SigPhi · Georg Simmel

Philosophie des Geldes

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sogar für vornehmer als das redliche Bezahlen. Auch dies letztere ist durchaus verständlich: beim Tauschen und Bezahlen ordnet man sich einer objektiven Norm unter, vor der die starke und autonome Persönlichkeit zurückzutreten hat, wozu sie eben oft nicht geneigt ist. Daher überhaupt die Verachtung des Handels durch sehr aristo¬ kratisch-eigenwillige Naturen. Daher begünstigt aber auch der Tausch die Friedlichkeit der Beziehungen unter den Menschen, weil 55 sie in ihm eine intersubjektive, ihnen gleichmäßig übergeordnete Sachlichkeit und Normierung anerkennen.

Es gibt, wie man von vornherein vermuten muß, eine Reihe ver¬ mittelnder Erscheinungen zwischen der reinen Subjektivität des Be¬ sitzwechsels, die der Raub und das Geschenk darstellen, zu seiner Objektivität in der Form des Tausches, in dem die Dinge gemäß dem gleichen, in ihnen enthaltenen Wertquantum getauscht werden. Dahin gehört die traditionelle Gegenseitigkeit des Schenkens. Bei vielen Völkern besteht die Vorstellung, daß man ein Geschenk nur dann annehmen dürfe, wenn man es durch ein Gegengeschenk er¬ widern, sozusagen nachträglich erwerben könne. Dies geht direkt in den regulären Tausch über, wenn dieser, wie oft im Orient, so vor sich geht, daß der Verkäufer das Objekt dem Käufer »schenkt« — aber wehe diesem, wenn er nicht das entsprechende »Gegengeschenk« macht. Dahin gehört die sogenannte Bittarbeit, die sich in der ganzen Welt findet: das Zusammentreten von Nachbarn oder Freunden zur Beihilfe bei dringenden Arbeiten, ohne daß dafür ein Lohn gezahlt würde. Aber es ist wenigstens durchgehends üblich, die Bittarbeiter reichlich zu bewirten und ihnen möglichst ein kleines Fest zu geben, so daß z. B. von den Serben berichtet wird, nur Wohlhabende könnten es sich leisten, eine solche freiwillige Arbeitsgenossenschaft zu¬ sammenzurufen. Freilich existiert noch heute im Orient und vielfach sogar in Italien der Begriff des angemessenen Preises nicht, der für Käufer wie Verkäufer eine Schranke und Fixierung der subjek¬ tiven Vorteile bilde. Jeder verkauft so teuer und kauft so billig, wie er es vom Gegenpart durchsetzen kann, der Tausch ist ausschließlich subjektive Aktion zwischen zwei Personen, deren Ausgang nur von der Schlauheit, der Begierde, der Beharrlichkeit der Parteien, aber nicht von der Sache und ihrem überindividuell begründeten Verhältnis zum Preise abhängt. Darin eben bestünde ein Geschäft — so setzte mir ein römischer Antiquitätenhändler auseinander — daß der Kauf¬ mann zu viel forderte und der Käufer zu wenig böte und man sich so allmählich bis zu einem akzeptabeln Punkt einander näherte. Hier sieht man also deutlich, wie sich das objektiv Angemessene aus dem Gegeneinander der Subjekte herausstellt — das Ganze ein Hinein¬ ragen der vortauschlichen Verhältnisse in eine schon durchgängige aber noch nicht zu ihrer Konsequenz gelangte Tauschwirtschaft. Der Tausch ist schon da, es ist schon ein objektives Geschehen zwischen den Werten — aber seine Ausführung ist durchaus subjektiv, sein Modus und seine Quanten hängen ausschließlich an der Relation der personalen Qualitäten. — Hier liegt wohl auch das letzte Motiv für die sakralen Formen, die gesetzliche Fixiertheit, die Sicherung durch 56 Öffentlichkeit und Tradition, mit der das Kaufgeschäft wohl in allen frühen Kulturen ausgestattet ist. Damit erreichte man die aus dem Wesen des Tausches geforderte Über-Subjektivität, die man noch nicht durch das sachliche Verhältnis der Objekte selbst herzustellen wußte. Solange der Tausch und die Idee, daß