SigPhi · Gustav Theodor Fechner

Elemente der Psychophysik, Band 2

German

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Insofern wir die körperlichen Thätigkeiten, mit welchen die geistigen in directer functioneller Beziehung stehen, psychophy- sische nennen; und insofern diese nur Bewusstsein mitführen können, sofern sie einen bestimmten Grad der Stärke, eine Schwelle übersteigen, wie in dem Kapitel über Schlaf und Wa- chen noch ausführlicher auf Grund von Thatsachen erörtert wer- den wird, können wir, bei übrigens völliger Unbekanntschaft mit der Natur der psychophysischen Thätigkeit und unter Rücksicht auf die noch folgenden Erörterungen, doch im Allgemeinen die Zeit des Wachens als die Zeit, und den engeren Seelensitz alz den Leibestheil, bezeichnen, worin die psychophysischen Thätigkeiten die Schwelle zu übersteigen vermögen.

Dabei kann noch fraglich bleiben, ob sie während des Schla- fes und in den übrigen Theilen des Körpers überhaupt fehlen oder nur unter der Schwelle sind, und ob das, was von ihnen die Schwelle übersteigt, nicht selbst die Stelle wechseln kann. Diese specielleren Fragen fodern specielle Untersuchungen, worauf für jetzt nicht einzugehen.

c) Frage nach dem einfachen oder ausgedehnten (engeren) Seelensitze.

Das Bisherige bezog sich auf sehr allgemeine Verhältnisse, welche weniger leicht zu einem Streite über das Thatsächliche, als dessen Ausdruck, Deutung und Verwendung im philosophischen Interesse Anlass geben konnten, ein Streit, der uns hier nicht be- rührt. Jetzt aber kommen wir auf eine streitige That frage von wichtigstem Interesse für die Psychophysik, über welche uns der Streit allerdings berührt, so sehr, dass ohne Entscheidung darüber nicht weiter vorgeschritten werden könnte.

Man ist einig darüber, dass nicht der ganze Körper in gleich- geltender Beziehung zur Seele steht, ein engerer Seelensitz darin irgendwie noch anzunehmen sei. Aber nach welchem Gesichts- puncte und wie weit ist er einzuschränken? Auf einen Punct oder nicht? In einem Puncte können freilich keine Bewegungen vorgehen, und sofern doch die Seelenbewegungen mit körper- lichen Bewegungen in functioneller Beziehung stehen, und der Ort dieser Bewegungen den engeren Seelensitz bedeuten soll, scheint ein punctförmiger Seelensitz von vorn herein ausgeschlos- sen. Aber wenn solche Bewegungen nicht in einem Puncte vor- gehen können, können sie doch in ihm anfangen und endigen; und hiemit erhebt sich folgende wichtige Frage: Heben alle Bewegungen, welche durch psychischen Antrieb im Körper entstehen, von einem bestimmten Puncte des Körpers, respectiv Gehirns, im Gefolge der psychischen Thätigkeit an, und müssen alle Bewegungen, um Empfindungen (und was sonst von Seelenvorgängen körperlich bedingt ist) zu erwecken, erst zu einem bestimmten Puncte des Körpers gelangt sein, um solche im Gefolge zu erwecken; oder gehen Bewegungen, an psychische Triebe, Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken geknüpft, in wesentlicher Functionsbeziehung dazu, in einer gewissen Ausdehnung des Körpers, respectiv Gehirnes, unmittelbar mit denselben mit, nach deren Beschaffenheit specialisirt, so weit eine Speeialisirung überhaupt reicht.*) Ersteres werde ich kurz als die Ansicht von einem einfachen, letzteres von einem aus- gedehnten Seelensitze bezeichnen, ohne an etwas Anderes als das eben erörterte factische Verhältniss hiebei gedacht haben zu wollen.

