SigPhi · Immanuel Kant

Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (German)

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Die Sprache des Staatsoberhaupts zum Volk ist in unseren Zeiten gewöhnlich pluralistisch (Wir N. von Gottes Gnaden u. s. w.). Es fragt sich, ob der Sinn hiebei nicht vielmehr egoistisch, d. i. eigene Machtvoll- kommenheit anzeigend, und ebendasselbe bedeuten solle, was der König von Spanien mit seinem Io el Rey (Ich der König) sagt. Es scheint aber doch, dass jene Förm- lichkeit der höchsten Autorität ursprünglich habe Herab- lassung (Wir, der König und sein Rath, oder die Staude) andeuten sollen. — Wie ist es aber zugegangen, dass die wechselseitige Anrede, welche in den alten klassischen Sprachen durch Du, f) mithin unit arisch, ausgedrückt wurde, von verschiedenen, vornehmlich germanischen Völkern pluralistisch, durch Ihr bezeichnet worden? wozu die Deutschen noch zwei eine grössere Auszeichnung der Person, mit der man spricht, andeutende Ausdrücke, nämlich den des Er und Sie (gleich als wenn es gar keine Anrede, sondern Erzählungen von Abwesenden, und zwar entweder Einem oder Mehreren wäre, er- funden haben; worauf endlich, ff) zu Vollendung aller f) 1. Ausg.: „durch Ich und Du" ff) 1. Ausg.: „durch Ihr und Sie umgewandelt worden? wozu die letztern noch einen mittleren, zur Mässigung der Herabsetzung des Angeredeten ausgedachten Ausdruck (gleich als wenn...erfunden haben; und endlich" 12 Anthropologie. I. Thcil. Anthropolog. Didaktik.

Ungereimtheiten, der vorgeblichen Demüthigung unter dem Angeredeten und Erhebung des Anderen über sich, statt der Person, das Abstraktum der Qualität des Standes des Angeredeten (Ew. Gnaden, Hochgeboren, Hoch- und Wohledlen u. dgl.) in Gebrauch gekommen. — Alles vermuthlich durch das Feudalwesen, nach welchem dafür gesorgt wurde, dassf) von der königlichen Würde an durch alle Abstufungen bis dahin, wo die Menschenwürde gar aufhört und blos der Mensch bleibt, d. i. bis zu dem Stande des Leibeigenen, der allein von seinem Oberen durch Du angeredet wird, oder eines Kindes, was noch nicht einen eigenen Willen haben darf, — der Grad der Achtung, der dem Vornehmeren gebührt, ja nicht verfehlt würde. 3) Von dem willkürlichen Bewusstsein seiner Vor- stellungen.

Das Bestreben, sich seiner Vorstellungen bewusst zu werden, ist entweder das Aufmerken (attentio) — oder das Absehen von einer Vorstellung, deren ich mir be- wusst bin (abstractio). — Das letztere ist nicht etwa blosse Unterlassung und Versäumung des ersteren (denn das wäre Zerstreuung, distractio), sondern ein wirklicher Akt des Erkenntnissvermögens, eine Vorstellung, deren ich mir bewusst bin, von der Verbindung mit anderen in einem Bewusstsein abzuhalten. — Man sagt daher nicht, etwas abstrahiren (absondern), sondern von etwas, d. i. einer Bestimmung des Gegenstandes meiner Vorstellung ab- strahlen, wodurch diese die Allgemeinheit eines Begriffs erhält und so in den Verstand aufgenommen wird.

Von einer Vorstellung abstrahiren zu können, selbst wenn sie sich dem Menschen durch den Sinn aufdringt, ist ein weit grösseres Vermögen, als das zu attendiren; weil es eine Freiheit des Denkungsvermögens und die Eigenmacht des Gemüths beweist, den Zustand seiner f) „dafür gesorgt wurde, dass" Zusatz der 1. Ausg.

1. Buch. Vom Erkenntnissvermögen. §.4. 13 Vorstellungen in seiner Gewalt zu haben (animus sui compos). — In dieser Rücksicht ist nun das Ab- straktionsvermögen viel schwerer, aber auch wichtiger, als das der Attention, wenn es Vorstellungen der Sinne betrifft.

