serlich geradlinig, kreisförmig, elliptisch sein, es bleiben Schall- schwingungen, und haben wir auch kein Recht, eine unveränderte Uebertragung der äusseren Schwingungsform ins Innere anzuneh- men, so scheint doch von anderer Seite auch weder ein Grund vorzuliegen, gewisse Schwingungsformen auf gewisse Nerven zu beschränken, noch ein Princip, qualitative Empfindungsverschie- denheiten an Formverschiedenheiten der Schwingungen zu knüpfen.
Und hiemit scheinen alle Wege verschlossen, mittelst unserer Hypothese die gestellte Aufgabe in der Allgemeinheit, in der sie zu stellen ist, zu erfüllen.
Ich gestehe, dass die Schwierigkeit in dieser Hinsicht mir lange als eine fast unlösliche vorgeschwebt hat, so dass ich an deren mögliche Lösung vielmehr glaubte, weil ich an die Möglich- keit einer allgemeinen Fassung der Psychophysik glaubte, als dass ich irgend einen Weg dazu hätte zu erkennen vermocht. Auch dürfte ein solcher nicht leicht durch Betrachtungen von allgemeiner Natur zu finden sein. Indem ich aber auf die besonderen Ver- hältnisse der beiderlei Empfindungen und die Umstände, unter denen sie entstehen, eingehe, scheint mir, dass man dadurch mit einer gewissen Nothwendigkeit zu Vorstellungen von einer so fundamentalen Verschiedenheit zwischen den Verhältnissen der ihnen gemeinsam unterliegenden Schwingungsbewegungen geführt wird, dass jene Schwierigkeit, wenn auch nicht vollständig ge- hoben, doch soweit vermindert erscheint, dass ihre vollständige Hebung als möglich gelten kann, Vorstellungen, die bei einer blos allgemeinen Betrachtung der Möglichkeiten sich nicht nur nicht be- gründen liessen, sondern nicht einmal darbieten konnten. Solche Vorstellungsweisen treten im Folgenden als nähere Bestimmun- gen der vorigen Hypothese auf.
Die zweite Hypothese, die ich demgemäss, und zwar wie- derum nicht als der erste, aufstelle, ist die, dass, während fac- tisch alle Farbenstralen des Spreetrum durch jede Opticusfaser pereipirt werden können, die Töne verschiedener Höhe innerlich durch verschiedene Fasern des Hörnerven anklingen, so dass jede als eine Saite mit nur Einem Tone, oder vielmehr für einen so kleinen Spielraum von Tönen, dass sie vom Gehöre nicht unter- schieden werden können, gelten kann.
Für den ersten Anblick zwar mag nichts unwahrscheinlicher erscheinen, als diese Hypothese, da man keinen Grund hat, den verschiedenen Hörnervenfasern eine verschiedene Spannung wie verschiedenen Saiten beizulegen, noch etwas vorzuliegen scheint, was Schwingungen jeder Tonhöhe den Zugang zu allen Acusticeus- fasern verwehrte. Die neuesten anatomischen Untersuchungen über das Gehörwerkzeug haben inzwischen gelehrt, dass mit den besonderen Hörnervenfasern besondere elastische Gebilde (die sog. Corti’schen Fasern in derSchnecke, eigenthümliche Borsten im Vorhofe) in Verbindung gesetzt sind, welche geeignet scheinen, nach ihren verschiedenen Dimensionen und Elastieitätsverhält- nissen Schwingungen verschiedener Schnelligkeit aufzunehmen und diese den Hörnervenendigungen mitzutheilen, worüber man einige Notizen in folgender Einschaltung nachlesen kann. Ist nun auch eine derartige Deutung dieser Gebilde bis jetzt vielmehr erst eine mögliche als sichergestellte, so ist es doch von grosser Wich- tigkeit, diese Möglichkeit anatomischerseits begründet zu sehen, nachdem die folgends zu erörternden anderweiteren Gründe mit einer gewissen Nothwendigkeit eben dahin zu weisen scheinen. Eine Abhandlung des um die Anatomie dieses Gegenstandes hochverdienten M. Schultze (über die Endigungsweise der Hörnerven im Laby- rinth in Müller’s Arch. 4858, p. 343), schliesst p. 380 so: »Die Corti'schen Fasern mit den von mir hinzugefügten accessorischen Gebilden gleicher Natur können als ein Stützapparat für die eingewebten und aufgelagerten zelligen Gebilde und zuleitenden Nervenfasern betrachtet wer- den. Aber nicht blos als einen Stützapparat möchte ich die Corti’schen Fa- sern betrachtet wissen; es dürfte denselben eine höhere Bedeutung zuzu- schreiben sein. Offenbar begünstigt die eigenthümlich gebogene Lage dieser Fasern, ihre Befestigung auf der membrana basilaris mit einem Ende, ihre Steifigkeit und Elastieität, welche sie nach Allem, was man sehen kann, be- sitzen, das Zustandekommen von Schwingungen derselben, welche die