SigPhi · Immanuel Kant

Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (German)

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Die Charakterisirung des Menschen als eines ver- nünftigen Thieres liegt schon in der Gestalt und Organi- sation seiner Hand, seiner Finger und Finger- spitzen, deren theils Bau, theils zartes Gefühl, da- durch die Natur ihn nicht für eine Art der Handhabung der Sachen, sondern unbestimmt für alle, mithin für den Gebrauch der Vernunft geschickt macht, und da- durch die technische oder Geschicklichkeitsanlage seiner Gattung als eines vernünftigen Thieres bezeichnet hat.

IL Die pragmatische Anlage der Civilisirung durch Cultur, vornehmlich der Umgangseigenschaften und der natürliche Hang seiner Art, im gesellschaft- lichen Verhältnisse aus der Rohigkeit der blossen Selbst- gewalt herauszugehen und ein gesittetes (wenngleich noch nicht sittliches) zur Eintracht bestimmtes Wesen zu werden, ist nun eine höhere Stufe. — Er ist einer Erziehung, sowohl in Belehrung, als Zucht (Disciplin) fähig und bedürftig. Hier ist nun (mit oder gegen Rousseau) die Frage: ob der Charakter seiner Gattung ihrer Naturanlage nach sich besser bei der Rohigkeit seiner Natur, als bei den Künsten der Cultur, welche kein Ende absehen lassen, befinden werde? — Zu- vörderst muss man anmerken, dass bei allen übrigen, sich selbst überlassenen Thieren jedes Individuum seine ganze Bestimmung erreicht, bei den Menschen aber allen- falls nur die Gattung; so dass sich das menschliche Geschlecht nur durch Fortschreiten, in einer Reihe unabsehlich vieler Generationen, zu einer Bestimmung empor arbeiten kann; wo das Ziel ihm doch immer noch im Prospecte bleibt, gleichwohl aber die Tendenz zu diesem Endzwecke, zwar wohl öfters gehemmt, aber nie ganz rückläufig werden kann.

III. Die moralische Anlage. Die Frage ist hier: ob der Mensch von Natur gut oder von Natur böse, oder von Natur gleich für Einen oder das Andere empfänglich sei, nachdem er in diese oder jene ihn lehrung (gleich einer Tradition) beibrachte; wie man auch sieht, dass Finken und Nachtigallen in verschiedenen Ländern auch einige Verschiedenheit in ihren Schlägen anbringen.

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bildenden Hände fällt {cereus in Vitium flecti etc.) [wie Wachs biegsam in's Schlechte]. Im letzteren Falle würde die Gattung selbst keinen Charakter haben. — Aber dieser Fall widerspricht sich selbst; denn ein mit prak- tischem Vernunftvermögen und Bewusstsein der Freiheit seiner Willkür ausgestattetes Wesen (eine Person) sieht sich in diesem Bewusstsein, selbst mitten in den dunkelsten Vorstellungen, unter einem Pflichtgesetze und im Gefühl (welches dann das moralische heisst), dass ihm oder durch ihn Anderen recht oder unrecht geschehe. Dieses ist nun schon selbst der intelligible Charakter der Menschheit überhaupt, und insofern ist der Mensch seiner angeborenen Anlage nach (von Natur) gut. Da aber doch auch die Erfahrung zeigt, dass in ihm ein Hang zur thätigen Begehrung des Unerlaubten, ob er gleich weiss, dass es unerlaubt sei, d. i. zum Bösen sei, der sich so unausbleiblich und so früh regt, als der Mensch nur von seiner Freiheit Gebrauch zu machen anhebt, und darum als angeboren betrachtet werden kann; so ist der Mensch, seinen sensiblen Charakter nach, auch als (von Natur) böse zu beurtheilen, ohne dass sich dieses widerspricht, wenn vom Charakter der Gattung die Rede ist; weil man annehmen kann, dass die Natur -Bestimmung dieser im continuirlichen Fortschreiten zum Besseren bestehe.