Viele Menschen sind unglücklich, weil sie nicht ab- strahiren können. Der Freier könnte eine gute Heirath machen, wenn er- nur über eine Warze im Gesicht oder eine Zahnlücke seiner Geliebten wegsehen könnte. Es ist aber eine besondere Unart unseres Attentionsvermögens, gerade darauf, was fehlerhaft an Anderen ist, auch un- willkürlich seine Aufmerksamkeit zu heften; seine Augen auf einen dem Gesicht gerade gegenüber am Rock fehlen- den Knopf, oder die Zahnlücke, oder einen angewöhnten Sprachfehler zu richten, und den Anderen dadurch zu verwirren, sich selbst aber auch im Umgange das Spiel zu verderben. — Wenn das Hauptsächliche gut ist, so ist es nicht allein billig, sondern auch klüglich gehandelt, über das Ueble an Anderen, ja selbst unseres eigenen Glückszustandes, wegzusehen; aber dieses Vermögen, zu abstrahiren, ist eine Gemüthsstärke, welche nur durch Uebung erworben werden hann. 4) Von dem Beobachten seiner selbst.

Das Bemerken (animadvertere) ist noch nicht ein Beobachten (observare) seiner selbst. Das letztere ist eine methodische Zusammenstellung der an uns selbst ge- machten Wahrnehmungen, welche den Stoff zum Tage- buch eines Beobachters seiner selbst abgiebt und leichtlich zu Schwärmerei und Wahnsinn hinführt.

Das Aufmerken {attentiö) auf sich selbst, wenn man mit Menschen zu thun hat, ist zwar nothwendig, muss aber im Umgange nicht sichtbar werden; denn da macht es entweder genirt (verlegen) oder affektirt (ge- schroben). Das Gegentheil von beiden ist die Un- gezwungenheit (das air degage), ein Vertrauen zu sich selbst, von Anderen in seinem Anstände nicht nach- theilig beurtheiit zu werden. Der, welcher sich so stellt, als ob er sich vor dem Spiegel beurtheilen wolle, wie es 14 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

ihm lasse, oder so spricht, als ob er sich (nicht blos, als ob ein Anderer ihn) sprechen höre, ist eine Art von Schauspieler. Er will repräsentiren und erkünstelt einen Schein von seiner eigenen Person; wodurch, wenn man diese Bemühung an ihm wahrnimmt, er im Ur- theil Anderer einbüsst, weil sie den Verdacht einer Ab- sicht, zu betrügen, erregt, f) — Man nennt die Freimüthig- keit in der Manier, sich äusserlich zu zeigen, die zu keinem solchen Verdacht Anlass giebt, das natürliche Betragen (welches darum doch nicht alle schöne Kunst und Geschmacksbildung ausschliesst) ff), nnd es gefällt durch die blosse Wahrhaftigkeit in Aeusserungen. Wo aber zugleich Offenherzigkeit aus Einfalt, d. i. aus Mangel einer schon zur Regel gewordenen Ver- stellungskunst aus der Sprache hervorblickt, da heisst sie Nai vetät.

Die offene Art, sich zu erklären, an einem der Mann- barkeit sich nähernden Mädchen oder einem mit der städtischen Manier unbekannten Landmann, erweckt durch die Unschuld und Einfalt (die Unwissenheit in der Kunst, zu scheinen) ein fröhliches Lachen bei Denen, die in dieser Kunst schon geübt und gewitzigt sind. Nicht ein Auslachen mit Verachtung; denn man ehrt doch hiebei im Herzen die Lauterkeit und Aufrichtigkeit; sondern ein gutmüthiges liebevolles Belachen der Un- erfahrenheit in der bösen, obgleich auf unsere schon ver- dorbene Menschennatur gegründeten Kunst, zu scheinen, die man eher beseufzen als belachen sollte, wenn man sie mit der Idee einer noch unverdorbenen Natur ver- gleicht.*) Es ist eine augenblickliche Fröhlichheit, wie von einem bewölkten Himmel, der sich an einer Stelle einmal öffnet, den Sonnenstrahl durchzulassen, aber sich sofort wieder zuschliesst, um der blöden Maulwurfsaugen der Selbstsucht zu schonen.

f) 1. Ausg.: „weil sie von einer Absicht, zu betrügen, Ver- dacht erregt".

ff) 1. Ausg.: „Wenn es übrigens doch nicht ohne schöne Kunst und Geschmacksbildung sein mag."

