SigPhi · Gustav Theodor Fechner

Elemente der Psychophysik, Band 1

German

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Ausführliche und sorgfältige Versuche über den Gegenstand mit Rücksicht auf das Verhalten der seitlichen Theile der Netzhaut hat Aubert**) angestellt, deren Speeialresultate jedoch in die- ser allgemeinen Darstellung nicht wohl Platz finden können.

Was das Vierte anlangt, so ist es immer möglich, eine Far- beflüssigkeit so weit zu verdünnen, oder einen Farbestoff mit so viel Weiss zu mischen, dass die Färbung für das Auge unmerk- lich wird. Dieser Fall wird künftig in dem Kapitel über die Mi- schungsphänomene näher besprochen.

In Betreff der Intensität des Schalles ist die Thatsache der Schwelle leicht eonstatirbar.

Wenn ein tönender Körper sich mehr und mehr entfernt, so hören wir ihn endlich gar nicht mehr, ungeachtet die Schall- wellen, die an unser Ohr schlagen, doch nicht null geworden *) Müllers Arch. 4849. p. 279. **) Gräfe Arch. f. Ophthalmol. III. 38 ff.

Fechner, Elewente der Psychophysik. 16 aA:# sind. Die Näherung des tönenden Körpers hat blos den Erfolg, den Eindruck, der wegen seiner Schwäche, aber nicht wegen seines Fehlens unmerklich ist, durch Verstärkung merklich zu machen.

So hören wir eine zu ferne Glocke nicht mehr. Sollten aber 400 Glocken, deren keine wir einzeln hören, in derselben Ferne zusammen lauten, so würden wir sie hören. Also muss doch auch jede einzelne Glocke in dieser Ferne ihren Beitrag zum Hö- h ren geben, der nur für sich allein nicht hinreicht, eine merkliche Schallempfindung zu erzeugen.

Eine Raupe im Walde hört man nicht fressen, wenn aber allgemeiner Raupenfrass im Walde ist, hört man es sehr wohl; F doch ist das Geräusch, was viele Raupen machen, nur die Summe der Geräusche der einzelnen Raupen. Also muss doch auch jede | einzelne Raupe, ungeachtet man sie für sich nicht hört, etwas ) zum Hören der gesanımten Raupen beitragen; was aber für sich nicht stark genug ist, um merkliche Gehörsempfindungzu erwecken.

Zu allen Zeiten des Tages erfüllt ein gewisses Geräusch die Luft, aber wenn es nicht eine gewisse Stärke übersteigt, so glau- ben wir nichts zu hören. e In homöopathischer Verdünnung schmeckt man auch die bitterste Substanz nicht mehr. Es reicht hin, die Auflösung zu concentriren, und der Geschmack wird merklich.

Unstreitig giebt es zu aller Zeit sehr viele riechende Sub- stanzen in der Luft, die wir doch nicht riechen, weil sie zu ver- dünnt sind. Aber der Hund und der Wilde riecht mit seinem ge- schärfteren Organe wirklich die Spur, die wir nicht mehr riechen, doch ebenso riechen würden, wenn sie sich verstärkte.

Ein einzelnes galvanisches Plattenpaar giebt gar keine merkliche Empfindung, indess die aus einzelnen Plattenpaaren be- stehende Säule einen Schlag giebt.

Jeder Druck auf unseren Körper braucht blos hinreichend vertheilt zu werden, um unmerklich zu werden, ohne dass er doch nichts wäre.

b) Unterschiedsschwelle, J Dass ein Reizunterschied eine gewisse Grösse haben müsse, um noch als Unterschied empfunden zu werden, wird im Allgegemeinen nicht bezweifelt, und die, in. allen Sinnesgebieten anen 5 u u a Ba a u wendbare, Methode der eben merklichen Unterschiede 'ruht ganz darauf. £ Nicht schöner, einfacher und schlagender aber lässt sich das Dasein der Unterschiedsschwelle constatiren, als im Gebiete der Lichtempfindung durch den Schattenversuch, den wir zur Bewährung des Weber’schen Gesetzes anführten. Erinnern wir uns der Umstände des Versuches: Man stellt zwei Lampen neben einander und vor sie einen schattengebenden Körper. Jede der zwei Lampen giebt einen Schatten, der blos von der anderen Lampe erleuchtet ist, indess der umgebende Grund von beiden Lampen erleuchtet ist. Schraubt man nun den Docht der einen Lampe immer tiefer herab, oder entfernt sie immer weiter vom schattengebenden Körper, so sieht man den Schatten, den sie wirft, immer schwächer werden, indem sich die Erleuchtung des umgebenden Raumes immer weniger da- von unterscheidet, und endlich diesen Schatten verschwinden, gleichsam von der allgemeinen Erleuchtung des Grundes absorbirt werden, ungeachtet doch noch beide Lichtquellen da sind. Ich bin ganz erstaunt gewesen, als ich zum erstenmale darauf aufmerk- sam wurde, zwei Lichter blos einen Schatten werfen zu sehen. Beide Lampen brennen deutlich, doch ist blos ein Schatten da. Mit einem Worte, wenn der Unterschied zwischen der Erleuch- tung des einen Schattens und des umgebenden Raumes unter eine gewisse Gränze geht, verschwindet der Unterschied total für die Empfindung und vermag durchaus nicht mehr wahrgenommen zu werden.

