SigPhi · Gustav Theodor Fechner

Elemente der Psychophysik, Band 2

German

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Freilich ist diese Voraussetzung keine ganz nothwendige, denn der Reiz löst die organischen Thätigkeiten nicht nach dem Principe des Stosses aus, und wir kennen noch nicht hinreichend die Weise, wie er solche auslöst, um den proportionalen Gang derselben mit den äusseren Anregungen in den Normalgränzen der Sinnesthätigkeit ohne Weiteres behaupten zu können. Wenn aber nur die Wahl zwischen dieser einfachsten und natürlichsten und einer gegentheiligen ganz unwahrscheinlichen Voraussetzung ai. u ist, und wenn sich diese Voraussetzung noch überdiess durch an- dere Gründe stützen lässt, so kann die Entscheidung nicht zwei- felhaft sein.

= Dabei haben die Abweichungen von der Proportionalität zwi- schen den Zuwüchsen des Reizes und der psychophysischen Thä- tigkeit, welche der Versuch bei Ueberschreitung gewisser Gränzen zeigt, nichts Befremdendes; denn selbst bei einfachen Stosswirkungen treten entsprechende Abweichungen ein, wenn gewisse Gränzen überschritten werden, um so leichter kann es erwartet werden beim Eingriffe des Reizes in die complieirte organische Maschinerie. Die lebendige Kraft einer Saite oder Platte und mit- hin die physische Schallstärke wird der Fallhöhe eines darauf fal- lenden Körpers so lange proportional gehen (Th. 1.8.179f.), als die Elasticitätsgränze nicht überschritten ist; ist diess der Fall, erfährt die Saite oder Platte eine dauernde Dehnung, Zusammendrückung oder Zerreissung durch den darauf fallenden Körper, so erleidet diese Proportionalität einen Abbruch. Die Zuwüchse der physi- schen Tonstärke hängen immer noch nach derselben Function von den Zuwüchsen der lebendigen Kraft der schwingenden Saite oder Platte ab, nicht mehr aber von denen der Fallhöhe des fallenden Körpers. So wird auch nach Ueberschreitung der Gränzen der Gültigkeit des Weber'schen Gesetzes durch die Stärke eines Rei- zes die Empfindung unstreitig immer noch in derselben Weise von der 'psychophysischen lebendigen Kraft der Nerven, nicht mehr aber von der des Reizes, abhängen.

Auch das Parallelgesetz (Th. I. Kap. 12) verträgt sich nur mit der ersten Annahme und kann selbst als eine Folgerung derselben angesehen werden. Nach diesem Gesetze ändert sich die Grösse des empfundenen Unterschiedes zwischen zwei Reizen nicht, wenn die Empfindlichkeit sich für beide gleichmässig abstumpft. Aber sie müsste sich mindern, wenn der empfundene Unterschied viel- mehr dem absoluten Unterschiede der psychophysischen Thätig- keit als dem relativen proportional gienge; denn wenn jeder beider Reize vermöge abgestumpfter Empfindlichkeit blos noch eine halb so starke psychophysische Thätigkeit hervorruft, so ist auch der Unterschied derselben auf die Hälfte reducirt.

Sollte übrigens selbst eine logarithmische Abhängigkeit der Stärke der durch Licht- und Schallreiz angeregten Bewegungen von der Stärke des Reizes im Sinne der zweiten Voraussetzung als — Ze u — möglich erachtet werden, so würde diess nicht genügen, sondern, da die Empfindung der Höhe der Töne nach entsprechendem Ge- setze erfolgt, als die der Stärke, so würde man auch die Schwin- gungszahl der psychophysischen Bewegung in diesem Verhältnisse von der Schwingungszahl des Reizes abhängig denken müssen, was in der That undenkbar ist.

Nach dem Zusammenhange, in welchem die Thatsache der Schwelle mit dem Weber'schen Gesetze durch die Massformel steht, entscheidet sich mit der Frage, wie diess Gesetz in die in- nere Psychophysik zu übertragen ist, unstreitig zugleich die Frage für jene Thatsache. Doch untersuchen wir noch besonders bezüg- lich der letzteren die Frage: ob eben so wie der Reiz auch die durch ihn ausgelöste psychophysische Bewegung erst eine gewisse Stärke erreichen muss, ehe sich Empfindung daran zu knüpfen vermag, wonach der Schwellenwerth des Reizes der sein würde, der die psychophysische Bewegung bis zu ihrer Schwelle zu trei- ben vermag, oder ob der Reiz vielmehr erst eine gewisse Stärke erreichen muss, ehe die psychophysische Bewegung überhaupt beginnt, und mit Beginn der psychophysischen Bewegung auch die Empfindung sofort beginnt.

