SigPhi · Gotthold Ephraim Lessing

Laokoon, oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie

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Macht man keinen solchen Unterschied, so werden die Kenner und der Antiquar beständig mit einander im Streite 5 liegen, weil sie einander nicht verstehen. Wenn jener, nach seiner Einsicht in die Bestimmung der Kunst, behauptet, dass dieses oder jenes der alte Künstler nie gemacht habe, nämlich als Künstler nicht, freiwillig nicht: so wird dieser es dahin ausdehnen, dass es auch weder die Religion, noch jo sonst eine ausser dem Gebiete der Kunst liegende Ursache, von dem Künstler habe machen lassen, von dem Künstler nämlich als Handarbeiter. Er wird also mit der ersten mit der besten Figur den Kenner widerlegen zu können glauben, die dieser ohne Bedenken, aber zu grossem Aergernisse der 15 gelehrten Welt, wieder zu dem Schutte verdammet, woraus sie gezogen worden ^ ^ Als ich oben behauptete, dass die alten Künstler keine Furien gebil- det hätten, war es mir nicht entfallen, dass die Furien mehr als einen Tempel gehabt, die ohne ihre Statuen gewiss nicht gewesen sind. Indem zu Cerynea fand Pausanias dergleichen von Holz; sie waren weder gross, noch sonst besonders merkwürdig; es schien, dass die Kunst, die sich nicht an ihnen zeigen können, es an den Bildsäulen ihrer Priesterinnen, die in der Halle des Tempels standen, einbringen wollen, als welche von Stein und von sehr schöner Arbeit waren. (Pausanias, Achaic. cap. xxv. p. 587. edit. Kuhn, 1. vii. 25. 4. p. 5S9 K.) Ich hatte eben so wenig veigessen, dass man Köpfe von ihnen auf einem Abraxas, den Chifiletius bekannt gemacht, und auf einer Lampe beim Licetus zu sehen glaube. (Dissertat.surlesFuriesparBannier, Memoiresdel'Academie deslnscript. t. V. p. 48.) Auch sogar die Urne von hetrurischer Arbeit beim Gorius (Tabl. 151. Musei Etrusci), auf welcher Orestes und Pylades erscheinen, wie ihnen zwei Furien mit Fackeln zusetzen, war mir nicht unbekannt. Allein ich redete von Kunstwerken, von welchen ich alle diese Stücke ausschliessen zu können glaubte. Und wäre auch das letztere nicht sowohl als die übrigen davon auszuschliessen, so dient es von einer andern Seite, mehr meine Meinung zu bestärken, als zu widerlegen. Denn so wenig auch die hetrurischen Künstler überhaupt auf das Schöne gearbeitet, so scheinen sie doch auch die Furien nicht sowohl durch schreckliche Gesichtszüge, als vielmehr durch ihre Tracht und Attributa ausgedrückt zu haben. Diese stossen mit so ruhigem Gesichte dem Orestes und P) lades ihre Fackeln unter die Augen, dass sie fast scheinen, sie nur im Scherze erschrecken zu wollen. \Vie fürchterlich sie dem Oresies LAOKOON. IX. 83 Gegentheils kann man sich aber auch den Einfluss der Religion auf die Kunst zu gross vorstellen. Spence giebt hiervon ein sonderbares Beispiel. Er fand beim Ovid, dass Vesta in ihrem Tempel unter keinem persönlichen Bilde verehret worden; und dieses dünkte ihm genug, daraus zu 5 schliessen, dass es überhaupt keine Bildsäulen von dieser Göttin gegeben habe, und dass alles, was man bisher dafür gehalten, nicht die Vesta, sondern eine Vestalin vorstelltet Eine seltsame Folge I Verlor der Künstler darum sein Recht, ein Wesen, dem die Dichter eine bestimmte Persönlichkeit 10 geben, das sie zur Tochter des Salurnus und der Ops und Pylades vorgekommen, lässt sich nur aus ihrer Furcht, keineswegs aber aus der Bildimg der Furien selbst abnehmen. Es sind also Furien, und sind auch keine; sie verrichten das Amt der Furien, aber nicht in der Vorstellung von Grimm und Wuth, welche wir mit ihrem Namen zu verbinden gewohnt sind; nicht mit der Stirne, die wie Catull sagt, 'expirantis praeportat pectoris iras.' Carm. 64. 194. — Noch kürzlich glaubte Herr Winckelmann, auf einem Camiole in dem Stoschischen Cabinette, eine Furie im Laufe mit fliegendem Rocke und Haaren und einem Dolche in der Hand, gefunden zu haben (Bibliothek der seh. Wiss. V. Band, s. 30). Der Herr von Hagedom rieth hierauf auch den Künst- lern schon an, sich diese Anzeige zu Nutze zu machen, und die Furien in ihren Gemälden so vorzustellen (Betrachtungen über die Malerei, s. 222). Allein Herr \Vinckelmann hat hernach diese seine Entdeckung selbst wiederum ungewiss gemacht, weil er nicht gefunden, dass die Furien, anstatt mit Fackeln, auch mit Dolchen von den Alten bewaffnet worden (Descript. des Pierres gravees, p. 84). Ohne Zweifel erkennt er also die Figuren, auf Münzen der Städte Lyrba und Massaura, die Span- beim für Furien ausgiebt (Les Cesars de Julien, p. 44\ nicht dafür, sondern für eine Hecate 'triformis;' denn sonst fände sich allerdings hier eine Furie, die in jeder Hand einen Dolch führt, und es ist sonderbar, dass eben diese auch in blossen ungebundenen Haaren erscheint, die an den andern mit einem Schleier bedeckt sind. Doch gesetzt auch, es wäre wirklich so, wie es dem Herrn Winckelmann zuerst vorgekom- men; so würde es auch mit diesem geschnittenen Steine eben die Bewandtniss haben, die es mit der hetrurisclien Urne hat, es wäre denn dass sich wegen Kleinheit der Arbeit gar keine Gesichtszüge erkennen Hessen. Ueberdem gehören auch die geschnittenen Steine überhaupt, wegen ihres Gebrauchs als Siegel, schon mit zur Bildersprache, und ihre Figuren mögen öfterer eigensinnige Symbola der Besitzer, als freiwillige Werke der Künstler sein. ^ rolynictis, Dial. vii. p. 81.