Dieser Versuch ist namentlich deshalb sehr frappant, weil man die Componenten hier zugleich im Auge hat, und das Auge scharf, ruhig und stetig auf die Gränzlinie derselben richten kann, während man ihren Unterschied zum Verschwinden bringt; also weder von einem Vergessen des früheren Eindruckes, noch Ueber- sehen des Unterschiedes die Rede sein kann, worauf man geneigt sein könnte, bei anderen Versuchsweisen die Nichtwahrnehmbar- keit oder das Entschwinden des Unterschiedes zu schieben.

Der Versuch lässt manche Abänderungen zu. Allgemein: ist einer der Schatten eben merklich, so braucht man seine Lampe blos etwas niedriger oder die andere etwas höher zu schrauben, so wird er unmerklich; und ist er unmerklich, so braucht man seine Lampe blos erfoderlich höher, oder die andere entsprechend A I tiefer zu schrauben, so wird er merklich. Statt höher und tiefer Schrauben gilt gleich: mehr Nähern und Entfernen.

Dasselbe als dieser Versuch lehrt die, ebenfalls schon geltend gemachte, Erfahrung, dass wir bei genauester Aufmerksamkeit am Tageshimmel keinen Stern zu erblicken vermögen.

Eben so allgemein als die Thatsache der Unterschiedsschwelle ist die Thatsache ihrer Zunahme mit der Grösse der Reize. Soweit das Weber’sche Gesetz besteht, steht die Grösse des noch eben merklichen Unterschiedes und mithin der Unterschiedsschwelle in directer Proportion zu der Grösse der Reize, deren Unterschied aufzufassen ist, sofern es nicht besteht, besteht immer noch eine Abhängigkeit von der Grösse der Reize, welche nur nicht mehr die der einfachen Proportionalität ist.

Sofern die Grösse eines relativen Reizunterschiedes sich gleich bleibt, wenn das Verhältniss der Reize sich gleich bleibt, und um- gekehrt, kann eben sowohl gesagt werden, dass die eben merk- lichen Empfindungsunterschiede bei demselben relativen Reiz- unterschiede, als bei demselben Reizverhältnisse eintreten, unab- hängig von der Grösse der Reize. Aber wenn beides factisch auf dasselbe herauskommt, kann es doch aus formellem Gesichts- puncte manchmal bequemer oder sachgemässer sein, sich vielmehr an die eine als andere Ausdrucksweise zu halten. Demgemäss be- zeichnen wir überhaupt künftig mit absoluter Unterschieds- schwelle, zusammenfallend mit eben merklichem Unter- schiede, den absoluten Reizunterschied, mit relativer Un- terschiedsschwelle oder Unterschiedsconstante den relativen Reizunterschied, mitVerhältnisssch welle oder Ver- hältnissconstante das Verhältniss der Reize, bei welchem ein Empfindungsunterschied auf die Schwelle tritt, und brauchen respectiv die Buchstaben «, w, v dafür. So ist die Unterschieds- constante @ für die Lichtintensität nach Volkmann’s Versuchen 1#,, die Verhältnissconstante v = 444.

Allgemein hat man v=eI+oundv=v-—1.

Mehrfach wird in der Folge der Logarithmus von v gebraucht werden. Sofern nun @ im Ausdrucke v=4+0 stets eine sehr kleine Grösse ist, deren höhere Potenzen gegen die erste vernach- lässigt werden können, kann man nach bekannten mathematischen FM Sätzen für log (1 +®) substituiren Mo, wo M der Modulus des lo- garithmischen Systemes ist, also setzen logv = Mw.

Es ist wichtig, im Auge zu behalten, dass, wenn der relative Reizunterschied und das Reizverhältniss, mithin auch die Unter- schiedsconstante und Verhältnissconstante, bei Abänderung der Reize stets zusammen constant bleiben, doch keineswegs, wenn der eine dieser Werthe sich ändert, der andere sich proportional ändert. Hingegen wächst der Logarithmus der Verhältnisscon- stante nach obiger Gleichung proportional der Unterschiedscon- stante, und es kann überall, wo es blos auf Verhältnisse ankommt, log » für v substituirt werden. 3 2) Extensive Schwelle.

