SigPhi · Gotthold Ephraim Lessing

Laokoon, oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie

Page 4 of 24

LAOKOOK. V. 45 finden. Nun kommen aber diese mit der Erzählung des Virgils im gerirxgsten nicht überein, sondern der römische Dichter muss die griechische Tradition völlig nach seinem Gutdünken umgeschmolzen haben. Wie er das Unglück des Laokoon erzählet, so ist es seine eigene Erfindung; 5 folglich, wenn die Künstler in ihrer Vorstellung mit ihm harmoniren, so können sie nicht wohl anders als nach sei- ner Zeit gelebt, und nach seinem Vorbilde gearbeitet haben.

Quintus Calaber lässt zwar den Laokoon einen gleichen Verdacht, wie Virgil, wider das hölzerne Pferd bezeigen; 10 allein der Zorn der Minerva, welchen sich dieser dadurch zuziehet, äussert sich bei ihm ganz anders. Die Erde erbebt unter dem warnenden Trojaner; Schrecken und Angst über- fallen ihn; ein brennender Schmerz tobt in seinen Augen; sein Gehirn leidet; er raset; er verblindet. Erst, da er blind 15 noch nicht aufhört, die Verbrennung des hölzernen Pferdes anzurathen, sendet Minerva zwei schreckliche Drachen, die aber bloss die Kinder des Laokoon ergreifen. Umsonst strecken diese die Hände nach ihrem Vater aus; der arme blinde Mann kann ihnen nicht helfen; sie werden zerfleischt, 20 und die Schlangen schlupfen in die Erde. Dem Laokoon selbst geschieht von ihnen nichts; und dass dieser Umstand dem Quintus* nicht eigen, sondern vielmehr allgemein angenommen müsse gewesen sein, bezeiget eine Stelle des Lykophron, wo diese Schlangen- das Beiwort der Kinder- 25 fresser führen.

War er aber, dieser Umstand, bei den Griechen allgemein angenommen, so würden sich griechische Künstler schwerlich erkühnt haben, von ihm abzuweichen, und schwerlich würde * Paralip. lib. xii. rer. 398-408, et ver. 439-474. - Oder vieiraehr, Schlange; denn Lykophron (^ver. 347) scheinet nur eine angenommen zu haben: Kai iraiSoßpSiTOS nupKfois vr]<Tovi SiirXäf.

46 LAOKOON. V.

es sich getroffen haben, dass sie auf eben die Art wie ein römischer Dichter abgewichen wären, wenn sie diesen Dichter nicht gekannt hätten, wenn sie vielleicht nicht den ausdrück- lichen Auftrag gehabt hätten, nach ihm zu arbeiten. Auf 5 diesem Punkte, meine ich, müsste man bestehen, wenn man den Marliani und Montfaucon vertheidigen wollte. Virgil ist der erste und einzige ^, welcher sowohl Vater als Kinder ' Ich erinnere mich, dass man das Gemälde hierwider anführen könnte, welches Euniolp bei dem Petron auslegt. Es stellte die Zerstö- rung von Troja, imd besonders die Geschichte des Laokoon, vollkommen so vor, als sie Virgil erzählet; und da in der nämlichen Gallerie zu Neapel, in der es stand, andere alte Gemälde vom Zeuxis, Protogenes, Apelles waren, so Hesse sich vcrmuthen, dass es gleichfalls ein altes griechisches Gemälde gewesen sei. Allein man erlaube mir, einen Romandichter für keinen Historicus halten zu dürfen. Diese Gallerie, und dieses Gemälde, und dieser Eumolp haben, allem Ansehen nach, nirgends als in der Phantasie des Petrons existiret. Nichts verräth ihre gänzliche Erdichtung deutlicher, als die offenbaren Spuren einer beinahe schülermääsigen Nachahmung der Virgiiischen Beschreibung. Es wird sich der Mühe verlohnen, die Vergleichung anzustellen. So Virgil 'Hie aliud malus mi?eris multoque tremendum Obicitur magis, atque improvida pectora turbat, Laocoon, duclus Neptuno Sorte sacerdos, Sollemnis taurum ingentem mactabat ad aras. Ecce autem geniini a Tenedo tranquilla per alta (Ilorresco referens) immensis orbibus angues Incumbunt pelago, pariterque ad litora tendunt: Pectora quorum inter fluctus arrecta, iubaeque h, C^i-v+t) Sanguineae exsuperant undas: pars cetera pontum ^""j^J^X Ppne legit, sinuatque immensa volumine terga.

