SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

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terten, sondern ebenso, oder vielleicht noch mehr, von einem in seinem Werte fortwährend schwankenden Gelde. Über die Zeit vor. der großen englischen Münzumprägung von 1570 wird berichtet: »Wären alle Schillinge auf den Wert von Groats herabgesetzt worden, so hätte sich der Verkehr verhältnismäßig leicht daran anpassen können. Was aber jede Zahlung zu einer Kontroverse machte, das war, daß ein Schilling 12 Pence wert war, ein anderer 10, ein Den Ungleichheitserscheinungen im Preise der Waren entspricht es, daß von einer Änderung des Geldstandes gewisse Personen und Berufe in ganz besonderer Weise profitieren, gewisse andere ganz besonders leiden. In früheren Zeiten traf dies vor allem den Bauern. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde der englische Bauer, un¬ wissend und hilflos, wie er war, förmlich zerquetscht zwischen den Leuten, die ihm Geld zu zahlen hatten und es nur nach dem Nenn¬ wert taten, und denen, die von ihm Geld zu bekommen hatten und es nach Gewicht forderten. Ebenso war es später in Indien bei jeder neuen Verdünnung des Geldes: wenn der Landmann seine Ernte verkaufte, wußte er nie, ob das erhaltene Geld ihm dienen würde, wenn er nachher seine Hypothekenzinsen zu zahlen hatte. Man hat längst beobachtet, daß eine allgemeine Erhöhung der Preise sich dem Arbeitslohn am spätesten mitteilt. Je widerstandsloser eine wirtschaftliche Schicht ist, desto langsamer und spärlicher sickert die Geldvermehrung zu ihr durch, ja sie gelangt häufig erst dann als Einnahmesteigerung zu ihr, wenn sie sich in den Konsumartikeln dieser Schicht schon lange als Preiserhöhung geltend gemacht hat. Dadurch entstehen Chocs und Erregungen vielerlei Art, die aufge¬ tretenen Differenzen zwischen den Schichten fordern fortwährende Anspannung des Bewußtseins, weil, vermöge des neuen Umstandes der vermehrten Umlaufsmittel, zur Bewahrung des Status quo ante — sowohl was das Verhältnis der Schichten zueinander, wie was die Lebenshaltung der einzelnen betrifft — jetzt nicht mehr konservatives oder defensives Beharren, sondern positiver Kampf und Eroberung erforderlich ist. Dies ist eine wesentliche Ursache, aus der jede Ver¬ mehrung des Geldquantums so anregend auf das Tempo des sozialen Lebens wirkt: weil sie über die bereits bestehenden Unterschiede hinaus neue schafft, Spaltungen, bis hinein in das Budget der Einzel¬ familie, an denen das Bewußtsein fortwährende Beschleunigungen und Vertiefungen seines Verlaufes finden muß. Es liegt übrigens auf der Hand, daß ein erheblicher Geldabfluß ähnliche Erscheinungen, nur gleichsam mit umgekehrtem Vorzeichen, hervorrufen muß. Darin aber zeigt sich das enge Verhältnis des Geldes zu dem Tempo des Lebens, daß ebenso seine Vermehrung wie seine Verminderung, durch ihre ungleichmäßige Ausbreitung, jene Differenzerscheinungen er¬ geben, die sich psychisch als Unterbrechungen, Anreizungen, Zu¬ sammendrängungen des Vorstellungsverlaufes spiegeln. — Diese Be¬ deutung der Änderungen des Geldstandes ist nur ein Phänomen oder eine Akkumulierung der Bedeutung des Geldes für das Ver¬ hältnis der Dinge, d. h. ihrer seelischen Äquivalente. Das Geld hat eine neue Gleichung zwischen den Dingen gestiftet. Man vergleicht sie sonst untereinander nach ihrem direkten Nutzungs-, ihrem ästheti¬ schen, ethischen, Arbeits-, eudämonistischen Wert, nach hundert Be¬ ziehungen der Quantität und Qualität; und ihre Gleichheit in einer dieser Beziehungen kann unter vollständiger Ungleichheit in anderer bestehen. Ihr Geldwert nun schafft eine Gleichung und Vergleichung zwischen ihnen, die keineswegs eine stetige Funktion der anderen, aber doch immer der Ausdruck irgendwelcher, aus jenen ent¬ standener bzw. kombinierter Wertgedanken ist. Jeder Wertgesichts¬ punkt, von dem aus die Dinge eine Rangierung, jenseits der sonstigen und diese durchquerend gewinnen, ist zugleich eine Lebendigkeit mehr in ihrem Verhältnis, eine Anregung zu vorher imgekannten Kombinationen und Verdrängungen, Verwandtschafts- und Differenz¬ stiftungen — denn unsere Seele ist wie in einer dauernden Bestrebung, Ungleiches gegeneinander auszugleichen, dem Gleichen Unterschiede aufzudrängen. Indem das Geld nun in einem Umfang, wie kein anderer Wertgesichtspunkt, den Dingen Gleichheiten und Ungleich¬ heiten verleiht, erregt es unzählige Bemühungen, diese mit den Ran¬ gierungen aus den anderen Werten heraus im Sinne jener zweifachen Tendenzen zu verbinden.

