SigPhi · Immanuel Kant

Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (German)

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unangenehm. — Sie sind einander nicht wie Erwerb und Mangel (+ und 0), sondern wie Erwerb und Ver- lust (+ und — ), d. i. Eines dem Andern nicht blos als Gegentheil (contradictorie s, logice oppositum), sondern auch als Widerspiel (contrarie s. realiter oppositum) entgegengesetzt. — — Die Ausdrücke von dem, was gefällt und missfällt, und dem, was dazwischen ist, dem Gleichgültigen, sind zu weit; denn sie können auch aufs Inteilectuelle gehen; wo sie dann mit Vergnügen und Schmerz nicht zusammentreffen würden.

Man kann diese Gefühle auch durch die Wirkung erklären, die die Empfindung unseres Zustandes auf das Gemüth macht. Was unmittelbar (durch den Sinn) mich antreibt, meinen Zustand zu verlassen (aus ihm heraus- zugehen), ist mir unangenehm, — es schmerzt mich; was ebenso mich antreibt, ihn zu erhalten (in ihm zu bleiben), ist mir angenehm, es vergnügt mich. Wir sind aber unaufhaltsam im Strome der Zeit und dem damit verbundenen Wechsel der Empfindungen fort- geführt. Ob nun gleich das Verlassen des einen Zeit- punkts und das Eintreten in den Anderen ein und der- selbe Act (des Wechsels) ist, so ist doch in unserem Gedanken und dem Bewusstsein dieses Wechsels eine Zeitfolge; dem Verhältniss der Ursache und Wirkung gemäss. — Es fragt sich nun: ob das Bewusstsein des Verlassens des gegenwärtigen Zustandes, oder ob der Prospect des Eintretens in einen künftigen in uns die Empfindung des Vergnügens erwecke? Im ersten Falle ist das Vergnügen nichts Anderes als Aufhebung eines Schmerzes und etwas Negatives; im zweiten würde es Vorempfindung einer Annehmlichkeit, also Vermehrung des Zustandes der Lust, mithin etwas Positives sein. Es lässt sich aber auch schon zum Voraus errathen, dass das erstere allein stattfinden werde; denn die Zeit schleppt uns vom gegenwärtigen zum künftigen (nicht umgekehrt), und dass wir zuerst genöthigt werden, aus dem gegenwärtigen herauszugehen, unbestimmt, in welchen anderen wir treten werden, nur so, dass er doch ein anderer ist, das kann allein die Ursache des an- genehmen Gefühls sein.

Vergnügen ist das Gefühl der Beförderung; Schmerz das einer Hinderniss des Lebens. Leben aber (des 140 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

Thiers) ist, wie auch schon die Aerzte angemerkt haben, ein continuirliches Spiel des Antagonismus von beiden.

Also muss vor j edem Vergnügen der Schmerz vorhergehen; der Schmerz ist immer das Erste. Denn was würde aus einer continuirlichen Beförderung der Lebenskraft, die über einen gewissen Grad sich doch nicht steigern lässt, Anderes folgen, als ein schneller Tod vor Freude?.

Auch kann kein Vergnügen unmittelbar auf das andere folgen; sondern zwischen einem und dem anderen muss sich der Schmerz einfinden. Es sind kleine Hemmungen der Lebenskraft, mit dazwischen- gemengten Beförderungen derselben, welche den Zustand der Gesundheit ausmachen, den wir irrigerweise für ein continuirlich gefühltes Wohlbefinden halten; da er doch nur aus ruckweise (mit immer dazwischen eintretendem Schmerz) einander folgenden angenehmen Gefühlen be- steht. Der Schmerz ist der Stachel der Thätigkeit, und in dieser fühlen wjr allererst unser Leben; ohne diesen würde Leblosigkeit eintreten.

