SigPhi · Gustav Theodor Fechner

Elemente der Psychophysik, Band 2

German

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Mit diesem Schema ist eben nichts Anderes gethan, als gra- phisch dargestellt, was oben mit Worten gesagt ist, dass die be- sonderen Bewusstseinsphänomene an besonderen periodischen Bewegungsformen hängen, die als Abänderungen einer allgemei- neren periodischen Bewegungsform anzusehen, an welcher der all- gemeine Stand und Gang des Bewusstseins hängt, und dass die besonderen Thätigkeiten wie die Gesammtthätigkeit ihre Schwelle haben.

Dabei haben wir uns zu erinnern, dass nicht nur unser All- gemeinbewusstsein in jedem Momente von einem Systeme von Bewegungen getragen wird, sondern dass auch alle Phänomene, die sich als besondere vom Grunde des Allgemeinbewusstseins abheben, wenn schon sie für das Bewusstsein einfach erscheinen, doch nicht an einfachen Bewegungsmomenten einzelner Theile hängen, sondern an dem Zusammenwirken einer Mehrheit von Theilchen und Momenten. (Vgl. Th. II. S. 229 ff.)

Die Mathematik hat einen scharfen Ausdruck für die Zusam- mensetzung zweier Wellen zu einer resultirenden Hauptwelle, wie wir sie hier durch die Zusammensetzung der Unterwelle und ihrer Oberwelle zu einer Totalwelle repräsentirten, in der Zusammen- setzung demgemässer periodischer Glieder mit besonderer Ampli- tude und Periode. Unser Schema kann als die graphische Darstel- lung einer solchen Zusammensetzung betrachtet werden, wodurch es der Unbestimmtheit, die sonst nach mehrfacher Beziehung übrig bleiben würde, enthoben wird.

Des Näheren kann jeder Punct des psychophysisch thätigen Systemes für den Moment, wo wir das System betrachten, als in der Bewegung von langer und kurzer Periode zugleich begriffen gedacht werden. Indem wir diese Bewegung für eine bestimmte Richtung verfolgen (was freilich für eine vollständige Betrachtung nicht hinreichen würde), denken wir uns die resul- tirende Geschwindigkeit in dieser Richtung für jeden Punct durch eine Or- dinate vorgestellt, die er zur Totalwelle beiträgt, diese Ordinate aber aus zweien zusammengesetzt, deren eine die Geschwindigkeit der einen, die an- dere die Geschwindigkeit der anderen Bewegung, hiemit die eine die Ordi- nate der Unterwelle, die andere die Ordinate der Oberwelle vorstellt. Je nachdem nun beide Geschwindigkeiten in gleicher oder entgegengesetzter Richtung gehen, ist die Ordinate der Oberwelle auf die der Unterwelle aufeur u zutragen oder von ihr abzutragen, oder ist die Ordinate der Totalwelle als die Summe oder Differenz der componirenden Ordinaten zu nehmen. Ge- schieht nun diess für alle Puncte des psychophysischen Systemes in einem gegebenen Momente, so erhalten wir durch die Gipfelreihe der resultirenden Ordinaten die ganze Gestalt der Hauptwelle für diesen Moment bestimmt. In jedem Falle wird durch dieOberwelle die Unterwelle an gewissen Puncten erhöht, wenn schon sie an anderen dadurch erniedrigt wird, so dass, wenn wir die Höhe der Totalwelle nach der Erhebung ihrer höchsten Puncte beur- theilen, was bei der Frage, ob und um wie viel sie überhaupt die Schwelle übersteigt, in Betracht kommt, die Höhe der Totalwelle als die Summe der in gleicher Richtung genommenen Höhen von Unterwelle und Oberwelle be- trachtet werden kann.

Wollte man statt der Geschwindigkeit die lebendige Kraft in diese Con- struction einführen, so würden die Oberwellen blos Wellenberge ohne Thä- ler auf der Unterwelle bilden; aber das richtige Verhältniss der Componen- ten zur Hauptwelle würde damit verloren gehen. Bei jeder Welle für sich ist es in Betreff der Repräsentation der allgemeinen Verhältnisse gleichgül- tig, ob man die Geschwindigkeit oder lebendige Kraft einführt.