So fasst auch Lotze, der gewichtigste Vertreter der Ansicht vom ein- fachen Seelensiltze, den Begrilf des einfachen Seelensitzes, indem er sagt): »man wird nach dem Sitze der Seele fragen: Der Sinn dieser Frage ist ein- fach; lassen wir dahingestellt, ob es möglich sei, dem untheilbaren Wesen eines wahrhaft Seienden irgendwie räumliche Ausdehnung in dem Sinne zu- zuschreiben, in welchem wir sie den materiellen Stoffen beilegen zu können glauben, so werden doch alle Meinungen darin sich vereinigen dürfen, dass auch dem unausgedehnten Wesen ein Ort im Rauıne zukommen könne. Da wird es vorhanden sein, bis wohin alle Eindrücke des ihm Fremden sich fortpflanzen müssen, um es mit ihrer Wirksamkeit zu erreichen, und von wo aus rückwärts alle die Anregungen kommen, durch welche es unmittel- bar seine Umgebung, mittelbar durch diese die weitere Welt in Bewegung setzt. Dieser Punct des Raumes ist der Ort, an welchem wir in die unräum- liche Welt des wahrhaften Seins hinabsteigen müssen, um das wirkende und bildende Wesen zu finden, und in diesem Sinne wird jede Ansicht einen Sitz der Seele suchen dürfen, auch wenn sie ihr ausser dem Orte nicht zu- gleich die Ausdehnung einer räumlichen Gestalt zugestehenzu dürfen glaubt. « Nach der Ansicht vom einfachen Seelensitze findet eine blosse Folgeabhängigkeit, nach der vom ausgedehnten eine simultane oder Wechselabhängigkeit zwischen körperlichen und geistigen Bewegungen statt. Nach erster Ansicht sind es blos Anstösse an einen bestimmten Punct oder von einem bestimmten Puncte aus, womit die Aenderungen der Seele vom Körper aus und umge- kehrt folgweise in functioneller Beziehung stehen; nach letzter sindes Aenderungen in einem variablen Systeme von Bewegungen, welche mit den Aenderungen der Seele als wesentlich gleich- zeitige functionsweise verknüpft sind.

Je nachdem man der einen oder anderen Ansicht huldigt, ınuss sich die ganze Auffassung, ja bis zu gewissen Gränzen selbst die Möglichkeit, einer inneren Psychophysik verschieden stellen, und die Erörterung der Frage kann daher hier in keiner Weise umgangen werden.

*), Ich statuire zwar in dieser Hinsicht keine Gränze; aber da keine Un- tersuchung hier darüber geführt ist, bleibt auch jedem die Ansicht hier dar- über freigestellt.

*%*) Mikrokosmus I], 346; und ähnlich medic. Psychol. 417.

Die Entscheidung aber muss für uns aus doppeltem Gesichts- | puncte zu Gunsten der Ansicht vom ausgedehnten Seelensitze ausfallen, aus formalem, weil nur auf ihrem Grunde eine Ent- wicklung der inneren Psychophysik überhaupt möglich ist; noth- wendig aber ist für die Psychophysik diejenige Ansicht vorzuzie- hen, welche ihr mehr leistet, und sicher wird diejenige Psycho-. physik dereinst vorgezogen werden, welche mehr leistet; — aus sachlichem, weilder Nexus der Thatsachen dazu nöthigt. Der formale Vortheil einer grösseren Leistungsfähigkeit der Ansicht vom ausgedehnten Seelensitze hängt aber natürlicherweise mit dem Vorzuge ihrer sachlichen Triftigkeit zusammen.

Dieser Vorzug liegt jedoch nicht von vorn herein am Tage, und ist nicht als zugestanden vorauszusetzen. Im Gegentheile, die Ansicht von einem einfachen Sitze der Seele ist alt, ist vielver- breitet, kann nach ihrer Beziehung zur Ansicht von der einfachen centralen Natur der Seele als die natürlichste erscheinen, ist selbst ein wesentliches Moment in manchem philosophischen Systeme. Und wenn sie sonst nicht leicht mit Klarheit und klarem Bewusst- sein ihrer Bedingungen und Consequenzen gefasst und dargestellt worden ist, so ist diess doch neuerdings mit so viel Beredisam- keit, Scharfsinn, Kenntniss ‘der einschlagenden Thatsachen und Prägnanz der Folgerungen von einem Philosophen, zugleich Ver- treter der exacten Naturwissenschaften *), geschehen, dem die wissenschaftliche Mediein hinsichtlich der Aufklärung mancher Hauptfragen zu grossem Danke verpflichtet ist, dass es schon aus diesem Grunde unangemessen sein würde, den Widerspruch die- ser Ansicht zu ignoriren, oder leichthin dagegen abzusprechen. Auf die philosophische Seite der Sache kann nun zwar hier nicht näher eingegangen werden; aber das, was von der Erfahrungs- seite her hier massgebend sein muss, wird etwas genauer ins Licht zu setzen sein. Ungern sehe ich mich dabei in Widerstreit mit jenem von mir hochgeachteten Forscher verwickelt, mit dem ich vorzugsweise gewünscht hätte, in dieser Frage Hand in Hand zu gehen.