Wenn ein weisser Kreis auf schwarzem Grunde oder umge- kehrt zu klein ist oder aus zu grosser Ferne betrachtet wird, so wird er nicht mehr erkannt. Wenn zwei Puncte oder parallele Fäden einander zu nahe sind oder aus zu grosser Ferne betrachtet werden, so verfliessen sie für das Auge und die Distanz derselben wird unmerklich. Die Gränze, wo das Erste eintritt, kann als Schwelle der erkennbaren Grösse, die, wo das Letzte eintritt, als Schwelle der erkennbaren Distanz bezeichnet werden.

Auf der Haut verfliessen bekanntlich zwei einander zu nahe Zirkelspitzen zu einem gemeinsamen Eindrucke, und es giebt also auch hier eine Schwelle der erkennbaren Distanz.

Nicht minder verfliessen zwei Eindrücke zu einem ununter- scheidbaren Eindrucke, wenn sie zu schnell nach einander ge- schehen. Es giebt also auch eine extensive Schwelle in Bezug auf die Zeitdistanz.

Wenn ein Gegenstand, wie der Stundenzeiger einer Uhr, ein Stern am Himmel, sich zu langsam bewegt, wird die Bewegung nicht erkannt, bei hinreichender Beschleunigung wird sie erkannt. Es giebt also auch eine Schwelle der erkennbaren Geschwindigkeit.

Hier kommt Zeit und Raum zugleich in Betracht. Wahrschein- lich fängt die Geschwindigkeit da an erkennbar zu werden, wenn die Zeitschwelle mit der Raumschwelle zusammentrifft, d.h. wenn in der kleinsten Zeitdauer, die für die Seele nicht in einen Zeit- punct verfliesst, ein Raum beschrieben wird, der für das Auge nicht in einen Raumpunct verfliesst.

3) Allgemeinere Betrachtungen bezüglich der Schwelle, In der Thatsache der Schwelle liegt von vorn herein etwas Paradoxes. Der Reiz oder Reizunterschied kann bis zu gewissen Gränzen gesteigert werden, ohne gespürt zu werden; von einer gewissen Gränze an wird er gespürt und wird sein Wachsthum gespürt. Wie kann das, was im Bewusstsein nichts wirkt, wenn es schwach ist, durch Verstärkung etwas darin zu wirken anfan- gen? Es scheint, als ob Summation von Nullwirkungen ein Etwas der Wirkung geben könnte. Aber wenn dieses Verhältniss einem Metaphysiker Schwierigkeit machen kann, so hat es aus mathe- matischem Gesichtspuncte keine Schwierigkeit, und diess möchte darauf deuten, dass der mathematische Gesichtspunect, nach wel- chem die Grösse der Empfindung als Function der Grösse des Reizes (respectiv der dadurch ausgelösten inneren Bewegungen) betrachtet werden kann, auch der richtige metaphysische ist. In der That, wenn y eine Function von x ist, kann y bei gewissen Werthen von x verschwinden, ins Negative oder Imaginäre über- gehen, indess es hinreicht, & über diesen Werth hinaus zu ver- grössern, um y wieder positive Werthe erlangen zu sehen.

Mit der Thatsache der Schwelle hängt von selbst folgende Thatsache zusammen. Je tiefer die Grösse des Reizes oder Reiz- unterschiedes unter dieSchwelle sinkt, um so weniger vermag der Reiz oder Reizunterschied empfunden zu werden, um so grösse- rer Zuwüchse dazu wird es erst bedürfen, ehe seine Empfindung eintritt. So lange der Reiz oder Reizunterschied unter der Schwelle bleibt, bleibt die Empfindung desselben, wie man sagt, unbe- wusst, und das Unbewusstsein vertieft sich mehr und mehr, nach Massgabe, als die Grösse des Reizes oder Reizunterschiedes tiefer unter die Schwelle herabgeht. So bleiben der entfernte Schall, die Geruchsreize in der Atmosphäre unter der Schwelle, und hiemit die dadurch erweckte Empfindung im Unbewusstsein, bis die Intensität jener Reize eine gewisse Grüsse, die Schwelle übersteigt. Von selbst bietet sich schon hier, wenn wir den Schwellenwerth der Empfindung als Nullwerth und die bewuss- ten Empfindungswerthe als positive Werthe fassen, für die unbe- wussten die Bezeichnung durch negative Werthe dar. Doch wer- den wir auf diese Auffassung erst künftig genauer eingehen.

An die Unmerklichkeit kleiner Unterschiede knüpft sich von selbst eine feine und nicht unwichtige Frage für das Massverfah- ren der Empfindlichkeit nach der Methode der richtigen und fal- schen Fälle.