es zwischen den Dingen so etwas wie Wertgleichheit gebe, noch etwas Neues war, wäre es zu einer Verständigung überhaupt nicht gekommen, wenn je zwei Individuen untereinander sie hätten treffen müssen. Deshalb finden wir überall und bis tief in das Mittelalter hinein nicht nur Öffentlich¬ keit der Tauschgeschäfte, sondern vor allem genaue Festsetzungen über die Austauschquanten der gebräuchlichen Waren, denen kein Kontrahentenpaar sich durch private Abmachungen entziehen durfte. Freilich ist diese Objektivität eine mechanische und äußerliche, die sich auf Motive und Mächte außerhalb des einzelnen Tauschaktes stützt. Die sachlich angemessene enthebt sich solcher apriorischen Festlegung und bezieht in die Berechnung die Gesamtheit der be¬ sonderen Umstände ein, die durch jene Form vergewaltigt wurden. Aber Absicht und Prinzip sind die gleichen: die übersubjektive Wert¬ fixierung im Tausche, die eben später nur einen sachlicheren, im¬ manenteren Weg fand. Der von Individuen frei und selbständig voll¬ zogene Tausch setzt eine Taxierung nach in der Sache gelegenen Maßstäben voraus, und darum muß in dem vorhergehenden Stadium der Tausch inhaltlich fixiert und diese Fixierung sozial garantiert sein, weil sonst dem Individuum jeder Anhaltspunkt für die Schätzung der Gegenstände gefehlt hätte; wie das gleiche Motiv wohl auch der primitiven Arbeit allenthalben eine sozial geregelte Richtung und Vollzugsweise verliehen hat, auch hier die Wesensgleichheit zwischen Tausch und Arbeit, richtiger: die Zugehörigkeit der letzteren zu dem ersteren als höherem Begriff, erweisend. Die mannigfaltigen Be¬ ziehungen zwischen dem objektiv Gültigen — in praktischer wie in theoretischer Hinsicht — und seiner sozialen Bedeutung und An¬ erkennung stellen sich auch sonst vielfach in dieser Weise historisch dar: daß die soziale Wechselwirkung, Verbreitung, Normierung dem Individuum diejenige Dignität und Festigkeit eines Lebens¬ inhaltes gewährt, die es später aus dessen sachlichem Recht und Beweisbarkeit gewinnt. So glaubt das Kind jeden beliebigen Sach¬ verhalt nicht aus inneren Gründen, sondern weil es den mitteilenden Personen vertraut; nicht etwas, sondern jemandem wird geglaubt. So sind wir in unserem Geschmack von der Mode, d. h. von der sozialen Verbreitung eines Tuns und Schützens abhängig, bis wir, spät genug, die Sache selbst ästhetisch zu beurteilen wissen. So stellt sich die Notwendigkeit für das Individuum, sich über sich selbst zu 57 erweitern und zugleich in dieser Erweiterung einen überpersönlichen Halt und Festigkeit zu gewinnen: im Recht, in der Erkenntnis, in der Sittlichkeit — als die Macht der Tradition dar; an Stelle dieser zuerst unentbehrlichen Normierung, die zwar über das Einzelsubjekt, aber noch nicht über Subjekte überhaupt hinausgeht, wächst allmäh¬ lich die aus der Kenntnis der Dinge und dem Ergreifen der idealen Normen hervorgehende auf. Das Außer-Uns, dessen wir zu unserer Orientierung bedürfen, nimmt die leichter zugängliche Form der sozialen Allgemeinheit an, ehe es uns als objektive Bestimmtheit der Realitäten und der Ideen entgegentritt. In diesem die Kultur¬ entwicklung durchgängig charakterisierenden Sinne also ist der Tausch ursprünglich Sache der sozialen Festsetzung, bis die Indivi¬ duen die Objekte und ihre eigenen Wertungen hinreichend kennen, um die Tauschraten selbst von Fall zu Fall zu fixieren. Hier liegt das Bedenken nahe, daß diese gesellschaftlich-gesetzlichen Preis¬ taxen, nach denen der Verkehr in allen Halbkulturen vor sich zu gehen pflegt, doch nur das Resultat vieler vorangegangener Tauschaktionen sein könnten, die zuerst in singulärer und