Die Ansicht vom einfachen Seelensitze stellt gewisse anato- mische, physiologische und pathologische Foderungen; die Ansicht *) Lolze, medicin. Psychol 415 und Mikrokosmus I; 316.

äÄ, — vom ausgedehnten Seelensitze stellt andere; und je nachdem man die einen oder anderen erfüllt findet, wird man, falls man anders sich von Erfahrung leiten lassen will, der einen oder anderen An- sicht sich anzuschliessen haben.

Die erste Ansicht verlangt ein bestimmtes Centrum von Im- pulsen, die zweite ein ausgedehntes Feld von Bewegungen; die erste möglichst einfache und directe Bahnen zwischen der Aussen- welt und dem Seelensitze, welche die Impulse zu- und abführen; da die Verarbeitung der sinnlichen Eindrücke erst in der Seele geschieht; die zweite eine grosse Complication von Wegen, um dem verwickelten Gange von Seelenbewegungen und der Verar- beitung der sinnlichen Eindrücke in ihr eine angemessene Unter- lage zu geben, Für die erste fällt mit Zerstörung einer bestimmten kleinen Stelle des Gehirnes die Seele sicher aus dem Leben; für die zweite gewährt bei Zerstörung irgend eines kleinen Theiles des Gehirnes der solidarische Zusammenhang des Ganzen die Mittel der Vertretung. Die erste hat zu erklären, wie Impulse, die als zusammengesetzte beim Seelensitze anlangen oder davon ausge- hen, doch noch unterschieden werden oder sich nach dem Willen der Seele in unterschiedene Wirkungen spalten können; die zweite hat für Alles, was zu unterscheiden, unterschiedene Bahnen und Bewegungen.

Wer mag in Abrede stellen, dass allen diesen Foderungen vielmehr im Sinne der Ansicht vom ausgedehnten als vom ein- fachen Seelensitze entsprochen ist?

Das Gehirn stellt sich bekanntlich als ein weitläufiges Geflecht verschlungener Nervenwege mit sog. Ganglienkörpern dar, wohl geeignet, einem ausgedehnten Spiele verwickelter Bewegungen Raum zu geben, für welche die Fäden Bahnen und die Ganglien- körper Anfangs- und Endpuncte oder Zwischenstationen bilden, ohne dass eine anatomische Ahnung, geschweige Thatsache, ein Centrum dieser unzähligen Centra entdecken lässt. Statt dass alle Sinnesnerven einem Centrum zustralen und alle Bewegungsnerven von einem solchen ausstralten, dröseln manche, die compact beim Gehirne anlangen, sich beim Uebergange in dasselbe in mehrere Nervenwurzeln auf. Im Allgemeinen sind es die grossen Hirnhe- misphären, welche die grösste; wenn man will centrale, Bedeu- tung für das Seelenleben verrathen, wie selbst die Anhänger des einfachen Seelensitzes nicht leugnen können; aber sie sind doppelt. Sitzt nun die Seele in der linken oder rechten Hemisphäre? sie wird zwischen beiden sitzen, in der Zirbel, dem Balken, der Brücke, oder sonst einem unpaarigen Gehirntheile. So natür- licherweise bisher noch alle Anhänger des einfachen Seelen- sitzes: Descartes, Herbart, Lotze. Wohl, die Aufgabe ist damiterleichtert; so wird im ganzen Gehirne nur der unpaarige Theil aufzusuchen sein, der nicht zerstört werden kann, ohne das diesseitige Leben zu zerstören. Das anatomische Messer und die pathologischen Zufälle sind geschäftig gewesen, uns diesen Dienst zu leisten. Und je mehr sich die Versuche und Fälle gehäuft haben, so fester hat sich das Resultat gestellt, dass das Gesuchte nicht zu finden ist.

Die Bedeutungslosigkeit der Zirbel, wo Descartes den einfachen See- lensitz suchte, für Leben und Integrität der Seele ist durch pathologische und physiologische Versuche längst so erwiesen, dass die neueren Vertreter des einfachen Seelensitzes davon abstrahirt haben.

In Betreff des Balkens möge folgende Stelle aus Longet*) hier stehen.

