SigPhi · Gotthold Ephraim Lessing

Nathan der Weise

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{pMidti einer Icurzen Pause ihm plötzlich um den Hals itdlend).

Mein Vater!

Nathan.

— ^Junger Mann!

Tempelherr (ihn eben so plötzlich wieder lassend).

Nicht Sohn?— Ich bitt* Euch, Nathan!— Nathan.

Lieber junger Mann!

Tempelherr.

Nicht Sohn?— Ich bitt* Euch, Nathan!— Ich beschwör Euch bei den ersten Banden der Natur! — 2181 Zieht ihnen spätere Fesseln doch nicht vor! — Begnügt Euch doch ein Mensch zu sein! — Stoszt mich Nicht von Euch!

Nathan.

Lieber, lieber Freund!...Tempelherr.

Und Sohn?

Sohn nicht? — Auch dann nicht, dann nicht einmal, wenn Erkenntlichkeit zum Herzen Eurer Tochter 2186 Der Liebe schon den Weg gebahnet hätte?

Auch dann nicht einmal, wenn in Eins zu schmelzen Auf Euem Wink nur Beide warteten? — Ihr schweigt?

Nathan.

Ihr überrascht mich, junger Ritter. 2190 Tempelherr.

Ich überrasch' Euch? — überrasch' Euch, Nathan, Mit Euem eigenen Gedanken.? — Ihr 124 NATHAN DER WEISE.

Verkennt sie doch in meinem Munde nicht? Ich überrasch' Euch?

Nathan.

£h' ich einmal weisz, Was fiir ein Stauffen Euer Vater denn 2195 Gewesen ist!

Tempelherr.

Was sagt Ihr, Nathan? was? — In diesem Augenblicke fühlt Ihr nichts.

Als Neubegier?

Nathan.

Denn seht! Ich habe selbst Wohl einen Stauffen ehedem gekannt, Der Conrad hiesz.

Tempelherr.

Nun — wenn mein Vater denn 2200 Nun eben so geheiszen hätte?

Nathan.

Wahrlich?

Tempelherr.

Ich heisze selber ja nach meinem Vater: Curd Ist Conrad.

Nathan.

Nun — so war mein Conrad doch Nicht Euer Vater. Denn mein Conrad war, Was Ihr; war Tempelherr; war nie vermählt, 2205 darum!

Wie?

Tempelherr.

Nathan. Tempelherr.

darum könnt* er doch Mein Vater wohl gewesen sein.

Nathan.

Ihr scherzt.

Tempelherr.

Und Ihr nehmt's wahrlich zu genau! — Was war's Denn nun } So was von Bastard oder Bankert!

Der Schlag ist auch nicht zu verachten. — Doch 22x0 Entlaszt mich immer meiner Ahnenprobe.

Ich will Euch Eurer wiederum entlassen.

Nicht zwar, als ob ich den geringsten Zweifel In Euem Stammbaum setzte. Gott behüte l Ihr könnt ihn Blatt vor Blatt bis Abraham 2215 Hinauf belegen. Und von da so weiter, Weisz ich ihn selbst; will ich ihn selbst beschwören.

Nathan. Ihr werdet bitter. — Doch verdien' ich's? — Schlug Ich denn Euch schon was ab? — Ich will Euch ja Nur bei dem Worte nicht den Augenblick 2220 So fassen. — ^Weiter nichts.

O so vergebt!

Tempelherr.

Gewisz? — Nichts weiter?

Nathan. Nun kommt nur, kommt!

Tempelherr.

Wohin?

Nein! — Mit in Euer Haus? — Das nicht! das nicht! — Da brennt's! — Ich will Euch hier erwarten. Geht! — Soll ich sie wiedersehn: so seh' ich sie 2225 Noch oft genug. Wo nicht: so sah ich sie Schon viel zu viel...Nathan.

Ich will mich möglichst eilen« 126 nathan der weise.

Zehnter Auftritt.

Der Tempelherr und bald darauf Da ja. Tempelherr.

Schon mehr als g'nug!— -Des Menschen Hirn faszt sp Unendlich viel; und ist doch manchmal auch So plötzlich voll! von einer Kleinigkeit 2230 So plötzlich voll! — Taugt nichts, taugt nichts; es sei Auch voll, wovon es will — Doch nur Geduld!

Die Seele wirkt den aufgedunsenen Stoff Bald in einander, schafft sich Raum, und Licht Und Ordnung kommen wieder. — Lieb' ich denn 2235 Zum erstenmale? Oder war, was ich Als Liebe kenne, Liebe nicht?— Ist Liebe Nur was ich jetzt empfinde?...D a j a (die sich von der Seite herbeigeschlidien).

Ritter I Ritter 1 Tempelherr. Wer ruft?— Ha, Daja, Ihr?

Da ja.

Ich habe mich Bei ihm vorbeigeschlichen. Aber noch 2240 Könnt' er uns sehn, wo Ihr da steht — Drum kommt Doch näher zu mir^ hinter diesen Baum.

Tempelherr. Was giebt's denn? — So geheimniszvoU?— Was ist's?

Daja.

Ja wohl betrifft es ein Geheimnisz, was Mich zu Euch bringt; und zwar ein doppeltes. 2245 Da» eine weisz nur ich; das andre wiszt Nur Ihr.— Wie war es, wenn wir tauschten?

Vertraut mir Euers, so vertrau' ich Euch Das meine.

Tempelherr.

