SigPhi · Gustav Theodor Fechner

Elemente der Psychophysik, Band 2

German

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Hienach scheint nur die Annahme übrig zu bleiben, dass, wenn die Farben des Spectrum nicht in denselben Verhältnissen hell im Auge erscheinen, als sie draussen warm sind, diess von einer ungleichförmigen Empfindlichkeit der Netzhaut für die Far- ben abhängt, der Art, dass nach den Gränzen des Spectrum zu Farbenschwingungen bei gleicher lebendiger Kraft, mit der die Netzhaut von ihnen getroffen wird, doch minder leicht und stark empfunden werden, als um-die Mitte, und über gewisse Gränzen hinaus gar nicht mehr merklich empfunden werden.

Die Identitätsansicht von Licht und Wärme vorausgesetzt, kann man nämlich die objective Intensität, d: i. lebendige Kraft, der Stralen in den verschiedenen Theilen des Spectrum durch ihre Wärme gemessen halten, und bei der farblosen Durchsichtig- keit der Augenmedien, welche das Verhältniss der sichtbaren Far— benstralen nicht abändert, auch annehmen, dass die Stralen mit derselben verhältnissmässigen Intensität, welche sie auswendig haben, zur Netzhaut gelangen; wo wir nicht mehr im Stande sind, ihre Wärme zu messen, wohl aber ihre Leuchtkraft, d. i. die In- tensität weissen Lichtes, welche einen gleich starken Eindruck auf das Auge macht (vgl. S. 251). Beide müssten einander pro- portional bleiben, wenn nicht die ungleiche Empfindlichkeit der Netzhaut für die verschiedenen Farben diess Verhältniss änderte.

Hätten wir nun eine eben so genaue Curve der Wärme als der Leuchtkraft des Spectrum, so würden sich aus der Abwei- chung beider Curven bestimmtere Schlüsse über die Empfindlich- keitsverhältnisse der Netzhaut ziehen lassen; insofern man diese Abweichungen dann eben blos auf Rechnung der abweichenden Empfindlichkeit der Netzhaut für die verschiedenen Farbestralen zu schieben hätte. Ist diess aber auch nicht der Fall, so kann doch der vergleichende Blick auf die Seebeck’sche Curve der Leucht- kraft (Pogg. LXII. Taf. III. Fig. 4) und die Müller’sche Curve der Wärme (Pogg. CV. Taf. III. Fig. 4), wovon S. 255 die Rede war, einen gewissen allgemeinen Anhalt in dieser Hinsicht gewähren.

Hienach, und wie schon oben bemerkt, fällt das Maximum der Leuchtkraft mit dem Wärmemaximum gemeinsam in das Gelb, woraus man schliessen muss, dass auch das Maximum der Em- pfindlichkeit der Netzhaut mit dem Maximum der Intensität der zu ihr gelangenden Stralen merklich zusammenfällt, oder dass die gelben Stralen aus dem doppelten Grunde als die leuchtendsten erscheinen, weil sie die intensivsten sind und weil sie mit der grössten Empfindlichkeit pereipirt werden. Von der gemeinsamen Maximumordinate an fällt die Seebeck’sche Curve der Leucht- kraft alsbald convex gegen die Abscissenaxe der Wellenlängen nach beiden Seiten fast symmetrisch ab, die Müller'sche Curve der Wärme concav gegen die Abscissenaxe, nach beiden Seiten ganz unsymmetrisch, langsam zum Roth und Ultraroth, viel rascher zum Violet ab, und die Wärmeordinate an der rothen Gränze des sichtbaren Spectrum ist gleich einer Ordinate etwas diesseits der Linie F (also im Blau), so dass indigfarbene, violete, ultraviolete Stralen, welche jenseits der Linie F liegen, mit ihren Ordinaten ultrarothen Stralen entsprechen, mithin jene bei einer lebendigen Kraft noch sichtbar sind, bei welcher diese unsichtbar sind; was dahin auszulegen, dass die Empfindlichkeit von ihrem Maximum- werthe für das Gelb viel rascher nach Seiten des Roth als nach Seiten des Violet abnimmt.

Diess Resultat scheint mir gezogen werden zu müssen, in soweit die Zusammenstellung der bisherigen Beobachtungen als massgebend gelten kann. Aber freilich würde es zur völligen Sicherstellung und genauern Bestimmung dieses Resultates nöthig sein, dass sich erst die Untersuchung im Zusammenhange darauf richtete und manche Puncte genauer bestimmte und erledigte, die hier nur als wahrscheinlich geltend gemacht werden konnten oder auf keinen scharfen Bestimmungen ruhen.