Die Summe der pragmatischen Anthropologie in An- sehung der Bestimmung des Menschen und die Charakte- ristik seiner Ausbildung ist folgende. Der Mensch ist durch seine Vernunft bestimmt, in einer Gesellschaft mit Menschen zu sein, und in ihr sich durch Kunst und Wissenschaften zu cultiviren, zu civilisiren und zu moralisiren; wie gross auch sein thierischer Hang sein mag, sich den Anreizen der Gemächlich- keit und des Wohllebens, die er Glückseligkeit nennt, passiv zu überlassen; sondern vielmehr thätig, im Kampf mit den Hindernissen, die ihm von der Rohig- keit seiner Natur anhängen, sich der Menschheit würdig zu machen.

Der Mensch muss also zum Guten erzogen werden; der aber, welcher ihn erziehen soll, ist wieder ein Mensch, der noch in der Rohigkeit der Natur liegt und nun E. Der Charakter der Gattung.

doch dasjenige bewirken soll, was er selbst bedarf. Daher die beständige Abweichung von seiner Bestimmung mit immer wiederholten Einlenkungen zu derselben. — Wir wollen die Schwierigkeiten der Auflösung dieses Problems und die Hindernisse derselben anführen.

A.

A.

Die erste physische Bestimmung desselben besteht in dem Antriebe des Menschen zur Erhaltung seiner Gattung, als Thiergattung. — Aber hier wollen nun schon die Naturepochen seiner Entwicklung mit den bürgerlichen nicht zusammentreffen. Nach der erst er en ist er im Naturzustande wenigstens in seinem 15ten Lebensjahre durch den Geschlechtsinstiiict a n - getrieben und auch vermögend, seine Art zu erzeugen und zu erhalten. Nach der zweiten kann er es (im Durchschnitte) vor dem 20sten schwerlich wagen. Denn wenn der Jüngling gleich früh genug das Vermögen hat, seine und seines Weibes Neigung als Weltbürger zu befriedigen, so hat er doch lange noch nicht das Vermögen, als Staatsbürger sein Weib und Kind zu er- halten. — Er muss ein Gewerbe erlernen, sich in Kund- schaft bringen, um ein Hauswesen mit einem Weibe anzufangen; worüber aber in der geschliffeneren Volks- klasse auch wohl das 25ste Jahr verfliessen kann, ehe er zu seiner Bestimmung reif wird. — Womit füllt er nun diesen Zwischenraum einer abgenöthigten und un- natürlichen Enthaltsamkeit aus? Kaum anders als mit Lastern.

B.

B.

Der Trieb zur Wissenschaft, als einer die Mensch- heit veredelnden Cultur, hat im Ganzen der Gattung keine Proportion zur Lebensdauer. Der Gelehrte, wenn er bis dahin in der Cultur vorgedrungen ist, um das Feld derselben selbst zu erweitern, wird durch den Tod abgerufen, und seine Stelle nimmt der ABC -Schüler ein, der kurz vor seinem Lebensende, nachdem er ebenso einen Schritt weiter gethan hat, wiederum seinen Platz einem Andern überlässt. — Welche Masse von Kennt- Kant, Anthropologie.

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nissen, welche Erfindung neuer Methoden würde nun schon vorräthig da liegen, wenn ein Archimed, ein "Newton oder Lavoisier mit seinem Fleiss und Talent, ohne Verminderung der Lebenskraft, von der Natur mit einem Jahrhunderte durch fortdauernden Alter wäre be- günstigt worden? Nun aber ist das Fortschreiten der Gattung in Wissenschaften immer nur fragmentarisch (der Zeit nach) und gewährt keine Sicherheit wegen des Rückganges, womit es durch dazwischen tretende staats- umwälzende Barbarei immer bedroht wird.

C.

C.

Ebensowenig scheint die Gattung in Ansehung von Glückseligkeit, wozu beständig hin zu streben ihn seine Natur antreibt, die Vernunft aber auf die Be- dingung der Würdigkeit, glücklich zu sein, d. i. der Sittlichkeit einschränkt, ihre Bestimmung zu erreichen. — Man darf eben nicht die hypochondrische (übellaunige) Schilderung, die Rousseau vom Menschengeschlecht macht, das aus dem Naturzustande herauszugehen wagt, für Anpreisung wieder daliin ein- und in die Wälder zurückzukehren, als dessen wirkliche Meinung annehmen, womit er die Schwierigkeit für unsere Gattung, in das Gleis der continuirlichen Annäherung zu ihrer Be- stimmung zu kommen, ausdrückte; man darf sie nicht aus der Luft greifen; — die Erfahrung alter und neuer Zeiten muss jeden Denkenden hierüber verlegen und zweifelhaft machen, ob es mit unserer Gattung jemals besser stehen werde.

