Mag nun diese Erklärung des abweichenden Erfolges triftig sein oder nicht, was ich nicht entscheiden kann, so genügt uns hier die Thatsache selbst, dass der Erfolg der Operation keines- weges ein nothwendiger ist, wie es der Fall sein müsste, wenn im sog. noeud vital der wesentliche Sitz des Lebens und der Seele zu suchen wäre.
Brown Söquard führt u. a. einen Versuch an (Exp. IV. p. 228), wo er einem erwachsenen Kaninchen mit dem Lebensknoten zugleich die ganze V-förmige graue Masse, deren Spitze der Lebensknoten ist, und etwas von der umgebenden weissen Masse exlirpirte. Die Respiration ward, anstatt aufzuhören, ausnehmend beschleunigt, der Herzschlag dauerte fort; die an- derweiten Erscheinungen wie folgt: »L’animal est & peine troubl& et il marche presque sans tituber (il titubait davantage avant l’ablalion du point vital, aprös la section des muscles du cou). La respiration s' te avec plus d’effort qu’a l’etat normal. Moins d’une heure apr&s l’operalion, ila mang6.« Tags darauf: »Il se prom&ne et il court lorsqu’on veut le prendre. ll ne semble y avoir aucune diminution de la vue et de l’audition. Les mou- vements volontaires s’executent librement et l’animal semble &tre tres-vi- goureux. Il a mang& avec assez d’appetit.« Noch am 7. Tage nach der Ope- ration versucht das Thier zu schlucken, wenn schon vergeblich; und stirbt unter allmälig zunehmender Athembeschwerde erst am achten.
In einem anderen, nicht ausführlich mitgetheilten, Falle (p. 232) sah, Brown S6quard ein Kaninchen die Operation 9 Tage und einige Stunden überleben. Mehrere andere Fälle werden als Beispiele von vielen mitgetheilt, wo das Leben mit Zeichen der Empfindung und Willkühr zwar nur kürzere Zeit, aber doch immer eine Zeit lang, nach der Operation fortbestand.
Auch ist nach schon früheren Versuchen von Brown Söquard**) keineswegs bei allen anderen Thieren schneller Tod die Folge der Entfer- nung des ganzen verlängerten Markes, ja bei manchen Thieren wird diese Operation geraume Zeit überlebt. So beträgt nach ihm das Maximum der Lebensdauer nach derselben bei Fröschen und Salamandern 4 Monate, bei Kröten 4 bis 5 Wochen, bei Schildkröten 9 bis 10 Tage, bei Schlangen und Eidechsen 4 bis 7 Tage, bei Fischen 4 bis 6 Tage, bei Vögeln 2 bis 21 Minu- ten, bei winterschlafenden Säugethieren 4 Tag, bei neugeborenen Hunden, *) Bernard in Legons de physiol. exp. 1853. p. 326; Budge in Compt. rend. XXXIX. 4854. p. 749; S6quard in d. Compt. rend. de la Soc. de Biol. dee. A853.
**) Exper. research. New York 1853. Compt. rend. de la Soc. de Biol. pour 1851. Vol. III. p.73; Compt. rend. de l!’Acad. des sc. 1847. XXIV. p. 363; hier nach Funke Lehrb. d. Physiol. 4. Aufl. S. 4026.
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Katzen und Kaninchen 34 bis 46 Minuten, bei erwachsenen 3 bis 3 Minute. Je höher die äussere Temperatur, desto schneller tritt der Tod ein; so ster- ben selbst Frösche bei 30 bis 40° C. schon nach wenig Minuten.
Die lange Lebensdauer der Frösche nach Entfernung des verlängerten Markes kann darauf geschrieben werden, dass bei diesen Thieren ein be- schränkter Athmungsprocess durch die äussere Haut von Statten geht, wess- halb sie sich auch länger nach der Operation in Sauerstoflgas als in atimo- sphärischer Luft erhalten, und die leichtere Erhaltung des Lebens in kalter als warmer Luft darauf, dass der Athmungsprocess durch die Haut ersten- falls leichter genügt als letztenfalls.
Endlich verweist Brown S&equard auf künftig von ihm mitzutheilende pathologische Fälle beim Menschen, welche zu beweisen scheinen, dass die langsame Zerstörung dieser kleinen Masse grauen Markes den Tod hier nicht herbeiführt.
