SigPhi · Gustav Theodor Fechner

Elemente der Psychophysik, Band 2

German

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Aehnlich als das Einatbmen einschläfernder Substanzen scheint die na- türliche Annäherung des Schlafes zu wirken. »Das leibliche Gefühl, — sagt *, Hamb. lit. u. krit. Bl. 4847. Nr. 43, **) Pfeufer, Zeitschr. 4847. Bd. VI. S. 79. ***) Mag. für Lit. des Ausl. 4847. März. +) Mag. für Lit, des Ausl. 4854. Nr. 72. -F+) Unstreitig ist die Empfindung einer Ausdehnung ins Unbestimmte ohne Gestalt und Begränzung weniger als eine Steigerung, denn als ein Ver- lust des Gefühles räumlicher Bestimmtheit zu fassen. F: Purkinje*) — besonders das der Haut, verliert (beim Einschlafen) allmä- lig die Empfindlichkeit für die mittleren Wärme- und Kältegrade; auch der Druck der Umgebung wird nicht mehr empfunden. Der Körper scheint auf der Unterlage mehr zu schweben, als darauf zu lasten. Oft geschieht es dann, dass, wenn durch plötzliche Weckung das Gefühl in die gedrückten Hautstellen wieder einschiesst, es scheint, wie wenn wir aus dem Zustande des Schwebens mit einemmale auf harten Boden gefallen wären, eine Erfah- rung, die wohl die meisten beim ersten Einschlafen werden gemacht haben. « Interessant ist es, mit der Wirkung der Narkotika die sehr anders gear- tete des Strychnins zu vergleichen. Wäbrend Lichtenfels von Morphin, Atropin, Daturin die auffallendste Verminderung der extensiven Empfind- lichkeit erfuhr, so war dagegen die Verminderung nach dem Gebrauche von Strychnin, obwohl bestimmt angebbar und merklich, doch im Verhältnisse zu jenen Stoffen nur gering. Es zeigte sich aber, dass derselbe Druck, wel- cher sonst nur eine matle Empfindung erzeugte, nach Strychnin-Einnahme eine sehr helle und bestimmte hervorruft, dass die Qualität der Empfindung verändert wird und die Dauer der Nachempfindung auffallend gross ist. — »Wenn man im normalen Zustande den Knopf des Tasterzirkeis zuerst an die Haut des Armes und dann an die Zunge andrückt, so erscheint die er- stere Empfindung matt, die letztere sehr scharf und begränzt, aber gerade so hell wird durch Strychnin die Empfindung an der Haut desArmes, gleich- sam als wäre die Dichtigkeit des wirksamen Agens vermehrt.« (Wien.

Man kann sich nun leicht denken, dass der Einfluss der Läh- mung, der narkotischen Substanzen, der Aetherisirung und Chlo- roformirung dahin geht, die Empfindung einer Anzahl Empfin- dungskreise unter die Schwelle herabzudrücken, und hiedurch denselben Erfolg hervorzubringen, als wenn eine Anzahl dieser Empfindungskreise ganz fehlte oder abstürbe; ja fast scheint diese Auffassung nothwendig, wenn man in Rücksicht zieht, dass Ab- sterben blos der grösste Grad der Lähmung und das tiefste Sin- ken unter die Schwelle ist.

Hiemit würde sich zugleich erklären, dass wir die kleinste Verrückung einer Zirkelspitze an Theilen, wie dem Oberarme, erkennen, wo zwei Zirkelspitzen,, zugleich aufgesetzt, einen be- trächtlichen Abstand fodern, um überhaupt als distant zu erschei- nen. Indem wir eine Zirkelspitze durch eine gegebene Distanz hindurchführen, erheben wir successiv alle zwischenbefindlichen Empfindungskreise durch die eintretende Reizung über dieSchwelle, indess in derselben Distanz, wenn sie zwischen zwei ruhende Zir- *, Wachen, Schlaf und Traum in Wagner’s Wört. S. 420.

kelspitzen gefasst wird, ein grosser Theil der ungereizten Empfin- dungskreise unter der Schwelle bleibt.

So gut aber diese Erklärung zu den bisher besprochenen Thatsachen passt, giebt es doch eine Thatsache, die ihr direct zu widersprechen scheint, und von der ich gestehe, dass sie mich lange in Verlegenheit gesetzt hat; wie ich denn ihre Erklärung nur auf einen, bis jetzt hypothetischen, Gesichtspunct zu stützen wüsste, der zwar, wie man schliesslich sehen wird, mit dem vorigen in sehr natürlichen Zusammenhang tritt, von dem man aber allerdings wünschen kann, dass er noch von anderer Seite als durch das Bedürfniss dieser Erklärung gestützt wäre.