Insofern für die Tonhöhen eine untere Gränze und wahr- scheinlich auch eine obere Gränze der Perceptionsfühigkeit besteht, kann es jedesfalls an sich nicht unwahrscheinlich erscheinen, wenn etwas Entsprechendes im Gebiete der Farben stattfindet. Nimmt man an, dass die Gesetze der Resonanz, nach welchen sich Schwingungen ausserhalb des Auges zwischen elastischen Medien mittheilen, auch auf die Mittheilung der Lichtschwingungen an die -„ -„ Netzhaut anwendbar sind, so kann es sogar als nothwendig erscheinen, dass die Netzhaut am leichtesten von der Farbe an- klingt, mit der sie am meisten consonirt, sofern elastische Körper bei der Resonanz unter sonst gleichen Umständen den Ton am stärksten wiedergeben, in dem sie selbstständig schwingend er- klingen, und aus diesem Gesichtspuncte haben J. Herschel, Melloni und A. Seebeck den Gegenstand gefasst. Nur scheint mir hiegegen die grosse Schwierigkeit zu bestehen, dass die Netz- haut für sich nicht in einem gewissen farbigen Lichte, sondern in weissem Lichte erklingt, sofern das Schwarz des Sehfeldes bei geschlossenem Auge, was einen geringen Grad der Lichtempfin- dung repräsentirt, farblos, und das gewöhnliche Lichtflackern bei krankhafter Reizbarkeit des Auges, wie ich an mir selbst consta- tiren kann, weiss oder höchstens ganz zweideutig gelblich ist, was sich an flackernden Puncten nicht recht unterscheiden lässt. Nach der Voraussetzung aber müsste die Netzhaut für sich, ohne äussere Anregung, entschieden in derjenigen Farbe schwingen, für die sie am meisten empfänglich ist.

Ungeachtet ich die Resonanztheorie des Sehens nicht für zulänglich halte, könnte sie doch vielleicht bis zu gewissen Grünzen anwendbar sein, und ich halte es nützlich, zu zeigen, wie man sie bisher zu gestalten versucht hat; daher das Wesentliche der Ansicht von Herschel, Melloni und Seebeck hier folgen mag.

W. Herschel in seinem Werke über das Licht, $. 567 äussert sich wie folgt: »Obgleich jeder Stoss und jede nach einem Gesetze geregelte Bewegung in einem elastischen Mittel von den Theilchen desselben fortgepflanzt wird, so nimmt man doch in der Theorie des Lichtes an, dass nur solche primitive Stösse, die nach regelmässigen periodischen Gesetzen in gleichen Zeiträu- men wiederkehren, und oft hinter einander wiederholt werden, unseren Or- ganen die Empfindung von Licht mittheilen können. Um die Theilchen der Nerven unserer Netzhaut mit gehöriger Wirksamkeit in Bewegung setzen zu können, müssen die fast unendlich kleinen Stösse der anliegenden Aethber- theilchen oft und regelmässig wiederholt werden, damit sie ihre Wirkung gleichsam vervielfältigen und concentriren. So wie ein grosses Pendel durch eine äusserst geringe Kraft, die sehr oft in Zeiträumen an demselben ange- bracht wird, welche der Schwingungszeit desselben genau gleich sind, in Schwingung gesetzt werden kann, oder wie ein fester elastischer Körper durch die Vibrationen eines anderen entfernteren Körpers, vermöge der Fortpflanzung derselben durch die Luft, ebenfalls in schwingende Bewegung gerätb, wenn beide im Einklange sind, so können wir auch annehmen, dass die groben Nervenfasern der Netzhaut durch die unaufhörliche Wiederho- lung der Aetherschläge in Bewegung gesetzt werden, und blos diejenigen Li Bu ne ee + Me u u er er Ze Zi werden sich bewegen, die vermöge ihrer Grösse, Gestalt oder Elasticität fähig sind, in den Zeiträumen ihre Schwingungen zu vollenden, in welchen die Stösse wiederholt werden. Auf diese Art sieht man leicht ein, wie sich eine Begränzung der sichtbaren Farben ergeben muss; denn wenn keine Nervenfasern mit Schwingungen, die mehr oder weniger häufig als gewisse feste Gränzen sind, übereinstimmen, so werden solche Schwingungen, ob- gleich sie die Netzhaut erreichen, doch keinen Eindruck hervorbringen. So bringt auch ein einzelner oder ein unregelmässig wiederholter Stoss kein Licht hervor, und auf diese Art können auch die in der Netzhaut hervorge- brachten Schwingungen noch eine merkliche Zeit fortdauern, wenn auch die wirkende Ursache aufgehört hat, wodurch die Empfindung von Licht ver- längert wird.« Melloni entwickelt seine Vorstellungen in einem Schreiben an Arago in den Compt. rend. T. XIV. p. 823, woraus sich eine Uebersetzung in Pogg. Ann. LVI. 574 (vgl. auch LXII. 25) unter der Ueberschrift: »Beobachtungen über die Färbung der Netzhaut und der Krystalllinse « findet, unter Mitbezugnahme auf eine in der Akademie der Wissenschaften in Neapel gelesene Abhandlung, wo er dieselbe Ansicht ausgesprochen hat. Er sagt: »Nach den in ebenerwähnter Abhandlung entwickelten Grundsätzen geschähe das Sehen vermöge äusserst rascher Schwingungen, welche die Nerven-Molecüle der Netzhaut unter dem Einflusse einer gewissen Reihe von Aetherundulationen erführen. Diese Vibrationen, betrachtet in Be- zugaufdieverschiedenen, dasSonnenspectrum zusammen- setzenden Undulationen, würden nicht von der Quantität der Bewe- gung abhängen, sondern herrühren von der grösseren oder geringeren Leich- tigkeit, mit welcher die Theilchen der Netzhaut dieser oder jener Aether- schwingung folgen. Es wäre, akustisch gesprochen, eine Art Resonanz der Netzhaut, erregt durch den Accord oder die harmonische Rela- tion, die zwischen der Spannung oder Elasticität seiner Molecular- gruppen und der Periode der einfallenden Welle vorhanden ist.

