähliches Festerwerden jede Wiederholung er¬ leichtert. Der Rhythmus genügt gleichzeitig den Grundbedürfnissen nach Mannigfaltigkeit und nach Gleichmäßigkeit, nach Abwechslung und nach Stabilität: indem jede Periode für sich aus differenten Ele¬ menten, Hebung und Senkung, quantitativen oder qualitativen Mannigfaltigkeiten besteht, die regelmäßige Wiederholung ihrer aber Beruhigung, Uniformität, Einheitlichkeit im Charakter der Reihe be¬ wirkt. An der Einfachheit oder der Komplikation der Rhythmik, der Länge oder Kürze ihrer einzelnen Perioden, ihrer Regelmäßig¬ keit, ihren Unterbrechungen, oder auch ihrem Ausbleiben finden die individuellen und die sozialen, die sachlichen und die historischen Lebensreihen gleichsam ihre abstrakte Schematik. Innerhalb der hier fraglichen Kulturentwicklungen begegnen zunächst eine Reihe von Erscheinungen, die in früheren Stadien rhythmisch, in späteren aber kontinuierlich oder unregelmäßig verlaufen. Vielleicht die auf¬ fallendste: der Mensch hat keine bestimmte Paarungszeit mehr, wie sie fast bei allen Tieren besteht, bei denen sich sexuelle Erregtheit und Gleichgültigkeit scharf gegeneinander absetzen; unkultivierte Völker weisen mindestens noch Reste dieser Periodik auf. Die Ver¬ schiedenheit in der Brunstzeit der Tiere hängt wesentlich daran, daß die Geburten zu derjenigen Jahreszeit erfolgen müssen, in der Nah- rungs- und klimatische Verhältnisse für das Aufbringen der Jungen am günstigsten sind; tatsächlich werden auch bei einigen der sehr rohen Australneger, die keine Haustiere haben und deshalb regel¬ mäßigen Hungersnöten unterliegen, nur zu einer bestimmten Zeit des Jahres Kinder geboren. Der Kulturmensch hat sich durch seine Verfügung über Nahrung und Wetterschutz hiervon unabhängig ge¬ macht, so daß er in dieser Hinsicht seinen individuellen Impulsen und nicht mehr allgemein, also notwendig rhythmisch, bestimmten, folgt: die oben genannten Gegensätze der Sexualität sind bei ihm in ein mehr oder weniger fluktuierendes Kontinuum übergegangen. Immerhin ist festgestellt, daß die noch beobachtbare Periodizität des Geburtenmaximums und -minimums in wesentlich Ackerbau treiben¬ den Gegenden entschiedener ist als in industriellen, auf dem Lande entschiedener als in Städten. Weiter: das Kind unterliegt einem un- bezwinglichen Rhythmus von Schlafen und Wachen, von Betätigungs¬ lust und Abgespanntheit, und annähernd ist das auch noch in länd¬ lichen Verhältnissen zu beobachten — während für den Stadtmenschen diese Regelmäßigkeit der Bedürfnisse (nicht nur ihrer Befriedi¬ gungen!) längst durchbrochen ist. Und wenn es wahr ist, daß die Frauen die undifferenziertere, der Natur noch unmittelbarer ver¬ bundene Stufe des Menschlichen bezeichnen, so könnte die Periodik, die ihrem physiologischen Leben einwohnt, als Bestätigung dafür dienen. Wo der Mensch noch unmittelbar von der Ernte oder dem Jagdertrag, weiterhin von dem Eintreffen des umherziehenden Händ¬ lers oder von dem periodischen Markte abhängig ist, da muß sich das Leben nach sehr vielen Richtungen hin in einem Rhythmus von Expansion und Kontraktion bewegen. Für manche Hirtenvölker, die sogar schon höher stehen wie jene- Australneger, z. B. manche Afri¬ kaner, bedeuten die Zeiten, in denen es an Weideland fehlt, doch eine jährlich wiederkehrende halbe Hungersnot. Und selbst wo nicht eine eigentliche Periodik vorliegt, da zeigt doch die primitive Wirtschaft für den Selbstbedarf in bezug auf die Konsumtion wenigstens jenes wesentliche Moment ihrer: das unvermittelte Überspringen der Gegensätze ineinander, von Mangel zu Überfluß, von Überfluß zu Mangel. Wie sehr die Kultur hier Ausgleichung bedeutet, ist ersicht¬ lich. Nicht nur sorgt sie dafür, daß das ganze Jahr über alle erforder¬ lichen Lebensmittel in ungefähr gleichem Quantum angeboten