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machen, das sie in Gefahr kommen lassen, unter die Miss- handlungen des Priapus zu fallen, und was sie sonst von ihr erzählen, verlor er, sage ich, darum sein Recht, dieses Wesen auch nach seiner Art zu personifiren, weil es in 5 Einem Tempel nur unter dem Sinnbilde des Feuers verehret ward? Denn Spence begeht dabei noch diesen Fehler, dass er das, was Ovid nur von einem gewissen Tempel der Vesta, nämlich von dem zu Rom sagt\ auf alle Tempel dieser Göttin ohne Unterschied, und auf ihre Verehrung überhaupt, lo ausdehnet. Wie sie in diesem Tempel zu Rom verehret ward, so ward sie nicht überall verehret, so war sie selbst nicht in Italien verehret worden, ehe ihn Numa erbaute. Numa wollte keine Gottheit in menschlicher oder thierischer Gestalt vor- gestellet wissen; und darin bestand ohne Zweifel die Ver- 15 besserung, die er in dem Dienste der Vesta machte, dass er alle persönliche Vorstellung von ihr daraus verbannte. Ovid selbst lehret uns, dass es vor den Zeiten des Numa Bildsäulen der Vesta in ihrem Tempel gegeben habe, die, als ihre Priesterin Sylvia Mutter ward, vor Scham die jungfräulichen 20 Hände vor die Augen hoben '^. Dass sogar in den Tempeln, * Esse diu stultus Vestae simniacra putavi: Mox didici curvo nulla subesse tholo. Ignis inexstinctus templo celatur in illo. Effigiem nuUam Vesta, nee ignis, habet.' Ovid redet nur von dem Gottesdienste der Vesta in Rom, nur von dem Tempel, den ihr Numa daselbst erbauet hatte, von dem er kurz zuvor 'Regis opus placidi, quo non metuentius nllum Numinis ingenium terra Sabina tulit' * Sylvia fit mater: Vestae simulacra feruntur Virgineas oculis opposuisse manus.'

