Nach der Lesart des Pauw, obschon auch ohne sie der Verstand der nämliche ist, und von Henr. Stephano nicht verfehlet worden: * Supercilii nigrantes Discrimina nee arcus, Confundito nee illos: Sed iunge sie ut anceps Divortium relinquas Qnale esse cemis ipsi.' Wenn ich aber den Sinn des Dares getroffen hätte, was müsste man wohl sodann anstatt des Wortes 'notam' lesen? Vielleicht ' morani'? Denn so viel ist gewiss, dass 'mora' nicht allein den Verlauf der Zeit, ehe etwas geschieht, sondern auch die Hinderung, den Zwischenraum von einem zum andern, bedeutet.
' Ego inquieta montium iaceam mora,' wünscht sich der rasende Herknies beim Seneca ver. Ulf) [ver. 1223, Peiper], welche Stelle Gronovius sehr wohl erklärt: ' Optat se medium iacere inter duas Symplegades, illaram velut moram. impedimentura, obicem; qui eas moretur, vetet aut satis arcte coniungi, aut mrsus distrahi.' Sie heissen auch bei eben demselben Dichter ' lacertorum morae," soviel als " iuncturae' ^,Sch^oederus aJ ver. 70a Thyest.).
LAOKOON. XX. 151 Doch es ist wahr, politische Verse eines Mönches sind keine Poesie. Man höre also den Ariost, wenn er seine bezaubernde Alcina schildert ^ ' Di persona era tanto ben formata, Quanto mal finger san Pittori industri: | Con bionda chioma, lunga e annodata, Oro non b, che piu risplenda, e lustri, Spargeasi per la guancia delicata Misto color di rose e di ligustri. Di terso avorio era la fronte lieta, ] Che lo spazio finia con giusta meta.
' Orlando Furioso, canto vii. st. 11-15. 'Die Bildung ihrer Gestalt war so reizend, als nur künstliche Maler sie dichten können. Gegen ihr blondes, langes, aufgeknüpftes Haar ist kein Gold, das nicht seinen Glanz verliere. Ueber ihre zarten Wangen verbreitete sich die ver- mischte Farbe der Rosen und der Lilien. Ihre fröhliche.Stirn, in die gehörigen Schranken geschlossen, war von glattem Helfenbein. Unter zween schwarzen äusserst feinen Bögen glänzen zwei schwarze Augen, oder vielmehr zwo leuchtende Sonnen, die mit Holdseligkeit um sich blickten und sich langsam drehten. Rings um sie her schien Amor zu spielen und zu fliegen; von da schien er seinen ganzen Köcher abzu- schiessen, und die Herzen sichtbar zu rauben. Weiter hinab steigt die Nase mitten durch das Gesicht, an welcher selbst der Neid nichts zu bessern findet. Unter ihr zeigt sich der Mund, wie zwischen zwo kleinen Thälern, mit seinem eigenthümlichen Zinnober bedeckt; hier stehen zwo Reihen auserlesener Perlen, die eine schöne sanfte Lippe verschliesst und öffnet. Hieraus kommen die holdseligen Worte, die jedes rauhe schänd- liche Herz erweichen; hier wird jenes liebliche Lächeln gebildet, welches für sich schon ein Paradies auf Erden eröffnet. Weisser Schnee ist der schöne Hals, und Milch die Brust, der Hals rund, die Brust voll und breit. Zwo zarte, von Helfenbein gerundete Kugeln wallen sanft auf und nieder, wie die Wellen am äussersten Rande des Ufers, wenn ein spielender Zephyr die See bestreitet. (Die übrigen Theile würde Argus selbst nicht haben sehen können. Doch war leicht zu urtheilcn. dass das, was versteckt war, mit dem, was dem Auge bloss stand, übei ein- stimme.) Die Arme zeigen sich in ihrer gehörigen Länge, die weisse Hand etwas länglich, und schmal in ihrer Breite, durchaus eben, keine Ader tritt über ihre glatte P'iäche. Am Ende dieser herrlichen Gestalt sieht man den kleinen, trockenen, gerundeten Fuss. Die englischen Mienen, die aus dem Himmel stammen, kann kein Schleier verbergen.' — (Nach der Uebersetzung des Herrn Meinhardt in dem Versuche über den Charakter und die Werke der besten ital. Dichter, b. ii. s. 328.)