noch unfixierter Form unter Individuen stattgefunden hätten. Allein dieser Einwand trägt nicht weiter als gegenüber der Sprache, Sitte, Recht, Religion, kurz allen grundlegenden Lebensformen, die in der Gruppe als ganzer entstehen und herrschen, und die man sich lange nur durch die Erfindung Einzelner zu erklären wußte; während sie sicher von vornherein als interindividuelle Gebilde entstanden sind, als Wechselwirkung zwischen den Einzelnen und den Vielen, so daß keinem Individuum für sich ihr Ursprung zuzuschieben ist. Ich halte es durchaus für möglich, daß der Vorgänger des sozial fixierten Tausches nicht der individuelle Tausch gewesen ist, sondern eine Art des Besitzwechsels, die überhaupt nicht Tausch war, etwa der Raub. Dann wäre der interindividuelle Tausch nichts anderes als ein Friedensvertrag ge¬ wesen, und Tausch und fixierter Tausch wären als eine einheitliche Tatsache entsprungen. Eine Analogie hierzu würden die Fälle bieten, wo der primitive Frauenraub dem exogamischen Friedensvertrag mit Nachbarn — der den Kauf und Austausch der Weiber gründet und regelt — vorangegangen ist. Die hiermit eingeführte, prinzipiell neue Eheform wird also sogleich in ihrer, das Individuum präjudizierenden Fixiertheit gesetzt. Freie Sonderverträge der gleichen Art zwischen Einzelnen brauchen dabei keineswegs vorausgegangen zu sein, sondern zugleich mit dem Typus ist auch eine soziale Re¬ gelung gegeben. Es ist ein Vorurteil, daß jede sozial geregelte Be¬ ziehung sich aus der inhaltlich gleichen, aber in nur individueller, 58 sozial ungeregelter F orm stattfindenden, historisch entwickelt haben müsse. Was ihr vorangegangen ist, kann vielmehr derselbe Inhalt in einer der Art nach ganz anderen Beziehungsform gewesen sein. Der Tausch geht über die subjektiven Aneignungsformen fremden Besitzes, den Raub und das Geschenk, hinaus — ganz dem entsprechend, daß die Geschenke an den Häuptling und die von ihm erhobenen Strafgelder die Vorstufen der Steuer sind — und findet auf diesem Wege als erste übersubjektive Möglichkeit die soziale Re¬ gelung vor, welche ihrerseits erst die Objektivität im sachlichen Sinne vorbereitet; zuerst mit dieser gesellschaftlichen Normierung wächst in jene freien Besitzwechsel zwischen Individuen die Objektivität ein, die das Wesen des Tausches ist.

Aus alledem ergibt sich: der Tausch ist ein soziologisches Ge¬ bilde sui generis, eine originäre Form und Funktion des interindivi¬ duellen Lebens, die sich keineswegs aus jener qualitativen und quanti¬ tativen Beschaffenheit der Dinge, die man als Brauchbarkeit und Seltenheit bezeichnet, durch logische Konsequenz ergibt. Umgekehrt vielmehr entwickeln beide ihre wertbildende Bedeutung erst unter der Voraussetzung des Tausches. Wo der Tausch, das Einsetzen von Opfern zum Zwecke des Gewinnes, aus irgendeinem Grunde aus¬ geschlossen ist, da kann alle Seltenheit des begehrten Objektes es nicht zu einem wirtschaftlichen Wert machen, bis die Möglichkeit jener Relation wieder eintritt. — Die Bedeutung des Gegenstandes für das Individuum liegt immer nur in seiner Begehrtheit; für das, was er uns leisten soll, ist seine qualitative Bestimmtheit entscheidend, und wenn wir ihn haben, in dem positiven Verhältnis zu ihm, ist es für diese Bedeutung seiner völlig einerlei, ob außer ihm noch viele, wenige oder keine Exemplare seiner Art existieren. (Ich behandle hier die Fälle nicht gesondert, in denen die Seltenheit selbst wieder eine Art qualitativer Bestimmtheit wird, die uns den Gegenstand be¬ gehrungswürdig macht, wie bei alten Briefmarken, Kuriositäten, Antiquitäten ohne ästhetischen oder historischen Wert u. ähnl.)