Die Schmerzen, die langsam vergehen (wie das allmälige Genesen von einer Krankheit oder der langsame Wiedererwerb eines verlorenen Capitata), haben kein lebhaftes Vergnügen zur Folge, weil der Uebergang unmerklich ist. — Diese Sätze des Grafen Veri unterschreibe ich mit voller Ueberzeugung. 5S) Erläuterung durch Beispiele.

Warum ist das Spiel (vornehmlich um Geld) so an- ziehend und, wenn es nicht gar zu eigennützig ist, die beste Zerstreuung und Erholung nach einer langen An- strengung der Gedanken? denn durch Nichtsthun erholt man sich nur langsam. Weil es der Zustand eines un- ablässig wechselnden Fürchtens und Höffens ist. Die Abendmahlzeit nach demselben schmeckt und bekommt auch besser. — Wodurch sind Schauspiele (es mögen Trauer- oder Lustspiele sein) so anlockend? Weil in allen gewisse Schwierigkeiten, — Aengstlichkeit und Verlegenheit zwischen Hoffnung und Freude, — eintreten und so das Spiel einander widriger Affecten beim Schlüsse des Stücks dem Zuschauer Beförderung des Lebens 2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §. 59. 141 ist, indem es ihn innerlich in Motion versetzt hat. — Warum schliesst ein Liebesroman mit der Trauung, und weswegen ist ein ihm angehängter Supplement - Band (wie im Fiel ding), der ihn von der Hand eines Stümpers, noch in der Ehe fortsetzt, widrig und abgeschmackt? Weil Eifersucht, als Schmerz der Verliebten, zwischen ihre Freuden und Hoffnungen, vor der Ehe Würze für den Leser, in der Ehe aber Gift ist; denn, um in der Romansprache zu reden, ist „das Ende der Liebes- schmerzen zugleich das Ende der Liebe" (versteht sich mit Affect). — Warum ist die Arbeit die beste Art, sein Leben zu geniessen? Weil sie beschwerliche (an sich un- angenehme und nur durch den Erfolg ergötzende) Be- schäftigung ist, und die Ruhe, durch das blosse Ver- schwinden einer langen Beschwerde, zur fühlbaren Lust, dem Frohsein wird; da sie sonst nichts Geniessbares sein würde. Der Tabak (er werde geraucht oder ge- schnupft) ist zunächst mit einer unangenehmen Empfindung verbanden. Aber gerade dadurch, dass die Natur (durch Absonderung eines Schleims der Gaumen oder der Nase) diesen Schmerz augenblicklich aufhebt, wird er (vor- nehmlich der erstere) zu einer Art von Gesellschaft, durch Unterhaltung und immer neue Erweckung der Empfindungen und selbst der Gedanken; wenn diese gleich hiebei nur herumschweifend sind. — Wen endlich auch kein positiver Schmerz zur Thätigkeit anreizt, den wird allenfalls ein negativer, die lange Weile, als Leere an Empfindung, die der an den Wechsel derselben ge- wöhnte Mensch in sich wahrnimmt, indem er den Lebens- trieb doch womit anszufüllen bestrebt ist, oft dermassen afficiren, dass er eher etwas zu seinem Schaden als gar nichts zu thun sich angetrieben fühlt.

Von der langen Weile und dem Kurzweil.

Sein Leben fühlen, sich vergnügen, ist also nichts Anderes als: sich continuirlich getrieben fühlen, aus dem gegenwärtigen Zustande herauszugehen (der also ein eben so oft wiederkommender Schmerz sein muss). Hieraus 142 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

erklärt sich auch die drückende, ja ängstliche Beschwerlich- keit der langen Weile für Alle, welche auf ihr Leben und auf die Zeit aufmerksam sind (cultivirte Menschen). *) Dieser Druck oder Antrieb, jeden Zeitpunkt, darin wir sind, zu verlassen und in den folgenden überzu- gehen, ist accelerirend und kann bis zur EntSchliessung wachsen, seinem Leben ein Ende zu machen \ weil der üppige Mensch den Genuss aller Art versucht hat und keiner für ihn mehr neu ist; wie man in Paris vom Lord Mordaunt sagte: „die Engländer erhenken sich, um sich die Zeit zu passiren". Die in sich wahrgenommene Leere an Empfindungen erregt ein Grauen (Horror vacui) und gleichsam das Vorgefühl eines langsamen Todes, der für peinlicher gehalten wird, als wenn das Schicksal den Lebensfaden schnell abreist.