Wenn die Amplituden und Perioden der componirenden Be- wegungen, deren Zusammensetzung im Schema wir betrachten, für gegebene Verhältnisse als constant anzusehen sind, so hindert doch nichts, sie variabel nach Umständen zu denken. So fällt un- ter Voraussetzung von Normalverhältnissen die lange Periode un- serer psychophysischen Thätigkeit mit der Tagesperiode zusam- men, indem sich Wachen und Schlaf danach richten, und die In- tensität unseres Allgemeinbewusstseins erhebt sich und sinkt nach einem gewissen Normalgange; aber durch viele Umstände kann die Periode verlängert und verkürzt, die Intensität abnorm gestei- gert oder vermindert werden. Auch kann es Umstände geben, welche gemeinsam auf beide Bewegungen oder blos auf die eine influiren. Diese Verhältnisse sind nicht aus dem Schema oder dem mathematischen Ausdrucke, den es repräsentirt, abzuleiten, son- dern aus der Erfahrung und den allgemeinen Bewegungsgesetzen, und das Schema selbst danach näher zu bestimmen und auszu- legen. Dasselbe kann überhaupt nichts beweisen, sondern nur ganz im Allgemeinen zeigen wollen, wie sich, durch combinirte Bezugnahme auf die Thatsache der beiden Schwellen, zu dem, was psychisch zusammenhängt, auch ein psychophysischer Zusammen- hang finden lässt, was viel leichter durch ein in sich zusammen- hängendes Schema, als mit abstracten Worten möglich ist, unge- achtet sich Alles, was das Schema sagt, auch in Worten sagen lassen muss.

Um so besser wird unser Schema den Zweck dieser Erläute- rung erfüllen, wenn wir es selbst erst noch durch einige Hinweise auf die Wirklichkeit erläutern.

Nicht blos das System der psychophysischen Bewegungen im Menschen, sondern das System der ganzen irdischen Bewegungen unterliegt der Tagesperiode, indem sich die ganze Erde in 24 Stun- den einmal um ihre Axe dreht. Unzählige Theile der Erde aber haben ihre besonderen periodischen Bewegungen, so das Meer in seiner Ebbe und Fluth, die Atmosphäre in periodischen Regen und Winden, die Organismen in ihren inneren Kreisläufen. Es hindert aber nichts, trotzdem dass diese Theile auch an der Rotation der Erde Antheil haben, diese allgemeine periodische Bewegung der Erde und die besonderen periodischen Bewegungen ihrer Theile in gewissem Sinne und bis zu gewissen Gränzen besonders aufzu- fassen, zu behandeln, der Rechnung zu unterwerfen.

Die Rotationsbewegung der Erde repräsentirt hier die Unter- welle, die besonderen periodischen Bewegungen auf der Erde die Oberwellen, das, was aus der Zusammensetzung beider als Wirk- lichkeit hervorgeht, die Hauptwelle oder Totalwelle. Stellen wir die Geschwindigkeit jedes Punctes der Erde durch eine Ordinate vor, so stellt sich für einen gegebenen Parallelkreis der Erdober- Näche die Unterwelle als eine horizontale gerade Linie dar, sofern alle Theile der Erdoberfläche, abgesehen von den Specialbewe- gungen derselben, dieselbe Rotationsgeschwindigkeit haben; indem aber die Specialbewegunigen auf der Erdoberfläche mit oder gegen die allgemeine Rotationsgeschwindigkeit gehen können, erzeugen sie Wellenberge und Wellenthäler in dieser Linie.

Das Meer bietet uns gewissermassen für sich die Wirklichkeit unseres Schema dar. Da giebt es Wellen, die durch eine allge- meine Ursache wie der Wind erzeugt werden, aber auf denen sich durch speciale Ursachen Kräuselungen, Oberwellen bilden, welche als Störungen einer unabhängig von der specialen Störung bestehenden Form, welche die Unterwelle giebt, angesehen werden können; indess die ganze Welle, wie sie ist, die Haupt- welle oder Totalwelle darstellt.

Obwohl nun solche Beispiele, entnommen von nicht psycho- physischen Systemen, nichts an sich für psychophysische Systeme beweisen können, so beweisen sie doch in den allgemeinen Be- wegungsgesetzen begründete Möglichkeiten, von denen es uns Z re nicht mehr befremden kann, sie auch in den psychophysischen Systemen verwirklicht zu finden, und es wird.also gestattet sein, unser Schema in diesem Sinne anzuwenden, in soweit die Wirk- lichkeit demgemässe Verhältnisse zeigt.

Nun stellt unser Schema zuvörderst in allgemeinster Weise die beiden factischen Hauptverhältnisse dar, auf die es begründet war: 4) dass dieForm und der Grössenwerth besonderer Bewusst- seinsphänomene innerhalb des Bewusstseins an der Form und Grösse besonderer Thätigkeiten hängt, welche in eine allgemeine Tbätigkeit eingreifen, und in gewissem Sinne einer gesonderten Auffassung von derselben fähig sind.

2) Dass ebenso zum Erwachen des besonderen Phänomens die Ueberschreitung einer gewissen Grösse Seitens der unterlie- genden besonderen Tbätigkeit nöthig ist, als zum Erwachen des Bewusstseins überhaupt Seitens der Gesammtthätigkeit.