Mit Vergnügen. — Wenn ich nur Erst weisz, was Ihr für meines achtet. Doch 2250 Das wird aus Euerm wohl erhellen. — Fangt Nur immer an.

Daja.

Ei denkt doch!— Nein, Herr Ritter: Erst Ihr; ich folge. — Denn versichert, mein Geheimnisz kann Euch gar nichts nützen, wenn Ich nicht zuvor das Eure habe. — Nur 2255 Geschwind! — Denn frag* ich's Euch erst ab: so habt Ihr nichts vertrauet. Mein Geheimnisz dann Bleibt mein Geheimnisz; und das Eure seid Ihr los. — Doch, armer Ritter I — Dasz ihr Männer Ein solch Geheimnisz vor uns Weibern haben 2260 Zu können auch nur glaubt!

Tempelherr.

Das wir zu haben Oft selbst nicht wissen.

Daja.

Kann wohl sein. Drum musz Ich freilich erst, Euch selbst damit bekannt Zu machen, schon die Freundschaft haben. — Sagt: Was hiesz denn das, dasz Ihr so Knall und Fall 2265 Euch aus dem Staube machtet? dasz Ihr uns So sitzen lieszet? — dasz Ihr nun mit Nathan Nicht wiederkommt? — Hat Recha denn so wenig Auf Euch gewirkt? Wie? oder auch, so viel? — So viel! so viel! — Lehrt Ihr des armen Vogels, 2270 Der an der Ruthe klebt, Geflattre mich Doch kennen! — Kurz: gesteht es mir nur gleich, Dasz Ihr sie liebt, liebt bis zum Unsinn; und Ich sag' Euch was • • % 128 NATHAN DER WEISE.

Tempelherr.

Zum Unsinn? Wahrlich; Ihr Versteht Euch trefflich drauf.

Da ja.

Nun gebt mir nur 2275 Die Liebe zu; den Unsinn will ich Euch * Erlassen.

Tempelherr.

Weil er sich von selbst versteht? — Ein Tempelherr ein Judenmädchen lieben!...D a j a.

Scheint freilich wenig Sinn zu haben. — Doch Zuweilen ist des Sinns in einer Sache 2280 Auch mehr, als wir vermuthen; und es wäre So unerhört doch nicht, dasz uns der Heiland Auf Wegen zu sich zöge, die der Kluge Von selbst nicht leicht betreten würde.

Tempelherr.

Das So feierlich? — (Und setz' ich statt des Heilands 2285 Die Vorsicht: hat sie denn nicht Recht?) Ihr macht Mich neubegieriger, als ich wohl sonst Zu sein gewohnt bin.

Daja.

O! das ist das Land Der Wunder!

Tempelherr.

(Nun! — des Wunderbaren. Kann Es auch wohl anders sein? Die ganze Welt 2290 Drängt sich ja hier zusammen.) — Liebe Daja, Nehmt für gestanden an, was Ihr verlangt; Dasz ich sie liebe; dasz ich nicht begreife, Wie ohne sie ich leben werde; dasz. •, 3 AUFZUG, TO AUFTRITT. 129 Daja.

Gewisz? gewisz? — So schwört mir, Ritter, sie 2295 Zur Eurigen zu machen; sie zu retten; Sie zeitlich hier, sie ewig dort zu retten.

Tempelherr.

Und wie? — Wie kann ich? — Kann ich schwören, was In meiner Macht nicht steht?

Daja.

In Eurer Macht Steht es. Ich bring* es durch ein einzig Wort 2300 In Eure Macht.

Tempelherr.

Dasz selbst der Vater nichts Dawider hätte?

Daj a.

Ei, was Vater! Vater! Der Vater soll schon müssen.

Tempelherr.

Müssen, Daja? — Noch ist er unter Räuber nicht gefallen. Er musz nicht müssen.

Daja.

Nun, so musz er wollen; 2305 Musz gern am Ende wollen.

Tempelherr.

Musz? und gern?— Doch Daja, wenn ich Euch nun sage, dasz Ich selber diese Sait' ihm anzuschlagen Bereits versucht?

Daja.

Was? und er fiel nicht ein?

K 130 NATHAN DER WEISE.

Tempelherr.

Er fiel mit einem Miszlaut ein, der mich— 2510 Beleidigte.

D a j a.

Was sagt Ihr?— Wie? Ihr hättet Den Schatten eines Wunsches nur nach Recha Ihm blicken lassen: und er war* vor Freuden Nicht aufgesprungen?— hätte frostig sich Zurückgezogen? — hätte Schwierigkeiten 2315 Gemacht?

Tempelherr.

So ungefähr.

Daja.

So will ich denn Mich länger keinen Augenblick bedenken.— (Pause.)

Tempelherr. Und Ihr bedenkt Euch doch?

Daja.

Der Mann ist sonst So gut!-rlch selber bin so viel ihm schuldig! — Dasz er doch gar nicht hören will! — Gott weisz, 2jao Das Herze blutet mir, ihn so zu zwingen.

Tempelherr.

Ich bitt' Euch, Daja, setzt mich kurz und gut Aus dieser Ungewiszheit. Seid Ihr aber Noch selber ungewisz, ob, was Ihr vorhabt, Gut oder böse, schändlich oder löblich 2335 Zu nennen: schweigt! Ich will vergessen, dasz Ihr etwas zu verschweigen habt.

Daja.