Abgesehen nun von den Folgen der Veränderungen des Geld¬ bestandes, die das Tempo des Lebens gleichsam als eine Funktion der Veränderungen jenes erscheinen lassen, tritt die Zusammen- drängung der Lebensinhalte noch in einer anderen Folge des Geld¬ verkehrs hervor. Es ist diesem nämlich eigentümlich, daß er zur Konzentration an verhältnismäßig wenigen Plätzen drängt. In bezug auf lokale Diffusion kann man eine Skala der ökonomischen Objekte aufstellen, von der ich hier nur ganz im Rohen einige der charakte¬ ristischsten Stufen andeute. Sie beginnt mit dem Ackerbau, dessen Natur jeder Zusammenrückung seiner Gebietsteile widersteht; er schließt sich unabwendbar dem ursprünglichen Außereinander des Raumes an. Die industrielle Produktion ist schon komprimierbarer: der Fabrikbetrieb stellt eine räumliche Kondensierung gegenüber dem Handwerk und der Hausindustrie dar, das moderne Industrie¬ zentrum ist ein gewerblicher Mikrokosmos, in den jede in der Welt vorhandene Gattung von Rohstoffen strömt, um zu Formen gestaltet zu werden, deren Ursprünge weltweit auseinanderliegen. Das äußerste Glied dieser Stufenleiter bilden die Geldgeschäfte. Das Geld steht vermöge der Abstraktheit seiner Form jenseits aller bestimmten Be¬ ziehungen zum Raum: es kann seine Wirkungen in die weitesten Fernen erstrecken, ja es ist gewissermaßen in jedem Augenblick der Mittelpunkt eines Kreises potenzieller Wirkungen; aber es gestattet auch umgekehrt, die größte Wertsumme in die kleinste Form zu¬ sammenzudrängen — bis zu dem io-Millionen-Dollar-Scheck, den Jay Gould einmal ausstellte. Der Komprimierbarkeit der Werte ver¬ möge des Geldes, und des Geldes vermöge seiner immer abstrakteren Formen entspricht nun die der Geldgeschäfte. In dem Maß, in dem die Wirtschaft eines Landes mehr und mehr auf Geld gestellt wird, schreitet die Konzentrierung seiner Finanzaktionen in großen Knoten¬ punkten des Geldverkehrs vor. Von jeher war die Stadt im Unter¬ schied vom Lande der Sitz der Geldwirtschaft; dies Verhältnis wieder¬ holt sich zwischen Klein- und Großstädten, so daß ein englischer Historiker sagen konnte, London habe, in seiner ganzen Geschichte, niemals als das Herz von England gehandelt, manchmal als sein Gehirn, aber immer als sein Geldbeutel; und schon am Ende der römischen Republik heißt es, jeder Pfennig, der in Gallien aus¬ gegeben werde, gehe durch die Bücher der Finanziers in Rom. An dieser Zentripetalkraft der Finanz hängt das Interesse beider Par¬ teien: der Geldnehmer, weil sie wegen der Konkurrenz der zusammen¬ strömenden Kapitalien billig borgen (in Rom stand der Zinsfuß halb so hoch als sonst durchschnittlich im Altertum), der Geldgeber, weil sie das Geld zwar nicht so hoch, wie an isolierten Punkten, aus- leihen, aber des Wichtigeren sicher sind, jederzeit überhaupt Ver¬ wendung dafür zu finden; weshalb man denn auch bemerkt hat, daß Kontraktionen des Geldmarktes im Zentrum desselben immer schneller überwunden werden, als an