Mit der Repräsentation dieser allgemeinsten Verhältnisse hängt nun aber die Repräsentation vieler besonderen zusammen, die uns theils in früheren Kapiteln, theils Eingangs des jetzigen beschäf- tiglen.

Ist die Hauptwelle überall unter ihrer Schwelle, so haben wir Schlaf, ist sie irgendwo darüber, so haben wir Wachen; sie ist aber im Wachen nie in allen der Erhebung über die Schwelle fä- higen Theilen zugleich über der Schwelle, und der Grad der Er- hebung derselben über die Hauptschwelle in irgend welchen be- sonderen Gebieten bestimmt den Grad der Aufmerksamkeit, der darin thätig ist. Alle Verhältnisse des Wechsels der Aufmerksam- keit, wovon im 41. Kapitel die Rede war, lassen sich als ein Wel- lenschlag der Hauptwelle fassen.

Die nach ihren höchsten Puncten beurtheilte Höhe der Haupt- welle und hiemit die Höhe der in irgend einem Sondergebiete thä- tigen Aufmerksamkeit hängt weder allein von der Höhe der Ober- wellen noch der Unterwelle darin, sondern gemeinsam von beiden ab, kann aber bald mehr von dieser, bald mehr von jener Seite her bestimmt sein. Wenn ein Knall unsere Aufmerksamkeit plötz- lich erregt, so ist es das plötzliche Steigen einer Oberwelle, was die Hauptwelle in die Höhe treibt; die Aufmerksamkeit findet sich hier unwillkührlich von der Sinnesseite her bestimmt; wenn wir angestrengt auf etwas horchen, ohne dass ein Schall da ist, so ist sie ohne Dasein einer Oberwelle im Gebiete des Gehöres nur durch TR TR das Steigen der Unterwelle in die Höhe getrieben; sie ist hier un- abhängig von sinnlicher Bestimmung aus inneren Gründen will- kührlich gerichtet und gehoben.

Die Aufmerksamkeit ist überhaupt um so mehr unwillkühr- lich durch die Stärke der besonderen Bewusstseinsphänomene oder unabhängig von solchen, d.i. willkührlich, bestimmt, | je nachdem die Erhebung der Totalwelle mehr von einer grossen Erhebung der Oberwellen oder der Unterwelle im betreffenden Gebiete abhängt.

Wenn ein intensives Nachdenken mit verblassten Schematen operirt, so spielen auf einer hohen Unterwelle sehr schwache Oberwellen. Wenn wir ohne Anspannung der willkührlichen Seite | unserer Aufmerksamkeit ganz receptiv in einer starken sinnlichen Empfindung aufgehen, so wird eine starke Oberwelle von einer verhältnissmässig niederen Unterwelle getragen. Es können aber auch beide zugleich hoch erhoben oder gesunken sein.

Die Aufmerksamkeit in einem Sinnesgebiete kann steigen, ohne dass die Empfindung an Stärke zunimmt, insofern die Haupt- welle durch die willkührliche Erhebung der Unterwelle allein steigt, wogegen die Empfindung nicht steigen kann, ohne die schon wache Aufmerksamkeit zu steigern oder die nicht wache dem Er- wachen näher zu bringen, weil durch Steigerung der Oberwelle die Hauptwelle so gut wächst, als durch Steigerung der Unter- welle.

Wie Oberwellen, welche niedrig genug sind, um ihre eigene Schwelle nicht zu erreichen, doch durch hohen Stand der Unter- welle mit über die Hauptschwelle gehoben sein, d. h. einer dar- über erhobenen Hauptwelle angehören können, ohne ihre eigen- thümlichen Bewusstseinsphänomene zu geben, so können umge- kehrt Oberweilen, welche hoch genug sind, ihre eigene Schwelle zu übersteigen, durch tiefen Stand der Unterwelle unter die Hauptschwelle herabgedrückt sein, d.h. einer darunter erniedrig- ten Hauptwelle oder einem darunter erniedrigten Theile der Haupt- welle angehören, und werden dann aus diesem entgegengesetzien Grunde ebenfalls nicht ins wache Bewusstsein treten, aber nur noch der Erhebung der Hauptwelle durch hinreichende Steigerung der Unterwelle bedürfen, um hineinzutreten.

Im Falle sie blos einem, unter die Hauptschwelle erniedrigten Theile der Hauptwelle angehören, indess diese anderwärts über e; der Schwelle ist, also im Falle des allgemeinen Wachens, haben wir den Fall des wegen Zerstreuung oder abgelenkter Aufmerk- samkeit nicht gehörten Wortes, das blos noch der willkührlichen Steigerung der Aufmerksamkeit bedarf, um nachträglich noch ge- hört zu werden, oder eines Schmerzes, den wir so lange nicht fühlen, als wir die Aufmerksamkeit gewaltsam abzulenken vermö- gen, ungeachtet seine innere Ursache fortbesteht; oder des Schwarz im geschlossenen Auge oder habituellen Ohrenbrausens, an dem manche Personen leiden, deren wir unter gewöbnlichen Umstän- den nicht gewahr werden, aber sofort gewahr werden können, wenn wir die Aufmerksamkeit willkührlich darauf richten.