Zu allem Vorigen kommt nun noch, dass Flourens*) nach seinen neuen Untersuchungen innerhalb des Lebensknotens selbst eine Vertretung einer Hälfte durch die andere anerkennt, so dass, wenn blos eine Hälfte durchschnitten wird, der Tod nicht erfolgt, sondern nur erfolgt, wenn beide durchschnitten werden, so dass der, Lebensknoten in dieser Hinsicht ganz unter dasselbe Prineip tritt, welches wir im übrigen Organismus finden. Er fügt einen Beweis mehr zu den übrigen hinzu, und vielleicht den schlagend- sten Beweis, ‚dass jeder nicht zu grosse Theil seine Vertretung durch andere finden kann.
Wenn die Thatsache, dass sich weder im noeud vital, noch sonst wo ein Punct hat finden lassen, mit dessen Zerstörung das diesseitige Leben sicher zerstört wird, direct gegen die Ansicht vom einfachen Seelensitze spricht, so steht hingegen die grosse und vorzugsweise Wichtigkeit, welche doch die Integrität des Flourens’schen Lebensknotens für die Integrität des Lebens hat, die leichte und bei manchen Operationsweisen doch sichere Zer- störung des Lebens bei seiner Zerstörung in keiner Weise im Wi- derspruche mit der Ansicht von einem, über den Lebensknoten hinausgreifenden, ausgedehnten Seelensitze; indem der Tod der Seele hienach vielmehr von der ausgedehnten Sistirung wichtiger körperlicher Lebensfunctionen, welche nach dem organischen Zu- sammenhange mit der Zerstörung des Lebensknotens eintritt, als von Zerstörung dieses kleinen Theiles selbst abhängig gemacht werden kann. Der Lebensknoten verdankt hienach selbst seine Bedeutung nur seinem Zusammenhange, und hat, abgesehen von dem Zusammenhange, in dem er sich befindet, keine grössere Be- deutung für das Seelenleben, als irgend ein anderes gleich grosses Häufchen grauer Masse, verhält sich vielmehr in dieser Hinsicht ganz wie ein Stift oder Ventil in manchen Maschinen, mit dessen Zerstörung oder Entfernung die ganze Maschine plötzlich ins Stocken gerathen kann, ohne dass man doch desshalb den Sitz oder die wesentliche Bedingung der Leistung der Maschine darin zu sehen hat.
Gesetzt aber, der Tod erfolgte wirklich unausweichlich plötz- lich mit Zerstörung des Lebensknotens oder irgend einer anderen Stelle, so würde damit nur eine der Foderungen, welche die An- sicht vom einfachen Seelensitze zu stellen hätte, befriedigt, aber dieselbe noch keinesfalls erwiesen sein, da es eine andere Frage ist, ob mit Zerstörung eines Punctes die Seele aus diesem Leben fällt, und ob dieser Punct zugleich ein Centralpunct in dem Sinne ist, an den wir den Begriff des Seelensitzes geknüpft haben. In der That aber haben wir gar keinen erfahrungsmässigen Grund, dem sog. Lebenspuncte eine besonders wichtige centrale oder fun- etionelle Bedeutung für die höheren Seelenfunctionen beizulegen.
Gegen die hier erhobene Schwierigkeit, dass sich kein noeud vital in strengem Sinne finden lasse, scheint mir nur etwa folgende Ausflucht möglich. Man kann sagen, sei es nicht der Flourens’- sche, werde es ein-anderer sein, der in irgend einem Verstecke ruhe, und die pathologischen und physiologischen Erfahrungen nur nicht ausreichend, ihn finden zu lassen, zumal ja nicht noth- wendig sei, dass der darauf zu beziehende einfache Seelensitz im- mer genau denselben Ort einhalte, vielmehr möglich, dass er im Falle drohender oder wirklicher Zerstörung des Sitzes den Ort wechsele. Könne diess auch nicht geschehen, ohne dass die Seele ihre günstigste Stellung zum Körper verliere; so zeige sich ja auch der Nachtheil solcher Zerstörungen.
Wirklich hat Herbart eine Beweglichkeit des einfachen See- lensitzes statuirt.