'Vf^''*^^'^ Eit sonitus spumante salo: iamque arva tenebant, Ardentesque oculos suffecti sanguine et igni Sibila lambebant Unguis vibrantibus ora. Diffugimus visu exsangues. Uli agmine certo Laocoonta petunt, et primum parva duorum Corpora naiorum serpens amplexus ulerque Implicat, et miseros morsu depascitur arlus. Post ipsum, auxilio subeuntem ac tela ferentem, Corripiunt, spirisque ligant ingentibus: et iam Eis medium amplexi, bis coUo squamea circum Terga dati, sujierant capite et cervicibus altis. Tlle simul manibus tendit divellere nodos, Perfusus sanie vitlas atroque veneno: U^j.

LAOKOON. V. 47 von den Schlangen umbringen lässt; die Bildhauer thun dieses gleichfalls, da sie es doch als Griechen nicht hätten thun sollen: also ist es wahrscheinlich, dass sie es auf Ver- anlassung des Virgils gethan haben.

Clamores simul horrendos ad sidera tollit. Quales mugitus, fngit cum saucius aram Taurus et incertam excussit cervice securim.* Und so Eumolp (Petr. c. 89. ver. 29-51), (von dem man sagen könnte, dass es ihm wie allen Poeten aus dem Stegreife ergangen sei; ihr Ge- dächtniss hat immer an ihren Versen eben so viel Antheil, als ihre Einbildung): ' Ecce alia monstra. Celsa qua Tenedos mare Undaque resultat scissa tranquillo_jninor. V^^Jui*/^ 'Y Qualis silenti nocte remorum sonus ' Longe refertur, cum premunt classes mare, Pulsumque niarmor abiete imposita gemit.

Respicimus, angues orbibus geminis terunt Ad saxa fluctus: tumida quorum pectora Rates ut altae, lateribus spumas agunt: Dat cauda sonitum; liberae ponto iubae Coniscant [/. consentiunt] luminibus, fulniineum iubar Incendit aequor, sibilisque undae tremunt: Stupuere mentes. Infulis stabant sacri Phrj'gioque cultu gemina nati pignora Laocoonte, quos repente tergoribus ligant Angues corusci: parvulas illi manus Ad ora referunt: neuter auxilio sibi, Uterque fratri transtulit pias vices [/. fratri: transtulit pielas vices], Morsque ipsa miseros mutuo perdit metu.

Accumulat ecce liberum funus Parens, Infirmus auxiliator; invadunt virum Jam morte pasti, membraque ad tcrram trahunt.

Jacet sacerdos inter aras victima.' Die Kauptzüge sind in beiden Stellen eben dieselben, und verschiedenes ist mit den nämlichen Worten ausgedrückt. Doch das sind Kleinig- keiten, die von selbst in die Augen fallen. Es giebt andere Kennzeichen der Nachahmung, die feiner, aber nicht weniger sicher sind. Ist der Nachahmer ein RIann, der sich etwas zutrauet, so ahmet er selten nach, ohne verschönern zn wollen; und wenn ihm dieses Verschönern, nach seiner Meinung, geglückt ist, so ist er Fuchs genug, seine Fusstapfen, die den Weg, welchen er hergekommen, verrathen würden, mit dem Schwänze zuzukehren. Aber eben diese eitle Begierde zu verschönem, und diese Behutsamkeit Original zu scheinen, entdeckt ihn. Denn sein Verschönern ist nichts als Ueberlreibung und unnatürliches Kaffiniren Virgil sagt: 'sanguineae iubae; Petron:' 'liberae iubae luminibus 48 LAOKOON. V.