Dabei ist es doch nicht dasselbe, ob etwas vom Sinne Gefass- tes nur wegen mangelnder Aufmerksamkeit nicht gefasst wird, oder ob es den Sinn zu schwach, oder gar nicht berührt. Dass es über seiner Schwelle (der Oberschwelle) ist, giebt ihm immer einen positiven Werth im Bewusstsein; aber es tritt, während das Hauptbewausstsein dafür nicht wach, jedoch für Anderes wach ist, als unbewusste Mitbestimmung dessen, wofür das Hauptbewusst- sein wach ist, auf, eine Mitbestimmung, die nach Umständen stö- rend oder harmonisch sein kann. So äussert beim in Gedanken gehenden Spaziergänger der Sonnenschein, das Grün, der Vogel- gesang eine unbewusste Mitbestimmung; er sieht und hört nichts von alle dem und fühlt sich doch anders, und sein Gedankenlauf wird anders sein, als wenn er im dunkeln Zimmer dächte; — so auf den Horchenden in der Oper der Glanz der Scene, auf den Zuschauer in der Oper die Musik. Jede Anschauung von Din- gen, die wir durch das Leben kennen, eines Hauses, einer Person, zieht durch Association eine Menge anderer Vorstellungen mit, die im Unbewussten bleiben, und doch so unbewusst die Bedeutung des Hauses, der Person für uns constituiren, welche ohnedem blos als Farbenfleck für das Auge zählen würden. Sie hängen an Ober- wellen, die sich mit der auf dem Gipfel der Hauptwelle durch äussere Ursache erhobenen im Zusammenhange erheben, aber un- ter der Hauptschwelle bleiben, indess jene über die Hauptschwelle treten.

Vom jetzt betrachteten Falle haben wir den Fall zu unter- scheiden, wo die ganze Hauptwelle unter die Schwelle sinkt, un- terhalb dieser Schwelle aber doch Oberwellen auf der niedrigen Unterwelle spielen, die ihre eigene Schwelle übersteigen. Diess — ist unstreitig der Fall der Träume, die vermöge des Standes der Totalwelle unter der Schwelle natürlicherweise charakterisirt sind durch den Mangel willkührlicher Richtung der Aufmerksamkeit und hauptsächlich auf einer associationsweisen Hervorrufung durch einander und zufällige äussere Reize beruhen.

Der Traum hat mit unserem wachen Leben in der Aussen- welt eine bedeutungsvolle Aehnlichkeit, welche beiträgt, zu erklä- ren, dass der Traum uns nicht als das Spiel von Vorstellungen, was er doch ist, sondern als äussere Wirklichkeit erscheint. Beim Vorstellungsleben in Abziehung vom Aeusseren während des Wachens ist die Hauptwelle verhältnissmässig stärker durch die Unterwelle als Oberwelle gehoben, beim Leben in der Aussenwelt unter dem Einflusse ihrer, unsere Aufmerksamkeit beschäftigen- den, Anregungen ist es umgekehrt, und die Wirklichkeit macht sich um so mehr als solche geltend, je mehr sie die Oberwellen im Verhältnisse zur Unterwelle steigert. Dasselbe aber, was im Wachen durch überwiegendes Steigen der Oberwellen eintritt, tritt im Schlafe durch überwiegendes Sinken der Unterwelle ein.

Auf demselben Umstande möchte beruhen, dass Hallueinatio- nen, Phantasmen auch im vollen Waehen den vollen Charakter der Wirklichkeit annehmen können; es wird dann sein, wenn die Oberwellen, an denen sie hängen, in abnormem Verhältnisse die Unterwelle überwachsen.

Dabei kann man von der Natur der Träume noch eine dop- pelte Ansicht hegen. Man kann sich denken, dass die Träume, während wir sie Nachts haben, in demselben Sinne unbewusst sind, als ein in der Zerstreuung überhörtes Wort im Wachen, und erst nachträglich beim Erwachen wie dieses in Erinnerung treten, bewusst in der Erinnerung reproducirt werden. Man kann sich aber auch denken, und ich halte diess für wahrscheinlicher, dass wir die Träume schon während der Nacht in ähnlichem Sinne be- wusst haben, als wir nach Erinnerung glauben, sie gehabt zu haben, und dass der Unterschied, den sie in dieser Hinsicht von den unbewussten Mitbestimmungen des Bewusstseins während des Wachens darbieten, eben nur daran hängt, dass nichts Be- wusstes da ist, was sie mitbestimmen könnten, sofern Alles unter der Hauptschwelle des Bewusstseins liegt. Doch kann diess noch ein Gegenstand des Zweifels sein. Auf einen anderen, die Träume betreffenden, Punct, der ebenfalls bis jetzt nur Sache der Vermu- thung ist, komme ich noch im 44. Kapitel.