Nun sind die Annahmen, dass das anatomische Messer den einfachen Seelensitz bisher nicht zu treffen vermocht, und dass die Seele vor demselben zu flüchten vermöge, unstreitig gleich un- wahrscheinlich; doch müssten sie gestattet werden, wenn die An- sicht vom einfachen Seelensitze sonst durch einen Zusammenhang thatsächlicher Puncte gesichert wäre, da sie dann durch die Halt- barkeit der Ansicht mit gehalten würden; sollte sich aber diese Ansicht auch sonst überall nur auf Gründe stützen können‘, die erst durch die vorausgesetzte Haltbarkeit der Ansicht haltbar werden, so ist schwer zu sagen, worauf sie sich eigentlich stützt. Indem ich folgends zu zeigen suche, dass diess die wirkliche Sach- lage ist, kann ich mich freilich nur gegen den einzigen Vertreter der Ansicht vom einfachen Seelensitze wenden, bei dem ich über- haupt einen ernsthaften Versuch zur Beseitigung ihrer Schwierig- keiten finde; denn meist hat man sich die Schwierigkeiten gar nicht klar gemacht. Es kann aber meines Erachtens nur beitra- gen, die Entscheidung für die Ansicht vom ausgedehnten Seelen- sitze sicher zu stellen, wenn sich zeigt, welche Wege der Scharf- sinn eines der scharfsinnigsten Vertreters der gegentheiligen An- sicht einschlagen musste, diese zu halten.
Zur Beseitigung der anatomischen Schwierigkeit, dass die Nervenfasern nicht in einem Puncte zusammentreffen, wie man im Falle des einfachen Seelensitzes zu erwarten hätte, bemerkt Lotze, es können dessenungeachtet die Sinneserregungen inso- fern den Sitz der Seele treffen, als die Nervenfasern entweder in ein nervöses Parenchym einmünden, in dem der Sitz der Seele ist, und also doch theilweise zu diesem Sitze gelangen (med. Psychol. 418) oder sich in wenige, sei es auch nur eine einzige Nerven- bahn, die zum Sitze der Seele führt, vereinigen (Mikr. I. 323. 328). Die erste Voraussetzung erschien freilich teleologisch so unbefrie- digend, dass diess wohl Hauptgrund war, dass Lotze ihr in sei- nem späteren Werke die zweite substituirte. Indem aber beiden gleich sehr die Schwierigkeit entgegensteht, dass sich in dem Par- enchym oder der einfachen Leitungsbahn die Sinneserregungen zu einer mittleren mischen müssten, also die Unterscheidungsfähigkeit derselben nicht stattfinden könne, die doch erfahrungs- mässig besteht, lehnt Lotze (med. Psych. 121. Mikr. I. 323) diess dadurch ab, dass möglicherweise auch das Parenchym oder »däs Gefüge einer und derselben Faser durch viele Erregungen gleich- zeitig durchlaufen werden könne, ohne dass diese einander bis zum Unbemerklichwerden ihrer wesentlichen Charaktere störten. « »Bieten doch die Schall- und Lichtwellen, die in unermesslicher Mannichfaltigkeit sich kreuzend denselben Luftraum gleichzeitig durchdringen, auch ausser uns ein reichhaltiges Beispiel von Bea w wegungen, die in demselben Stoffe verlaufend nur in so beschränk- ter Ausdehnung einander stören, dass ihr gegenseitiger Einfluss auf einander beinahe nur der Wissenschaft bekannt wird, der ge- wöhnlichen Wahrnehmung aber ganz entgeht. « Nun aber vermögen wir doch factisch nicht, zusammenge- setzte Lichtschwingungen in ihre Farbencomponenten zu zerlegen, wenn sie durch dieselbe Opticusfaser eintreten; und soll die zu- leitende Nervenbahn zum einfachen Seelensitze nicht eine beson- dere qualilas occulta vor der Opticusfaser voraus haben, so wer- den wir sie eben so wenig zu zerlegen vermögen, wenn sie in Zu- sammensetzung dadurch anlangen; oder müssten sie eben so zer- legen können, wenn sie durch die Opticusfaser so anlangten. Kurz factisch verwirklicht sich die Möglichkeit, auf die sich Lotze be- ruft, in unserem Nervensysteme nicht. Lichtschwingungen können sich freilich draussen kreuzen und doch noch von uns unterschie- den werden, aber nur, wenn sie aus ihrer Kreuzung hervorgehend nach oder neben einander gesondert unser Auge treffen, wie Wel- len auf dem Teiche auch einander durchschreiten können, und ihre Wirkungen gesondert geltend machen können; nach Lotze aber sollen alle Lichtschwingungen, welche die unzähligen Puncte einer Gegend in unser Auge senden, gleichzeitig durch die- selbe Nervenbahn zugeleitet und in ihrer Zusammensetzung gleichzeitig am einfachen Seelensitze anlangend, noch ihre Unterscheidungsfähigkeit behalten; das kann nach Erfahrungen nicht sein.