48 LAOKOON. V.

Ich empfinde sehr wohl, wie viel dieser Wahrscheinlichkeit zur historischen Gewissheit mangelt. Aber da ich auch nichts historisches weiter daraus schliessen will, so glaube ich wenigstens, dass man sie als eine Hypothese kann gelten 6 lassen, nach welcher der Kritiker seine Betrachtungen anstellen darf. Bewiesen oder nicht bewiesen, dass die Bildhauer dem Virgil nachgearbeitet haben; ich will es bloss cornscant [/. consentiunt].' Virgil: 'ardentes oculos suffecti sanguine et igni;' Petron: 'fulmineum iubar incendit aequor.' Virgil: 'fit sonitus spnmante salo; ' Petron: ' sibilis undae tremunt.* So geht der Nachahmer immer aus dem Grossen ins Ungeheuere, aus dem Wunder- baren ins Unmögliche. Die von den Schlangen umwundenen Knaben, sind dem Virgil ein Parergon, das er mit wenigen bedeutenden Strichen "**^^^ hinsetzt, in welchen man nichts als ihr Unvermögen und ihren Jammer '"^ erkennet. Petron malt dieses Nebenwerk aus, und macht aus den Knaben ein Paar heldenmüthige Seelen,...* neuter auxilio sibi, Uterque fratri transtulit pias vices [s. oben], Morsque ipsa miseros mutuo perdit metu.' Wer erwartet von Menschen, von Kindern, diese Selbstverleugnung? Wie viel besser kannte der Grieche die Natur (Quintus Calaber, lib. xii. ver. 459-461, ver. 467-469), welcher bei Erscheinung der schrecklichen Schlangen sogar die Mutter ihrer Kinder vergessen Idsst, so sehr war jedes nur auf seine eigene Erhaltung bedacht...tvQa [/. av h\ Köchly] ywaiKd Oifioj^oy, Kai TTov Tis (wv infKrjaaTO Ti/cvojv, AÜT^ äXivo^ivr) aTvyepdv fiupov...Zu verbergen sucht sich der Nachahmer gemeiniglich dadurch, dass er den Gegenständen eine andere Beleuchtung giebt, die Schatten des Originals heraus, und die Lichter zurücktreibt. Virgil giebt sich Mühe, die Grösse der Schlangen recht sichtbar zu machen, weil von dieser Grösse die Wahrscheinlichkeit der folgenden Erscheinung abhängt; das Geräusche, welches sie verursachen, ist nur eine Nebenidee, und bestimmt, den Begriff der Grösse auch dadurch lebhafter zu machen. Petron hingegen macht diese Nebenidee zur Hauptsache, beschreibt das Geräusch mit aller möglichen Ueppigkeit, und vergisst die Schilderung der Grösse so sehr, dass wir sie nur fast aus dem Geräusche schliessen müssen. Es ist schwerlich zu glauben, dass er in diese Unschicklichkeit verfallen wäre, wenn er bloss aus seiner Einbildung geschildert, und kein Muster vor sich gehabt hätte, dem er nachzeichnen, dem er aber nachgezeichnet zu haben, nicht verrathen wollen. So kann man zuver-~| I lässig jedes poetische Gemälde, das in kleinen Zügen überladen, und in den grossen fehlerhaft ist, für eine verunglückte Nachahmung halten, es ' mag sonst so viele kleine Schönheiten habcE als es will, und das Original j mag sich lassen angeben können oder nicht.

LAOKOON. V. 49 annehmen, um zu sehen, wie sie ihm sodann nachgearbeitet hätten. Ueber das Geschrei habe ich mich schon erklärt. Vielleicht, dass mich die weitere Vergleichung auf nicht weniger unterrichtende Bemerkungen leitet.

Der Einfall, den Vater mit seinen beiden Söhnen durch die 5 mördrischen Schlangen in einen Knoten zu schürzen, ist ohnstreitig ein sehr glücklicher Einfall, der von einer un- gemein malerischen Phantasie zeiget. Wem gehört er? Dem Dichter, oder den Künstlern? Montfaucon will ihn bei dem Dichter nicht finden.^ Aber ich meine, Montfaucon hat den lo Dichter nicht aufmerksam genug gelesen.

'...illi agniine certo Laocoonta petunt, et primum parva duorum Corpora natorum serpcns amplexus uterque Implicat et miseros morsu dcpascitur artus. 15 Post ipsum, auxilio subeuntem et tela ferentem ^j^^-^-^'-^"' Corripiunt, spirisque ligant ingentibus...'

