XXV.
ARGUMENT.
Some extremely disagreeable sensations and impressions allow an admixture of a certain amount of pleasure, not so the disgust and repngnance springing from the perception of deformity and ugliness. The scnses of taste, smell, and touch are more exposed to disgust, than sight which is only affected through an association of ideas, and which * Klotzii Epistolae Homericae, p. 33 et seq.
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takes in, together with the nanseous impression, others of a less dis- agreeable nature; this is not the case with the Iower senses, The poet whose proper sphere is successive action, and who, moreover, appeals only to the imagination and not to the senses, may make a limited use of the disgusting (as of the ugly) as an ingredient to produce certain mixed sensations. The disgiisting may, for instance, increase the ridiculous or the terrible; countless instances may be adduced from the poets in order to prove this. But painting would place the disgusting at once (in co-existence) before the eye, and would, through a streng association of ideas, produce nausea in the spectator; it ought, there- fore, to renounce this element altogether. There can be no doubt that the disgusting loses incomparably less of its effect in an imitation which appeals to the eye, than in one which appeals to the ear.
Auch der zweite Unterschied, welchen der angeführte Kunstrichter zwischen dem Ekel und andern unangenehmen Leidenschaften der Seele findet, äussert sich bei der Unlust, welche die Hässlichkeit der Formen in uns erwecket. 5 * Andere unangenehme Leidenschaften,' sagt er ^, ' können auch ausser der Nachahmung, in der Natur selbst, dem Ge- müthe öfters schmeicheln, indem sie niemals reine Unlust er- regen, sondern ihre Bitterkeit allezeit mit Wollust vermischen. Unsere Furcht ist selten von aller Hoffnung entblösst; der lo Schrecken belebt alle unsere Kräfte, der Gefahr auszuweichen; der Zorn ist mit der Begierde sich zu rächen, die Traurigkeit mit der angenehmen Vorstellung der vorigen Glückseligkeit verknüpft, und das Mitleiden ist von den zärtlichen Empfin- dungen der Liebe und Zuneigung unzertrennlich. Die Seele 15 hat die Freiheit, sich bald bei dem vergnüglichen, bald bei dem widrigen Theile einer Leidenschaft zu verweilen, und sich eine Vermischung von Lust und Unlust selbst zu schaffen, die reizender ist, als das lauterste Vergnügen. Es braucht nur sehr wenig Achtsamkeit auf sich selber, um 20 dieses vielfältig beobachtet zu haben; und woher käme es denn sonst, dass dem Zornigen sein Zorn, dem Traurigen ' Eben daselbst. [Briefe die neueste Litter. betr. th. v.] s. 103.
LAOKOON. XXV. l8l seine Unmuth lieber ist, als alle freudige Vorstellungen, dadurch man ihn zu beruhigen gedenket? Ganz anders aber verhält es sich mit dem Ekel und den ihm verwandten Empfindungen. Die Seele erkennet in demselben keine merkliche Vermischung von Lust. Das INIissvergnügen ge- 5 winnet die Oberhand, und daher ist kein Zustand, weder in der Natur noch in der Nachahmung zu erdenken, in welchem das Gemüth nicht von diesen Vorstellungen mit Widerwillen zurückweichen sollte.'
Vollkommen richtig; aber da der Kunstrichter selbst noch 10 andere mit dem Ekel verwandte Empfindungen erkennet, die gleichfalls nichts als Unlust gewähren, welche kann ihm näher verwandt sein, als die Empfindung des HässHchen in den Formen.? Auch diese ist in der Natur ohne die geringste INIischung von Lust; und da sie deren eben so 15 Avenig durch die Nachahmung fähig wird, so ist auch von ihr kein Zustand zu erdenken, in welchem das Gemüth von ihrer Vorstellung nicht mit Widerwillen zurückweichen sollte.