Man könnte einwenden, dass die Seele doch aus einem Ge- mische von Tönen, welches durch denselben Hörnery anlangt, durch Aufmerksamkeit die einzelnen Töne herauszuhören vermag. Aber wir dürfen uns beim Gesichte nicht auf eine Analogie mit dem Gehöre berufen, wenn beim Gesichte directe Thatsachen wi- dersprechen; gar Vieles gilt für den einen Sinn, was für den an- deren nicht gilt. Ueberdiess sind im 33. Kapitel gute Gründe gel- tend gemacht worden, wonach selbst das Heraushören einzelner Töne aus einem Tongemische nur insofern möglich sein dürfte, als dieselben durch verschiedene Acusticusfasern percipirt werden.
Der scharfsinnig eingeführte und ausgeführte Begriff der sog. Localzeichen, wodurch Lotze die Entstehung zusammenge- setzter räumlicher Anschauungen und Tastbilder erklärbar zu — machen sucht, hebt die Schwierigkeit nicht nur nicht, sondern kennt sie gar nicht.
Ich führe hier einige besonders charakteristische Stellen aus Lotze's berühmter und einflussreich gewordener Lehre von den Localzeichen *) an, . ohne sie in ihrer ganzen feinen Ausführung, die man selbst nachlesen muss, die aber doch nur durch eine haltbare Grundlage haltbar wird, hier wieder- geben zu können: p- 328. »So wie eine veränderliche Grösse abnehmen kann bis zu einem Nullwerthe und jenseit desselben wieder wachsen, so geht die Regelmässig- keit der geometrischen Einwirkungen unfehlbar in einem Puncte vollkom- mener Unräumlichkeit zu Grunde und wird jenseits desselben wiedererzeugt. Und wie eine veränderliche Grösse sich von Neuem entfaltet, nicht weil sie ihre früheren wirklichen Werthe auf verborgene Weise mit in den Nullwerth hineingeschleppt, sondern weil das Gesetz ihres Wechsels sich durch dieses augenblickliche Verschwinden reeller Werthe hindurch erhält, so werden auch die geschehenden Eindrücke in der Seele sich in der Seele wieder zu einer Raumwelt ausbreiten, nicht indem sie eine verborgene Räumlichkeit in das Bewusstsein eingeschwärzt, sondern weil sie vermocht baben, zwi- schen den intensiven Erregungen der Seele, die sie erzeugten, Relationen zu unterhalten, aus denen in der reconstruirenden Thätigkeit. der Anschauung das Bild der veranlassenden Objecte wiederentstehen muss. « p- 330. »Finden wir irgendwo Veranstaltungen getroffen, um eine Viel- heit äusserer Reize in geordneten geometrischen Verhältnissen auf das Ner- vensystem wirken zu lassen, so sind uns solche Einrichtungen allerdings als Andeutungen wichtig, dass die Natur aus jenen räumlichen Beziehungen et- was für das Bewusstsein zu machen beabsichtigt. An sich jedoch erklären sie nichts, und es ist nothwendig, überall in den Sinnesorganen zugleich jene anderen Mittel aufzusuchen, durch welche die Lage der erregten Puncte noch neben ihrer qualitativen Erregung auf die Seele zu wirken vermag. Da nun die spätere Localisation eines Empfindungselementes in der räum- lichen Anschauung unabhängig ist von seinem qualitativen Inhalte, so dass in verschiedenen Augenblicken sehr verschiedene Empfindungen die glei- chen Stellen unseres Raumbildes füllen können, so muss jede Erregung ver- möge des Punctes im Nervensysteme, an welchem sie stattfindet, eine eigen- thümliche Färbung erhalten, die wir mit dem Namen ihres Localzeichens belegen wollen. Ueber die nähere Natur dieses Localzeichens werden wir uns bald weiter zu äussern haben; wir können es hier nur als einen phy- sischen Nervenprocess überhaupt bezeichnen, der sich constant für jede Stelle des Nervensystemes mit jenem veränderlichen Nervenprocesse asso- ciirt, welcher an derselben Stelle dem qualitativen Inhalte der wechselnden Empfindungen zu Grunde liegt. Beide Processe stören einander entweder gar nicht, oder in höchst unbeträchtlichem Masse, und während die Seele fortfährt, unter dem Einflusse des letzteren ihre gewöhnlichen qualitativen *) Lotze, mediein. Psychol. 325 1.