Per- ceplion der Schallwellen begünstigen können, wenn die pereipirenden Ele- mente in möglichst nahe Verbindung mit denselben gebracht werden. Die eigenthümliche Lage gewisser Nervenzellen in den Winkeln gabelförmig sich theilender Stäbchen, oder eingeklemmt zwischen lamina spiralis und gebo- gener Faser dürfte eine solche Annahme noch mehr rechtfertigen, welche zunächst freilich noch, so lange die anatomischen Verhältnisse nicht genauer erforscht sind, ganz in das Gebiet der Hypothese gehört. Wo aber weder das Experiment heranreicht, noch auch, wie hier vorauszuselzen, Erfahrun- gen über pathologische Verhältnisse bald eine Erklärung geben dürften, mag eine solche, wenn sie das betreffende Gebilde aus dem Zustande des reinen Curiosen heraus hebt, am Platze sein.« Es ist unmöglich, ohne ausführliche Beschreibung und Hülfe von Abbil- dungen oder schematischen Figuren eine zulängliche Vorstellung von der complicirten Einrichtung zu geben, welche der mit den Schneckennervenendigungen in Beziehung gesetzte Corti’sche Apparat in der lamina spiralis hat, und überall schwer, sich genau darin zu orientiren. Eine durch Figuren er- läuterte Uebersicht der Resultate der bisherigen anatomischen Untersuchun- gen, mit Ausnahme der neuesten Arbeit von Deiters, gewährt Funke’s. Lehrb. der Physiologie. 3. Aufl. 1860. Bd. II. S. 90 ff. Die vollständigste Un- tersuchung aber hat (nach einer schon früheren Abhandlung in Siebold und Kölliker’s Zeitschrift) Deiters in der kleinen Schrift, »Untersuchun- gen über die lamina spiralis membranacea. Bonn. 1860« geliefert.
Sehr instructiv und erleichternd für das Verständniss dieser Schriften war mir ein von Rüte auf Grund der Deiters’schen Schrift im Grossen ausge- führtes Modell eines Stückes der lamina spiralis mit dem Corli'schen Organe in Holz und Papier. Man erstaunt über die Menge der Particularitäten, die sich hier dem Blicke auf einmal darbieten, und findet sich überzeugt, dass diese nicht umsonst da sein können, Um nach Anleitung der Deiters’schen Schrift wenigstens die Puncte der Einrichtung, welche die wesentlichsten zu sein scheinen, zu bezeichnen, so besteht die lamina spiralis bekanntlich aus einem knöchernen inneren, an den modiolus der Schnecke, und einem häutigen äusseren, an die Schne- ckenwand sich ansetzenden, Theile. Dieser häutige Theil ist aber wesent- lich doppelt, d. h. schliesst zwischen zwei Platten, einer untern, oder der Grundmembran, membrana basilaris, die eine unmittelbare Fortsetzung des Periosts der Scala vestibuli ist, und einer obern, der Deckmembran oder Corti’schen Membran, einen gegen das Labyrinthwasser abge- schlossenen Hohlraum ein, der jetzt als eine dritte Skala, Scala media, zwischen der Scala tympani und Scala vestibuli betrachtet wird. In dieser Scala media liegt der complicirte Apparat, womit die Enden der Schnecken- nervenfasern in Verbindung stehen, und wovon der wichtigste Theil das sog. Corti'sche Organ ist.
Um sich das Corti'sche Organ schematisch vorzustellen, denke man sich eine Art Gewölbebogen oder Dach auf die Membrana basilaris aufgesetzt, gebildet dadurch, dass zwei von der M. basilaris an in schiefer Richlung ge- gen einander aufsteigende Bogentheile oder Schenkel oberhalb der M. basi- laris zusammenstossen, am Puncte des Zusammentreflens aber nicht sowohl verwachsen, als durch ein Gelenk, eine Art ginglymus (Deiters $. 39) mittelst besonderer Verbindungstheile, welche die Decke des Bogens bilden, be- weglich vereinigt sind. Diese Schenkel werden die Corti’'schen Fasern genannt, und zwar der mehr nach dem modiolus der Schnecke zu auf der M. basilaris aufstehende daselbst festgeheftete als innere oder aufstei- gende Faser oder Faser 4. Reihe, der mehr nach der Schneckenwand zu sich an die M. basilaris anheftende, als aussere oder absteigende Faser, Faser 2. Reihe unterschieden. Der ganze Bogen wird durch An- heftungen und Stülzmittel in seiner Lage erhalten. Solcher Bogen sind un- zählige neben einander längs der ganzen lamina spiralis gereiht. Wie es scheint (Deiters S. 30), sind sie in der scala media von Flüssigkeit umgeben, und diese nicht (wie Claudius angegeben) ganz mit Zellenparenchym erfüllt, sondern solches nur an einigen Stellen der Scala media vorhanden, so dass das Corti’sche Organ davon frei bleibt.