152 LAOKOON. XX.
Sotto due negri, e sottilissimi archi Son due negri occhi, anzi due chiari soli, Pietosi ä riguardar, ä mover parchi, Intorno a cui par ch' Amor scherzi, e voll, 5 E ch' indi tutta la faretra scarchi, E che visibilmente i cori involi. Quindi il naso per mezzo il viso scende Che non trova l'invidia ove l'emende.
Sotto quel sta, quasi fra due Valette, lo La bocca sparsa di natio cinabro, Quivi due filze son di perle elette, Che chiude, ed apre un belle e dolce labio; Quindi escon le cortesi parolette, Da render moUe ogni cor rozzo e scabro; 13 Quivi si forma quel soave riso, Ch' apre a sua posta in terra il paradiso.
Bianca neve b il bei collo, e'l petto latte, II collo h tondo, il petto colmo e largo; Due pome acerbe, e pur d'avorio fatte, 20 Vengono e van, come onda al primo margo Quando piacevole aura il mar combatte. Non potria 1' altre parti veder Argo, Ben si puö giudicar, che corrisponde, A quel ch' appar di fuor, quel che s'asconde 25 Mostran le braccia sua misura giusta, Et la Candida man spesso si vede, Lunghetta alquanto, e di larghezza angii^ta, Dove n^ nodo appar, nb vena eccede. Si vede al fin de la persona augusta 30 II breve, asciutto e ritondetto piede.
Gli angelici sembianti nati in cielo Non si ponno celar sotto alcun vclo.'
LAOKOON. XX. 153 Milton sagt bei Gelegenheit des Pandämoniums: einige lobten das Werk, andere den Meister des Werks. Das Lob des einen ist also nicht allezeit auch das Lob des andern. Ein Kunstwerk kann allen Beifall verdienen, ohne dass sich zum Ruhme des Künstlers viel besonders sagen lässt. Wiederum 5 kann ein Künstler mit Recht unsere Bewunderung verlangen, auch wenn sein Werk uns die völlige Genüge nicht thut. Dieses vergesse man nie, und es werden sich öfters ganz widersprechende Urtheile vergleichen lassen. Eben wie hier, Dolce in seinem Gespräche von der jMalerei, lässt den Aretino 10 von den angeführten Stanzen des Ariost ein ausserordent- liches Aufheben machen*; ich hingegen wähle sie als ein Exempel eines Gemäldes ohne Gemälde. Wir haben beide Recht. Dolce bewundert darin die Kenntnisse, welche der Dichter von der körperlichen Schönheit zu haben zeiget; ich 15 aber sehe bloss auf die Wirkung, welche diese Kenntnisse, in Worte ausgedrückt, auf meine Einbildungskraft haben können. Dolce schliesst aus jenen Kenntnissen, dass gute Dichter nicht minder gute Maler sind; und ich aus dieser Wirkung, dass sich das, was die i\Ialer durch Linien und 20 Farben am besten ausdrücken können, durch Worte gerade am schlechtesten ausdrücken lässt. Dolce emptiehlet die Schilderung des Ariost allen Malern als das vollkommenste Vorbild einer schönen Frau; und ich empfehle es allen Dichtern als die lehrreichste Warnung, was einem Ariost 25 misslingen müssen, nicht noch unglücklicher zu versuchen. Es mag sein, dass wenn Ariost sagt; 'Di persona era tanto ben formata, Quanto mai finger san Pittori industri,* ' (Dialogo della Pittura, intitolato l'Aretino, Firenze 1735, p. 175.) 'Se vügliono i Pittori senza fatica trovare un perfetto esenipio di bella Donna, leggano quelle Stanze dell' Ariosto, nelle quali egii discrive mirabilmente le bellezze della Fata Alcina: e vedranno parimente, quanto i buoni Poeti siano ancora essi Pittori.'