Die letzte Annahme erschiene unstreitig aus allgemeinem Ge- sichtspuncte sehr wohl möglich. Wenn ein Pferd einen schweren Wagen auf schlechtem Wege anzieht, so wird es nicht gelingen, ihn in Bewegung zu setzen, bis die Kraftanstrengung eine gewisse Grösse übersteigt, von da an kommt er inGang. So wie er nun in Gang kommt, führt er auch seine Last mit, und die kleinste Ge- schwindigkeit des Wagens führt auch von selbst eine entsprechende der Last mit. So, kann man sagen, ist freilich eine gewisse Stärke des Reizes nöthig, die psychophysische Bewegung in Gang zu bringen, nicht aber erst eine gewisse Stärke der psychophysischen Bewegung, um Empfindung mitzuführen; sondern die kleinste derartige Bewegung wird auch eine kleinste Empfindung mitführen.

Aber diese Deutung wird schon dadurch unhaltbar, dass sie nicht auf die Unterschiedsschwelle übertragbar ist, und unstreitig muss dasselbe Erklärungsprineip für beide Schwellen ausreichen. Wenn ich von den Sternen im Tageslichte absolut nichts erkenne, auf einer rasch gedrehten Scheibe mit weissen und schwarzen Sectoren absolut keine Ungleichförmigkeit entdecken kann, so kann ich weder sagen, es sei kein psychophysischer Eindruck pi gemacht, noch, es sei kein verschiedener Eindruck gemacht, da u grössere spürbare Verschiedenheiten nur durch Summation solcher kleinen nicht spürbaren zu Stande kommen können. Also bleibt .. nichts übrig, als anzunehmen, dass ein wirklicher Unterschied psychophysischer Eindrücke doch nicht als Unterschied aufgefasst | werden kann, unbewusst bleibt, wenn er nicht eine gewisse Grösse übersteigt; ist diess aber von Unterschieden zuzugestehen, so wird . es nach dem Zusammenhange der Thatsachen der Reiz- und Un- terschiedsschwelle auch für absolute Grössen zuzugestehen sein. | - Ausserdem will ich an einige ganz einfache Thatsachen erinnern, | welche zeigen, dass der Wagen der psychophysischen Thätigkeit allerdings angezogen sein kann, ohne schon Empfindung mitzu- führen; oder vielmehr, dass das Beispiel mit dem Wagen auf un- seren Fall keine Anwendung findet. Genauer werden sich diese Thatsachen freilich erst erläutern lassen, wenn wir uns später j zur specielleren Betrachtung der Aufmerksamkeit wenden. Früh im Bette pflege ich über Allerlei nachzudenken. Dem Bette gegenüber ist ein schwarzes Ofenrohr an einer hellen Wand. Da der Kopf still liegt, so imprimirt sich, wenn ich nach einge- | brochenem Morgenlichte mit offenen Augen liege, der Eindruck des schwarzen Rohres stark im Auge, aber ich denke an ganz Anderes, und dieser Eindruck ist mir völlig unbewusst. Sehr oft aber bin ich, wenn ich dann einmal die Augen schloss, durch ein sehr intensiv weisses Nachbild des Ofenrohres frappirt worden. Der physische Eindruck war also in solcher Form gemacht, dass die Gesichtsempfindung entstehen konnte, aber er war, so lange die Aufmerksamkeit abgelenkt war, unbewusst geblieben, und konnte doch nachmals noch in das Bewusstsein treten. Aehnliches berichtet Scoresby*). Er nahm oft Theile ei- nes Gegenstandes im Nachbilde wahr, welche ihm beim Betrach- ten mit offenen Augen gar nicht zum Bewusstsein gekommen wa- ren. Wenn eine Stelle einer in grösseren Lettern ausgeführten Druckschrift ausschliesslich fixirt worden war, so giebt Scoresby an, dass es ihm gelungen sei, auch die angränzenden Zeichen im Nachbilde zu lesen.

Entsprechende Erfahrungen kann man in der Sphäre des Ge- höres machen.

Es spricht beispielsweise Jemand mit uns; wir sind aber zer- streut und hören nicht (nicht bewusst), was er gesagt hat. Den Augenblick darauf aber sammeln wir uns, und das, was er gesagt hät, tritt in unser Bewusstsein. Unstreitig mussten also die Bewe- gungen, an die sich das Hören knüpft, schon vorher entstanden sein, und die Sammlung der Aufmerksamkeit hatte nur den Er- folg, sie über die Schwelle zu heben.