Der Dichter hat die Schlangen von einer wunderbaren Länge geschildert. Sie haben die Knaben umstrickt, und da der Vater ihnen zu Hülfe kömmt, ergreifen sie auch ihn {cor- 20 ripiunt). Nach ihrer Grösse konnten sie sich nicht auf einmal von den Knaben loswinden; es musste also einen Augenblick geben, da sie den Vater mit ihren Köpfen und Vorderlheilen schon angefallen hatten, und mit ihren Hinter- theilen die Knaben noch verschlungen hielten. Dieser 25 Augenblick ist in der Fortschreitung des poetischen Gemäldes nothwendig; der Dichter lässt ihn sattsam empfinden; nur ihn auszumalen, dazu war jetzt die Zeit nicht. Dass ihn die * Suppl. aux Antiq. Expl. t. i. p. 243. ' II y a quelque petite diffe- rence enire ce que dii Virgile, et ce que le marbie represente. II semble, Selon ce que dit le poete, que les serpens quillerent les deux enfans pour venir entortiller le pere, au lieu que dans ce maibre ils lient en meme temps les enfans et leur peie.'

50 LAOKOON. V, 50 LAOKOON. V, alten Ausleger auch wirklich empfunden haben, scheint eine Stelle des Donatus^ zu bezeigen. Wie viel weniger wird er den Künstlern entwischt sein, in deren verständiges Auge alles, was ihnen vortheilhaft werden kann, so schnell und 5 deutlich einleuchtet?

In den Windungen selbst, mit welchen der Dichter die Schlangen um den Laokoon führet, vermeidet er sehr sorgfällig die Arme, um den Händen alle ihre Wirksamkeit zu lassen.

lo 'Ille simul manibus tendit divellere nodos.'

Hierin mussten ihm die Künstler nothwendig folgen. Nichts giebt mehr Ausdruck und Leben, als die Bewegung der Hände; im Affecte besonders, ist das sprechendste Gesicht ohne sie unbedeutend. Aime, durch die Ringe der Schlangen 15 fest an den Körper geschlossen, würden Frost und Tod über die ganze Gruppe verbreitet haben. Also sehen wir sie, an der Hauptfigur sowohl als an den Nebenfiguren, in völliger Thätigkeit, und da am meisten beschäftiget, wo gegenwärtig der heftigste Schmerz ist.

20 Weiter aber auch nichts, als diese Freiheit der Arme, fanden die Künstler zuträglich, in Ansehung der Verstrickung der Schlangen, von dem Dichter zu entlehnen. Virgü lässt die Schlangen doppelt um den Leib, und doppelt um den * Donatus ad v. 227, lib. ii. Aeneid. (im Virg. ed. Lucius, Bas. 1561, p. 572) ' Mirandura non est, clypeo et simulachri vestigiis tegi potuisse, quos supra et longos et validos dixit, et multiplici ambitu circumdedisse Laocoontis corpus ac liberorum, et fuisse superfluam partem.' Mich dünkt übrigens, dass in dieser Stelle aus den Worten ' mirandura non est,' entweder das * non ' wegfallen muss, oder am Ende der ganze Nachsatz mangelt. Denn da die Schlangen so ausserordentlich gross waren, so ist es allerdings zu verwundern, dass sie sich unter dem Schilde der Göttin verbergen können, wenn dieses Schild nicht selbst sehr gross war, und zu einer colossalischen Figur gehörte. Und die Versicherung hievon musste der mangelnde Nachsatz sein; oder das ' non ' hat kernen Sinn.

LAOKOON. V. 51 Hals des Laokoon sich winden, und hoch mit ihren Köpfen über ihn herausragen.

' Bis medium amplexi, bis collo squamea circum Terga dati, superant capite et cervicibus altis.'