Seine drei Schriften von dem Schaden, den 1) der Ausgang aus der Natur in die Cultur unserer Gattung, durch Schwächung unserer Kraft; 2) die Civilisirung, durch Ungleichheit und wechselseitige Unterdrückung; 3) die vermeinte Moralisirung, durch naturwidrige Erziehung und Missbildung der Denkungsart angerichtet hat: — diese drei Schriften, sage ich, welche den Natur- zustand gleich als einen Stand der Unschuld vorstellig machten (wohin wieder zurückzukehren der Thorwächter eines Paradieses mit feurigem Schwert verhindert), sollten nur seinem Socialcontract, seinem „Emil " und seinem „savoyardischen Vicar" zum Leitfaden dienen, aus dem Irrsal der Uebel sich heraus zu finden, womit sich E. Der Charakter der Gattung.

unsere Gattung durch ihre eigene Schuld umgeben hat. — Rousseau wollte im Grunde nicht, dass der Mensch wiederum in den Naturzustand zurückgehen, sondern von der Stufe, auf der er jetzt steht, dahin zurücksehen sollte. Er nahm an: der Mensch sei von Natur (wie sie sich vererben lässt) gut, aber auf negative Art, nämlich von selbst und absichtlich nicht böse zu sein, sondern nur in Gefahr, von bösen oder ungeschickten Führern und Beispielen angesteckt und verdorben zu werden. Da nun aber hiezu wiederum gute Menschen erforder- lich sind, die dazu selbst haben erzogen werden müssen, und deren es wohl keinen geben wird, der nicht (an- geborene oder zugezogene) Verdorbenheit in sich hätte, so bleibt das Problem der moralischen Erziehung für unsere Gattung selbst der Qualität des Princips, nicht blos dem Grade nach, unaufgelöst; weil ein ihr angeborener böser Hang wohl durch die allgemeine Menschenvernunft getadelt, allenfalls auch gebändigt, dadurch aber doch nicht vertilgt wird. 92) In einer bürgerlichen Verfassung welche der höchste Grad der künstlichen Steigerung der guten Anlage in der Menschengattung zum Endzwecke ihrer Bestimmung ist, ist doch die Thierheit früher und im Grunde mächtiger als die reine Menschheit in ihren Aeusse- rungen, und das zahme Vieh ist nur durch Schwächung dem Menschen nützlicher als das wilde. Der eigene Wille ist immer in Bereitschaft, in Widerwillen gegen seinen Nebenmenschen auszubrechen, und strebt jederzeit, seinen Anspruch auf unbedingte Freiheit, nicht blos un- abhängig, sondern selbst über andere, ihm von Natur gleiche Wesen Gebieter zu sein; welches man auch an dem kleinsten Kinde schon gewahr wird *); weil die Natur in ihm von der Cultur zur Moralität, nicht (wie *) Das Geschrei, welches ein kaum geborenes Kind hören lässt, hat nicht den Ton des Jammerns, sondern der Ent- rüstung und aufgebrachten Zorns an sich; nicht aus Schmerz, sondern aus Verdruss über etwas f); vermuthlich darum, f) 1. Ausg.: „nicht weil ihm etwas schmerzt, sondern weil ihm etwas verdriesst"; 260 Anthropologie. IT. Theil. Anthropol. Charakteristik.

es doch die Vernunft vorschreibt), von der Moralität und ihrem Gesetze anhebend, zu einer darauf angelegten zweckmässigen Cultur hinzuleiten strebt; welches un- vermeidlich eine verkehrte, zweckwidrige Tendenz ab- giebt; z. B. wenn Religionsunterricht, der noth wendig eine moralische Cultur sein sollte, mit der histo- rischen, die blos Gedächtnisscultur ist, anhebt und daraus Moralität zu folgern vergeblich sucht.

