Theil entbehrlich gemacht)." Etwas Wahres ist in diesem Satz; denn der gemeine Mann hat das Mannichfaltige, was ihm aufgetragen wird, gemeiniglich besser auf der Schnur, es nach der Reihe zu verrichten und sich darauf zu be- sinnen; eben darum, weil das Gedächtniss hier mechanisch ist, und sich kein Vernünfteln einmischt; da hingegen dem Gelehrten, welchem viele fremdartige Nebengedanken durch den Kopf gehen, Vieles von seinen Aufträgen oder häuslichen Angelegenheiten durch Zerstreuung entwischt, weil er sie nicht mit genügsamer Aufmerksamkeit auf- gefasst hat. Aber mit der Schreibtafel in der Tasche sicher zu sein, Alles, was man in den Kopf niedergelegt hat, ganz genau und ohne Mühe wiederzufinden, ist doch eine grosse Bequemlichkeit, und f) die Schreibekunst bleibt immer eine herrliche Kunst, weil, wenn sie auch nicht zur Mittheilung seines Wissens an Andere gebraucht würde, sie doch die Stelle des ausgedehntesten und treuesten Gedächtnisses vertritt, dessen Mangel sie ersetzen kann.
Vergesslichkeit (obliviositas) hingegen, wo der Kopf, so oft er auch gefüllt wird, doch wie ein durch- löchertes Fass, immer leer bleibt, ist ein um desto grösseres Uebel. Dieses ist bisweilen unverschuldet; wie bei alten Leuten, welche sich zwar der Begeben- heiten ihrer jüngeren Jahre gar wohl erinnern können, aber das nächst Vorhergehende immer aus den Gedanken verlieren. Aber oft ist es doch auch die Wirkung einer habituellen Zerstreuung, welche vornehmlich die Romanenleserinnen anzuwandeln pflegt. Denn weil bei dieser Leserei die Absicht uur ist, sich für den Augen- blick zu unterhalten, indem man weiss, dass es blosse Erdichtungen sind, die Leserin hier also volle Freiheit hat, im Lesen nach dem Laufe ihrer Einbildungskraft zu dichten, welches natürlicherweise zerstreut und die Geistesabwesenheit (Mangel der Aufmerksamkeit auf das Gegenwärtige) habituell macht, so muss das Ge- dächtniss dadurch unvermeidlich geschwächt werden. — Diese Uebung in der Kunst, die Zeit zu tödten und sich für die Welt unnütz zn machen, lüntennach aber doch über die Kürze des Lebens zu klagen, ist, ab- 1. Buch. Vom Erkenntniss vermögen. §. 32. 83 gesehen von der phantastischen Gemüthsstimmung, welche sie hervorbringt, einer der feindseligsten Angriffe auf das Gedächtniss. 37) B.
Von dem Vorhersehungsvermögen.
(Praevisio^) Dieses Vermögen zu besitzen, interessirt mehr, als jedes andere; weil es die Bedingung aller möglichen Praxis und der Zwecke ist, worauf der Mensch den Ge- brauch seiner Kräfte bezieht. Alles Begehren enthält ein (zweifelhaftes oder gewisses) Voraussehen dessen, was durch dieses möglich ist. Das Zurücksehen aufs Vergangene (Erinnern) geschieht nur in der Absicht, um das Voraussehen des Künftigen dadurch möglich zu machen; indem wir im Standpunkte der Gegenwart über- haupt um uns sehen, um etwas zu beschliessen oder worauf gefasst zu sein.
Das empirische Voraussehen ist die Erwartung ähnlicher Fälle (exspectatio casuum similium) und bedarf keiner Vernunftkunde von Ursachen und Wir- kungen, sondern nur der Erinnerung beobachteter Be- gebenheiten, wie sie gemeiniglich auf einander folgen; und wiederholte Erfahrungen bringen darin eine Fertig- keit hervor. Wie Wind und Wetter stehen werden, interessirt den Schiffer und Ackersmann sehr. Aber wir reichen hierin mit unserer Vorhersagung nicht viel weiter als der sogenannte Bauerkalender, dessen Voraus- sagungen, wenn sie etwa eintreffen, gepriesen, treffen sie nicht ein, vergessen werden und so immer in einigem Credit bleiben. — Man sollte fast glauben, die Vor- sehung habe das Spiel der Witterungen absichtlich so undurchsichtig verflochten, damit es Menschen nicht so leicht wäre, für jede Zeit die dazu erforderlichen An- stalten zu treffen; sondern damit sie Verstand zu brauchen genöthigt würden, um auf alle Fälle bereit zu sein.
