und dieses Glaubens schon vorher im ausgebreiteten Verkehr gestanden hatten, sich, sammt beiden, nach und nach in weit entfernte Länder (in Europa) verbreiten, im Zusammenhange bleiben, und bei den Staaten, dahin sie zogen, wegen der Vor- theile ihres Handels Schutz finden konnten; — so, dass ihre Zerstreuung in alle Weit mit ihrer Vereinigung in Religion und Sprache gar nicht auf Rechnung eines über dieses Volk ergangenen Fluches gebracht, sondern vielmehr als Segnung angesehen werden muss; zumal der Reichthum derselben, als Individuen geschätzt, wahrscheinlich den eines jeden anderen Volkes von gleicher Personenzahl jetzt übersteigt.
f) 1. Ausg.: „Das Frauenzimmer ist" ff) Die 1. Ausg. schaltet hier noch das Wort „(dissipatio)" ein.
HO Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
Predigt gehalten und das Nachrumoren im Kopfe ver- hindern will, dies ist ein nothwendiges, zum Theil auch künstliches Verfahren der Vorsorge für die Gesundheit seines Gemüths. Ein anhaltendes Nachdenken über einen und denselben Gegenstand lässt gleichsam einen Nach- klang zurück, der (wie ebendieselbe Musik zu einem Tanze, wenn sie lange fortdauert, dem von der Lustbar- keit Zurückkehrenden noch immer nachsummt, oder wie Kinder ein und dasselbe bon mot von ihrer Art, vornehm- lich wenn es rhythmisch klingt, unaufhörlich wiederholen) — der, sage ich, den Kopf belästigt und nur durch Zer- streuung und Verwendung der Aufmerksamkeit auf andere Gegenstände, z. B. Lesung der Zeitungen, gehoben werden kann f). — Das sich Wiedersammeln {collecüo animt), um zu jeder neuen Beschäftigung bereit zu sein, ist eine die Gesundheit des Gemüths befördernde Herstellung des Gleichgewichts seiner Seelenkräfte. Dazu ist ge- sellschaftliche, mit wechselnden Materien, — gleich einem Spiel, — angefüllte Unterhaltung das heilsamste Mittel; sie muss aber nicht von einer auf die andere, wider die natürliche Verwandtschaft der Ideen, abspringend sein; denn sonst geht die Gesellschaft im Zustande eines zer- streuten Gemüths aus einander, indem das Hundertste mit dem Tausendsten vermischt und Einheit der Unterredung gänzlich vermisst wird, also das Gemüth sich verwirrt findet und einer neuen Zerstreuung bedarf, um jene los- zuwerden ff).
Man sieht hieraus, dass es eine (nicht gemeine) zur Diätetik des Gemüths gehörige Kunst für Beschäftigte giebt, sich zu zerstreuen, um Kräfte zu sammeln. — Wenn man aber seine Gedanken gesammelt, d. i. in Bereitschaft gesetzt hat, sie nach beliebiger Art zu be- nutzen, so kann man doch Den, der an einem nicht schicklichen Orte oder in einem dergleichen Gescliäftsf) 1. Ausg.: „Zeitungen nach angestrengtem Nachsinnen über einen philosophischen Punkt gehoben werden kann."
ff) 1. Ausg.: „aus einander, da, das Hundertste mit dem Tausendsten vermischt, Einheit...vermisst, und das Gemüth sich verwirrt findet, bedarf also einer neuen Zerstreuung, um jene loszuwerden."
verhältniss zu Anderen seinen Gedanken geflissentlich nachhängt und darüber jene Verhältnisse nicht in Acht nimmt, nicht den Zerstreuten nennen, sondern ihm nur Geistesabwesenheit vorwerfen, welche freilich in der Gesellschaft etwas Unschickliches ist. — Es ist also eine nicht gemeine Kunst, sich zu zerstreuen, ohne doch jemals zerstreut zu sein; welches Letztere, wenn es habituell wird, dem Menschen, der diesem Uebel unter- worfen ist, das Ansehen eines Träumers giebt und ihn für die Gesellschaft unnütze macht, indem er seiner, durch keine Vernunft geordneten Einbildungskraft in ihrem freien Spiel blindlings folgt. — Das Romanlesen hat, ausser manchen anderen Verstimmungen des Ge- müthes, auch dieses zur Folge, dass es die Zerstreuung habituell macht. Denn ob es gleich durch Zeichnung von Charakteren, die sich wirklich unter Menschen auf- finden lassen (wenngleich mit einiger Uebertreibung), den Gedanken einen Zusammenhang, als in einer wahren Geschichte giebt, deren Vortrag immer auf ge- wisse Weise systematisch sein muss, so erlaubt es doch zugleich dem Gemüth, während dem Lesen Ab- schweifungen (nämlich noch andere Begebenheiten als Erdichtungen) mit einzuschieben, und der Gedankengang wird fragmentarisch, so dass man die Vorstellungen eines und desselben Objects zerstreut (sparsim), nicht verbunden {conjuncüm), nach Verstandeseinheit im Ge- müthe spielen lässt +). Der Lehrer von der Kanzel oder im akademischen Hörsaal, oder auch der Gerichts- ankläger oder Advocat, wenn er im freien Vortrage (aus dem Stegreif), allenfalls auch im Erzählen, Gemüthsfassung beweisen soll, muss drei Aufmerksamkeiten beweisen; erstlich des Sehens auf das, was er jetzt sagt, um es klar vorzustellen; zweitens des Zurücksehens auf das, was er gesagt hat; und dann drittens des Vorhersehens auf das, was er eben nun sagen will. Denn unter- lässt er die Aufmerksamkeit auf eines dieser drei Stücke, nämlich sie in dieser Ordnung zusammenzustellen, so bringt er sich selbst und seinem Zuhörer oder Leser in f) 1. Ausg.: „fragmentarisch, die Vorstellungen spielen zu lassen."