Auf diese Weise kann unter Umständen sogar ein früher geschehener Eindruck erst später zum Bewusstsein kommen, als ein später geschehener, wenn die Aufmerksamkeit erst mehr auf den späteren als den früheren ge- richtet war, Hiedurch erklärt sich eine sehr paradoxe Erfahrung, die Dr, Hadekamp in der preuss. Vereinszeitung*) mittheilt: »Es ist mir (berich- tet er) beim Aderlassen mit dem Schnepper einigemale vorgekommen, dass das Blut aus der Ader hervorsprang, ehe der Schnepper losging. Das heisst, ich will natürlich nicht behaupten, dass diese zeitliche Umkehrung der beiden hier zur Sprache kommenden Acte wirklich stattgefunden habe; aber ich sah sie; ich spreche von Dem, was das Auge dem Gehirne referirte. Mein Auge berichtete meinem Gehirne: soeben ist der Blutstrom aus der Ader hervorgequollen und einen Augenblick später ist auch die Fliete des Schneppers ın die Ader gefahren. Diese paradoxe Erscheinung hat sich mir wenigstens ein halbes Dutzend mal präsentirt. Allemal wurde ich davon überrascht, denn, wenn ich vorher daran dachte, blieb sie stets aus. Ich wüsste sie daher auch nicht willkürlich herzustellen. Der Zeitunterschied zwischen den beiden Acten war natürlich ein unnennbar kleiner, aber er war doch jedesmal gross genug, dass ich die Riehtigkeit meiner Beobachtung als unzweifelhaft behaupten kann...Vor einiger Zeit theilte mir Hr. Dr. Schmeisser mit, dass ihm dieselbe Erscheinung ebenfalls einmal vorgekom- men sei. Er sah zuerst den Blutstrom aus der Ader hervorquellen, sah dann den Schnepper losgehen, und dann hörte er dessen Schlag.« Der Verf. be- merkt noch weiterhin:-»ich möchte glauben, dass ich in allen Fällen, wo mir.die Täuschung begegnete, auf den Blutstrom sehr gespannt war. « Wahrscheinlich von ähnlicher Natur als vorige Erfahrung ist folgende, welche Hartmann**) bei Gelegenheit von Versuchen machte, die er zur Erörterung der Verhältnisse der sog. Personaldifferenz mittelst eines eigens dazu construirten Apparates anstellte.

Ein künstlicher Stern ging mit gleichförmiger Bewegung längs einer Skale vor einem Faden vorbei; der Weg, den er in 4 Sec. beschrieb, war gerade in 10 Theile getheilt. Wurde nun der Skalentheil abgelesen, wo der Stern bei dem letzten Schlage vor dem Faden war, so musste er beim näch- sten Schlage um 10 Skalentheile weiler sein.

»Bei dieser Art zu beobachten, — sagt der Verf. — hatte ich eine eigen- thümliche Erscheinung. Wenn ich den Skalenpunct, bei welchem der Stern Fechner, Elemente der Psychophysik. Il. 28 beim Secundenschlage sein musste, vorher wusste, so glaubte ich den Licht- punct doch beim Eintritte des Schlages noch etwa 0,5 Skalentheile (zwischen 0,3 und 0,8 wechselnd) vor dem richtigen Orte zu sehen, wodurch also die Angaben um ca. 0°,05 zu gross ausfallen würden. Bemühte ich mich nament- “ lich, recht scharf zu sehen und recht aufmerksam zu sein, so schien es, als wenn der sich stetig nähernde Stern an jenem Puncte einen Moment still stehe, so dass ich versucht ward, zu meinen, es müsse der Ort, wo der Stern beim Eintritte des Schlages stehe, äusserst scharf bestimmbar sein. Oftmals aber schien der Stern auch wieder ohneStillstand in stetigem Flusse während des Secundenschlages fortzugehen; er flog dann während des Schlages gleichsam durch den richtigen Punct hindurch und die Angabe wurde richtig. Diess geschahe meist am Ende der Beobachtungsreihe, wenn ich gleichsam schon ermüdet war, oder wenn ich die Beobachtungen etwas nonchalant machte. Dieselbe Erscheinung hatte ich auch bei noch langsa- merer und schnellerer Bewegung, z.B. bei einem schwarzen Puncte auf der | Papierscheibe, der in der Sec. 8 par. Zoll durchlief. Der anticipirte Raum war auch hier derselbe, circa „'; des in 1 Sec. durchlaufenen Weges. « »Eine Erklärung dieser Erscheinung möchte ich noch nicht wagen. Es ist so, als widme man einmal den regelmässig erfolgenden Secundenschlägen überwiegende Aufmerksamkeit. Dadurch anticipire man einen solchen viel- leicht selbst, wie man einen erwarteten Stoss gleichsam früher fühlt, als er wirklich erfolgt, während man den wandernden Stern, den man weniger beachtet, immer an einem neuen Orte sich zum Bewusstsein zu bringen habe, wobei die Seele, der es schwer halte, zwei heterogene Geschäfte, zu hören und zu sehen, zugleich zu verrichten, gleichsam in der Vorstellung des ge- sehenen Lichtpunctes nachhinke, bis ein andermal man, die Schläge weni- ger beachtend, den wandernden Stern mit grösserem Interesse verfolge, und ihn so ohne Stillstand in freiem Zuge durch den Schall hindurchfliegen, ja ihm sogar vorauseilen sehe.« »Für Lichtblitze hält es weit schwerer, eine ähnliche sichere Beobach- tungsmethode einzurichten. Etwas Aehnliches sollte man hier vermuthen, die Secundenschläge als erwartete Phänomene gleichsam voraus, den Blitz aber als eine überraschende Erscheinung nach zu empfinden. Diess habe ich aber, der grösseren Unsicherheit dieser Beobachtungen wegen, direct nicht constatiren können, auch stellte sich indirect bei den Beobachtungen eine daraus folgende Verspätung — zu grosse Angaben der Erscheinungszeiten — nicht bestimmt heraus. « Zu vorigen directen Gründen stelle ich noch folgenden all- gemeinen Gesichtspunct auf. Da die Verhältnisse der psychophy- sischen Bewegungen unserer unmittelbaren Erfahrbarkeit entzo- gen sind, müssen wir uns bei der Wahl zwischen verschiedenen möglichen Annahmen an diejenige halten, welche die Thatsachen. am einfachsten und vollständigsten im Zusammenhange zu reprä— sentiren gestattet.