In den Tag hinein (ohne Vorsicht und Besorgniss) 6* 84 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
leben, macht zwar dem Verstände des Menschen eben nicht viel Ehre; wie dem Karaiben, der des Morgens seine Hangmatte verkauft und des Abends darüber be- treten ist, dass er nicht weiss, wie er des Nachts schlafen wird. Wenn aber dabei nur kein Verstoss gegen die Moralität vorkommt, so kann man Einen, der für alle Ereignisse abgehärtet ist, wohl für glücklicher halten als Den, der sich immer nur mit trüben Aus- sichten die Lust am Leben verkümmert. Unter allen Aus- sichten aber, die der Mensch nur haben kann, ist die wohl die tröstlichste, wenn er nach seinem gegenwärtigen moralischen Zustande Ursache hat, die Fortdauer und das fernere Fortschreiten zu noch Besserem im Prospect zn haben. Dagegen wenn er zwar muthig den Vorsatz fasst, von nun an einen neuen und besseren Lebens- wandel einzuschlagen, sich aber selbst sagen muss: es wird doch wohl nichts daraus werden, weil du öfters dieses Versprechen (durch Procrastination) dir gegeben, es aber immer, unter dem Vorwande einer Ausnahme für dieses einzige Mal, gebrochen hast, so ist das ein trostloser Zustand der Erwartung ähnlicher Fälle.
Wo es aber auf das Schicksal, was über uns schweben mag, nicht auf den Gebrauch unserer freien Willkür ankommt, da ist die Aussicht in der Zukunft entweder Vorempfindung d. i. Ahndung (praesensio\ oder*) Vor- hererwartung (praesagitio). Das erstere deutet gleichsam einen verborgenen Sinn für das an, was noch nicht gegen- wärtig ist; das zweite ein durch Reflexion über das Ge- setz der Folge der Begebenheiten nach einander (das der Causalität) erzeugtes Bewusstsein des Künftigen.
Man sieht leicht, dass alle Ahndung ein Hirngespenst sei; denn wie kann man empfinden, was noch nicht ist?
*) Man hat neulich zwischen etwas ahnen und ahn- den einen Unterschied machen wollen; allein das erstere ist kein deutsches Wort, und es bleibt nur das letztere. — Ahnden bedeutet so viel als gedenken. Es ahndet mir, heisst: es schwebt etwas meiner Erinnerung dunkel vor, etwas ahnden, bedeutet, Jemandes That ihm im Bösen gedenken (d. i. sie bestrafen). Es ist immer derselbe Begriff, aber anders angewandt.
Sind es aber Urtheile aus dunkeln Begriffen eines solchen Causal Verhältnisses, so sind es nicht Vorempfindungen, sondern man kann die Begriffe, die dazu führen, entwickeln und, wie es mit dem gedachten Urtheil zugehe, er- klären. — Ahndungen sind mehrentheils von der ängst- lichen Art; die Bangigkeit, welche ihre physischen Ur- sachen hat, geht vorher, unbestimmt, was der Gegen- stand der Furcht sei. Aber es giebt auch frohe und kühne Ahndungen von Schwärmern, welche die nahe Enthüllung eines Geheimnisses, für das der Mensch doch keine Empfänglichkeit der Sinne hat, wittern und die Vor- empfindungen dessen, was sie, als Epopten in mystischer Anschauung erwarten, soeben entschleiert zu sehen glauben. — Der Bergschotten zweites Gesicht, mit welchem Etliche unter ihnen einen am Mastbaum Aufgeknüpften zu sehen glauben, von dessen Tode sie, wenn sie wirk- lich in den entfernten Hafen eingelaufen sind, die Nach- richt erhalten zu haben vorgeben, gehört auch in diese Classe der Bezauberungen. 38) C.
