SigPhi · Gustav Theodor Fechner

Elemente der Psychophysik, Band 2

German

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In der äusseren Psychophysik haben wir dieses Mittelglied so zu sagen übersprungen, indem wir, der directen Erfahrung fol- gend, die gesetzliche Beziehung doch blos zwischen den Endglie- dern dieser Kette, dem Reize, welcher der äusseren, und der Em- pfindung, welche der inneren Erfahrung blos liegt, direct zu con- statiren vermochten. Im Eingange zu der inneren Psychophysik haben wir uns vom äusseren Endgliede zu dem Mittelgliede über- leiten zu lassen, um fortan dessen Beziehung statt der des äusse- ren Endgliedes zu dem inneren Endgliede in Betracht zu ziehen. Den Reiz lassen wir dann fallen, nachdem er seinen Zweck erfüllt hat, uns zum Mittelgliede zu geleiten. In eine Uhr kann man nicht hineinsehen, aber dem Gange des äusseren Zeigers den Gang des Rades, das ihn mitführt, entsprechend halten, so lange die Uhr in rechtem Gange ist. Diesen äusseren Zeiger vertritt uns hier der Reiz, indess die psychophysische Bewegung den Gang des Rades kö Dept gr vorstellt, nur dass es umgekehrt als bei der Uhr der Zeiger ist, der hier das innere Rad dreht.

Freilich kann der Gang des Zeigers uns nicht allein Aufschluss über die innere Bewegung geben; es gehört auch eine Kenntniss des inneren Getriebes dazu; und was Anatomie und Physiologie uns von dem inneren körperlichen Getriebe lehrt, das unserem geistigen Treiben unterliegt, ist bisher bei Weitem zu unvollstän- dig, um sichere Schlüsse auch nur über das Allgemeinste der Na- tur der psychophysischen Bewegung zu erlauben. Sind es elektri- sche, chemische, mechanische, ‚so oder so geformte Bewegungen eines ponderabeln oder imponderabeln Mediums? Sagen wir ein- fach, wir wissen es nicht; doch wird die Folge selbst zeigen, dass wir in die innere Psychophysik bis zu gewissen Gränzen einzu- dringen vermögen, ohne dass wir es wissen, ohne dass wir einer Kenntniss oder besonderer Voraussetzungen über die Natur, d. i. Substrat und Form der psychophysischen Bewegung bedürfen, nur dass gewisse Verhältnisse derselben als bekannt, nur dass diese bis zu gewissen Gränzen am äusseren Reize ablesbar sind. j In der That hat man die beiden Fragen wohl zu unterschei- den und in der Behandlung zu scheiden: welcher Natur ist die psychophysische Bewegung, und an welchen Verhältnissen dieser Bewegung hängen diese und jene Verhältnisse der geistigen Bewe- gung? Die erste Frage bleibt zunächst dahingestellt, weil sie für jetzt noch nicht zu entscheiden ist, um in einem der Schlusskapi- tel eine allgemeine Ansicht darüber auszusprechen, indess es sich für jetzt nur um Fragen zweiter Art und hiemit nur um Ver- hältnisse der psychophysischen Bewegung handeln wird, die gül- tig bleiben, gleich viel, was sich zuletzt als die Grundnatur dieser Bewegung erweisen wird. Und wohl in keiner Lehre ist es so wichtig, als in unserer, ja es ist als eines der ersten Formalprin- ceipe derselben anzusehen, das voranzustellen, was für alle Vor- aussetzungen gültig bleibt, und unentschieden zu lassen, was un- entschieden bleiben kann, so lange noch Zweifel über die Ent- scheidung bleiben können. Uebrigens haben wir lange genug in der Physik eben so zur Lehre vom Lichte gestanden und stehen noch so zur Lehre von der Elektrieität. Denn was ist Elek- trieität? Sagen wir einfach, wir wissen es nicht; und wie ent- wickelt ist doch schon die Lehre von der Elektrieität!

er er Auch hat uns schon die äussere Psychophysik beweisen kön- nen, dass es nicht die Natur der Bewegungen ist, um was es sich bei den wichtigsten Fragen in’dieser Lehre handelt, sondern dass es Verhältnisse dieser Bewegungen sind. Wenig hat uns die Natur des Reizes, ob es Licht, oder Schall, oder Gewichte waren, zu kümmern gebraucht, es war in keiner Weise nöthig, auf die Natur dieser Reize und der von ihnen erweckten Bewegungen einzuge- hen, um die Grundgesetze der äusseren Psychophysik festzustel- len, und so werden wir auch die innere Psychophysik an die äus- sere anknüpfen und die wesentlichsten Puncte derselben feststel- len können, ohne dass sich das Bedürfniss geltend macht, die Na- tur der psychophysischen Bewegung zu kennen.