Übrigens mag die Unterschiedsempfindung, deren es für den Genuß im engeren Sinne des Wortes bedarf, allenthalben durch eine Selten¬ heit des Objekts, d. h. dadurch, daß es eben nicht überall und jeder¬ zeit genossen wird, bedingt sein. Allein diese innere psychologische Bedingung des Genusses wird nicht praktisch, schon weil sie nicht zur Überwindung, sondern gerade zur Konservierung, ja zur Steige¬ rung der Seltenheit führen müßte, was erfahrungsgemäß nicht ge¬ schieht. Um was es sich praktisch außer dem direkten, von der Qualität der Dinge abhängigen Genuß ihrer nur handeln kann, ist 59 der Weg zu demselben. Sobald dieser Weg ein langer und schwieriger ist, über Opfer an Geduld, Enttäuschungen, Arbeit, Unbequemlich¬ keiten, Verzichtleistungen usw. hinwegführt, nennen wir den Gegen¬ stand »selten«. Man kann dies unmittelbar so ausdrücken: die Dinge sind nicht schwer zu erlangen, weil sie selten sind, sondern sie sind selten, weil sie schwer zu erlangen sind. Die starre äußerliche Tat¬ sache, daß es einen zu geringen Vorrat an gewissen Gütern gibt, um all unser Begehren nach ihnen zu befriedigen, wäre an sich be¬ deutungslos. Es gibt viele objektiv seltene Dinge, die nicht im wirt¬ schaftlichen Sinne selten sind; ob sie dies letztere sind, darüber ent¬ scheidet allein der Umstand, welches Maß von Kraft, Geduld, Hin¬ gabe zu ihrem Tauscherwerbe nötig ist — Opfer, die natürlich das Begehrtwerden des Objekts voraussetzen. Die Schwierigkeit des Erlangens, d. h. die Größe des in den Tausch einzusetzenden Opfers ist das eigentümliche konstitutive Wertmoment, von dem die Selten¬ heit nur die äußere Erscheinung, nur die Objektivierung in der Form der Quantität ausmacht. Man übersieht oft, daß die Seltenheit rein als solche doch nur eine negative Bestimmung ist, ein Seiendes durch ein Nichtseiendes charakterisiert. Das Nichtseiende aber kann nicht wirksam sein, jede positive Folge muß von einer positiven Bestimmung und Kraft ausgehen, von der jene negative gleichsam nur der Schatten ist. Diese konkreten Kräfte sind aber ersichtlich nur die in den Tausch eingesetzten. Nur darf man den Charakter der Konkretheit dadurch nicht herabgesetzt glauben, daß er hier nicht an dem Einzelwesen als solchem haftet. Die Relativität zwischen den Dingen hat die einzigartige Stellung: über das Einzelne hinaus¬ zureichen, nur an der Mehrheit als solcher zu subsistieren und doch keine bloß begriffliche Verallgemeinerung und Abstraktion zu sein.

Auch hierin drückt sich die tiefe Beziehung der Relativität zur Vergesellschaftung aus, die die unmittelbarste Veranschaulichung der Relativität an dem Material der Menschheit ist: die Gesellschaft ist das übersinguläre Gebilde, das doch nicht abstrakt ist. Durch sie wird das geschichtliche Leben der Alternative enthoben, entweder an bloßen Individuen oder in abstrakten Allgemeinheiten zu verlaufen; sie ist das Allgemeine, das zugleich konkrete Lebendigkeit hat. Da¬ her die einzigartige Bedeutung, die der Tausch, als die wirtschafts - geschichtliche Verwirklichung der Relativität der Dinge, für die Gesellschaft hat: er erhebt das einzelne Ding und seine Bedeutung für den einzelnen Menschen aus ihrer Singularität, aber nicht in die Sphäre des Abstrakten hinein, sondern in die Lebendigkeit der Wechselwirkung, die gleichsam der Körper des wirtschaftlichen 60 Wertes ist. Man mag den einen Gegenstand noch so genau auf seine für sich seienden Bestimmungen untersuchen: den wirtschaftlichen Wert wird man nicht finden, da dieser ausschließlich in dem Wechselverhältnis besteht, das sich auf Grund dieser Bestim¬ mungen zwischen mehreren Gegenständen herstellt,- jedes das andere bedingend und ihm die Bedeutung zurückgebend, die es von ihm empfängt.