Dieses Bild füllt unsere Einbildungskraft vortrefflich; die 5 edelsten Theile sind bis zum Ersticken gepresst, und das Gift geht gerade nach dem Gesichte. Dem ohngeachtet war es kein Bild für Künstler, welche die Wirkungen des Giftes und des Schmerzes in dem Körper zeigen wollten. Denn um diese bemerken zu können, mussten die Haupttheile so frei 10 sein als möglich, und durchaus musste kein äussrer Druck auf sie wirken, welcher das Spiel der leidenden Nerven und arbeitenden Muskeln verändern und schwächen könnte. Die doppelten Windungen der Schlangen würden den ganzen Leib verdeckt haben, und jene schmerzliche Einziehung des 15 Unterleibs, welche so sehr ausdrückend ist, würde unsichtbar geblieben sein. Was man über, oder unter, oder zwischen den Windungen, von dem Leibe noch erblickt hätte, würde unter Pressungen und Aufschwellungen erschienen sein, die nicht von dem inneren Schmerze, sondern von der äussern:o Last gewirket worden. Der eben so oft umschlungene Hals würde die pyramidalische Zuspitzung der Gruppe, welche dem Auge so angenehm ist, gänzlich verdorben haben; und die aus dieser Wulst ins Freie hinausragenden spitzen Schlangenköpfe hätten einen so plötzlichen Abfall von 25 Mensur gemacht, dass die Form des Ganzen äusserst anslös- sig geworden wäre. Es giebt Zeichner, welche unverständig genug gewesen sind, sich dcmohngeachtet an den Dichter zu binden. Was denn aber auch daraus geworden, lässt sich unter andern aus einem Blatte des Franz Cleyn^ mit Abscheu * In der prächtigen Ausgabe von Drydens englischem Virgil (London 1697 in gross Folio). Und doch hat auch dieser die ^Yindungen der 53 LAOKOON. V.

erkennen. Die alten Bildhauer übersahen es mit einem Blicke, dass ihre Kunst hier eine gänzliche Abänderung erfordere. Sie verlegten alle Windungen von dem Leibe und Halse um die Schenkel und Fiisse. Hier konnten diese .•5 Windungen, dem Ausdrucke unbeschadet, so viel decken und pressen, als nöthig war. Hier erregten sie zugleich die Idee der gehemmten Flucht und einer Art von Unbe- weglichkeit, die der künstlichen Fortdauer des nämlichen Zustandes sehr vortheilhaft ist.

10 Ich weiss nicht, wie es gekommen, dass die Kunstrichter diese Verschiedenheit, welche sich in den Windungen der Schlangen zwischen dem Kunstwerke und der Beschreibung des Dichters so deutlich zeiget, gänzlich mit Stillschweigen übergangen haben. Sie erhebet die Weisheit der Künstler 15 eben so sehr als die andre, auf die sie alle fallen, die sie aber nicht sowohl anzupreisen wagen, als vielmehr nur zu entschuldigen suchen. Ich meine die Verschiedenheit in der Bekleidung. Virgils Laokoon ist in seinem priesterlichen Ornate, und in der Gruppe erscheinet er, mit beiden seinen 20 Söhnen, völlig nackend. I\Ian sagt, es gebe Leute, welche eine grosse Ungereimtheit darin fänden, dass ein Königssohn, ein Priester, bei einem Opfer, nackend vorgestellt werde. Und diesen Leuten antworten Kenner der Kunst in allem Ernste, dass es allerdings ein Fehler wider das Uebliche 25 sei, dass aber die Künstler dazu gezwungen worden, weil sie ihren Figuren keine anständige Kleidung geben können. Die Bildhauerei, sagen sie, könne keine Stoffe nachahmen; dicke Falten machten eine üble Wirkung; aus zwei Un- bequemlichkeiten habe man also die geringste wählen, und Schlangen um den Leib nur einfach, und um den Hals fast gar nicht geführt. Wenn ein so mittelm'assiger Künstler anders eine Entschuldi- gung verdient, so könnte ihm nur die zu Statten kommen, dass Kupfer zw einem Buche als blosse Eiläuteiungen, nicht aber als für sich beste- hende Kunstwerke zu betrachten sind.