Auf diese Weise hätte Spence den Ovid mit sich selbst vergleichen sollen. Der Dichter redet von verschiedenen Zeiten. Hier von den Zeiten vor dem Numa', dort von den Zeiten nach ihm. In jenen ward sie in Italien unter persönlichen Vorstellungen verehret, so wie sie in Troja war ver- ehret worden, von wannen Aeneas ihren Gottesdienst mit herüber gebracht hatte.

LAOKOON. IX. 85 LAOKOON. IX. 85 welche die Göttin ausser der Stadt in den römischen Pro- vinzen hatte, ihre Verehrung nicht völlig von der Art gewesen, als sie Numa verordnet, scheinen verschiedene alte Inschriften zu beweisen, in welchen eines 'Pontificis Vestae' gedachtwird'. Auch zu Korinth war ein Tempel der Vesta ohne alle 5 Bildsäule, mit einem blossen Altare, worauf der Göttin geopfert ward^. Aber hatten die Griechen darum gar keine Statuen der Vesta? Zu Athen war eine im Prytaneo, neben der Statue des Friedens'. Die Jasseer rühmten von einer, die bei ihnen unter freiem Himmel stand, dass weder Schnee 10 noch Regen jemals auf sie falle*. Plinius gedenkt einer sitzenden von der Hand des Scopas, die sich zu seiner Zeit in den Servilianischen Gärten zu Rom befand*. Zugegeben, dass es uns jetzt schwer wird, eine blosse Vestahn von einer Vesta selbst zu unterscheiden, beweiset dieses, dass sie auch 15 die Alten nicht unterscheiden können, oder wohl gar nicht unterscheiden wollen? Gewisse Kennzeichen sprechen offen- bar mehr für die eine, als für die andere. Das Scepter, die '...Manibus viltas, Vestamque potentem, Aeternumque adytis effert penetralibus ignem: ' sagt Virgil von dem Geiste des Rektors, Aen. ii. 296, nachdem er dem Aeneas zur Flucht gerathen. Hier wird das ewige Feuer von der Vesta selbst, oder ihrer Bildsäule, ausdrücklich unterschieden. Spence muss die römischen Dichter zu seinem Bchufe doch noch nicht aufmerksam genug durchgelesen haben, weil ihm diese Stelle entwischt ist. ' Lipsius de Vesta et Vestalibus, cap. 13.

* Polyb. Hist. lib. xvi. § 11; Op. t. ii. p. 443. edit. Ernest.

* riinius, lib. xxxvi. sect. 4. § 25. p. 727. edit. Hard. 'Scopas fecit...Vestam sedentem laudatam in Servilianis hortis.' Diese Stelle muss Lipsius in Gedanken gehabt haben, als er (de Vesta, cap. 3) schrieb: ' Plinius Vestam sedentem efilngi solitam ostendit, a stabilitate.' Allein was Plinius von einem einzelnen Stücke des Scopas sagt, hätte er nicht für einen allgemein angenommenen Charakter ausgeben sollen. Fr merkt selbst an, dass auf den Münzen die Vesta eben so oft stehend als sitzend erscheine. Allein er verbessert dadurch nicht den Plinius, sondern seine eigne falsche Einbildung.

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Fackel, das Palladium lassen sich nur in der Pland der Göttin vermuthen. Das Tympanum, welches ihr Codinus beileget, kömmt ihr vielleicht nur als der Erde zu; oder Codinus wusste selbst nicht recht, was er sah\ X.

ARGUMENT.