den verschiedenen Punkten seiner Peripherie. Indem das Geld diese, seinem Wesen als Tendenz innewohnende Zentralisierung gefunden hat, hat es das Präliminar¬ stadium überwunden, in dem es sich nur in den Händen zerstreuter Einzelpersonen akkumulierte. Gerade der durch das Geld ausgeübten Übermacht Einzelner hat die Zentralisierung des Geldverkehrs an den Börsen entgegengewirkt; so sehr die Börsen von Lyon und Ant¬ werpen im 16. Jahrhundert einzelnen Geldmagnaten enorme Ge¬ winne ermöglichten, so war doch mit ihnen die Macht des Geldes in einem Zentralgebilde objektiviert, dessen Kräfte und Normen auch dem mächtigsten Einzelnen überlegen waren und es verhinderten, daß je wieder ein einzelnes Haus den Gang der Weltgeschichte so be¬ stimmte, wie die Fugger es noch konnten. Der tiefere Grund für die Bildung von Finanzzentren liegt offenbar in dem Relativitäts¬ charakter des Geldes: weil es einerseits nur die Wertverhältnisse der Waren untereinander ausdrückt, weil andrerseits jedes bestimmte Quantum seiner einen weniger unmittelbar festzustellenden Wert be¬ sitzt, als das irgendeiner anderen Ware, sondern mehr als jede andere ausschließlich durch Vergleichung mit dem angebotenen Gesamt¬ quantum überhaupt eine Bedeutung erhält — so wird seine maximale Konzentrierung auf einen Punkt, das fortwährende Gegeneinander¬ halten möglichst großer Summen, die Ausgleichung eines über¬ wiegenden Teiles von Angebot und Nachfrage überhaupt, zu seiner größeren Wertbestimmtheit und Verwendbarkeit führen. Ein Scheffel Getreide hat eine gewisse Bedeutung an jedem noch so isolierten Platze, so große Unterschiede auch sein Geldpreis aufweise. Ein Geldquantum aber hat seine Bedeutung nur im Zusammentreffen mit anderen Werten; mit je mehren es zusammentrifft, um so sicherer und gerechter erlangt es jene; deshalb drängt nicht nur »alles nach Golde« — die Menschen wie die Dinge — sondern das Geld drängt auch seinerseits nach »Allem«, es sucht sich mit anderem Gelde, mit allen möglichen Werten und ihren Besitzern zusammenzubringen. Und der gleiche Zusammenhang in umgekehrter Richtung: der Kon- flux vieler Menschen erzeugt ein besonders starkes Bedürfnis nach C\ Geld. In Deutschland entstand eine hauptsächliche Nachfrage nach Geld durch die Jahrmärkte, die die Territorialherren einrichteten, um an Münztausch und Warenzoll zu profitieren. Durch diese zwangs¬ weise Konzentrierung des Handelsverkehrs eines größeren Terri¬ toriums an einem Punkte wurde Kauflust und Umsatz sehr gesteigert, der Gebrauch des Geldes wurde erst dadurch zur allgemeinen Not¬ wendigkeit. Wo nur immer viele Menschen Zusammenkommen, wird Geld verhältnismäßig stärker erfordert werden. Denn wegen seiner an sich indifferenten Natur ist es die geeignetste Brücke und Ver¬ ständigungsmittel zwischen vielen und verschiedenen Persönlich¬ keiten; je mehre es sind, desto spärlicher werden die Gebiete, auf denen andere als Geldinteressen die Basis ihres Verkehrs bilden können.