154 LAOKOON. XX.
er die Lehre von den Proportionen, so wie sie nur immer der fieissigste Künstler in der Natur und aus den Antiken Studiret, vollkommen verstanden zu haben, dadurch beweiset'. Er mag sich immerhin, in den blossen Worten: 5 ' Spargeasi per la guancia delicata Mista color di rose e di ligustri,* als den vollkommensten Coloristen als einen Titian zeigen*. Man mag daraus, dass er das Haar der Alcina nur mit dem Golde vergleicht, nicht aber güldenes Haar nennt, noch so lo deutlich schliessen, dass er den Gebrauch des wirklichen Goldes in der Farbengebung gemissbilliget*. ]\Ian mag sogar in seiner herabsteigenden Nase, ' Quindi il naso per mezzo il viso scende,* das Profil jener alten griechischen, und von griechischen 1 5 Künstlern auch Römern geliehenen Nasen finden *. Was nutzt alle diese Gelehrsamkeit und Einsicht uns Lesern, die wir eine schöne Frau zu sehen glauben wollen, die wir etwas von der sanften Wallung des Geblüts dabei empfinden wollen, die den wirklichen Anblick der Schönheit begleitet? Wenn 2o der Dichter weiss, aus welchen Verhältnissen eine schöne 1 (Dialogo della Pittura, intitolato l'Aretino, Firenze 1735, p. 175.) ' Ecco, che, quanto alla proportione, l'ingeniosissimo Ariosto assegna la migliore, che sappiano formar le mani de piü excellenti Pittori, nsando questa voce industri, per dinotar la diligenza, che conviene al buono artefice.'
''■ {Ibid. p. 182.) *Qui l'Ariosto colorisce, e in questo suo colorire diniostra cssere un Titiano.'
* {Ibid. p. 180.) 'Poteva TAriosto nella gnisa, che ha detto chioma bionda dir chioma d'oro: ma gli parve forse; che havrebbe havuto troppo del Poetico. Da che si puö ritrar, che'l Pittore dee imitar l'oro, e non metterlo (come fanno i Miniatoii') nelle sne Pitture, in modo, che si possa dire, que' capelli non sono d'oro, ma par che risplendano, come Toro.' Was Dolce, in dem Nachfolgenden, aus dem Athenäus anführet, ist merkwürdig, nur dass es sich nicht völlig so daselbst findet Ich rede an einem andern Orte davon.
* {Ibid. p. 182.) '11 naso. che discende giü, havendo peraventura la consideratione a quelle forme de' nasi, che si veggono ne" ritratli delle belle Romane antiche.'
LAOKOON. XX. 155 Gestalt entspringet, wissen wir es darum auch? Und wenn wir es auch wüssten, lasset er uns hier diese Verhältnisse sehen? Oder erleichtert er uns auch nur im geringsten die Mühe, uns ihrer auf eine lebhafte anschauende Art zu erinnern? Eine Stirn in die gehörigen Schranken geschlossen, 5 ' la fronte/ * Che lo spazio finia con giusta meta; ' eine Nase, an welcher selbst der Neid nichts zu bessern findet, eine Hand, etwas länglich und schmal in ihrer Breite, 'Lunghetta alquanto, e di larghezza angusta:' was für ein Bild geben diese allgemeinen Formeln? In dem Munde eines Zeichenmeisters, der seine Schüler auf die Schönheiten des akademischen Modells aufmerksam machen 15 will, möchten sie noch etwas sagen: denn ein Blick auf dieses Modell, und sie sehen die gehörigen Schranken der fröhlichen Stirne, sie sehen den schönsten Schnitt der Nase, die schmale Breite der niedlichen Hand. Aber bei dem Dichter sehe ich nichts, und empfinde mit Verdruss die 20 Vergeblichkeit meiner besten Anstrengung, etwas sehen zu wollen.
In diesem Punkte, in welchem Virgil dem Homer durch Nichtsthun nachahmen können, ist auch Virgil ziemlich glücklich gewesen. Auch seine Dido ist ihm weiter nichts 25 als * pulcherrima Dido.' Wenn er ja umständlicher etwas an ihr beschreibet, so ist es ihr reicher Putz, ihr prächtiger Aufzug: ' Tandem progreditur...Sidoniam picto chlamydem circumdata limbo: Cui pharetra ex auro, crines nodantur in aurum, 30 Aurea purpuream subnectit fibula vestem '.'