Spence is astonislied that the ancient poets do not describe the Muses and other personified abstractions as the artists represent them, i. e. by depicting their attributes, dress, &c. Again he overlooks the dif- ferent character of the two arts. The artist requires s}'mbols and attributes, or how could we recognise bis figures? Thus allegory is essentiai to painting and sculpture. The poet, however, characterises the Muses and other personal abstractions, as abstinence, by simply mentioning their names. Allegory, far from being essentiai to poetr}', may do it grievous härm. There is one class of emblems, however, largely used by the poets, those which are the Instruments themselves * Georg. Codinus de Originib. Constant. edit. Venet. p. 12. Tt]v 'fyv Kf-yovffii' Eartav, icai irXäTTovcn avrfjy ytvaiKa, rvfxtravov ßaard^ovaar, (ireiSf/ Tony affpiov^ 77 yij v(f>' eavTr/u ffvyKXdei, Suidas, aus ihm. oder beide aus einem altern, sagt unter dem Worte 'Earia eben dieses. 'Die Erde wird unter dem Namen Vesta als eine Frau gebildet, welche ein Tympanon trägt, weil sie die Winde in sich versclilossen hält.' Die Ursache ist ein wenig abgeschmackt. Es würde sich eher haben hören lassen, wenn er gesagt liätte, dass ihr deswegen ein Tympanon beige- geben werde, weil die Alten zum Theil geglaubt, dass ihre Figur damit übereinkomme; axVf^o- f^vTfjs TVßiravonSts tlvai. (Plutarchus de placitis Philos. cap. 10. p. S95 D; id. de facie in orbe Lunae.) Wo sich aber Codinus nur nicht entweder in der Figur, oder in dem Namen, oder gar in beiden geirret hat. Er wusste vielleicht, was er die Vesta tragen sähe, nicht besser zu nennen, als ein Tympanum; oder hörte es ein Tympanum nennen, und konnte sich nichts anderes dabei gedenken, als das Instrument, welches wir eine Heerpauke nennen. 'Tynipana waren aber auch eine Art von Rädern: ' Hinc radios trivere rotis, hinc tympana plaustris Agricolae.' (Virgilius, Georgia, lib. ii. ver. 444.) Und einem solchen Rade scheinet mir das, was sich an der Vesta des Fabretti zeiget vAd Tabulam Iliadis, P-?>?>•{)} und dieser Gelehrte für eine Handmühle hält, sehr ähnlich zu sein.

laomoon: X. 87 with which those beings work, as the hammer and tongs of Vulcan. These emblems may be called the poetical attributes in contradis- tinctlon to the allegorical ones employed by the artist.

Ich merke noch eine Befremdung des Spence an, welche deutlich zeiget, wie wenig er über die Grenzen der Poesie und IMalerei muss nachgedacht haben.

' Was die Musen überhaupt betrifft,' sagt er, ' so ist es doch sonderbar, dass die Dichter in Beschreibung derselben so 5 sparsam sind, weit sparsamer, als man es bei Göttinnen, denen sie so grosse Verbindlichkeit haben, erwarten sollte ^. ' Was heisst das anders, als sich wundern, dass wenn die Dichter von ihnen reden, sie es nicht in der stummen Sprache der Maler thun? Urania ist den Dichtern die Muse der lo Sternkunst; aus ihrem Namen, aus ihren Verrichtungen erkennen wir ihr Amt. Der Künstler, um es kenntlich zu machen, muss sie mit einem Stabe auf eine Himmelskugel weisen lassen; dieser Stab, diese Himmelskugel, diese ihre Stellung sind seine Buchstaben, aus welchen er uns den 15 Namen Urania zusammensetzen lässt. Aber wenn der Dichter sagen will: Urania hatte seinen Tod längst aus den Sternen vorhergesehen; ' Ipsa diu positis lethum praedixerat astris warum soll er, in Rücksicht auf den INIaler, dazusetzen: Urania, den Radius in der Hand, die Himmelskugel vor sich? Wäre es nicht, als ob ein Mensch, der laut reden kann und darf, sich noch zugleich der Zeichen bedienen sollte, welche die Stummen im Serraglio des Türken, aus Mangel J5 der Stimme, unter sich erfunden haben?

Eben dieselbe Befremdung äussert Spence nochmals bei den moralischen Wesen, oder denjenigen Gottheiten, welche * Polymetis, Dial. viii. p. 91. ' Statius, Theb. viii. 551.