Nach Deiters (S. 27. 29) ist die innere Faser wesentlich ein homoge- nes, solides, plattes, viel weniger dickes als breites Gebilde, starrer, weni- ger biegsam, spröder, elastischer als die äussere Faser. Die Festigkeit der Substanz der inneren Faser nimmt von ihrem Ansatze nach Oben allmälig zu. »In ihrer normalen gebogenen Lage wird sie in einer gewissen Span- nung erhalten, welche sie der geraden Richtung zuzuführen strebt.« Die äussere Faser ist hingegen nach Deiters ein rundliches, röhrenförmiges Ge- bilde, an dem eine Hülle und ein consistenter Inhalt neben einander zu un- terscheiden sind; die Festigkeit der äusseren Faser ist überall gleich, die Elasticität geringer, die Biegsamkeit grösser als bei der äusseren Faser, ihr Ende, womit sie auf der Membrana basilaris aufsitzt (Deiters 37), »eine eigen- thümliche glocken- oder trichterförmige Erweiterung, die mit ihrem lumen in der Art auf der Grundmembran aufsitzt, dass die letztere sich unmittelbar in die erstere fortsetzt.« »Die Glocke steht etwas schief unter spitzem Win- kel zur Membrana basilaris« und »kann mit dem Kelche einer Blume ver- glichen werden.« Es ist mir aus dieser Beschreibung nicht ganz klar, ob die Mündung der Trichter offen gegen das Labyrinthwasser oder durch die membrana ba- * silaris verschlossen ist.
Die Nervenvertheilung im Corti'schen Organe und dessen Pertinenzien ist sehr complicirt, und in den Verhältnissen und letzten Endigungen derselben Vieles noch unklar. Hier kann nicht näher darauf eingegangen werden.
Die eigenthümlichen Borsten, mit welchen die Enden des Vorhofnerven in Beziehung stehen, haben nach der Abbildung in Funke’s Lehrb. II. S. 94 f. eine verschiedene Länge und ragen frei in das Labyrinthwasser hin- ein. Mit dem Näheren der anatomischen Untersuchungen darüber bin ich nicht bekannt.
Eine Ausführung der Hypothese, in soweit sie möglich sein sollte, wird überhaupt zunächst den Anatomen, welche genauere Sachkenntniss von den Verhältnissen, die dabei in Betracht kommen, haben, zu überlassen sein; aber die ganze Untersuchung scheint noch nicht auf den Punct gediehen, der eine solche gestattet, Dieselbe Hypothese ist nicht nur schon früher, selbst ehe jene anatomische Entdeckung gemacht war, mehrfach aufgestellt wor- den, sondern auch neuerdings hat sich Helmholtz wiederholt dafür ausgesprochen; und nicht ungern mache ich die Autorität dieses gründlichen und genialen Forschers mit für dieselbe geltend.