Hieraus erklärt sich auch, warum Zeitverkürzungen mit Vergnügen für Einerlei genommen werden; weil, je schneller wir über die Zeit wegkommen, wir uns desto erquickter fühlen; wie f) eine Gesellschaft, die auf einer Lustreise im Wagen drei Stunden lang mit Gesprächen wohl unterhalten hat, beim Aussteigen, wenn Einer von ihnen nach der Uhr sieht, fröhlich sagt: wo ist die Zeit geblieben? oder: wie kurz ist uns die Zeit geworden? Da im Gegentheil, wenn die Aufmerksamkeit auf die *) Der Karaibe ist durch seine angeborne Leblosigkeit von dieser Beschwerlichkeit frei. Er kann Stunden lang mit seiner Angelruthe sitzen, ohne etwas zu fangen; die Gedankenlosigkeit ist ein Mangel des Stachels der Thätig- keit, der immer einen Schmerz bei sich führt, und dessen Jener überhoben ist. — Unsere Lesewelt von verfeinertem Ge- schmack wird durch ephemerische Schriften immer im Appetit, selbst im Heisshunger zur Leserei (eine Art von Nichtsthun) erhalten, nicht um sich zu cultiviren, sondern zu geniessen, so dass die Köpfe dabei immer leer bleiben, und keine Ueber- sättigung zu besorgen ist; indem sie ihren geschäftigen Müssig- gange den Anstrich einer Arbeit geben und sich in demselben einen würdigen Zeitaufwand vorspiegeln, der doch um nichts besser ist als jener, welchen das Journal des Luxus und der Moden dem Publicum anbietet.

2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §. 59. 143 Zeit nicht Aufmerksamkeit auf einen Schmerz, über den wir weg zu sein uns bestreben, sondern auf ein Ver- gnügen wäre, man wie billig jeden Verlust der Zeit be- dauern würde. — Unterredungen, die wenig Wechsel der Vorstellungen enthalten, heissen langweilig, sind eben hiemit auch beschwerlich, und ein kurzweiliger Mann wird, wenngleich nicht für einen wichtigen, doch für einen angenehmen Mann gehalten, der, sobald er nur in's Zimmer tritt, gleich aller Mitgäste Gesichter er- heitert; wie durch ein Frohsein wegen Befreiung einer Beschwerde.

Wie ist aber das Phänomen zu erklären, dass ein Mensch, der sich den grössten Theii seines Lebens hin- durch mit langer Weile gequält hat, so dass ihm jeder Tag lang wurdet), doch am Ende des Lebens über die Kürze des Lebens klagt? — Die Ursache hievon ist in der Analogie mit einer ähnlichen Beobachtung zu suchen: woher die deutschen (nicht gemessenen oder mit Meilenzeigern, wie die russischen Werste, ver- sehenen) Meilen, je näher zur Hauptstadt (z. B. Berlin), immer desto kleiner, je weiter aber davon (in Pommern), desto grösser werden; nämlich die Fülle der gesehenen Gegenstände (Dörfer und Landhäuser) bewirkt in der Erinnerung den täuschenden Schluss auf einen grossen zurückgelegten Raum, folglich auch auf eine längere, dazu erforderlich gewesene Zeitf); das Leere aber im letzteren Fall wenig Erinnerung des Gesehenen, und also den Schluss auf einen kürzeren Weg und folglich kürzere Zeit, als sich nach der Uhr ergeben würde. Ebenso wird die Menge der Abschnitte, die den letzten Theil des Lebens mit mannichfaltigen veränderten Arbeiten auszeichnen, dem Alten die Ein- bildung von einer längeren zurückgelegten Lebenszeit erregen, als er nach der Zahl der Jahre geglaubt hatte, und das Ausfüllen der Zeit durch planmässig fortschreitende Beschäftigungen, die einen grossen beabsichtigten Zweck zur Folge haben (vitam extendere factis), ist das einzige f) 1. Ausg.: „und ihm...lang war" ff) 1. Ausgabe: „Schluss auf eine lange dazu erforderlich gewesene Zeit, folglich auch auf einen grossen zurückgelegten Kaum."