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Bevor ich nun aus diesem Begriff des wirtschaftlichen Wertes den des Geldes als seinen Gipfel und reinsten Ausdruck entwickle, ist es erforderlich, jenen selbst in ein prinzipiell bestimmtes Weltbild einzustellen, um daran die philosophische Bedeutung des Geldes zu ermessen. Denn erst wenn die Formel des wirtschaftlichen Wertes einer Weltformel parallel geht, darf die höchste Verwirklichungs¬ stufe jener beanspruchen, über ihre unmittelbare Erscheinung hin¬ aus, oder richtiger: in eben dieser selbst, das Dasein überhaupt deuten zu helfen.

Das regellose Nebeneinander und Durcheinander der ersten Ein¬ drücke, die ein Objekt uns bietet, pflegen wir zu organisieren, indem wir eine bleibende und wesentliche Substanz seiner von seinen Be¬ wegungen, Färbungen, Schicksalen trennen, deren Kommen und Gehen die Festigkeit seines Wesens ungeändert läßt. Diese Gliede¬ rung der Welt in die bleibenden Kerne verfließender Erscheinungen und die zufälligen Bestimmungen beharrender Träger wächst zu dem Gegensatz des Absoluten und des Relativen auf. Wie wir in uns selbst ein seelisches Sein zu spüren meinen, dessen Existenz und Charakter nur in sich selbst ruht, eine letzte, von aüem Außer-Ihr unabhängige Instanz, und diese genau von jenen unserer Gedanken, Erlebnisse und Entwicklungen scheiden, die nur durch Beziehungen zu anderen wirklich oder meßbar werden — so suchen wir in der Welt nach den Substanzen, Größen und Kräften, deren Sein und Bedeutung in ihnen allein begründet ist, und unterscheiden sie von aUen relativen Existenzen und Bestimmungen — von allen denen, die nur durch Vergleich, Berührung oder Reaktion anderer das sind, was sie sind. Die Richtung, in der dieser Gegensatz sich entwickelt, wird durch unsere physisch -psychische Anlage und ihr Verhältnis zur Welt prä- judiziert. So innig in unserem Dasein auch Bewegung und Ruhe, Aktivität nach außen und Sammlung nach innen verbunden sein mögen, so daß sie ihre Wichtigkeit und Bedeutung erst aneinander 62 finden — so empfinden wir doch die eine Seite dieser Gegensätze, die Ruhe, das Substanzielle, das innerlich Feste an unseren Lebens¬ inhalten als das eigentlich Wertvolle, als das Definitive gegenüber dem Wechselnden, Unruhigen, Äußerlichen. Es ist die Fortsetzung hiervon, wenn das Denken es im ganzen als seine Aufgabe fühlt, hinter den Flüchtigkeiten der Erscheinung, dem Auf und Nieder der Bewegungen das Unverrückbare und Verläßliche zu finden, und uns aus dem Aufeinander -Angewiesenen zu dem sich selbst Genügen¬ den, auf sich selbst Gegründeten zu führen. So gewinnen wir die festen Punkte, die uns im Gewirr der Erscheinungen orientieren und das objektive Gegenbild dessen abgeben, was wir in uns selbst als unser Wertvolles und Definitives vorstellen. So gilt, um mit den äußerlichsten Anwendungen dieser Tendenz zu beginnen, das Licht als eine feine Substanz, die aus den Körpern strömt, so die Wärme als ein Stoff, so das körperliche Leben als Wirksamkeit substanzieller Lebensgeister, so die seelischen Vorgänge als getragen von einer besonderen Seelensubstanz; die Mythologien, die hinter den Donner einen Donnerer, unter die Erde einen festen Unterbau, damit sie nicht falle, in die Gestirne Geister setzten, die sie in ihren Bahnen herumführten, suchen nicht weniger für die wahrgenommenen Be¬ stimmtheiten und Bewegungen eine Substanz, an der diese nicht nur hafte, sondern die eigentlich die wirksame Kraft selbst ist. Und über die bloßen Beziehungen der Dinge, über ihre Zufälligkeit und Zeitlichkeit hinaus wird ein Absolutes gesucht: frühe Denkweisen können sich mit der Entwicklung, dem Gehen und Kommen aller irdischen Formen im Körperlichen und Geistigen nicht abfinden, sondern jede Art der Lebewesen ist ihnen ein unveränderlicher Schöpfungsgedanke; Institutionen, Lebensformen, Wertungen sind von jeher, absolut, so gewesen, wie sie jetzt sind, die Erscheinungen der Welt gelten nicht nur für den Menschen und seine Organisation, sondern sie sind an und für sich so, wie wir sie vorstellen. Kurz, die erste Tendenz des Denkens, mit der es den verwirrenden Strom der Eindrücke in ein ruhiges Bett zu lenken und aus seinen Schwan¬ kungen eine feste Gestalt zu gewinnen meint, richtet sich auf die Substanz und auf das Absolute, denen gegenüber alle Einzelvorgänge und Beziehungen auf eine vorläufige, für das Erkennen zu über¬ windende Stufe herabgedrückt werden.