156 LAOKOON. XX.
Wollte man darum auf ihn anwenden, was jener alte Künstler zu einem Lehrlinge sagte, der eine sehr ge- schmückte Helena gemalt hatte, 'da du sie nicht schön malen können, hast du sie reich gemalt: ' so würde Virgil 5 antworten, ' es liegt nicht an mir, dass ich sie nicht schön malen können; der Tadel trifft die Schranken meiner Kunst; mein Lob sei, mich innerhalb dieser Schranken gehalten zu haben.'
Ich darf hier die beiden Lieder des Anakreons nicht verlogessen, in welchen er uns die Schönheit seines Mädchens und seines Bathylls zergliedert \ Die Wendung, die er dabei nimmt, macht alles gut. Er glaubt einen Maler vor sich zu haben, und lässt ihn unter seinen Augen arbeiten. So, sagt er, mache mir das Haar, so die Stirne, so die Augen, so den J5 Mund, so Hals und Busen, so Hüft und Hände 1 Was der Künstler nur theilweise zusammensetzen kann, konnte ihm der Dichter auch nur theilweise vorschreiben. Seine Absicht ist nicht, dass wir in dieser mündlichen Direction des Malers die ganze Schönheit der geliebten Gegenstände erkennen 20 und fühlen sollen; er selbst empfindet die Unfähigkeit des wörtlichen Ausdrucks, und nimmt eben daher den Ausdruck der Kunst zu Hülfe, deren Täuschung er so sehr erhebet, dass das ganze Lied mehr ein Lobgedicht auf die Kunst als auf sein Mädchen zu sein scheint. Er sieht nicht das Bild.
25 er sieht sie selbst, und glaubt, dass es nun eben den ]Mund zum reden eröffnen werde: Ant^ti' ßXeira yap aiirrjv' Täxa, KTjpe^ Kai "KaXrja-as.
Auch in der Angabe des Bathylls ist die Anpreisung des 30 schönen Knabens mit der Anpreisung der Kunst und des Künstlers so in einander geflochten, dass es zweifelhaft wird, ' Od. xxviii. 33 sq.; xxix. 2^ sqq.. u. 43 sq.
LAOKOOK. XXI. 157 wem zu Ehren Anakreon das Lied eigentlich bestimmt habe. Er sammelt die schönsten Theile aus verschiedenen Ge- mälden, an welchen eben die vorzügliche Schönheit dieser Theile das Charakteristische war; den Hals nimmt er von einem Adonis, Brust und Hände von einem IMerkur, die Hüfte 5 von einem Pollux, den Bauch von einem Bacchus; bis er den ganzen Bathyll in einem vollendeten Apollo des Künstlers erblickt.
Mfra Se irpöaayiTov eorcü, Tov 'ASwviSoj 7rap('Xd<j)v, lO 'EXecpävTivos Tpa)(T]Xos' UoXvSevKfOf 8e prjpovs KadeXöiv, TToiei BadiWov.
So weiss auch Lucian von der Schönheit der Panthea anders keinen Begriff zu machen als durch Verweisung auf die schönsten weiblichen Bildsäulen alter Künstler \ Was heisst 20 aber dieses sonst, als bekennen, dass die Sprache vor sich selbst hier ohne Kraft ist; dass die Poesie stammelt und die Beredsamkeit verstummet, wenn ihnen nicht die Kunst noch einigermassen zur Dolmetscherin dienet?
XXI.
ARGUMENT.
Instead of giving us a minute description of a beautiful object, the poet will set our Imagination working by showing the effect that beautiful object produced on others. Homer does not describe the beauty of Helen, but he teils us what a spell it exercised even on old Ijö LAOKOON. XXI.
men. The same expedient is used by Sappho and by Ovid But whilst the poet must leave the representation of beauty when in a State of repose to the painter, he can very well represent beauty in motion, for action is his domain. Beauty in motion is charm. The poet will best attain his object by translating beauty into charm. If we examine Ariosto's description of Alcina, we find that we are impressed only by those passages where the poet, unconscionsly, represents beauty in motion. Anacreon owes his greatest effects to the same device.