Das spornt, 3 AUFZUG, lO AUFTRITT. I31 Anstatt zu halten. Nun; so wiszt denn: Recha Ist keine Jüdin; ist — ist eine Christin. 2339 Tempelherr (kalt). So? Wünsch' Euch Glück! Hat's schwer gehalten? Laszt Euch nicht die Wehen schrecken! Fahret ja Mit Eifer fort, den Himmel zu bevölkern; Wenn Ihr die Erde nicht mehr könnt!

Daja.

Wie, Ritter?

Verdienet meine Nachricht diesen Spott?

Dasz Recha eine Christin ist, das freuet 2535 Euch, einen Christen, einen Tempelherrn, Der Ihr sie liebt, nicht mehr?

Tempelherr.

Besonders, da Sie eine Christin ist von Eurer Mache.

Daja.

Ah! so versteht Ihr's? So mag's gelten! — Nein!

Den will ich sehn, der die bekehren soll! 3340 Ihr Glück ist, längst zu sein, was sie zu werden Verdorben ist.

Tempelherr.

Sie ist ein Christenkind; von Christeneltem Geboren; ist getauft. • • Tempelherr (hastig). Und Nathan?

Daja.

Nicht Ihr Vater!

13* If ÄTHAN DER WEISE.

Tempelherr.

Nathan nicht ihr Vater?— Wiszt 2345 Ihr, was Ihr sagt?

Da ja.

Die Wahrheit, die so oft Mich blut'ge Thränen weinen machen. — Nein, Er ist ihr Vater nicht...Tempelherr.

Und hätte sie Als seine Tochter nur erzogen? hätte Das Christenkind als eine Jüdin sich 1350 Erzogen?

Daja. Ganz gewisz.

Tempelherr.

Sie wüszte nicht, Was sie geboren sei? — Sie hätt' es nie Von ihm erfahren, dasz sie eine Christin Geboren sei, und keine Jüdin?

Daja.

Nie!

Tempelherr.

Er hätt* in diesem Wahne nicht das Kind 2355 Blosz auferzogen? liesz das Mädchen noch In diesem Wahne?

D a j a. Leider!

Tempelherr.

Nathan — ^Wie? — Der weise, gute Nathan hätte sich Erlaubt, die Stimme der Natur so zu Verfalschen? — Die Ergieszung eines Herzens 3360 So zu verlenken, die, sich selbst gelassen, Ganz andre Wege nehmen würde? — Daja, Ihr habt mir allerdings etwas vertraut — Von Wichtigkeit, — was Folgen haben kann.

Was mich verwirrt, — worauf ich gleich nicht weiss, «365 Was mir zu thun. — Drum laszt mir Zeit. — Drum geht t Er kommt hier wiederum vorbei. Er möcht* Uns überfallen. Gehtl Daja. Ich war* des Todes!

Tempelherr.

Ich bin ihn jetzt zu sprechen ganz und gar Nicht fähig. Wenn Ihr ihm begegnet, sagt 2370 Ihm nur, dasz wir einander bei dem Sultan Schon finden würden.

D aj a.

Aber iaszt Euch ja Nichts merken gegen ihn. — Das soll nur so Den letzten Druck dem Dinge geben; soll Euch, Rechas wegen, alle Skrupel nur 3375 Benehmen! — Wenn Ihr aber dann sie nach Europa führt, so laszt Ihr doch mich nicht Zurück?

Tempelherr.

Das wird sich finden. Geht nur! geht!

ARGUMENT. Act IV.

The Scene is laid in the cloisters of a convent The Lay- brotker gives vent to his feelings of disappolntment at having again been entrosted with a task which is not congenial to him. He Views with sorrow the arrival of the Tcmplar^ thlnking that he is now ready to offer his Services to the Patriarch, The Templar^ however, soon cahns him with the assurance that he has merely come to ask the Patriarch^ s advice (Scene i). When the Patriarch arrives, the Templar asks his opinion as to what should be done in the case of a Jew having bronght ap a Christian female child as his own daughter. The prelate's peremptory reply is, that the Jew should, under all circumstances, be bumt to death, and he expresses his determination to lay the case before the Sultan. The Templar declares that the case he had stated was merely assumed and not based on a real fact, and leaves in order to repair to the Sultan; but the Patriarch snspecting that the thing actually occurred, resolves to get at the bottom of it through the Lay-brother Bonafides (Scene 2).

The Scene changes to a room in the SuUcuCs Palace. Bags ot gold are brought in by slaves, and Seclodin Orders that the remaining half of the moneys which had been brought should be taken to his sister. Sittah enters and shows him a small Portrait of their late brother Assad, in order to compare it with the Templar whose arrival they expect (Scene 3). When the Templar appears, the Sultan again affirms his great resemblance to his late brother Assad^ and asks him to remain in his service, to which the Templar readily agrees. The latter then relates the ARGUMENT. I35 rejection of bis offer by Nathan and, in hls angry mood, reveals to the Sultan the fact Ihat Recha is not the child of NcUhan, bnt bom of Christian parents. The Sultan calms the impetnous Ttmplar with the promise that, if bis intentions are serionsly meant, Recha shall be bis (Scene 4). When the Templar has )eft, Sittah comes forward expressing her astonishment at the Timplar's striking likeness to their brother Assad, The Sultan throws out some sannises respectmg the Templar' s descent, and ezpresses bis determination that Nathan shall yield to bis pro- posal. Sittah persuades her brother to allow her to bring Recha to the Palace, withont there being however any semblance oi force (Soene 5).