Von der Wahrsagergabe.
(Facultas divinatrix.)
Vorhersagen, wahrsagen und weissagen sind darin unterschieden, dass das erster e im Vorhersehen nach •Erfahrungsgesetzen (mithin natürlich), das zweite den bekannten Erfahrungsgesetzen entgegen (widernatürlich), das dritte aber Eingebung einer von der Natur unter- schiedenen Ursache (übernatürlich) ist, oder dafür ge- halten wird, deren Fähigkeit, weil sie von dem Einflüsse eines Gottes herzurühren scheint, auch das eigentliche Divinationsvermögen genannt wird (denn uneigentlich wird jede scharfsinnige Errathung des Künftigen auch Divination genannt).
Wenn es von Jemandem heisst: er wahrsagt dieses oder jenes Schicksal, so kann dieses eine ganz natür- liche Geschicklichkeit anzeigen. Von Dem aber, der hierin eine übernatürliche Einsicht vorgiebt, muss es 86 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
heissen: er wahrsag er t; wie die Zigeuner von hin- duischer Abstammung, die das Wahrsagen aus der Hand Planetenlesen nennen; oder die Astrologen und Schatz- gräber, denen sich auch die Goldmacher anschliessen, über welche alle im griechischen Alterthum die Pythia, zu unserer Zeit aber der lumpige sibirische Schaman her- vorragt. Die Wahrsagungen der Auspicen und Haruspicen der Römer hatten nicht sowohl die Entdeckungen des Ver- borgenen im Laufe der Begebenheiten der Welt, als viel- mehr des Willens der Götter, dem sie sich ihrer Religion gemäss zu fügen hatten, zur Absicht. — Wie aber gar die Poeten dazu kamen, sich auch für begeistert (oder besessen) und für wahrsagend (vates) zu halten, und in ihren dichterischen Anwandlungen (furor poeticus) Ein- gebungen zu haben sich berühmen konnten, kann nur dadurch erklärt werden, dass der Dichter nicht so wie der Prosenredner bestellte Arbeit mit Müsse verfertigt, sondern den günstigen Augenblick seiner ihm anwandeln- den inneren Sinnesstimmung haschen muss, in welchem ihm lebendige und kräftige Bilder und Gefühle von selbst zuströmen, und er hiebei sich gleichsam nur leidend ver- hält; wie es denn auch schon eine alte Bemerkung ist, dass dem Genie eine gewisse Dosis von Tollheit bei- gemischt sei. Hierauf gründet sich auch der Glaube an Orakelsprüche, die in den blind gewählten Stellen be- rühmter (gleichsam durch Eingebung getriebener) Dichter vermuthet wurden (so?*tes Virgilianae)', ein dem Schatz- kästlein der neueren Frömmler ähnliches Mittel, den Willen des Himmels zu entdecken; oder auch die Aus- legung sibyllinischer Bücher, die den Römern das Staats- schicksal vorherverkündigt haben sollen, und deren sie leider! durch übelangewandte Knickerei zum Theil ver- lustig geworden sind.
Alle Weissagungen, die ein nnablenkbares Schicksal eines Volks vorherverkündigen, was doch von ihm selbst verschuldet, mithin durch seine freie Willkür herbei- geführt sein soll, haben, ausser dem, dass das Vorher- wissen ihm unnütz ist, weil es ihm doch nicht ent- gehen kann, das Ungereimte an sich, dass in diesem unbedingten Verhängniss {decretum absolutum) ein Frei- heitsmechanismus gedacht wird, wovon der Begriff sich selbst widerspricht.