In dem amtl. Berichte über die 34. Versammlung deutscher Naturfor- scher und Aerzte in Carlsruhe 4859. S.457 (vergl. auch $. 225) ist ein Vor- trag desselben »Ueber physikalische Ursache der Harmonie und Disharmo- nie« abgedruckt, der ich folgende Stelle entlehne: »Im Allgemeinen ist die Luftbewegung, welche von einem musikalischen Instrumente hervorgebracht wird, mathematisch darzustellen als eine Summe Fechner, Elemente der Psychophysik. II. 19 von Luftbewegungen, welche verschiedenen einfachen Tönen vonn, 2n, 3nete. Schwingungen entsprechen. Diese Zusammenselzung der Lufibewegung ist allerdings nur eine mathematische Fiction, und doch finden wir auch im Ohre bei hinreichend aufmerksamer Beobachtung heraus, dass alle die den einzelnen Gliedern jener Reihe entsprechenden Töne empfunden werden, nämlich der von n Schwingungen als Grundion, die übrigen als seine höhe- ren harmonischen Obertöne. Man kann sich in solchen Fällen, wo die Form der Schwingungsbewegungen genau bestimmt werden kann, z B. bei ange- schlagenen Saiten, überzeugen, dass das Ohr alle diejenigen Obertöne hört, deren entsprechende Glieder in dem mathematischen Ausdrucke vorhanden sind, die fehlenden auch nicht hört.« »Diese höchst auffallende und eigenthümliche Fähigkeit des Ohres, auf der es auch beruht, dass die verschiedenen Töne eines Accordes unterschie- den werden können, würde ihre Erklärung finden, wenn wir annehmen, dass die eigentbümlichen elastischen Plätichen und Härchen, welche in neuester Zeit an den Enden der Hörnervenfasern ansitzend gefunden worden sind, jedes auf einen bestimmten Ton abgestimmt sind, so dass jede Hörner- venfaser nur empfindet, wenn der entsprechende einfache Ton angegeben wird und ihr elastisches Anhängsel vibrirt.« Anderwärts (Pogg. Ann. CVIII. 4859. S.290) aussert er sich wie folgt: »Ich habe schon an einem anderen Orte die Hypothese ausgesprochen, dass jede Nervenfaser des Hörnerven für die Wahrnehmung einer besonderen Tonhöhe bestimmt ist, und in Bewegung kommt, wenn der Ton das Ohr trifft, welcher der Tonhöhe des mit ibr verbundenen elastischen Gebildes (Corti’- schen Organs oder Borste in den Ampullen) entspricht. Danach würde sich die Empfindung verschiedener Klangfarben darauf reduciren, dassgleichzeitig mit der Faser, welche den Grundton empfindet, gewisse andere in Bewegung gesetzt werden, welche den Nebentönen entsprechen. « Der auch von Helmholtz geltend gemachte Hauptgrund für unsere Hypothese liegt in dem verschiedenen Verhalten der Auf- merksamkeit zu den Gesichts- und Gebörseindrücken. Wenn Farben durch dieselbe Opticusfaser gemischt eindringen, vermö- gen wir durch keine Kraft der Aufmerksamkeit die eine vor der anderen ins Bewusstsein zu heben. Wenn hingegen Töne durch dasselbe Ohr eindringen, vermögen wir sie bis zu gewissen Grän- zen durch Richtung der Aufmerksamkeit jetzt auf den einen, jetzt auf den anderen Ton zu trennen, und die Bestandtheile des zusammengesetzten Tones besonders aufzufassen. Sollten alle gleichzeitig vernommenen Töne eben so gemeinsam durch jede Acusticusfaser percipirt werden, so liesse sich der Unterschied der Wirkung der Aufmerksamkeit nicht erklären; was dagegen wohl der Fall ist, wenn die verschiedenen Töne durch verschieee u rn er, Green A 29 dene Fasern pereipirt werden, da wir auch von einem Theile des Gesichtsfeldes unsere Aufmerksamkeit beliebig abziehen können.
Ein sehr einfacher und schlagender Versuch kommt dieser Auffassung zu Hülfe: Man halte vor jedes Ohr eine Taschenuhr, so wird man den Schlag beider Uhren hören, und je nachdem man die Aufmerk- samkeit für das eine oder andere Ohr spannt, den Schlag und Tact jeder Uhr als einen von dem der anderen unterschiedenen auffassen können. Sollte die Aufmerksamkeit im Stande sein, das, was sie leisten kann, wo die Schläge beider Uhren durch zwei verschiedene Nerven pereipirt werden, auch noch zu leisten, wenn sie durch denselben Nerven percipirt werden, so müsste man den Schlag und Tact beider Uhren mittelst demgemässer Stimmung der Aufmerksamkeit auch noch als einen besonderen auffassen können, wenn man beide Uhren vor dasselbe Ohr hält. Aber diess ist nach einem bekannten Versuche von E. H. We- ber*) durchaus nicht der Fall; die Schläge beider Uhren setzen sich zu einem Geräusche zusammen, in dem man jetzt nur die gemeinsamen Perioden der Verstärkung und Schwächung wahr- nimmt, welche man umgekehrt nicht wahrnimmt, wenn man beide Uhren vor die verschiedenen Ohren hält, indess man es ganz unmöglich findet, den Schlag und Tact beider Uhren noch gesondert aufzufassen. Uebrigens kann man statt des Geräusches zweier Uhren mit gleichem Erfolge irgend ein anderes Geräusch anwenden, z. B. das Geräusch, was man durch Reiben der Haare zwischen zwei Fingern respectiv vor einem und vor zwei Ohren erzeugt.