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die Alten den Tugenden und der Führung des menschlichen Lebens vorsetzten \ 'Es verdient angemerket zu werden,' sagt er, ' dass die römischen Dichter von den besten dieser moralischen Wesen weit weniger sagen, als man erwarten 5 sollte. Die Artisten sind in diesem Stücke viel reicher, und wer wissen will, was jedes derselben für einen Aufzug gemacht, darf nur die Münzen der römischen Kaiser zu Rathe ziehend — Die Dichter sprechen von diesen Wesen zwar öfters, als von Personen; überhaupt aber sagen sie von ihren 10 Attributen, ihrer Kleidung und übrigem Ansehen sehr wenig.'

Wenn der Dichter Abstracta personifiret, so sind sie durch den Namen, und durch das, was er sie thun lässt, genugsam characterisiret.

15 Dem Künstler fehlen diese Mittel. Er muss also seinen personifirten Abstractis Sinnbilder zugeben, durch welche sie kenntlich werden. Diese Sinnbilder, weil sie etwas anders sind und etwas anders bedeuten, machen sie zu allegorischen Figuren.

20 Eine Frauensperson mit einem Zaume in der Hand; eine andere an eine Säule gelehnet, sind in der Kunst allegorische Wesen. Allein die Mässigung, die Standhaftigkeit bei dem Dichter, sind keine allegorische Wesen, sondern bloss per- sonifirte Abstracta.

25 Die Sinnbilder dieser Wesen bei dem Künstler hat die Noth erfunden. Denn er kann sich durch nichts anders verständlich machen, was diese oder jene Figur bedeuten soll. Wozu aber den Künstler die Noth treibet, warum soll sich das der Dichter aufdringen lassen, der von dieser Noth 30 nichts weiss?

Was Spencen so sehr befremdet, verdienet den Dichtern als eine Regel vorgeschrieben zu werden, Sie müssen die \ Polym. Dial. x. p. 137. * IL id. p. 134.

I.AOKOON. X. 89 Bedürfnisse der Malerei nicht zu ihrem Reichthume machen. Sie müssen die Mittel, welche die Kunst erfunden hat, um der Poesie nachzukommen, nicht als Vollkommenheiten betrachten, auf die sie neidisch zu sein Ursache hätten. Wenn der Künstler eine Figur mit Sinnbildern auszieret, so 5 erhebt er eine blosse Figur zu einem höhern Wesen. Bedienet sich aber der Dichter dieser malerischen Aus- staffirungen, so macht er aus einem höheren Wesen eine Puppe.

So wie diese Regel durch die Befolgung der Alten be- 10 währet ist, so ist die geflissentliche Uebertretung derselben ein Lieblingsfehler der neuen Dichter. Alle ihre Wesen der Einbildung gehen in IMaske, und die sich auf diese Maske- raden am besten verstehen, verstehen sich meistentheils auf das Hauptwerk am wenigsten: nämlich, ihre Wesen handeln 15 zu lassen, und sie durch die Handlungen derselben zu charakterisiren.

Doch giebt es unter den Attributen, mit welchen die Künstler ihre Abstracta bezeichnen, eine Art, die des poetischen Gebrauchs fähiger und würdiger ist. Ich meine 20 diejenigen, welche eigentlich nichts allegorisches haben, sondern als Werkzeuge zu betrachten sind, deren sich die Wesen, welchen sie beigeleget werden, falls sie als wirkliche Personen handeln sollten, bedienen würden oder könnten. Der Zaum in der Hand der INIässigung, die Säule, an welche 25 sich die Standhaftigkeit lehnet, sind lediglich allegorisch, für den Dichter also von keinem Nutzen. Die Wage in der Hand der Gerechtigkeit ist es schon weniger, weil der rechte Gebrauch der Wage wirklich ein Stück der Gerechtigkeit ist. Die Leier oder Flöte aber in der Hand einer IMuse, 30 die Lanze in der Hand des IMars, Hammer und Zange in den Händen des Vulkans, sind ganz und gar keine Sinn- bilder, sind blosse Instrumente, ohne welche diese Wesen 90 LAOKOON. X.

die Wirkungen, die wir ihnen zuschreiben, nicht hervor- bringen können. Von dieser Art sind die Attribute, welche die alten Dichter in ihre Beschreibungen etwa noch ein- flechten, und die ich deswegen, zum Unterschiede jener 5 allegorischen, die poetischen nennen möchte. Diese bedeuten die Sache selbst, jene nur etwas ähnliches *.