Ja dieser Widerwille, wenn ich anders mein Gefühl sorg-?o fältig genug untersucht habe, ist gänzlich von der Natur des Ekels. Die Empfindung, welche die Hässlichkeit der Form begleitet, ist Ekel, nur in einem geringern Grade. Dieses streitet zwar mit einer andern Anmerkung des Kunstrichters, nach welcher er nur die allerdunkelsten Sinne, den Ge- 25 schmack, den Geruch und das Gefühl, dem Ekel ausgesetzet zu sein glaubet. ' Jene beide,' sagt er, ' durch eine über- mässige Süssigkeit, und dieses durch eine allzugrosse Weichheit der Körper, die den berührenden Fibern nicht genugsam widerstehen. Diese Gegenstände werden sodann 30 auch dem Gesichte unerträglich, aber bloss durch die Association der Begriffe, indem wir uns des Widerwillens erinnern, den sie dem Geschmacke, dem Geiuciie oder 1^2 LAOKOON. XXV.
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dem Gefühle verursachen. Denn eigentlich zu reden, giebt es keine Gegenstände des Ekels für das Gesicht.' Doch mich dünkt, es lassen sich dergleichen allerdings nennen. Ein Feuermal in dem Gesichte, eine Hasenscharte, eine ge- 5 pletschte Nase mit vorragenden Löchern, ein gänzlicher Mangel der Augenbrauen, sind Hässlichkeiten, die ^veder dem Gerüche, noch dem Geschmacke, noch dem Gefühle zuwider sein können. Gleichwohl ist es gewiss, dass wir etwas dabei empfinden, welches dem Ekel schon viel näher kömmt, als das, lo was uns andere Unförmlichkeiten des Körpers, ein krummer Fus?, ein hoher Rücken, empfinden lassen; je zärtlicher das Temperament ist, desto mehr werden wir von den Bewe- gungen indem Körper dabei fühlen, welche vor dem Erbrechen vorhergehen. Nur dass diese Bewegungen sich sehr bald 15 wieder verlieren, und schwerlich ein wirkliches Erbrechen erfolgen kann; wovon man allerdings die Ursache darin zu suchen hat, dass es Gegenstände des Gesichts sind, welches in ihnen, und mit ihnen zugleich, eine Menge Realitäten wahrnimmt, durch deren angenehme Vorstellungen jene 20 unangenehme so geschwächt und verdunkelt wird, dass sie keinen merklichen Einfluss auf den Körper haben kann. Die dunkeln Sinne hingegen, der Geschmack, der Geruch, das Gefühl, können dergleichen Realitäten, indem sie von etwas Widerwärtigem gerühret werden, nicht mit bemerken; 25 das Widerwärtige wirkt folglich allein und in seiner ganzen Stärke, und kann nicht anders als auch in dem Körper von einer weit hefiigern Erschütterung begleitet sein.
Uebrigens verhält sich auch zur Nachahmung d.ts Ekel- hafte vollkommen so, wie das Hässliche. Ja, da seine 30 unangenehme Wirkung die heftigere ist, so kann es noch weniger als das Hässliche an und vor sich selbst ein Gegen- stand weder der Poesie, noch der Malerei werden. Nur weil es ebenfalls durch den wörtlichen Ausdiuck sehr ge- LAOKOON. XXV. 183 mildert wird, getrauete ich mich doch wohl zu behaupten, dass der Dichter wenigstens einige ekelhafte Züge als ein Ingrediens zu den nämlichen vermischten Empfindungen brauchen könne, die er durch das Hässliche mit so gutem Erfolge verstärket. 5 Das Ekelhafte kann das Lächerliche vermehren; oder Vorstellungen der Würde, des Anstandes, mit dem Ekelhaften in Contrast gesetzet, werden lächerlich. Exempel hiervon lassen sich bei dem Aristophanes in jMenge finden. Das Wiesel fällt mir ein, welches den guten Sokrates in seinen 10 astronomischen Beschauungen unterbrach.
Ytt anKaXaßüäTov. 2TP. Tiva TpÖTvov ] KciTeine fiou MAG. ZrjToivTos avrov ttjs (reXrjvrjs ras odovs Kai ras nepKpopäs, tir' ava Kexw^öros, I5 AttÖ TTJi opocpris vvKTcop ya\fü)T7]s KaTe)(i(TfV, Man lasse es nicht ekelhaft sein, was ihm in den offenen Mund fällt, und das Lächerliche ist verschwunden. Die drolligsten Züge von dieser Art hat die Hottentottische Erzäh- 2c lung, Tquassouw und Knonmquaiha, in dem Kenner, einer englischen Wochenschrift voller Laune, die man dem Lord Chesterfield zuschreibt. Man weiss, wie schmutzig die Hottentotten sind, und wie vieles sie für schön und zierlich und heilig halten, was uns Ekel und Abscheu erwecket. Ein 25 gequetschter Knorpel von Nase, schlappe bis auf den Nabel herabhangende Brüste, den ganzen Körper mit einer Schminke aus Ziegenfett und Russ an der Sonne durchbeizet, die Haar- locken von Schmeer triefend, Füsse und Arme mit frischem Gedärme umwunden: dies denke man sich an dem Gegen- 30 Stande einer feurigen, ehrfurchtsvollen, zärtlichen Liebe; dies höre man in der edeln Sprache des Ernstes und der Be- wunderung ausgedrückt, und enthalte sich des Lachens!