Aus all diesem ergibt sich, in wie hohem Maße das Geld die Steigerung des Lebenstempos bezeichnet, wie es sich an der Zahl und Mannigfaltigkeit der einströmenden und einander ablösenden Eindrücke und Anregungen mißt. Die Tendenz des Geldes, zu¬ sammenzufließen und sich, wenn auch nicht in der Hand eines Ein¬ zelnen, so doch in lokal engbegrenzten Zentren zu akkumulieren, die Interessen der Individuen und damit sie selbst an solchen zu¬ sammenzuführen, sie auf einem gemeinsamen Boden in Berührung zu bringen, und so — wie es auch in der von ihm dargestellten Wert¬ form liegt — das Mannigfaltigste in den kleinsten Umfang zu kon¬ zentrieren — diese Tendenz und Fähigkeit des Geldes hat den psy¬ chischen Erfolg, die Buntheit und Fülle des Lebens, das heißt also sein Tempo zu steigern. Schon sonst ist der Zusammenhang davon betont worden, daß mit dem auf kommenden Kapitalismus in Deutsch¬ land — als im 15. Jahrhundert einerseits der Welthandel, andrerseits die Finanzzentren mit dem raschen Umsatz billigen Geldes ent¬ standen — zuerst der moderne Begriff der Zeit durchdrang, als eines durch Brauchbarkeit und Knappheit bestimmten Wertes. Damals be¬ gannen die Turmuhren die Viertelstunden zu schlagen, und Sebastian Franck, der mit am frühesten, wenn auch mit am pessimistischsten, die revolutionierende Bedeutung des Geldes eingesehen hat, nennt auch zuerst die Zeit ein teures Gut. Das entschiedenste Symbol für diese ganzen Korrelationen ist die Börse. Hier haben die ökonomi¬ schen Werte und Interessen, vollständig auf ihren Geldausdruck reduziert, ihre und ihrer Träger engste lokale Vereinigung erreicht, um damit ihre rascheste Ausgleichung, Verteilung, Abwägung zu gewinnen. Diese doppelte Kondensiertheit: der Werte in die Geld¬ form und des Geldverkehrs in die Börsenform — ermöglicht es, daß die Werte in der kürzesten Zeit durch die größte Zahl von Händen 37 Simmel, Philosophie des Geldes.

hindurchgejagt werden: an der New Yorker Börse wird jährlich der fünffache Betrag der Baumwollernte in Spekulationen in Baumwolle umgesetzt, und schon 1887 verkaufte diese Börse fünfzigmal das Er¬ trägnis des Jahres in Petroleum: die Häufigkeit der Umsätze steigt in dem Maße, in dem der Kurs eines Wertes schwankt — ja, die Kursschwankungen waren es, die im 16. Jahrhundert überhaupt erst ein regelmäßiges Börsengeschäft in den »Königsbriefen«, den fürst¬ lichen Schuldverschreibungen, entwickelten. Denn mit ihnen, die von dem wechselnden Kredit z. B. der französischen Krone ausgingen, war ein ganz anderer Anstoß zu Kauf und Verkauf gegeben, als bei Stabilität des Wertes bestanden hatte. Die Möglichkeit, die das Geld gewährt, jeden Schätzungswechsel unbedingt nachgiebig aus¬ zudrücken, muß diesen selbst unendlich steigern, ja vielfach erzeugen. Und davon ist es nun sowohl Ursache wie Wirkung, daß die Börse, das Zentrum des Geldverkehrs und gleichsam der geometrische Ort all jener Schätzungswechsel, zugleich der Punkt der größten kon¬ stitutionellen Aufgeregtheit des Wirtschaftslebens ist: ihr san¬ guinisch-cholerisches Schwanken zwischen Optimismus und Pessimis¬ mus, ihre nervöse Reaktion auf Ponderabilien und Imponderabilien, die Schnelligkeit, mit der jedes den Stand verändernde Moment er¬ griffen, aber auch wieder vor dem nächsten vergessen wird — alles dies stellt eine extreme Steigerung des Lebenstempos dar, eine fieber¬ hafte Bewegtheit und Zusammendrängung seiner Modifikationen, in der der spezifische Einfluß des Geldes auf den Ablauf des psychi¬ schen Lebens seine auffälligste Sichtbarkeit gewinnt.