Die erste, die Hauptfrage, um die sich’s hiebei zu handeln hat, und an die wir uns nach Erörterung einiger allgemeiner Vor- fragen im folgenden Kapitel zunächst wenden, wird die sein, wel- che Uebersetzung die Fundamente der äusseren Psychophysik, das Weber’sche Gesetz und die Thatsache der Schwelle, die in der Fundamentalformel und Massformel ihren Ausdruck finden, beim Uebergange in die innere Psychophysik zu erfahren haben. Diese Uebersetzung gestattet von vorn herein eine Wahl, mit deren Ent- scheidung der Eingang in die innere Psychophysik entschieden und der erste Grund derselben gelegt sein wird. Das 38. Kapitel ist bestimmt, zu dieser Entscheidung zu führen. Nun könnte es schei- nen, dass, nachdem wir hiemit ganz ins Innere getreten sind, wir des Weiteren von der Erfahrung ganz verlassen sind. Aber so ist es nicht. Vielmehr vermögen wir dem, was von der äusseren Psy- chophysik her angebahnt wurde, mit Erfahrungen von Innen her entgegenzukommen und zu begegnen, um hiemit die aussen angeknüpfte Kette des Schlusses theils weiter zu führen, theils fester zu ziehen. Einmal steht uns über unser ganzes Seelenleben unmittelbar die innere Erfahrung zu Gebote, zweitens kennen wir das Organ der psychophysischen Thätigkeit und seine Leistungen, wenn auch erst unvollständig, doch bis zu gewissen Gränzen, und täglich vervollständigt sich diese Kenntniss durch neue Thatsachen der Anatomie, Physiologie und Pathologie; wonach nicht blos das äussere Endglied, der Reiz; sondern auch das innere Endglied, die Empfindung, und etwas von dem Zwischengliede, dem Organe der psychophysischen Thätigkeit, sammt dem gesetzlichen Nexus zwischen dem äusseren und inneren Endgliede, Gegenstände der Dir Ir en Erfahrung sind, so dass dem Schlusse blos noch übrig bleibt, die Lücke auszufüllen, welche die Erfahrungen in Betreff des unmit- telbaren Eingreifens def Endgliedek in das Zwischenglied übrig lassen.

So gut nun die Verhältnisse des äusseren Endgliedes, des Rei- zes, gewisse Foderungen an die Verhältnisse des inneren Zwischen- gliedes der psychophysischen Bewegung stellen, welche uns von einer Seite her hiezu befähigen, ist es mit den Verhältnissen des inneren Endgliedes, der Empfindung, von der anderen Seite her der Fall. Zwar können wir in keiner Weise aus der Natur der gei- stigen Bewegungen auf die Natur der unterliegenden körperlichen Bewegungen schliessen, d. h. schliessen, welches Substrat und . welche Form diesen Bewegungen zukomme, wohl aber schliessen, dass dem psychischen Zusammenhange ein psychophysischer Zusammenhang, der psychischen Auf- und Auseinanderfolge eine psychophysische, der psychischen Aehnlichkeit und Verschieden- heit eine psychophysische, der psychischen Stärke und Schwäche eine psychophysische entspreche, soweit das Psychische seine Unterlage im Physischen hat. Denn nicht nur würde sich ohne solche Bezugsbedingungen eine functionelle Beziehung zwischen beiden gar nicht annehmen lassen, sondern es berechtigen ‚uns auch dazu die Erfahrungen, die wir im Gebiete der äusseren Psy- chophysik machen können; sofern die Beziehungen zwischen den Wirkungen des Reizes und der- Empfindung in solche zwischen psychophysischer Bewegung und Empfindung übersetzbar sind. Insofern wir nun künftig mehrfach von diesem Principe wer- ‚den Gebrauch zu machen haben, möge es in Ermangelung eines passenderen Ausdruckes dafür und in Betracht dessen, dass es mit einer functionellen Beziehung zwischen Leib und Seele von selbst wesentlich gesetzt ist, mit dem kurzen Namen des Fun- etionsprincipes bezeichnet und durch ein Beispiel erläutert werden.

Erinnerungen entwickeln sich aus Anschauungen, unter Vor- aussetzung eines allgemeinen Bewusstseins, in dem beide inbegrif- fen sind. Ohne die psychophysischen Processe zu kennen, die den einen und den anderen unterliegen, können wir doch nach dem Functionsprineipe schliessen, dass die psychophysischen Bedin- gungen der Erinnerungen sich aus denen der Anschauungen ent- wickeln, unter Voraussetzung allgemeinerer psychophysischer Be- Par dingungen, welche das Dasein des Allgemeinbewusstseins fodert. Erinnerungen tragen noch die Form der Anschauungen; auch die den Erinnerungen unterliegenden Processe werden noch die Form der Processe tragen, die den Anschauungen unterliegen; Erinne- rungen sind im Allgemeinen schwächer als Anschauungen; auch die unterliegenden Processe werden es sein. Erinnerungen kom- men aus dem Inneren des Geistes, Anschauungen kommen ihm von Aussen; auch die ihnen unterliegenden Processe werden sich rein aus dem vorhandenen psychophysischen Bestande entwickeln oder des Hinzutrittes neuer Anregungen von Aussen bedürfen; Erinnerungen unterliegen der Association; auch die unterliegen- den Processe werden einem Principe der Association unterliegen.