* Man mag in dem Gemälde, welches Horaz von der Nothwendigkeit macht, und welches vielleicht das an Attributen reichste Gemälde bei allen alten Dichtern ist (lib. i. Od. 35. ver. 17): ' Te semper anteit saeva Necessilas; Clavos trabales et cuneos manu Gestans ahenea; nee severus Uncus abest liquidumqne plumbum...' man mag, sage ich, in diesem Gemälde die Nägel, die Klammem, das fliessende Blei, für Mittel der Befestigung oder für Werkzeuge der Be- strafung annehmen, so gehören sie doch immer mehr zu den poetischen, als allegorischen Attributen. Aber auch als solche sind sie zu sehr gehäuft, und die Stelle ist eine von den frostigsten des Horaz. Sanadon sagt: ' J'ose dire que ce tableau pris dans le detail serait plus beau sur la toile que dans une ode heroique. Je ne puis souffrir cet attirail patibulaire de clous, de coins, de crocs, et de plomb fondu. J'ai cru en devoir decharger la traduction, en substituant les idees generales aux idees singulieres. C'est dommage que le Poete ait eu besoin de ce correctif? ' Sanadon hatte ein feines und richtiges Gefühl, nur der Grund, womit er es bewähren will, ist nicht der rechte. Nicht weil die ge- brauchten Attribute ein ' attirail patibulaire ' sind; denn es stand nur hei ihm, die andere Auslegung anzunehmen, und das Galgengeräthe in die festesten Bindemittel der Baukunst zu verwandeln: sondern, weil alle Attribute eigentlich für das Auge, und nicht für das Gehör gemacht sind, und alle Begriffe, die wir durch das Auge erhalten sollten, wenn man sie uns durch das Gehör beibringen will, eine grössere Anstrengung erfordern, und einer geringern Klarheit fähig sind. — Der Verfolg von der angeführten Strophe des Horaz erinnert mich übrigens an ein paar ^'er- sehen des Spcnce, die von der Genauigkeit, mit welcher er die angezo- genen Stellen der alten Dichter will erwogen haben, nicht den vonheil- haftesten Begriff erwecken. Er redet von dem Bilde, unter welchem die Römer die Treue oder Ehrlichkeit vorstellten (Dial. x. p. 145^. ' Die Römer,' sagt er, * nannten sie Eides; und wenn sie sie Sola Fides nann- ten, so scheinen sie den hohen Grad dieser Eigenscliaft, den wir durch grundehrlich (im Englischen downright honesly) ausdrücken, darunter verstanden zu haben. Sie wird mit einer freien offenen Gesichtsbildung imd in nichts als einem dünnen Kleide vorgcstellet, welches so fein ist, dass es für durchsichtig gelten kann. Horaz nennet sie daher, in einer von seinen Oden, dünnbekleidet; und in einer andern: durchsichtig.'

In dieser kleinen Stelle sind nicht mehr als drei ziemlich grobe Fehler. Erstlich ist es falsch, dass ' Sola ' ein besonderes Beiwort sei, welches die LAOKOON. XI. 91 XL "ARGUMENT.