Volkmann hat die Bemerkung gemacht, und ich finde sie bestätigt, dass eine auf einen Hauttheil aufgesetzte Kante von ge- gebener Länge nach unmittelbarer Beurtheilung wie nach der Me- thode der:Aequivalente nicht nur nicht grösser, sondern sogar etwas kleiner erscheint, als die dieser Länge entsprechende Di- stanz zweier Zirkelspitzen auf demselben Hauttheil, ungeachtet doch durch den Reiz des Druckes der vollen Kante mehr Empfindungs- kreise über die Schwelle gehoben werden sollten, als in der lee- ren Zirkeldistanz sich darüber finden. Auch der Kältereiz ver- grössert bemerktermassen nicht, sondern verkleinert die exten- sive Empfindung.

Um diese Angaben mit einigen Zahlen zu begleiten, stellte ich so eben eine kleine Versuchsreihe deshalb an. Eine 8 par. Lin. messende, aus einer starken Visitenkarte geschnittene, Kante, auf das Vorderglied des Zeigefingers (auf der Volarseite der Länge des Gliedes nach, mit dem hinteren Ende in die Gelenkfuge) auf- gesetzt, erschien in 5 Versuchen (ohne Zuziehung des Auges) äquivalent mit folgenden Zirkeldistanzen: Mittel 7,18. Aehnliche Verhältnisse habe ich zu anderen Zeiten auf dem Finger wiedergefunden.

Auch auf dem Oberarme habe ich mit Kantenlängen von 25 bis 30 Linien zu verschiedenen Zeiten dergleichen Versuche an- gestellt und stets kleinere Zirkeldistanzen denselben äquivalent gefunden; nur schwankte das Verhältniss sehr bei Versuchen an verschiedenen Tagen, wie mir denn der Vergleich der vollen mit der leeren Distanz durch das Gefühl hier vie? schwieriger erac ii ı.-.. Zu nn 3. EEE scheint, als auf dem Finger. Im Ganzen würde ich geneigt sein, theils nach directem Vergleiche, theils nach der Methode der Ae- quivalente den Vortheil scheinbarer Grösse für die leere Zirkel- distanz gegen die volle Kantenlänge auf dem Arme noch grösser, als auf dem Finger zu finden, jedenfalls nicht geringer. Um ein sicheres und allgemeingültiges Resultat in dieser Hinsicht zu er- halten, würden aber erst unabhängige Versuche an einerMehrzahl von Individuen nöthig sein, Der Gesichtspunct, den ich zur Erklärung aufstelle, ist nun dieser:.

Dächten wir uns, dass die Tastnervenfasern, welche geson- derte Empfindungen vermitteln, im Gehirne oder an einer Stelle vor dem Gehirne eben so confluirten, als die einen gemeinsamen Empfindungskreis bildenden Zweige derselben Faser, so würden auch ihre Thätigkeiten und die davon abhängigen Empfindungen confluiren, und eine gemeinsame Erhebung vieler solcher Fasern über die Schwelle nur eine grosse Intensität, nicht Extension der Tastempfindung mitführen können, eben wie es von den Zweigen eines und desselben Empfindungskreises gilt. Unstreitig haben wir also vorauszusetzen, dass die Thätigkeiten der discret em- pfindenden Fasern sich zwischen ihnen (durch ihre Verbindungs- glieder im Gehirne) nicht in derselben CGontinuität fort- erstrecken, als in ihnen und ihren Zweigen, sondern zwischen ihnen sei es fehlen oder unter die Schwelle sinken, und hiedurch eine Scheide der Empfindung begründen; denn sonst wäre kein Grund, warum nicht die verschiedenen Fasern ein gleich ein- faches Empfindungsresultat geben sollten, als Zweige eines und desselben Empfindungskreises;; sie stellten hiemit eben nur einen solchen dar.

Nun kann man sich aber leicht denken, dass, wenn der Druck einer Kante oder der Temperaturreiz auf einen Tract der Haut wirkt, die Steigerung der psychophysischen Thätigkeit nicht blos auf die Tastnerven und ihre centralen Endigungen beschränkt bleibt, sondern sich auch auf deren Verbindungen unter einan- der im Gehirne erstreckt und einen Theil derselben mit über die Schwelle hebt, so dass die vorher discreten Nervenfasern nun theilweise mit Thätigkeiten oberhalb der Schwelle confluiren und dadurch Zweigen eines und desselben Empfindungskreises äqui- valent werden.