ed ne Empfindungen zu bilden, wird jede von ihnen zugleich von einer anderen Erregung begleitet, welche abhängig von dem Localzeichen ihre spätere Ein- ordnung an eine Stelle des vorgestellten Raumes bedingt. « p. 334. »Diese Erwägungen bestimmen uns, jene Localzeichen der Ner- venerregungen im Allgemeinen nicht in passiven Nebenumständen zu su- chen, die jede Stelle des Nervensystemes nach ihrer Structur noch neben den Empfindungsreizen nur erleidet, sondern in den Bewegungen, welche sie vermöge ihres Zusammenhanges mit dem übrigen Nervensysteme nach Weise des Reflexes hervorzubringen strebt *).« p: 335. »Für alle unsere physiologischen Betrachtungen reicht die Vor- stellung hin, dass die Raumanschauung ein der Natur der Seele ursprüng- lich und a priori angehöriges Besitzthum sei, das durch äussere Eindrücke nicht erzeugt, sondern nur zu bestimmten Anwendungen provoeirt würde. « Unstreitig ist es schwer, sich von den Localzeichen als moto- rischen Tendenzen, wofür sie Lotze im Wesentlichen erklärt, eine klare Vorstellung zu machen. Was ist eine Tendenz, — die exacte Physik kennt das Wort nicht — wenn man weder wirkliche Be- wegungen noch geistige Strebungen, die ja erst in der Seele er- wachen, darunter denken soll; ist eine Fortpflanzung von Druck oder Spannung oder doch eine leise Bewegung damit gemeint? und etwas sollte man doch darunter denken können, um nicht die Leistung, die den Localzeichen auferlegt wird, einem blossen Worte aufzuerlegen und die Leistung selbst zu einer qualitas occulta zu machen. Es ist mir nicht geglückt, darüber Klarheit zu erlangen.
Jedenfalls können die verschiedenartigen Localzeichen, welche den Erregungen der einzelnen Sehnerven- und Tasinervenfasern je nach ihrer Lage anahften, in dem Parenchym oder der einfachen Verbindungsfaser, wodurch zuletzt Alles zur Seele gelangt, nur zu einem zusammengesetzten Localzeichen verschmelzen. Nun wird der Seele die Aufgabe gestellt, und man darf wohl sagen, die Fä- higkeit oetroyirt, die Qualität dieser Verschmelzung als räumliche Extension und Anordnung zu expliciren. Aber unter welcher Form man auch die Localzeichen denken möchte, ist es nicht eine my- stische, so will sich keine einer solchen Fähigkeit fügen. Lotze selbst bedient sich vergleichsweise des Ausdruckes zur Charak- teristik der Localzeichen, »dass jede Erregung vermöge des Punctes im Nervensysteme, wo sie stattfindet, eine eigenthüm- *) Auch p. 340 wird gesagt, dass »die Localzeichen in der Erweckung motorischer Tendenzen bestehen. « - n ybn GG Bd Bun 5 Hi liche Färbung erhalte. « Niemand ist sonst glücklicher, eine An- sicht treffend auszudrücken, als Lotze; aber die zusammenge- setztesten Färbungen tragen nicht die Spur eines Vermögens in sich, von der Seele räumlich explicirt zu werden.
Nach Lotze (p. 339) »ist die Isolation der Nervenfasern und die Lage ihrer centralen Enden nur insofern von Belang, als beide ein Mittel sind, jeden einzelnen Nervenprocess mit einem qualita- tiv bestimmten Localzeichen zu versehen, durch welches seine spätere Einordnung in den Raum bedingt wird, in welchem die Seele ihre intensiven Wahrnehmungen entfaltet.« Aber was kann diese Isolation in den Primitivnervenfasern fruchten, wenn sie doch in der allgemeinen Verbindungsfaser, worein sie münden, und welche zum Seelensitze führt, eben so wieder aufgehoben werden muss, als wenn die Zweige desselben Tastempfindungs- kreises in eine gemeinsame Tastnervenfaser einmünden, wo sie trotz ihrer verschiedenen Lage, die ihnen wohl ein verschiedenes Local- zeichen einprägen könnte, keineswegs im Stande sind, discrete Raumempfindungen zu vermitteln, oder was hindert umgekehrt das Zustandekommen von Localzeichen bei den Zweigen desselben Empfindungskreises?