Das Aeusserste der Ungereimtheit oder des Betrugs im Wahrsagen war wohl dies, dass ein Verrückter für einen Seher (unsichtbarer Dinge) gehalten wurde; als ob aus ihm gleichsam ein Geist rede, der die Stelle der Seele, die so lange von der Behausung des Körpers Abschied genommen habe, vertrete; und dass der arme Seelenkranke (oder auch nur Epileptische) für einen Energumenen (Besessenen) galt, und er, wenn der ihn besitzende Dämon für einen guten Geist gehalten wurde, bei den Griechen ein Mantes, dessen Ausleger aber Prophet hiess. — Alle Thorheit musste erschöpft werden, um das Künftige, dessen Vorausseh ung uns so sehr interessirt, mit Ueberspringung aller Stufen, welche vermittelst des Verstandes durch Erfahrung dahin führen möchten, in unseren Besitz zu bringen. 0 curas hominum!
Es giebt sonst keine so sichere und doch in so grosse Weite hinaus erstreckte Wahrsagungswissenschaft, als die der Astronomie, welche die Umwälzungen der Himmels- körper in's Unendliche vorherverkündigt. Aber das hat doch nicht hindern können, dass sich nicht bald eine Mystik hinzugesellt hat, welche nicht etwa, wie die Ver- nunft es verlangt, die Zahlen der Weltepochen von den Begebenheiten, sondern umgekehrt die Begebenheiten von gewissen Zahlen abhängig machen wollte und so die Chronologie selbst, eine so nothwendige Bedingung aller Geschichte, in eine Fabel verwandelte.39) Von der unwillkürlichen Dichtung im gesunden Zustande, d. i. vom Traume.
Was Schlaf, was Traum, was Somnambulis- mus (wozu auch das laute Sprechen im Schlaf gehört) seiner Naturbeschaifenheit nach sei, zu erforschen, ist ausserhalb dem Felde einer pragmatischen Anthro- pologie gelegen; denn man kann aus diesem Phänomen keine Regeln des Verhaltens im Zustande des Träumens 33 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
ziehen; indem diese nur für den Wachenden gelten, der nicht träumen, sondern gedankenlos schlafen will. Und das Urtheil jenes griechischen Kaisers, der einen Menschen, welcher seinen Traum, er habe den Kaiser umgebracht, seinen Freunden erzählte, zum Tode ver- urteilte, unter dem Vorwande: „Es würde ihm nicht geträumt haben, wenn er nicht im Wachen damit um- gegangen wäre", ist der Erfahrung zuwider und grau- sam. „Wenn wir wachen, so haben wir eine gemein- schaftliche Welt; schlafen wir aber, so hat ein Jeder i seine eigene." — Das Träumen scheint zum Schlafen so nothwendig zu gehören, dass Schlafen und Sterben einerlei sein würde, wenn der Traum nicht als eine natürliche, obzwar unwillkürliche Agitation der inneren Lebensorgane, durch die Einbildungskraft hinzukäme. So erinnere ich mich sehr wohl, wie ich als Knabe, wenn ich mich, durch Spiele ermüdet, zum Schlafe hin- legte, im Augenblick des Einschlafens durch einen Traum, als ob ich in's Wasser gefallen wäre und, dem Versinken nahe, im Kreise herumgedreht würde, schnell erwachte, um aber bald wieder und ruhiger einzuschlafen; .vermuthlich weil die Thätigkeit der Brustmuskeln im Athemholen, welches von der Willkür gänzlich abhängt, nachlässt, und so, mit der Ausbleibung des Athemholens, die Bewegung des Herzens gehemmt, durch die Einbildungskraft des Traums aber wieder in's Spiel ver- setzt werden muss. — Dahin gehört auch die wohl- thätige Wirkuug des Traums beim sogenannten Alp- drücken (incubus). Denn ohne diese fürchterliche Einbildung von einem uns drückenden Gespenst und der Anstrengung aller Muskelkraft, sich in eine andere Lage zu bringen, würde der Stillstand des Bluts dem Leben geschwind ein Ende machen. Eben darum scheint die Natur es so eingerichtet zu haben, dass bei weitem die mehrsten Träume Beschwerlichkeiten und gefahr- volle Umstände enthalten; weil dergleichen Vorstellungen die Kräfte der Seele mehr aufreizen, als wenn Alles nach Wunsch nnd Willen geht. Man träumt oft, sich nicht auf seine Füsse erheben zu können, oder sich zu verirren, in einer Predigt stecken zu bleiben, oder aus Vergessenheit statt der Perrücke in grosser Versamm- lung eine Nachtmütze auf dem Kopfe zu haben, oder dass man in der Luft nach Belieben hin und her schweben könne, oder im fröhlichen Lachen, ohne zu wissen warum, aufwache. — Wie es zugehe, das wir oft im Traume in die längst vergangene Zeit versetzt werden, mit längst Verstorbenen sprechen, dieses selbst für einen Traum zu halten versucht werden, aber doch diese Ein- bildung für Wirklichkeit zu halten uns genöthigt sehen, wird wohl immer unerklärt bleiben. Man kann aber wohl für sicher annehmen, dass kein Schlaf ohne Traum sein könne, und wer nicht geträumt zu haben wähnt, seinen Traum nur vergessen habe. 40) Von dem Bezeichnungsvermögen.