Nun würde es sehr müssig sein, diese Art Uebersetzung des Psychischen in das Psychophysische breit auszuführen, so lange sie uns eben nicht weiter als zur blossen Uebersetzung führt. Aber sie bezeichnet den Weg des Entgegenkommens gegen das, was wir von der äusseren Psychophysik her und nach anatomischen, phy- siologischen und pathologischen Thatsachen erschliessen können, und nur, wo sich ein solches Entgegenkommen zeigt, werden wir näher darauf einzugehen haben und etwas dadurch gefördert sehen dürfen. Das ist bis jetzt verhältnissmässig zu dem, was die innere Psychophysik zu leisten haben wird, nur wenig; doch schon viel, dünkt mich, im Verhältnisse zu dem, was ohne das Zusammen- arbeiten dieser Prineipien sich leisten liess.

In der That aber dürfte eine vorsichtige und umsichtige Ver- bindung dieser verschiedenen Wege geeignet sein, die innere Psy- chophysik zu etwas mehr, als dem Gegenstande blosser Specula- tion zu machen, und allmäligen, doch sicheren Schrittes immer weiter zu führen. Nicht jeder von den Schritten, die im Folgen- den gethan sind, ist schon fest und sicher; aber die Anlage des Ganzen halte ich für fest und sicher.

XXXVII. Ueber den Sitz der Seele.

Das Bedürfniss allgemeiner Vorerörterungen über die Be- ziehung von Leib und Seele, welches wir beim Eingange in die äussere Psychophysik so viel als möglich zurückgedrängt haben, macht sich beim Eingange in die innere von Neuem geltend, und ich will versuchen, ihm hier durch ein einziges, freilich etwas ausgedehntes, Kapitel unter obiger Ueberschrift zu genügen, wel- ches sich aber, wie alles Bisherige, metaphysischer Erörterungen gänzlich enthalten, vielmehr versuchen wird, Alles, um was sich’s handeln wird, auf bestimmte Thatfragen zurückzuführen, die nur etwas allgemeinerer Natur sein werden, als die wir später behan- deln. Demgemäss wird auch hier wie bisher von der Seele ohne Rücksicht auf besondere metaphysische Voraussetzungen über ihre Grundnatur gesprochen, ihr Dasein einfach durch ihr einheitliches Bewusstsein, und was sich als Empfinden, Fühlen, Denken, Wol- len darin zusammenfasst, gegeben gehalten, gleich viel, womit man alles das begründet halten will, was philosophisch sehr ungenügend erscheinen kann, für das Folgende aber genügen wird. Hat die Seele eine selbständige Existenz oder nicht? Behalte Jeder seine Meinung darüber oder suche die Discussion darüber in phi- losophischen Schriften. In allem Folgenden wird es sich um nichts von Meinungen Abhängiges handeln, wenn schon die thatsäch- lichen Verhältnisse, die hier zur Sprache kommen werden, sich besser der einen als der anderen Meinung fügen mögen, und in- sofern nicht gleichgültig gegen die Meinung sind.

a) Sitz der Seele im weiteren Sinne.

Der Ausdruck, Sitz der Seele im Körper, beweist, dass man Anlass gefunden hat, der Seele ein räumliches Verhältniss zu ih- rem Körper beizulegen. Auch pflegt man gemeinhin sich die Seele wie ein besonderes feines Wesen von eigenthümlicher Natur durch den Körper verbreitet oder als einfaches Wesen an diesem oder jenem mehr oder weniger bestimmt oder unbestimmt vorgestellten Orte desselben sitzend zu denken, jedenfalls ihr Verhältniss zum Körper selbst wie das eines körperlichen Wesens zu anderen kör- perlichen Wesen zu fassen; und manche metaphysische Vorstel- lungen über die Natur der Seele führen hierauf zurück. Als Sub- ject und Object der inneren Erfahrung zugleich lässt sich freilich die Seele nach dem, wodurch sie ihr Dasein beweist, Empfinden, Fühlen, Denken u. s. w. in keinem gegebenen Raume sichtbar, tastbar aufzeigen, und Object der äusseren Erfahrung ist sie nicht, wonach man fragen kann, ob überall von einem Verhältnisse der- selben zum Raume zu sprechen, und der Ausdruck, Sitz dersel- ben, nicht in jedem Sinne untriftig oder uneigentlich sei.