La a: Nun wird sich zeigen lassen, wie die Verhältnisse zwischen bewusstem und unbewusstem Vorstellungsleben, Schlaf und Wa- chen, allgemeinen und besonderen Bewusstseinsphänomenen, kurz die allgemeinsten Verhältnisse des Seelenlebens eine sehr einfache und befriedigende psychophysische Repräsentation auf Grund der Voraussetzung, dass der Schwellenbegriff auf die psychophysische Bewegung übertragbar sei, zulassen, welche nicht möglich ist, wenn man der gegentheiligen Annahme huldigt.

Nach all’ dem halte ich es nicht für eine unsichere Hypothese, sondern für eine Foderung der ganzen thatsächlichen Sachlage, auf welcher wir zu fussen haben, dass vielmehr die Empfindung von der psychophysischen Thätigkeit, als diese vom Reize im Sinne der Fundamentalformel und Massformel abhängt, wonach es nur noch gelten wird, die psychophysische Thätigkeit statt des Reizes ß nach einem entsprechenden Masse in diese Formeln einzuführen.

Mit dieser Uebersetzung der Abhängigkeit der Empfindung vom äusseren Reize in eine Abhängigkeit von den Verhältnissen der psychophysischen Bewegung wird unsere Lehre prineipiell genommen von allen precären Bedingungen und Beschränkungen befreit, denen sie noch im Felde der äusseren Psychophysik un- terliegt. Wir haben von vorn herein anerkennen müssen, dass unsere auf das Weber'sche Gesetz gegründeten Formeln sich bei der Beziehung auf den äusseren Reiz nur innerhalb gewisser Ver- suchsgränzen, nur mit mehr oder weniger grosser Annäherung, nur für eine gleiche äussere Anbringungsweise des Reizes und ei- nen gleichen inneren Zustand der Empfindlichkeit bewähren lassen; dass die Gonstanten 5, v unserer Formeln nicht wahrhaft constant sind, sondern sich nach Aenderung dieser Verhältnisse ändern. Aber es hindert nicht nur nichts anzunehmen, sondern, falls es überhaupt eine wesentliche functionelle Beziehung zwischen Körper und Geist giebt, sind wir genöthigt anzunehmen, dass die Gültigkeit. der Gesetze, welche die Grösse und Art der Em- pfindung mit der Grösse und Art der psychophysischen Bewegung verknüpfen, eine unbedingte und unbeschränkte sei, so gut als die Gültigkeit des in der Natur wesentlich begründeten Gravi- tationsgesetzes, so dass, wenn und wo auch dieselbe Grösse und Art psychophysischer Bewegung vorhanden ist, immer dieselbe Grösse und Art zugehöriger Empfindung vorhanden ist, und dass alle Abweichungen, die wir von der Gültigkeit des W eber’schen w I, Kleben, w I, Kleben, 36 Gesetzes und der darauf gegründeten Formeln bei Beziehung auf den äusseren Reiz finden, nur darin ruhen, dass derselbe äussere Reiz nicht unter allen Umständen dieselbe Grösse psychophysi- scher Thätigkeit erzeugt.