The Scene is again transferred to the court before the honse of Nathan^ where goods and valuables are still piled around. Daya admires the costly things Nathan had brought with bim, and being told by the latter that some silver cloth, which she sup« posed was for a bridal dress for Recha, is destined as a present to herseif, she declares her determination not to accept any more gifts from Nathan, unless he promises her to wed Recha to the Templar, and thus restore her to the creed in which she was bom. Nathan asks her to have patience only for a few days more, and on the approach of the Lay-^rother, who desires to speak to him, he Orders Daya to retire (Scene 6). Nathan, taking the Lay-brothet for a mendicant, wishes to give him some alms, but the latter declares that he has rather come to reclaim what he had onoe entrusted to Nathan. He teils the stoiy of bis arrival in Jerusa- lem, and complains of the tasks entrusted to him by the Patriarch. Thus he was commissioned by the latter to trace the report that a Jew had brought up in the precincts of the town a Christian child as bis own daughter. He then reminds Nathan of the fact, that eighteen years ago a groom had placed in bis hands a female Infant. He was that groom, and the child was the daughter of bis former master Wolf von Filnek, who sent her through him to Nathan, as she was motherless, and he was obliged to repair to the scene of war. His master died, and he led the life of a Hermit near Jericho, bnt some time ago was admitted as a Lay^brother in the Convent of Jerusalem. He expresses the 136 ARGUMEtfT.

hope that Nathan has well taken care of the child, and teils him that he wonld have no cause for fear, provided 'no one eise was acquainted with the facts he has related. Nathan implores the Lay-hrother to interoede in his favour, shonld bigotry and hatred rise np against him. He then teils him that when the infant was plaoed nnder his care, he had jnst lost his wife and seven hopefiil sons who perished at the house of his brother in a massacre by Christians. The child was his comfort, and he was attached to her in patemal love, but if it be ordained by Heaven that he should give her np, he will do so to any one who has a prior Claim upon her. The Lay-brother knows nothing of his former master s kin, bnt he remembers that he is in possession of a small book of prayers, which he took from his master when he was buried, and which contained in his handwriting the names of his own relatives and of those of his wife. Nathan arges the Lay-brother to fetch forthwith the Breviary, and when he has lefl^ the former expresses the conjecture that Daya may have betrayed him to the Patriarch (Scene 7). Daya rushes in hastily to an- nounce that the SultatCs sister has sent for Ruha and Nathan being anxious to ascertain whether it was really Sittah who sent for Recha and not the Patriarch^ hastens away to speak himself to the messenger. Daya suspects some danger for Recha from another quarter, and makes up her mind to reveal to h«kr the facts of her desccmt (Scene 8).

VIERTER AUFZUG Erster Auftritt.

Scene: in den Kreuzgängen des Klosters. Der Klosterbruder und bald darauf der Tempelherr.

Klosterbruder.

Ja, ja! er hat schon Recht, der Patriarch!

£s hat mir freilich noch von alle dem 3380 Nicht viel gelingen wollen, was er mir So aufgetragen.—- Warum trägt er mir Auch lauter solche Sachen auf? — Ich mag Nicht fein sein; mag nicht überreden; mag Mein Naschen nicht in Alles stecken; mag 3385 Mein Händchen nicht in Allem haben.— Bin Ich darum aus der Welt geschieden, ich Für mich, um mich für Andre mit der Welt Noch erst recht zu verwickeln?

Tempelherr (Mit Hast auf ihn sukommeod).

Guter Bruder!

Da seid Ihr ja. Ich hab' Euch lange schon 2390 Gesucht.

Klosterbruder.

Mich, Herr?

138 NATHAN DER WEISE.

• Tempelherr.

Ihr kennt mich schon nicht mehr?

Klosterbruder.

Doch, doch! Ich glaubte nur, dasz ich den Herrn In meinem Leben wieder nie zu sehn Bekommen würde. Denn ich hofft' es zu Dem lieben Gott. — Der liebe Gott, der weisz, 2395 Wie sauer mir der Antrag ward, den ich Dem Herrn zu thun verbunden war. £r weisz, Ob ich gewünscht, ein offnes Ohr bei Euch Zu finden; weisz, wie sehr ich mich gefreut.

Im Innersten gefreut, dasz Ihr so rund 3400 Das Alles, ohne viel Bedenken, von Euch wies't, was einem Ritter nicht geziemt. — Nun kommt Ihr doch I Nun hat's doch nachgewirkt!

Tempelherr.

Ihr wiszt es schon, warum ich komme.^^ Kaum Weisz ich es selbst.

Klosterbruder.

Ihr habt's nun überlegt; 2405 Habt nun gefunden, dasz der Patriarch So Unrecht doch nicht hat: dasz Ehr' und Geld Durch seinen Anschlag zu gewinnen; dasz Ein Feind ein Feind ist, wenn er unser Engel Auch siebenmal gewesen wäre. Das, 2410 Das habt Ihr nun mit Fleisch und Blut erwogen, Und kommt, und tragt Euch wieder an. — ^Ach Gott!

Tempelherr.

%f ein frommer, lieber Mann! gebt Euch zufrieden. Deswegen komm' ich nicht; deswegen will Ich nicht den Patriarchen sprechen. Noch, «4*5 Noch denk' ich über jenen Punkt, wie ich ,f 1 U A Gedacht, und wollt' um alles in der Welt Die gute Meinung nicht verlieren, deren Mich ein so grader, frommer, lieber Mann Einmal gewürdiget. — Ich komme blosz, 9420 Den Patriarchen über eine Sache Um Rath zu fragen...Klosterbruder.

