werden, sondern vermöge des Geldes setzt sie auch die verschwende¬ rische Konsumtion herab: denn jetzt kann der zeitweilige Überfluß zu Gelde gemacht und sein Genuß dadurch gleichmäßig und konti¬ nuierlich über das ganze Jahr verteilt werden. Ich erwähne hier endlich, ganz jenseits aller Wirtschaft und nur als charakteristisches Symbol dieser Entwicklung, daß auch in der Musik das rhythmische Element das zuerst ausgeprägte und gerade auf ihren primitivsten Stufen äußerst hervortretende ist. Ein Missionar ist in Aschanti bei der wirren Disharmonie der dortigen Musik von dem wunderbaren Takthalten der Musiker überrascht, die chinesische Theatermusik in Kalifornien soll, obgleich ein ohrenzerreißender unmelodischer Lärm, doch strenge Taktmäßigkeit besitzen, von den Festen der Wintun- indianer erzählt ein Reisender: »Dann kommen auch Gesänge, in denen jeder Indianer seine eigenen Gefühle ausdrückt, wobei sie selt¬ samerweise vollkommen Takt miteinander halten.« Tiefer hinab¬ steigend: gewisse Insekten bringen einen Laut zur Bezauberung der Weibchen hervor, der in einem und demselben, scharf rhythmisch wiederholten Ton besteht — im Unterschied gegen die höher ent¬ wickelten Vögel, in deren Liebesgesang die Rhythmik ganz hinter die Melodie zurücktritt. Und auf den höchsten Stufen der Musik wird bemerkt, daß neuerdings die Entwicklung vom Rhythmischen ganz abzuweichen scheine, nicht nur bei Wagner, sondern auch bei gewissen Gegnern von ihm, die in ihren Texten dem Rhythmischen aus dem Wege gehen und den Korintherbrief und den Prediger Salo- monis komponieren; der scharfe Wechsel von Hebung und Senkung macht ausgeglichneren oder unregelmäßigeren Formen Platz. Sehen wir von dieser Analogie wieder auf das wirtschaftliche und allgemeine Kulturleben zurück, so scheint dasselbe von einer durchgängigen Vergleichmäßigung ergriffen, seit man für Geld alles zu jeder Zeit kaufen kann und deshalb die Regungen und Reizungen des Indivi¬ duums sich an keinen Rhythmus mehr zu halten brauchen, der, von der Möglichkeit ihrer Befriedigung aus, sie einer transindividuellen Periodizität unterwürfe. Und wenn die Kritiker der jetzigen Wirt¬ schaftsordnung gerade ihr den regelmäßigen Wechsel zwischen Über¬ produktion und Krisen vorwerfen, so wollen sie damit doch gerade das noch Unvollkommene an ihr bezeichnen, das in eine Kontinuität der Produktion wie des Absatzes überzuführen sei. Ich erinnere an die Ausdehnung des Transportwesens, das von der Periodizität der Fahr¬ post zu den zwischen den wichtigsten Punkten fast ununterbrochen laufenden Verbindungen und bis zum Telegraphen und Telephon fort¬ schreitet, die die Kommunikation überhaupt nicht mehr an eine Zeit- bestimmtheit binden; an die Verbesserung der künstlichen Beleuch¬ tung, die den Wechsel von Tag und Nacht mit seinen, das Leben rhythmisierenden Folgen immer gründlicher paralysiert; an die ge¬ druckte Literatur, die uns, unabhängig von dem eigenen organischen Wechsel des Denkprozesses zwischen Anspannungen und Pausen, in jedem Momente, wo wir es gerade wünschen, mit Gedanken und Anregungen versorgt. Kurz, wenn die Kultur, wie man zu sagen pflegt, nicht nur den Raum, sondern auch die Zeit überwindet, so be¬ deutet dies, daß die Bestimmtheit zeitlicher Abteilungen nicht mehr rfaq zwingende Schema für unser Tun und Genießen bildet, sondern daß dieses nur noch von dem Verhältnis zwischen unserem Wollen und Können und den rein sachlichen Bedingungen ihrer Betätigung abhängt. Also: die generell dargebotenen Bedingungen sind vom Rhythmus befreit, sind ausgeglichener, um der Individualität Frei¬ heit und mögliche Unregelmäßigkeit zu verschaffen; in diese Diffe¬ renzierung sind die Elemente von Gleichmäßigkeit und Verschieden¬ heit, die im Rhythmus vereint sind, auseinandergegangen.