(Facultas signatrix.)
Das Vermögen der Erkenntniss des Gegenwärtigen, als Mittel der Verknüpfung der Vorstellung des Vorher- gesehenen mit der des Vergangenen, ist das Bezeich- nungsvermögen. — Die Handlung des Gemüths, diese Verknüpfung zu bewirken, ist die Bezeichnung (signatiö), die auch das Singnaliren genannt wird, von der nun der grössere Grad die Auszeichnung genannt wird.
Gestalten der Dinge (Auschauungen), sofern sie nur zn Mitteln der Vorstellung durch Begriffe dienen, sind Symbole, und das Erkenntniss durch dieselbe heisst symbolisch oder figürlich (speciosa). — Charaktere sind noch nicht Symbole; denn sie können auch blos mittelbare (indirecte) Zeichen sein, die an sich nichts bedeuten, sondern nur durch Beigesellung auf An- schauungen und durch diese auf Begriffe führen; daher das symbolische Erkenntniss nicht der intuitiven, sondern der discursiven entgegengesetzt werden muss, in welcher letzteren das Zeichen {character) den Be- griff nur als Wächter (custos) begleitet, um ihn gelegent- lich zu reproduciren. Das symbolische Erkenntnis ist also nicht der intuitiven (durch sinnliche Anschauung), sondern der intellectuellen (durch Begriffe) entgegengesetzt. Symbole sind blos Mittel des Verstandes, aber nur in- direct, durch eine Analogie mit gewissen Anschauungen, 90 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
auf welche der Begriff desselben angewandt werden kann, um ihm durch Darstellung eines Gegenstandes Bedeutung zu verschaffen.
Wer sich immer nur symbolisch ausdrücken kann, hat noch wenig Begriffe des Verstandes, und das so oft Bewunderte der lebhaften Vorstellung, welche die Wilden (bisweilen auch die vermeinten Weisen in einem noch rohen Volke) in ihren Reden hören lassen, ist nichts, als Armuth an Begriffen und daher auch an Wörtern, sie auszudrücken: z. B. wenn der amerikanische Wilde sagt: „Wir wollen die Streitaxt begraben", so heisst das so viel, als: wir wollen Friede machen, und in der That haben die alten Gesänge, vom Homer an bis zum Ossian, oder von einem Orpheus bis zu den Propheten, das Glänzende ihres Vortrags blos dem Mangel an Mitteln, ihre Begriffe ausdrücken, zu verdanken.
Die wirklichen, den Sinnen vorliegenden Welterschei- nungen (mit Swedenborg) für blosses Symbol einer im Rückhalt verborgenen intelligiblen Welt ausgeben, ist Schwärmerei. Aber in den Darstellungen der zur Moralität, welche das Wesen aller Religion aus- macht, mithin zur reinen Vernunft gehörigen Begriffe (Ideen genannt), das Symbolische vom Intellectuellen (Gottesdienst von Religion), die zwar einige Zeit hin- durch nützliche und nöthige Hülle von der Sache selbst zu unterscheiden, ist Aufklärung; weil sonst ein Ideal (der reinen praktischen Vernunft) gegen ein Idol ver- tauscht und der Endzweck verfehlt wird. — Dass alle Völker der Erde mit dieser Vertauschung angefangen haben, und dass, wenn es darum zu thun ist, was ihre Lehrer selbst bei Abfassung ihrer heiligen Schriften wirk- lich gedacht haben, man sie alsdann nicht symbolisch, sondern buchstäblich auslegen müsse, ist nicht zu streiten; weil es unredlich gehandelt sein würde, ihre Worte zu verdrehen. Wenn es aber nicht blos um die Wahrhaftigkeit des Lehrers, sondern auch und zwar wesentlich um die Wahrheit der Lehre zu thun ist, so kann und soll man diese, als blosse symbolische Vor- stellungsart, durch eingeführte Förmlichkeit und Ge- bräuche jene praktischen Ideen zu begleiten, auslegen; weil sonst der intellectuelle Sinn, der den Endzweck ausmacht, verloren gehen würde.