»Die ausserhalb der beiden Gränzen des Spectrum liegenden Undula- tionen könnten auf der Netzhaut keine Vibrationsbewegung erregen, und wären sonach unsichtbar, weil ihnen jede Art vonAccord mit der Molecular-ElasticitätdieserMembran des Auges abgienge. Die zwischen Gelb und Orange liegenden, also, nach Fraunhofer, dem Maximum der Lichtstärke entsprechenden Undulationen würden dagegen die mit erwähnter Elasticität der Netzhaut homogensten Vibrationen liefern, undden Moleculendieser Hautdieaus- geprägteste Vibrationsbewegung mittheilen.

»Es versteht sich, dass nach dieser Theorie, wie nach jeder anderen, die man zur Erklärung des Sehens und der optischen Phänomene im Allgemei- nen erdacht hat, die Lichtmenge abhängt von der Intensität der Stralung, die, für uns, aus der Weite der moleeularen Vibrationen entspringt; denn unter gleichen Umständen könnte z.B. der blaue Stral des Sonnenspectrums, wegen seines schwachen Accordes mit der Spannung der Netzhaut-Mole- cule, sehr wohl eine zehn Mal geringere Lichtimenge entwickeln als der gelbe 264 gen Stral; allein die leuchtende Wirkung beider Stralen würde offenbar gleich werden, wenn die schwingenden Atome in der blauen Undulation einen zehn Mal grösseren Raum durchliefen als die in der gelben Undulation.

»Die Verhältnisse zwischen den Intensitäten dieser verschiedenen Schwin- gungsbewegungen des Aethers würden, nach unserer Betrachtungsweise, geliefert werden durch die verschiedenen Temperaturen, welche ein wohl mit Kienruss überzogener (hermoskopischer Körper unter dem Einflusse der Stralungen annimmt « Melloni folgert nun aus dem Umstande, dass, während Temperatur und Leuchtkraft vom Violet bis zum Gelb mit einander steigen, die Tempera- tur vom Gelb zum Roth aber noch wächst, während die Leuchtkraft vom Gelb zum Roth abnimmt, die Nothwendigkeit, der Netzhaut eine geringere Consonanz mit den orangefarbenen und rothen, als mit den gelben Stralen beizulegen, welche Folgerung freilich nicht mehr bindend erscheint, wenn in dem gleicherweise reducirten Wärme- und Lichtspecetrum das Maximum sowohl für Wärme als Helligkeit im Gelb liegt (vgl. S. 255), aber doch in et- was anderer Form nach der ungleichen Abnahme der Wärme und Helligkeit vom Maximum an sich nur in etwas anderer Form wieder herstellen lässt.

Weiter setzt Melloni den Satz, dass die Netzhaut am besten mit dem Gelb consonire, in Beziehung mit einer gelben Färbung der Netzhaut, welche am sog. Sömmering’schen gelben Flecke direct constatirbar ist, und nach Melloni auch der übrigen Netzhaut zukommt, wenn man sie unter gewis- sen Vorsichten zusammenfaltet, wonach und nach anderen Umständen er schliesst, dass sie am gelben Flecke blos wegen der grösseren Dicke der Ner- venschicht leichter sichtbar sei.