Wenn Geräusche sehr verschieden sind, so hindert nichts, sie zu unterscheiden und durch Aufmerksamkeit zu trennen, auch wenn sie in dasselbe Ohr eindringen, und täglich vernachlässigen wir, indem wir z. B. auf die Worte eines Redenden achten, und unsere Aufmerksamkeit ganz darauf richten, andere mitgehende Geräusche. Diess kann theils darauf beruhen, dass unsere Auf- merksamkeit sich dem eigenthümlichen Tacte, den viele Geräusche, wie das Mühlengeklapper, haben, in einem entsprechenden Wechsel *, S. seine Abhandl. über Taslsinn und Gemeingefühl in Wagner's Wörlerb. S, 489, zu accommodiren vermag. Ausserdem aber hängt die Möglichkeit der Trennung so sehr an der Verschiedenheit der Geräusche, dass man wohl annehmen darf, sie finde nur nach Massgabe statt, als die verschiedenen Acusticusfasern in ungleichem Verhältnisse davon aflicirt werden, so dass die Aufmerksamkeit einen beson- deren Angriff darauf gewinnt. Eine Störung findet immerhin statt, wie ich mich nur eben sehr gestört fand, und schwer ver- stand, als jemand mit mir sprach, und zugleich die Asche aus dem Ofen gekratzt wurde.
Mit dem vorigen Grunde hängt folgender zusammen: wenn verschiedene optisch einfache Farben durch dieselbe Opticusfaser einwirken, gehen sie in einem Eindrucke unter, welcher wieder den Charakter eines solchen hat, der durch eine optisch einfache Farbe erzeugt wäre, und selbst nahe mit dem Eindrucke einer optisch einfachen Farbe von der mittleren Schwingungszahl über- einkommt; was sich daraus erklären lässt, dass die in der- selben Faser sich superponirenden Schwingungen von verschie- dener Schwingungsdauer nach Grailich’schem Principe mit einan- der interferiren. Sollten nun eben so alle Töne durch dieselbe Acusticusfaser eindringen, so liesse sich nicht erklären, warum sie nicht nach einem gleichen Principe durch Interferenz in einem Toneindrucke untergehen sollten, welcher den Charakter eines ein- fachen Tones trägt, und mit dem eines mittleren einfachen Tones nahe zusammenfällt. In der That aber, wenn wir verschiedene Töne zusammen anschlagen, findet nichts der Art statt; der zu- sammengesetzte Ton hat nicht den Charakter eines einfachen und kann nicht mit einem mittleren Tone zwischen den angeschlagenen verwechselt werden.
Allerdings ist auch bei Tönen die Entstehung neuer Töne durch Interferenz möglich, wie die Entstehung der Combinations- töne beweist; aber es lässt sich auch beweisen, dass der Combi- nationston schon durch die Interferenz derLuftschwingungen aus- ser dem Ohre entsteht, eine objective Existenz wie die Töne hat, denen er den Ursprung verdankt.*) Dringt nun mit zwei Tönen der durch ihre Interferenz in der Luft erzeugte Tartini'sche Ton zugleich ein, so wird er von seiner besonderen Acusticusfaser pereipirt, und kann deshalb auch von den componirenden Tönen *) Vergl. Helmholtz, Pogg. XCIX. S. 539.
Zi u WEI 7 WERE ne er unterschieden werden, was nicht möglich wäre, wenn er mit ihnen durch dieselbe Acusticusfaser zugleich percipirt würde. Versucht man einen Tartini’schen Ton durch zwei Stimmga- beln vor zwei Ohren statt vor einem Ohre zu erzeugen, so wird er nach der S. 280 angeführten Erfahrung von Dove nicht mehr gehört, weil die Schwingungen jeder Gabel dann merklich geson- dert in jedes Ohr dringen, und also der objective Tartini’sche Ton nicht entsteht, die Seele aber nach dieser Erfahrung selbst nicht die Macht hat, solchen subjectiv aus seinen Componenten zu bilden.
Hiemit zusammenhängend lässt sich weiter erklären, wie es kommt, dass man im Gebiete der Töne an einem und demselben Eindrucke drei Seiten, Stärke, Höhe, Klang unterscheiden kann, im Gebiete des Lichtes blos zwei, Stärke und Farbe. Mit dem durch eine Acusticusfaser anklingenden Hauptione kann ein Ge- misch höherer Nebentöne durch andere anklingen, und hiedurch eine Zumischung zum Haupttone entstehen, welche als Klang ge- spürt wird; wogegen diess nicht der Fall ist beim Gesicht, sofern die durch dieselbe Opticusfaser eindringenden verschiedenen Far- ben sich immer wieder zum Resultate einer einfachen zusammen- setzen, die durch andere Opticusfasern eindringenden aber räum- lich discret erscheinen.