Schon sonst ist hinreichend bekannt, dass ein Empfindungs- reiz, nach Massgabe als er stärker ist, Reflexbewegungen in grös- serem Umfange auszulösen vermag, was voraussetzt, dass die Nerventhätigkeit sich von einem Empfindungsnerven zu einem Bewegungsnerven durch die zwischen beiden in den Gentralorga- nen bestehenden Verbindungen fortzuerstrecken vermag, und zwar nach Massgabe der Stärke des Reizes und anderen Umstän- den so, dass einmal eine merkliche Anregung des Bewegungs- nerven dadurch stattfindet, anderemalenicht. Das Entsprechende, was man nach den Thatsachen des Reflexes und zur Erklärung derselben bezüglich der Empfindungsnerven und Bewegungsner- ven anzunehmen nöthig findet, wird man nun blos nöthig haben, zur Erklärung der Thatsachen, um die es sich hier handelt, auch bezüglich der Nervenfasern, die in demselben Tastnerven beisam- menliegen, auzunehmen, was um so weniger Schwierigkeit haben kann, als die anatomische Verbindung dieser Fasern unstreitig eine engere ist, als die zwischen zwei verschiedenartigen Nerven.

Natürlich wird sich die durch den Reiz auslösbare Thätigkeit überall nur in einer gewissen Solidarität in den Nerven und deren Verbindungsgliedern im Gehirne ändern können, und darum diese und die vorige Erklärung überhaupt nicht streng auseinander zu halten sein. Ohne uns nun hier in weite Ausführungen einlassen zu wollen, ist doch denkbar, dass die Thätigkeit bei Abände- rung des Reizes in stärkerem Verhältnisse in den Nerven als deren Verbindungsgliedern steigt und sinkt, und unter Umständen selbst in ersteren aufKosten der letzteren steigen, oder zum Vor- theilederselben sinken kann. Und so könnte die Uebung bei Tast- versuchen mitführen, dass manche Tastnervenfasern mit ihren centralen Endigungen über die Schwelle treten, indess zugleich mehr Verbindungen unter die Schwelle sinken; wie denn auch der Einfluss der Uebung bei mechanischen Bewegungsfertigkeiten zugleich dahin geht, die Muskeln zu kräftigen, und die einzelnen Partien derselben gesonderter bewegen zu lassen, sicher nicht ohne einen Miteinfluss auf die Nerven. Auf die eine oder andere Weise aber wird der Einfluss der Uebung das Distanzmass nur bis zu einem gewissen Maximum vergrössern können; denn, wenn alle Empfindungskreise über die Schwelle erhoben sind, oder alle im Gehirne geschieden sind, so muss das Maximum erreicht sein. In der That hat sich ein solches Maximum bei den von Volkmann und wir in Verbindung angestellten Uebungsversuchen, welche oben erwähnt wurden, übereinstimmend und mit Ent- schiedenheit herausgestellt.

Es giebt noch einige Thatsachen, die mit unseren Ansichten in Beziehung gesetzt werden können, und von einer Seite sehr gut in dieselben hineintreten, indess sie von anderer Seite geeig- net sein könnten, Zweifel dagegen zu erwecken, sofern sie, wenn auch nicht in bestimmtem Widerspruch damit, sich denselben bis- her noch nicht ungezwungen unterordnen lassen.

Wie oben bemerkt, wird die Bewegung einer Zirkelspitze auf dem Arme als eine Fortrückung empfunden, wenn sie auch nur ganz wenig beträgt, indess eine viel beträchtlichere Distanz der ruhend aufgesetzten Zirkelspitzen auf dem Arme nicht als Distanz empfunden wird. Diess liess sich darauf schieben, dass der Reiz der Zirkelspitze jeden Einpfindungskreis, den er trifft, über die Schwelle hebt, indess in der Distanz zwischen den ruhen- den Spitzen viele Empfindungskreise unter der Schwelle bleiben. Ist aber dem so, so muss der Vortheil der bewegten Spitze vor der ruhenden Distanz bezüglich der dadurch erzeugten extensiven Empfindungsgrösse auf solchen Theilen schwinden, wo alle Empfindungskreise über der Schwelle sind, und jedenfalls gerin- ger auf den Theilen von grösserer extensiver Empfindlichkeit als auf denen von geringerer sein. Diess ist nun wirklich ganz ent- schieden der Fall; nur überschreitet das Resultat des Versuches so zu sagen das Ziel, indem zwar nicht die Mehrzahl, aber doch nicht wenige Personen, darunter ich selbst, die scheinbare Grösse einer von der Zirkelspitze durchlaufenen Distanz auf dem Fin- ger sogar entschieden kleiner finden, als dieselbe Distanz zwischen ruhende Zirkelspitzen gefasst, wofür es schwer ist, eine Erklärung zu finden. Bevor ich auf die Discussion dieses seltsa- men Resultates eingehe, führe ich das Thatsächliche an.