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Mittel, seines Lebens froh und dabei doch auch lebens- satt zu werden. „Je mehr du gedacht, je mehr du gethan hast, desto länger hast du (selbst in deiner eigenen Ein- bildung) gelebt." Ein solcher Beschluss des Lebens geschieht nun mit Zufriedenheit.

Wie steht es aber mit der Zufriedenheit acqiäe- scentia) während dem Leben? — Sie ist dem Menschen un- erreichbar: weder in moralischer (mit sicli selbst im Wohl- verhalten zufrieden zu sein), noch in pragmatischer Hin- sicht (mit seinem Wohlbefinden, was er sich durch Geschick- lichkeit und Klugheit zu verschaffen denkt1. Die Natur hat den Schmerz zum Stachel der Tliätigkeit in ihn gelegt, dem er nicht entgehen kann, um immer zum Besseren fortzuschreiten; und auch im letzten Augen- blicke des Lebens ist die Zufriedenheit mit dem letzten Abschnitte desselben nur comparativ (theils indem wir uns mit dem Lot>se Anderer, theils auch mit uns selbst vergleichen) so zu nennen; nie aber ist sie rein und vollständig. — Im Leben (absolut) zufrieden zu sein, wäre thatlose Ruhe und Stillstand der Triebfedern, oder Abstumpfung der Erfindungen und der damit verknüpften Tliätigkeit. Eine solche aber kann ebenso wenig mit dem intellectuellen Leben des Menschen zusammen bestehen, als der Stillstand des Herzens in einem thierischen Körper, auf den, wenn nicht (durch den Schmerz) ein neuer Anreiz ergeht, unvermeidlich der Tod erfolgt.

Anmerkung. In diesem Abschnitte sollte nun auch von Affe et en, als Gefühlen der Lust und Unlust, welche die Schranken der inneren Freiheit im Menschen überschreiten, gehandelt werden. Allein da diese mit den Leidenschaften, welche in einem anderen Ab- schnitte, nämlich dem des Begehrungsvermögens, vor- kommen, oft vermengt zu werden pflegen, und doch auch damit in naher Verwandtschaft stehen, so werde ich ihre Erörterung bei Gelegenheit dieses dritten Ab- schnittes vornehmen.