LAOKOON. V. ^7^ LAOKOON. V. ^7^ lieber gegen die Wahrheit selbst Verstössen, als in den Gewändern tadelhaft werden müssen.^ Wenn die al'cn Artisten bei dem Einwurfe lachen würden, so weiss ich niclit, was sie zu der Beantwortung sagen dürften. Man kann die Kunst nicht tiefer herabsetzen, als es dadurch geschiehet. 5 Denn gesetzt, die Sculptur könnte die verschiedenen Stoffe eben so gut nachahmen, als die Malerei: würde sodann Laokoon nothwendig bekleidet sein müssen? Würden wir unter dieser Bekleidung nichts verlieren? Hat ein Gewand, das Werk sklavischer Hände, eben so viel Schönheit als das 10 Werk der ewigen Weisheit, ein organisirter Körper? Erfordert es einerlei Fähigkeiten, ist es einerlei Verdienst, bringt es einerlei Ehre, jenes oder diesen nachzuahmen? Wollen unsere Augen nur getäuscht sein, und ist es ihnen gleich viel, womit, sie getäuscht werden? ^5 Bei dem Dichter ist ein Gewand kein Gewand; es ver- deckt nichts; unsere Einbildungskraft sieht überall hindurch. Laokoon habe es bei dem Virgil, oder habe es nicht, sein ' So urtheilt selbst De Piles in seinen Anmerkungen über den Du Fresnoy, v. 210. ' Remarquez, s'il vous plait, que les draperies tendrcs et legeres n'etant donnees qu'au sexe feminin, les anciens Sculpteurs ont evite autant qu'ils ont pü, d'habiller les figiires d'hommes; parce qu'ils ont pense, comme nous Favons dejä dit, qu en Sculpture on ne pouvait imiter les etoffes et que les gros plis faisaient un mauvais efFet. II y a presque autant d'exemples de cette verite, qu'il y a parmi les antiquesde figurev d'hommes nuds. Je rapporterai seulement celui du Laocoon lequel selon la vraisemblance devrait etre vetu. En effet, quelle appa- rence y a-t-il qu'un fils de Roi, qu'un Pretre d'ApoUon se trouvat tout nu dans la ceremonie actuelle d'un sacrifice; car les serpens passerent de risle de Tenedos au rivage de Troye. et surprirent Laocoon et ses fils dans le tems meme qu'il sacrifiait ä Neptime sur le bord de la mer, comme le marque Virgile dans le second livre de son Eneide. Cepen- dant les Artistes, qui sont les Auteurs de ce bei ouvrage, ont bien vu, qu'ils ne pouvaient pas leur donncr de volemens convenables ä leur qualite, sans faire comme un amas de pierres, dont la masse restem- blerait ä un rocher, au Heu des trois admirablcs figiires, qui ont ete et qui sont toujours Tadmiration des siecles. C'est ]iour cela que de deux inconvcnicns ils ont juge celui des draperies bcaucoup plus facheux, que celui d'aller contre la verite meme.'

54 LAOKOON. V.

Leiden ist ihr an jedem Theile seines Körpers einmal so sichtbar wie das andere. Die Stirne ist mit der priesterlichen Binde für sie umbunden, aber nicht umhüllt. Ja, sie hindert nicht allein nicht, diese Binde; sie verstärkt auch noch den 5 Begriff, den wir uns von dem Unglücke des Leidenden machen.

' Perfusus sanie vittas atroque veneno.* Nichts hilft ihm seine priesterliche Würde; selbst das Zeichen derselben, das ihm überall Ansehen und Verehrung verschafft, 10 wird von dem giftigen Geifer durchnetzt und entheiliget.

Aber diesen Nebenbegriff musste der Artist aufgeben, wenn das Hauptwerk nicht leiden sollte. Hätte er dem Laokoon auch nur diese Binde gelassen, so würde er den Ausdruck um ein grosses geschwächt haben. Die Stirne 15 wäre zum Theil verdeckt worden, und die Stirne ist der Sitz des Ausdruckes. Wie er also dort, bei dem Schreien, den Ausdruck der Schönheit aufopferte, so opferte er hier das Uebliche dem Ausdrucke auf. Ueberhaupt war das Uebliche bei den Alten eine sehr geringschätzige Sache. Sie fühlten, 20 dass die höchste Bestimmung ihrer Kunst sie auf die völlige Entbehrung desselben führte. Schönheit ist diese höchste Bestimmung; Noth erfand die Kleider, und was hat die Kunst mit der Noth zu thun? Ich gebe es zu, dass es auch eine Schönheit der Bekleidung giebt; aber was ist sie gegen 25 die Schönheit der menschlichen Form? Und wird der, der das Grössere erreichen kann, sich mit dem Kleinern be- gnügen? Ich fürchte sehr, der vollkommenste Meister in Gewändern zeigt durch diese Geschicklichkeit selbst, woran es ihm fehlt.