*) In Rücksicht auf dieses könnte man den bekannten Vers des Persius so parodiren: üaturam videant ingemis- cantque relicta.

1. Buch. Vom Erkermtnissveraiögen. §. 4.

15 Was aber die eigentliche Absicht dieses Paragraphs betrifft, nämlich die obige Warnung, sich mit der Ausspähung und gleichsam studirten Abfassung einer inneren Geschichte des unwillkürlichen Laufs seiner Gedanken und Gefühle durchaus nicht zu befassen, so geschieht sie darum, weil es der gerade Weg ist, in Kopfverwirrung vermeinter höherer Eingebungen und, ohne unser Zuthun, wer weiss woher, auf uns einfliessen- den Kräfte, in Iiluminatismus ode#r Terrorismus zu ge- rathen. Denn unvermerkt machen wir hier vermeinte Entdeckungen von dem, was wir selbst in uns hinein- getragen haben; wie eine Bourignon mit schmeichel- haften, oder ein Pascal mit schreckenden und ängst- lichen Vorstellungen, in welchen Fall selbst f) ein sonst vortrefflicher Kopf, Albrecht Haller, gerieth, der bei seinem lange geführten, oft auch unterbrochenem Diarium seines Seelenzustandes zuletzt dahin gelangte, einen be- rühmten Theologen, seinen vormaligen akademischen Kollegen, den Dr. Less, zu befragen: ob er nicht in seinem weitläufigen Schatz der Gottesgelahrtheit Trost für seine beängstigte Seele antreffen könne.

Die verschiedenen Akte der Vorstellungskraft in mir zu beobachten, wenn ich sie herbeirufe, ist des Nachdenkens wohl werth, für Logik und Metaphysik nöthig und nützlich. — Aber sich belauschen zu wollen, so wie sie auch unge rufen von selbst in's Gemüth kommen (das geschieht durch das Spiel der unabsichtlich dichtenden Einbildungskraft), ist, weil alsdann die Principien des Denkens nicht (wie sie sollen) voran- gehen, sondern hintennach folgen, eine Verkehrung der natürlichen Ordnung im Erkenntnissvermögen und ist entweder schon eine Krankheit des Gemüths (Grillen- fängerei), oder führt zu derselben und zum Irrenhause. Wer von inneren Erfahrungen (von der Gnade, von Anfechtungen) viel zu erzählen weiss, mag bei seiner Entdeckungsreise zur Erforschung seiner selbst immer nur in Anticyra vorher anlanden. Denn es ist mit jenen inneren Erfahrungen nicht so bewandt, wie mit den äusseren, von Gegenständen im Raum, worin die Gegenstände neben einander und als bleibend festf) 1. Ausg.: „Pascal und selbst" 16 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

gehalten erscheinen, f) Der innere Sinn zielit die Ver- hältnisse seiner Bestimmungen nur in der Zeit, mithin im Fliessen, wo keine Dauerhaftigkeit der Betrachtung, die doch zur Erfahrung nothwendig ist, stattfindet, tt) 5) Von den Vorstellungen, die wir haben, ohne ihrer bewusst zu sein.

Vorstellungen zu haben und sich ihrer doch nicht bewusst zu sein, darin scheint ein Widerspruch ff) Wenn wir uns die innere Handlung (Spontaneität), wo- durch ein Begriff (ein Gedanke) möglich wird, die Reflexion. die Empfänglichkeit (Receptivität), wodurch eine Wahr- nehmung (perceptio), d. i. empirische Anschauung möglich wird, die Appr ehension, beide Akte aber mit Bewusstsein vorstellen, so kann das Bewusstsein seiner selbst (apperceptio) in das der Reflexion und das der Apprehension eingetheilt werden. Das erstere ist ein Bewusstsein des Verstandes, das zweite der innere Sinn; jenes die reine, dieses die empirische Apperception, da dann jene fälschlich der innere Sinn ge- nannt wird. — In der Psychologie erforschen wir uns selbst nach unseren Vorstellungen des inneren Sinnes: in der Logik aber nach dem, was das intellectuelle Bewusstsein an die Hand giebt. — Hier scheint uns nun das Ich doppelt zu sein (welches widersprechend wäre): 1) das Ich, als Subject des Denkens (in der Logik), welches die reine Apperception be- deutet (das blos reflektirende Ich), und von welchem gar nichts weiter zu sagen, sondern das eine ganz einfache Vorstellung ist; 2) das Ich, als das Objekt der Wahrnehmung, mithin des inneren Sinnes, was eine Mannichfaltigkeit von Bestimmungen enthält, die eine innere Erfahrung möglich machen.