Habituell zur Fröhlichkeit gestimmt zu sein, ist zwar mehrentheils eine Temperamentseigenschaft, kann aber 2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §. 60. 145 auch oft eine Wirkung von Grundsätzen sein; wie Epi- kur's von Anderen so genanntes und darum verschrieenes W ollustprincip, was eigentlich das stets fröhliche Herz des Weisen bedeuten sollte. — Gleichmüthig ist Der, welcher sich weder erfreut noch betrübt, und von Dem, der gegen die Zufälle des Lebens gleich- gültig, mithin von stumpfem Gefühl ist, sehr unter- schieden. — Von der Gleichmüthigkeit unterscheidet sich die launische Sinnesart (vermuthlich hat sie anfäng- lich lunatisch geheissen), welche eine Disposition zu Anwandlungen eines Subjects zur Freude oder Traurig- keit ist, von denen dieses sich selbst keinen Grund an- geben kann, und die vornehmlich den Hypochondristen anhängt. Sie ist von dem laun igten Talent (eines Butt ler oder Sterne) ganz unterschieden; welches durch die absichtlich - verkehrte Stellung, in die der witzige Kopf die Gegenstände setzt (gleichsam sie auf den Kopf stellt), mit schalkhafter Einfalt dem Zuhörer oder Leser das Vergnügen macht, sie selbst zurecht- zustellen. — Empfindsamkeit ist jener Gleichmüthig- keit nicht entgegen. Denn sie ist ein Vermögen und eine Stärke, den Zustand sowohl der Lust als Unlust zuzulassen, oder auch vom Gemüth abzuhalten, und hat also eine Wahl. Dagegen ist Empfindelei eine Schwäche, durch Theilnehmung an dem Zustande Anderer f), die gleichsam auf dem Organ des Empfin- deinden nach Belieben spielen können, sich auch wider Willen afficiren zu lassen. Die erstere ist männlich; denn der Mann, welcher dem Weibe oder dem Kinde Beschwerlichkeiten oder Schmerz ersparen will, muss so viel feines Gefühl haben, als nöthig ist, um die Em- pfindungen Anderer, nicht nach seiner Stärke, sondern nach ihrer Schwäche zu beurtheilen; und die Zart- heit seiner Empfindung ist zur Grossmuth noth wendig. Dagegen ist die thatleere Theilnehmung seines Gefühls, sympathetisch zu den Gefühlen Anderer das seine mit- tönen und sich so blos leidend afficiren zu lassen, läppisch und kindisch. — So kann und sollte es Frömmig- keit in guter Laune geben; so kann und soll man bet) 1< Ausg.: „an Anderer ihrem Zustand" Kant, Anthropologie. 10 146 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

schwerliche, aber nothwendige Arbeit in guter Laune verrichten, ja selbst sterben in guter Laune f); denn Alles dieses verliert seinen Werth dadurch, dass es in übler Laune oder mürrischer Stimmung begangen oder erlitten wird.

Von dem Schmerz, über dem man vorsätzlich als einem, der nie anders, als mit dem Leben aufhören soll, brütet, sagt man, dass Jemand sich etwas ein Uebel) zu Gemütlie ziehe. — Man muss sich aber nichts zu Gemüthe ziehen; denn was sich nicht ändern lässt, muss aus dem Sinn geschlagen werden; weil es Unsinn wäre, das Geschehene ungeschehen machen zu wollen. Sich selbst bessern, geht wohl an und ist auch Pflicht; an dem aber, was schon ausser meiner Gewalt ist, noch bessern zu wollen, ist ungereimt. Aber etwas zu Herzen nehmen, worunter jeder gute Rath oder jede gute Lehre verstanden wird, die man sich angelegen sein zu lassen den festen Vorsatz fasst, ist eine überlegte Gedankenrichtung, seinen Willen mit genugsam starkem Gefühl zur Ausübung desselben zu verknüpfen. — Die Busse des Selbstpeinigers, statt der schnellen Verwendung seiner Gesinnung auf einen besseren Lebenswandel, ist rein verlorene Mühe, und hat noch wohl die schlimme Folge, blos dadurch (durch die Reue) sein Schuldregister für getilgt zu halten und so sich die vernünftiger Weise jetzt noch zu verdoppelnde Bestrebung zum Besseren zu ersparen.

Eine Art sich zu vergnügen ist zugleich Cultiir: nämlich Vergrösserung der Fähigkeit, noch mehr Ver- gnügen dieser Art zu geniessen; dergleichen das mit Wissenschaften und schönen Künsten ist. Eine andere Art aber ist Abnutzung; welche uns des ferneren Ge- nusses immer weniger fähig macht. Auf welchem Wege man aber auch immer Vergnügen suchen mag, so ist es, f) 1. Ausg.: „So kann und sollte es Frömmigkeit in guter Laune, beschwerliche, aber nothwendige Arbeit, selbst das Sterben in guter Laune geben;" u. s.w.