Gesetzt, der Unterschied der Gewichte oder allgemeiner der Reize, der in den Versuch genommen wird, sei so klein, dass er unter jene Gränze fällt, wo er mit Bewusstsein erkannt werden kann, so fragt sich, ob er auf die Zahl der richtigen und falschen Fälle überhaupt Einfluss gewinnen kann; ob es nicht für das Ver- hältniss beider eben so gut ist, als wenn gar kein Unterschied vorhanden wäre, so lange, bis der Unterschied die Gränze, wo er als solcher spürbar ist, überschritten hat, und ob nicht von da an der Einfluss, statt nach der absoluten Grösse des Unterschiedes, nach der Differenz desselben von dem Werthe, wo er wirklich spürbar zu werden beginnt, zu beurtheilen sei.

Diess scheint zunächst selbstverständlich, denn wie kann eine unser Bewusstsein nicht aflieirende Differenz unser Urtheil bestimmen? Dessenungeachtet kann man es nicht gelten lassen, ohne mit den Principien des betreffenden Massverfahrens zugleich die Prineipien, nach welchen man die Wahrscheinlichkeit der Feh- ler mit Bezug auf die Grösse derselben berechnet, und worauf sich jenes Massverfahren ganz und gar gründet, ungültig zu er- klären; auch führt eine genauer eingehende Betrachtung zu einem jenem scheinbar selbst verständlichen ganz entgegengesetzten Re- sultate. Trotzdem, dass ein Unterschied für sich unmerklich ist, wird er doch bei einer hinreichenden Anzahl Vergleichen ein Ueber- gewicht richtiger Fälle zu Gunsten des schwereren Gewichtes, all- gemein des grösseren Reizes finden lassen.

Es ist nämlich zu berücksichtigen, dass zugleich mit dem Un- terschiede, den es aufzufassen gilt, zufällige Einflüsse wirken, welche bei gleichen Gewichten das Urtheil durchschnittlich eben so oft zu Gunsten des einen als des anderen bestimmen würden. Der Unterschied fügt sich nun aber den Einflüssen, welche das Urtheil zu Gunsten des einen bestimmen, hinzu; und macht theils, dass solche Einflüsse, die ohne das unmerklich gewesen wären, merk- lich zu Gunsten dieser Seite werden, theils verstärkt er die schon merklichen Einflüsse nach dieser Seite und macht, dass sie die enigegengesetzten Einflüsse um so leichter überwiegen. Diess hin- dert dann nicht,'dass in vielen Fällen auch der Einfluss des Mehr- gewichtes zusammen mit den gerade vorhandenen Störungen unter dem Merklichen bleibt, in welchem Falle das Urtheil zweideu- tig bleibt, Fälle, die bei dieser Art Versuchen sehr oft vorkommen; aber principiell auf die anderen Fälle zurückgeführt werden kön- nen, indem man sie halb den richtigen, halb den falschen Fällen zuzählt.

Man sieht auf diese Weise ein, wie ein an sich unmerklicher Unterschied dadurch, dass er sich mit anderen Einflüssen sum- mirt, allerdings merkliche Wirkungen geben kann; und die Wahr- scheinlichkeit, d. h. verhältnissmässige Zahl der richtigen und falschen Fälle bei einer sehr grossen Anzahl von Versuchen, hängt von der Grösse des Unterschiedes in einer Weise ab, welche ge- stattet, ein Mass der Empfindlichkeit daraus abzuleiten, wie frü- her gezeigt.

Der Schwellenwerth sowohl der Reize als Reizunterschiede ist durch Verhältnisse der Ermüdung, Gewöhnung, Uebung, in- nere Ursachen der Aufregung oder Lähmung, Arzneien, die Perio- dieität des Lebens, individuelle Constitution u. s. w. der grössten und mannichfaltigsten Abänderungen fähig, also nur in so weit als constant anzusehen, als diese Verhältnisse keine Veränderung darin hervorbringen. Die Untersuchung dieser Abhängigkeitsver- hältnisse gehört zu den wichtigsten Aufgaben der Psychophysik, und fällt zusammen mit der allgemeinen Untersuchung der Ab- hängigkeitsverhältnisse der absoluten und Unterschiedsempfind- lichkeit oder Reizbarkeit und Erregbarkeit, indem die absolute Empfindlichkeit der Reizschwelle, die Unterschiedsempfindlichkeit der Unterschiedsschwelle reciprok ist.

Sollte sich die Thatsache der Schwelle vom Reize auf die dadurch ausgelöste psychophysische Bewegung übertragen lassen, — was später zu beweisen versucht wird — so wird nach unse- rer allgemeinen Voraussetzung, dass eine feste Beziehung zwischen körperlichen und psychischen Veränderungen in uns stattfinde, auch der Schwellenwerth der psychophysischen Thätigkeit, wel- cher dem Beginne einer gewissen Empfindung entspricht, als un- veränderlich anzusehen sein, so dass die Empfindung sicher be- ginnt, wenn die Thätigkeit, an die sie geknüpft ist, die Schwel- lenhöhe erreicht hat. Indem aber je nach dem wechselnden Zu- stande des Organismus ein Reiz es leichter oder schwerer finden kann, die psychophysische Thätigkeit in dieser Stärke auszulösen, ist der Schwellenwerth des Reizes, der an diesen Punct geknüpft ist, nicht unveränderlich, sondern von dem Zustande der Reiz- barkeit des Organismus mit abhängig, hoch bei abgestumpfter, niedrig bei grosser Reizbarkeit.