»Ein Körper nämlich ist — nach Melloni — roth, grün oder blau, je nachdem die Spannung seiner Theilchen mehr consonirt mit der Schwin- gungsperiode der rothen, grünen oder blauen Undulationen, und daraus folgt nothwendig, dass eine Substanz, deren Theilchen unter der Einwirkung die- ser oder jener Licht-Undulation besser schwingen, nothwendig farbig ist. « | A. Seebeck führt seine Ansicht in einer brieflichen Mittheilung an | Poggendorff unter der Ueberschrift: »Bemerkungen über Resonanz und | über die Helligkeit der Farben im Spectrum« in Pogg. Ann. LXII. 574 aus, unter Bezugnahme auf eine frübere Abhandlung (in demselben Bande S. 299), worin er untersucht hat, wie sich eine in Luft schwingende elastische Platte | bei der Resonanz verhält, »Aus jener Theorie des Mittönens, sagt er, hat sich ergeben, dass eine Platte, wie ich sie dort annahm, deren eigene Schwingungsmenge » ist, ge- troffen von einem Wellenzuge von der Form a cos (mt + ©) stets nach einiger Zeit in eine Bewegung übergeht, welche durch « cos (mt + ©) vorgestellt wird, wo die Schwingungsweite « um so grösser im Verhältnisse zu « ist, je weniger m von n verschieden ist.« | »Sehr leicht ergiebt sich aus der gefundenen Formel für «@ folgender Satz*): »Lässt man auf die Platte zwei gleich starke Töne *) Die yon Seebeck gemeinte Formel (Pogg. LXIL. 299, LXVIII. 459) ist a Ye, u ri wirken, so istdasMittönenvongleicher Intensität, im Falle der höhere Ton um das gleiche Tonintervall über dem Tone der Platte liegt, wie der tiefere unter demselben, z. B. wenn jener um eine Quarte höher, dieser um eine Quarte tiefer ist, als der eigene Ton der Platte. Zeichnet man daher eine Curve der Resonanzstärke, indem man die Wellenlängen als Abseissen und die Intensitäten des Mittönens als Ordinaten nimmt, so wird diese Curve nicht zu beiden Seiten ihres Maxi- mums symmetrisch, sondern fällt auf der Seite der kürzeren schneller, (Sie würde symmetrisch werden, wenn man statt der Wellenlängen deren Loga- rithmen als Abscissen nähme).« Nach Hinweis auf die im Originale (Pogg. LXII. Taf. III. Fig. 8) ver- zeichnete Curve dieser Intensitäten fährt Seebeck fort: »Ich werde jetzt versuchen, diese Betrachtungen auf die sogenannte Resonanz der Netzhaut anzuwenden, unter der allerdings nicht verbürgten Annahme, dass der vorhin ausgesprochene Lehrsatz, welcher für die longi- tudinalen Schwingungen der Schallwellen gefunden worden, unter gewissen Beschränkungen auf die transversalen der Liehtwellen übertragen werden darf.

»Denken wir uns, die Netzhaut bestehe aus Theilchen, welche für sich, nach blossem Anstossen, eigene Schwingungen machen, ganz eben so wie jene Platte. Das subjective Licht, welches wir bei der Erregung des Auges durch Stoss oder elektrische Entladung wahrnehmen, würde dann wahr- scheinlich in solchen eigenen Schwingungen der Netzhaut bestehen. Neh- men wir an, dass der Werth von n für alle Theilchen der Netzhaut gleich sei, d. h. dass jenes subjective Licht homogen sei, oder, was auf dasselbe hinauskommt, ziehen wir nur solche Theilchen in Betracht, welche einerlei n haben, und lassen wir nun auf diese Theilchen Lichtwellen von irgend ei- ner Länge wirken, so müssen die Schwingungen der Netzhaut nach einiger Zeit denen des erregenden Wellenzuges isochronisch werden, dabei aber um so stärker sein, je weniger die Wellenlänge des einfallenden Lichtes von der des eigenen (subjectiven) Lichtes der Netzhaut verschieden ist. Lassen wir also nach einander Wellen von verschiedener Länge, aber gleicher Stärke (gleichem Werthe von am) auf die Netzhaut wirken, so muss ihre Resonanz 2bam u an worin « die Schwingungsamplitude der resonirenden Platte, a die Amplitude der Schwingungen, welche die Platte zur Resonanz erregen, n die eigene Schwingungszahl der resonirenden Platte, m die der erregenden Schwingungen, b eine von dem Widerstande der Bewegung abhängige Constante ist.

Der obige Satz folgt daraus, dass « denselben Werth annimmt, wenn man für m substituirt zn und -”, welche Zahl auch & sei. Ausserdem wird © man leicht noch den Satz daraus ableiten können, dass, wenn n und n’ die eigenen Schwingungszahlen zweier verschiedenen Platten sind, « für sie gleich wird, wenn sie durch die Beziehung verknüpft sind E.

et und die dadurch bedingte Lichtempfindung von ungleicher Stärke sein, und es würden sich die Wirkungen auf unser Organ durch eine Resonanzcurve darstellen lassen, jener ähnlich, welche ich vorhin für die Platte gezeichnet habe, wobei nur der Werth von n und b aus der Erfahrung bestimmt werden müsste.

»Liesse sich diese Curve durch eine zweckmässige Wahl von 5b und n identisch machen mit einer anderen, welche die beobachteten Helligkeiten des Farbenspectrum darstellt, so würde man vermuthen dürfen, dass die Wellen in der ganzen Ausdehnung des Spectrum von gleicher Stärke (leben- diger Kraft) sind; auf eine ungleiche Vertheilung dieser Stärke aber müsste man schliessen, wenn jene beiden Curven sich nicht in Uebereinstimmung bringen lassen.