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Mit dem Schrecklichen scheinet sich das Ekelhafte noch inniger vermischen zu können. Was wir das Grässhche nennen, ist nichts als ein ekelhaftes Schreckliche. Dem Longin ^ missfällt zwar in dem Bilde der Traurigkeit beim 5 Hesiodus^, das t^j U niv piv^v /m'^ai p/ov; doch mich dünkt, nicht sowohl weil es ein ekler Zug ist, als weil es ein bloss ekler Zug ist, der zum Schrecklichen nichts beiträgt. Denn die langen über die Finger hervorragenden Nägel (jiaKpoi K oinxes;)(fi'pe(ro-ii' iir^a-ap) scheinet er nicht tadeln zu wollen. 10 Gleichwohl sind lange Nägel nicht viel weniger ekel, als eine fliessende Nase. Aber die langen Nägel sind zugleich schrecklich; denn sie sind es, welche die Wangen zer- fleischen, dass das Blut davon auf die Erde rinnt:...(K 8f Trapeiäv 15 Ai/x' aTTeXfi^er' fpa^f...Hingegen eine fliessende Nase ist weiter nichts als eine fliessende Nase; und ich rathe der Traurigkeit nur, das Maul zuzumachen. Man lese bei dem Sophokles die Beschreibung der öden Höhle des unglücklichen Philoktet. Da ist nichts 20 von Lebensmitteln, nichts von Bequemlichkeiten zu sehen; ausser eine zertretene Streu von dürren Blättern, ein un- förmlicher hölzerner Becher, ein Feuergeräth. Der ganze Reichthum des kranken verlassenen Mannes I Wie vollendet der Dichter dieses traurige fürchterhche Gemälde?!Mit einem 25 Zusätze von Ekel. 'Ha!' fährt Neoptolem auf einmal zusammen, ' hier trockene zerrissene Lappen, voll Blut und Eiter »! ' NE. 'Opo) KfVTjV oucrjaiv avöpafnav 8ixa.
OA. OüS* euSov oiKojToios iari tu rpotprj F/. rpv^Tj Welcker]; LAOKOON. XXV. 185 OA. Ta S* oXX' epT/fia, Kov8ev tad' vnöa-Tcyovl TIVOS "Tf^^vTiiiaT dvipoi, Kai TTvpeV ofiov rdbe, 5 OA. Keivov t6 ßrjaavpiafia arjfialvecs roSe, NE, 'lov, lov' Kai ravTa y aXXa ödXvreTat 'PuKr;, ßapelas tou voarjXeias TrXea.
So wird auch beim Homer der geschleifte Hektor, durch das von Blut und Staub entstellte Gesicht, und zusammen- 10 verklebte Haar, ' Squallentem barbam et concretos sanguine crines,* (wie es Virgil ausdrückt^) ein ekler Gegenstand, aber eben dadurch um so viel schrecklicher, um so viel rührender. Wer kann die Strafe des Marsyas, beim Ovid, sich ohne Empfin- 15 düng des Ekels denken *? * Clamanti cutis est summos derepta [/. direpta] per artus: Nee quidquam, nisi vulnus erat: cruor undique manat: Detectique patent nervi: trepidaeque sine ulla ao Pelle micant venae: salientia viscera possis, Et perlucentes numerare in pectore fibras.' Aber wer empfindet auch nicht, dass das Ekelhafte hier an seiner Stelle ist? Es macht das Schreckliche grässlich; und das Grässliche ist selbst in der Natur, wenn unser Mitleid 25 dabei interessiret wird, nicht ganz unangenehm; wie viel weniger in der Nachahmung? Ich will die Exempel nicht häufen. Doch dieses muss ich noch anmerken, dass es eine Art von Schrecklichem giebt, zu dem der Weg dem Dichter fast einzig und allein durch das Ekelhafte offen stehet. Es 30 ' Aeneid, lib. ii. ver. 277.