Es wäre indes ganz irrig, die Entwicklung des Lebensstiles in die verführerisch einfache Formel zu bannen, daß er von der Rhyth¬ mik seiner Inhalte zu einer von jedem Schema unabhängigen Be¬ währung derselben weiterschritte. Dies gilt vielmehr nur für be¬ stimmte Abschnitte der Entwicklung, deren Ganzes tiefere und ver- wickeltere Nachzeichnungen fordert. Ich untersuche deshalb zunächst die psychologisch-historische Bedeutung jener Rhythmik, wo¬ bei ich ihr rein physiologisch veranlaßtes Auftreten, das nur die Periodik der äußeren Natur wiederholt, außer acht lasse.
Man kann den Rhythmus als die auf die Zeit übertragene Sym¬ metrie bezeichnen, wie die Symmetrie als Rhythmus im Raum. Wenn man rhythmische Bewegungen in Linien zeichnet, so werden diese symmetrisch; und tungekehrt: die Betrachtung des Symmetrischen ist ein rhythmisches Vorstellen. Beides sind nur verschiedene Formen desselben Grundmotives. Wie in den Künsten des Ohres der Rhyth¬ mus, so ist in denen des Auges die Symmetrie der Anfang aller Ge¬ staltung des Materiales. Um überhaupt in die Dinge Idee, Sinn, Harmonie zu bringen, muß man sie zunächst symmetrisch gestalten, die Teile des Ganzen untereinander ausgleichen, sie ebenmäßig um einen Mittelpunkt herum ordnen. Die formgebende Macht des Men¬ schen gegenüber der Zufälligkeit und Wirrnis der bloß natürlichen Gestaltung wird damit auf die schnellste, sichtbarste und unmittel¬ barste Art versinnlicht. Die Symmetrie ist der erste Kraftbeweis des Rationalismus, mit dem er uns von der Sinnlosigkeit der Dinge und ihrem einfachen Hinnehmen erlöst. Deshalb sind auch die Sprachen unkultivierter Völker oft viel symmetrischer gebaut, als die Kultur¬ sprachen, und sogar die soziale Struktur zeigt z. B. in den »Hundert¬ schaften«, die das Organisationsprinzip der verschiedensten Völker niederer Stufe bilden, die symmetrische Einteilung als einen ersten Versuch der Intelligenz, die Massen in eine überschaubare und lenk¬ bare Form zu bringen. Die symmetrische Anordnung ist, wie gesagt, durchaus rationalistischen Wesens, sie erleichtert die Beherrschung des Vielen und der Vielen von einem Punkte aus. Die Anstöße setzen sich länger, widerstandsloser, berechenbarer durch ein symmetrisch angeordnetes Medium fort, als wenn der innere Bau und die Grenzen der Teile unregelmäßig und fluktuierend sind. Wenn Dinge und Men¬ schen unter das Joch des Systems gebeugt — d. h. symmetrisch an- geordnet — sind, so wird der Verstand am schnellsten mit ihnen fertig. Daher hat sowohl der Despotismus wie der Sozialismus be¬ sonders starke Neigungen zu symmetrischen Konstruktionen der Gesellschaft, beide, weil es sich für sie um eine starke Zentralisierung der letzteren handelt, um derentwillen die Individualität der Elemente, die Ungleichmäßigkeit ihrer Formen und