Aber verliert die Poesie nicht zu viel, wenn man ihr alle Bilder körperlicher Schönheit nehmen will? — Wer will ihr die nehmen? Wenn man ihr einen einzigen Weg zu verleiden sucht, auf welchem sie zu solchen Bildern zu gelangen ge- 5 denket, indem sie die Fusstapfen einer verschwisterten Kunst aufsucht, in denen sie ängstlich herumirret, ohne jemals mit ihr das gleiche Ziel zu erreichen: verschliesst man ihr darum auch jeden Weg, wo die Kunst hinwiederum ihr nachsehen muss?
IG Eben der Homer, welcher sich aller stückweisen Schilde- rung körperlicher Schönheiten so geflissentlich enthält, von dem wir kaum einmal im Vorbeigehen erfahren, dass Helena weisse Arme ^ und schönes Haar - gehabt; eben der Dichter weiss dem ohngeachtet uns von ihrer Schönheit einen Begriff 15 zu machen, der alles weit übersteiget, was die Kunst in dieser Absicht zu leisten im Stande ist. Man erinnere sich der Stelle, wo Helena in die Versammlung der Aeltesten des trojanischen Volkes tritt. Die ehrwürdigen Greise sehen sie, und einer sprach zu den andern ': ao Ov Vffifo-is, Tpäas Kai tvKvfjfuSas 'Axaiois Toijib' dfiifA yvvaiKi iroXvv xpovov aXyfa 77cio";^eiv. AlvS>S ddavärrjai 6tjjs fls ana «oikc;'.
Was kann eine lebhaftere Idee von Schönheit gewähren, als LAOKOON. XXI. 159 das kalte Alter sie des Krieges wohl werth erkennen lassen, der so viel Blut und so viele Thränen kostet?
Was Homer nicht nach seinen Bestandtheilen beschreiben konnte, lässt er uns in seiner Wirkung erkennen. JNIalet uns, Dichter, das Wohlgefallen, die Zuneigung, die Liebe, das 5 Entzücken, welches die Schönheit verursachet, und ihr habet die Schönheit selbst gemalet. Wer kann sich den geliebten Gegenstand der Sappho, bei dessen Erblickung sie Sinne und Gedanken zu verlieren bekennet, als hässlich denken? Wer glaubt nicht die schönste vollkommenste Gestalt zu 10 sehen, sobald er mit dem Gefühle sympathisiret, welches nur eine solche Gestalt erregen kann? Nicht weil uns Ovid den schönen Körper seiner Lesbia Theil vor Theil zeiget [Amor.
* Quos humeros, quales vidi tetigique lacertos! 15 Forma papillarum quam fuit apta premi! Quam castigato planus sub pectore venter!
Quantum et quäle latus! quam iuvenile [/. iuvenale] femur! ' sondern weil er es mit der wollüstigen Trunkenheit thut, nach 20 der unsere Sehnsucht so leicht zu erwecken ist, glauben wir eben des Anblickes zu gemessen, den er genoss.