Hiemit wird auch erst das Abhängigkeitsverhältniss zwischen $ und y in unseren Formeln ein wahrhaft reciprokes und binden- des. Dann werden wir wirklich eben so gut sagen können: die psychophysische Bewegung £ kann nicht vorhanden sein als nach Massgabe wie die bewusste oder unbewusste Empfindung y vor- handen ist, wie wir sagen können, die Empfindung y kann nicht vorhanden sein, als nach Massgabe wie die Bewegung mit dem Werthe # vorhanden ist, wogegen, so lange wir beim äusseren Reize stehen bleiben, der äussere Reiz und die erfoderliche Reiz- barkeit da sein, und doch keine Empfindung entstehen kann, wenn nicht der Reiz auch unter angemessenen äusseren Verhältnissen einwirkt, umgekehrt innere Empfindungen da sein können, ohne dass äussere Reize dazu da sind.

Hiegegen mag sich allerdings ein Einwand haben lassen. i Man bezweifelt nicht, dass eine gegebene sinnliche Empfin- dung nicht ohne eine Bd körperliche Veränderung zu Stande kommen kann; aber setzt das Zustandekommen dieser körper- lichen Veränderung auch umgekehrt die gegebene Empfindung voraus? Können nicht dieselben Bewegungen, welche eine Em- pfindung braucht, um zu Stande zu kommen, unter anderen- Umständen auch vorgehen, ohne dass sie eine Empfindung mitfüh- ren, oder unter anderen Umständen auch andere Empfindungen mitführen; so namentlich, je nachdem sie in Organismen oder in der Aussenwelt, oder je nachdem sie in verschiedenen Organismen vorgehen?

Unstreitig, nur dass man dann die anderen Umstände selbst mit zu dem zu rechnen hat, wovon die Empfindung bedingt wird, abhängt, oder nach unserem Ausdrucke Function ist. Da sie über- haupt nicht an einem Puncte hängt und noch gar nichts entschie- den ist, an welcherlei Zusammenhang sie hängt, so bleibt auch die Möglichkeit noch frei, dass gegebene Bewegungen in gegebenem Zusammenhange eine Empfindung mitführen, indem sie den Zu- sammenhang zur vollen Bedingung der Empfindung ergänzen, in- dess sie in einem anderen keine mitführen, indem sie den Zusam- menbhang nicht dazu ergänzen.

HE SE 2 HE SE 2 Auch lässt sich die Sache unter folgendem Gesichtspuncte be- trachten: wenn eine Saite, ohne an der Violine befestigt zu sein, in dieselbe Art Schwingungen versetzt werden könnte, als da sie an der Violine befestigt ist, so würde sie auch denselben Ton ge- ben; aber sie kann eben nur an dem Violinenkasten so schwingen und solche Resonanz erzeugen, wie es der Fall ist. Und so wür- den auch irgend welche Stränge, wenn sie ausserhalb des Orga- nismus solche Bewegungen annehmen und solche. Mitbewegungen finden könnten, als die Nerven im Organismus, eben solche Em- pfindungen geben, (die man in den Weltgeist verlegen könnte, um sie nicht ins Leere zu verlegen, da ja auch die Schwingungen noch in der Welt vorgehen würden), aber sie können es eben nicht; jeder Organismus ist vielmehr eine besondere Art Instru- ment, der nach den Besonderheiten seiner Einrichtung besondere Arten Bewegung erzeugen kann, die kein anderer erzeugen kann, woran sich auch entsprechende Besonderheiten psychischer Zu- ständlichkeiten knüpfen.

XXXIX. Allgemeine Bedeutung der Schwelle in der inneren Psychophysik.

Der Gegensatz einer Erhebung über die Schwelle und eines Versinkens unter die Schwelle mit dem Schwellenpuncte dazwi- schen ist dem Gebiete der Empfindungen nicht eigenthümlich. Das ganze geistige Leben des Menschen wechselt zwischen Schlaf und Wachen, d. i. einem unbewussten und bewussten Zustande, im Wachen können dann wieder einzelne Gebiete und in jedem Gebiete einzelne Phänomene die Schwelle übersteigen oder dar- unter sinken. Die psychophysische Repräsentation von all’ dem muss nothwendig zusammenhängen und auf demselben Principe fussen. Sind wir der psychophysischen Repräsentation von Be- wussisein und Unbewusstsein irgendwo sicher, so nöthigt uns der Zusammenhang der Thatsachen und die Consequenz der Betrach- lung von selbst zur Verallgemeinerung und Folgerung. Und ohne noch die psychophysischen Thätigkeiten zu kennen, die unseren Bewusstseinsphänomenen unterliegen, ja selbst ohne die Function derselben zu kennen, die für den Reiz 8 in unserer Massformel zu substituiren ist, genügt die Verallgemeinerung der Thatsache, dass dieselben psychophysischen Bewegungen oder Veränderungen, Bi Du En an Bi Du En an die über einem gewissen Grade der Stärke Bewusstsein mitführen, unter einem gewissen Grade unbewusst werden, für sich allein schon, sehr allgemeine Gesichtspuncte stellen und wichtige Folge- rungen ziehen zu lassen. Rufen wir uns kurz das Fundament die- ser so wichtigen Verallgemeinerung zurück und bezeichnen vor- greifend den Gang derselben.