Inzwischen findet sich Jeder thatsächlich — und zu dieser Thatsache muss es thatsächliche Gründe geben — gedrungen, seine Seele vielmehr zu seinem eigenen Körper, als dem Körper eines Anderen zu rechnen, Jeder kann nicht umhin zu glauben, dass sich seine Seele vielmehr an dem Orte der Erde, wo sich sein Kör- per findet, als an irgend einem anderen Orte finde und dass sie mit dem Körper durch die Welt wandle; also muss die Seele, wenn nicht eben so wie der Körper, aber durch Vermittelung des Kör- pers, mit dem sie in Beziehung steht, an den sie, wie man sagt, gebunden ist, einer Localisirung im Raume fähig sein.

Muss diess aber einmal anerkannt werden, so ist dann aller- dings auch die Frage nicht abzuweisen, ob nicht aus demselben Gesichtspuncte, aus welchem wir jede gegebene Seele vielmehr an einen gegebenen Körper als an den anderen gebunden halten, die- selbe auch vielmehr an einen als den anderen Theil dieses Kör- pers gebunden zu denken, und also der Sitz derselben noch mehr einzuschränken sei. Zuvor aber fragt es sich erst nach dem Ge- sichtspuncte selbst, aus welchem eine Seele überhaupt an einen Körper gebunden gedacht werden kann, indem der Ausdruck Ge- bundensein zunächst nur auf ein anderes aus der Körperwelt entlehntes Bild hinweist, als der Ausdruck Sitz, für welchen er substituirt worden ist.

Wenn wir nun hierauf von philosophischer Seite her sehr verschiedene und sehr streitige Antworten erhalten, haben wir uns glücklicherweise nach dem von uns eingeschlagenen Gange nicht darum zu kümmern. Von der Erfahrungsseite her bietet sich folgende zweifelsfreie Antwort dar: Unsere Seele, wie jede Seele, von der wir wissen, kann im Diesseits, mit dem wir hier allein zu thun haben, lebendig, d.h. mit der Möglichkeit-und Wirklichkeit von Bewusstseinsphänome- nen nur bestehen, sofern ein gegebenes körperliches.System leben- dig zusammenhält, d. h. mit einem eigenthümlich geordneten Zu- sammenhange und einem nicht in der Periodieität der Aussenwelt aufgehenden periodischen Wechsel und einer periodischen Aus- einanderfolge von Bewegungen besteht, und dieses körperliche System kann lebendig nur bestehen und zusammenhalten, sofern eine gegebene Seele im Diesseits fortlebt. Diess ist die allgemein- ste, die Grundthatsache, wegen deren wir einen gegebenen Körper und eine gegebene Seele zusammenrechnen. Dazu tritt dann noch die zweite Thatsache, welche aber die erste schon voraussetzt, dass die diesseitigen bewussten Thätgkeiten der Seele mit solchen des Körpers, an den ihr diesseitiges Leben im Allgemeinen gebunden ist, durch ein Verhältniss der Bedingtheit auch im Be- sonderen zusammenhängen. In beider Hinsicht hat eines Jeden Seele zu seinem eignen Körper eine Beziehung, die sie weder zum Körper eines Anderen, noch zu irgend einem Körper oder körper- lichen Systeme der Aussenwelt hat, und diess ist es, was beide erfahrungsmässig zu einander rechnen lässt. 2 Der räumliche Bezug der Seele zum Körper, den die Aus- drücke, im Körper Sitzen, an den Körper Gebundensein anzudeu- ten scheinen, übersetzt sich also, insoweit wir auf dem Factischen fussen und nicht mit metaphysischen Voraussetzungen beginnen wollen, zunächst nur in den Bezug einer Bedingtheit zwischen dem Bestande und den Thätigkeiten der Seele und des Körpers, den wir erfahrungsmässig nur im Diesseits verfolgen können, und von dem wir fragen können, ob er über das Diesseits hinausreicht.

Insofern alle Theile des Körpers sich in solidarischem Zu- sammenwirken zu der Leistung vereinigen, die Seele im diessei- tigen Leben zu erhalten, und selbst nur in lebendiger Thätigkeit zusammenhalten, so lange die zugehörige Seele im diesseiligen Leben verbleibt, kann man den ganzen Körper beseelt nennen, denselben als Sitz oder Träger der Seele in weiterem Sinne erklären. Der allgemeinen Leistung des Körpers für die Seele ordnen sich dann die besondern Theile, Organe, Glieder, Systeme des Körpers mit Leistungen für besondere Zwecke ein und unter; woran sich später ein Gesichtspunct knüpfen wird, noch von einem Sitze der Seele in engerem Sinne zu sprechen.