Ein andrer Weg, auf welchem die Poesie die Kunst in Schilderung körperlicher Schönheit wiederum einholet, ist dieser, dass sie Schönheit in Reiz verwandelt. Reiz ist 25 Schönheit in Bewegung, und eben darum dem Maler weniger bequem als dem Dichter. Der Maler kann die Bewegung nur errathen lassen, in der That aber sind seine Figuren ohne Bewegung. Folglich wird der Reiz bei ihm zur Grimasse. Aber in der Poesie bleibt er, was er ist; 30 ein transitorisches Schönes, das \\ir wiederholt zu sehen wünschen. Es kömmt und geht; und da wir uns überhaupt i6o laokoon: xxt, einer Bewegung leichter und lebhafter erinnern können, als blosser Formen oder Farben: so muss der Reiz in dem näm- lichen Verhältnisse stärker auf uns wirken, als die Schönheit. Alles, was noch in dem Gemälde der Alcina gefällt und rühret, 5 ist Reiz. Der Eindruck, den ihre Augen machen, kömmt nicht daher, dass sie schwarz und feurig sind, sondern daher, dass sie, 'Pietosi ä riguardar, a mover parchi,' mit Holdseligkeit um sich blicken, und sich langsam drehen; dass Amor sie umflattert und seinen ganzen Köcher aus ihnen lo abschiesst. Ihr Mund entzücket, nicht weil von eigenthüm- lichem Zinnober bedeckte Lippen zwei Reihen auserlesener Perlen verschliessen; sondern weil hier das liebliche Lächeln gebildet wird, welches, für sich schon, ein Paradies auf Erden eröffnet; weil er es ist, aus dem die freundlichen Worte 15 tönen, die jedes rauhe Herz erweichen. Ihr Busen bezau- bert, weniger weil Milch und Helfenbein und Aepfel uns seine Weisse und niedliche Figur vorbilden, als vielmehr, weil wir ihn sanft auf und nieder wallen sehen, wie die Wellen am äussersten Rande des Ufers, wenn ein spielender 20 Zeph)T die See bestreitet: 'Duo pome acerbe, e pur d'avorio fatte, Vengono e van, come onda al primo margo, Quando piacevole aura il mar combatte.' Ich bin versichert, dass lauter solche Züge des Reizes, in 25 eine oder zwei Stanzen zusammengedränget, weit mehr thun würden, als die fünfe alle, in welche sie Ariost zerstreuet und mit kalten Zügen der schönen Form, viel zu gelehrt für unsere Empfindungen, durchflochten hat.
Selbst Anakreon wollte lieber in die anscheinende Un- 30 schicklichkeit verfallen, eine Unthulichkeit von dem Maler zu verlangen, als das Bild seines Mädchens nicht mit Reiz beleben [Od. xxviii. 26].
LAOKOON. XXII. 16 1 Tpv(f)epov 6 ecro) yfveiov, riept XuyStVco Tpa\r'j\o) Xl'ipiTfS TTiTOLVTO TTCLaai.
Ihr sanftes Kinn, befiehlt er dem Künstler, ihren marmornen Nacken lass alle Grazien umflattern! Wie das? Nach dem 5 genauesten Wortverstande? Der ist keiner malerischen Aus- führung fähig. Der ]\Ialer konnte dem Kinn die schönste Rundung, das schönste Grübchen, 'Amoris digitulo Impres- sum ' (denn das eo-w scheinet mir ein Grübchen andeuten zu wollen) — er konnte dem Halse die schönste Carnation geben: 10 aber weiter konnte er nichts. Die Wendungen dieses schönen Halses, das Spiel der IMuskeln, durch das jenes Grübchen bald mehr bald weniger sichtbar wird, der eigentliche Reiz, war über seine Kräfte. Der Dichter sagte das Höchste, wodurch uns seine Kunst die Schönheit sinnlich zu machen 15 vermag, damit auch der Maler den höchsten Ausdruck in seiner Kunst suchen möge. Ein neues Beispiel zu der obigen Anmerkung, dass der Dichter, auch wenn er von Kuntswerken redet, dennoch nicht verbunden ist, sich mit seiner Beschreibung in den Schranken der Kunst zu 20 halten.
XXII. ARGUMENT.
XXII. ARGUMENT.
Many ancient artists represented scenes talcen from the Homeric poenis, but they refrained from the senile imitation of the poet's manner which Count Caylus recommends to modern painters. They imbued themselves with the spirit of Homer, they let the flame of his enthnsiasm kindle Iheir own, whilst in the detail of their work they never overlooked the intrinsic difference of painting and poetry. To realise this we need only compare Zeuxis' painting of Helen with the imaginary picture of the same subject sketched by Caylu». Yct there is no doubt that the ancient artists owed to Homer many highly M 102 LAOKOON. XX IT.
suggestive traits. The famous passage in which he describes Zeus as shaking Olympus with the nod of his head inspired Phidias in the pro- duction of the grandest statue of antiquity, and probably suggested to him that a great deal of expression resides in the eyebrows. In the statue of the Apollo of Belvedere there is a certain disproportion in the length of the upper and of the lower limbs, a blemish which in this particular case is the cause of a very striking and sublime effect. This trait too seems to have been suggested by a passage of Homer.