2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §.62. 147 wie bereits oben gesagt, eine Hauptmaxime, es sich so zuzumessen, dass man noch immer damit steigen kann; denn damit gesättigt zu sein, bewirkt denjenigen ekelnden Zustand, der dem verwöhnten Menschen das Leben selbst zur Last macht und Weiber, unter dem Namen der Vapeurs, verzehrt. Junger Mensch! (ich wieder- hole es) f)? gewinne die Arbeit lieb; versage dir Ver- gnügen, nicht um ihnen zu entsagen, sondern, so viel als möglich, immer nur in Prospect zu behalten. Stumpfe die Empfänglichkeit für dieselbe nicht durch Genuss früh- zeitig ab. Die Reife des Alters, welche die Entbehrung eines jeden physischen Genusses nie bedauern lässt, wird selbst in dieser Aufopferung dir ein Capital zur Zufrieden- heit zusichern, welches vom Zufall oder dem Naturgesetz unabhängig ist. 60) Wir urtheilen aber auch über Vergnügen und Schmerz durch ein höheres Wohlgefallen oder Missfallen an uns selbst (nämlich das moralische): ob wir uns demselben weigern oder überlassen sollen.

1) Der Gegenstand kann angenehm sein, aber das Vergnügen an demselben miss fallen. Daher der Aus- druck von einer bitteren Freude. — Der, welcher in misslichen Glücksumständen ist und nun seine Eltern oder einen würdigen und wohlthätigen Anverwandten beerbt, kann nicht vermeiden, sich über ihr Absterben zu freuen; aber auch nicht, sich diese Freude zu ver- weisen. Eben das geschieht im Gemüthe eines Adjuncts, der einem von ihm verehrten Vorgänger mit ungeheuchelter Traurigkeit im Leichenbegängnisse folgt.

2) Der Gegenstand kann unangenehm sein; aber der Schmerz über ihn gefällt. Daher der Ausdruck süsser Schmerz, z. B. einer sonst wohlhabend hinter- lassenen Wittwe, die sich nicht will trösten lassen; welches oft ungebührlicher Weise für Affection aus- gelegt wird.

Dagegen kann das Vergnügen überdies noch ge- fallen, nämlich dadurch, dass der Mensch an solchen Gegenständen, mit denen sich zu beschäftigen ihm Ehre f) „(ich wiederhole es)" Zusatz der 2. Ausg.

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macht, ein Vergnügen findet: z. B. die Unterhaltung mit schönen Künsten, statt des blossen Sinnengenusses, und dazu noch das Wohlgefallen daran, dass er als ein feiner Mann eines solchen Vergnügens fähig ist. — Ebenso kann der Schmerz eines Menschen obenein ihm noch miss- fallen. Jeder Hass eines Beleidigten ist Schmerz; aber der Wohldenkende kann doch nicht umhin, es sich zu ver- weisen, dass, selbst nach der Genugthuung, er noch immer einen Groll gegen ihn übrig behält.

Vergnügen, was man selbst (gesetzmässig) er- wirbt, wird verdoppelt gefühlt; einmal als Gewinn, und dann noch obenein als Verdienst (die innere Zu- rechnung, selbst Urheber desselben zu sein). — Erarbeitetes Geld vergnügt, wenigstens dauerhafter, als im Glücks- spiel gewonnenes, und wenn man auch über das All- gemeinschädliche der Lotterie wegsiehet, so liegt doch im Gewinn durch dieselbe etwas, dessen sich ein wohl- denkender Mensch schämen muss. — Ein Uebel, woran eine fremde Ursache schuld ist, schmerzt; aber woran man selbst schuld ist, betrübt und schlägt nieder.