Diese Unterscheidung, ob wir den Schwellenwerth, wo die Empfindung verschwindet, auf den Reiz oder die dadurch ausge- lösten Bewegungen beziehen, ist wohl im Auge zu behalten; indem nur die Schwelle in letzterem Sinne eigentlich constant sein kann, während sie in ersterem Sinne sich mit der Reizempfänglichkeit und Anbringungsweise des Reizes ändert.

4) Folgerungen aus dem Dasein der Schwelle, An das Dasein einer Reizschwelle und Unterschiedsschwelle knüpfen sich manche Folgerungen von Interesse und von Wich- tigkeit.

Sollte überhaupt jede kleinste Reizgrösse erkannt werden, so würden wir, da Minima von Reizen aller Art uns stets umspielen, ein unendliches Gemisch und einen unaufhörlichen Wechsel von leisen Empfindungen aller Art verspüren müssen, was nicht der Fall ist. Dass jeder Reiz erst eine gewisse Gränze übersteigen muss, ehe er Empfindung erweckt, sichert dem Menschen einen bis zu gewissen Gränzen durch äussere Reize ungestörten Zustand. Er braucht die Reize nicht auf Null herabzubringen, was er nicht im Stande ist, um durch sie ungestört zu bleiben, sondern sich von denen, die durch die Entfernung geschwächt werden, blos in hinreichende Entfernung zurückzuziehen, oder allgemein solche bis unter eine gewisse Gränze herabzubringen.

Eben so, wie uns das Unmerklichwerden jedes Reizes, wenn er unter eine gewisse Gränze fällt, einen von fremdartigen Per- ceptionen ungestörten Zustand sichert, so das Unmerklichwer- den jedes Reizunterschiedes, wenn er unter eine gewisse Gränze fällt, einen gleichförmigen Zustand der Perception.

Wegen innerer und äusserer Ursachen werden Reize nie ganz gleichförmig durch Zeit und Raum einwirken, doch hindert diess nicht, dass wir gleichförmig lichte und gefärbte Flächen sehen, gleichförmig ausgehaltene Töne hören u. s. w.

Das bekannte Experiment der gedrehten Scheibe mit weissen und schwarzen Sectoren giebt einen einfachen Beleg dazu. Hin- reichend rasch gedreht, scheint sie gleichförmig grau. Nun kann die Intensität des Eindruckes an beiden Rändern eines Sectors “* In Pe nicht wirklich gleich gross sein, weil im Vorübergehen eines schwarzen Sectors progressiv vom Eindrucke verloren wird, und im Vorübergehen eines weissen gewonnen wird. So wie aber der Unterschied an beiden Rändern kleiner wird als die Unterschieds- schwelle, tritt die Erscheinung des gleichförmigen Grau ein. Und zwar erscheint die Gleichförmigkeit bei hinreichend rascher Drehung vollkommen, so dass es mit schärfster Aufmerksamkeit nicht möglich ist, eine Abwechselung zu entdecken.

Ein analogerFall tritt ein, wenn man an den Rand eines rasch gedrehten Zahnrades (Stirnrades) den Finger hält. Indess man bei langsamer Umdrehung die einzelnen Zähne noch unterscheidet, ist diess nicht mehr der Fall bei rascher. Valentin*) hat ausführ- liche Versuche hierüber angestellt. U. a. bemerkt er dabei, dass, wenn die Breiten der Zähne nur unbedeutende Abweichungen darbieten, diess keine wesentliche Störung mitführt, wogegen, wenn in einem Rade von 160 Zähnen 3 oder 5 unmittelbar neben einander liegende 3- oder 4mal so schmal als die übrigen sind, die Gleichförmigkeit selbst bei starker Geschwindigkeit nicht mehr vollständig zu erlangen ist.

Eben so wie eine Scheibe mit weissen und schwarzen Secto- ren bei Drehung mit hinreichender Schnelligkeit gleichförmig grau erscheint, erscheint eine Fläche mit regelmässig abwechselnden weissen und schwarzen Quadraten aus hinreichender Entfernung gleichförmig grau. Diess kann einen doppelten Grund haben; entweder, dass Distanzen unter zu kleinem Gesichtswinkel nicht mehr besonders aufgefasst werden können, dann hinge die Er- scheinung an der extensiven Schwelle; oder den, dass die Irra- diation der weissen Quadrate bei sehr kleinem Gesichtswinkel die- selben in einander fliessen lässt; dann hinge die Erscheinung an der intensiven Unterschiedsschwelle. Möglicherweise können beide Ursachen zusammenwirken; durch die bisherigen Beobachtungen scheint mir nichts darüber entschieden.