Um den Versuch anzustellen, setze ich an mir selbst oder an einer anderen Person*) die eine Zirkelspitze in die Gelenkfuge zwischen dem Vordergliede und Mittelgliede des Zeigefingers (Vo- *) Bei mehrfachen Versuchen habe ich gefunden, dess es keinen Unter- schied macht, ob man den Versuch an sich selbst anstellt, oder von eınem Anderen an sich anstellen lässt.

ai Ai larseite) und die andere etwa 9 bis 40 par. Linien nach vorn *), achte auf das Distanzgefühl, hebe dann die Spitze, welche in der Gelenkfuge steht, und fahre mit der anderen Spitze, immer ohne Zuziehung der Augen, bis zur Gelenkfuge herab.

Dieser Weg der bewegten Spitze nun, er heisse kürzlich 5, erscheint mir so zu sagen unbegreiflich kürzer als die Distanz zwischen den ruhenden Spitzen, welche r heissen.

Ich wiederholte den Versuch sofort an einer anderen Person, natürlich, wie bei allen späteren Prüfungen an Anderen, ohne die zu erwartende Richtung des Resultates anzugeben. Sie erklärte nach einigen Wiederholungen ganz unbefangen, dass ihr 5 etwa halb so lang als r erscheine, womit mein eignes Gefühl sehr gut übereinstimmt; und merkwürdigerweise äusserten Hankel und Volkmann unabhängig von einander sich eben so; es komme ihnen b etwa halb so lang vor als r.

Hienach und nach Proben an noch mehreren anderen Perso- nen kann kein Zweifel sein, dass wirklich 5 viel kleiner als r erscheinen kann. Nur ist das Resultat keineswegs allgemein. Ich habe im Ganzen 28 Personen, mich selbst eingeschlossen, geprüft, von welchen 47 gar keinen deutlichen Unterschied zwischen 5 und r finden konnten; 40 fanden b kürzer als r und zwar dieMehrzahl sehr entschieden kürzer; 4 fand umgekehrt 5 anfangs entschie- den länger als r, doch bei Wiederholung des Versuchs glich sich das Gefühl für beide allmälig aus. Eben so sagt mir Volkmann, der selbst (bei rascher Bewegung) sehr entschieden 5 kürzer als r fand, dass vier andere Personen, mit denen er den Versuch an- stellte, keinen Unterschied hätten finden können, indess der, zu- fällig anwesende, Prof. Dubois denselben wie er selbst fand. Diess zusammengenommen, so hätten von 34 Personen 12 b kür- zer als r gefunden, 24 keinen deutlichen Unterschied, 4 (anfangs) b länger als r.

Ich selbst habe an mir keinen entschiedenen Einfluss auf den Erfolg des Versuches bemerken können, je nachdem ich die Zir- *) Man kann auch andere Finger und grössere Längen des Fingers zum Versuche anwenden, indem man z.B. die hintere Spitze in die Fuge zwischen dem zweiten und hintersten Gliede, die andere auf die Kuppe des Vorder- gliedes aufsetzt. ‚Ich finde auch hier den Längenunterschied je nach der obigen Versuchsweise beträchtlich.

kelspitzen mit stärkerem oder schwächerem Drucke oder mitschnel- lerem oder langsamerem Zuge führte. Doch 'scheint bei Anderen die Geschwindigkeit einen Unterschied zu machen.*) Das Resul- tat hat sich bei mir zu verschiedenen Zeiten immer constant in derselben Richtung wiedergefunden, und jedesmal deutlich gleich beim ersten Versuche; doch hat es mir mehrmals geschienen, als ob einige Wiederholung den scheinbaren Unterschied zwischen b und r noch steigere; und wahrscheinlich findet ein gewisser Ein- fluss der Wiederholung wirklich statt, da ich auch bei einigen anderen Personen eine entschiedene Aussage über einen stattfin- denden Unterschied erst nach einiger Wiederholung und in einem (obenbemerkten) Falle sogar anfangs die entgegengesetzte Aussage erhielt.