»Das Letztere ist nun in der That der Fall, wovon ich mich bereits vor einiger Zeit durch Vergleichung Fraunhofer’scher Messungen überzeugt habe.« Seebeck giebt nun die schon S. 251 mitgetheilte Reduction des pris- matischen Spectrum auf ein Gitterspectrum, verzeichnet hienach ebenfalls eine Curve (Pogg. LXII. Taf. III. Fig. 4) und fährt fort: »Vergleicht man diese Curve mit der vorigen (Fig. 3), »so bemerkt man sogleich aus dem ganz ungleichen Gange beider, dass — unter den im Ein- gange bemerkten Voraussetzungen — die wahren Intensitäten (a’m?) sich nicht gleichmässig über die ganze Ausdehnung des Spectrum erstrecken können, indem das Maximum eine ganz andere Lage zwischen je zwei Stel- len gleicher Helligkeit hat, als diess bei der Resonanzcurve für gleiche Wel- lenstärken möglich sein würde. Ist nun die Wellenstärke ungleich für ver- schiedene Theile des Spectrum, so muss die Helligkeitscurve eine Function von ihr und von der ungleichen Resonanzfähigkeit der Netzhaut werden, so dass, um über die letztere zu urtheilen, man die erstere (die Wellenstärke) kennen müsste. Das Maximum der Helligkeit.muss von der Natur dieser beiden Veränderlichen abhängen. Nimmt z.B. die Wellenstärke vom Roth bis zum Violet fortwährend ab — wie das unter der Annahme des Identitäts- principes auch dann der Fall zu sein scheint, wenn man auch hier die un- gleiche Ausbreitung im prismatischen Bilde in Anschlag bringt, so müsste, bei meinen Voraussetzungen, also die eigene Schwingungsmenge n der Netz- haut schon ins Blaugrün oder Blau hineinfallen*). Diess ist ein ganz ande- res Resultat, als jenes, zu welchem Melloni, ohne Frage von ganz ver- schiedenen Prämissen ausgehend, gelangt ist, indem er die grösste Reso- nanzfähigkeit dahin setzt, wo die grösste Helligkeit wahrgenommen wird.

»Ich habe diese Berechnung unter der einseitigen Voraussetzung ausge- führt, dass alle Theile der Netzhaut einerlei n haben, weil es mir nicht ohne Nutzen zu sein schien, die Analogie, auf welche man in diesem Gegenstande *) »Sollte vielleicht hierin der Grund liegen, warum die grüne Farbe un- serem Auge so wohlthätig ist? Allein dann müsste wahrscheinlich das sub- jective Licht ebenfalls grün oder bläulich sein, was sich, wie ich glaube, nicht bestätigt. « einmal gewiesen ist, an einem solchen einfachen Beispiele durchzuführen. Ich halte jedoch diese Voraussetzung selbst nicht für wahrscheinlich. Dür- fen aber mehrere n beliebig angenommen werden, so wird es möglich sein, jede gegebene Helligkeitsskala mit jeder gegebenen Vertheilung der Wellenstärken in Einklang zu bringen. Auf diese Weise wird es, unter der Annahme des Identitätsprincipes, möglich sein, die Vorstellung von einer Resonanz der Netzhaut, oder vielleicht von mehreren solchen Resonanzen festzuhalten, wie man auch die Vertheilung der Wärme im Spectrum oder des bis zur Netzhaut gelangenden Theiles derselben finden möge. Ob aber die Werthe der n, welche angenommen werden müssen, um die Wärmeskala mit der Helligkeitsskala in Einklang zu bringen, wirklich in der Natur des Auges begründet sind, darüber dürften die subjectiven Gesichtserscheinun- gen einigen Aufschluss zu geben geeignet sein.« b) Puncte der Uebereinstimmung und Verschiedenheit zwischen den Empfindungsgebieten von Licht und Schall.

Als Puncte der Uebereinstimmung sind insbesondere folgende geltend zu machen.

4) Lichtempfindungen und Schallempfindungen sind sinnliche Empfindungen, beide, wenn auch in verschiedenem Sinne, die Hauptunterlagen unserer höheren geistigen Entwickelung, beide einer grossen Mannichfaltigkeit von Modificationen, Abwandelun- gen und der Zerlegung durch die Betrachtung in verschieden auf- fassbare, wenn schon nicht wirklich geschiedene Seiten (Stärke und Farbe bei Licht, Stärke, Höhe und Klang bei Tönen) fähig.

2) Beide hängen von den Schwingungen eines elastischen Mediums als äusserem Reize ab, können aber auch ohne äusseren Reiz aus inneren Gründen entstehen. Wahrscheinlich liegen ihnen auch innerlich Schwingungen zu Grunde, welche durch die äusse- ren anregbar sind.

3) Bei beiden schiebt sich zwischen den äusseren Reiz und den Sinnesnerven ein, normalerweise doppeltseitiges, Sinnesorgan ein, wodurch die Form und Wirkungsweise des äusseren Reizes bei seiner Einwirkung auf das Nervensystem mitbestimmt wird.