Die Erziehung des Menschengeschlechts im Ganzen ihrer Gattung, d. i. collectiv genommen (universonm), nicht aller Einzelnen {singulomm), wo die Menge nicht ein System, sondern nur ein zusammengelesenes Aggregat weil es sich bewegen will und sein Unvermögen dazu gleich als eine Fesselung fühlt, wodurch ihm die Freiheit genommen wird. — Was mag doch die Natur hiemit für eine Ab- sicht haben, dass sie das Kind mit lautem Geschrei auf die Welt kommen lässt, welches doch für dasselbe und die Mutter im rohen Natur zustande von äusserster Gefahr ist? Denn ein Wolf, ein Schwein sogar, würde ja dadurch angelockt, in Abwesenheit, oder bei der Entkräftung desselben durch die Niederkunft, es zu fressen. Kein Thier aber, ausser dem Menschen (wie er jetzt ist), wird beim Geborenwerden seine Existenz laut ankündigen; welches von der Weis- heit der Natur so angeordnet zu sein scheint., um die Art zu erhalten. Man muss also annehmen, dass in der frühen Epoche der Natur in Ansehung dieser Thierklasse (nämlich des Zeitlaufs der Rohigkeit) dieses Lautwerden des Kindes bei seiner Geburt noch nicht war; mithin nur späterhin eine zweite Epoche, nachdem beide Eltern schon zu derjenigen Cultur, die zum häuslichen Leben nothwendig ist. gelangt waren, eingetreten ist, ohne dass wir wissen, wrie die Natur und durch welche mitwirkende Ursachen sie eine solche Ent- wicklung veranstaltete. Diese Bemerkung führt weit, z. B. auf den Gedanken: ob nicht auf dieselbe zweite Epoche, bei grossen Naturrevolutionen, noch eine dritte folgen dürfte; da ein Orangoutang oder ein Schimpanse die Organe, die zum Gehen, zum Befühlen der Gegenstände und zum Sprechen dienen, sich zum Gliederbau eines Menschen ausbildete, deren Innerstes ein Organ für den Gebrauch des Verstandes ent- hielte lind durch gesellschaftliche Cultur sich allmälig ent- wickelte.

E. Der Charakter der Gattung.

abgiebt, das Hinstreben zu einer bürgerlichen, auf dem Freiheits-, zugleich aber auch gesetzmässigen Zwangs- Princip zu gründenden Verfassung in's Auge gefasst, er- wartet der Mensch doch nur von der Vorsehung, d. i. von einer Weisheit, die nicht die seine, aber doch die (durch seine eigene Schuld) ohnmächtige Idee seiner eigenen Vernunft ist, — diese Erziehung von oben herab, sage ich, ist heilsam, aber rauh und strenge, durch viel Ungemach und bis nahe an die Zerstörung des ganzen Geschlechts reichende Bearbeitung der Natur, nämlich der Hervorbringung des vom Menschen nicht beabsichtigten, aber, wenn es einmal da ist, sich ferner erhaltenden Guten, aus dem innerlich mit sich selbst immer sich veruneinigenden Bösen. Vorsehung bedeutet eben- dieselbe Weisheit, welche wir in der Erhaltung der Species organisirter, an ihrer Zerstörung beständig arbeitender und dennoch sie immer schützender Natur- wesen mit Bewunderung wahrnehmen, ohne darum ein höheres Princip in der Vorsorge anzunehmen, als wir es für die Erhaltung der Gewächse und Thiere anzunehmen schon im Gebrauch haben. — Uebrigens soll und kann die Menschengattung selbst Schöpferin ihres Glücks sein; nur dass sie es sein wird, lässt sich nicht a priori aus den uns von ihr bekannten Naturanlagen, sondern nur aus der Erfahrung und Geschichte mit so weit ge- gründeter Erwartung schliessen, als nöthig ist, an diesem ihrem Fortschreiten zum Besseren nicht zu verzweifeln, sondern mit aller Klugheit und moralischer Vorleuchtung die Annäherung zu diesem Ziele (ein Jeder, so viel an ihm ist) zu befördern.