Ich habe ferner versucht, ob die einfache Zirkelspitze von der Gelenkfuge nach der Fingerkuppe aufwärts geführt einen länge- ren Weg zu beschreiben schiene, als in umgekehrter Richtung die- selbe Strecke abwärts geführt. Die Mehrzahl der Personen fand keinen deutlichen Unterschied, die aber einen sölchen fanden, gaben (in von einander unabhängigen Versuchen) ausnahmlos an, dass ihnen der Weg von der Fuge aufwärts länger erscheine, als nach der Fuge abwärts, darunter mehrere, die keinen deutlichen Unterschied zwischen 5 und r fanden. Unter den 28 Personen, die ich dem vorigen Versuche unterwarf, von denen jedoch meh- rere diesen zweiten Versuch nicht angestellt haben, haben eben- falls 10 jenen Unterschied gefunden, so dass doch auch hiebei nicht blosser Zufall stattzufinden scheint.

Endlich stellte ich Versuche folgender Art an: Ich gab einem Zirkel, dessen Spitzen durch Wachs- oder Siegellackkügelchen *) Volkmann schreibt mir: »Ich empfinde die Zirkeldistanz wirklich grösser, als die gestrichene Hautstelle von gleicher Ausdehnung. Der Unter- schied ist gar nicht weit vom Duplum entfernt. Ob die Geschwindigkeit des Streichens einen Einfluss habe, will ich nicht mit Bestimmtheit behaupten, doch scheint es mir so. Es kommt mir nämlich vor, als ob schnelles Strei- chen den Unterschied steigere, oder mit anderen Worten, dass bei langsa- merem Streichen die in Vergleich gestellten Dimensionen sich ziemlich gleich gross ausnehmen.« Dubois fand den Einfluss der Geschwindigkeit in dem- selben Sinne als Volkmann, abgestumpft waren *), eine grosse Spannweite, liess durch eine andere Person denselben mit einem Ende auf meinen Zeige- oder Mittelfinger, mit dem anderen auf den Unterarm aufsetzen, und nun nach der Längsrichtung des Fingers und Armes so hin- und herführen, dass das eine Ende sich auf dem Finger, das andere auf dem Arme.mit derselben Geschwindigkeit bewegte. Da die Nervendichtigkeit der Fingerhaut grösser als die der Armhaut ist, so hätte man meinen sollen, der auf dem Finger durchlaufene Raum oder die Geschwindigkeit der Bewegung auf dem Finger müsste entschieden grösser als auf dem Arme erschienen sein. Aber ich habe in mehrmals wiederholten Versuchen, sowohl die ich von Anderen an mir anstellen liess, als selbst an anderen Per- sonen anstellte,, nichts Entschiedenes finden können. Manchmal schien mir die eine, andermal die andere Spitze sich schneller zu bewegen, oder den grösseren Raum zu durchlaufen, und auch von den anderen Personen erhielt ich theils schwankende, theils ge- radezu sich widersprechende Aussagen. Der scheinbare Erfolg scheint hier hauptsächlich von der Einbildung abhängig.**) Versucht man, sich Rechenschaft von dem Ausfalle voriger Versuche zu geben, so kann man es zuvörderst als möglich halten, dass die Combination der von der Zirkelspitze durchlaufenen Puncte in der Erinnerung principiell ein anderes Resultat scheinbarer Extension giebt, als die Zusammenfassung der gleich- zeitig zwischen die ruhenden Zirkelspitzen gefassten Puncte, und es ist in der That a priori nicht zu behaupten, dass eine Ueberein- stimmung beider Fälle im Resultate stattfinde. Nur würde es schwer sein, den so verschiedenen Ausfall dieser Versuche bei ver- schiedenen Individuen damit zu vereinbaren, und es scheint nicht, dass beim Auge eine solche Verschiedenheit sich geltend macht. Ich gestehe also offen, dass ich eine sichere Erklärung für diese Verhältnisse nicht habe. Inzwischen liesse sich vielleicht *) Zu vorigen Versuchen wurden sie unabgestumpft angewendet; bei dem jetzigen aber ist keine glatte Führung der Spitzen ohne obige Massregel zu erzielen.

**) Dieser Versuch tritt mit Fragen in Beziehung, welche Czermak in einer kleinen Abhandlung »Ideen zu einer Lehre vom Zeilsinne« in den Sitzungsberichten d. Wien. Akad. 1857. April veröffentlicht hat, ohne dass er jedoch etwas zur Aufklärung derselben beizutragen vermag.

ein Erklärungsversuch an folgenden bis jetzt freilich noch ganz fraglichen Punct knüpfen.