4) Die Qualität der Töne wie der Farben hängt von der Schwingungsdauer oder Schwingungszahl, die Stärke derselben von der Amplitude der erregenden Schwingungen ab. Bezüglich der Amplitude und der davon abhängigen Stärke der Empfindung gilt für beide das Weber'sche Gesetz.

5) Verschiedene Töne wie verschiedene Farben vermögen im Zusammentreffen einen Eindruck zu erzeugen, welcher dem eines einfachen Tones, einer einfachen Farbe entspricht. Bei Tönen be- ziehe ich- mich hiebei auf die sog. Tartini’schen oder Combina- tionstöne.

6) Wie es Gränzen der Hörbarkeit der Töne giebt, so auch Gränzen der Sichtbarkeit der Farben, wobei es beiderseits noch der Erörterung unterliegt, in wieweit diese Gränzen auf mangeln- der Perceptionsfähigkeit der Nerven für sehr schnelle und lang- same Schwingungen, oder darauf beruhen, dass nach der Einrich- tung unserer äusseren Sinnesorgane Schwingungen über und unter einem gewissen Grade der Schnelligkeit gar nicht zu den Nerven zu gelangen vermögen.

Von dem, was in dieser Hinsicht für Töne gilt, ist schon Th. 1. S. 258 und Th. II. S. 469, von dem, was für Farben gilt, im vo- rigen Abschnitte dieses Kapitels zur Genüge die Rede gewesen.

7) Die Annäherung, welche der Farbeneindruck des Violet am einen Ende des gewöhnlichen Sonnenspectrum an den des Roth am anderen zeigt, kann in gewissem (freilich eben nur in gewissem) Sinne mit der periodischen Wiederkehr eines analo- gen Toneindruckes nach dem Intervalle einer Octave verglichen werden.

Zwar vermehrt sich beim Uebergange von den gewöhnlich sichtbaren violeten zu den ultravioleten Stralen keinesweges die Annäherung an den Eindruck des Roth (durch zu erwartende Purpurtinten), wie man nach der Analogie mit Tönen voraussetzen müsste, sondern das Blau kehrt zurück*). Der ultraviolete Theil des Spectrum (jenseits Stokes Gruppe /) erscheint bei schwacher Intensität indigblau, bei starker Intensität weissblau, doch schliesst Helmholtz aus seinen Versuchen (Pogg. XCIV. 210), »dass die Umkehr in der Farbenreihe, welche beim übervioleten Lichte stattfindet, sich so erklären lasse, dass einer schwachen Empfin- dung violeter Farbe, welche diese Lichtstralen direct erregen, sich die Wahrnehmung des in der Retina durch Fluorescenz er- zeugten grünlich weissen Lichtes (s. S. 248) zugeselle, und beide Farbenempfindungen vereinigt die weisslich indigblaue Färbung geben, welche die übervioleten Stralen darbieten, wenn sie direct gesehen werden. « *) Vgl. Pogg. XCIV. 44. 206, XCVII. 544.

Helmholtz giebt (Pogg. XCIV. 43) von dem brechbarsten Theile des Sonnenspectrum (isolirt von dem hellen Theile des Spectrum betrachtet und von zerstreutem Lichte frei, mittelst Glasprisma’s erhalten) folgende Be- schreibung: »Bei geringer Lichtstärke hat der Raum zwischen den Linien G und A eine ziemlich gleichmässige violete Färbung, die sich auch noch auf die Gegend von Stokes’ Gruppe! ausdehnt. Je lichtschwächer das Violet wird, desto mehr bekommt es einen Anflug von Rosa. Steigert sich die Licht- intensität, so wird der Farbenton dem Blau ähnlicher und entfernt sich im- mer mehr vom Purpur; er geht dann in ein weissliches Graublau über. Die übervioleten Stralen jenseits der Gruppe I setzen die Farbenreihe keineswegs nach dem Purpur hin fort, sondern sind wieder indigblau bei geringer Licht- stärke, weissblau, wo es gelingt, sie in grösserer Lichtstärke zu sehen, Ich habe das überviolete Licht mehreren anderen Personen gezeigt, um nicht durch eine Eigenthümlichkeit meines Auges getäuscht zu werden, 'und alle bezeichneten die Farbe in der Weise, wie ich angegeben habe. Unter allen diesen brechbaren Farbentönen kommt also lichtschwaches Violet, etwa aus der Gegend der Linie 4*) dem Purpur am nächsten; aber auch dieses ist durch einen weiten Zwischenraum in der Farbenreihe von dem äussersten Roth getrennt. Man kann in meinem Apparate durch Mischung von Violet und Roth eine sehr grosse Anzahl unterscheidbarer purpurner Farbentöne bilden, welche sich alle zwischen die Farben der beiden äussersten Enden des Spectrum einreihen lassen. « Anderorts (Pogg. XCIV. 208) sagt er (bezüglich eines, mittelst eines Bergkrystallapparates erhaltenen Spectrum): »das Auge schien für die äus- sersten übervioleten Stralen des Sonnenlichtes keinen geringeren Grad von Empfindlichkeit zu haben, als für die der Gegend von m. Soweit Chinin- papier das Vorhandensein von Stralen anzeigte, konnte sie auch das Auge empfinden. Eine Aenderung der Farbe konnte ich in der ganzen Ausdehnung von! an bis zum Ende nicht bemerken, ausser, dass die lichtschwäche- ren Stellen ein dem Violet ähnlicheres Indigblau zeigten. Alle indigblauen Stralen werden aber bei geringerer Helligkeit dem Violet ähnlicher. Bei gleicher Lichtstärke schien aber die Farbe der übervioleten Stralen doch weisslicher zu sein, als die der gewöhnlichen indigblauen. « Esselbach (Pogg. XCVIII. 515) sagt (bezüglich eines, mit einem Berg- krystallapparate entworfenen) Spectrum: »Der physiologische Eindruck ist in dem Theile des Ultraviolet von N bis R der desselben »»Lavendelgrau««, wie zwischen den Linien L und N. Meistens erscheinen die Linien sehr scharf auf mattem graublauen Grunde; bei geringerer Helligkeit erscheint der Grund glänzend indigblau und bei noch grösserer Lichtschwäche bisweilen, besonders an den Gränzen des Gesichtsfeldes, in entschiedenem Violet. Diess während der Beobachtung oft gesehene Farbenspiel stimmt ganz mit Helm- holtz Erklärung dieser Farbe überein, wonach ihre kurzen Wellen theils unmittelbar als wenig intensives Violet, theils durch Vermittelung einer weissen, grünlich blauen Fluorescenz percipirt werden. « *) Diess muss verdruckt sein (für H?), da A dem Roth angehört.