Man kann die Zeichen in willkürliche (Kunst-), in natürliche und in Wunderzeichen eintheilen.
A. Zu den ersteren gehören 1) die der Geb er - dung (mimische, die zum Theil auch natürlich sind). 2) Schriftzeichen (Buchstaben, welche Zeichen für Laute sind). 3) Tonzeichen (Noten). 4) Zwischen Einzelnen verabredete Zeichen, blos für's Gesicht (Ziffern). 5) Standeszeichen freier, mit erblichem Vorrang beehrter Menschen (Wappen). 6) Dienst- zeichen, in gesetzlicher Bekleidung (Uniform und Liverei). 7) Ehrenzeichen des Dienstes (Ordens- bänder). -8) Sch an dz eichen (Brandmark u. dergl.). — Dazu gehören in Schriften die Zeichen der Verweilung, der Frage oder des Affectes, der Verwunderung (die Interpunctionen).
Alle Sprache ist Bezeichnung der Gedanken, und umgekehrt die vorzüglichste Art der Gedankenbezeichnung ist die durch Sprache, diesem grössten Mittel, sich selbst und Andere zu verstehen. Denken ist reden mit sich selbst (die Indianer auf Otaheite nennen das Denken: die Sprache im Bauch), folglich sich auch innerlich (durch reproductive Einbildungskraft) hören. Dem Taubgebornen ist sein Sprechen ein Gefühl des Spiels seiner Lippen, Zunge und seines Kinnbackens, und es ist kaum möglich, sich vorzustellen, dass er bei seinem Sprechen etwas mehr thue, als ein Spiel mit körper- lichen Gefühlen zu treiben, ohne eigentliche Begriffe zu haben und zu denken. — Aber auch Die, welche sprechen und hören können, verstehen darum nicht immer sich selbst oder Andere, und an dem Mangel des Bezeich- nungsvermögens oder dem fehlerhaften Gebrauch des- selben (da Zeichen für Sachen und umgekehrt genommen werden) liegt es, vornehmlich in Sachen der Vernunft, dass Menschen, die der Sprache nach einig sind, in Be- griffen himmelweit von einander abstehen; welches nur zufälligerweise, wenn ein Jeder nach den seinigen handelt, offenbar wird.
B. Zweitens: was die natürlichen Zeichen betrifft, so ist der Zeit nach das Verhältniss der Zeichen zu den 92 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
bezeichneten Sachen entweder demonstrativ, oder re- memorativ, oder prognostisch.
Der Pulsschlag bezeichnet dem Arzt den gegen- wärtigen fieberhaften Zustand des Patienten, wie der Rauch das Feuer. Die Reagentien entdeckten dem Chemiker die im Wasser befindlichen verborgenen Stoffe, so wie die Wetterfahne den Wind u. s. w. Ob aber das Erröthen das Bewusstsein der Schuld oder vielmehr ein zartes Ehrgefühl, auch nur eine Zumuthung von etwas, dessen man sich zu schämen hätte, erdulden zu müssen, verrathe, ist in vorkommenden Fällen un- gewiss.