Endlich muß die Geschwindigkeit, die der Zirkulation des Geldes gegenüber der aller anderen Objekte eigen ist, das allgemeine Lebens¬ tempo unmittelbar und in demselben Maße steigern, in dem das Geld das allgemeine Interessenzentrum wird. Die Rundheit der Münzen, infolge deren sie »rollen müssen«, symbolisiert den Rhythmus der Bewegung, die das Geld dem Verkehr mitteilt: selbst wo die Münze ursprünglich eckig war, muß der Gebrauch zunächst die Ecken ab- geschliffen und sie der Rundung angenähert haben; physikalische Notwendigkeiten haben so der Intensität des Verkehrs die ihm dien¬ lichste Werkzeugsform verschafft. Vor hundert Jahren gab es in den Nilländern sogar vielfach Kugelgeld, aus Glas, Holz, Achat — durch die Verschiedenheit der Stoffe beweisend, daß seine Form der Grund der ihm nachgesagten Beliebtheit war. So ist es doch mehr als ein zufälliges Zusammentreffen der Bezeichnungen, wenn ganzen Geldsummen gegenüber das Prinzip der »Abrundung« auftaucht, und zwar erst mit steigender Geldwirtschaft. Die Abrundung ist ein rela¬ tiv moderner Begriff. Die primitivste Form der Anweisungen auf das englische Schatzamt waren Kerbhölzer, die auf ganz beliebige, un¬ gleichmäßige Beträge lauteten und vielfach als Geld kursierten. Erst im 18. Jahrhundert wurden sie durch indossable Papierscheine ersetzt, welche bestimmte runde Beträge von 5 Pfund aufwärts darstellten. Es ist überhaupt auffällig, wie wenig man früher, selbst bei großen Beträgen, auf Abrundung sah. Fälle wie die, daß die Fugger 1530 für den Kaiser Ferdinand 275333 fl. und 20 kr. auszuzahlen über¬ nahmen und daß ihnen 1577 Kaiser Maximilian II. 220674 fl. schul¬ dete, sind nicht selten. Die Entwicklung des Aktienwesens geht den¬ selben Gang. Das Aktienkapital der Ostindischen Kompanie in den Niederlanden ließ sich im 17. Jahrhundert in ganz beliebig große Stücke zerlegen. Erst die Beschleunigung des Verkehrs brachte es dahin, daß schließlich eine feste Einheit von 500 Pfund Vlämisch der allein gehandelte Teilbetrag und »eine Aktie« schlechthin wurde. Noch heute sind es die Plätze des größeren Geldverkehrs, in denen auch der Kleinhandel sich nach runden Summen vollzieht, während die Preise an abgelegenen Orten dem Großstädter merkwürdig wenig abgerundet Vorkommen. Die schon oben hervorgehobene Entwick¬ lung von unbehilflich großen zu zerkleinerten Münz- und An¬ weisungswerten hat offenbar dieselbe Bedeutung für die Steigerung des Verkehrstempos wie die Abrundung, was schon die physikalische Analogie nahelegt. Das Bedürfnis, das Geld klein zu machen, steigt mit der Raschheit des Verkehrs überhaupt, und es ist für diese Zu¬ sammenhänge von Bedeutung, daß eine Note der englischen Bank 1844 durchschnittlich nach ihrer Ausgabe 57 Tage lief, bevor sie zur Einlösung präsentiert wurde, 1871 dagegen nur 37 Tage! Ver¬ gleicht man etwa die Zirkulationsfähigkeit von Grund und Boden mit der des Geldes, so erhellt unmittelbar der Unterschied des Lebens - tempos zwischen Zeiten, wo jener und wo dieses den Angelpunkt der ökonomischen Bewegungen ausmacht. Man denke z. B. an den Charakter der Steuerleistungen in Hinsicht auf äußere und innere Schwankungen, je nachdem sie von dem einen oder von dem anderen Objekt erhoben werden. Im angelsächsischen und normannischen England galten alle Auflagen ausschließlich dem Landbesitz; im 12. Jahrhundert schritt man dazu, Pachtzinse und Viehbesitz zu be¬ lasten; bald nachher wurden bestimmte Teile des beweglichen Eigen¬ tums (der 4., 7., 13. Teil) als Steuer erhoben. So wurden die