Die Wirkungsweise der Reize hat zuerst gedient, auf dem Felde der äusseren Psychophysik die Thatsache zu constatiren, dass das, was die Empfindung von Aussen anregt, einen gewissen Grad der Stärke übersteigen muss, sie bewusst zu machen. Hieran - knüpfte sich vermöge Uebersetzung des Reizes in psychophysische Thätigkeit zunächst die Folgerung, dass auch die durch den Reiz ausgelöste und repräsentirte psychophysische Thätigkeit einen ge- wissen Grad der Stärke übersteigen muss, um bewusst zu werden. Die Erörterungen der folgenden Kapitel über Schlaf und Wachen und über die Aufmerksamkeit werden hinzutreten, zu zeigen, dass das, was für sinnliche und Sonderphänomene gilt, sich auf das Allgemeinbewusstsein und allgemeine Bewusstseinsphänomene übertragen lässt. Hiemit wird das Bedürfniss entstehen, uns über das Verhältniss aufzuklären, in welchem die Schwelle des Allge- meinbewusstseins zu der Schwelle besonderer Bewusstseinsphä- nomene steht. Die Erörterung der erfahrungsmässigen Verhältnisse zwischen der Wirkung der Aufmerksamkeit und des Reizes im 42. Kapitel wird dienen, das, was sich aus allgemeinem Gesichts- puncte in dieser Hinsicht voraussetzen lässt, durch Zusammen- stimmung aller erfahrungsmässigen Verhältnisse dazu zu bewäh- ren, und das Stufenverhältniss, was sich in uns darbietet, wird sich endlich im 45. Kap. auch noch über uns hinaus verfolgen lassen.

Hiemit stellt sich eine fundamentale Bedeutung der Thatsache der Schwelle für die ganze Entwickelung der inneren Psychophy- sik heraus; diese wäre, ohne Rücksicht auf sie, was ein Organis- mus ohne Abschnitte, Einschnitte, hiemit ohne Organe und Glieder.

Ueber das Alles hat der Begriff der psycbophysischen Schwelle die wichtigste Bedeutung schon dadurch, dass er für den Begriff des Unbewusstseins überhaupt ein festes Fundament giebt. Die Psychologie kann von unbewussten Empfindungen, Vorstellungen, ja von Wirkungen unbewusster Empfindungen, Vorstellungen nicht abstrahiren. Aber wie kann wirken, was nicht ist; oder wodurch 2 .

unterscheidet sich eine unbewusste Empfindung, Vorstellung von einer solchen, die wir gar nicht haben? Der Unterschied muss gemacht werden, aber wie ist er klar zu machen? Und wo ist seither eine Klarheit darüber zu finden?

Ich betrachte es in der That als eins der schönsten Ergeb- nisse unserer Theorie, dass sie diese Klarheit giebt, indem sie die Empfindung, oder was es für ein Bewusstseinszustand sei, mit Etwas, woran sie hängt, nicht auf Grund von bestreitbaren Specu- lationen, sondern unbestreitbaren Erfahrungen in einer solchen functionellen Beziehung fasst, dass diess Etwas fortbestehen kann, indess sie schweigt. Empfindungen, Vorstellungen haben freilich im Zustande des Unbewusstseins aufgehört, als wirkliche zu exi- stiren, sofern man sie abstract von ihrer Unterlage fasst, aber es geht etwas in uns fort, die psychophysische Thätigkeit, deren Function sie sind, und woran die Möglichkeit des Wiederhervor- trittes der Empfindung hängt, nach Massgabe als die Oscillation des Lebens oder besondere innere oder äussere Anlässe die Be- wegung wieder über die Schwelle heben; und diese Bewegung kann auch in das Spiel der bewussten psychophysischen Bewe- gungen, welche zu anderen Bewusstseinsphänomenen gehören, eingreifen und Abänderungen darin hervorrufen, deren Grund für uns im Unbewusstisein bleibt.