• Metamorph, vi. 397 [viclm. 3S7].
l86 ZAOKOON. XXV.
ist das SchrecTiliche des Hungers. Selbst im gemeinen Leben drücken wir die äusserste Hungersnoth nicht anders als durch die Erzählungen aller der unnahrhaften, ungesunden und besonders ekeln Dinge aus, mit welchen der Magen 5 befriediget werden müssen. Da die Nachahmung nichts von dem Gefühle des Hungers selbst in uns erregen kann, so nimmt sie zu einem andern unangenehmen Gefühle ihre Zuflucht, welches wir im Falle des empfindlichsten Hungers für das kleinere Uebel erkennen. Dieses sucht sie zu erregen, lo um uns aus der Unlust desselben schliessen zu lassen, wie stark jene Unlust sein müsse, bei der wir die gegenwärtige gern aus der Acht schlagen würden. Ovid sagt von der Oreade, welche Ceres an den Hunger abschickte ^: ' Hanc (famem) procul ut Nndit..
15.. refert mandata deae; paulumque morata, Quanquam aberat longe, quanquam modo venerat illuc, Visa tamen sensisse famem...' Eine unnatürliche Uebertreibung I Der Anblick eines Hung- rigen, und wenn es auch der Hunger selbst wäre, hat diese 20 ansteckende Kraft nicht; Erbarmen, und Gräuel, und Ekel kann er empfinden lassen, aber keinen Hunger. Diesen Gräuel hat Ovid in dem Gemälde der Farnes nicht gesparet, und in dem Hunger des Eresichthons sind, sowohl bei ihm, als bei dem Kallimachus', die ekelhaften Züge die stärksten.
25 Nachdem Eresichthon alles aufgezehret und auch der Op- ferkuh nicht verschonet hatte, die seine ^Mutter der Vesta auffütterte, lässt ihn Kallimachus über Pferde und Katzen herfallen, und auf den Strassen die Brocken und schmutzigen Ueberbleibsel von fremden Tischen betteln: 30 Kai rhv ßüiv ((paya/, Tav Ecma eTpecPf fidrrip, Kai Tov at6\o(p6pov Kai tov iroKtfiTiiov tmroi', * Metamorph, lib. \'iii. ver. 809.
* Hym. in Cererem. ui-u6 [109-113, T15 sq.].
LAOKOON. XXV. 187 Kai TOLV aTKovpoVj rav erpefie ßrjjna fiiKKct., Kai Toß" 6 TÜ) ßacriXrjos eVi TpiuSoicri KaöPjcrTO AItI^cov aKoXüJS' T€ Kol €K8oXa XvfjLaTa Sairos..
Und Ovid lässt ihn zuletzt die Zähne in seine eigene Glieder setzen, um seinen Leib mit seinem Leibe zu nähren [viii. 5 ' Vis tarnen illa mali postquam consumpserat omnem Materiam Ipse suos artus lacero divellere morsu Coepit; et infelix minuendo corpus alebat.' 10 Nur darum waren die hässlichen Harpyen so stinkend, so unflätig, dass der Hunger, welchen ihre Entführung der Speisen bewirken sollte, desto schrecklicher würde. I^Ian höre die Klage des Phineus, beim ApoUonius *: TvtOov 8' riv (Ipa 8t] ttot eSrjrvov 'Va'' Xlnaac, ^5 Uffl ToSe p.v8a\eov re Kai ov tXtjtov fievos oSprjs.
Ov Ke TIS ovöe plvvv6a ßporav avcr^oiTo nfXdcrcras, OiuS' €1 ot ddcipavTOs eXrjXapevov Keap fXrj.