Die Frage ob bei den verschiedenen inneren Veränderungen 'der Gemüths (seines Gedächtnisses oder der von ihm an- genommenen Grundsätze) der Mensch, wenn er sich dieser Ver- änderungen bewusst ist, noch sagen könne: er sei eben- derselbe (der Seele nach), ist eine ungereimte Frage; denn er i. Buch. Vom Erkenntnissvermögen. §.5. 17 zu liegen;!) denn wie können wir wissen, dass wir sie haben, wenn wir uns ihrer nicht bewusst sind? Diesen Einwurf machte schon Locke, der darum auch das Dasein solcher Art Vorstellungen verwarf. — Allein wir können uns doch mittelbar bewusst sein, eine Vorstellung zu haben, ob wir gleich unmittelbar uns ihrer nicht bewusst sind. — Dergleichen Vorstellungen heissen dann dunkle; die übrigen sind klar, und wenn ihre Klarheit sich auch auf die Theilvorstellungen eines Ganzen derselben und ihre Verbindung erstreckt, deutliche Vorstellungen; es sei des Denkens oder der Anschauung.

Wenn ich weit von mir auf einer Wiese einen Menschen zu sehen mir bewusst bin, ob ich gleich seine Augen, Nase, Mund u. s. w. zu sehen mir nicht bewusst bin, so s c h 1 i e s s e ich eigentlich nur, dass dies Ding ein Mensch sei; denn wollte ich darum, weil ich mir nicht be- wusst bin, diese Theile des Kopfs (und so auch die übrigen Theile dieses Menschen) wahrzunehmen, die Vorstellung derselben in meiner Anschauung gar nicht zu haben behaupten, so würde ich auch nicht sagen können, dass ich einen Menschen sehe; denn aus diesen Theil- vorstellungen ist die ganze (des Kopf oder des Menschen) zusammengesetzt.

Dass das Feld unserer Sinnenanschauungen und Empfindungen, deren wir uns nicht bewusst sind, ob wir gleich unbezweifelt beschliessen können, dass wir sie haben, d. i. dunkler Vorstellungen im Menschen (und so auch in Thieren), unermesslich sei, die klaren da- gegen nur unendlich wenige Punkte derselben enthalten, die dem Bewusstseins offen liegen; dass gleichsam auf der grossen Karte unseres Gemüths nur wenig Stellen illuminirt sind, kann uns Bewunderung über unser eigenes Wesen einflössen; denn eine höhere Macht dürfte kann sich dieser Veränderungen nur dadurch bewusst sein, dass er sich in den verschiedenen Zuständen als ein und das- selbe Subject vorstellt, und das Ich des Menschen ist zwar der Form (der Vorstellungsart) nach, aber nicht der Materie (dem Inhalte) nach zwiefach.

f) 1. Ausg.: „§. 5. Es scheint hierin ein Widerspruch zu liegen."

Kant, Anthropologie. o lg Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

nur rufen: es werde Licht! so würde auch ohne Zuthun des Mindesten (z. B. wenn wir einen Literator mit Allem dem nehmen, was er in seinem Gedächtniss hat), gleichsam eine halbe Welt ihm vor Augen liegen. Alles, was das bewaffnete Auge durch's Teleskop (etwa am Monde) oder durch's Mikroskop (an Infusionstierchen) entdeckt, wird durch unsere blossen Augen gesehen; denn diese optischen Mittel bringen ja nicht mehr Licht- strahlen und dadurch erzeugte Bilder in's Auge, als auch ohne jene künstliche Werkzeuge sich auf der Netzhaut gemalt haben würden, sondern breiten sie nur mehr aus, um uns ihrer bewusst zu werden. — Eben das gilt von den Empfindungen des Gehörs, wenn der Musiker mit zehn Fingern und beiden Füssen eine Phantasie auf der Orgel spielt und wohl auch noch mit einem neben ihm Stehenden spricht, wo so eine Menge Vorstellungen in wenig Augenblicken in der Seele erweckt werden, deren jede zu ihrer Wahl überdem noch ein besonderes Ur- theil über die Schicklichkeit bedurfte; weil ein einziger der Harmonie nicht gemässer Fingerschlag sofort als Misslaut vernommen werden würde, und doch das Ganze so ausfällt, dass der frei phantasirende Musiker oft wünschen möchte, manches von ihm glücklich ausgeführte Stück, dergleichen er vielleicht sonst mit allem Fleiss nicht sq gut zu Stande zu bringen hofft, in Noten auf- behalten zu haben.