Diese Ausdrücke, Seelensitz in weiterem, engerem Sinne, präjudieiren nichts, so lange sie immer so verstanden werden, wie sie hier definirt werden. Selbst, wenn die Seele wirklich ein substanziell einfaches Wesen sein sollte, würde man dennoch den ganzen Körper in dem hier bezeichneten weiteren Sinne ihren Sitz nennen können, wie man einen Palast oder eine ganze Haupi- stadt den Sitz eines Königs nennt, ohne damit zu meinen, dass er an jedem Orte in der Hauptstadt sitze.

Inzwischen könnte es näher zugesehen scheinen, dass doch nicht der ganze Körper zur Erhaltung des diesseitigen Seelenlebens wesentlich beiträgt, da wir Füsse, Nase, Ohren und viele andere Theile vom Körper ohne wesentliche Benachtheiligung des Seelen- lebens abschneiden können, indem die Seele den Verlust zwar in sofern spürt, als ihr äussere Hülfsmittel, sich mit der Aussen- welt in Beziehung zu setzen, auf sie zu wirken, verloren gehen, ohnie dass aber ihre Lebensfähigkeit leidet und ohne dass ihr In- neres gestört ist. Hienäch scheinen alle diese Theile von dem Sitze der Seele schon im weiteren Sinne nach dem dafür aufge- stellten Gesichtspuncte auszuschliessen, und der Theil aufzu- suchen, der für sich allein nicht zerstört werden oder wegfallen oder in seiner Thätigkeit erlahmen kann, ohne dass das diessei- tige Seelenleben wegfalle oder wesentlich gestört werde.

Ein solcher Körpertheil von exclusiver Bedeutung für die Erhaltung und den ungestörten Bestand des diesseitigen Seelen- lebens ist jedoch nicht zu finden. Vielmehr gilt das, was von Händen, Füssen, Nasen, Ohren gilt, von jedem Theile des Kör- pers, sogar Gehirns, sofern die Zerstörung nur nicht auf einmal zu weit greift, eine fundamentale Thatsache, die im Abschnitte c) die- ses Kapitels noch genauer constatirt und discutirt werden soll, wo sie mit besonderer Wichtigkeit auftritt. Umgekehrt kann das dies- seitige Seelenleben durch Eingriffe von jedem Puncte, jeder Seite, jedem Systeme des Körpers her aufgehoben werden, wenn der Eingriff nur weit genug oder in der geeigneten Form und Stärke geschieht. Dabei sind allerdings gewisse Theile bei Wei- tem wichtiger als andere, insofern eine Zerstörung oder Störung derselben in gleichem Umfange oder Grade leichter ein Stocken oder eine Störung der Thätigkeit der übrigen organischen Maschine mitfübrt, alsanderer;; aber der Unterschied ist überall nur relativ, nicht absolut.

Auch vermögen diejenigen Theile des Körpers, deren Integri- tät am wichtigsten für das Leben erscheint, selbst nur im Zusam- menhange des Ganzen lebendig zu bestehen, verdanken also, an- statt ein ihnen an sich inwohnendes Lebensprineip dem Uebrigen mittheilen zu können, ihr Leben ihrerseits nur dem Zusammen- hange mit den Uebrigen; so dass immer der solidarische Zusam- menbang das ist, worauf es wesentlich ankommt.

Fassen wir diese Verhältnisse zusammen, so ordnen sie sich folgendem allgemeinen Gesichtspunete unter: das Zusammenwir- ken aller Theile des Körpers zu der Leistung, die Seele in ihrem diesseitigen Leben zu erhalten, und der Seele zu Diensten zu Fechner, Elemente der Psychophysik. II. 25 rn stehen, ist ein derartig solidarisches, dass jeder kleinste und bis zu gewissen Gränzen selbst grössere Theil durch andere oder auch die Gesammtheit der übrigen vertreten werden kann. Wenn daher die Zerstörung nicht über gewisse Gränzen geht, so dass noch hinreichende Mittel zur Vertretung des Zerstörten übrig sind, so spürt die Seele den Nachtheil nicht. Von anderer Seite aber wird durch jede noch so kleine Zerstörung, mag sie das Nerven- system betreffen oder nicht, das Vermögen der solidarischen Ver- tretung der Theile in ihrer Leistung für die Erhaltung und den Dienst der Seele im Diesseits geschwächt, und, wenn die Zerstö- rung zu weit geht, unmöglich, so dass selbst scheinbar gleichgul- tige Eingriffe doch insofern nicht gleichgültig sind, als es von nun an nur eines geringeren neuen Eingriffes bedarf, um den Fortbe- stand des Lebens unmöglich zu machen, oder die Leistungen für die Seele im Leben wesentlichst verkürzt zu sehen. Dabei haben gewisse Theile grössere Wichtigkeit als andere sowohl für den Fortbestand des Lebens, als die Dienstleistungen im Leben; eine exclusive hat keiner.