'AXXu /xe TTiKpr) h]Tä k€ Sairüs entcrxft [/. Kai aaros tarxfi] avüyKTj 20 yiiftvfiv, Kai piipvovTa KaKJj fv yaarepi BeaBai, Ich möchte gern aus diesem Gesichtspunkte die ekele Einfüh- rung der Harpyen beim V'irgil entschuldigen; aber es ist kein wirklicher gegenwärtiger Hunger, den sie verursachen, sondern nur ein instehender, den sie prophezeien: und -'5 noch dazu löst sich die ganze Prophezeiung endlich in ein Wortspiel auf. Auch Dante bereitet uns nicht nur auf die Geschichte von der Verhungerung des Ugolino, durch die ekelhafteste, grässlichste Stellung, in die er ihn mit seinem l88 LAOKOON. XXV.
ehemaligen Verfolger in der Hölle setzet; sondern auch die Verhungerung selbst ist nicht ohne Züge des Ekels, der uns besonders da sehr merklich überfällt, wo sich die Söhne dem Vater zur Speise anbieten. 5 Ich komme auf die ekelhaften Gegenstände in der Malerei. Wenn es auch schon ganz unstreitig wäre, dass es eigentlich gar keine ekelhafte Gegenstände für das Gesicht gäbe, von welchen es sich von sich selbst verstünde, dass die IMalerei, als schöne Kunst, ihrer entsagen würde: so müsste sie 10 dennoch die ekelhaften Gegenstände überhaupt vermeiden, weil die Verbindung der Begriffe sie auch dem Gesichte ekel macht. Pordenone lässt, in einem Gemälde von dem Be- gräbnisse Christi, einen von den Anwesenden die Nase sich zuhalten. Richardson missbilliget dieses deswegen*, weil 15 Christus noch nicht so lange todt gewesen, dass sein Leich- nam in Fäulung übergehen können. Bei der Auferweckung des Lazarus hingegen, glaubt er, sei es dem ]\Ialer erlaubt, von den Umstehenden einige so zu zeigen, weil es die Geschichte ausdrücklich sage, dass sein Körper schon 20 gerochen habe. Mich dünkt diese Vorstellung auch hier unerträglich; denn nicht bloss der wirkliche Gestank, auch schon die Idee des Gestankes erwecket Ekel. Wir fliehen stinkende Orte, wenn wir schon den Schnupfen haben. Doch die Malerei will das Ekelhafte, nicht des Ekelhaften 25 wegen; sie will es, sowie die Poesie, um das Lächerliche und Schreckliche dadurch zu verstärken. Auf ihre Gefahr! Was ich aber von dem Hässlichen in diesem Falle angemerkt habe, gilt von dem Ekelhaften um so viel mehr. Es verlieret in einer sichtbaren Nachahmung von seiner Wirkung un- 50 gleich weniger, als in einer hörbaren; es kann sich also auch dort mit den Bestandtheilen des Lächerlichen und LAOKOOX. XX VT. 189 Schrecklichen weniger innig vermischen, als hier; sobald die Ueberraschung vorbei, sobald der erste gierige Blick gesättiget, trennet es sich wiederum gänzlich, und liegt in seiner eigenen cruden Gestalt da.
XXVI. ARGUMENT.
AVinckelmann's Histoiy of Ancient Art having appeared in the mean- time (1764), Lessing will not continue his own work before he has Etudied the book of the great critic. His Essay on the Limits of Painting and Poetry closes, therefore, with the preceding chapter. The last fonr chapters contain interesting observations on some disputed points in the history of art. The twenty-sixth and twenty-seventh chapters are devoted to an inqniry regarding the age of the gronp of Laokoon. Struck with the excellency of the work, Winckelmann ascribed it to the age of Alexander the Great, when among the Greeks art had reached its highest summit of perfection. But through the examination of the passage in Pliny which refers to the statue and by a train of very ingenious reasoning, Lessing arrives at the conclusion (now deemed enoneous) that the famoiis group was executed in the time of the first Roman emperors.
Des Herrn Winckelmanns Geschichte der Kunst des 5 Alterthums ist erschienen. Ich wage keinen Schritt weiter, ohne dieses Werk gelesen zu haben. Bloss aus allgemeinen Begriffen über die Kunst vernünfteln, kann zu Grillen verführen, die man über lang oder kurz, zu seiner Be- schämung, in den Werken der Kunst widerlegt findet. Auch k die Alten kannten die Bande, welche die Malerei und Poesie mit einander verknüpfen, und sie werden sie nicht enger zugezogen haben, als es beiden zuträglich ist. Was ihre Künstler gclhan, wird mich lehren, was die Künstler über- haupt thun sollen; und wo so ein Mann die Fackel der i; Geschichte vorträgt, kann die Speculation kühnlich nach- treten.