Count Caylus, a famons French art critic, advises the artists to choose their subjects in Homer and to adheie in the execution of their works minutely to the poet's descriptions. He shows, thereby, his ignorance of the essential difference between art and poetry. In the artist's case the chief difficulty is not invention, but execution, — in the poet's it is the power of invention that characterises the great genius more. than anything. Expression in marble is more difficult than expression in words. For this reason we do not look in the artist so much for invention and for novelty in his subjects. For this reason the aitist confines himself to a narrow circle of subjects, and he prefers those which are familiär to the public. A subject remote and little known to the public would require a commentary or would only give Römer der Göttin ' Fides ' gegeben. In den beiden Stellen des Livius, die er desfalls zum Beweise anführt (lib. i. c. 21. § 3, ' et soli fideisollemne instituit;' lib. ii. c. 3) ['sola innocentia'] bedeutet es weiter nichts, als was es überall bedeutet, die Ausschliessung alles übrigen. In der einen Stelle scheinet den Criticis das ' soli ' sogar verdächtig, und durch einen Schreibfehler, der durch das gleich darnebenstehende 'solenne' veranlasset worden, in den Text gekommen zu sein. In der andern aber ist nicht von der Treue, sondern von der Unschuld, der Unsträflichkeit 'Innocentia,' die Rede. Zweitens: Horaz soll in einer seiner Oden der Treue das Beiwort dünnbekleidet geben: nämlich in der oben angezogenen fünfund- dreissigbten des ersten Buchs [ver. 21]: 'Te spes, et albo rara fides colit Velata panno.' Es ist wahr, 'rarus' heisst auch dünne; aber hier heisst es bloss selten, was wenig vorkömmt, und ist das Beiwort der Treue selbst, und nicht ihrer Bekleidung. Spence würde Recht haben, wenn der Dichter gesagt halte: ' Fides raro velata panno.' Drittens: an einem andern Orte soll Horaz die Treue oder Redlichkeit durchsichtig nennen; um el en das damit anzudeuten, was wir in unsern gewöhnlichen Freundschafisver- bicherungen zu sagen pflegen: ich wünschte. Sie könnten mein Herz sehen. Und dieser Ort soll die Zeile der achtzehnten Ode des ersten Buchs sein [ver. 16]: ' Arcanique Fides prodiga, pellucidior vitro.' Wie kann man sich aber von einem blos-en Worte so verführen lassen? Heisst denn ' Fides arcani prodiga' die Treue? Oder heisst es nicht viel- mehr die Treulosigkeit? Von dieser sagt Horaz, und nicht von der Treue, dass sie durchsichtig wie Glas sei, weil sie die ihr anvertrauten Geheim- nisse eines jeden Blicke blossstellet.

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HS a riddle to solve. It is the familiarity of the public with the subject represented by the artist that increases the effect produced on the minds of the spectators.

Auch der Graf Caylus scheinet zu verlangen, dass der Dichter seine Wesen der Einbildung mit allegorischen Attri- buten ausschmücken sollet Der Graf verstand sich besser auf die Malerei, als auf die Poesie.