Grabhügel und Mausoleen sind Zeichen des An- denkens an Verstorbene. Ebenso, oder auch zum immer- währenden Andenken der vormaligen Macht eines Königs, Pyramiden. — Die Muschelschichten in weit von der See gelegenen Landgegenden, oder die Löcher der Pholaden in den hohen Alpen, oder vulkanische Ueber- bleibsel, wo jetzt kein Feuer aus der Erde hervorbricht, bezeichnen uns den alten Zustand der Welt und be- gründen eine Archäologie der Natur; freilich nicht so anschaulich als die vernarbten Wunden des Kriegers. — Die Ruinen von Palmira, Baibeck und Persepolis sind sprechende Denkzeichen des Kunstzustandes alter Staaten und traurige Merkmale vom Wechsel aller Dinge.
Die prognostischen Zeichen interessiren unter allen am meisten; weil in der Reihe der Veränderungen die Gegenwart nur ein Augenblick ist, und der Be- stimmungsgrund des Begehrungsvermögens das Gegen- wärtige nur um der künftigen Folgen willen 'ob futura conseqaentia) beherzigt und auf diese vorzüglich auf- merksam macht. — In Ansehung künftiger Weltbegeben- heiten findet sich die sicherste Prognose in der Astro- nomie; f) sie ist aber kindisch \md phantastisch, wenn die Sterngestalten, Verbindungen und veränderte Planetcn- stellungen als allegorische Schriftzeichen am Himmel f) 1. Ausg.: ri — Die Zeichen deuterei in Ansehung künftiger Weltbegebenheiten ist die sicherste in der Astro- nomie; " von bevorstehenden Schicksalen des Menschen (in der astrologia judiciaria) vorgestellt werden.
Die natürlichen prognostischen Zeichen einer bevor- stehenden Krankheit oder Genesung, oder (wie die facies Hippocratica) des nahen Todes, sind Erscheinungen, die, auf lange und öftere Erfahrungen gegründet, auch nach der Einsicht des Zusammenhanges derselben, als Ursachen und Wirkungen, dem Arzt zur Leitung in seiner Kur dienen; dergleichen die kritischen Tage sind. Aber die f) von den Römern in staatskluger Absicht veranstalteten Augurien und Haruspicien waren ein durch den Staat ge- heiligter Aberglaube, um in gefährlichen Zeitläufen das Volk zu lenken.
C. Was die Wunder zeichen (Begebenheiten, in welchen die Natur der Dinge sich umkehre) betrifft, so sind ausser denen, aus welchen man sich jetzt nichts macht (den Missgeburten unter Menschen und Vieh), die Zeichen und Wunder am Himmel, die Kometen, in hoher Luft schiessende Luftbälle, Nordlichter, ja selbst Sonnen- und Mondfinsternisse, wenn vornehmlich sich mehrere solcher Zeichen zusammenfinden und wohl gar von Krieg, Pest u. dergl. begleitet werden, Dinge, die dem er- schrockenen grossen Haufen den nicht weit mehr ent- fernten jüngsten Tag und das Ende der Welt vorher zu verkündigen dünken.41) Anhang.
Ein wunderliches Spiel der Einbildungskraft mit dem Menschen, in Verwechselung der Zeichen mit Sachen,, in jene eine innere Realität zusetzen, als ob diese sich nach jenen richten müssten, verlohnt sich hier noch zu bemerken. — Da der Mondlauf nach den vier Aspecten (dem Neulicht, erstem Viertheil, Volllicht und letztem Viertheil) in ganzen Zahlen nicht genauer als in 28 Tage (und der Thierkreis daher von den Arabern in die 28 Häuser des Mondes) eingetheilt werden, von denen ein Viertheil sieben Tage ausmacht, so hat die f ) 1. Ausg.: „Aber die Nativitätsstellung (der Horoskopus)r oder die von den Römern" u. s. w.
94 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
Zahl sieben dadurch eine mystische Wichtigkeit be- kommen, so, dass auch die Weltschöpfung sich nach der- selben hat richten müssen; vornehmlich da es (nach dem Ptolemäischen System) sieben Planeten, wie sieben Töne auf der Tonleiter, sieben einfache Farben im Regenbogen und sieben Metalle geben sollte. — Hieraus sind denn auch die Stufenjahre (7 + 7, und weil 9 bei den Indiern auch eine mystische Zahl ist, 7 + 9, ingleichen 9 + 9 entstanden, bei deren Schluss das menschliche Leben in grosser Gefahr sein soll, und die 70 Jahrwochen (490 Jahr) machen auch wirklich in der jüdisch -christ- lichen Chronologie nicht allein die Abschnitte der wichtig- sten Veränderungen (zwischen dem Ruf Gottes an Abraham und der Geburt Christi) aus, sondern be- stimmen auch ganz genau die Grenzen desselben gleich- sam a priori, als ob sich nicht die Chronologie nach der Geschichte, sondern umgekehrt die Geschichte nach der Chronologie richten müsste.