So ist das Feld dunkler Vorstellungen das grösste im Menschen. — Weil es aber diesen nur in seinem passiven Theile, als Spiel der Empfindungen wahrnehmen lässt, so gehört die Theorie derselben doch nur zur physiologischen Anthropologie, nicht zur pragmatischen f), worauf es hier eigentlich abgesehen ist.

Wir spielen nämlich oft mit dunklen Vorstellungen, und haben ein Interesse, beliebte oder unbeliebte Gegen- stände vor der Einbildungskraft in Schatten zu stellen; öfter aber noch sind wir selbst ein Spiel dunkler Vor- stellungen, und unser Verstand vermag nicht, sich wider die Ungereimtheiten zu retten, in die ihn der Eiufluss der- selben versetzt, ob er sie gleich als Täuschung anerkennt.

So ist es mit der Geschlechtsliebe bewandt, sofern f) „nicht zur pragmatischen" Zusatz der 2. Ausg.

1. Buch. Vom Erkenntnissvermögen. §.5. 19 sie eigentlich nicht das Wohlwollen, sondern vielmehr den Genuss ihres Gegenstandes beabsichtigt. Wie viel Witz ist nicht von jeher verschwendet worden, einen dünnen Flor über das zu werfen, was zwar beliebt ist +), aber doch den Menschen mit der gemeinen Thier- gattung in so naher Verwandtschaft sehen lässt, dass die Schamhaftigkeit dadurch aufgefordert wird, und die Aus- drücke in feiner Gesellschaft nicht unverblümt, wenn- gleich zum Belächeln durchscheinend genug, hervortreten dürfen. — Die Einbildungskraft mag hier gern im Dunkeln spazieren, und es gehört immer nicht gemeine Kunst dazu, wenn, um den Cynismus zu vermeiden, man nicht in den lächerlichen Purismus zu verfallen Gefahr laufen will.

Andererseits sind wir aber auch oft genug das Spiel dunkler Vorstellungen, welche nicht wersch winden wollen, wenn sie gleich der Verstand beleuchtet. Sich das Grab in seinem Garten oder unter einem schattigen Baum, im Felde oder im trockenen Boden zu bestellen, ist oft eine wichtige Angelegenheit für einen Sterbenden; obzwar er im ersteren Fall keine schöne Aussicht zu hoffen, im letzteren aber von der Feuchtigkeit den Schnupfen zu besorgen nicht Ursache hat.

Dass das Kleid den Mann mache, gilt in gewissem Maasse auch für den Verständigen. Das russische Sprüch- wort sagt zwar: „man empfängt den Gast nach seinem Kleide und begleitet ihn nach seinem Verstände"; aber der Verstand kann doch den Eindruck dunkler Vor- stellungen von einer gewissen Wichtigkeit, den eine wohlgekleidete Person macht, nicht verhüten, sondern allenfalls nur das vorläufig über sie gefällte Urtheil hintennach zu berichtigen den Vorsatz haben.

Sogar wird studirte Dunkelheit oft mit gewünschtem Erfolg gebraucht, um Tiefsinn und Gründlichkeit vor- zuspiegeln; wie etwa in der Dämmerung oder durch einen Nebel gesehene Gegenstände immer grösser ge- sehen werden, als sie sind. *) Das Skotison (mach's f) „ist" Zusatz der 2. Ausg.

*) Dagegen beim Tageslicht besehen, scheint das, was heller ist als die umgebenden Gegenstände, auch grösser zu sein, z. B. weisse Strümpfe stellen vollere Waden vor 2* 20 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.

dunkel) ist der Machtspruch aller Mystiker, um durch gekünstelte Dunkelheit Schatzgräber der Weisheit anzu- locken. — Aber überhaupt ist auch ein gewisser Grad des Räthselhaften in einer Schrift dem Leser nicht un- willkommen; weil ihm dadurch seine innere Scharf- sinnigkeit fühlbar wird, das Dunkle in klare Begriffe aufzulösen. 6) Von der Deutlichkeit und Undeutlichkeit im Be- wusstsein seiner Vorstellungen.