Werfen wir von diesen Thatsachen der äusseren Psyehophysik wieder einen flüchtigen Vorblick auf die Bedeutung, die siefür die in- nere gewinnen können. Wenn der Reiz übersetzbar ist in psycho- physische Bewegung, so wird auch die Seele trotz eines Vorhan- denseins und Spieles psychophysischer Bewegung in einem em- Bi Zu u - u ai 12 BE, FE an ud pfindungsfreien und gleichförmigen Zustande verharren können, wenn nur gewisse Gränzen nicht überschritten werden. Der erste Fall wird, wie ich künftig zeige, durch den Schlaf, der zweite da- durch verwirklicht, dass die psychophysischen Bewegungen ihrer Natur nach keine gleichförmigen sein können. Wahrscheinlich sind sie oseillatorischer Natur. Aber die Aenderungen der psychophy- sischen Bewegung werden nicht empfunden, wenn sie nicht eine gewisse Gränze übersteigen; und so werden gleichförmige Empfin- dungen auf Grund ungleichförmiger Bewegungen möglich.

Hiemit wird uns zugleich erleichtert, eine Vorstellung zu fas- sen, woran sich eine verschiedene Qualität der Empfindung knüpft. Während die Ungleichförmigkeit der psychophysischen Bewe- gung nicht als Ungleichförmigkeit der Empfindung empfun- den wird; kann doch die Qualität derselben von der Weise derselben abhängen. Jedoch gehört eine Ausführung dieser An- deutungen nicht hieher; und auch in der inneren Psychophysik kann für jetzt erst mit grossem Mass und Rückhalt darauf einge- gangen werden.

Der mehrfach bemerkte Umstand, dass das Auge in Betreff der intensiven Lichtempfindung vermöge einer schwachen inneren Erregung sich stets von selbst über der Schwelle befindet, giebt zu einer besonderen teleologischen Bemerkung Anlass.

Sollte es erst einer gewissen Stärke des äusseren Lichtreizes bedürfen, um die inneren Bewegungen, an die sich unsere Licht- empfindung knüpft, bis zurSchwelle zu heben, so würden schwach beleuchtete und schwarze Gegenstände gar nicht erblickt werden und hier die Wirkung der blinden Stelle der Netzhaut entstehen, was unstreitig sehr störend wäre. Sollte anderseits das Auge durch innere Erregung weit über die Schwelle gehoben sein, so würden nach dem Weber’schen Gesetze geringe Zuwüchse von Licht nicht mehr deutlich erkannt werden. Das Schwarz in unserem äusser- lich ungereizten Auge ist also, sofern es einen sehr schwachen Lichtgrad repräsentirt, unstreitig das Vortheilhafteste, was bei der Einrichtung unseres Gesichtssinnes stattfinden konnte.

Für das Ohr liegt kein entsprechendes teleologisches Motiv vor; vielmehr kann es hier eher störend erscheinen, wenn jedes kleinste Geräusch gehört werden sollte. In der That haben wir, selbst wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf das Ohr richten, im N normalen Zustande nichts dem Schwarzsehen Analoges, sondern blos das Gefühl der Stille.

Wie aber das Ohr abnormerweise vermöge innerer Reizung über die Schwelle gehoben sein kann, wo dann Brausen, Klingen u. Ss. w. eintritt, so kann es auch vermöge Reizlosigkeit tief unter die Schwelle gesunken sein. Hieher gehören die Erfahrungen, die nun erst ihre wahre Deutung finden, dass Personen, die an Tor- por des Gehörnerven leiden, nur bei einem Geräusche, als: Trom- . meln, Fahren im Wagen, die Sprechenden gut verstehen. Offenbar muss das starke Geräusch dienen, das Ohr bis zur Schwelle zu heben, wonach auch der Zuwachs des Geräusches, der für sich allein nicht hingereicht haben würde, diess zu bewirken, vernom- men werden kann.

Noch will ich folgender Anwendungen der Thatsache der Un- terschiedsschwelle gedenken.

Wenn, wie wohl jetzt ziemlich allgemein anerkannt ist, die sog. Irradiation im Auge vielmehr von den optischen Abweichun- gen des Auges und Beugungsphänomenen als der von Plateau ange- nommenen Ausbreitung der Lichtwirkung auf der Netzhaut ab- hängt, so kann diese physische Irradiation mit verstärkter Inten- sität des Lichtes nicht an Ausdehnung, sondern nur an Intensität zunehmen. Nun haben aber Plateau’s Versuche*) gezeigt, dass die vom Auge wahrgenommene Irradiation zwar bei Weitem nicht im Verhältnisse der Intensität des Lichts, aber doch nicht unbe- trächtlich mit dieser Intensität bis zu einem gewissen nicht über- schreitbaren Maximum wächst.