Im Bisherigen hat sich noch kein besonderer Anlass dargebo- ten, auf eine gemeinsame oder gegenseitige Abhängigkeit der Un- terwelle und Oberwelle von einander Bezug zu nehmen, und factisch besteht bis zu gewissen Gränzen eine Unabhängigkeit derselben von einander; doch nur bis zu gewissen Gränzen, und es gilt auch, diejenigen Verhältnisse in Betracht zu ziehen, welche nur durch ihre gemeinsame oder gegenseitige Abhängigkeit zu erklä- ren sind.

Wenn ein Reiz in ein Sinnesgebiet einwirkt, so steigt die Oberwelle darin, und indem mit dem Steigen der Oberwelle die Hauptwelle steigt, scheint diess schon zu genügen, die für dieses Gebiet stärker in Anspruch genommene Aufmerksamkeit zu erklä- ren. Aber auch wenn der Reiz wegfällt, pflegt die Aufmerksam- keit noch mehr oder weniger in diesem Gebiete zu verharren;; der durch einen Knall erweckte Schläfer schläft selten sofort wieder ein, und es scheint nicht, dass diess allein durch eine Nachdauer der durch den Reiz hervorgerufenen und associationsweise etwa mit entstandenen Oberwellen erklärt werden könne; son- dern jede Erhebung einer Oberwelle durch einen Reiz ist, so scheint es, zugleich als Reiz für eine Erhebung der Unterwelle zu betrachten..

Von der anderen Seite sehen wir zwar die Lebhaftigkeit von Sinnesempfindungen im Allgemeinen nicht durch verstärkte Auf- merksamkeit wachsen, aber es giebt doch Fälle, wo durch eine sehr anhaltende, intensive und so zu sagen auf einen besonderen Punct zugespitzte willkührliche Richtung der Vorstellung Vorstel- lungsbilder bis zur Intensität wirklicher sinnlicher Anschauungen gesteigert werden konnten, und hier muss umgekehrt die starke Hebung der Unterwelle mit einer Hebung der Oberwelle in Ver- bindung stehen; so bei den interessanten Versuchen von H.Meyer, von welchen im 44. Kapitel die Rede sein wird.

Diess sind keine Widersprüche gegen die vorherige Darstel- lung und gegen die Triftigkeit des Schema; es wird immer im Stande sein, die Verhältnisse der Unabhängigkeit und Abhängig- keit, soweit sie nun eben bestehen, zu repräsentiren.

Noch Manches liesse sich am Schema erläutern, worauf ich aber hier nicht ausführlich eingehen will, da solche Ausführungen im Grunde nichts fördern, wenn sie keine neuen Gesichtspuncte eröffnen oder nur auf Vermuthungen ruhen. So liegt es nahe, die Bildung von Begriffen aus Einzelvorstellungen oder Anschauungen durch Interferenzen der ihnen unterliegenden Oberwellen zu reprä- sentiren; so liesse sich denken, dass Lust oder Unlust entsteht, je nachdem die Unterwelle durch Zutritt der Oberwellen im Ganzen gehoben oder deprimirt und in dieser Hinsicht eine gewisse Gränze (Schwelle der Lust und Unlust) überschritten wird, mit Rück- sicht, dass die Oberwellen zwar nothwendig an gewissen Puncten die Unterwelle erhöhen, indess sie aber zugleich dieselbe an an- deren Theilen eindrücken, was sich unter Umständen compensiren, unter anderen vielleicht nicht compensiren kann. Doch diese für jetzt nur unbestimmte und vielleicht unrichtige Vermuthung bleibe für jetzt dahingestellt.

XLII. Verhältniss zwischen den sinnlichen und Vorstellungs- phänomenen.

Die Verhältnisse von Schlaf und Wachen sammt denen der Aufmerksamkeit sind Verhältnisse, welche das Bewusstsein im Allgemeinen und Ganzen angehen. Hingegen treten die durch äussere Reize ausgelösten Sinnesempfindungen, deren. Nach- bilder unddie Gemeingefühle des Schmerzes, Hungersu.s. w., was wir kurz unter dem Namen der sinnlichen Phänomene vereinigen, mit unseren Erinnerungen, Phantasiebildern und das abstracte Denken begleitenden Schematen, was wir kurz unter dem Namen Vorstellungen vereinigen, endlich den in den Erscheinungen des Sinnengedächtnisses, den Hallucinationen und Illusionen bestehenden Mittelgliedern zwischen beiden Klassen, unter den allgemeinen Begriff von Modi- ficationen, besonderen Bestimmungen des Totalbewusstseins, wo- nach sich die Stellung dieser Phänomene in der schematischen Darstellung des vorigen Kapitels von selbst ergiebt.