Zeuxis malte eine Helena, und hatte das Herz, jene be- rühmten Zeilen des Homers, in welchen die entzückten Greise ihre Empfindung bekennen, darunter zu setzen. Nie sind Malerei und Poesie in einen gleichern Wettstreit ge- 5 zogen worden. Der Sieg blieb unentschieden, und beide verdienten gekrönt zu werden.
Denn so wie der weise Dichter uns die Schönheit, die er nach ihren Bestandtheilen nicht schildern zu können fühlte, bloss in ihrer Wirkung zeigte: so zeigte der nicht minder lo weise Maler uns die Schönheit nach nichts als ihren Bestand- theilen, und hielt es seiner Kunst für unanständig, zu irgend einem andern Hülfsmittel Zuflucht zu nehmen. Sein Gemälde bestand aus der einzigen Figur der Helena, die nackend da stand. Denn es ist wahrscheinlich, dass es eben die Helena 15 war, welche er für die zu Crotona maltet Man vergleiche hiermit, Wunders halber, das Gemälde, welches Caylus dem neuern Künstler aus jenen Zeilen des Homers vorzeichnet: ' Helena mit einem weissen Schleier bedeckt, erscheinet mitten unter verschiedenen alten Männern, 20 in deren Zahl sich auch Priamus befindet, der an den Zeichen seiner königlichen Würde zu erkennen ist. Der Artist muss sich besonders angelegen sein lassen, uns den Triumph der Schönheit in den gierigen Blicken und in allen den Aeus- • Val. Maximus, lib. iii. cap. 7. ext. 3. Dionysius Halicamass. Art. Rhet. cap. 12, mpi \6-^ojv f^fTÜaian. De prisc. Script, cens. i. voL v p. 417 Reiske.
LAOKOOX. xxir. 163 serungen einer staunenden Bewunderung auf den Gesichtern dieser kalten Greise empfinden zu lassen. Die Scene ist über einem von den Thoren der Stadt. Die Vertiefung des Gemäldes kann sicli in den freien Himmel oder gegen höhere Gebäude der Stadt verlieren; jenes würde kühner lassen, 5 eines aber ist so schicklich wie das andere.* Man denke sich dieses Gemälde von dem grössten Meister unserer Zeit ausgeführt, und stelle es gegen das Werk des Zeuxis. Welches wird den wahren Triumph der Schönheit zeigen? Dieses, wo ich ihn selbst fühle, oder jenes, wo ich 10 ihn aus den Grimassen gerührter Graubärte schliessen soll? ' Turpe senilis amor; ' ein gieriger Blick macht das ehrwür- digste Gesicht lächerlich, und ein Greis, der jugendliche Begierden verräth, ist sogar ein ekler Gegenstand. Den homerischen Greisen ist dieser Vonvurf nicht zu machen; 15 denn der Affect, den sie empfinden, ist ein augenblicklicher Funke, den ihre Weisheit sogleich erstickt; nur bestimmt, der Helena Ehre zu machen, aber nicht, sie selbst zu schän- den. Sie bekennen ihr Gefühl, und fügen sogleich hinzu AXXo Kai u)Sy ToiT] TTfp eova, eV vrjvai vfivdbi, MijS >J|it'' TSKeeacri t OTTiaaüi TT^/ia XiVoiro.
Ohne diesen Entschluss wären es alte Gecke; wären sie das, was sie in dem Gemälde des Caylus erscheinen. Und worauf richten sie denn da ihre gierigen Blicke? Auf eine 25 vermummte, verschleierte Figur. Das ist Helena.? Es ist mir unbegreiflich, wie ihr Caylus hier den Schleier lassen können. Zwar Homer gicbt ihr denselben ausdrücklich QpHaT fK ödKäfioio., aber, um über die Strassen damit zu gehen; und wenn auch 104 LAOKOON. XXII.