Nach Massgabe, als die Theile des Organismus vermöge ihrer Gleichartigkeit, Aehnlichkeit und ähnlichen Stellung geeigneter sind, sichinihrer Leistung für die Seele zu vertreten, unterstützen sie sich zugleich darin, so die beiden Hände, Füsse, Augen, Ohren, Lungen, Nieren, Gehirnhälften, an jeder Hand die einzelnen Finger, in jeder Lunge die einzelnen Lungenbläschen. So lange alle Theile, die sich vertreten können, vollständig vorhanden sind, theilt sich die Function zwischen ihnen oder wechselt zwischen ihnen; fällt einer weg, so müssen die übrigen die erforderliche Leistung allein zu Stande bringen, was nach Umständen noch hinreichend oder nicht hinreichend geschehen kaun. Nach Massgabe anderseits als die Theile vermöge ihrer Ungleichartigkeit und ungleichen Stellung weniger geeignet sind, sich zu vertreten, ergänzen sie sich zu Leistungen, die von keinem derselben allein vollzogen werden könnten. Insofern die meisten Theile etwas Gleiches und Ungleiches haben, combinirt sich die Wirkung beider Principe, bald mit Vorwiegen des einen, bald des anderen.

Man könnte meinen, derselbe Gesichtspunct, welcher unse- ren ganzen Körper als Leib unserer Seele im weiteren Sinne rech- nen lässt, würde consequenterweise die ganze Welt dazu rechnen lassen müssen, indem unser ganzer Leib ohne seinen Zusammenhang, Stoff- und Wirkungswechsel mit der übrigen Welt eben so wenig im Stande ist, das Leben der Seele im Diesseits zu erhal- ten, und Zwecken des diesseitigen Lebens zu dienen, als unser Gehirn und Nervensystem ohne seinen Zusammenhang, Stoff- und Wirkungswechsel mit dem übrigen Leibe; auch das Princip der Vertretung und Ergänzung der Theile zu Diensten unserer Seele sich nur in grösserem Massstabe in der Welt, als in unserem Leibe gültig erweist, und zwar im Zusammenhange mit dem, was in unserem Leibe gilt, so dass selbst fehlende Theile unseres Leibes bis zu gewissen Gränzen durch Hilfsmittel der Aussenwelt ersetzt werden können.

Aber bei alledem bleibt ein Gesichtspunct, welcher unseren Körper in einer bevorzugten Beziehung vor der übrigen Welt zu unserer Seele erscheinen lässt. Die Seele kann freilich nicht ohne den übrigen Weltzusammenhang diesseits bestehen; wenn aber die Seele aus dem Diesseits schwindet, zerfällt bloss der Theil der Welt, den wir eben desshalb unseren Leib nennen, nicht die übrige Welt, und so besteht für sie nur der eine, aber nicht zugleich auch der andere Gesichtspunct, wesshalb wir unseren Leib zu unserer Seele rechnen.

Zu der bisher erörterten wichtigen Thatsache, dass der dies- seitige Bestand unseres Seelenlebens wesentlich nicht an den Be- stand eines einzelnen besonderen Körpertheiles, sondern den soli- darischen Zusammenhang des Körpers gebunden ist, tritt die zweite wichtige Thatsache, dass er auch nicht an die Forterhal- tung eines besonderen Stoffes im Körper, sondern dass er viel- mehr an den Stoffwechsel im Körper gebunden ist. Dieselbe Seele pflanzt sich successiv auf eine Zusammenstellung aus immer neuen Stoffen über, oder es treten immer neue Stoffe in die Zusammen- stellung ein, an welche die Seele geknüpft ist, unter Ausscheidung der alten, so dass der Leib des Greisen aus ganz anderen Stoffen zusammengesetzt ist, als der des Kindes. Auch nimmt das See- lenleben nach Massgabe der Raschheit des Stoffwechsels selbst an Lebhaftigkeit zu. Es ist daher eben so triftig zu sagen, das See- lenleben sei an die Forterhaltung eines körperlichen Wechsels als einer körperlichen Zusammenstellung, wie hinwiederum jener Wechsel an die Forterhaltung des Seelenlebens gebunden.

Es kann nun Jedem überlassen bleiben, die factischen Be- ziehungen zwischen dem Bestande von Leib und Seele, um die es ki | sich bisher gehandelt hat, unter eine Formel zu vereinigen, welche die Thathsachen kurz zusammenfasst, nur dass sie immer im Sinne der Thatsachen verstanden und ausgelegt werde. Und so bediene ich mich, wenn es sich darum handelt, das Abhängig- keitsverhältniss in der Richtung von der Seele zum Körper zu verfolgen, gern der Formel, die Seele sei das verknüpfende Prineip der körperlichen Zusammenstellung, des körperlichen Wechsels und der Auseinanderfolge der Thätigkeiten des Körpers, und will hiemit eben nichts Anderes gesagt haben, als was die bisherigen Thatsachen besagen.