Diese Darstellung bezieht sich auf die psychophysische Unterlage der Bewusstseinsphänomene. Nun aber kann man fra- gen: sind denn die Sonderphänomene zweiter Klasse überhaupt noch als psychophysisch fundirt, d. h. mit physischen Verände- rungen in uns functionell verknüpft anzusehen? Gar manche Phi- losophen und Psychologen, die es wohl von den Phänomenen erster Klasse, den sinnlichen Phänomenen, zugeben, wo sich nicht wohl ein Widerspruch erheben lässt, sträuben sich doch, es eben so von den Phänomenen zweiter Klasse, den Vorstellungsphänomenen, zuzugeben, sind vielmehr geneigt, schon die Erinnerungen und Phantasiebilder von der psychophysischen Unterlage loszulösen und als in der Seele vorgehende Acte anzusehen, die zwar von der Sinnesseite her in ihr angeregt worden sind, aber, so wie sie in der Seele vorgehen, keiner speciell dazu bezüglichen körper- lichen Thätigkeit mehr wesentlich bedürfen, als deren Function sie ablaufen, wenn schon sie rückwirkend Veränderungen im Körper erzeugen und insofern nicht ohne solche von Statten ge- hen mögen; und namentlich besteht diese Neigung bei der An- sicht vom einfachen Seelensitze. Denn wenn die Sinnesreize ihren Eindruck dahin abgegeben haben, so liegt es nahe, ihre Aufbe- wahrung und Verarbeitung dann wesentlich blos noch der Seele anheim zu geben, wogegen die Ansicht vom ausgedehnten Seelen- sitze die mit der wachsenden geistigen Befähigung wachsende Entwickelung und Verwickelung des Gehirnes selbst nur dadurch erklärlich finden kann, dass es über die blossen Sinnesfunctionen hinaus, worin das Thier dem Menschen keinen Vorzug lässt, noch speciale psychische Leistungen zu vollziehen habe.

Da uns über die inneren Vorgänge überhaupt keine unmittel- bare Erfahrung zusteht, so muss die Consequenz dessen, was nach Erfahrung feststeht, uns leiten, und schliesslich folgender allge- meine Gesichtspunct bei dieser und allen damit zusammenhän- genden Fragen massgebend sein. Soll nicht überhaupt der Zusam- menhang und die Consequenz des psychophysischen Systemes nothlos abgebrochen werden, so werden Verschiedenheiten auf psychischem Gebiete, so lange sie noch in folgerechtem Zusam - menhange nach dem Functionsprineipe in psychophysische Ver- schiedenheiten übersetzbar sind, auch darein zu übersetzen sein, nicht aber dahin auszulegen sein, dass die einen noch psychophysisch fundirt sind, die anderen nicht mehr so fundirt sind. Und es wird sich also nur fragen, ob in den Verhältnissen der Phänomene er- ster und zweiter Klasse, welche uns die innere Erfahrung bietet, wirklich etwas liegt, was einer solchen Uebersetzung den Weg verlegt, und zu einer Ablösung der letzteren von der Unterlage, an welche die ersteren noch geknüpft sind, nöthigt.

Aber gerade das Verhältniss der Erinnerungen und sinnlichen Fechner, Elemente der Psychophysik. II. 30 v un Anschauungen bot sich uns von vorn herein (S. 380) als ein vor- zugsweise geeignetes Beispiel dar, die Anwendbarkeit des Fun- clionsprineipes in dieser Beziehung zu erläutern, und ich halte es unnöthig, hierüber auf neue oder weitere Ausführungen einzu- gehen.

Die Misslichkeil einer derartigen Scheidung zwischen den sinnlichen und Vorstellungsphänomenen, dass jene eine psycho- physische Begründung haben, diese nicht mehr haben, tritt um so schlagender hervor, wenn wir auf den, in den Thatsachen des fol- genden Kapitels sich von selbst herausstellenden, Uebergang ach- ten, der von den sinnlichen Anschauungen durch die Nachdauer der Eindrücke, die Erscheinungen des sogenannten Sinnengedächt- nisses, die willkührlich erzeugten Sinnesphantasmen, die Illusio- nen (wo äussere Gegenstände nur falsch gesehen werden), die Hallucinationen mit oder ohne Reproduction früherer Sinnesein- drücke (wozu die Wahnbilder der Verrücktheit mit gehören) zu den wirklichen Erinnerungs- und Phantasiebildern achten.