Ihr den Patriarchen? Ein Ritter einen — Pfaffen? (Sich tchachtem umsehend).

Tempelherr.

Ja; — die Sach' Ist ziemlich pfäffisch.

Klosterbruder.

Gleichwohl fragt der Pfaffe Den Ritter nie, die Sache sei auch noch 3425 So ritterlich.

Tempelherr.

Weil er das Vorrecht hat, Sich zu vergehn, das Unsereiner ihm Nicht sehr beneidet. — Freilich, wenn ich nur Für mich zu handeln hätte; freilich, wenn Ich Rechenschaft nur mir zu geben hät^e: 3430 Was braucht' ich* Eures Patriarchen? Aber Gewisse Dinge will ich lieber schlecht. Nach Andrer Willen, machen; als allein Nach meinem, gut. — Zudem, ich seh* nun wohl, Religion ist auch Partei; und wer 2435 Sich drob auch noch so unparteiisch glaubt, Hältj ohn' es selbst zu wissen, doch nur seiner Die Stange. Weil das einmal nun so ist; Wird's so wohl recht sein.

Klosterbruder.

Dazu schweig* ich lieber. Denn ich versteh' den Herrn nicht recht.

140 NATHAN DER WEISE, Tempelherr.

Und doch! — 3440 (Lasz sehn, warum mir eigentlich zu thun!

Um Machtspruch oder Rath? — Um lautem, oder Gelehrten Rath?)— Ich dank' Euch Bruder; dank' Euch für den guten Wink. — Was Patriarch? — Seid Ihr mein Patriarch! Ich will ja doch 3445 Den Christen mehr im Patriarchen, als Den Patriarchen in dem Christen fragen. — Die Sach' ist die...Klosterbruder.

Nicht weiter, Herr, nicht weiter! Wozu? — Der Herr verkennt mich. — Wer viel weisz, Hat viel zu sorgen; und ich habe ja 2450 Mich einer Sorge nur gelobt. — O gut! Hört! seht! Dort kommt, zu meinem Glück, er selbst Bleibt hier nur stehn. Er hat Euch schon erblickt.

Zweiter Auftritt.

Der Patriarch, welcher mit allem geistlichen Pomp den einen Kreozgang heraufkommt, und die Vorigen.

Tempelherr.

Ich wich' ihm lieber aus. — War* nicht mein Mann! — Ein dicker, rother, freundlicher Prälat I 2455 Und welcher Prunk!

Klosterbruder.

Ihr solltet ihn erst sehn Nach Hofe sich erheben. Jetzo kommt Er nur von einem Kranken.

Tempelherr.

Wie sich da Nicht Saladin wird schämen müssen!

Patriarch (indem er nSher laommt, winkt dem Bnider).

Hier!— Das ist ja wohl der Tempelherr. Was will 2460 Er?

Klosterbruder.

Weisz nicht Patriarch (auf ihn zugehend, indem der Bmder und das Gefolgs corQcktreten).

Nun, Herr Ritter! — Sehr erfreut Den braven jungen Mann zu sehn! — £i, noch So gar jung!— Nun, mit Gottes Hülfe, daraus Kann etwas werden.

Tempelherr.

Mehr, ehrwürd'ger Herr, Wohl schwerlich, als schon ist. Und eher noch 2465 Was weniger.

Patriarch.

Ich wünsche wenigstens, Dasz so ein frommer Ritter lange noch Der lieben Christenheit, der Sache Gottes Zu Ehr* und Frommen blühn und grünen möge! Das wird denn auch nicht fehlen, wenn nur fein 2470 Die junge Tapferkeit dem reifen Rathe Des Alters folgen will! — Womit war* sonst Dem Herrn zu dienen?

Tempelherr.

Mit dem Nämlichen, Woran es meiner Jugend fehlt; mit Rath.

Patriarch. Recht gern! — Nur ist der Rath auch anzunehmen. 2475 143 NATHAN DER WEISE, Tempelherr. Doch blindlings nicht?

Patriarch.

Wer sagt denn das? — Ei freilich Musz Niemand die Vernunft, die Gott ihm gab, Zu brauchen unterlassen — wo sie hin Gehört. Gehört sie aber überall 3479 Denn hin?— O nein! — ^Zum Beispiel: wenn uns Gott Durch einen seiner Engel, — ist zu sagen. Durch einen Diener seines Worts — ein Mittel Bekannt zu machen würdiget, das Wohl. Der ganzen Christenheit, das Heil der Kirche^ Auf irgend eine ganz besondre Weise 2485 Zu fördern, zu befestigen: wer darf Sich da noch unterstehn, die Willkür desz, Der die Vernunft erschaffen, nach Vernunft Zu untersuchen? und das ewige Gesetz der Herrlichkeit des Himmels nach 3490 Den kleinen Regeln einer eiteln Ehre Zu prüfen? — Doch hiervon genug. Was ist Es denn, worüber unsem Rath für jetzt Der Herr verlangt?

Tempelherr.