Vielleicht steht auch der eigenthümliche und durch eine sehr allgemeine Erfahrung constatirte Umstand, dass Schwerhörige in der Regel musikalische Töne viel besser vernehmen, als Geräusche, mit unserer Hypothese in Beziehung.
E Betreffs der übrigens sehr bekannten Thatsache führe ich beiläufig fol- gende Stelle aus der rationellen Otiatrik von Ehrhard (1859) an: p- 41. »Meine pathologischen Beobachtungen ergeben, dass der musika- lische Sinn in beiderlei Weise mit der Schärfe des Gebörs in Einklang steht; ich habe denselben bei den verschiedensten Graden der Schwerhörigkeit, ja selbst 2 mal bei Taubstummen ausgeprägt gefunden; es ist oft wunderbar zu finden, dass Schwerhörige, die meine Kastenuhr gar nicht, meine Repe- tirubr nur wenige Zoll hören, mit Befriedigung ein Concert besuchen, und die feinsten Nüancen einer Symphonie empfinden. Ich sah in Cöln einen Taubstummen, der in der Kirche mitsang, obschon seine Stimme natürlich klanglos war; ich lernte einen Anderen kennen, der sich Pfeifen schnitzte und ihre Reinheit probirte. Die verschiedensten pathologischen Zustände des Gehörorgans, sowohl des acustischen wie des nervösen Apparates, selbst bis zur centralen Lähmung hinauf, wie ja eben die Taubstummen beweisen, können den einmal vorhandenen musikalischen Sinn nicht tödten.« Ein Geräusch lässt sich nämlich als Gemisch vieler Töne von verschiedener Höhe betrachten, die für sich schwach, nur in der Summe stark sind. Im Ohre zerlegt sich das Geräusch bei der Apperception in seine Componenten; und wenn diese die Schwelle nicht oder nur wenig für sich übersteigen, so wird das Geräusch nicht oder nur schwach gehört, indess ein objectiv gleich starker Ton stark gehört wird, weil er sich‘ bei der Apperception nicht zerlegt, sondern in derselben Faser concentrirt bleibt.
Weiter trifft mit den bisherigen Gründen folgender zusam- men. Die Bedeutung des Octavenintervalls für die periodische Seite der Skala der Tonempfindung lässt sich mathematisch blos für einfache Schwingungen begründen, und müsste also, wenn sich die Schwingungen für verschieden hohe Töne in derselben Acusti- cusfaser zusammensetzen könnten, für Accorde verloren gehen, was wider die Erfahrung ist.
Endlich scheint mir noch unserer Hypothese eine sehr schla- gende Analogie zu statten zu kommen. Unser Auge ist ein diop- trischer Apparat, welcher nach gleichen Principien gebaut ist, als unsere künstlichen dioptrischen Apparate, und insbesondere ganz ähnlich, nur vollkommener, als unsere Camera obscura. Es kann also nicht unangemessen erscheinen, wenn wir auch unsere Ohren einem unserer akustischen Apparate, d. i. musikalischen Instru- mente entsprechend gebaut halten, und zwar scheint es am meisten einem Klaviere vergleichbar, wo eine so grosse Menge Saiten mit zugehörigen Tasten vorhanden ist, dass alle Tonstufen, ‚wenn schon nicht mit absoluter, aber für das praktische Bedürf- niss hinreichender Genauigkeit repräsentirt sind, und jede beson-. dere Saite durch einen besonderen Hammer angeschlagen wird, nur dass, wenn die anatomische Andeutung nicht trügt, in unserem Gehörorgane der Hammer es ist, welcher musikalisch gestimmt ist, und durch seinen Anschlag den Ton an die Saite überträgt. Beim Auge ist alle Kunst darauf verwendet, dass Lichtstralen, die von einem sichtbaren Puncte herkommen, sich nicht mit solchen mischen, die von anderen Puncten herkommen, sondern geson- dert gefasst werden können. Mit aller Kunst hat sich diess nicht vollständig, aber doch sehr approximativ erreichen lassen. So meinen wir nun auch, dass eine entsprechende Kunst im Ohre verwendet ist, die Töne, die von einem tongebenden Körper herkommen, gesondert von denen percipiren zu lassen, welche von anderen herkommen; und auch bier wird sich diess nicht voll- ständig, aber mit entsprechender Approximation haben erreichen lassen. Hiemit gehen wir auf zwei Einwände über, die man der, schon früher hie und da in Anregung gekommenen, Hypothese entgegenstellen konnte und entgegengestellt hat.”)