Was bei der Ansicht, dass die Erinnerungsbilder so gut psy- chophysisch fundirt sind, als die Anschauungsbilder, am schwie- rigsten erscheinen kann, ist die Möglichkeit, so zahllose Dinge im Gedächtnisse zu behalten und in Erinnerung zu reproduciren. Aber sie ist nicht wunderbarer, als die doch thatsächlich beste- hende physisch begründete Möglichkeit, die Fertigkeiten zu den verschiedensten Handthierungen in derselben Hand zu vereinigen und wechselnd in Ausübung zu bringen. Auch darf man nicht vergessen, dass das Erinnerungsvermögen, so unbeschränkt es in gewissem Sinne ist, so beschränkt von anderer Seite ist. Es un- terliegt Gesetzen der Association, welche die Verbindung und Folge der Erinnerungen regeln, und eben so wie verwandte Fertigkei- ten der Hand sich unterstützen und disparate stören können, ist es mit den Erinnerungen der Fall.

Sich den psychophysischen Mechanismus oder die organische Einrichtung auszumalen, mittelst deren die Leistungen, welche das Erinnerungsvermögen fodert, wirklich vollziehbar sind, wäre natürlich sehr vorzeitig, so lange wir noch kaum eine Ahnung über das Princip der Nervenwirkung überhaupt, und mithin über die Weise, wie es dabei zu verrechnen wäre, haben. So viel lässt sich nur ganz im Allgemeinen sagen, dass der Mechanismus ein, wenn nicht im Principe, aber in den aufgewandten Mitteln ungeheuer complieirter und nicht fester, sondern veränderlicher, ent- wickelungsfähiger sein müsse. Diesen Bedingungen sehen wir entsprochen; und viel mehr ist für jetzt nicht zu verlangen. Doch lässt sich noch Einiges erläuternd zufügen.

Die Nachklänge unserer Anschauungen in den Nachbildern haben nach den Erörterungen Th. II. S. 309 an sich einen gesetz- lich periodischen Ablauf, die Erscheinungen des Sinnesgedächt- nisses, von denen im folgenden Kapitel die Rede sein wird, füh- ren periodisch, wenn auch in unregelmässigen Perioden, selbst nach längerer Zeit noch Gestalten und Bewegungen ganz unwill- kührlich in die Erscheinung zurück, und würden es unstreitig viel mehr thun, wenn nicht theils neue Eindrücke, theils die Zu- sammensetzung mit den alten den deutlichen Hervortritt einzelner periodischer Erscheinungen in diesem wogenden Meere blos auf die Folgen sehr intensiver, oft wiederholter Eindrücke beschränkte. Es besteht aber doch hienach factisch in uns das Prineip einer freiwilligen periodischen inneren Wiederholung nicht nur einzel- ner Bewegungen, sondern selbst Bewegungsfolgen, welche durch sinnliche Einwirkungen in uns erregt wurden, gleichviel worauf es beruhe, will man anders nicht schon die sinnlichen Phänomene von der physischen Unterlage loslösen; und so ist kein Hinderniss zu glauben, dass diess Princip auch als eine der psychophysischen Grundlagen unseres Erinnerungsvermögens eine grosse Rolle spiele. Ausserdem lässt sich voraussetzen, dass das Princip der ungestör- ten Coexistenz und Superposition kleiner Schwingungen und die damit zusammenhängenden Principien der Interferenz und unge- störten Durchkreuzung von Wellen bei den sich kreuzenden, sich mit einander zusammensetzenden, sich zeitweise ins Unbewusst- sein herabdrückenden und wieder daraus hervortretenden Erin- nerungen nicht ausser Spiel sein werden. Wenn wir sehen, wie alle physikalischen Hülfsmittel aufgeboten sind, das Auge und Ohr für die Aufnahme gesonderter Sinneseindrücke zu befähigen, so kann man es zwar bequemer finden, die Aufbewahrung und Wie- derholung derselben als ein der Seele ohne alle äusseren Hülfsmit- tel zukommendes Vermögen anzusehen, aber es auch hiegegen nur consequent finden, wenn man dieselbe an eine noch tiefergehende Verwendung der physikalischen Prineipien und Hülfsmittel ge- knüpft hält, womit man nicht sowohl das Geistige herabsetzt, als die Natur heraufhebt, und wobei nichts hindert, das, was sich “ .