»Le corps calleux peut manquer dans l’espece humaine, ou pr6senter des vices de conformation tres-prononces sans qu’il resulte un prejudice notable pour l’entretien de la vie, pour la r&ceptivite des sensations ou l’exer- cice des mouvements volontaires. Plusieurs exemples en fournissent la preuve incontestable: tels sont ceux que rapportent Reil, Solley, Foerg, Chatto et Paget.« ' Lotze ist mit Herbart geneigter, den Sitz der Seele in der Brücke als im Balken zu suchen (med. Ps. 419); und nach den anatomischen Disposi- tionen der Brücke muss auch die Ansicht vom ausgedehnten Seelensitze einen der wichtigsten Herde des Seelenlebens, nur nicht den alleinigen oder letzten in ihr sehen und von ihren Verletzungen wichtige Störungen erwarten. Longet sagt in dieser Hinsicht (Anat. et physiol. du syst. nerv. I. 348): »Da bekanntlich die Empfindungs- und Bewegungsstränge des Rücken- marks, ehe sie in die Grosshirnlappen ausstralen, zum Theil die Brücke durchsetzen, so ist leicht vorauszusehen, dass Verletzungen derselben die Verrichtungen der Bewegung und Empfindung stören müssen.« Doch sagt er auch nach Zusammenstellung hierauf bezüglicher Thatsachen und Mei- nungen: »Für die Geruchs-, Gesichts-, Gehörs- und Geschmackseindrücke giebt es keine Thatsache, auf welche gestützt man zu glauben wagen dürfte, dass ihre Wahrnehmung insbesondere in der Brücke zu Stande komme, wie diess bei den Tasteindrücken der Fall ist«; und: »man darf jedoch dem Wahrnehmungsvermögen der Brücke keine zu grosse Wichtigkeit beimes- sen und sich zu übertriebenen Schlüssen versteigen...Ich gestehe, dass es mir bis jetzt für das Wahrscheinlichste gilt, dass bei dem natürlichen Hergange der Sinnesthätigkeiten die Grosshirnlappen die einzigen Hirntheile Mn sind, in welchen die Sinneseindrücke eine letzte Verarbeitung erfahren, wo sie eine bestimmte Form annehmen können, um den Thieren den Stoff zu ihren Urtheilen zu liefern.« Und in dieser Ansicht stimmen nach unbefangen- ster Zusammenfassung der anatomischen, physiologischen und pathologi- schen Thatsachen wohl jetzt die meisten Physiologen überein.

Mit Thatsachen sehr allgemeiner Tragweite tritt neuerdings Rud. Wag- ner*) der Centralisation des Seelensitzes entgegen.

»Man kann, — sagt er — bei Taub@n (aber auch bei Kaninchen) bei ent- blösstem oder unentblösstem Gehirne, wenn man eine grössere Anzahl von Individuen verwendet, alle einzelnen Partieen des Gehirnes mit einer ein- fachen oder einer Staar-Nadel zerstören, ohne dass, wenn keine tödtliche Blutung erfolgt, die freilich oft eintritt, die Sinnesperceptionen und die hö- here psychische Functionen (Vorstellungen) beurkundenden Reactionen auf- hören...»Auch der mögliche Einwurf, dass es bei Thieren sehr schwer sei, Reactionen der Bewusstseinssphäre von Reflexbewegungen zu unterschei- den, wird, glaube ich, durch Beobachtungen beim Menschen, welche aller- dings für solche Fragen die wichtigsten sind, widerlegt.

»Ich habe nämlich bei einem genauen Vergleiche der klinischen Erfah- rungen und Sektionsberichte gefunden, dass in allen an der Basis des Gehir- nes gelegenen Theilen, auch der unpaaren, wie der Hypophysis und der Zir- bel, krankhafte Degenerationen, ja, wie es scheint, gänzliche Zerstörungen vorkommen können, ohne dass die Seelenthätigkeit immer auffallend ge- stört, ja öfters gänzlich erhalten erscheint.