Verhältnisse zur Symmetrie nivelliert werden muß. In äußerlichem Symbol: Ludwig XIV. soll seine Gesundheit aufs Spiel gesetzt haben, um Türen und Fenster symmetrisch zu haben. Und ebenso konstruieren sozialistische Uto¬ pien die lokalen Einzelheiten ihrer Idealstädte oder -Staaten immer nach dem Prinzip der Symmetrie: entweder in Kreisform oder in quadratischer Form werden die Ortschaften oder Gebäude ange¬ ordnet. In Campanellas Sonnenstaat ist der Plan der Reichshaupt¬ stadt mathematisch abgezirkelt, ebenso wie die Tageseinteilung der Bürger und die Abstufung ihrer Rechte und Pflichten. Rabelais* Orden der Thelemiten lehrt, in Opposition zu Morus, einen so ab¬ soluten Individualismus, daß es in diesem Utopien keine Uhr geben darf, sondern alles nach Bedürfnis und Gelegenheit geschehen soll; aber der Stil der imbedingten Ausgerechnetheit und Rationalisierung des Lebens verlockt ihn doch, die Gebäulichkeiten seines Idealstaates genau symmetrisch anzuordnen: ein Riesenbau in Form eines Sechs¬ ecks, in jeder Ecke ein Turm, sechzig Schritt im Durchmesser. Die »Bauhütte« der mittelalterlichen Baugenossenschaften mit ihrer stren¬ gen, abgezirkelten, Alles normierenden Lebensweise und Verfassung war möglichst in quadratischer Form gebaut. Dieser allgemeine Zug sozialistischer Pläne zeugt nur in roher Form für die tiefe An¬ ziehungskraft, die der Gedanke der harmonischen, innerlich aus¬ geglichenen, allen Widerstand der irrationalen Individualität über¬ windenden Organisation des menschlichen Tuns ausübt. Die sym¬ metrisch-rhythmische Gestaltung bietet sich so als die erste und ein¬ fachste dar, mit der der Verstand den Stoff des Lebens gleichsam stilisiert, beherrschbar und assimilierbar macht, als das erste Schema, vermöge dessen er sich in die Dinge hineinbilden kann. Aber eben damit ist auch die Grenze für Sinn und Recht dieses Lebensstiles angedeutet. Denn nach zwei Seiten hin wirkt er vergewaltigend: einmal auf das Subjekt, dessen Impulse und Bedürfnisse doch nicht in prästabilierter, sondern jedesmal nur glücklich-zufälliger Har¬ monie mit jenem feststehenden Schema auftreten; und nicht weniger der äußeren Wirklichkeit gegenüber, deren Kräfte und Verhältnisse zu uns sich nur gewaltsam in einen so einfachen Rahmen fassen lassen. Unter richtiger Verteilung auf die verschiedenen Geltungs¬ gebiete kann man dies, mit nur scheinbarer Paradoxie, so aus- sprechen: die Natur ist nicht so symmetrisch wie die Seele es for¬ dert, und die Seele nicht so symmetrisch, wie die Natur es fordert. Alle Gewalttätigkeiten und Inadäquatheiten, die die Systematik gegenüber der Wirklichkeit mit sich bringt, kommen auch der Rhyth- misierung und Symmetrie in der Gestaltung der Lebensinhalte zu.
Wie es am Einzelmenschen zwar eine erhebliche Kraft verrät, wenn er Personen und Dinge sich assimiliert, indem er ihnen die Form und das Gesetz seines Wesens aufzwingt, wie aber der noch größere Mensch den Dingen in ihrer Eigenart gerecht wird und sie gerade mit dieser und gemäß ihrer in den Kreis seiner Zwecke und seiner Macht hineinzieht — so ist es zwar schon eine Höhe des Menschliehen, die theoretische und praktische Welt in ein Schema von uns aus zu zwingen; größer aber ist es; die eigenen Gesetze und Forde¬ rungen der Dinge anerkennend und ihnen folgsam, sie