XL. Schlaf und Wachen.

Während die psychophysischen Verhältnisse der Empfindung den leichtesten Angriffspunct für die äussere Psychophysik von der Erfahrungsseite her gewährten, scheint mir hingegen das Phä- nomen von Schlaf und Wachen den geeignetsten Angriflispunct von dieser Seite für die innere darzubieten, einmal, sofern es der Er- fahrung noch soweit zugänglich ist, um der Uebertragung der Fundamente der äusseren Psychophysik in die innere, welche im 38. Kapitel auf allgemeine Gesichtspuncte begründet wurde, di- recte Erfahrungsstützen zuzufügen, zweitens, sofern es das ganze Bewusstsein des Menschen, Höheres und Niederes in Eins betrifft, indess die Empfindungen blos ein Specialphänomen, und zwar das von niederster Stufe innerhalb des Allgemeinbewusstseins sind, wodurch wir einerseits die wichtigste Verallgemeinerung, ander- seits einen Ansatz zum Fortschritte gewinnen, indem sich hiemit ie a die psychophysische Betrachtung des Verhältnisses zwischen dem Allgemeinbewusstsein und seinen Sonderphänomenen einleitet.

Verfolgen wir zunächst das Phänomen von seiner psychi- schen Seite.

Während des Schlafes schweigt das Bewusstsein; mit dem Momente des Erwachens ist es plötzlich da, doch nicht sofort in voller Stärke; nur allmälig ermuntert sich der Mensch *);; doch steigt die Helligkeit des Bewusstseins rasch bis zu einem Gipfel an, auf dem sie sich, nach der Weise der Maxima, eine Zeit lang nahe unverändert erhält. Allmälig sinkt sie wieder und der Kuh schläft ein, wie er erwacht war.

Vom Einschlafen an vertieft sich der-Schlaf nach einem ähn- lichen nur umgekehrten Gange, als erst das Bewusstsein im Auf- steigen über die Schwelle nahm, mehr und mehr, d. h. — und hierin liegt das Thatsächliche für den Ausdruck Vertiefung des Schlafes — es erfodert stärkere und immer stärkere Reize, den Schläfer zu wecken **), bis nach erreichter grösster Tiefe das Bewusstsein sich wieder bis zur Schwelle hebt, um von da an in weiter steigende Werthe überzugehen.

Es ist, um die Oseillation des Psychischen durch ein physi- sches Bild zu erläutern, eine ähnliche Oscillation, wie die der Sonne, welche vom Horizonte, der Schwelle des Tages, rasch em- porsteigt, um Mittag eine Zeit lang nahe dieselbe Höhe behält, dann wieder niedersteigt, zum Horizonte sinkt, tiefer und tiefer unter denselben herabgeht, um nach erreichter grösster Tiefe wie- der bis zum Horizonte und darüber emporzusteigen.

*) »Anfangs erscheint Alles noch dunkel und verworren, dann deut- licher; aber noch nicht nach seiner wirklichen Bedeutung; man erinnert sich nicht sogleich des Vergangenen und kann das, was gesprochen wird, noch nicht recht fassen.« (Burdach’s Physiol. Ill. S. 455.)

**) Ein Zuhörer von mir (Kohlschütter) sprach die Idee aus, mit dem Th. I. S. 479 beschriebenen Schallpendel Versuche über die Tiefe des Schla- fes in den verschiedenen Epochen vom Einschlafen an und unter verschie- denen Umständen anzustellen, indem die Stärke des Schalles, welche nöthig ist, den Schläfer zu wecken, zur Messung der Tiefe des Schlafes dienen kann, Ob diese Idee zur Ausführung kommen und der Versuch nicht an den grossen Schwierigkeiten der Herstellung vergleichbarer Umstände scheitern werde, lasse ich dahingestellt; jedesfalls sieht man hier ein Prineip, der ganz negativen Zuständlichkeit der Tiefe des Schlafes doch mit Massen bei- zukommen.

44 44 Zwar mag es sein, dass das Aufsteigen der psychischen Sonne relativ schneller geschieht als das der physischen und vielleicht ist auch (die Zeit als Abscisse gedacht) das Aufsteigen steiler als das Absteigen, denn es scheint, dass der Mensch bald nach dem Er- wachen am muntersten ist, und von da die Munterkeit nur ganz allmälig, lange nicht merklich, sinkt; eben so scheint der Schlaf bald nach dem Einschlafen am tiefsten, und von diesem Maximum der Abfall zum Aufwachen sehr allmälig *); indess haben uns diese Particularitäten hier nicht zu kümmern, sondern blos das Aufstei- gen und Absteigen der Bewusstseinshelligkeit im Ganzen, für wel- che das Bild immer etwas Treflendes behält. Uebrigens soll uns das Bild nichts beweisen, sondern nur zur Erläuterung dienen.