Es entsprechen nämlich nach seinen Versuchen folgenden Lichtintensitäten 7 folgende sichtbare Irradiationsbreiten J auf ei- nem schwarzen Grunde; wo das Maximum ’ = 16 die Intensität eines von einem Spiegel unter 30° (gegen die Spiegeloberfläche gerechnet) gespiegelten hellen Himmels war: Mit Rücksicht auf die Unterschiedsschwelle ergiebt sich diess von Plateau gefundene Resultat, dass die sichtbare Irradiation mit der Intensität des Lichtes an Ausdehnung wächst, aber in ge- ringerem Verhältnisse und nicht über eine gewisse Gränze, für *) Pogg. Ann. L. Ergänz. $. 412 fl.

eine wirklich constant bleibende physische Irradiationsbreite als ein nothwendiges.

Die weitestmögliche Gränze der sichtbaren Irradiation muss nämlich nothwendig bei der Gränze der physischen liegen. Indem aber bei schwacher Intensität des irradiirenden Lichtes dasselbe schon in grösserer Nähe vom irradiirenden Rande dem Schwarz des Grundes so nahe gleich geworden sein muss, um nicht mehr davon unterschieden werden zu können, muss die Gränze der sichtbaren Irradiation dem irradiirenden Rande um so näher rücken, je schwächer das irradiirende Licht ist.

Babinet*) weist in einer Abhandlung über die Dichtigkeit der Kometenmasse darauf hin, dass von zuverlässigen, von ihm namhaft gemachten, Astronomen Sterne der 10, der 11. Grösse und selbst noch därunter, durch den Kometenkern hindurch beob- achtet worden sind ohne merkliche Schwächung ihres Glan- zes, wogegen nach einer Beobachtung von Valz ein Stern 7. Grösse den Glanz eines glänzenden Kometen fast ganz auslöschte. Hienach stellt er mit Bezugnahme auf die Bouguer’sche Unter- schiedsconstante folgende Betrachtung an: »Puisque l’interposition d’une comete &clairee par le soleil n'affaiblit pas sensiblement l’&clat de l’etoile devant laquelle elle forme un rideau lumineux, il s’ensuit que l’&clat de la comete n’est pas le soixantiöme de celui de l’etoile, car autrement l’interposi- tion d’une lumiere egale A un soixantieme de celle de l’eloile eüt et& sensible. On peut donc admettre tout au plus, que la comöte egalait en Eclat le soixanti&me de la lumiere de l’&toile. Ainsi, dans cette hypothöse, en rendant la com£te soixante fois plus lu- mineuse, elle aurait eu un 6clat &gal ä celle de l’stoile, et sion l’etit rendue soixante fois plus lumineuse quelle n’etait, e’est-A- dire trois mille six cents fois, la come&te etıt &t& alors soixante fois plus lumineuse que l’etoile, et, ä son tour, elle eüt fait disparaitre l’etoile par la sup6riorite de son &clat.«...»On peut admettre que le.clair de lune fait disparaltre toutes les &toiles au-dessous de la quatriöme grandeur; ainsi l’atmosphöre illuminee par la pleine lune acquiert assez d’eclat pour rendre invisibles les etoiles de einquieme grandeur et au-dessous. « Babinet knüpft hieran weitere Betrachtungen, wodurch er Le für die, auch aus anderen Rücksichten höchst gering anzuneh- ende, Dichtigkeit und Masse der Kometen eine in der That ver- schwindend kleine Grösse findet, welche uns jedoch hier nicht weiter angehen. Auch gebe ich die vorige Betrachtung nur als Beispiel möglicher Anwendung der Unterschiedsconstante, halte aber die Anwendung des Bouguer'schen Werthes auf Sterne nicht zulässig, aus Gründen, die ich im folgenden Kapitel bespreche; wonach auch das ganze Rechnungsresultat Babinet’s prekär wird.