»Diese beiden Erfahrungsreihen müssen, wenn sie auch nicht als zwei- fellose Beweise betrachtet werden sollten, es doch auf das Aeusserste un- wahrscheinlich machen, dass im Gehirne ein gemeinsamer Empfindungsplaiz, ein punctförmiges Sensorium commune, sich befindet. Ja ich bekenne, indem ich meine früheren Ansichten limitire, dass eine gewisse Summe von Seelen- Erscheinungen erhalten bleibt, wenn man, wie bei Tauben möglich ist, gros- ses, kleines und einen Theil des Mittelhirnes entfernt hat und die Thiere am Leben erhält.« Hiezu kommt noch, dass es Thiere giebt, in denen kein un- paariger Theil des Nervensystems vorhanden ist, wohin man den Sitz der Seele verlegen könnte. Jede rationale Fassung des ein- fachen Seelensitzes muss in einem symmetrisch gebauten und sich im Sinne dieser Symmetrie bewegenden Thiere den Körper sym- metrisch zu diesem Sitze angeordnet denken. Beim Menschen wäre diess noch möglich; bei den Echinodermen ist es nicht mehr mög- lich, soll anders der Seelensitz im Nervensysteme liegen.

»Das Nervensystem der Echinodermen umschliesst als Centralorgan den Eingang zur Schlundhöhle in Gestalt eines meist fünfeckigen Nervenringes, *) Götting. gel. Anz. 1860. Nachrichten Nr. 6. S. 55 fl.

von dessen Winkeln die Hauptnervenstämme in der Mittellinie der Stralen oder der diesen entsprechendem Hautskelettheile bis zu dem entgegenge- setzten Leibesende hinablaufen...Ganglienknoten haben sich bis jetzt an dem Schlundringe nicht wahrnehmen lassen.« (Stannius’ und Siebold’s Lehrb. d. vergl. Anat. 4. Ausg. I. S. 85.) 4 Kann irgend eiwas beweisen, dass sich anatomischerseits ein Centralpunct oder enger Centralraum nicht finden lässt, der als Sitz der Seele angesehen werden könnte, so ist es der Umstand, dass man nach und nach fast jeden Theil des Gebirnes dafür an- | gesehen hat*). So setzte Descartes den Sitz der Seele in die Zirbel, Bontekoe, Lancisi, Louis, Chopart, Saucerote und la Peyronie in den Balken; Digby in die Scheidewand; Vieussens in den grössten Umkreis des Markes; Andre in die Sehnervenhügel;+- Andre in den Gehirnknoten; Arantius in die dritte Hirnhöhle; Willis in den gestreiften Hügel; Drelin- court in das kleine Hirn; Wharton und Schelhammer in den Anfang des Rückenmarkes; Fabri in das gefaltete Adernetz; Mieg in das Rückenmark. Diese Ansichten mögen zum Theil sehr unkritisch gewesen sein, aber die umsichtigste Kritik wird nur darin über alle diese Ansichten hinausgehen können, dass sie alle gleich verwirft.

Geht man näher auf die pathologischen Erfahrungen ein, so scheinen dieselben zunächst nur Widersprüche unter einander darzubieten. Wäbrend eine Unzahl pathologischer Erfahrungen die grosse Bedeutung der Integrität des Gehirnes für die Integrität des Seelenlebens beweist, scheint sie nach einer grossen Menge anderer Erfahrungen fast gleichgültig dafür zu sein. Bei den geach- tetsten Beobachtern finden sich Beispiele von Wunden, Erwei- chungen, Verhärtungen, Hydatiden u.a. Entartungen im Gehirne, die ungeachtet einer sehr weiten Ausbreitung doch mit keiner Gei- stesstörung in Verbindung standen. U. a. haben Haller (Elem. physiol. IV. p. 338), Arnemann (Vers. üb. d. Gehirn und Rü- ckenmark 8.136), Longet, Anatomie und Physiol. des Nerven- systems, solche Fälle gesammelt. Ja Sömmering (v. Hirn u. d. Nerven $. 400) sagt: es sei fast kein Theil der Gehirnmasse, den man nicht zuweilen ohne Spur eines Nachtheiles für Leben und Verstand verhärtet, verwundet, vereitert oder zerstört gefunden hätte. Eben so bemerkt Burdach, der in seinem Werke über *) Sömmering. 407.

ji das Gehirn die bekannten Fälle von Verletzungen und Abnormitä- ten des Gehirnes nach den Kategorieen ihrer Folgen mit peniblem Fleisse zusammengestellt, im Allgemeinen (Ill. S. 267): die Erfah- rung habe gelehrt, dass es keinen Theil im Gehirne gebe, dessen Abnormität nicht zuweilen eine Störung der Seelenthätigkeit zur Folge gehabt hätte, aber eben so auch keinen, bei dessen Abnor- mität die Seelenthätigkeit nicht ungestört geblieben wäre. (Vergl. auch Wagner's Anführungen in dieser Hinsicht S. 397.)