190 LAOKOON. XX VI.
Man pfleget in einem wichiigen Werke zu blättern, ehe man es ernstlich zu lesen anfängt. Meine Neugierde war, vor allen Dingen des Verfassers Meinung von dem Laokoon zu wissen; nicht zwar von der Kunst des Werkes, über 5 welche er sich schon anderwärts erkläret hat, als nur von dem Alter desselben. Wem tritt er darüber bei? Denen, welchen Virgil die Gruppe vor Augen gehabt zu haben scheinet? Oder denen, welche die Künstler dem Dichter nacharbeiten lassen?
10 Es ist sehr nach meinem Geschmacke, dass er von einer gegenseitigen Nachahmung gänzlich schweiget. Wo ist die absolute Nothwendigkeit derselben? Es ist gar nicht un- möglich, dass die Aehnlichkeiten, die ich oben zwischen dem poetischen Gemälde und dem Kunstwerke in Erwägung 15 gezogen habe, zufällige und nicht vorsätzliche Aehnlichkeiten sind; und das eine so wenig das Vorbild des andern gewesen, dass sie auch nicht einmal beide einerlei Vorbild gehabt zu haben brauchen. Hätte indess auch ihn ein Schein dieser Nachahmung geblendet, so würde er sich für 20 die erstem haben erklären müssen. Denn er nimmt an, dass der Laokoon aus den Zeiten sei, da sich die Kunst unter den Griechen auf dem höchsten Gipfel ihrer Voll- kommenheit befunden habe; aus den Zeiten Alexander des Grossen.
25 'Das gütige Schicksal,' sagt er\ 'welches auch über die Künste bei ihrer Vertilgung noch gewachet, hat aller Welt zum Wunder ein Werk aus dieser Zeit der Kunst erhalten, zum Beweise von der Wahrheit der Geschichte von der Herrlichkeit so vieler vernichteten Meisterstücke. Laokoon, 30 nebst seinen beiden Söhnen, vom Agesander, ApoUodorus - * Geschichte der Kunst, s. 347. Werke, \'i. 16 Eisel.
* Nicht ApoUodorus, sondern Polydorns. Plinius ist der einzifre, der diese Künstler nennet, und ich wüsste nicht, dass die Handschriften in LAOKOON. XXVI. I9I und Athenodoius aus Rhodus gearbeitet, ist nach aller W'ahrscheinlichkeit aus dieser Zeit, ob man gleich dieselbe nicht bestimmen, und wie einige gethan haben, die Olympias, in welcher diese Künstler geblühet haben, angeben kann.'
In einer Anmerkung setzet er hinzu: ' Plinius meldet kein 5 Wort von der Zeit, in welcher Agesander und die Gehülfen an seinem Werke gelebet haben; Maft'ei aber, in der Erklärung alter Statuen, hat wissen wollen, dass diese Künstler in der achtundachtzigsten Olympias geblühet haben, und auf des- sen Wort haben andere, als Richardson, nachgeschrieben, ic Jener hat, wie ich glaube, einen Athenodorus unter des Poly- cletus Schülern für einen von unsern Künstlern genommen, und da Polycletus in der siebenundachtzigsten Olympias ge- blühet, so hat man seinen vermeinten Schüler eine Olympias später gesetzet: andere Gründe kann Maffei nicht haben.' 15 Er konnte ganz gewiss keine andere haben. Aber warum lässt es Herr Winckelmann dabei bewenden, diesen ver- meinten Grund des INIaffei bloss anzuführen? Widerlegt er sich von sich selbst? Nicht so ganz. Denn wenn er auch schon von keinen andern Gründen unterstützt ist, so 20 machet er doch schon für sich selbst eine kleine Wahrschein- lichkeit, wo man nicht sonst zeigen kann, dass Athenodorus, des Polyklets Schüler, und Athenodorus, der Gehülfe des Agesander und Polydorus, unmöglich eine und eben dieselbe Person können gewesen sein. Zum Glücke lässt sich dieses 25 zeigen, und zwar aus ihrem verschiedenen Vaterlande. Der erste Athenodorus war, nach dem ausdrücklichen Zeugnisse des Pausanias^, aus Kliior in Arkadien; der andere hindiesem Namen von einander abgingen. Hardiiin würde es gewiss sonst angemerkt haben. Auch die altern Ausgaben lesen alle Polydorns. Herr Winckelmann muss sich in dieser Kkinigkeit bloss verschrieben haben.