Lotze erhebt selbst den zweiten Einwand (Mikr. I. 323), »dass vor Allem die Fähigkeit der Seele, den Gliedern genau ab- gemessene Impulse zu Bewegungen mitzutheilen, einer solchen Anordnung (wie von ihm vorausgesetzt worden) entgegenstehe. Damit diese bestimmte Beugung oder Streckung des Armes ge- schehe, sei es nöthig, dass diesem und keinem anderen motori- schen Nerven diese und keine andere Grösse des Anstosses zuge- führt werde; undenkbar, wenn nicht jeder dieser einzelnen Fäden sich ununterbrochen bis zum Orte der Seele erstrecke, damit sie ihn unmittelbar finden und erregen könne.« Aber, entgegnet er (Mikr. I. 325), die Qualität des Seelenzustandes ist es, »wovon nicht nur die Grösse und Art, sondern auch der Ort der Wirkung abhängen, die der Naturlauf an ihn knüpft...« »Von den un- zähligen Schallwellen, welche die Luft durchkreuzen, wird jede ohne Zweifel in einer gespannten Platte, einer Fensterscheibe, welche sie trifft, irgend welche Erschütterungen hervorbringen, aber nur eine von ihnen wird die Platte zum Mittönen bringen, nur die nämlich, deren Schwingungen regelmässig zu wiederholen die Platte durch ihre eigene Structur und Spannung befähigt Ita su « »Läge der Seele in der That die ganze Claviatur der motorischen Nervenenden geordnet vor, so könnte die Art ihres Einflusses keine andere sein. Sie würde nicht in jedem Falle einen übrigens gleichartigen Stoss ausführen, dem sie nur eine bestimmte Richtung gäbe, und der nur blos desswegen, weil er in dieser Richtung auf dieses, nicht auf jenes Nervenende trifft, auch nur diese, nicht eine andere Bewegung erzeugen müsste, sie kann für jede beabsichtigte Bewegung vielmehr nur einen eigenthümlichen qualitativen Zustand, einen Ton von bestimmter Höhe in jenem Gleichnisse hervorbringen, und von der Wahlverwandtschaft, welche zwischen diesem Zustande und der eigenthümlichen Lei- stungsfähigkeit eines bestimmten Nervenursprunges obwaltet, wird erst die räumliche Richtung abhängen, welche der Einfluss der Seele nimmt, und welche er nur täuschend von Anfange an schon inne zu halten schien...« Aber, verstehe ich diese Auffassung recht, was vielleicht nicht ganz der Fall ist, so kann ich nur einen halben Rückgang auf die Ansicht vom ausgedehnten Seelensitze darin finden. Denn, da zugestandenermassen die Nervenursprünge nicht unmittelbar, son- dern nur mittelst eines zwischeneingeschobenen Parenchyms oder einer einfachen Bahn mit dem Seelensitze zusammenhängen, so kann nur ein zusammengesetzter Impuls oder eine zusammenge- setzte Wellenbewegung vom Seelensitze aus sich zu den Nerven- ursprüngen fortpflanzen; und da er sich hier zwischen ihnen nach der Qualität der psychischen Anstösse theilen soll, so muss also die Qualität der Seelenthätigkeit über den gemeinsamen Verbin- dungsweg hinaus die Austheilung dieser Anstösse bewirken, also doch die Weise der körperlichen Thätigkeit auf einmal in einer Mehrheit von Puncten bestimmen; und der Unterschied von dem, was die Ansicht vom ausgedehnten Seelensitze will, ist nur noch der, dass nach dieser die Qualität der Seelenthätigkeiten nicht blos die Austheilung von Impulsen an eine Mehrheit von Puncten, son- dern gleich den Gang von Bewegungen in einer gewissen zusam- menhängenden Ausdehnung des Körpers bestimmt. Indem man aber die Ansicht vom ausgedehnten Seelensitze halb zugiebt, giebt man die Ansicht vom einfachen halb verloren.
Da Lotze eine Zerlegbarkeit der beim Seelensitze verbunden anlangenden Impulse durch das Wirken der Seele statuirt, so kann allerdings die Annahme einer damit parallel gehenden Zerlegbarkeit der von der Seele ausgehenden zusammengesetzten Impulse nicht befremden, und es ist diese Annahme überhaupt fundamen- tal für die ganze Ansicht vom einfachen Seelensitze. Denn nicht nur hängt daran die Möglichkeit, unterschiedene Sinnesempfin- dungen zugleich zu haben und den Muskeln geordnete Anstösse zu ertheilen, sondern auch die Möglichkeit, der mit dem Wachsthume des geistigen Vermögens wachsenden Verwickelung des Gehirnes eine vernünftige Bedeutung beizulegen. Denn was kann der An- hang der ungeheuer verwickelten grossen Hirnhemisphären am einfachen Seelensitze beim Menschen wollen, wenn von allen ver- wickelten Bewegungen darin zuletzt nur eine zusammengesetzte Resultante durch das Parenchym oder die Verbindungsfaser beim Seelensitze anlangt; wofern nicht abermals diese Zerlegbarkeit zu Hülfe genommen wird.