Das Bewusstsein seiner Vorstellungen, welches zur Unterscheidung eines Gegenstandes von anderen zu- reicht, ist Klarheit. Dasjenige aber, wodurch auch die Zusammensetzung der Vorstellungen klar wird, heisst Deutlichkeit. Die letztere macht, es allein, dass eine Summe von Vorstellungen Erkenn t n i s s wird; worin dann, weil eine jede Zusammensetzung mit Bewusstsein Einheit desselben, folglich eine Regel für jene voraussetzt, Ordnung in diesem Mannigfaltigen gedacht wird. — Der deutlichen Vorstellung kann man nicht die verworrene (petxeptio confusa), sondern muss ihr blos die undeutliche (minus clara) entgegen- setzen. Was verworren ist, muss zusammengesetzt sein; als schwarze; ein Feuer in der Nacht auf einem hohen Berge angelegt, scheint grösser zu sein, als man es beim Ausmessen befindet. — Vielleicht lässt sich daraus auch die scheinbare Grösse des Mondes und ebenso die dem Anschein nach grössere Weite der Sterne von einander, nahe am Horizont, erklären; denn in beiden Fällen erscheinen uns leuchtende Gegen- stände f ), die nahe am Horizont durch eine mehr verdunkelnde Luftschicht gesehen werden, als hoch am Himmel, und was dunkel ist, wird durch das umgebende Licht auch als kleiner beurtheilt. Beim Scheibenschiessen würde also eine schwarze Scheibe mit einem weissen Zirkel in der Mitte zum Treffen günstiger sein, als umgekehrt.

f) 1. Ausg.: „denn beides stellt leuchtende Gegenstände vor."

denn im Einfachen giebt es weder Ordnung, noch Ver- wirrung. Die letztere ist also die Ursache der Un- deutlichkeit, nicht die Definition derselben. — In jeder vielhaltigen Vorstellung (perceptio complexa), dergleichen ein jedes Erkenntniss ist (weil dazu immer Anschauung und Begriff erfordert wird), beruht die Deutlichkeit auf der Ordnung, nach der die Theil Vorstellungen zusammengesetzt werden, die dann entweder (die blosse Form betreffend) eine blos logische Eintheilung in obere und untergeordnete {perceptio primaria et secundaria)^ oder eine reale Eintheilung in Haupt- und Neben- vorstellungen {perceptio principalis et adhaerens) ver- anlassen; durch welche Ordnung das Erkenntniss deutlich wird. — Man sieht wohl, dass, wenn das Vermögen der Erkenntniss überhaupt Verstand (in der all- gemeinsten Bedeutung des Worts) heissen soll, dieser das Auffassungsvermögen {attentio) gegebener Vorstel- lungen, um Anschauung, das Absonderungsver- mögen dessen, was mehreren gemein ist {abstractio), um Begriff, und das Ueberlegungsvermögen {reflexio) um Erkenntniss des Gegenstandes hervorzubringen, enthalten müsse.

Man nennt Den, welcher diese Vermögen im vorzüg- lichen Grade besitzt, einen Kopf; Den, dem sie in sehr kleinem Maass bescheert sind, einen Pinsel (weil er immer von Anderen geführt zu werden bedarf); Den aber, der sogar Originalität im Gebrauch desselben bei sich führt (kraft deren er, was gewöhnlicher Weise unter fremder Leitung gelernt werden muss, aus sich selbst hervorbringt), ein Genie.

Der nichts gelernt hat, was man doch gelehrt werden muss, um es zu wissen, heisst ein Ignorant, wenn er es hätte wissen sollen, sofern erf) einen Gelehrten vorstellen will; denn ohne diesen Anspruch kann er ein grosses Genie sein. Der, welcher nicht selbst denken, wenngleich viel lernen kann, wird ein be- schränkter ff) Kopf (bornirt) genannt. — Man kann ein vaster Gelehrter (Maschine zur Unterweisung Anderer, wie man selbst unterwiesen worden), und in Ansehung f) 1. Ausg.: „indem er", ff) 1? Ausg.: „sehr beschränkter".