Steuer¬ objekte immer beweglicher, bis schließlich das Geldeinkommen als das eigentliche Fundament der Besteuerung auftritt. Damit erhält diese einen bis dahin unerhörten Grad von Beweglichkeit und Nüan- zierung und bewirkt, bei größerer Sicherheit des Gesamterträgnisses, doch eine sehr viel größere Variabilität und jährliche Schwankung in der Leistung des Einzelnen. — Aus dieser unmittelbaren Bedeutung und Betonung vom Boden oder vom Geld für das Tempo des Lebens erklärt sich einerseits der große Wert, den sehr konservative Völker auf den Ackerbau legen. Die Chinesen sind überzeugt, daß nur dieser die Ruhe und Beständigkeit der Staaten sichert, und wohl aus diesem Zusammenhänge heraus haben sie auf den Verkauf von Ländereien einen ungeheueren Stempel gesetzt; so daß die meisten Landkäufe dort nur privatim und unter Verzicht auf die grundbuchliche Ein¬ tragung vollzogen werden. Wo indes jene durch das Geld getragene Beschleunigung des wirtschaftlichen Lebens sich durchgesetzt hat, da sucht sie nun, andrerseits, die ihr widerstrebende Form des Grund¬ besitzes dennoch nach sich zu rhythmisieren. Im 18. Jahrhundert gab der pennsylvanische Staat Hypotheken auf Privatländereien und ließ die einzelnen Abschnitte derselben als Papiergeld kursieren: Franklin schrieb darüber, diese Scheine seien in Wirklichkeit ge¬ münztes Land. Entsprechend ist bei uns von konservativer Seite hervorgehoben worden, daß die Hypothekengesetzgebung der letzten Jahrzehnte auf eine Verflüssigung des Grundbesitzes hinarbeite und diesen in eine Art Papiergeld verwandle, das man in beliebig vielen Anteilsscheinen weggeben könne; so daß, wie auch Waldeck sich ausdrückte, der Grundbesitz nur dazusein scheine, um subhastiert zu werden. Bezeichnend genug mobilisiert das moderne Leben seine Inhalte auch im äußerlichsten Sinne und an manchen Punkten außer¬ halb der allbekannten. Das Mittelalter und noch die Renaissance hatte das, was uns jetzt »Mobilien« in engster Bedeutung sind, wenig im Gebrauch. Schränke, Kredenzen, Sitzbänke waren in die Täfe¬ lung eingebaut, Tische und Stühle so schwer, daß sie oft unbeweg lieh waren, die kleinen, hin und her zu schiebenden Einrichtungs¬ gegenstände fehlten fast ganz. Seitdem erst sind die Möbel gleich¬ sam mobil geworden wie das Kapital. Und endlich exemplifiziere ich diese Macht der geldwirtschaftlichen Bewegung, die übrigen Lebensinhalte ihrem Tempo zu unterwerfen, an einer Rechts¬ bestimmung. Es ist ein alter juristischer Grundsatz, daß ein Gegen¬ stand, der seinem rechtmäßigen Eigentümer entfremdet worden ist, diesem unter allen Umständen zurückgegeben werden muß, selbst wemi der augenblickliche Besitzer ihn ehrlich erworben hat. Nur in bezug auf Geld gilt dies nicht: nach römischem wie nach modernen Rechten darf eine gestohlene Geldsumme, sobald sie von einer dritten Person gutgläubig erworben ist, dieser nicht wieder zugunsten des Bestohlenen abgenommen werden. Ersichtlich wird diese Ausnahme durch die Praxis des Geschäftsverkehrs gefordert, der ohne dieselbe außerordentlich erschwert, beunruhigt, unterbrochen sein würde. Nun hat man aber neuerdings diesen Erlaß der Restitution auch auf alle übrigen Objekte ausgedehnt, soweit sie im Bereich des Handels¬ gesetzbuches stehen. Das bedeutet also: die Zirkulationsbeschleuni¬ gung im Warenverkehr nähert jede Ware dem Charakter des bloßen Geldes an, läßt sie nur als Geldwert funktionieren und unterwirft sie deshalb nur den Bestimmungen, welche das Geld zum Zweck der Leichtigkeit seines Verkehrs fordern mußl — Wenn