Gesetzt, ehrwürdiger Vater, Ein Jude hätt' ein einzig Kind, — es sei 2495 Ein Mädchen, — das er mit der gröszten Sorgfalt Zu allem Guten auferzogen, das Er liebe mehr als seine Seele, das Ihn wieder mit der frömmsten Liebe liebe. Und nun würd' Unsereinem hinterbracht, 3500 Dies Mädchen sei des Juden Tochter nicht; Er hab' es in der Kindheit aufgelesen, Gekauft, gestohlen — was Ihr wollt; man wisse, Das Mädchen sei ein Christenkind, und sei Getauft; der Jade hab* es nur als Jüdin 2505 Erzogen; lass' es nur als Jüdin und Als seine Tochter so verharren: — sagt, Ehrwürd'ger Vater, was war* hierbei wohl Zu thun?

Patriarch.

Mich schaudert! — Doch zu allerest Erkläre sich der Herr, ob so ein Fall 2510 Ein Faktum oder eine Hypothes'. Das ist zu sagen: ob der Herr sich das Nur blosz so dichtet, oder ob's geschehn, Und fortfahrt zu geschehn.

Tempelherr.

Ich glaubte, das Sei eins, um Euer Hochehrwürden Meinung 2515 Blpsz zu vernehmen.

Patriarch. Eins? — Da seh' der Herr, Wie sich die stolze menschliche Vernunft Im Geistlichen doch irren kann. — Mit nichten l Denn ist der vorgetragene Fall nur so Ein Spiel des Witzes, so verlohnt es sich 3520 Der Mühe nicht, im Ernst ihn durchzudenken. Ich will den Herrn damit auf das Theater VeriÄriesen haben, wo dergleichen pro Et contra sich mit vielem Beifall könnte Behandeln lassen. — Hat der Herr mich aber 2525 Nicht blosz mit einer theatraPschen Schnurre Zum Besten; ist der Fall ein Faktum; hätt' Er sich wohl gar in unsrer Diöces*, In unsrer lieben Stadt Jerusalem, Ereignet:— ja alsdann— Tempelherr.

Und was alsdann — -2530 144 NATHAN DER WEISE.

Patriarch. Dann wäre an dem Juden fördersamst Die Strafe zu vollziehn, die päpstliches Und kaiserliches Recht so einem Frevel, So einer Lasterthat bestimmen.

Tempelherr. So? Patriarch. Und zwar bestimmen obbesagte Rechte 2535 Dem Juden, welcher einen Christen zur Apostasie verfuhrt — den Scheiterhaufen, — Den Holzstosz — Tempelherr.

So?

Patriarch. Und wie vielmehr dem Juden, Der mit Gewalt ein armes Christenkind Dem Bunde seiner Tauf entreiszt! Denn ist 2540 Nicht Alles, was man Kindern thut, Gewalt? — Zu sagen: — ausgenommen, was die Kirch' An Kindern thut.

Tempelherr.

Wenn aber nun das Kind, Erbarmte seiner sich der Jude nicht, Vielleicht im Elend umgekommen wäre? 2545 Patriarch. Thut nichts! der Jude wird verbrannt. — Denn besser, Es wäre hier im Elend umgekommen, Als dasz zu seinem ewigen Verderben Es so gerettet ward. — Zudem, was hat Der Jude Gott denn vorzugreifen? Gott 2550 Kann, wen er retten will, schon ohn* ihn retten.

Tempelherr. Auch trotz ihm, sollt' ich meinen — selig machen.

Patriarch. Thut nichts! der Jndp wird verbrannt.

• Tempelherr.

Das geht Mir nah'! Besonders da man sagt, er habe Das Mädchen nicht sowohl in seinem, als 255 s Vielmehr in keinem Glauben auferzogen.

Und sie von Gott nicht mehr, nicht weniger Gelehrt, als der Vernunft genügt Patriarch.

Thut nichts!

Der Jude wird verbrannt...Ja, war* allein Schon dieserwegen werth, dreimal verbrannt 35^0 Zu werden!— Was? ein Kind ohn' allen Glauben Erwachsen lassen? — ^Wie? die grosze Pflicht, Zu glauben, ganz und gar ein Kind nicht lehren?

Das ist zu arg! Mich wundert sehr, Herr Ritter, Euch selbst...Tempelherr.

Ehrwürdiger Herr, das Uebrige, 2565 Wenn Gott will, in der Beichte. (Wüi gehen.)

Patriarch.

Was? mir nun Nicht einmal ETede stehn.? — Den Bösewicht, Den Juden mir nicht nennen?-^mir ihn nicht Zur Stelle schaffen? — O da weisz ich Rath I Ich geh sogleich' zum Sultan. — Saladin, 3570 Vermöge der Capitulation, Die er beschworen, musz uns, musz uns schützen: Bei allen Rechten, allen Lehren schützen, Die wir zu unsrer allerheiligsten Religion nur immer rechnen dürfen! 3575 Gottlob! wir haben das Original. Wir haben seine Hand, sein Siegel. Wir! — L 14$ NATHAN DER WEISE, Auch mach' ich ihm gar leicht begreiflich, wie Gefahrlich selber für den Staat es ist, Nichts glauben! Alle bürgerliche Bande 2580 Sind aufgelöset, sind zerrissen, wenii Der Mensch nichts glauben darf. — Hinweg! hinweg Mit solchem Frevel!...Tempelherr.

Schade, dasz ich nicht Den trefHichen Sermon mit bessrer Musze Genieszen kann! Ich bin zum Saladin 2585 Gerufen.

Patriarch.

JsL? — Nun so — Nun freilich — Dann — Tempelherr. Ich will den Sultan vorbereiten, wenn £s Euer Hochehrwürden so gefällt Patriarch.