Ein Anderer kann es bequemer finden, und wir mögen es anderwärts, wenn es sich handelt, das Abhängigkeitsverhältniss zwischen Seele und Körper in umgekehrter Richtung zu verfolgen, selbst bequemer finden, die Seele oder das Seelenleben vielmehr als ein Resultat, denn als ein verknüpfendes Princip der körper- lichen Zusammenstellung und Auseinanderfolge zu erklären, und es wird diess nicht minder gestattet sein müssen, insofern mit diesem Ausdrucke eben wieder nichts Anderes gesagt sein soll, als was die Thatsachen besagen. Zwar kann der Unterschied beider Ausdrucksweisen philosophisch sehr wichtig erscheinen, insofern man sie an die Spitze einseitiger philosophischer Systeme stellt, oder metaphysische Vorstellungen über die Natur der Seele daran knüpft, schwindet aber in der Anwendüng auf das Fac- tische, sofern ein verknüpfendes Princip ebenso einer Mannichfal- tigkeit bedarf, die es verknüpft, als ein Resultat einer solchen, aus der es hervorgeht, und als jenes wie dieses etwas Einheitliches ist im Verhältnisse zu der Mannichfaltigkeit, die zu seiner Existenz gehört.

Mit der (Th. I. Kap. 4) aufgestellten Formel, dass das Geistige die innere Ercsheinungsweise dessen sei, was äusserlich als körperlich erscheint, ver- knüpfen sich diese Formeln durch den factischen Gesichtspunct, dass in der inneren Erscheinungsweise das einheitlich oder vereinfacht sich darstellt, was für die äussere Erscheinung in eine Vielheit sich auseinanderlegt; wie denn das, was äusserlich alsein zusammengesetzter Nervenprocess erscheint, innerlich als einfache Empfindung erscheinen kann.

Für dualistische und monadologische Auffassungen sind beide Ausdrucksweisen überhaupt nicht bequem, und es steht ihnen dann frei, dieselben Thatsachen in ihrem Sinne auszudrücken, indem sie der vorausgesetzten besonderen Seelensubstanz oder Monade demgemässe Kräfte und Beziehungen zum Körper beilegen. Alles das ist, wir können es nicht genug wiederholen, für den hier eingeschlagenen Gang der Untersuchung gleichgültig, so lange man nichts aus dem Ausdrucke, sondern nur aus den That- sachen folgern will.

Unstreitig lässt sich die Frage aufwerfen, ob nicht eben so, wie das organische System unseres Leibes einen bewussten Geist als verknüpfendes Princip oder Resultat, oder Entelechie, oder bevorzugte Monade, oder eigenthümliche Substanz, je nachdem man es fassen will, in sich trägt, dasselbe von der ganzen Welt gilt, und, wenn schon jetzt unsere Seele ihren Leib mit der Aus- senwelt langsam tauscht und wechselt, ob nicht der Tod blos ein rascherer Sitzwechsel ‚sei, in dem sie den alten engen Leib auf einmal mit einem weiteren vertauscht. In der That können in naturphilosophischen und religiösen Betrachtungen derartige Ana- logieen, und zwar meines Erachtens mit wirklichem Fuge, geltend gemacht werden; doch ist diess hier nicht unsere Aufgabe; wir bleiben hier bei dem stehen, was Sache directerer Erfahrung ist.