LAOKOON. VI. f^^ VI.

ARGUMENT.

If the artists imitated the poet in the conception of the group of Laokoon, they certainly rejected some traits of Virgil's description, the sphcre ofpoetry being wider than that of plastic art. The poet, on the other hand, might safely have imitated every featnre of the plastic representation; in fact, Sadolet's beautiful poem on the statue of Laokoon is nothing but a faithful description of it. Now, if we sup- pose that Virgil imitated the sculptor, how can we account for his many deviations, which, under these circumstances, would seem quite arbitrary, nay inexplicable, as his description in those very deviations rejects what is decidedly more beautiful than what he puts in its place?

Meine Voraussetzung, dass die Künstler dem Dichter nachgeahmet haben, gereicht ihnen nicht zur Verkleinerung. Ihre Weisheit erscheinet vielmehr durch diese Nachahmung in dem schönsten Lichte. Sie folgten dem Dichter, ohne sich in der geringsten Kleinigkeit von ihm verführen zu 5 lassen. Sie hatten ein Vorbild, aber da sie dieses Vorbild aus einer Kunst in die andere hinübertragen mussten, so fanden sie genug Gelegenheit selbst zu denken. Und diese ihre eigenen Gedanken, welche sich in den Abweichungen von ihrem Vorbilde zeigen, beweisen, dass sie in ihrer Kunst 10 eben so gross gewesen sind, als er in der seinigen.

Nun will ich die Voraussetzung umkehren: der Dichter soll den Künstlern nachgeahmet haben. Es giebt Gelehrte, die diese Voraussetzung als eine Wahrheit behaupten. ' Dass sie historische Gründe dazu haben könnten, wüsste ich 15 nicht. Aber, da sie das Kunstwerk so überschwenglich * Maffei, Richardson, und noch neuerlich der Herr von Hagedom. (Betrachtungen über die Malerei, S. 37. Richardson, Traite de la Peinture, tome iii. p. 513). De Fontaines verdient es wohl nicht, dass ich ihn diesen Männern beifüge. Er hält zwar, in den Anmerkungen zn seiner Uebersetzung des Virgils, gleichfalls dafür, dass der Dichter die Gruppe in Augen gehabt habe; er ist aber so unwissend, dass er sie für ein Werk des Phidias ausgiebt.

56 LAOKOON. VI...U schön fanden, so konnten sie sich nicht bereden, dass es aus so später Zeit sein sollte. Es musste aus der Zeit sein, da die Kunst in ihrer vollkommensten Blüihe war, weil es daraus zu sein verdiente.

5 Es hat sich gezeigt, dass, so vortrefflich das Gemälde des . J Virgils ist, die Künstler dennoch verschiedene Züge desselben ,„^(f^^*- ' nicht brauchen können. Der Satz leidet also seine Ein- Jt-J^*^ schränkung, dass eine gute poetische Schilderung auch ein gutes wirkliches Gemälde geben müsse, und dass der Dichter lo nur in so weit gut geschildert habe, als ihm der Artist in allen Zügen folgen könne. Man ist geneigt diese Ein- schränkung zu vermutlien, noch ehe man sie durch Beispiele erhärtet sieht; bloss aus Erwägung der weitern Sphäre der Poesie, aus dem unendlichen Felde unserer Einbildungskraft, 15 aus der Geistigkeit ihrer Bilder, die in grösster Menge und Mannigfaltigkeit neben einander stehen können, ohne dass eines das andere deckt oder schändet, wie es wohl die Dinge selbst, oder die natürlichen Zeichen derselben in den engen Schranken des Raumes oder der Zeit thun würden.