Wenn wir nun, wie natürlich und ohne Rücksicht auf irgend ein Bild, die Schwelle des Bewusstseins, wo das Erwachen und Einschlafen erfolgt, mit einem Nullwerthe der psychischen Inten- sität zu bezeichnen haben, so werden wir eben so natürlicher- weise und ohne Rücksicht auf unsere im Gebiete der äusseren Psychophysik schon festgestellte Auffassung das Aufsteigen der Bewusstseinshelligkeit darüber mit positiven Werthen zu bezeich- nen haben, die vom Erwachen an erst zunehmen, dann nach dem Einschläfen zu wieder abnehmen, und werden dann auch nicht umhin können, die zunehmende Vertiefung des Schlafes unter die Schwelle eben so mit wachsenden negativen Werthen zu bezeich- nen, womit sich unsere frühere Auffassung negativer Bewusst- seinswerthe als unbewusster Werthe von der Empfindung auf das Gesammtbewusstsein überträgt, und eine Verallgemeinerung und Verstärkung der früheren Auffassung zugleich erwächst. Folgende Erörterungen können beitragen, diese fundamentale Auffassung für unseren jetzigen Fall zu sichern.

Der Zustand des Schlafes hängt mit dem Zustande des Wachens causal zusammen. Die Seele bedarf selbst des Schlafes, um nach- her wachen zu können, und muss hinreichend gewacht haben, um schlafen zu können; ja normalerweise-entspricht der Tiefe des Schlafes der nachherige Grad der Munterkeit. Man kann sich den *) Burdach sagt geradezu (Physiol. III. S. 454) »der Schlaf ist in sei- nem Anfange am tiefsten, in seinem Fortgange sanft und ruhig, gegen sein Ende am leisesten.« Inzwischen ist es sicher leichter, einen Schläfer un- mittelbar nach dem Einschlafen, als einige Zeit nachher zu wecken.

Schlaf eine Zeit lang versagen, oder er flieht uns von selbst, wenn der Geist ungewöhnlich angespannt oder aufgeregt ist; dann aber folgt normalerweise ein um so längerer und tieferer Schlaf. Es ist hiemit ganz wie bei einer Welle;.die Tiefe des Sinkens und die Höhe des Aufsteigens einer Welle bezüglich zum Niveau entsprechen sich und bedingen sich; man kann nicht vom Sinken unter das Niveau als von Nichts abstrahiren; sondern hat zu angemessener Repräsentation die Verhältnisse des Sinkens unter das Niveau und des Steigens über das Niveau, jenes als Uebergang in negative, dieses als Uebergang in positive Werthe bezüglich zum Nullwerthe der Höhe im Niveau zu fassen. Und so kann man auch vom Schlafe - nicht als von einem Nichts für die Seele abstrahiren, die Lebens- oscillation der Seele nicht allein auf das Wachen beziehen; son- dern das Wachsein der Seele ist die Oscillationshöhe über, der Schlaf die Oseillationstiefe unter der Schwelle des Bewusstseins, und bezeichnen wir die Bewusstseinshöhe mit positiven Werthen, so werden wir eben so nothwendig die Tiefe des Schlafes mit ne- gativen Werthen zu bezeichnen haben.

Wollte man hiegegen die Oscillation der psychischen Intensi- täten mit dem wachen Zustande abschliessen, und die Intensität im Schlafzustande überall nur mit Null bezeichnen, so würde das Leben der Seele durch lauter in der Zeit von einander abgeson- derte, durch Nullzustände des Bewusstseins getrennte, Osecillatio- nen repräsentirt werden, statt dass bei Repräsentirung des Schlaf- zustandes durch negative Intensitäten die Oseillation des Lebens der Seele continuirlich zusammenhängend in sich und in continuir- lichem Bezuge zu dem Körperleben, an das sie im Wachen geknüpft ist, fortgeht. Unstreitig kann man nur letztere, nicht erstere Vor- stellungsweise angemessen finden.

Wenden wir uns nun zur Betrachtung der physischen Seite des Schlafes.

Die lebendige Kraft unseres ganzen Körpers erscheint im Schlafe herabgesetzt*). Puls und Athem gehen langsamer, die Temperatur des Körpers ist erniedrigt, die Ausscheidung des Har- nes, der Kohlensäure, der Ausdünstung vermindert, und was die Thätigkeiten des Gehirnes insbesondere anlangt, welche wir als *) Vgl. u. A. hierüber Purkinje in Wagner's Wört. Art. Wachen, Schlaf, S. 426.