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des vernünftigen Gebrauchs seines historischen Wissens dabei doch sehr bornirt sein. — Der, dessen Ver- fahren mit dem, was er gelernt hat, in der öffentlichen Mittheilung den Zwang der Schule (also Mangel der Freiheit im Selbstdenken) verräth, ist der Pedant; er mag übrigens Gelehrter, oder Soldat, oder gar Hofmann sein. Unter diesen ist der gelehrte Pedant im Grunde noch der erträglichste; weil man doch von ihm lernen kann; dahingegen!) die Peinlichkeit in Formalien (die Pedanterie) bei den Letzteren nicht allein nutzlos, sondern auch, wegen des Stolzes, der den Pedanten unvermeidlich anhängt, obenein lächerlich wird, da es der Stolz eines Ignoranten ist.

Die Kunst aber, oder vielmehr die Gewandtheit, im gesellschaftlichen Tone zu sprechen und sich überhaupt modisch zu zeigen, welche vornehmlich, wenn es Wissen- schaft betrifft, fälschlich Popularität genannt wird, da sie vielmehr geputzte Seichtigkeit heissen sollte tt), deckt manche Armseligkeit des eingeschränkten Kopfs. Aber nur Kinder lassen sich dadurch irre leiten. „Deine Trommel (sagte der Quäker beim Addison zu dem in der Kutsche neben ihm schwatzenden Officier) ist ein Sinnbild von dir; sie klingt, weil sie leer ist."

Um die Menschen nach ihrem Erkenntnissvermögen (dem Verstände überhaupt) zu beurtheilen, theilt man sie in diejenigen ein, denen Gemeinsinn (sensus communis \ der freilich nicht gemein (sensus vulgaris) ist, zu- gestanden werden muss, und in Leute von Wissen- schaft. Die Erstem sind der Regeln Kundige in Fällen der Anwendung (in concreto), die Andern für sich selbst und vor ihrer Anwendung (in abstracto). — Man nennt den Verstand, der zu dem ersteren Erkenntnissvermögen gehört, den gesunden Menschenverstand (bon sens), den zum zweiten den hellen Kopf (ingenium perspicax). — Es ist merkwürdig, dass man sich den ersteren, welcher gewöhnlich nur als praktisches Erkenntnissvermögen be- trachtet wird, nicht allein als einen, welcher der Kultur entbehren kann, sondern als einen solchen, dem sie f) „dahingegen" Zusatz der 2. Ausgabe, ff) 1. Ausg.: „fälschlich Popularität, sondern vielmehr ge- putzte Seichtigkeit genannt werden kann".

1, Buch. Vom Erkenn tnissvermögen §.7. 23 wohl gar nachtheilig ist, wenn sie nicht weit genug getrieben wird, vorstellig macht, ihn daher bis zur Schwärmerei hochpreiset und ihn als eine Fundgrube in den Tiefen des Gemüths verborgen liegender Schätze vorsteilt, auch bisweilen seinen Ausspruch als Orakel (den Genius des Sokrates) für zuverlässiger erklärt, als Alles, was studirte Wissenschaft immer zu Markte bringen würde. — So viel ist gewiss, dass, wenn die Auflösung einer Frage auf den allgemeinen und an- gebornen Regeln des Verstandes (deren Besitz Mutter- witz genannt wird) beruht, es unsicherer ist, sich nach studirten und * künstlich aufgestellten Principien (dem Schulwitz) umzusehen und seinen Beschluss darnach ab- zufassen, als wenn man es auf den Ausschlag der im Dunkeln des Gemüths liegenden Bestimmungsgründe des Urtheils in Masse ankommen lässt, welches man den logischen Takt nennen könnte; wo die Ueberlegung den Gegenstand sich auf vielerlei Seiten vorstellig macht und ein richtiges Resultat herausbringt, ohne sich der Acte, die hiebei im Inneren des Gemüths vorgehen, bewusst zu werden.