193 LAOKOON. XXVI.
g-egen, nach dem Zeugnisse des Plinius, aus Rhodus ge- bürtig.
Herr Winckelmann kann keine Absicht dabei gehabt haben, dass er das Vorgeben des Maffei, durch Beifügung 5 dieses Umstandes, nicht unwidersprechlich widerlegen wollen. Vielmehr müssen ihm die Gründe, die er aus der Kunst des Werks, nach seiner unstreitigen Kenntniss, ziehet, von solcher Wichtigkeit geschienen haben, dass er sich unbekümmert gelassen, ob die Meinung des Maffei noch einige Wahr- 10 scheinlichkeit behalte oder nicht. Er erkennet, ohne Zweifel, in dem Laokoon zu viele von den ' argutiis \' die dem Ly- sippus so eigen waren, mit welchen dieser Meister die Kunst zuerst bereicherte, als dass er ihn für ein Werk vor desselben Zeit halten sollte.
15 Allein, wenn es erwiesen ist, dass der Laokoon nicht älter sein kann, als Lysippus, ist dadurch auch zugleich erwiesen, dass er ungefähr aus seiner Zeit sein müsse.-' dass er un- möglich ein weit späteres Werk sein könne? Damit ich die Zeiten, in welchen die Kunst in Griechenland, bis zum 20 Anfange der römischen Monarchie, ihr Haupt bald wiederum empor hob, bald wiederum sinken Hess, übergehe: warum hätte nicht Laokoon die glückliche Frucht des Wetteifers sein können, welchen die verschwenderische Pracht der ersten Kaiser unter den Künstlern entzünden musste?
35 Warum könnten nicht Agesander und seine Gehülfen die Zeitverwandten eines Strongylion, eines Arcesilaus, eines Pasiteles, eines Posidonius, eines Diogenes sein? Wurden nicht die Werke auch dieser Meister zum Theil dem Besten, was die Kunst jemals hervorgebracht halte, gleich 30 geschälzet? Und wann noch ungezweifelte Stücke von selbigen vorhanden wären, das Alter ihrer Urheber aber wäre unbekannt, und Hesse sich aus nichts schliessen, als ^ Plinius, lib. xxxiv. sect. 19. 5 65. p. 653. Edit. Hard.
LAOKOON. XXVr. I93 aus ihrer Kunst, welche göttliche Eingebung müsste den Kenner verwahren, dass er sie nicht eben sowohl in jene Zeiten setzen zu müssen glaubte, die Herr Winckelmann allein des Laokoons würdig zu sein achtet?
Es ist w^ahr, Phnius bemerkt die Zeit, in welcher die 5 Künstler des Laokoons gelebt haben, ausdrücklich nicht. Doch wenn ich aus dem Zusammenhang der ganzen Stelle schliessen sollte, ob er sie mehr unter die alten oder unter die neuern Artisten gerechnet wissen wollen: so bekenne ich, dass ich für das letztere eine grössere Wahrscheinlichkeit darin 10 zu bemerken glaube. I\Ian urtheile.
Nachdem Plinius von den ältesten und grössten l\reistern in der Bildhauerkunst, dem Phidias, dem Praxiteles, dem Scopas, etwas ausführlicher gesprochen, und hierauf die übrigen, besonders solche, von deren Werken in Rom etwas 15 vorhanden war, ohne alle chronologisch Ordnung namhaft gemacht, so fährt er folgender Gestalt fort ^: ' Nee [deinde] multo plurium fama est, quorundam claritati in operibus exi- miis obstante numero artificum, quoniam nee unus occupat gloriam, nee plures pariter nuncupari possunt, sicut in Lao- ^o coonte, qui est in Titi imperatoris domo, opus omnibus et picturae artis praeponendum [/. praeferendum]. Ex uno lapide eum et [/. ac] liberos draconumque mirabiles nexus de con- silii sententia fecere summi artifices, Agcsander et Polydorus et Athenodorus Rhodii. Similiter Palatinas domus Caesarum 25 replevere probatissimis signis Craterus cum Pythodoro, Poly- dectes [/. Polydeuces] cum Hermolao, Pythodorus alius cum Artemone, et singularis Aphrodisius Trallianus. Agrippae Pantheum decoravit Diogenes Atheniensis, et Caryatides in columnis tempU eins [/. in col. templ. eins Car.] probantur 30 inter pauca operum: sicut in fastigio posita signa, sed propter altitudinem loci minus celebrata.'