Es lässt sich erstens bemerken, dass die Zahl der Töne selbst nur innerhalb einer Octave, geschweige innerhalb der gan- zen Tonskala, die unserem Ohre zugänglich ist, unendlich ist, und dass wir wirklich alle diese unendlich verschiedenen Töne zu vernehmen vermögen, indess die Zahl der Nervenfasern des Acusticus doch nur eine endliche sein kann; zweitens, dass eine Zerlegung der durch das Labyrinthwasser in Zusammensetzung anlangenden Schallwellen in solcher Weise, dass jede einzelne Faser sich den ihr eigenen Ton herauslese, nach keinem physika- lischen Prineipe vorstellbar sei.
Beiden Einwänden aber lässt sich im Zusammenhange be- gegnen.
Der erste Einwand würde Stich halten, wenn wir wirklich jeder Faser blos die Perception eines einzigen absolut bestimmten Tones zuzuschreiben hätten, und zugleich würde sich keine phy- sikalische Vorstellung fassen lassen, wie jeder Faserr blos eine absolut einzige Schwingungsart zugeführt werden, oder sie blos für ihre Aufnahme allein empfänglich gemacht sein sollte. Aber wir haben nur nöthig anzunehmen, wie auch von Anfange an ge- schehen, dass jede Faser einen Spielraum von Tönen hat, der klein genug ist, dass er die Unterschiedsschwelle nicht erreicht oder übersteigt. Dann wird es nicht nur möglich, die Continuität der Tonempfindungen durch die ganze Skala der Töne mit einer end- lichen Zahl von Fasern zu erhalten, sondern es lassen sich auch physikalische Wege denken, jede Faser unter Bedingungen zu ver- setzen, dass ihr aus einem Tongemisch nur Schwingungen in- nerhalb eines kleinen Spielraums zukommen, und in den ange- führten Entdeckungen über die Structur des Gehörorgans Andeu- tungen finden, dass solche Bedingungen wirklich erfüllt sind. Zwar fodert auch diese Voraussetzung, wenn schon keine unend- lich grosse, aber noch eine ungeheure Zahl Nervenfasern; aber Een da diese Bedingung wirklich erfüllt ist, so spricht diess vielmehr für als gegen die Voraussetzung. Kölliker fand, wie ich einer Notiz in Funke’s Physiol. 4. Aufl. (S. 683) entnehme, in der Schnecke des Ohres »eine 18” lange Reihe von mehr als 3000 mit mathematischer Gesetzmässigkeit neben einander gelagerter Nervenenden.« Kölliker hielt die Corti'schen Fasern für Ner- venenden; aber diess ändert den Gesichtspunet nicht, da den- selben Nervenfasern entsprechen. Es würde ganz unmöglich sein, eine teleologisch zulängliche Vorstellung zu fassen, wozu so viele, so eigenthümlich armirte Nervenfasern dienen sollten, wenn jede Faser alle Töne gleichzeitig aufnehmen und erst die Seele solche scheiden sollte.
Dem Einwande, dass eine physikalische Vorrichtung undenk- bar sei, welche die einzelnen Componenten einer resultirenden Tonmischung wieder zu trennen, und den verschiedenen Nerven- elementen zuzufübren vermöge, wird eben so durch Thatsachen wie durch Theorie widersprochen.
Bekannt und zweifelfrei ist das Experiment, dass sich manche Gläser durch Hineinschreien eines gewissen Tones, aber nicht anderer Töne zersprengen lassen. Ein solches Glas wählt also zwischen den Tönen, schwingt nur mit einem gewissen Tone hin- länglich stark mit, um zersprengt zu werden. So erzittern die Fensterscheiben vorzugsweise unter dem Einflusse gewisser Töne; so bringt eine schwingende Saite vor anderen nur die gleichge- stimmte zum Mitschwingen. Dabei ist überall gleichgültig, ob noch andere Töne ausser den betreffenden mitklingen.
Inzwischen eben so gewiss, als diese Auswahl ist, so gewiss ist, dass sie nicht absolut auf einen einzigen bestimmten Ton be- schränkt ist. Einmal kann weder das Glas, noch die Fenster- scheibe, noch die Saite absolut genau auf den Ton gestimmt sein, der sie zum Mitschwingen bringt. Ausserdem würde jene An- nahme sich mit den Gesetzen der Tonmittheilung nicht vertragen.