erst so in unser Wesen und Wirken einzubauen. Denn das beweist nicht nur eine sehr viel größere Expansionsfähigkeit und Bildsamkeit des letzteren, sondern es kann auch den Reichtum und die Möglichkeiten der Dinge viel gründlicher ausschöpfen. Deshalb sehen wir zwar auf manchen Gebieten den Rhythmus als das spätere, das rationa¬ listisch-systematische Prinzip als die nicht zu überwindende Ent¬ wicklungsstufe, andere aber lassen diese der Gestaltung von Fall zu Fall Platz machen und lösen die Vorbestimmtheit des mitgebrachten Schemas in die wechselnden Ansprüche der Sache selbst auf. So sehen wir z. B. daß erst in höheren Kulturverhältnissen die Ein¬ richtung regelmäßiger Mahlzeiten den Tag im allgemeinen rhyth¬ misch gliedert; eine Mehrzahl fester täglicher Mahlzeiten scheint bei keinem Naturvolk vorzukommen. Im Gegensatz dazu haben wir freilich schon oben bemerkt, daß in bezug auf das Ganze der Er¬ nährung Naturvölker oft einen regelmäßigen Rhythmus von Ent¬ behrungsperioden und Zeiten schwelgerischen Verjubelns haben, den die höhere Wirtschaftstechnik völlig beseitigt hat. Allein jene Gleich¬ mäßigkeit täglicher Mahlzeiten erreicht ihre große Stabilität zwar auf sehr hohen, vielleicht aber doch nicht auf den allerhöchsten Stufen der sozialen und geistigen Skala. In der obersten Gesellschaftsschicht erleidet dieselbe durch den Beruf, die Geselligkeit und komplizierte Rücksichten vielerlei Art wieder manchen Abbruch, und zu eben demselben werden den Künstler und den Gelehrten die wechselnden Anforderungen der Sache wie der Stimmungen des Tages veranlassen. Dies weist schon darauf hin, wie sehr der Rhythmus der Mahlzeiten — und sein Gegenteil — dem der Arbeit entspricht. Auch hier lassen verschiedene Reihen ganz verschiedene Verhältnisse erkennen. Der Naturmensch arbeitet genau so unregelmäßig, wie er ißt. Auf ge¬ waltige Kraftanstrengungen, zu denen die Not oder Laune ihn treibt, folgen Zeiten absoluter Faulheit, beides ganz zufällig und prinziplos abwechselnd. Wahrscheinlich mit Recht hat man, wenigstens für die nördlicheren Länder, mit dem pflugmäßigen Ackerbau (erst eine feste Ordnung der Tätigkeiten, einen sinnvollen Rhythmus von An¬ spannung und Abspannung der Kräfte beginnen lassen. Diese Rhyth¬ mik erreicht ihren äußersten Grad etwa bei der höheren Fabrik¬ arbeit und bei der Arbeit in Bureaus jeder Art. Auf den Gipfeln der kulturellen Tätigkeit, der wissenschaftlichen, politischen, künstleri¬ schen, kommerziellen, pflegt sie wieder stark herabzusinken; so daß sogar, wenn wir etwa von einem Schriftsteller hören, daß er täglich zu gleicher Minute die Feder in die Hand nimmt und sie zu gleicher wieder fortlegt, dieser stationäre Rhythmus der Produktion uns gegen ihre Inspiration und innere Bedeutung mißtrauisch macht. Aber auch innerhalb des Lohnarbeitertums führt die Entwicklung, wenn auch aus ganz anderen Motiven, zu Ungleichmäßigkeit und Unberechen¬ barkeit als der späteren Stufe. Bei dem Aufkommen der englischen Großindustrie litten die Arbeiter außerordentlich darunter, daß jede Absatzstockung den Betrieb eines Großunternehmens viel mehr störte, als sie den vieler kleiner gestört hatte, schon weil die Zunft die Ver¬ luste zu teilen pflegte. Früher hatten die Meister in schlechten Zeiten auf Vorrat gearbeitet, jetzt