Nun gilt es, eine Ansicht zu fassen, welche die scheinbaren Widersprüche in dieser Hinsicht löst, nicht eine solche, welche sie bestehen lässt. Die Ansicht vom punctuellen Seelensitze ver- mag aber jene Widersprüche nicht zu lösen, sondern lässt sie in voller Stärke bestehen. Ein Punct, ein kleiner Organtheil, durch dessen Zerstörung oder Störung sicher Zerstörung oder Störung des diesseitigen Seelenlebens einträte, müsste danach jedesfalls gefodert werden, und er hat noch nicht gefunden werden können. Wogegen sich die scheinbaren Widersprüche nach der Ansicht vom ausgedehnten Seelensitze ganz consequent und einfach im Sinne der sonst im Organismus vorhandenen Einrichtungen lösen. Was für den ganzen weiteren Seelensitz gilt, gilt nur eben auch für seinen wichtigsten Theil, den engeren. Wenn die rechte Lunge zerstört ist, atlhmet man noch mit der linken, und wenn von bei- den ein Stück zerstört ist, athmet man noch mit dem anderen. So können sich die beiden Augen, Ohren, Hände, die Collateral- gelässe der grossen Gefässstämme u. s. w. in ihren Leistungen zu- gleich ergänzen und vertreten. So können es auch im Sinne der Ansicht vom ausgedehnten Seelensitze die beiden Gehirnhälften, und selbst bis zu gewissen Gränzen Theile derselben Gehirnhälfte, so lange noch solche zur Vertretung da und leistungsfähig sind. Wo nicht, so hört die Möglichkeit der Vertretung auf, und in die- ser Hinsicht sind nach der variabeln Constitution, dem Gesundheitszustande, den früheren Schädigungen des Gehirnes alle Fälle möglich, die vorkommen. Die Flourens’schen Versuche mit Weg- schneiden jetzt einer, dann beider Hirnhemisphären sind experi- mentale Beweise für diese Möglichkeit der Vertretung bezüglich der psychischen Leistungen, und geben zugleich, wie später zu zeigen, die einfache Unterlage für eine Erklärung der Theilbarkeit der niederen Thiere mit Verdoppelung der Seele im Sinne der An- sicht vom ausgedehnten Seelensitze, indess sie die Räthsel und —- Schwierigkeiten im Sinne der Ansicht vom einfachen Seelensitze nur mehren.

Das Einzige, was für den ersten Anblick von Erfahrungsseite her für die Ansicht vom einfachen Seelensitze zu sprechen schei- nen kann, ist der oben besprochene Umstand, dass wir von un- R serem Körper so viele Theile, Arme, Beine und noch viel mehr ver- 1 lieren können, ohne dass das geistige Leben und das Leben über- haupt etwas Anderes, als äussere Hülfswerkzeuge zu verlieren .scheint, dass sicher das Nervensystem und hierin insbesondere das Gehirn den Herd einer Thätigkeit bildet, die zur Seelenthätig- keit in irgend einer bevorzugten Beziehung steht, und dass selbst vom Gehirne noch diess und das wegfallen kann, ohne dass die Integrität des Lebens und der Seele leidet; denn diess kann so gedeutet werden, dass es endlich überhaupt nur auf Erhaltung eines innersten und letzten Kernes als wesentlichen Trägers des Seelenlebens ankomme, und das Letzte, wohin man bei diesem Schlusse gehen kann, ist ein einfaches Wesen an einfachem Sitze. Ich habe nichts gefunden, was sonst auch nur mit einem Scheine für den einfachen Seelensitz von Seiten der Erfahrung spräche. Aber nachdem man so weit mit dem Schlusse gediehen ist, wird der Schlussstein dieses Schlusses, auf den zuletzt Alles ankommt, von der Erfahrung verweigert; sofern endlich jeder Theil des Gehirnes zerstört werden kann, ist’s nur nicht zu viel auf einmal, ohne dass das Seelenleben zerstört oder gestört wird. Fehlt aber dieser Schlussstein, so fällt der ganze Schluss und müssen auch jene Thatsachen, die dahin zu weisen schienen, eine andere Deu- tung erhalten. Hingegen kann sich die Deutung im Sinne der An- sicht vom ausgedehnten Seelensitze nicht nur auf ein erfah- rungsmässig im ganzen Organismus gültiges Prineip stützen, sondern zugleich den gefoderten Schlussstein im Flourens’schen Ex- perimente und den Phänomenen der theilbaren Thiere aufweisen.