Man kann also sagen: der erste Charakter der Menschengattung ist das Vermögen, als vernünftigen Wesens, sich, für seine Person sowohl als für die Gesell- schaft, worin ihn die Natur versetzt, einen Charakter über- haupt zu verschaffen; welches aber schon eine günstige Naturanlage und einen Hang zum Guten in ihm voraus- setzt; weil das Böse (da es Widerstreit mit sich selbst bei sich führt und kein bleibendes Princip in sich selbst ver- stattet) eigentlich ohne Charakter ist.

Der Charakter eines lebenden Wesens ist das, woraus sich eine Bestimmung zum Voraus erkennen lässt. — Man kann es aber für die Zwecke der Natur als Grund- 262 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.

satz annehmen: sie wolle, dass jedes Geschöpf seine Be- stimmung erreiche, dadurch, dass alle Anlagen seiner Natur sich zweckmässig für dasselbe entwickeln, damit, wenngleich nicht jedes Individuum, doch die Species die Absicht derselben erfülle. — Bei vernunftlosen Thieren geschieht dieses wirklich und ist Weisheit der Natur; beim Menschen aber erreicht es nur die Gattung, wovon wir unter vernünftigen Wesen auf Erden nur eine, nämlich die Menschengattung kennen, und in dieser auch nur eine Tendenz der Natur zu diesem Zwecke: nämlich durch ihre eigene Thätigkeit die Entwickelung des Guten aus dem Bösen dereinst zu Stande zu bringen, ein Prospect, der, wenn nicht Naturrevolutionen ihn auf einmal ab- schneiden, mit moralischer (zur Pflicht der Hinwirkung zu jenem Zweck hinreichender) Gewiss heit erwartet werden kann. — Denn es sind Menschen, d. i. zwar bös- geartete, aber doch mit erfindungsreicher, dabei auch zu- gleich mit einer moralischen Anlage begabte, vernünftige Wesen, welche die Uebel, die sie sicli unter einander selbstsüchtig anthun, bei Zunahme der Cultur nur immer desto stärker fühlen und, indem sie kein anderes Mittel dagegen vor sich sehen, als den Privatsinn (Einzelner) dem Gemeinsinn (Aller vereinigt), obzwar ungern, einer Disciplin des bürgerlichen Zwanges zu unterwerfen, der sie sich aber nur nach von ihnen selbst gegebenen Ge- setzen unterwerfen, durch dies Bewusstsein sich veredelt fühlen, nämlich zu einer Gattung zu gehören, die der Be- stimmung des Menschen, so wie die Vernunft sie ihm im Ideal vorstellt, angemessen ist. -n) Grundzüge der Schilderung des Charakters der Menschengattung.

I. Der Mensch war nicht bestimmt wie das Hausvieh zu einer Heerde, sondern wie die Biene zu einem Stock zu gehören. — Notwendigkeit, ein Glied irgend einer bürgerlichen Gesellschaft zu sein.

Die einfachste, am wenigsten gekünstelte Art, eine solche zu errichten, ist die eines Weisers in diesem Korbe (die Monarchie). — Aber viele solcher Körbe E. Der Charakter der Gattung.

neben einander befehden sich bald als Raubbienen (der Krieg), doch nicht, wie es Menschen thun, um den ihrigen durch Vereinigung mit dem anderen zu ver- stärken, — denn hier hört das Gleichniss auf, — sondern blos den Fleiss des anderen mit List oder Gewalt für sich zu benutzen. Ein jedes Volk sucht sich durch Unterjochung benachbarter zu verstärken; und, es sei Vergrösserungssucht oder Furcht von dem anderen verschlungen zu werden, wenn man ihm nicht zuvorkommt, so ist der innere oder äussere Krieg in unserer Gattung, so ein grosses Uebel er auch ist, doch zugleich die Triebfeder, aus dem rohen Natur- zustande in den bürgerlichen überzugehen, als ein Maschinenwesen der Vorsehung, wo die einander ent- gegenstrebenden Kräfte zwar durch Reibung einander Abbruch thun, aber doch durch den Stoss oder Zug anderer Triebfedern lange Zeit im • regelmässigen Gange erhalten werden.