wurden die Arbeiter einfach entlassen; früher waren die Löhne jahrweise durch die Obrigkeit fixiert worden, jetzt führte jeder Preisabschlag zu ihrer Herabsetzung. Unter diesen Umständen, so wird berichtet, zogen viele Arbeiter vor, unter dem alten System weiterzuarbeiten, statt die höheren Löhne des neuen mit der größeren Unregelmäßigkeit der Beschäftigung überhaupt zu bezahlen. So hat der Kapitalismus und die entsprechende wirt¬ schaftliche Individualisierung, mindestens strichweise, die Arbeit als Ganzes — darum auch meist ihre Inhalte! — zu etwas viel Un¬ sichrerem gemacht, viel zufälligeren Konstellationen unterworfen, als sie zur Zeit der Zünfte bestanden, wo die größere Stabilität der Arbeitsbedingungen doch auch den sonstigen Lebensinhalten des Tages und Jahres einen viel festeren Rhythmus verlieh. Und was die Gestaltung des Arbeitsinhaltes betrifft, so haben neuere Unter¬ suchungen nachgewiesen, daß derselbe früher, insbesondere bei dem primitiven Zusammenarbeiten und der allenthalben vorkommenden Gesangbegleitung, einen überwiegend rhythmischen Charakter be¬ sessen, denselben aber nachher, mit der Vervollkommnung der Werk¬ zeuge und der Individualisierung der Arbeit, wieder eingebüßt habe. Nun enthält zwar gerade der moderne Fabrikbetrieb wieder stark rhythmische Elemente; allein soweit sie den Arbeiter an die Strenge gleichmäßig wiederholter Bewegungen binden, haben sie eine ganz andere subjektive Bedeutung, als jene alte Arbeitsrhythmik. Denn diese folgte den inneren Forderungen physiologisch -psychologischer Energetik, die jetzige aber entweder unmittelbar der rücksichtslos objektiven Maschinenbewegung oder dem Zwange für den einzelnen Arbeiter, als Glied einer Gruppe von Arbeitern, deren jeder nur einen kleinen Teilprozeß verrichtet, mit den anderen Schritt zu halten. Vielleicht erzeugte dies eine Abstumpfung des Gefühls für den Rhyth¬ mus überhaupt, die die folgende Erscheinung deuten könnte. Die alten Gesellenschaften kämpften wie die heutigen Gewerkvereine um kürzere Arbeitszeit. Aber während die Gesellenschaften die Arbeit voll 5 oder 6 Uhr morgens bis 7 Uhr abends akzeptierten, also eigent¬ lich für den ganzen Tag bis zur Schlafenszeit und dafür energisch auf einen ganz freien Tag drangen — kommt es heute auf Kürzung der täglichen Arbeitszeit an. Die Periode, in der der regelmäßige Wechsel von Arbeit und Erholung stattfindet, ist also für den modernen Arbeiter kürzer geworden. Bei den älteren Arbeitern war das rhythmische Gefühl weit und ausdauernd genug, um sich an der Wochen periode zu befriedigen. Jetzt aber bedarf dieses — was viel¬ leicht Folge, vielleicht Ausdruck gesunkener Nervenkraft ist — häufigerer Reizung, die Alternierung muß rascher erfolgen, um zu jenem subjektiv erwünschten Erfolge zu kommen.
Die Entwicklung des Geldwesens folgt dem gleichen Schema. Es zeigt gewisse rhythmische Erscheinungen als eine Art Mittelstufe: aus der chaotischen Zufälligkeit, in der sein erstes Auftreten sich bewegt haben muß, gelangt es zu jenen, die doch immerhin ein Prinzip und eine sinnvolle Gestaltung aufzeigen, bis es auf weiterer Stufe eine Kontinuität des Sich-Darbietens gewinnt, mit der es sich allen sachlichen und persönlichen Notwendigkeiten, frei von dem Zwange eines rhythmischen und in höherem Sinn doch