Ya Li. Zu jetzt mit immanentem Bewusstsein durch die bewusste Thätigkeit selbst in jedem einzelnen Geschöpfe fortentwickelt, auch in der ersten Sehöpfung der gesammten organischen Welt mit solchem geordnet zu denken. Gewiss ist, dass wir der Bequemlichkeit der Betrachtung durch die Anstalten der Natur nicht entsprochen fin- den. Die Seele ist nicht blos an eine Sammlung von Sinnesorga- nen, sondern auch an ein Gehirn gebunden, durch das alle Sin- nesorgane, und zwar in complieirtester Weise verbunden sind. Wenn die Erinnerungsbilder, Phantasiebilder und das Denken begleitenden Schemate alle noch psychophysisch fundirt sind, so ist es auch das Denken selbst, indem jeder andere Stoff und Gang des Denkens ein anderes Material und eine andere Verknü- pfungsweise der Schemate voraussetzt, ohne die überhaupt kein Denken stattfinden kann, wie eine andere Melodie und Harmonie nicht ohne andere Töne und eine andere Verbindungsweise der Töne sein kann. Nun gewährt ein Klavier in seiner verhältniss- mässig geringen Zahl festliegender Tasten doch die Möglichkeit, die allerverschiedensten Melodien und Harmonien auszuführen, und so vielerlei und so hohe Gedanken der Mensch fassen mag, 25 Buchstaben reichen hin, sie auszudrücken; es kommt beides- falls nur auf die Verbindung und die Folge an, in der die Tasten oder Buchstaben durchlaufen werden. Das Gehirn in seinen zahl- losen, in verschiedener Weise thätigen Fibern aber enthält in die- ser Hinsicht unvergleichlich reichere Mittel, also kann auch kein Hinderniss sein, ihm mindestens eben so grosse Leistungen inner- lich zuzutrauen, als wir äusserlich mittelst desselben ausführen.

XLIV. Beobachtungen und Bemerkungen über das Verhältniss zwischen Nachbildern und Erinnerungsbildern insbesondere. Erinnerungsnachbilder, Phänomene des Sinnengedächtnisses, Hallueinationen, Illusionen, Träume,: Ich stelle im Folgenden einiges Beobachtungsmaterial, theils eigenes, theils fremdes, über die in der Ueberschrift genannten Phänomene zusammen, was für theoretische Ansichten darüber eine nützliche Unterlage bieten kann, ohne jedoch den sehr weit- schichtigen und sich weit verzweigenden Gegenstand erschöpfen zu wollen, wozu nicht ein Kapitel, sondern ein Buch gehören würde, und ohne selbst auf mehr als einige sehr allgemeine theo- \ ZZ wi relische Ausführungen einzugehen, da sich für jetzt nicht mehr scheint geben zu lassen.

a) Erinnerungsbilder und Nachbilder in Beziehung zu einander.

Die einmal von Aussen gemachten Sinneseindrücke bestehen auch nach Wegfall des äusseren Reizes noch eine gewisse Zeit als Nachbilder, Nachklänge, allgemein als Nachempfindungen fort, die bei gesundem, kräftigen Zustande der Sinne weniger leicht wahr- zunehmen, weniger intensiv und nachhaltig zu sein pflegen, als bei schwächlich reizbarem; und hinterlassen das Vermögen, in Erin- nerungen oder mehr oder weniger umgestaltet in Phantasiebildern reproducirt zu werden. BeiderleiNachwirkungen sollen hier haupt- sächlich, wenn schon nicht ausschliesslich, im Felde der Gesichts- wahrnehmungen betrachtet werden, wo sie am meisten untersucht sind; doch findet das hier Gültige mehr oder weniger auch auf andere Gebiete der Sinnesempfindungen Anwendung.

Die Hauptunterschiede zwischen den Nachbildern einerseits, Erinnerungs- und Phantasiebildern anderseits bestehen darin, dass die ersten stets nur mit einem Gefühle der Receptivität, nur in Continuität mit den gemachten sinnlichen Eindrücken, von Willkühr und Vorstellungsassoeiation unabhängig, entstehen und bestehen und nach Massgabe der unmittelbar vorhergegangenen sinnlichen Eindrücke auch von Willkühr unabhängig, gesetzlich, ablaufen, indess die Erinnerungs- und Phantasiebilder mit dem Gefühle geringerer oder grösserer Spontaneität noch längere Zeit nach vorausgegangenen sinnlichen Einwirkungen theils unwill- kührlich durch Vorstellungsassociation entstehen, theils will- kührlich hervorgerufen, wieder verbannt und abgeändert werden können.

Mit diesen charakteristischen Unterschieden stehen andere, jedoch im Allgemeinen weniger entschiedene, bei verschiedenen Personen mehr oder weniger variable und Uebergängen Raum gebende, Verschiedenheiten in Verbindung, worüber sich das Fol- gende verbreitet.

Um einen Ausgangspunct zu gewinnen, stelle ich die Phäno- mene zuerst so dar, wie sie sich bei mir finden, der ich gewisser- massen am unteren Extreme der Skale stehe, durch welche sich Erinnerungsbilder sinnlichen Phänomenen, wie den Nachbildern, La 08 Zu ı u valzın.

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