Wie ist es aber zu erklären oder zu vereinigen, dass bei einem Uebel, was Jemandem von Anderen widerfährt, zweierlei Sprache geführt wird? — So sagt z. B. einer der Leidenden: „Ich wollte mich zufrieden geben, wenn ich nur die mindeste Schuld daran hätte"; ein zweiter aber: „Es ist mein Trost, dass ich daran ganz un- schuldig bin". — Unschuldig leiden, entrüstet; weil es Beleidigung von einem Anderen ist. — Schuldig leiden, schlägt nieder, weil es innerer Vorwurf ist. — Man siehet leicht, dass von jenen Beiden der Zweite der bessere Mensch ist.61) Es ist eben nicht die lieblichste Bemerkung am Menschen, dass ihr Vergnügen durch Vergleichung mit dem Schmerze Anderer erhöht, der eigene Schmerz aber durch die Vergleichung mit Anderer ähnlichen oder noch grösseren Leiden vermindert wird. Diese Wirkung aber blos psychologisch (nach dem Satze des Contrastes 2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §.64. 149 (opposita juxta se posita magis elucescunt) und hat keine Beziehung aufs Moralische: etwa Anderen Leiden zu wünschen, damit man die Behaglichheit seines eigenen Zustandes desto inniglicher fühlen möge. Man leidet vermittelst der Einbildungskraft mit dem Anderen mit (sowie, wenn man Jemandem, der aus dem Gleichgewicht gekommen, dem Falle nahe sieht, man unwillkürlich und vergeblich sich auf die Gegenseite hinbeugt, um ihn gleichsam gerade zu stellen) und ist nur froh, in das- selbe Schicksal nicht auch verflochten zu sein. *) Daher läuft das Volk mit heftiger Begierde, die Hinführung eines Delinquenten und dessen Hinrichtung anzusehen, als zu einem Schauspiel. Denn die Gemüthsbewegungen und Gefühle, die sich an seinem Gesicht und Betragen äussern, wirken sympathetisch auf den Zuschauer und hinterlassen, nach der Beängstigung desselben durch die Einbildungskraft (deren Stärke durch die Feierlichkeit noch erhöht wird), das sanfte, aber doch ernste Gefühl einer Abspannung, welche den darauf folgenden Lebens- genuss desto fühlbarer macht.

Auch wenn man seinen Schmerz mit andern mög- lichen an seiner eigenen Person vergleicht, wird er da- durch doch erträglicher. Dem, welcher ein Bein ge- brochen hat, kann man dadurch sein Unglück doch er- träglicher machen, wenn man ihm zeigt, dass es leicht hätte das Genick treffen können.

Das gründlichste und leichteste Besänftigungsmittel aller Schmerzen ist der Gedanke, den man einem ver- nünftigen Menschen wohl anmuthen kann: dass das Leben überhaupt, was den Genuss desselben betrifft, der *) Suave f), mari magno, turbantibus aequora ventis, E terra alterius magnum spectare laborem. Non quia vexari quenquam est jucunda voluptas, Sed quibus ipse malis careas, quia cernere suave est.

Lucret.

(Es ist süss, vom Lande aus den schweren Kampf Anderer auf hoher See und im tosenden Sturm anzuschauen; nicht weil die Qual Anderer eine Lust ist, sondern weil man selbst frei von der Noth ist, die zu schauen so angenehm ist.)

t) 1. Ausg.: nDulceu.

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von Glücksumständen abhängt, gar keinen eigenen Werth, und nur was den Gebrauch desselben anlangt, zu welchen Zwecken es gerichtet ist, einen Werth habe, den nicht das Glück, sondern allein die Weisheit dem Menschen verschaffen kann; der also in seiner Gewalt ist. Wer ängstlich wegen des Verlustes desselben bekümmert ist, wird des Lebens nie froh werden. 62) Vom Gefühl für das Schöne, d. i. ff) der theils sinn- lichen, theils intellectuellen Lust in der reflectirten Anschauung oder dem Geschmack.