b) Sitz der Seele im engeren Sinne, Von dem Verhältnisse der Bedingtheit zwischen dem diessei- tigen lebendigen Bestande unserer Seele und unseres Körpers im Allgemeinen und Ganzen, auf das wir den Begriff des Beseelt- seins und Seelensitzes im weiteren Sinne gegründet haben, ist ein Verhältniss specieller Bedingtheit zwischen den bewussten Vorgängen unserer Seele und zugehörigen Vorgängen unseres Kör- pers wohl zu unterscheiden. Wir nennen eine Seele so lange lebendig, als sie die Fähigkeit hat, Bewusstseinsphänomene zu produciren, obne dass sie desshalb immer bewusst ist, da sie vielmehr abwechselnd schläft und wacht. Nun müssen zu den- jenigen körperlichen Verhältnissen und Vorgängen, welche als allgemeine Bedingungen der Erhaltung des diesseitigen Seelen- lebens dem Wachen und Schlaf gemeinsam sind und im solidari- schen Zusammenbhange der lebendigen Thätigkeit des ganzen Kör- pers begründet liegen, noch besondere Bedingungen hinzutreten, um das Wachsein zu unterhalten, welche als Specialbedingungen des Bewusstseins zu gelten haben, sofern mit ihnen das Bewusst- sein da ist und schwindet, die aber selbst erst auf Grund jener allgemeinen Lebensbedingungen entstehen und bestehen können, dieselben zu ihrer Voraussetztung und Unterlage fodern. Dass Schlaf und Wachen wirklich überhaupt an körperliche Bedin- gungen geknüpft sind, kann übrigens keinem Zweifel unterliegen; da Druck auf das Gehirn Schlaf hervorrufen, ein körperlicher An- stoss an den Schlafenden denselben wecken kann. / So wie die Speeialbedingungen des Bewusstseins blos durch einen Theil des Lebens, indess die allgemeinen durch die ganze Lebenszeit reichen, so jene blos durch einen Theil des Leibes, indess diese durch den ganzen Leib, und zwar sind wir veran- lasst, beim Menschen und Geschöpfen überhaupt, welche ein Ner- vensystem und Gehirn haben, die besonderen Bedingungen des Bewusstseins vorzugsweise vor dem übrigen Körper im Nerven- systeme, insbesondere Gehirn, zu suchen, welches wir hienach als einen Sitz der Seele oder des Bewusstseins im engeren Sinne ansehen können, wobei noch die in den folgenden Ab- schnitten dieses Kapitels specieller zu erörternde Frage übrig bleibt, ob nicht der engere Seelensitz noch einer bestimmteren Localisation innerhalb des Nervensystems, respectiv Gehirns, fähig sei, und wie es sich bei anderen Geschöpfen als dem Menschen ° und den ihm nahestehenden Geschöpfen verbalte.

Die Nothwendigkeit, einen engeren Seelensitz innerhalb des weiteren im eben angegebenen Sinne zu unterscheiden, und das Nervensystem, respectliv das Gehirn, oder einen besonderen Theil desselben im Menschen und den höheren Thieren dafür zu halten, liegt in folgenden Thatsachen begründet. Nur solche Theile des Körpers, welche mit Nerven versehen sind, sind empfindlich, und nur nach Massgabe als Reize unser Nervensystem betreffen und die betroflenen Nerven mit dem Gehirne stetig zusammenhängen, erwecken sie eine Empfindung. Willkührlich bewegliche Theile unterliegen dem Einflusse des Willens nur so lange, als sie mit dem Gehirne durch Nerven im Zusammenbange stehen. Umge- kehrt aber bedarf das Gehirn nicht des stetigen Zusammenhanges mit besonderen Körpertheilen oder Nerven, um Thätigkeiten zu erzeugen, welche von Bewusstseinsphänomenen begleitet sind, so lange das Leben, hiemit die Möglichkeit solcher Phänomene, über- haupt erhalten bleibt. Durch Zerstörung besonderer Nerven oder der Gehirntheile, womit sie zusammenhängen, kann man das Ver- mögen besonderer Empfindungen aufbeben, nicht so durch Zer- störung anderer Körpertheile. Minder entscheidend, wenn auch im Ganzen in demselben Sinne sprechend, sind die Beobachtun- Lu Lu gen über die Störungen des allgemeinen geistigen Lebens je nach Verletzung oder Störung des Gehirns und anderer Organe, indem einerseits die Vertretbarkeit verschiedener Gerhirntheile durch einander bezüglich der Leistungen für das allgemeine geistige Le- ben Störungen desselben bei localen Verletzungen oder Störungen des Gehirns oft nicht zu Stande konımen lässt, indess anderseits solche auch durch Störungen anderer Organe vermöge secundä- ren Einflusses auf das Gehirn begründet werden können. Endlich verdient noch Beachtung, dass das Bewusstsein direct durch Druck auf das Gehirn, aber auf keinen anderen Theil, ausser sofern Stockung des Blutes im Gehirne dadurch entsteht, aufgehoben werden kann.

Der engere Seelensitz steht dem weiteren nicht äusserlich gegenüber, sondern ist selbst nur ein Theil des weiteren. Er kann nur durch seinen Zusammenhang mit den übrigen Theilen des weiteren seine Leistungen für das Bewusstsein vollziehen, indess er selbst wesentlich mit zum solidarischen Zusammenhange des weiteren gehört. Veränderungen im engeren Seelensitze, welche von Bewusstsein begleitet sind, können Folgen in die übrigen Theile des weiteren hineinerstrecken, welche aber, nach Massgabe als sie über den engeren hinausgreifen, bezugslos zum Bewusstsein werden; umgekehrt könnenReize, die durchden weiteren Seelensitz verlaufen, nicht eher Empfindung, Bewusst- sein erwecken, als bis sie zum engeren Seelensitze gelangt sind.