Der gesunde Verstand aber kann diese seine Vor- züglichkeit nur in Ansehung eines Gegenstandes der Er- fahrung beweisen; nicht allein durch diese an Erkennt- niss zu wachsen, sondern sie (die Erfahrung) selbst zu erweitern, aber nicht in speculativer, sondern blos in empirisch -praktischer Rücksicht. Denn in jener bedarf es wissenschaftlicher Principien a priori; in dieser aber können es auch Erfahrungen, d. i. Urtheile sein, die durch Versuch und Erfolg continuirlich bewährt werden. 7) Von der Sinnlichkeit im Gegensatz mit dem Ver- stände, f ) In Ansehung des Zustandes der Vorstellungen ist mein Gemüth entweder handelnd und zeigt Vert) §• 7 — 22 sind in der 1. Ausg. als „zweiter Abschnitt" bezeichnet.

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mögen (facultas), oder es ist leidend und besteht in Empfänglichkeit (receptivUas). Ein Erkenntniss enthält Beides verbunden in sich, und die Möglichkeit, eine solche zu haben, führt den Namen des Erkennt- nissvermögens von dem vornehmsten Theile derselben, nämlich der Thätigkeit des Gemüths, Vorstellungen zu verbinden oder von einander zu sondern.

Vorstellungen, in Ansehung deren sich das Gemüth leidend verhält, durch welche also das Subject afficirt wird (dieses mag sich nun selbst afficiren oder von einem Object afficirt werden), gehören zum sinnlichen, die- jenigen aber, welche ein blosses Thun (das Denken) enthalten, zum intellectuellen Erkenntnissvermögen. Jenes wird auch das untere, dieses aber das obere Erkemitnissvermögen genannt. *) Jenes hat den Charakter der Passivität des inneren Sinnes der Empfindungen, dieses der Spontaneität der Apperception, d. i. des reinen Bewusstseins der Handlung, welche das Denken ausmacht und zur Logik (einem System der Regeln des Verstandes), so wie jener zur Psychologie (einen Inbegriff aller inneren Wahrnehmungen unter Naturgesetzen) gehört und innere Erfahrung begründet. 8) *) Die Sinnlichkeit blos in der Undeiitlichkeit der Vor- stellungen, die Intellectualität dagegen in der Deutlichkeit zu setzen, und liiemit einen blos formalen (logischen) Unter- schied des Bewusstseins, statt des realen (psychologischen), der nicht blos die Form, sondern auch den Inhalt des Denkens betrifft, zu setzen, war ein grosser Fehler der Leibniz- Wolf sehen Schule, nämlich die Sinnlichkeit blos in einem Mangel (der Klarheit der Theilvorstellungen), folglich der Undeutlichkeit zu setzen, die Beschaffenheit aber der Verstandesvorstellung in der Deutlichkeit; da jene doch etwas sehr Positives und ein unentbehrlicher Zusatz zu der letzteren ist, um ein Erkenntniss hervorzubringen. — Leibniz aber war eigentlich Schuld daran. Denn er, der Platonischen Schule anhängig, nahm angeborene reine Verstandes - An- schauungen, Ideen genannt, an, welche im menschlichen Gemüthe, jetzt nur verdunkelt, angetroffen würden, und deren Zergliederung und Beleuchtung durch Aufmerksamkeit wir allein die Erkenntniss der Objecte, wie sie an sich selbst sind, zu verdanken hätten.

Anmerkung. Der Gegenstand der Vorstellung, der nur die Art enthält, wie ich von ihm afficirt werde, kann von mir nur erkannt werden, wie er mir erscheint, und alle Erfahrung (empirische Erkenntniss), die innere nicht minder als die äussere, ist nur Erkenntniss der Gegenstände, wie sie uns erscheinen, nicht wie sie (für sich allein betrachtet) sind. Denn es kommt als- dann nicht bios auf die Beschaffenheit des Objects der Vorstellung, sondern auf die des Subjects und dessen Empfänglichkeit an, welcher Art die sinnliche Anschauung sein werde, darauf das Denken desselben (der Begriff vom Object) folgt. — Die formale Beschaffenheit dieser Receptivität kann nun nicht wiederum noch von den Sinnen abgeborgt werden, sondern muss (als Anschauung) a priori gegeben sein, d. i. es muss eine sinnliche An- schauung sein, welche übrig bleibt, wenngleich alles Em- pirische (Sinnesempfindung Enthaltende) weggelassen wird, und dieses Förmliche der Anschauung ist bei inneren Erfahrungen die Zeit.