zufälligen Schemas, anschmiegt. Es genügt für unseren Zweck, den Übergang von der zweiten zur dritten Stufe an einigen Beispielen zu zeigen. Noch im 16. Jahrhundert war es selbst an einem Platz so gro߬ artigen Geldverkehrs wie Antwerpen fast unmöglich, außerhalb der regelmäßigen Wechselmessen eine erheblichere Geldsumme aufzu¬ treiben; die Verbreitung dieser Möglichkeit auf jeden beliebigen Augenblick, in dem der Einzelne Geld bedarf, bezeichnet den Über¬ gang zu der vollen Entwicklung der Geldwirtschaft. Immerhin ist es für die Fluktuation zwischen rhythmischer und unrhythmischer Ge¬ staltung des Geldwesens und für das Empfinden derselben bezeich¬ nend, daß von den an die mittelalterliche Schwierigkeit und Irratio¬ nalität des Geldverkehrs Gewöhnten der Antwerpener Verkehr eine »unaufhörliche Messe« genannt wurde. Ferner: solange der einzelne Geschäftsmann alle Zahlungen unmittelbar aus seiner Kasse leistet, bzw. in dieselbe einnimmt, muß er zu den Zeiten, wo regelmäßig größere Summen fällig werden, einen erheblichen Barbestand be¬ schaffen, und andrerseits in den Zeiten überwiegender Eingänge die¬ selben sogleich zweckmäßig unterzubringen wissen. Die Konzen¬ trierung des Geldverkehrs in den großen Banken enthebt ihn dieses periodischen Zwanges zur Anhäufung und Drainierung; denn nun werden, indem er und seine Geschäftsfreunde mit derselben Girobank arbeiten, Aktiva und Passiva einfach durch buchmäßige Übertragung saldiert, so daß der Kaufmann nur noch eines relativ geringfügigen und immer gleichbleibenden Kassenbestandes für die täglichen Aus¬ gaben bedarf, während die Bank selbst, weil die Ein- und Ausgänge von den verschiedenen Seiten sich im ganzen paralysieren, einen relativ viel kleineren Barbestand, als sonst der individuelle Kaufmann, zu halten braucht. Endlich ein letztes Beispiel. Der mehr oder weniger periodische Wechsel von Not und Plethora in Zeiten un¬ entwickelter Geldkultur bewirkt einen entsprechend periodischen Wechsel des Zinsfußes zwischen großer Billigkeit und schwindel¬ hafter Höhe. Die Vervollkommnung der Geldwirtschaft hat nun diese Schwankungen derartig ausgeglichen, daß der Zinsfuß, mit früheren Zeiten verglichen, kaum noch aus seiner Stabilität weicht und daß eine Änderung des englischen Bankdiskonts um ein Prozent schon als ein Ereignis von großer Bedeutsamkeit gilt; wodurch denn der Einzelne in seinen Dispositionen außerordentlich beweglicher und von der Bedingtheit durch Schwankungen befreit wird, die oberhalb seiner liegen und deren Rhythmus die Erfordernisse seines eigenen Geschäftsgebahrens in eine ihnen oft genug widerstrebende Formung zwang.
Die Gestaltungen, die der Rhythmus oder sein Gegenteil den Daseinsinhalten verleiht, verlassen nun aber ihre Form als wechselnde Stadien einer Entwicklung und bieten sich im Zugleich dar. Das Lebensprinzip, das man mit dem Symbol des Rhythmisch-Symmetri¬ schen, und dasjenige, das man als das individualistisch -spontane be¬ zeichnen kann, sind die Formulierungen tiefster Wesensrichtungen, deren Gegensatz nicht immer, wie in den bisherigen Beispielen, durch Einstellung in Entwicklungsgänge versöhnbar ist, sondern die dauern¬ den Charaktere von Individuen und Gruppen abschließend bezeichnet. Die systematische Lebensform ist nicht nur, wie ich schon hervor¬ hob, die Technik zentralistischer Tendenzen, mögen sie despotischer oder sozialistischer Art sein, sondern sie gewinnt außerdem einen Reiz für sich: die innere Ausgeglichenheit und äußere Geschlossen¬ heit, die Harmonie der Teile und Berechenbarkeit ihrer Schicksale verleiht allen symmetrisch-systematischen Organisationen eine An¬ ziehung, deren Wirkungen weit über alle Politik hinaus an unzähligen öffentlichen und privaten Interessen gestaltende Macht übt. Mit ihr sollen die individuellen Zufälligkeiten des Daseins eine Einheit und Durchsichtigkeit erhalten, die sie zum Kunstwerk macht. Es handelt sich um den gleichen ästhetischen Reiz, wie ihn die Maschine auszu¬ üben vermag. Die absolute Zweckmäßigkeit und Zuverlässigkeit der Bewegungen, die äußerste Verminderung der Widerstände und Rei¬ bungen, das harmonische Ineinandergreifen der kleinsten und der größten Bestandteile: das verleiht der Maschine selbst bei ober- 36 Simmel. Philosophie des Geldes.
flächlicher Betrachtung eine eigenartige Schönheit, die die Organi¬ sation der Fabrik in erweitertem Maße wiederholt und die der sozia¬ listische Staat im allerweitesten wiederholen soll. Aber diesem Reize liegt, wie allem Ästhetischen, eine letztinstanzliche Richtung und Be¬ deutsamkeit des Lebens zum Grunde, eine elementare Beschaffenheit der Seele, von der auch die ästhetische Anziehung oder Bewährung nur eine Erscheinung an äußerem Stoffe ist; wir haben jene nicht eigentlich, wie wir ihre Ausgestaltungen im Material des Lebens: ästhetische, sittliche, soziale, intellektuelle, eudämonistische, haben, sondern wir sind sie. Diese äußersten Entscheidungen der mensch¬ lichen Naturen sind mit Worten nicht zu bezeichnen, sondern sie sind nur aus jenen einzelnen Darstellungen ihrer als deren letzte Trieb¬ kräfte und Direktiven herauszufühlen. Darum ist der Reiz der ent¬ gegengesetzten Lebensform ebenso indiskutabel, in dessen Empfinden sich die aristokratischen und die individualistischen Tendenzen — in welcher Provinz unserer Interessen sie auch auftreten mögen — be¬ gegnen. Die historischen Aristokratien vermeiden gern die Systema¬ tik, die generelle Formung, die den Einzelnen in ein ihm äußeres Schema einstellt, jedes Gebilde — politischer, sozialer, sachlicher, personaler Art — soll sich gemäß der echt aristokratischen Empfin¬ dung als eigenartiges in sich zusammenschließen und bewähren. Der aristokratische Liberalismus des englischen Lebens findet deshalb in der Asymmetrie, in der Befreiung des individuellen Falles von der Präjudizierung durch sein Pendant, den typischsten und gleichsam organischsten Ausdruck seiner innersten Motive. Ganz direkt hebt Macaulay, der begeisterte Liberale, dies als die eigentliche Stärke des englischen Verfassungslebens hervor. »Wir denken,« so sagt er, »gar nicht an die Symmetrie, aber sehr an die Zweckmäßigkeit; wir ent¬ fernen niemals eine Anomalie, bloß weil sie eine Anomalie ist; wir stellen keine Normen von weiterem Umfang auf, als es der besondere Fall, um den es sich gerade handelt, erfordert. Das sind die Regeln, die im ganzen, vom König Johann bis zur Königin Viktoria, die Er¬ wägungen unserer 250 Parlamente geleitet haben.