Gesetzt, man hat in einer gegebenen Hautstrecke ah eine Reihe Empfindungskreise ab. e.\d eafig..R Jeder gehöre einer isolirten Tastnervenfaser an, welche sich mit ihrer Thätigkeit oberhalb der Schwelle findet. Werden nun alle nach der Reihe von der Zirkelspitze durchlaufen, ohne dabei mit ihren Thätigkeiten zu confluiren, so wird, wie sich diess bei vie- len Personen gezeigt hat, ah eben so gross erscheinen können, als zwischen die ruhenden Spitzen gefasst, weil die Zahl der dis- eret empfindenden Fasern sich dabei weder vermehrt noch ver- mindert. Gesetzt aber, durch den Reiz der Zirkelspitze confluir- ten von den vorher isolirten Puncten jedesmal mehrere, z. B. drei, zum Aequivalent eines Empfindungskreises nach dem oben (S. 329) erörterten Principe, also successiv abc, bed, cde...im Fortschritt der Spitze von a zu b und c, so fragt sich, ob die ganze Distanz ah hiebei noch eben so gross erscheinen kann, als wenn die Puncte a, b, c als isolirte durchlaufen werden oder so zwischen den ruhenden Zirkelspitzen bestehen. Diess scheint mir bis jetzt nicht sicher a priori entscheidbar oder durch Erfah- rung entschieden. Sollte ah auf diesem Wege kleiner erscheinen können, so würde der Erfolg des Versuches bei denen, welche b kleiner als r finden, dadurch erklärbar sein. Aber man sollte freilich erwarten, dass die Verstärkung des Druckes beim Ver- suche dann einen Einfluss äusserte, den ich doch nicht consta- tiren kann. Unstreitig zwar sind von vorn herein nicht alle Puncte a,b,c...über der Schwelle, sondern ein Theil derselben wird erst durch die Zirkelspitze darüber gehoben, und so kann sich die Wirkung eines stärkeren Druckes in dieser Hinsicht mit der des vermehrten Confluxes in gewisser Weise compensiren; doch haftet immer noch viel Zweifel an der Erklärung. Der Einfluss der gegensätzlichen Richtung der Bewegung mag wohl, wo er sich gezeigt hat, an irgend einem Nebenumstande liegen, und weniger Gewicht darauf zu legen sein.

Von fundamentaler Wichtigkeit ist folgende früher schon mehr- fach berührte, bis hieher verschobene, Frage: Hängt die Grösse der extensiven Empfindung nach gleicher Function von der Zahl der in Anspruch genommenen thätigen Em- pfindungskreise ab, als die Grösse der intensiven Empfindung von der Grösse des Reizes?

Mit anderen Worten, gilt in dieser Hinsicht das Weber’sche Gesetz und sind unsere hierauf gestützten bisherigen Formeln auf die extensive Empfindung anwendbar, sofern wir Zahl der thäti- gen Empfindungskreise für Grösse des Reizes darin substituiren?

Die im 9. Kapitel angeführten Versuche haben gezeigt, dass das Weber’sche Gesetz sich beim Augenmasse für den Versuch bestätigt; es ist aber auch gezeigt worden, dass diese Bestätigung für die Entscheidung unserer Grundfrage nichts bedeutet, weil die Versuche unter Einfluss der Augenbewegung ausgeführt sind; ja ihre wahre Bedeutung ist bis jetzt noch nicht aufgeklärt. Eben da ist angeführt worden, dass das Weber'sche Gesetz beim Tast- masse sich für den Versuch nicht bestätigt; im folgenden Kapitel werde ich die Versuche dazu anführen, und diese Versuche schei- nen massgebender zu sein, weil Bewegung hiebei nicht ins Spiel kommt.

In der That trifft die, auf das Weber’sche Gesetz gestützte, Massformel bezüglich der extensiven Empfindung nicht zu. Grosse Linien müssten uns nach dieser Formel in einem logarithmischen Verhältnisse gegen kleinere verkürzt erscheinen; aber eine dop- pelt so lange Linie wird auch von einem guten Augenmasse als doppelt so lang taxirt, und diess ist selbst noch im Nachbilde bei geschlossenen Augen der Fall, wo Bewegungen das Urtheil nicht mitbestimmen können.