Die wichtigsten Schwierigkeiten werden durch eine so ein- fache Annahme wie mit einem Zauberschlage gehoben; aber die Verbindungsfaser gewinnt dadurch auch ganz den Charakter einer Zauberruthe, welche alle noch so grosse Schwierigkeiten mit dem- selben einfachen Schlage zu überwinden sich vermisst, ohne eines Naturgesetzes dabei zu bedürfen oder zu achten.
Was die Thatsache anlangt, dass ein in Eins empfindendes Thier durch Theilung in zwei dergleichen zerfallen kann, so scheint sie freilich weder nach Herbart’s noch Lotze's Auffassung eine sonderliche Schwierigkeit zu bieten, sofern der ganze Körper nach ihnen aus schlummernden Seelen besteht, und die Trennung An- lass zum Erwachen einer neuen Seele sein kann. Aber wenn ein symmetrisch gebautes Thier symmetrisch getheilt wird, in wel- chem beider Theile soll die alte Seele bleiben, und in welchem die neue erwachen? Natürlich, wird man sagen, die alte Seele bleibt in dem Theile, wo sie ist, im anderen erwacht eine neue; oder auch, die alte Seele stirbt, und es erwachen zwei neue. Aber beides geht nicht, denn ich kann das Thier von der einen Seite und ich kann es von der Gegenseite her durch allmäliges Weg- schneiden bis auf die Hälfte herabbringen, und es besteht immer die Continuität des alten Lebens fort. Ich denke wenigstens, dass sich die Erscheinungen so ausnehmen, denn selbst freilich habe ich keine Versuche darüber angestellt. Wie aber soll man diess mit einer Ansicht vereinbaren, nach der die Seele doch nur auf einer Seite auf einmal sitzen kann? Nach der Ansicht vom aus- Hk Hk gedehnten Seelensitze ist das ganz einfach. Die einander gleichen Theile des ausgedehnten Seelensitzes unterstützen sich in dersel- ben psychischen Leistung, so lange sie zusammenhängen, und ge- ben die gleiche Leistung getrennt, wenn sie nicht mehr zusam- menhängen, nur anfangs schwächer, bis jede Hälfte die fehlende ersetzt hat, wie in einem künftigen Kapitel ausführlicher bespro- chen wird. Dazu bedürfen wir keiner Hypothese eines wunder- baren Einflusses der mechanischen Trennung eines Thieres, son- dern blos des für den ganzen Organismus factisch geltenden Prin- cipes des solidarischen Zusammenwirkens und der solidarischen Vertretung, dessen Anwendbarkeit auf den engeren Seelensitz be- züglich der psychischen Leistungen durch Flourens’ Versuche am Gehirne überdies direct bewiesen ist, so dass eigentlich hier gar nichts von Hypothese übrig bleibt. Es müsste freilich nicht so sein, aber es ist so, und weil es so ist, muss der Seelensitz ein ausgedehnter sein.
Blicken wir zurück: die Ansicht vom einfachen Seelensitze will sich durch Erfahrungen stützen. Sie sucht den Ort im Ge- hirne, von dem alle Nerven auslaufen, in dem alle zusammenlau- fen; ein solcher Ort ist nicht zu finden. Sie sucht den Punet, mit dessen Zerstörung die Seele aus dem Leben fällt, einen solchen Punct giebt es nicht. Sie setzt voraus, es werde eine Verbindungs- faser zum Seelensitze und eine Fähigkeit der Seele geben, das, was in einer Faser verschmolzen anlangt, zu trennen; weder die Verbindungsfaser, noch ein solches Vermögen ist zu finden. Sie will durch Spaltung eines Thieres den Theil mit dem Seelensitze vom Theile ohne Seele trennen, und beide Theile bleiben beseelt.