O, oh! — Ich weisz, der Herr hat Gnade funden Vor Saladin! Ich bitte meiner nur 2590 Im Besten bei ihm eingedenk zu sein.^ Mich treibt der Eifer Gottes lediglich.

Was ich zu viel thu', thu' ich ihm. — Das wolle Doch ja der Herr erwägen!— Und nicht wahr, Herr Ritter, das vorhin Erwähnte von • 2595 Dem Juden war nur ein Problema? — ist Zu sagen — Tempelherr.

Ein Problema. (Geht ab.)

Patriarch.

(Dem ich tiefer Doch auf den Grund zu kommen suchen musz. Das war* so wiederum ein Auftrag für Den Bruder Bonafides.) — Hier, mein Sohnl 2600 (Er spricht im Abgehen mit dem Klosterbruder.)

Dritter Auftritt.

Scene: ein Zimmer im Palaste des Saladin, in welches von Sklaven eine Menge Beutel getragen und auf dem Boden neben einander gestellt werden.

Sftladin und bald darauf Sittfth.

Saladin (der dazu kommt).

Nun wahrlich! das hat noch kein Ende. — Ist Des Dings noch viel zurück?

Ein Sklave.

Wohl noch die Hälfte.

Saladin.

So tragt das Uebrige zu Sittah. — Und Wo bleibt Al-Hafi? Das hier soll sogleich Al-Hafi zu sich nehmen. Oder ob 2605 Ich's nicht vielmehr dem Vater schicke? Hier Fällt mir es doch nur durch die Finger. — ^Zwar Man wird wohl endlich hart; und nun gewisz Soll's Künste kosten, mir viel abzuzwacken.

Bis wenigstens die Gelder aus Aegypten 2610 Zur Stelle kommen, mag das Armuth sehn, Wie's fertig wird! — Die Spenden bei dem Grabe, Wenn die nur fortgehn! Wenn die Christenpilger Mit leeren Händen nur nicht abziehn dürfen I 2614 Wenn nur — Sittah.

Was soll nun das? Was soll das Geld Bei mir?

Saladin.

Mach' Dich davon bezahlt; und leg* Auf Vorrath, wenn was übrig bleibt.

148 NATHAN DER WEISE, Sittah.

Ist Nathan Noch mit dem Tempelherrn nicht da?

Saladin.

Er sucht Ihn aller Orten.

Sittah.

Sieh doch, was ich hier Indem mir so mein alt Geschmeide durch 2620 Die Hände geht, gefunden.

(Ihm ein kleines Gemälde zeigend.)

Saladin.

Ha! mein Bruder!

Das ist er, ist er!— War er! war er! ah!— Ah, wackrer lieber Junge, dasz ich Dich So früh verlor! Was hätt* ich erst mit Dir, An Deiner Seit* erst unternommen 1 — Sittah, 3625 Lasz mir das Bild. Auch kenn' ich's schon: er gab Es Deiner altem Schwester, seiner Lilla, Die eines Morgens ihn so ganz und gar Nicht aus den Armen lassen wollt'. Es war Der letzte, den er ausritt— Ah, ich liesz 36 30 Ihn reiten, und allein! Ah, Lilla starb Vor Gram, und hat mir's nie vergeben, dasz Ich so allein ihn reiten lassen. — £r Blieb weg 1 Sittah.

Der arme Bruder!

Saladin.

Lasz nur gut Sein! — Einmal bleiben wir doch Alle weg! — 2635 Zudem, wer weisz.? Der Tod ist's nicht allein, Der einem Jüngling seiner Art das Ziel Verrückt. Er hat der Feinde mehr; und oft Erliegt der Stärkste gleich dem Schwächsten. — Nun, Sei wie ihm sei! — Ich musz das Bild doch mit 2640 Dem jungen l'empelherm vergleichen; musz Doch sehn, wie viel mich meine Phantasie Getäuscht.

Sittah.

Nur darum bring* ich's. Aber gieb Doch, gieb! Ich will Dir das wohl sagen; das Versteht ein weiblich Aug* am besten.

Saladin (xu einem ThOrsteher, da: hereintritt).

Ist da?— der Tempelherr?— Er kommM • Sittah.

Euch nicht Zu stören: ihn mit meiner Neugier nicht Zu irren — (Sie setat sich seitwärts auf einen Sopha und iSszt den Schleier fallen.)

Saladin.

Gut so! gut! — (Und nun sein Ton! Wie der wohl sein wird! — ^Assads Ton Schläft auch wohl wo in meiner Seele noch 1) 2650 Vierter Auftritt.

Der Tempelherr und Saladin.

Tempelherr. Ich, Dein Gefangner, Sultan • • • Saladin.

Mein Gefangner?

Wem ich das Leben schenke, werd' ich dem Nicht auch die Freiheit schenken?

150 NATHAN DER WEISE.

Tempelherr.

Was Dir ziemt Zu thun, ziemt mir, erst zu vernehmen, nicht Vorauszusetzen. Aber, Sultan — Dank, «655 Besondem Dank Dir für mein Leben zu Betheuem, stimmt mit meinem Stand und meinem Charakter nicht — Es steht in allen Fällen Zu Deinen Diensten wieder.

Saladin.