II. Freiheit und Gesetz (durch welche jene ein- geschränkt wird) sind die zwei Angeln, um welche sich die bürgerliche Gesetzgebung dreht. — Aber damit das letztere auch von Wirkung und nicht leere Anpreisung sei, so muss ein Mittleres*) hinzukommen, nämlich Ge- walt, welche mit jenen verbunden, diesen Principien Erfolg verschafft. — Nun kann man sich aber vielerlei Combinationen der letzteren mit den beiden ersteren denken.

A. Gesetz und Freiheit, ohne Gewalt (Anarchie).

B. Gesetz und Gewalt, ohne Freiheit (Despotismus).

C. Gewalt, ohne Freiheit und Gesetz (Barbarei).

D. Gewalt, mit Freiheit und Gesetz (Republik).

Man sieht, dass nur die letztere eine wahre bürger- liche Verfassung genannt zu werden verdiene; wobei man aber nicht auf eine der drei Staatsformen (Demo- kratie) hinzielt, sondern unter Republik nur einen Staat überhaupt versteht und das alte Brocardicon: salus civitatis (nicht civium) saprema lex esto, nicht bedeutet: das Sinnen wohl des gemeinen Wesens (die Glückselig - *) Analogisch dem medius terminus in einem Syllogismus, welcher mit Subject und Prädicat des Urtheils verbunden, die vier syllogistischen Figuren abgiebt.

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keit der Bürger) solle zum obersten Princip der Staats- verfassung dienen; denn dieses Wohlergehen, was ein Jeder nach seiner Privatneigung so oder anders sieh vormalt, taugt gar nicht zu irgend einem objectiven Princip, als welches Allgemeinheit fordert, sondern jene Sentenz sagt nichts weiter als: das Ver Standeswohl, die Erhaltung der einmal bestehenden Staatsverfassung, ist das höchste Gesetz einer bürgerlichen Gesellschaft überhaupt; denn diese besteht nur durch jene.

Der Charakter der Gattung, so wie er aus der Er- fahrung aller Zeiten und unter allen Völkern kundbar wird, ist dieser: dass sie, colleötiv (als ein Ganzes des Menschengeschlechts) genommen, eine nach und neben einander existirende Menge von Personen ist, die das friedliche Beisammensein nicht entbehren und dabei dennoch einander beständig widerwärtig zu sein nicht vermeiden können; folglich durch wechselseitigen Zwang unter von ihnen selbst ausgehenden Gesetzen zu einer beständig mit Entzweiung bedrohten, aber allgemein fort- schreitenden Coalition in eine weltbürgerliche Ge- sellschaft (cosmopolitismus) sich von der Natur be- stimmt fühlen; welche an sich unerreichbare Idee aber kein constitutives Princip (der Erwartung eines mitten in der lebhaftesten Wirkung und Gegenwirkung der Menschen bestehenden Friedens), sondern nur ein regu- latives Princip ist: ihr, als der Bestimmung des Menschen- geschlechts, nicht ohne gegründete Vermuthuug einer natürlichen Tendenz zu derselben, fieissig nachzugehen.

Fragt man nun: ob die Menschengattung (welche, wenn man sie sich als eine Species vernünftiger Erd- wesen, in Vergleichung mit denen auf anderen Planeten, als von einem Demiurgus entsprungene Menge Geschöpfe denkt, auch Ptace genannt werden kann) — ob, sage ich, sie als eine gute oder schlimme Race anzusehen sei, so muss ich gestehen, dass nicht viel damit zu prahlen sei. Doch wird Jemand, der das Benehmen der Menschen, nicht blos in der alten Geschichte, sondern in der Geschichte des Tages in's Auge nimmt, zwar oft versucht werden, misanthropisch den Timon, weit öfterer aber und treffender den Momus in seinem Ür- theile zu machen und Thorheit eher als Bosheit in dem Charakterzuge unserer Gattung hervorstechend finden.

E. Der Charakter der Gattung. 265 Weil aber Thorheit, mit einem Liniamente von Bosheit verbunden (da sie alsdann Narrheit heisst), in der mora- lischen Physiognomik an unserer Gattung nicht zu ver- kennen ist, so ist allein schon aus der Verheimlichung eines guten Theils seiner Gedanken, die ein jeder kluge Mensch nöthig findet, klar genug zu ersehen: dass in unserer Race Jeder es gerathen finde, auf seiner Hut zu sein und sich nicht ganz erblicken zu lassen, wie er ist; welches schon den Hang unserer Gattung, übel gegen einander gesinnt zu sein, verräth.