Es giebt zwar eine Thatsache, die sich für den ersten Anblick dem Vorigen entgegenstellen lässt. Durchschneidung des verlän- gerten Markes, d. i. des noch im Schädel liegenden Theiles, durch welchen das Gehirn sich in das Rückenmark fortsetzt, bringt beim Menschen und den höheren Thieren sicher und plötzlich den Tod hervor. Sollte nicht endlich hier mit dem Sitze oder der Haupt- bedingung des körperlichen Lebens der Sitz der Seele als Gentrum, Tr Rd ne ed Unterhalter, Motor dieses Lebens zu suchen sein? Flourens*) hat den Punct im verlängerten Marke, durch dessen Verletzung oder Extirpation sicher und plötzlich Tod erfolgt, näher zu be- stimmen gesucht, und hat gefunden, dass es eine nur etwa steck- nadelkopfgrosse Partie grauer Gehirnmasse sei, die Spitze der V-förmigen grauen Masse im Schnabel des sog. Calamus scripto- rius, mit welchem die vierte Hirnhöhle in die Rückenmarksspalte übergeht, welche kleine Masse **) er in Betracht dieser ihr exelu- siv zugeschriebenen Eigenschaft point vital oder noeud vital nennt. Durchschneidet man sie oder sticht man einen kleinen Troikar (emporte -piöce) so in das verlängerte Mark ein, dass der Lebens- knoten durch einen, denselben umgebenden, kreisförmigen Ein- schnitt vom übrigen verlängerten Marke getrennt wird, so fällt nach seinen Angaben das Thier wie vom Blitze getroffen zu Boden, der Athem, mitunter auch die Herzbewegung stockt plötzlich, und das Thier ist todt fast ohne Convulsionen und Agonie, während Einschnitte vor und hinter diesem Knoten noch Lebenserschei- nungen wie das Athmen und den Herzschlag fortbestehen lassen. Nach Flourens beträgt der Abstand zwischen beiden Gränzen, wo der Einschnitt noch geschehen kann, ohne den Athmungs-, Circulations- und hiemit Lebensprocess aufzuheben, hiemit der Durchmesser des Lebensknotens, kaum A Linie. Ja es zeigt sich die Integrität dieses kleinen Theiles als Lebensbedingung wichtiger, als die des ganzen Gehirnes, indem bei denselben Thieren das gesammte grosse Gehirn mit seinen Basalganglien abgetragen werden kann, ohne dass Athmung und Herzthätigkeit unmittelbar alterirt oder gar sistirt werden. Ausserdem setzt Flourens mit dem Dasein dieses Knotens im verlängerten Marke die von ihm bemerkte Thatsache ***) in Beziehung, dass bei durch Aetherein- athmung betäubten Hunden, wenn Kneipen der hinteren Rücken- marksnervenwurzeln keine Zeichen von Empfindung, Kneipen der vorderen keine Bewegung mehr veranlasst, doch noch Zeichen des Schmerzes und Muskelcontraction in der Nackengegend wahrge- *) Compt. rend. 4854. XXXIII. 487, XLVI. 803, frühere Untersu- chung in s. Rech. exper. 4842. p. 204, spätere Notiz in Compt. rend. 4859. XLVIH. p. 136.

**) R. Wagner gedenkt derselben in dem S. 397 angeführten Aufsatze unter dem Namen des grauen Keils.

Fechner, Elemente der Psychophysik. II. 26 ..