194 LAOKOON. XXVI.
Von allen den Künstlern, welche in dieser Stelle genannt •werden, ist Diogenes von Athen derjenige, dessen Zeitalter am unwidersprechlichsten bestimmt ist. Er hat das Pantheum des Agrippa ausgezieret; er hat also unter dem Augustus ge- 5 lebt. Doch man erwäge die Worte des Plinius etwas genauer, und ich denke, man wird auch das Zeitalt^ des Craterus und Pythodorus, des Polydektes [/, Polydeukes] und Hermolaus, des zweiten Pythodorus und Artemons, so' wie des Aphro- disius Trallianus, eben so unwidersprechlich bestimmt finden.
lo Er sagt von ihnen: ' Palalinas domus Caesarum replevere pro- batissimis signis.' 'Ich frage: kann dieses wohl nur so viel heissen, dass von ihren vortrefflichen Werken die Paläste der Kaiser angefüllet gewesen? In dem Verstände nämlich, dass die Kaiser sie überall zusammen suchen und nach Rom in 15 ihre Wohnungen versetzen lassen? Gewiss nicht. Sondern sie müssen ihre Werke ausdrücklich für diese Paläste der Kaiser gearbeitet, sie müssen zu den Zeiten dieser Kaiser gelebt haben. Dass es späte Künstler gewesen, die nur in Italien gearbeitet, lässt sich auch schon daher schliessen, 20 weil man ihrer sonst nirgends gedacht findet. Hätten sie in Griechenland in früheren Zeiten gearbeitet, so würde Pau- sanias ein oder das andere Werk von ihnen gesehen und ihr Andenken uns aufbehalten haben. Ein Pythodorus kömmt zwar bei ihm vor ^, allein Harduin hat sehr Unrecht, ihn für 25 den Pythodorus in der Stelle des Plinius zu halten. Denn Pausanias nennet die Bildsäule der Juno, die er von der Arbeit des erstem zu Koronea in Böotien sah, nyoK^ia d/^xalo«', welche Benennung er nur den Werken derjenigen Meister giebt, die in den allerersten und rauhesten Zeiten der Kunst, 30 lange vor einem Phidias und Praxiteles, gelebt hatten. Und mit Werken solcher Art werden die Kaiser gewiss nicht ihre • Boeotic. cap. xxxiv. 1. ix. 34. 3. p. 77S. Edit. Kuhn.
LAOKOOX. XXVT. 195 Paläste ausgezieret haben. Noch weniger ist auf die andere Vermuthung des Harduins zu achten, dass Artemon viel- leicht der Maler gleiches Namens sei, dessen Plinius an einer andern Stelle gedenket. Name und Name geben nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit, derenwegen man noch lange 5 nicht befugt ist, der natürlichen Auslegung einer unverfälschten Stelle Gewalt anzuthun.
Ist es aber sonach ausser allem Zweifel, dass Cratems und Pythodorus, dass Polydektes [/. Polydeukes] und Hermolaus, mit den übrigen, unter den Kaisern gelebet, deren Paläste sie 10 mit ihren trefflichen Werken angefüllet: so dünkt mich, kann man auch denjenigen Künstlern kein ander Zeitalter geben, von welchen Plinius auf jene durch ein ' similiter ' übergehet. Und dieses sind die Meister des Laokoon. Man überlege es nur: wären Agesander, Polydorus und Athenodorus so alte 15 Meister, als wofür sie Herr Winckelmann hält; wie unschick- lich würde ein Schriftsteller, dem die Präcision des Ausdruckes keine Kleinigkeit ist, wenn er von ihnen auf einmal auf die allerneuesten Meister springen müsste, diesen Sprung mit einem 'gleicher Gestalt' thun? 20