Inzwischen lehrt eine gründlichere Betrachtung, dass, wenn wirklich die Zahl der Empfindungskreise bei extensiven Empfin- dungen die Stärke des Reizes bei intensiven vertreten sollte, ein kleinerer und grösserer Reiz nicht durch einen kleineren und grös- >seren Theil der Ausdehnung der Netzhaut, sondern nur durch eine kleinere und grössere ganze Netzhaut vertreten wer- den könnte, die wir aber in unseren Versuchen nicht herstellen können, so dass die Beobachtungen, auf die wir Bezug genom- men, überhaupt ungeeignet sind, die Frage gründlich zu entschei- den, da sie immer nur auf kleinere und grössere Theile der Netz- haut und Haut gehen. Des Näheren nämlich stellt es sich so damit: ei u an nn u - Zu we a KH ww ur’ Aa Die Totalität der thätigen Empfindungskreise unserer Netz- haut wird unter Voraussetzung, dass ihre Zahl für die extensive Grösse der Empfindung dieselbe Bedeutung hat, als die Stärke des Reizes für die Intensität, eine gewisse Ausdehnung für die Empfindung, ein scheinbares Gesichtsfeld von gewisser Grösse repräsentiren. Wenn diese Totalität, gleichviel welche Zahl Em- pfindungskreise befassend, um einen gegebenen Verhältnisstheil vermehrt würde, so würde nach dem Weber’schen Gesetze, im Falle seiner Anwendbarkeit, das scheinbare Gesichtsfeld um gleich viel wachsen, und zwei Netzhäute von der Grösse n und na wür- den bei gleicher Nervendichtigkeit scheinbare Gesichtfelder haben, die sich wie log a und log na verhalten, wenn die Zahl der Empfindungskreise, bei der überhaupt die Ausdehnung merklich zu werden beginnt, = 1 gesetzt wird. Ziehen wir aber nur Theile der einmal gegebenen Netzhaut gegen einander in Betracht, wie es bei allen unseren Versuchen der Fall ist, soferu alle Längen und Distan- zen nur in der einmal gegebenen, nicht willkührlich abzuändern- den, Netzhaut abgegränzt sind, so ist es bezüglich der extensi- ven Empfindung dasselbe, als bezüglich der intensiven, wenn wir einen Bruchtheil der Intensität eines Reizes gegen den ande- ren in Betracht ziehen. Da leistet jeder gleich viel mit dem an- deren. Der nte Theil der Netzhaut wird dann den nten Theil des ganzen Gesichtsfeldes repräsentiren müssen, undein n mal so gros- ser einen nmal so grossen Theil des Gesichtsfeldes, nach dem ganz einfachen Principe, dass dieSummeder Theile dem Ganzen gleich ist.

In der That, nehmen wir einmal an, ein kleiner Theil der Netzhaut werde verhältnissmässig grösser empfunden, als die ganze Netzhaut, wie ein schwacher Lichtreiz nach der Massformel verhältnissmässig stärker empfunden wird, als ein starker, so würde durch die Summation dieser scheinbaren Ausdehnungen der Theile eine grössere scheinbare Ausdehnung herauskommen, als für die ganze Netzhaut, was sich widerspricht. Wenn nun aber doch ein schwacher Lichtreiz nach der Massformel verhält-_ nissmässig stärker empfunden wird, als ein starker, so rührt diess daher und ist nur insofern der Fall, als der schwache nicht Theil eines starken ist, sondern neben ihm oder nach ihm ein- wirkt. Insofern aber ein schwacher Lichtreiz Theil eines star- ken, im selben Raum- und Zeitpı ancte einwirkenden, Lichtreizes ist, kommt ibm auch keine grössere Wirkung auf die Empfindung Fechner, Elemente der Psychopliysik. Il. 22 zu, als den übrigen schwachen Theilen, und’steht diese also in Proportion zu derGrösse, die er von dem ganzen Lichtreize bildet. Ganz entsprechend bei der Auffassung der extensiven Grösse der Netzhaut, als hier bei der intensiven Grösse des Reizes.

Eine entsprechende Betrachtung würde auf das Ausdehnungs- mass der Haut anzuwenden sein.

Ich sage nicht, dass durch diese Betrachtungen die Anwend- barkeit des Weber’schen Gesetzes und der davon abhängigen Formeln auf die extensiven Empfindungen gesichert ist, son- dern nur, dass danach die Möglichkeit dieser Anwendung noch besteht. Einen entscheidenden Erfahrungsbeweis wüsste ich nicht zu finden; inzwischen giebt es manche Folgerungen dieser _ Anwendung, die an sich von Interesse und der Prüfung aus einem gewissen Gesichtspuncte nicht ganz unzugänglich sind, und auf die ich daher noch mit Einigem eingehen will.