XI. Nähere Angaben über Grösse und Abhängigkeitsverhältnisse der Schwellenwerthe in den verschiedenen Sinnesgebieten.

Absolut feste und allgemein gültige Bestimmungen über die Grösse der Reizschwelle und Unterschiedsschwelle sind in keinem Sinnesgebiete möglich, sofern der Schwellenwerth sehr von der äusseren Anbringungsweise der Reize und dem Zustande der Em- pfindlichkeit der Organe abhängt, was sehr veränderliche Ele- mente sind, wozu noch dieSchwierigkeit kommt, den Werth, wo- bei eine Empfindung oder ein Empfindungsunterschied beginnt, genau zu bestimmen. Inzwischen gilt hier das, was in dieser Hin- sicht S. 53 bezüglich der Massbestimmungen der Empfindlichkeit im Allgemeinen gesagt worden. Die, wenn auch nur ungefähre, Bestimmung mittler Werthe für gewöhnlich vorkommende Ver- hältnisse einerseits, extremer Werthe anderseits, behält immer ihr Interesse, und kann selbst vielfach nicht entbehrt werden. Die Abhängigkeit von den Uniständen aber ist selbst als ein Gegen- stand der Untersuchung anzusehen.

Je niedriger der Schwellenwerth, um so grösser unter sonst gleichen Umständen die Empfindlichkeit. Unstreitig giebt es nach der Einrichtung des menschlichen Organismus eine Gränze, welche in dieser Hinsicht nicht überschritten werden kann; wogegen viele Umstände, theils Abnormitäten der Constitution, der Organe, Zu- fälligkeiten aller Art die Schwelle heraufrücken können; alle wirk- lich erhaltenen Schwellenwerthe sind daher nur als obere Gränzen zu betrachten, unterhalb deren die, so zu sagen, ideale Schwelle liegt, welche unter den absolut günstigsten Umständen gefunden werden würde. Die kleinsten Schwellenwerthe, insofern sie nur auf guter Beobachtung beruhen, haben daher das meiste Interesse, sc PRWETEE DER 2 - _ Yo Ze ee 3 A Ne ae a -; Re indem sie die obere Gränze der wirklichen Gränze am nächsten bringen.

Das Folgende enthält unstreitig keine vollständige Zusammen- stellung dessen, was in verschiedenen Gebieten von Angaben über Schwellenwerthe vorliegt; doch werden die folgenden Angaben einen Ansatzpunct zu weiterer Vervollständigung bieten können. Die meisten dieser Angaben werden sich aber nur auf die Unter- schiedsschwelle beziehen können, da über die absolute Reiz- schwelle bisher wenig vorliegt.

1) Intensive Schwelle. a) Licht und Farbe.

Dass eine Reizschwelle bezüglich der Helligkeitsempfindungen nicht in den Versuch fallen könne, ist früher S. 240 besprochen. Bezüglich der Unterschiedsschwelle sind die bisherigen Angaben im 9. Kapitel mitgetheilt und Folgendes das Resume.

Bouguer fand durch Versuche mit Schatten, fraglich ob mit oder ohne Bewegung, die Unterschiedsschwelle gleich‘ „4; der In- tensität; Arago ohne Bewegung bei verschiedenen Individuen „5 bis „7, mit Bewegung „5 bis „4 (vgl. S. 172); Volkmann durch Versuche mit Schatten bei verschiedenen Individuen unter Bewe- gung ungefähr „4, (vgl. S. 149); Masson durch Versuche mit der gedrehten Scheibe bei verschiedenen Individuen „, bis 73, und drüber (vergl. S. 152).

Nach Masson bleibt der Werth für verschiedene Farben sich gleich, ist aber verschieden für die Augen verschiedener Indi- viduen.

Bei den Versuchen, mittelst deren die obigen Bestimmungen erhalten worden, wurden überall Licht- oder Schattenflächen von einer gewissen Ausdehnung und directes Sehen angewandt. Es isbaber gewiss, dass die Unterschiedsschwelle mindestens bis zu gewissen Gränzen auch von der Ausdehnung der sichtbaren Grös- sen abhängt, und sich auf den seitlichen Theilen der Netzhaut an- ders als auf den centralen verhält.

Allgemein verschwindet eine kleine schwarze Fläche auf weissem Grunde oder umgekehrt um so leichter in dem Grunde, jr - d. h. wird nicht von ihm unterschieden, unter je kleinerem Ge- sichtswinkel sie gesehen wird, und auf je seitlichere Theile der Netzhaut sie trifft. Linien werden bei gleicher Dicke mit Puncten noch erkannt, wo diese nicht mehr erkannt werden. Auch macht die Farbe einen Unterschied.

Was den Einfluss der Grösse anlangt, so muss schon die Ir- radiation dahin wirken, dass Objecte von sehr kleinen Dimensio- nen bei gleicher Entfernung des Auges leichter im Grunde ver- schwinden, als grössere, worauf nicht immer erfoderlich Rück- sicht genommen ist. Dabei ist zu beachten, dass eine schwarze Linie, oder ein schwarzer Punkt auf weissem Grunde sich durch Irradiation eben so wohl ausbreitet unter Verminderung der Schwärze, als ein weisser auf schwarzem Grunde unter Vermin- derung der Helligkeit; wovon die Thatsache und Theorie durch Volkmann genauer constatirt und entwickelt worden ist*).