8) Wir sehen normalerweise mit beiden Augen nur einfach und hören mit beiden Ohren nur einfach.

9) So wie es nach S. 169 f. Individuen giebt, welche für die Töne eines gewissen Theiles der normalerweise hörbaren Tonskala unempfänglich sind, so solche, welche für einen gewissen Theil der normalerweise sichtbaren Farbenskala unempfänglich sind.

Diesen Vergleich zieht schon A. Seebeck (Pogg. LXVIU. 461). Eine Zusammenstellung über die mannichfachen Formen mangelhaften Farben- sinnes findet sich u. a. in Rüte’s Ophthalmologie S. 479 ff.

Als Hauptpuncte der Verschiedenheit sind hingegen fol- gende geltend zu machen.

4) Licht- und Schallempfindungen tragen einen verschiede- nen Grundcharakter.

2) Die Beschaffenheit und Verhältnisse der äusseren Schwin- gungen, welche als Reize zur Erweckung der Licht- und Schall- empfindungen dienen, und die Sinnesorgane, durch die sie an den nervösen Apparat übertragen werden, sind bei Licht und Schall sehr verschieden, wonach auch Verschiedenheiten der dadurch erweckten inneren Vorgänge in unserem Nervensysteme, wovon die Empfindung functionell abhängt, als wahrscheinlich gelten können.

3) Das Licht, wodurch die Lichtempfindungen in uns erweckt werden, beruht insbesondere auf sehr schnellen und schnell fort- gepflanzten Schwingungen von sehr kleiner Amplitude in einem imponderabeln, sehr dünnen Medium, dem Aether; der Schall, wodurch die Schallempfindungen in uns erweckt.werden, auf ver- hältnissmässig viel langsameren und langsamer fortgepflanzten Schwingungen von viel grösserer Amplitude in einem wägbaren dichteren Medium, der Luft. Jene beruhen auf blosser Verschiebung der Aethertheilchen gegen einander, ohne Verdichtung ünd Ver- dünnung des Aethers, diese auf Näherung und Entfernung der Theilchen mit Verdichtung und Verdünnung der Luft. Die Licht- schwingungen sind transversal, d.i. aufihrer Fortpflanzungsrich- tung, der desLichtstrals, senkrecht und können geradlinig, kreis- förmig, elliptisch sein und die verschiedensten zusammengesetzten Formen haben; die Luftschwingungen sind longitudinal, d.h. fal- len der Richtung nach mit der Fortpflanzungsrichtung des Schal- les, der Richtung des Schallstrals zusammen, und sind unstreitig in gleichförmig dichter Luft als geradlinig anzusehen.

4) Bei der Einrichtung des Auges ist Sorge getragen, dass Lichtstralen, die von einem Puncte ausgehen, auch wieder in ei- nem Puncte der von den Lichtstralen getroffenen Nervenhaut zu- sammentreffen und die Lichteindrücke sich in ähnlicher Weise auf der Netzhaut juxtaponiren, als in der Aussenwelt, so dass ein Bild der Aussendinge auf der Netzhaut entsteht. Bei der Einrichtung des Ohres ist keine solche Einrichtung getroffen, und es kann kein Schallbild der äusseren Gegenstände im Ohre entstehen: Hingegen sind im Ohre andere eigenthümliche Einrichtungen getroffen, de- ren Deutung bezüglich der Perception des Schalles zum Theil klar, zum Theil unklar ist. Besonderer Beachtung werth sind gewisse feine Tastenapparate, mit denen nach neuen anatomischen Ent- deckungen die Enden der Hörnerven in Beziehung stehen, worauf unten zurückzukommen sein wird.