20 Wenn aber das Kleinere das Grössere nicht fassen kann, bO kann das Kleinere in dem Grösseren enthalten sein. Ich will sagen: wenn nicht jeder Zug, den der malende Dichter braucht, eben die gute Wirkung auf der Fläche oder in dem Marmor haben kann: so möchte vielleicht jeder Zug, dessen 25 sich der Artist bedienet, in dem Werke des Dichters von eben so guter Wirkung sein können? Ohnstreitig; denn was wir in einem Kunstwerke schön finden, das findet nicht unser Auge, sondern unsere Einbildungskraft, durch das Auge, schön. Das nämliche Bild mag also in unserer Ein- 30 bildungskraft durch willkürliche oder natürliche Zeichen wieder erregt werden, so muss auch jederzeit das nämliche Wohlgefallen, ob schon nicht in dem nämlichen Grade, wieder entstehen.

LAOKOON. VI. 57 Dieses aber eingestanden, muso ich bekennen, dass mir die Voraussetzung, Virgil habe die Künstler nachgeahmet, weit unbegreiflicher wird, als mir das Widerspiel derselben geworden ist. Wenn die Künstler dem Dichter gefolgt sind, so kann ich mir von allen ihren Abweichungen Rede und Antwort geben. Sie mussten abweichen, weil die nämlichen Züge des Dichters in ihrem Werke Unbequemlichkeiten verursacht haben würden, die sich bei ihm nicht äussern. Aber warum musste der Dichter abweichen? Wann er der Gruppe in allen und jeden Stücken treulich nachgegangen wäre, würde er uns nicht immer noch ein vortreffliches Gemälde geliefert haben?^ Ich begreife wohl, wie seine vor • Ich kann mich desfalls auf nichts entscheidenderes berufen, als aut das Gedicht des Sadolet. Es ist eines alten Dichters würdig, und da es sehr wohl die Stelle eines Kupfers vertreten kann, so glaube ich es hier ganz einrücken zu dürfen.

De Laocoontis statua lacobi Sadolati Carmen.

Ecce alto terrae e cumulo, ingentisque ruinae Visceribus, iterum reducem longinqua reduxit Laocoonta dies; aulis regalibus olim Qui stetit, atque tuos oinabat, Tite, penates.

Divinae simulacrum artis, nee docta vetustas Nobilius spectabat opus, nunc celsa revisit Kxemptum tenebris redivivae moenia Romae.

Quid primum summumve loquar? miserumne parentem Et prolem geminam? an sinualos flexibus an^ues Terribili aspectu? caudasque irasque draconum Vulneraque et veros, saxo moriente, dolores?

Horrct ad haec anirrius, mutaque ab imagine pulsat Pejtora, nou parvo pietas commixta tremuri.

Prolixum bini spiris glomerantur in orbcm *- '^ Ardentcs colubri, et sinuosis orbibus errant, Tcrnaque multiplici constringunt corpora nexu.

Vix oculi sufferre valent, crudele tuendo Exitium, casusque feros: micat alter, et ipsum Laocoonta petit, totumque infraque supraque Implicat et rabido tandem ferit ilia morsu.

Conncxum refugit corpus, lorqueniia sese Membra, latusque retio sinuatum a vulnere cernas.

llle dolore acri, et laniatu impulsus acerbo, ^tr: 58 LAOKOON. VI.

sich selbst arbeitende Phantasie ihn auf diesen und jenen Zug bringen können; aber die Ursachen, warum seine Beurtheilungskraft schöne Züge, die er vor Augen gehabt, in diese andere Züge verwandeln zu müssen glaubte, diese *'*^-w-t 5 wollen mir nirgends einleuchten.

Dat gemilum ingentem, crudosque evellere dentes \no's Connixus, laevam impatiens ad terga Chelydri ' V ^ l*v*» Obicit: intendunt nervi, coUectaque ab omni Corpore vis frustra summis conatibus instat., ^ • Ferre nequit rabiem, et de vulnere murmnr anhelam est. , ' At serpens lapsu crebro redeunte subintrat Lubricus, intortoque ligat genua infima nodo. Absistunt siirae, spiiisque prementibus arctum li^ J Grus turnet, obsepto turgent vitalia pulsu, Livente.-que atro distendunt sanguine venas. j. Nee minus in natos eadem vis effera saevit ^t^-^y- '^'^'"^^'A^ Implexuque angit rapido, miserandaque membra UtU^ Dilacerat: iamque alterius depasta cnientum ""^n > Pectus, suprema genitorem voce cientis, * Circumiectu orbis, validoque volumine fulcit. ^^^l^-ri*