Aber auch in anderen Fällen wird es Gewohnheit, die Sachen von Zahlen abhängig zu machen. Ein Arzt, dem der Patient durch seinen Diener ein Gratial schickt, wenn er bei Aufwickeiung des Papiers darin elf Ducaten findet, wird in den Argwohn gerathen, dass dieser wohl einen möchte unterschlagen haben; denn warum nicht ein Dutzend voll? Wer auf einer Auction Porzellan- geschirr von gleicher Fabrikation kauft, wird weniger bieten, wenn es nicht ein volles Dutzend ist, und wären es dreizehn Teller, so wird er auf den dreizehnten nur sofern einen Werth setzen, als er dadurch gesichert wird, wenn auch einer zerbrochen würde, doch jene Zahl voll zu haben. Da man aber seine Gäste nicht zu Dutzenden einladet, was kann es interessiren, dieser geraden Zahl einen Vorzug zu geben? Ein Mann ver- machte im Testament seinem Vetter elf silberne Löffel und setzte hinzu: „warum ich ihm nicht den zwölften vermache, wird er selbst am besten wissen" (der. junge liederliche Mensch hatte an seines Vetters Tisch einen Löffel heimlich in die Tasche gesteckt, welches Jener wohl bemerkte, aber ihn damals nicht beschämen wollte). Bei Eröffnung des Testaments konnte man leicht er- rathen, was die Meinung des Erblassers war, aber nur aus dem angenommenen Vorurtheil, dass nur das Dutzend 1. Buch. Vom Erkenntniss vermögen. §. 37. 95 eine volle Zahl sei. — Auch die zwölf Zeichen des Thierkreises (welcher Zahl analogisch die 12 Richter in England angenommen zu sein scheinen) haben eine solche mystische Bedeutung erhalten. In Italien, Deutschland, vielleicht auch anderswo f), wird eine Tischgesellschaft von gerade 13 Gästen für ominös gehalten; weil man wähnt, dass alsdann Einer von ihnen, wer es auch sei, das Jahr sterben werde, so wie an einer Tafel von 12 Richtern der 13te, der sich darunter befindet, kein Anderer als der Delinquent sein könne, der gerichtet werden soll. (Ich habe mich selbst einmal an einer solchen Tafel befunden, wo die Frau des Hauses beim Niedersetzen diesen vermeinten Uebelstand bemerkte und insgeheim ihrem darin befindlichen Sohn aufzustehen und in einem anderen Zimmer zu essen befahl, damit die Fröhlichkeit nicht gestört würde.) — Aber auch die blosse Grösse der Zahlen, wenn man der Sachen, die sie bezeichnen, genug hat, erregen blos dadurch, dass sie im Zählen nicht einen der Dekadik gemässen (folglich an sich willkürlichen) Abschnitt fühlen, Ver- wunderung. So soll der Kaiser von China eine Flotte von 9999 Schiffen haben, und man fragt sich bei dieser Zahl insgeheim: warum nicht noch eins mehr? obgleich die Antwort sein könnte: weil diese Zahl Schiffe zu seinem Gebrauch hinreichend ist; im Grunde aber ist die Absicht der Frage nicht auf den Gebrauch, sondern blos auf eine Art von Zahlenmystik gestellt. — Aerger, obzwar nicht ungewöhnlich, ist: dass Jemand, der durch Kargen und Betrügen es auf einen Reichthum von 90,000 Thaler baar gebracht hat, nun keine Ruhe hat, als bis er 100,000 voll besitze, ohne sie zu brauchen, und darüber vielleicht den Galgen, wo nicht erwirbt, wenigstens doch verdient.