' Apollo übergiebt den gereinigten und balsamirten Leichnam des Sar- pedon dem Tode und dem Schlafe, ihn nach seinem Vaterlande zu bringen (II. ii. OSi, 682): Tlfftne 5e fiiv Trofinoiaiv a^a Kpantvoiai (piptaOcu, "TiTvoj Kai Gaväro} SiSvfiäoaiv. Caylus empfiehlt diese Erdichtung dem Maler, fügt aber hinzu: 'II est fächeux, qu'Homere ne nous ait rien laisse sur les attributs qu'on donnait de son tems au sommeil; nous ne connaissons, pour caracteriser ce Dieu, que son action meine, et nous le couronnons de pavots. Ces idees sont modernes; la premiere est d'un mediocre service, mais eile ne peut etre employee dans le cas present, oii meme lesfleurs me paraissent deplacees, surtout pour une figure qui groupe avec la mort.' 'S. Tableaux tires de l'Iliade, de l'Odyssee d'Homere et de l'Eneide de Virgile, avec des observations generales sur le costume, ä Paris 1757, 175S.) Das heisst von dem Homer eine von den kleinen Zierrathen verlangen, die am meisten mit seiner grossen Manier streiten. Die sinnreichsten Attributa, die er dem Schlafe hätte geben können, würden ihn bei weitem nicht so vollkommen charakterisiret, bei weitem kein so lebhaftes Bild bei uns erregt haben, als der einzige Zug, durch den er ihn zum Zwillingsbruder des Todes macht. Diesen Zug suche der Künstler auszudrücken, und er wird alle Attributa entbehren können. Die alten Künstler haben auch wirklich den Tod und den Schlaf mit der Aehnlichkeit unter sich vorgestellet, die wir an Zwillingen so natürlich erwarten. Auf einer Kiste von Cedemholz in dem Tempel der Juno zu Elis ruhten sie beide als Knaben in den Armen der Nacht. Nur war der eine weiss, der andere schwarz; jener schlief, dieser schien zu schlafen; beide mit übereinander geschlagenen Füssen. Denn so wollte ich die Worte des Pausanias (Eliac. cap. xviii. p. 422. edit. Kuhn, v. iS. 1): äfi<poTfpovs SttoTpanntvovs Tous TroSas, lieber übersetzen, als mit krummen Füssen, oder wie es Gedoin in seiner Sprache gegeben hat ' les pieds contrefaits.' \Vas sollten die krummen Füsse hier ausdrücken? Uebereinander ge- schlagene Füsse hingegen sind die gewöhnliche Lage der Schlafenden, xind der Schlaf beim Maffei ^Raccol. Fl. 151) liegt nicht anders. Die neuen Artisten sind von dieser Aehnlichkeit, welche Schlaf und Tod bei den Alten miteinander haben, gänzlich abgegangen, und der Gebrauch ist allgemein worden, den Tod als ein Skelet, höchstens als ein mit Haut bekleidetes Skelet voizuslellen. Vor allen Dingen hätte Caylus dem Künstler also hier rathen müssen, ob er in Voistellung des Todes dem LAOKOON. XL 93 Doch ich habe in seinem Werke, in welchem er dieses Verlangen äussert, Anlass zu erheblichem Betrachtungen "^ gefunden, wovon ich das Wesentlichste, zu besserer Erwä- gung, hier anmerke.

Der Küntsler, ist des Grafen Absicht, soll sich mit dem 5 grössten malerischen Dichter, mit dem Homer, mit dieser zweiten Natur, näher bekannt machen. Er zeigt ihm, welchen reichen noch nie genutzten Stoff zu den trefflichsten Schildereien die von dem Griechen behandelte Geschichte darbiete, und wie so viel vollkommner ihm die Ausführung 10 gelingen müsse, je genauer er sich an die kleinsten von dem Dichter bemerkten Umstände halten könne.

In diesem Vorschlage vermischt sich also die oben ge- trennte doppelte Nachahmung. Der INIaler soll nicht allein das nachahmen, was der Dichter nachgeahmet hat, sondern 15 er soll es auch mit den nämlichen Zügen nachahmen; er soll den Dichter nicht bloss als Erzähler, er soll ihn als Dichter nutzen.

Diese zweite Art der Nachahmung aber, die für den Dichter so verkleinerlich ist, warum ist sie es nicht auch für 20 den Künstler? Wenn vor dem Homer eine solche Folge von Gemälden, als der Graf Caylus aus ihm angiebt, vorhanden gewesen wäre, und wir wüssten, dass der Dichter aus diesen Gemälden sein Werk genommen hätte: würde es nicht von alten oder dem neuen Gebrauche folgen solle. Doch er scheinet sich für den neuern zu erklären, da er den Tod als eine Figur betrachtet, gegen die eine andere, mit Blumen gekrönet, nicht wolil gruppireii möchte. Hat er aber hierbei auch bedacht, wie unschicklich diese moderne Idee in einem homerischen Gemälde sein dürfte? Und wie hat ihm das Ekelhafte derselben nicht anstössig sein können? Ich kann mich nicht bereden, dass das kleine metallene Bild in der herzoglichen Gallerie zu Florenz, welches ein liegendes Slcelet vorstellet, das mit dem einen Arme auf einem Aschenkruge rulit (Spencc's Polymetis, Tab. xli.\ eine wirkliche Antike sei. Den Tod überhaupt kann es wenigstens nicht vorstellen sollen, weil ihn die Alten anders vorstell- ten. Selbst ihre Dichter haben ihn unter diesem widerlichen Bilde nie gedacht.

94 LAOKOON. XI.