man den Beitrag zur Bestimmung des Lebenstempos charakterisieren will, den das Geld durch seinen eigenen Charakter und abgesehen von seinen zuerst besprochenen technischen Folgen liefert, so könnte man es mit folgender Überlegung. Die genauere Analyse des Beharrungs- und Veränderungsbegriffes zeigt einen doppelten Gegensatz in der Art, wie er sich verwirklicht. Sehen wir die Welt auf ihre Substanz hin an, so münden wir leicht auf der Idee eines «V xai näv, eines unveränderlichen Seins, das durch den Ausschluß jeder Vermehrung oder Verminderung den Dingen den Charakter eines absoluten Beharrens erteilt. Sieht man andrerseits auf die Formung dieser Substanz, so ist in ihr die Beharrung abso¬ lut aufgehoben, unaufhörlich setzt sich eine Form in die andere um und die.Welt bietet das Schauspiel eines Perpetuum mobile. Dies ist der kosmologische, oft genug ins Metaphysische hinaus gedeutete Doppelaspekt des Seienden. Innerhalb einer tiefer gelegenen Empirie indes verteilt sich der Gegensatz zwischen Beharrung und Bewegung in anderer Weise. Wenn wir nämlich das Weltbild, wie es sich un¬ mittelbar darbietet, betrachten, so sind es gerade gewisse Formen, die eine Zeit hindurch beharren, während die realen Elemente, die sie zusammensetzen, in fortwährender Bewegung befindlich sind. So beharrt der Regenbogen bei fortwährender Lageveränderung der Wasserteilchen, die organische Form bei stetem Austausch der sie erbauenden Stoffe, ja, an jedem unorganischen Ding, das eine Weile als solches besteht, beharrt doch nur das Verhältnis und die Wechsel¬ wirkung seiner kleinsten Teile, während diese selbst in unaufhör¬ lichen molekularen Bewegungen, unserem Auge entzogen, begriffen sind. Hier ist also die Realität selbst in rastlosem Flusse, und wäh¬ rend wir diesen, sozusagen wegen mangelnder Sehschärfe, nicht un¬ mittelbar konstatieren können, verfestigen sich die Formen und Kon¬ stellationen der Bewegungen zu der Erscheinung des dauernden Objektes.

Neben diesen beiden Gegensätzen in der Anwendung des Be¬ harrungs- und Bewegungsbegriffes auf die vorgestellte Welt steht ein dritter. Die Beharrung kann nämlich einen Sinn haben, der sie jenseits jeder noch so ausgedehnten Zeitdauer stellt. Der einfachste.

aber für uns hier zureichende Fall derselben ist das Naturgesetz. Die Gültigkeit des Naturgesetzes beruht darin, daß aus einer gewissen Konstellation von Elementen eine bestimmte Wirkung sachlich not¬ wendig erfolgt. Diese Notwendigkeit ist also ganz unabhängig da¬ von, wann ihre Bedingungen sich in der Wirklichkeit etwa ein¬ stellen; einmal oder millionenmal, jetzt oder in hunderttausend Jahren; die Gültigkeit des Gesetzes ist eine ewige im Sinne der Zeitlosigkeit; es schließt seinem Wesen und Begriffe nach jegliche Veränderung oder Bewegung von sich aus. Dafür ist es hier un¬ wesentlich, daß wir keinem einzelnen Naturgesetz diese unbedingte Gültigkeit mit unbedingter Sicherheit zusprechen dürfen: und zwar nicht nur wegen der unvermeidlichen Korrigierbarkeit unseres Er- kennens überhaupt, das die oft wiederholte, aber zufällige Kombi¬ nation der Erscheinungen durch kein unfehlbares Kriterium von dem wirklichen gesetzlichen Zusammenhang unterscheiden kann; son¬ dern vor allem, weil jedes Naturgesetz doch nur für eine bestimmte geistige Verfassung gilt, während für eine andere eine abweichende Formulierung desselben Sachverhaltes Wahrheit bedeuten würde. Da nun aber der menschliche Geist einer, wie auch langsamen und unmerkbaren Entwicklung unterliegt, so kann es kein, in einem ge¬