Die angeführten Beispiele ergeben, daß diese Bewegung wieder rückläufig geworden ist. Nachdem fast alle Kulturepochen einzelne Ansätze dazu gesehen haben, kann man es als eine Grundrichtung der modernen Wissenschaft bezeichnen, daß sie die Erscheinungen nicht mehr durch und als besondere Substanzen, sondern als Be- 63 63 Regungen versteht, deren Träger gleichsam immer weiter und weiter ins Eigenschaftslose ab rücken; daß sie die den Dingen anhängenden Qualitäten als quantitative, also relative Bestimmungen auszudrücken sucht; daß sie statt der absoluten Stabilität organischer, psychischer, ethischer, sozialer Formationen eine rastlose Entwicklung lehrt, in der jedes Element eine begrenzte, nur durch das Verhältnis zu seinem Vorher und Nachher festzulegende Stelle einnimmt; daß sie auf das an sich seiende Wesen der Dinge verzichtet und sich mit der Fest¬ stellung der Beziehungen begnügt, die sich zwischen den Dingen und unserem Geiste, von dem Standpunkte dieses aus gesehen, er¬ geben. Daß die scheinbare Ruhe der Erde nicht nur eine kompli¬ zierte Bewegung ist, sondern daß ihre ganze Stellung im Weltall nur durch ein Wechsel Verhältnis zu anderen Materienmassen be¬ steht — das ist ein sehr einfacher, aber sehr eingreifender Fall des Überganges von der Festigkeit und Absolutheit der Weltinhalte zu ihrer Auflösung in Bewegungen und Relationen.

Aber alles dies scheint, selbst wenn es vollkommen durchgeführt wäre, dennoch einen festen Punkt, eine absolute Wahrheit zu er¬ möglichen, ja, zu fordern. Das Erkennen selbst nämlich, das jene Auflösung vollzieht, scheint sich seinerseits dem Strome der ewigen Entwicklung und der nur vergleichsweisen Bestimmtheit zu ent¬ ziehen, in die es seine einzelnen Inhalte verweist. Die Auflösung der absoluten Objektivität der Erkenntnisinhalte in Vorstellungsarten, die nur für das menschliche Subjekt gültig seien, setzt doch irgendwo letzte Punkte voraus, die nicht weiter herleitbar sind; der Fluß und die Relativität der psychischen Prozesse dürfe doch diejenigen Voraussetzungen und Normen nicht berühren, nach denen wir erst entscheiden, ob unsere Erkenntnisse denn wirklich diesen oder einen anderen Charakter tragen; die bloß psychologische Herleitung, in die alle absolut objektiven Erkenntnisse aufgelöst werden sollen, be¬ darf doch bestimmter Axiome, die nicht selbst wieder, ohne fehler¬ haften Zirkel, eine bloß psychologische Bedeutung haben dürfen. Dies ist nicht nur ein Punkt von der größten Wichtigkeit für die all¬ gemeine Anschauung der Dinge, auf der sich alles Folgende aufbaut, sondern auch für viele Einzelheiten derselben so vorbildlich, daß er der genaueren Erörterung bedarf.