schon bei ihm die Alten ihre Be\vunderung zeigen, noch ehe sie den Schleier wieder abgenommen oder zurückgeworfen zu haben scheinet, so war es nicht das erstemal, dass sie die Alten sahen; ihr Bekenntniss durfte also nicht aus dem 5 jetzigen augenblicklichen Anschauen entstehen, sondern sie konnten schon oft empfunden haben, was sie zu empfinden bei dieser Gelegenheit nur zum erstenmal bekannten. In dem Gemälde findet so etwas nicht statt. Wenn ich hier entzückte Alte sehe, so will ich auch zugleich sehen, was sie lo in Entzückung setzt; und ich werde äusserst betroffen, wenn ich weiter nichts, als, wie gesagt, eine vermummte, verschleierte Figur wahrnehme, die sie brünstig angaffen. Was hat dieses Ding von der Helena? Ihren weissen Schleier, und etwas von ihrem proportionirten Umrisse, so weit Umriss unter 15 Gewändern sichtbar werden kann. Doch vielleicht war es auch des Grafen IMeinung nicht, dass ihr Gesicht verdeckt sein sollte, und er nennet den Schleier bloss als ein Stück ihres Anzuges. Ist dieses (seine Worte sind einer solchen Auslegung zwar nicht wohl fähig: 'Hdlene couverte d'un volle 20 blanc '), so entstehet eine andere Verwunderung bei mir: er empfiehlt dem Artisten so sorgfältig den Ausdruck auf den Gesichtern der Alten; nur über die Schönheit in dem Gesichte der Helena verliert er kein Wort. Diese sittsame Schönheit, im Auge den feuchten Schimmer einer reuenden Thrane, 25 furchtsam sich nähernd — Wie.'* Ist die höchste Schön- heit unscrn Künstlern so etwas geläufiges, dass sie auch nicht daran erinnert zu werden brauchen! Oder ist Ausdruck mehr als Schönheit? Und sind wir auch in Gemälden schon gewohnt, so wie auf der Bühne, die hässlichste Schauspielerin 30 für eine entzückende Prinzessin gelten zu lassen, wenn ihr Prinz nur recht warme Liebe gegen sie zu empfinden äussert.-' In Wahrheit; das Gemälde des Caylus würde sich gegen das LAOKOON. XXII. \6^ Gemälde des Zeuxis, wie Pantomime zur erhabensten Poesie verhalten.
Homer ward vor Alters unstreitig fleissiger gelesen, als jetzt. Dennoch findet man so gar vieler Gemälde nicht erwähnet, welche die alten Künstler aus ihm gezogen hätten ^. Nur den 5 Fingerzeig des Dichters auf besondere körperhche Schön- heiten scheinen sie fleissig genutzt zu haben: diese malten sie, und in diesen Gegenständen, fühlten sie wohl, war es ihnen allein vergönnet, mit dem Dichter wetteifern zu wollen. Ausser der Helena hatte Zeuxis auch die Penelope gemalt; ic und des Apelles Diana war die Homerische in Begleitung ihrer Nymphen. Bei dieser Gelegenheit will ich erinnern, tlass die Stelle des Plinius, in welcher von der letztern die Rede ist, einer Verbesserung bedarf-. Handlungen aber aus ^ Fabricii Biblioth. Graec. lib. ii. cap. 6. p. 345. * Plinius sagt von dem Apelles (libr. xxxv. scct.,',6. § 96. p. 698. Edit. Hard.): ' Fecit et Dianam sacriticantium virginiim choro mixtam: quibus vicisse llomeri versus videtur id ipsum describentis.' Ni-hts kann wahrer, als dieser Lobspruch, gewesen sein. Schöne Nymphen mn eine schöne Göttin her, die mit der ganzen majestätischen Stime über sie hervorraget, sind freilich ein Vorwurf, der der Malerei angemessener ist, als der Poesie. Das ' sacrificantium' nur ist mir höchst verdächtig. Was macht die Göttin unter opfernden Jungfrauen? Und ist dieses die Beschäftigung, die Homer den Gespielinnen der Diana giebt? Mit nichten; sie durchstreifen mit ihr Dcrge imd \\ äldcr, sie jagen, sie spielen, sie tanzen (Odyss. Z. 102-106): (yir\ 5' " hpjiixis Hai Kar ovpeos lo\(aipa.
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