Geschmack, in der eigentlichen Bedeutung des Wortes, ist, wie schon oben gesagt ttt)> die Eigenschaft eines Organs (der Zunge, des Gaumens und des Schlundes, von gewissen aufgelösten Materien im Essen oder Trinken specifiseh afficirt zu werden. Er ist in seinem Ge- brauch entweder blos als Unterscheidungs- oder auch zugleich als Wohlgeschmack zu verstehen (z. B. ob etwas süss oder bitter sei, oder ob das Ge- kostete [süsse oder bittere] angenehm sei;. Der erstere kann allgemeine Uebereinstimniung in der Art, wie ge- wisse Materien zu benennen sind, der letztere aber kann niemals ein allgemein gültiges Urtheil abgeben: dass nämlich (z. B. das Bittere), was mir angenehm ist, auch Jedermann angenehm sein werde. Der Grund davon ist klar: weil Lust oder Unlust nicht zum Er- kenntnissvermögen in Ansehung der Objecte gehören, sondern Bestimmungen des Subjects sind, also äusseren Gegenständen nicht beigelegt werden können. — Der Wohlgeschmack enthält also zugleich den Begriff von einer Unterscheidung durch Wohlgefallen oder Missfallen, f) 1. Ausg.: „Zweiter Abschnitt." ff) 1. Ausg.: „oder" ttt) nwie ' ' • gesagt?" Zusatz der 2. Ausg.

2. Buch. Das Gefühl der Lust und Unlust. §. 65. 151 welche ich mit der Vorstellung des Gegenstandes in der Wahrnehmung oder Einbildung verbinde.

Nun wird aber auch das Wort Geschmack für ein sinnliches Beurtheilungsvermögen genommen, nicht blos nach der Sinnesempfindung für mich selbst, sondern auch nach einer gewissen Regel zu wählen, die als für Jedermann geltend vorgestellt wird. Diese Regel kann empirisch sein; wo sie aber alsdann auf keine wahre Allgemeinheit, folglich auch nicht Nothwendigkeit (es müsse im Wohlgeschmack jedes Anderen Urtheil mit dem meinigen übereinstimmen), — Anspruch machen kann. So gilt nämlich die Geschmacksregel in Ansehung der Mahlzeiten, für die Deutschen mit einer Suppe, für Engländer aber mit derber Kost anzufangen; weil eine durch Nachahmung allmälig verbreitete Gewohnheit es zur Regel der Anordnung einer Tafel gemacht hat.

Aber es giebt auch einen Wohlgeschmack, dessen Regel a priori begründet sein muss, weil sie Noth- wendigkeit, folglich auch Gültigkeit für Jedermann ankündigt, wie die Vorstellung eines Gegenstandes in Beziehung auf das Gefühl der Lust oder Unlust zu be- urtheilen sei (wo also die Vernunft ingeheim mit im Spiel ist, ob man zwar das Urtheil derselben nicht aus Vernunftprincipien ableiten und es darnach beweisen kann), und diesen Geschmack könnte man den ver- nünftelnden, zum Unterschiede vom empirischen als dem Sinnengeschmack (jenen gustus reflectens, diesen refleocus) nennen.

Alle Darstellung seiner eigenen Person oder seiner Kunst mit Geschmack setzt einen gesellschaft- lichen Zustand (sich mitzutheilen) voraus, der nicht immer gesellig, theilnehmend an der Lust Anderer, sondern im Anfange gemeiniglich barbarisch, ungesellig und blos wetteifernd ist. — In völliger Einsamkeit wird Niemand sich sein Haus schmücken oder ausputzen; er wird es auch nicht gegen die Seinigen (Weib und Kinder), sondern nur gegen Fremde thun, um sich vortheilhaft zu zeigen. Im Geschmack (der Auswahl) aber, d. i. in der ästhetischen Urtheilskraft, ist es nicht un- mittelbar die Empfindung (das Materiale der Vor- stellung des Gegenstandes), sondern wie es die freie (productive) Einbildungskraft durch Dichtung zusammen-