In der gründlichen Abhandlung A. Seebeck’s »Ueber Schwingungen unter der Einwirkung veränderlicher Kräfte*) «, ist der Fall allgemein behandelt, dass einem plattenförmigen Körper N, welcher (wie wir von den Corti’schen Fasern mindestens erster Reihe, und den Borsten an den Enden des Hörnerven voraus- *) Pogg. Ann. LXII, 289.
ee er setzen) einer selbständigen Schwingung von der Periode n fähig ist, oder, kurz gesagt, auf den Ton n gestimmt ist, in einem wi- derstehenden Medium *), durch dieses Medium Schwingungen eines selbsttönenden Körpers M**) von der Periode m zugeführt wer- den. Hienach gilt mathematischerseits Folgendes.***) 4). Allgemeingesprochen setzt sich die Schwingungsperiode des Körpers, welchem die Schwingungen mitgetheilt werden, zu Anfange aus seiner eignen Periode n und der Periode m des selbst- tönenden Körpers M zusammen; geht aber nach einiger Zeit in letztere Periode allein über, um so schneller, je grösser der Wi- derstand des Medium ist, in welchem die Schwingung erfolgt.
2) Das Mittönen nach der Periode m ist um so stärker, je weniger die Periode m von der eignen Periode n des mittönenden Körpers unterschieden ist; und wenn beide Perioden beträchtlich verschieden sind, so findet ein merkliches Mittönen nur bei Flä- chen statt, welche.verhältnissmässig ihres Areals wenig Masse haben.
3) Wird der Körper N statt durch eine einfache Schwin- gungsbewegung durch eine zusammengesetzte zum Mitlönen an- geregt, so gilt dasselbe für die einzelnen Componenten der Schwin- gung: »namentlch macht der Körper nur die Bewe- gungen merklich mit, welche von seiner eigenen Periode nicht zu sehr verschieden sind.« Hienach kann man die Möglichkeit einer Auswahl von Tönen aus einem Tongemisch durch geeignete physikalische Veranstal- tungen eben so experimental als mathematisch begründet halten.
4) Einem je grösseren Widerstande der Körper N bei seinen Schwingungen durch das umgebende Medium unterliegt, desto grösser kann die Differenz zwischen n und m sein, bei welcher er noch merklich in der Periode m mitschwingt, wonach die Umge- bung des Hörnervenenden-Apparates mit Wasser statt mit Luft ausser einer schnellen Dämpfung des Nachklingens auch den Er- *) Seebeck behandelt den Fall für Luft; indess hindert principiell nichts die Uebertragung auf Wasser. **) ImOriginale ist M von der Masse des resonirenden Körpers gebraucht. Uebrigens stimmen unsere Bezeichnungen mit denen des Originals überein. *"*) Der zweite und vierte der folgenden Sätze ist aus der S. 265 mitge- theilten Formel zu folgern.
folg haben könnte, den Spielraum der Töne, von welchem die Endplättchen anklingen können, etwas zu erweitern, Inswischen giebt es zwei andere Schwierigkeiten der Hypo- these, die zwar nicht als durchschlagend anzusehen, aber doch auch eben so wenig schon zulänglich gehoben sind, und auf deren genauereUntersuchung und hoffentlich Beseitigung daher das Au- genmerk hinzulenken ist.
Die erste ist die, dass die Corti’schen Fasern in der Schnecke und Borsten in den Ampullen nur vermöge einer Verschiedenheit ihrer Dimensionen, Substanz oder Anbringungsweise auf einen ver- schieden hohen Ton gestimmt sein können. Nun bin ich mit den schon zu grosser Ausdehnung gediehenen anatomischen Unter- suchungen über diesen Gegenstand bei Weitem nicht hinlänglich bekannt *), um sagen zu können, was etwa Genaueres von Bestim- mungen darüber vorliegt. Ueber die Borsten vergl. in dieser Hin- sicht die Bemerkung $.289. Die Corti'schen Fasern aber scheinen in der ganzen Länge der Schnecke einander sehr ähnlich zu sein, und auch von einer verschiedenen Anbringungsweise finde ich nichts gesagt. Namentlich bemerkte Kölliker**) gegen die von Helmholtz ausgesprochene Hypothese ausdrücklich: »Dass die Grössendifferenzen der Theile des Corti'schen Organs nur minimal sind, die Theile scheinen. gegen die Kuppel zu länger zu werden. « Helmholtz erklärte hierauf »die Längenmessungen für weniger wichtig, als die der Dicke.« Nur dürfte zu bemerken sein, dass die transversale Schwingungszahl eines parallelepipedischen Stabes bei gleicher Anbringungsweise unabhängig von der Breite, aber