Eine solche Ansicht kann nicht zur Grundlage exacter Unter- suchungen über die Beziehung von Leib und Seele gemacht wer- den, indem sie sich selbst nur auf die Voraussetzung einer Unmög- lichkeit exacter Forschung in diesem Gebiete stützen kann; denn alles, was im Sinne einer solchen zu benutzen wäre, eine Ansicht zu begründen, wird hier beiseitegesetzt, und eine Ansicht auf ge- gentheilige Voraussetzungen gestützt,. die der Forschung theils unzugänglich sind, theils ihren Resultaten widersprechen.
“s Unstreitig ruht eine Ansicht, die sich so zu den Thatsachen stellt, überhaupt nicht auf Betrachtung der Thatsachen selbst, sondern auf allgemeineren Gründen, und es liesse sich allgemein gesprochen denken, dass hier das Bindende läge, was wir auf dem Er Gebiete der Thatsachen vermissen. Diess ausführlich zu discuti- ren, ist diese Schrift nicht geeignet, da sie nur auf Thatsachen fussen kann, und auf den Streit der philosophischen Systeme ein- zugehen, hier weder die Absicht noch von Erfolg sein kann. Nach- dem jedoch mit den vorigen Erörterungen der dringenderen und hier allein wesentlichen Aufgabe, den Vorzug, den wir der Ansicht vom ausgedehnten Seelensitze ertheilen werden, auf Factisches zu gründen, entsprochen ist, möge einigen beiläufigen Zusatzerör- terungen über die allgemeineren Fragen, von denen man unsere Frage etwa abhängig machen könnte, der Raum noch gegönnt werden, mit Rücksicht, dass das hier massgebende Interesse an der Frage doch nicht das allein massgebende ist, was bei der Entscheidung derselben in Betracht kommt, sondern aus allgemei- nem Interesse allerdings auch die allgemeinen Fragen, womit sie zusammenhängt, in Mitrücksicht zu ziehen sind.
Hauptsächlich ist es die Ansicht von der einfachen Natur der Seele, die selbst wieder ihre hier nicht zu verfolgenden Wurzeln hat, in welcher die Ansicht vom einfachen Sitze derselben wur- zelt. Nun kann man es zuvörderst in Frage stellen, ob nicht Ein- heit der treffendere Ausdruck für die Natur der Seele sei, als Einfachheit, und diese Frage scheint mir zu bejahen, da die Seele eine so grosse Mannichfaltigkeit von Momenten in sich ein- schliesst und entfaltet, was dem Begriffe der Einfachheit, aber nicht der Einheit widerspricht. Denn der Unterschied der Einheit von der Einfachheit liegt eben darin, dass jene als eine Verknü- pfung oder ein Verknüpfendes fassbar ist, wie denn selbst die Zahleneinheit noch in unzählige Bruchtheile zerlegbar ist. Warum aber sollte die Seele als einheitliches, eine Mannichfaltigkeit in sich verknüpfendes, Wesen nicht vielmehr an ein körperliches System, was seinerseits die Verknüpfung eines Mannichfaltigen ist, als einen Punct in diesem Systeme gebunden sein. Jenes deckt sich mehr als dieses; und eine metaphysische Schwierigkeit liegt jedenfalls hier nicht vor, ausser die man sich selbst macht.
Nun kann man freilich, und so geschieht es in den monado- logischen Systemen, die Einheit der Seele von der metaphysischen Einfachheit eines Grundwesens hinter der Mannichfaltigkeit der Seelenerscheinungen abhängig machen. Aber sei es, dass eine Metaphysik dereinst gefunden werde, welche den Begriff dieser Einheit und die Abhängigkeit der Einheit von der Einfachheit kla- 12 rer und widerspruchsloser als seither begründet — ich selbst habe nie Frucht in den Erklärungen des Wirklichen durch das Hinter- wirkliche finden können — so wäre hiemit noch nichts weniger als der einfache Seelensitz begründet. Denn an sich könnte nichts hindern, einer metaphysisch einfachen Seele eben so das Vermö- gen zuzutrauen, durch ihr Wirken gleichzeitig ein System von Be- wegungen verschiedener auseinanderliegender Körpertheile zu vermitteln, ohne nach dem Principe des Stosses die Bewegung von den einen zu den anderen erst successiv überzupflanzen, als die Sonne vermöge ihrer Gravitationswirkung factisch ein solches be- sitzt; und es ist nicht abzusehen, wiefern eine metaphysische Einfachheit die Seele nöthigen könnte, vielmehr von einem be- stimmten physischen Puncte, als von einem körperlichen Zusam- menhange aus den Angriff auf die übrige Körperwelt zu nehmen.