Brauch' es nur Nicht wider mich!— Zwar ein Paar Hände mehr, a66o Die gönnt' ich meinem Feinde gem. Allein Ihm so ein Herz auch mehr zu gönnen, fallt Mir schwer. — Ich habe mich mit Dir in nichts Betrogen, braver junger Mann! Du bist Mit SeeP und Leib mein Assad. Sieh! ich könnte 2665 Dich fragen: wo Du denn die ganze Zeit Gesteckt? in welcher Höhle Du geschlafen? In welchem Ginnistan, von welcher guten Div diese Blume fort und fort so frisch Erhalten worden? Sieh! ich könnte Dich 2670 Erinnern wollen, was wir dort und dort Zusammen ausgeführt. Ich könnte mit Dir zanken, dasz Du etn Geheimnisz doch Vor mir gehabt! ein Abenteuer mir Doch unterschlagen: — Ja, das könnt' ich; wenn 2675 Ich Dich nur sah', und nicht auch mich. — Nun mag's! Von dieser süszen Träumerei ist immer Doch so viel wahr, dasz mir in meinem Herbst Ein Assad wieder blühen soll. — Du bist Es doch zufrieden, Ritter?

Tempelherr.

Alles, was 2680 Von Dir mir kommt, — sei was es will — das lag Als Wunsch in meiner Seele.

S a 1 a d i n.

Lasz uns das Sogleich versucben. — Bliebst Du wohl bei mir? Um mich?~Als Christ, als Muselmann: gleichviel!. Im weiszen Mantel, oder Jamerlonk; 2685 Im Tulban, oder deinem Filze: wie Du willst! Gleichviel! Ich habe nie verlangt, Dasz allen Bäumen eine Rinde wachse.

Tempelherr.

Sonst wärst du wohl auch schwerlich, der Du bist: Der Held, der lieber Gottes Gärtner wäre. 2690 Saladin.

Nun denn; wenn Du nicht schlechter von mir denkst. So wären wir ja halb schon richtig?

Tempelherr.

Ganz!

Saladin (ihm die HftQd bietend).

Ein Wort!

Tempelherr (einschlagend).

Ein Mann I — Hiermit empfange mehr Als Du mir nehmen konntest. Ganz der Deine!

Saladin.

Zu viel Gewinn für einen Tag! zu viel I — 3695 Kam er nicht mit?

Tempelherr. Wer?

Saladin. Nathan.

Allein.

Tempelherr (froadg).

Nein. Ich kam 15« NATHAN DER WEISE.

Saladin. Welch eine That von Dir! Und welch Ein weiset Glüdk, dasz eine solche Thät Zum, Besten eines solchen Mannes ausschlug.

Tempelherr. Ja, ja!

Saladin.

So kalt?— Nein, junger Mann! wenn Gott 270c Was Gutes durch uns thut, musz man so kalt Nicht sein! — selbst aus Bescheidenheit so kalt Nicht scheinen wollen!

Tempelherr. Dasz doch in der Welt Ein jedes Ding so manche Seiten hat I — Von denen oft sich- gar nicht denken läszt, 2705 Wie sie zusammenpassen!

Saladin. Halte dich Nur immer an die best', und preise Gott! Der weisz, wie sie zusammenpassen! Aber, Wenn Du so schwierig sein willst, junger Mann, So werd' auch ich ja wohl auf meiner Hut 2710 Mich mit Dir halten müssen? Leider bin Auch ich ein Ding von vielen Seiten, die Oft niciit so recht zu passen scheinen mögen.

Tempelherr.

Das schmerzt! — Denn Argwohn ist so wenig sonst Mein Fehler — Saladin.

Nun, so sage doch, mit wem 2715 Du's hast? — Es schien ja gar, mit Nathan. Wie? Auf Nathan Argwohn? Du?— Erklär* Dich! sprich ' Komm, gieb mir Deines Zutrauns erste Probe.

Tempelherr.

Ich habe wider Nathan nichts. Ich zürn' Allein mit mir— Saladin.

Und über was?

Tempelherr.

Dasz mir 2720 Geträwnt, ein Jude könn' auch wohl ein Jude Zu sein verlernen! dasz mir wachend so Geträumt Saladin.

Heraus mit diesem wachen Traume!

Tempelherr. Du weiszt von Nathans Tochter, Sultan. Was Ich für sie that, das that ich, — weil ich's that. 3725 Zu stolz, Dank einzuernten, wo ich ihn Nicht säete, verschmäht' ich Tag für Tag, Das Mädchen noch einmal zu sehn. Der Vater War fem; er kommt; er hört; er sucht mich auf; £r dankt; er wünscht, dasz seine Tochter mir 2730 Gefallen möge; spricht von Aussicht, spricht Von heitern Femen. — Nun, ich lasse mich Beschwatzen, komme, sehe, finde wirklich Ein Mädchen •. • Ah, ich musz mich schämen, Sultan! — Saladin. Dich schämen! — dasz ein Judenmädchen auf 2735 Dich Eindruck machte: doch wohl nimmermehr?

Tempelherr. Dasz diesem Eindrack, auf das liebliche Geschwätz des Vaters hin, mein rasches Herz So wenig Widerstand entgegensetzte! — 2739 Ich Tropf! ich sprang zum zweiten Mal ins Feuer.*— Denn nun warb ich^ und nun ward ich verschmäht 154 NATHAN DER WEISE.

Saladin. Verschmäht?

Tempelherr.

Der weise Vater schlägt nun wohl Mich platterdings nicht aus. Der weise Vater Musz aber doch sich erst erkunden, erst Besinnen. Allerdings! That ich denn das 2745