Es könnte wohl sein, dass auf irgend einem anderen Planeten vernünftige Wesen wären, die nicht anders als laut denken könnten, d. i. im Wachen, wie im Träumen, sie möchten in Gesellschaft oder allein sein, keine Ge- danken haben könnten, die sie nicht zugleich aus- sprächen. Was würde das für ein von unserer Menschen- gattung verschiedenes Verhalten gegen einander für eine Wirkung abgeben? Wenn sie nicht Alle engelrein wären, so ist nicht abzusehen, wie sie neben einander auskommen, Einer für den Anderen nur einige Achtung haben und sich mit einander vertragen könnten. — Es gehört also schon zur ursprünglichen Zusammensetzung eines menschlichen Geschöpfs und zu seinem Gattungs- begriffe: zwar Anderer Gedanken zu erkunden, die seinigen aber zurückzuhalten; welche saubere Eigenschaft denn so allmälig von Verstellung zur vorsätzlichen Täuschung, bis endlich zur Lüge fortzuschreiten nicht ermangelt. Dieses würde dann eine Carricatur- zeichnung unserer Gattung abgeben; die nicht blos zum gutmüthigen Belachen derselben, sondern zur Ver- achtung in dem, was ihren Charakter ausmacht, und zum Geständnisse; dass diese Race vernünftiger Welt- wesen unter den übrigen (uns unbekannten) keine ehren- werthe Stelle verdiene, berechtigte *) —, wenn nicht gerade eben dieses verwerfende Urtheil eine moralische Anlage in uns, eine angeborene Aufforderung der Vernunft ver- *) Friedrich II. fragte einmal den vortrefflichen Sulz er, den er nach Verdiensten schätzte, und dem er die Direction der Schulanstalten in Schlesien aufgetragen hatte, wie es damit ginge. Sulz er antwortete: „seitdem dass man auf dem Grund- 266 Anthropologie. II. Theil. Anthropol. Charakteristik.

riethe, auch jenem Hange entgegenzuarbeiten, mithin die Menschengattung nicht als böse, sondern als eine aus dem Bösen zum Guten in beständigem Fortschreiten unter Hindernissen emporstrebende Gattung vernünftiger Wesen darzustellen; wobei dann ihr Wollen, im All- gemeinen, gut, das Vollbringen aber dadurch erschwert ist, dass die Erreichung des Zwecks nicht von der freien Zusammenstimmung der Einzelnen, sondern nur durch fortschreitende Organisation der Erdbürger in und zu der Gattung als einem System, das kosmopolitisch verbunden ist, erwartet werden kann. 94) satz (des Rousseau), dass der Mensch von Natur gut sei, fortgebaut hat, fängt es an, besser zu gehen". „Ah, (sagte der König) rnon eher Suher, vons ne connaissez pas assez eette maudite race ä laquelle nous appartenons". — Zum Charakter unserer Gattung gehört auch, dass sie, zur bürgerlichen Ver- fassung strebend, auch einer Disciplin durch Religion bedarf, damit, was durch äusseren Zwang nicht erreicht werden kann, durch inneren (des Gewissens) bewirkt werde; indem die moralische Anlage des Menschen von Gesetzgebern politisch benutzt wird; eine Tendenz, die zum Charakter der Gattung gehört. Wenn aber in dieser Disciplin des Volks die Moral nicht vor der Religion vorhergeht, so macht sich diese zum Meister über jene und statutarische Religion wird ein Instrument der Staatsgewalt (Politik) unter Glaubensdespoten; ein Uebel, was den Charakter unvermeidlich verstimmt und ver- leitet, mit Betrug (Staatsklugheit genannt) zu regieren; wovon jener grosse Monarch, indem er öffentlich blos der oberste Diener des Staats zu sein bekannte, seufzend in sich das Gegen- theil in seinem Privatgeständniss nicht bergen konnte, doch mit der Entschuldigung für seine Person, diese Verderbtheit der schlimmen Race, welche Menschengattung heisst, zuzurechnen.

DRUCK VON BOCKWITZ & V\E8e- IN LEIPZIG.