5) Durch die verschiedenen Gehörnervenfasern kann der Eindruck räumlicher Juxtaposition überhaupt nicht erhalten wer- den, wie es durch die verschiedenen Sehnervenfasern der Fall ist, indem die Gleichzeitigkeit verschiedener Töne einen anderen Ein- druck macht, als den der räumlichen Coordination, ein Unter- schied, der unabhängig davon besteht, dass die Schallstralen kein Bild der schallenden Gegenstände im Ohre erzeugen; denn wenn Lichtstralen, die von einem Puncte ausgegangen sind, sich über die Netzhaut zerstreuen, wie es bei mangelnder Accommodation der Fall ist, erscheinen sie dessenungeachtet in einer Fläche aus- gebreitet, räumlich explicirt.

6) Die Lichtempfindung hat die Fähigkeit, sich räumlich ge- stalten zu lassen, mit der Tastempfindung gemein, indess für die Tonempfindung keine entsprechende nähere Verwandtschaft mit einer anderen Sinnesempfindung besteht.

7) Selbst ohne äusseren Lichtreiz haben wir normalerweise eine Lichtempfindung, die des schwarzen Gesichtsfeldes, als wel- che nach früheren Erörterungen sich in der That den Lichtempfin- dungen einreiht, wogegen wir normalerweise ohne äusseren Schall- reiz keine Schallempfindung haben; wonach die psychophysische Thätigkeit des Sehens, aber nicht die des Hörens in unserem Ner- venapparate ohne äusseren Reiz über der Schwelle ist.

8) Die Skala der sichtbaren Farben beträgt nach den Erör- terungen des vorigen Abschnittes dieses Kapitels etwa 4 Octave + 1 Quarte, indess die der hörbaren Töne eine ganze Anzahl Oc- taven beträgt. b 9) Durch den psychischen Act der Aufmerksamkeit lässt sich unter gewissen Beschränkungen ein Schallgemisch in solcher Weise in seine Componenten zerlegen, dass wir uns abwechselnd der einen vor der anderen bewusst werden können; wogegen in Bezug auf Farbengemische der Aufmerksamkeit ein solches Vermögen überhaupt nicht zusteht.

Mehrseitig hat man bezweifelt oder geleugnet, dass bei reinen Tonge- mischen eine wirkliche Unterscheidbarkeit der einzelnen Töne stattfinde und hierin ein wesentlicher Unterschied derselben von Farbengemischen bestehe. Wenn Musiker einen falschen Ton in einem Concerte heraushören und selbst das Instrument bezeichnen können, was ihn gegeben, so beruhe diess nur darauf, dass sie an dem Charakter, welchen das ganze Tongemisch dadurch annehme, das Dasein des falschen Tones erkennten, ohne doch die- sen besonders herauszuhören, wie man ja auch die Zumischung einer Far- bennuance zum Weiss wohl erkennen und das geübte Auge des Malers so- gar entscheiden kann, auf welcher Art Zumischung sie beruht, ohne doch dieselbe besonders und mit Beseitigung des Weiss ins Bewusstsein heben zu können.

Nun ist gar nicht zu leugnen, dass die Unterscheidbarkeit von Tönen in reinen Tongemischen ihre durch den Grad der Uebung und Aufmerksamkeit mitbestimmte Gränze hat; wenn ich aber auch bei meinem sehr schlechten musikalischen Gehöre geneigt sein könnte, mich einer solchen Auffassung zu fügen, so widersprechen doch Musiker mit gebildetem Gehöre derselben entschieden. Der Musikdirector Hauptmann in Leipzig hat mir auf mein Be- fragen in bestimmtester Weise erklärt, dass er allerdings im Stande sei, aus einem Accorde gleichzeitig angeschlagener Töne den einen oder anderen besonders herauszuhören, und zwar nicht blos, wenn er unrein sei, sondern auch, wenn der ganze Accord rein sei. In demselben Sinne äussert sich Helmhöltz an mehreren Orten u. a.*): »da nun die Erfahrung lehrt, dass überall, wo die mathematisch-mechanische Untersuchung zusammengesetzte Wellenbewegungen nachweist, ein geübtes Ohr Töne unterscheiden kann, welche den darin enthaltenen einfachen Wellenbewegungen entsprechen, so u. $. w.«; und anderorts**) in Beziehung auf Klänge, in welchen ein Grundton von Obertönen begleitet ist. »In der unmittelbaren Empfindung werden allerdings die einzelnen vorhandenen einfachen Töne bei gehörig angespannter Aufmerksamkeit immer von einander getrennt, während sie in der Vorstellung zusammenfliessen in den sinnlichen Eindruck, den der Ton eines bestimmten tönenden Körpers auf unser Ohr macht, und es gehört