Insofern unter sonst gleichen Umständen die Zahl der thäti- gen Empfindungskreise der Netzhaut der Grösse der Netzhaut proportional ist, ersetze ich zuerst Zahl der Empfindungskreise durch Grösse der Netzhaut, indem ich auf die stattfindende Un- gleichförmigkeit der Nervendichtigkeit der Netzhaut bei demsel- ben Individuum, und Ungleichheit dieser Dichtigkeit zwischen verschiedenen Individuen zuerst noch keine Rücksicht nehme, was nachher geschehen wird. Unter scheinbarem Gesichtsfelde wird stets das Gesichtsfeld verstanden werden, so wie es im geschlos- senen Auge, abgesehen von Erfahrungseinflüssen, erscheint.

Nach Anwendung unserer Massformel wird, damit überhaupt ein scheinbares Gesichtsfeld von einer spürbaren Ausdehnung erzeugt werde, eine gewisse Ausdehnung der Netzhaut (Zahl der diseret thätigen Empfindungskreise) erfordert werden, welche als Schwellenwerth anzusehen ist, und unter Voraussetzung, dass dieser Schwellenwerth als Einheit der, allgemein mit a zu be- zeichnenden, Ausdehnung der Netzhaut gilt, und k in der Mass- formel = 1 gesetzt wird, wird log a das Mass der scheinbaren Ausdehnung des Gesichtsfeldes geben.

Soll sich das scheinbare Gesichtsfeld ver-n-fachen, so muss log a innloga = log a" übergehen, d. h. die Netzhaut, welche dieses n-fache Gesichtsfeld geben soll, muss eine Ausdehnung erlangen, welche nicht die n-fache Grösse, sondern die nte Potenz derjenigen Grösse hat, die der Netzhaut mit einfacher Aus- dehnung zukommt.

Ist die Grösse der Netzhaut schon sehr gewachsen, so wird eine Verdoppelung ihrer Grösse das scheinbare Gesichtsfeld in keinem merklichen Verhältnisse mehr verändern, sofern dann log2 gegen log a verschwindet.

Hieraus erhellt, dass sehr grosse Augen, wenn es galt, grosse Leistungen mit möglichst wenig Aufwand von Mitteln zu erzeugen, teleologisch nicht vortheilhaft sind. Auch hat es die Natur vor- gezogen, sich mit vielen Augen in vielen Geschöpfen, als wenig grossen in wenigen zu beschauen, wobei freilich auch noch an- dere Vortheile in Betracht kommen. Gar zu kleine Augen aber würden eben so wenig vortheilhaft sein, da unterhalb der Aus- debnungsschwelle gar nichts mehr gesehen wird.

Fragt man dann, mit welcher Netzhautgrösse A die grösstmögliche verhältnissmässige extensiveLeistung erzielt wer- den würde, d. h. das grösstmögliche scheinbare Gesichtsfeld im Verhältnisse zu der dazu verwandten Netzhautgrössse, so wird man den Maximumwerth des Ausdruckes log a a zu suchen haben; was durch Differenzirung nach bekannter Re- gel jenen Maximumwerth wiederfinden lässt, der uns schon mehr- mals begegnet ist, wo e die Grundzahl der natürlichen Logarithmen. Wonach die relativ vortheilhafteste Ausdehnung der Netzhaut die wäre, welche das 2,718..-fache ihres Schwellenwerthes ist.

Untersuchen wir nun, welchen Einfluss die Grösse der Netz- haut a auf die scheinbare Grösse der darauf fallenden Bilder hat. Sei « der Theil der Netzhaut, welchen das Bild deckt. Nach dem S. 337 aufgestellten Principe wird die Grösse, unter welcher das Bild erscheint, - von der Grösse sein, unter welcher die ganze Netzhaut erscheint, diese aber erscheint unter der Grösse log a. Also wird die scheinbare Grösse des Bildes sein n log a. Insofern nun a im Divisor dieses Ausdruckes steht, ist die Grösse der Netz- haut nachtheilig für die scheinbare Grösse der darauf fallenden -— Bilder. Das Bild von gegebener Grösse « deckt dann nämlich einen um so kleineren Verhältnisstheil der ganzen Netzhaut a, und nach diesem Verhältnisstheile richtet sich der Verhältniss- theil, welchen die scheinbare Grösse des Bildes von der schein- baren Ausdehnung der Netzhaut bildet. Aber die scheinbare Aus- dehnung der Netzhaut wächst zugleich im Verhältnisse von log a, und hiemit auch die absolute Grösse des Verhältnisstheiles, wel- cher auf das Bild kommt. Diess begründet von anderer Seite einen Vortheil der Vergrösserung der Netzhaut für die scheinbare Grösse des Bildes.