« Hier wird also das Ideal der Symmetrie und logischen Abrundung, die allem Ein¬ zelnen von einem Punkte aus seinen Sinn gibt, zugunsten jenes anderen verworfen, das jedes Element sich nach seinen eigenen Be¬ dingungen unabhängig ausleben und so natürlich das Ganze eine regellose und unausgeglichene Erscheinung darbieten läßt. Und es ist ersichtlich, wie tief in die persönlichen Lebensstile dieser Gegen¬ satz heruntersteigt. Auf der einen Seite die Systematisierung des Lebens: seine einzelnen Provinzen harmonisch um einen Mittelpunkt geordnet, alle Interessen sorgfältig abgestuft und jeder Inhalt eines solchen nur soweit zugelassen, wie das ganze System es vorzeichnet; die einzelnen Betätigungen regelmäßig abwechselnd, zwischen Aktivi¬ täten und Pausen ein festgestellter Turnus, kurz, im Nebeneinander wie im Nacheinander eine Rhythmik, die weder der unberechenbaren Fluktuation der Bedürfnisse, Kraftentladungen und Stimmungen, noch dem Zufall äußerer Anregungen, Situationen und Chancen Rechnung trägt — dafür aber eine Existenzform eintauscht, die ihrer selbst dadurch völlig sicher ist, daß sie überhaupt nichts in das Leben hineinzulassen strebt, was ihr nicht gemäß ist oder was sie nicht zu ihrem System passend umarbeiten kann. Auf der anderen Seite: die Formung des Lebens von Fall zu Fall, die innere Gegebenheit jedes Augenblickes mit den koinzidierenden Gegebenheiten der Außenwelt in das möglichst günstige Verhältnis gesetzt, eine ununterbrochene Bereitheit zum Empfinden und Handeln zugleich mit einem steten Hinhören auf das Eigenleben der Dinge, um ihren Darbietungen und Forderungen, wann immer sie eintreten, gerecht zu werden. Da¬ mit ist freilich die Berechenbarkeit und sichere Abgewogenheit des Lebens preisgegeben, sein Stil im engeren Sinne, das Leben wird nicht von Ideen beherrscht, die in ihrer Anwendung auf sein Material sich immer zu einer Systematik und festen Rhythmik ausbreiten, son¬ dern von seinen individuellen Elementen aus wird es gestaltet, un¬ bekümmert um die Symmetrie seines Gesamtbildes, die hier nur als Zwang, aber nicht als Reiz empfunden würde. — Es ist das Wesen der Symmetrie, daß jedes Element eines Ganzen nur mit der Rück¬ sicht auf ein anderes und auf ein gemeinsames Zentrum seine Stellung, sein Recht, seinen Sinn erhält; wogegen, sobald jedes Element nur sich selbst gehorcht und sich nur um seiner selbst willen und aus sich selbst entwickelt, das Ganze unvermeidlich unsymmetrisch und zufällig ausfallen wird. Gerade angesichts seines ästhetischen Re¬ flexes zeigt dieser Widerstreit sich als das grundlegende Motiv aller Prozesse, die zwischen einem sozialen Ganzen — politischer, religiöser, familiärer, wirtschaftlicher, geselliger und sonstiger Art — und seinen Individuen spielen. Das Individuum begehrt, ein geschlossenes Ganzes zu sein, eine Gestaltung mit eigenem Zentrum, von dem aus alle Ele¬ mente seines Seins und Tuns einen einheitlichen, aufeinander bezüg¬ lichen Sinn erhalten. Soll dagegen das überindividuelle Ganze in sich abgerundet sein, soll es mit selbstgenugsamer Bedeutsamkeit eine eigene objektive Idee verwirklichen — so kann es jene Abrundung seiner Glieder nicht zulassen: man kann keinen Baum aus Bäumen erwachsen lassen, sondern nur aus Zellen, kein Gemälde aus Ge¬ mälden, sondern aus Pinselstrichen, deren keiner für sich Fertigkeit, Eigenleben, ästhetischen Sinn besitzt. Die Totalität des Ganzen — so