nommen werden, wenn man das verlängerteMark kneipt oder be- rührt *), und plötzliches Aufhören aller Athembewegungen, hiemit plötzlicher voller Tod, wenn man nachmals noch den Lebenskno- ten durchschneidet, was er so deutet, dass der Lebensknoten noch fortlebe, wenn schon das Leben sonst im ganzen Bückenmarke durch die Aetherisirung unterdrückt sei. je Nach alle dem betrachtet Flourens diesen Punct, oder richtiger diese kleine Masse wirklich als den eigentlichen Sitz des Lebens, indem er u.a. sagt: : »On voit que ce point, premier moteur dumäcanismerespi- ratoire, et noeud vital du syst&me nerveux (car tout ce qui, du systöme nerveux, resie attach6 A ce point, vit, et tout ce qu’on en separe, meurt) n’est ainsi que je l’ai röpet& bien des fois, pas plus gros que la töte d’une 6pingle.« »C’est done d’un point, qui n’est pas plus gros qu’une t&te d’6pingle, que depend la vie du systöme nerveuse, la vie de l’animal par con- s6öquent, en un seul mot, la vie.« »Les physiologistes m’ont souvent demande “de leur indiquer par un terme anatomique la place precise du point, que je nomme le pointvital.« »Je leur reponds: la place du point vital est la place marquee par la pointe du Vde substance grise.« »Sur le cerveau du chien, l’origine du nerf pneumo-gastrique est 5 mil- lim. au-dessus du point vital. Sur le cerveau du lapin, l’origine du nerf pneumo-gastrique est 3 millim. au-dessus du point vital.« Unstreitig erscheinen diese Thatsachen sehr frappant, und hienach gäbe es also, entgegen unserer obigen Angabe, doch einen winzig kleinen Theil, durch dessen Zerstörung oder Entfernung das Leben sicher aufgehoben wird, und man könnte um so eher geneigt sein, anzunehmen, dass hier mit dem Sitze oder der letz- ten Bedingung des körperlichen Lebens zugleich der Sitz der Seele im oben ($. 392) angegebenen Sinne zu suchen sei, als sich die Wurzeln zwar nicht aller, aber vieler wichtigen Nerven und dar- unter Sinnesnerven, bis zum verlängerten Marke, in welchem die- ser noeud vital liegt, haben verfolgen lassen.

Nach einer genaueren Untersuchung jedoch stellt sich sowohl die Thatsache als die Deutung der Thatsache sehr anders, so dass statt einer Bestätigung der Ansicht vom einfachen Seelensitze fast die letzte Zuflucht derselben dadurch abgeschnitten wird.

*) Dass diess beim noeud vital insbesondere der Fall sei, wird nicht an- geführt.

_ — Unstreitig dürfen wir wirklich im noeud vital nach Flourens’ und anderweiten Erfahrungen den verbältnissmässig klein- sten Theil sehen, dessen Zerstörung am sichersten, meist plötz- lich, den Tod herbeiführt, und es dürfte den Anhängern des ein- fachen Seelensitzes wenig Hoffnung bleiben, eine andere eben so kleine Hirnpartie zu finden, welche hierin dem noeud vital den Vorrang streitig machte. Kann nun aber selbst dieser za’ 25oynv sogenannte Lebensknoten unter geeigneten Massnahmen ganz ex- tirpirt-werden, ohne dass Körper- und Seelenleben aufhört, so wird man von jedem anderen stecknadelkopfgrossen Theile des Gehirnes um so mehr dasselbe annehmen dürfen (wie denn auch die oben S. 397 angeführten Versuche R. Wagner's hiefür direct sprechen), und zugeben müssen, Leben und Seele hängen über- haupt nicht an einem bestimmten Puncte, sondern an einem Zu- sammenhange, in dem jeder kleinste Theil durch andere kleinste Theile desselben Zusammenhanges vertreten werden kann. So ist es aber.

In der That hat Brown Sequard*) durch sehr zahlreiche, oft wiederholte und abgeänderte, Versuche an Meerschweinchen, Kaninchen und Hunden gezeigt, dass man den noeud vital mit sei- ner ganzen Umgebung herausschneiden kann, nur muss es nicht plötzlich mit einem Troikar oder mit einem sehr raschen Zirkel- schnitte geschehen, sondern mit einem langsam geführten Schnitte, wodurch eine plötzliche starke Reizung dieser Stelle des verlän- gerten Markes ‘vermieden wird; dann können Athem, sogar mit Beschleunigung und Herzschlag, mit den unzweideutigsten Zeichen von Empfindung und Willkühr noch mehr oder weniger lange, unter günstigen Umständen selbst Tage lang fortbestehen. Der plötzliche Tod, der bei Flourens’ Operationsweise (und über- haupt raschen Durchschnitten des verlängerten Markes) eintritt, hängt nach Sequard’s Discussion der verschiedenen Umstände gar nicht an sich und wesentlich an der Entfernung dieses Theiles, sondern daran, dass die bei raschem Schnitte unvermeid- liche Reizung desselben dieselbe Stockung des Athems und mit- unter Kreislaufes mitführt, welche man auch nach den Beobach- tungen von Bernard, Budge, Säquard bezüglich des Athni mens*), nach E. H. Weber u. A. bezüglich der Herzbewegung durch Galvanisirung der in das verlängerte Mark einmündenden Athemnerven erzeugen kann.