112 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
Zerstreuung, und ein sonst guter Kopf kann doch nicht von sich ablehnen, ein confuser zu heissen. 48) Ein an sich gesunder Verstand (ohne Gemüthsschwäche) kann doch auch mit Schwächen in Ansehung seiner Aus- übung begleitet sein, die entweder Aufschub zum Wachsthum bis zur gehörigen Reife, der auch Stell- vertretung seiner Person durch eine andere in An- sehung der Geschäfte, die von bürgerlicher Qualität sind, nothwendig machen. Die (natürliche oder gesetzliche) Un- fähigkeit eines übrigens gesunden Menschen zum eigenen Gebrauch seines Verstandes in bürgerlichen Geschäften heisst Unmündigkeit; ist diese in der Unreife des Alters gegründet, so heisst sie Minderjährigkeit (Minorennität); beruht sie aber auf gesetzlichen Ein- richtungen, in Rücksicht auf bürgerliche Geschäfte, so kann sie die gesetzliche oder bürgerliche Unmündig- keit genannt werden +).
Kinder sind natürlicherweise unmündig und ihre Eitern ihre natürlichen Vormünder. Das Weib in jedem Alter wird für bürgerlich unmündig erklärt; der Ehe- mann ist ihr natürlicher Curator. Wenn sie aber mit ihm in getheilten Gütern lebt, ist es ein Anderer. — Denn obgleich das Weib, nacli der Natur ihres Ge- schlechts, Mundwerks genug hat, sich und ihren Mann, wenn es auf's Sprechen ankommt, auch vor Gericht (was das Mein und Dein anbetrifft) zu vertreten, mithin den Buchstaben nach gar für überm ündig erklärt werden könnte, so können die Frauen doch, so wenig es ihrem Geschlechte zusteht, in den Krieg zu ziehen, f) 1. Ausg.: „machen. Man nennt dieses Unvermögen oder auch die Unschicklichkeit eines übrigens...Geschäften die Minderjährigkeit; welche, wenn sie blos der Mangel jener bürgerlichen Qualität ist, die gesetzliche Unmündigkeit genannt werden kann." Der folgende Absatz in der 1. Ausg. beginnt dann noch mit den Worten: „Das Unvermögen (oder auch die Illegalität), sich seines Verstandes ohne Leitung eines Anderen zu bedienen, ist die Unmündigkeit — Kinder u. s. w.
ebensowenig ihre Rechte persönlich vertheidigen und staatsbürgerliche Geschäfte für sich selbst, sondern nur vermittelst eines Stellvertreters treiben, und diese ge- setzliche Unmündigkeit in Ansehung öffentlicher Ver- handlungen macht sie in Ansehung der häuslichen Wohl- fahrt nur desto vermögender; weil hier das Recht des Schwächeren eintritt, welches zu achten und zu ver- theidigen sich das männliche Geschlecht durch seine Natur schon berufen fühlt.
Aber sich selbst unmündig zu machen, so herab- würdigend es auch, sein mag, ist doch sehr bequem, und natürlicherweise kann es nicht an Häuptern fehlen, die diese Lenksamkeit des grossen Haufens (weil er von selbst sich schwerlich vereinigt) zu benutzen, und die Gefahr, sich ohne Leitung eines Anderen seines eigenen Verstandes zu bedienen, als sehr gross, ja als tödtlich vorzustellen wissen werden. Staatsoberhäupter nennen sich Landesväter, weil sie es besser als ihre Unterthanen verstehen, wie diese glücklich zu machen sind; das Volk aber ist, seines eigenen Besten wegen, zu einer beständigen Unmündigkeit verurtheilt, und wenn Adam Smith von jenen ungebührlicherweise sagt: „sie wären selbst, ohne Ausnahme, unter allen die grössten Verschwender", so wird er doch durch die in manchen Ländern ergangenen (weisen!) Aufwandsgesetze kräftig widerlegt.
Der Klerus hält den Laiker strenge und be- ständig in seiner Unmündigkeit. Das Volk hat keine Stimme und kein Urtheil in Ansehung des Weges, den es zum Himmelreich zu nehmen hat. Es bedarf nicht eigener Augen des Menschen, um dahin zu gelangen; man wird ihn schon leiten, und wenn ihm gleich heilige Schriften in die Hände gegeben werden, um mit eigenen Augen zu sehen, so wird er doch zugleich von seinen Leitern gewarnt, „nichts Anderes darin zu finden, als was diese darin zu finden versichern", und überall ist mechanische Handhabung der Menschen unter dem Regimente Anderer das sicherste Mittel zur Befolgung einer gesetzlichen Ordnung.
Gelehrte lassen sich in Ansehung der häuslichen Anordnungen gemeiniglich gern von ihren Frauen in der Unmündigkeit erhalten. Ein unter seinen Büchern Kant, Anthropologie. 8 114 Anthropologie. I. Theil Anthropol. Didaktik.
begrabener Gelehrter antwortete auf das Geschrei eines Bedienten, es sei in einem der Zimmer Feuer: „Ihr wisst, dass dergleichen Dinge für meine Frau gehören". — Endlich kann auch von Staats wegen die schon erworbene Mündigkeit eines Verschwenders einen Rückfall in die bürgerliche Unmündigkeit nach sich ziehen, wenn er nach dem gesetzlichen Eintritt in die Majorennität eine Schwäche des Verstandes in Absicht auf die Verwaltung seines Vermögens zeigt, die ihn als Kind oder Blöd- sinnigen darstellt; worüber aber das Urtheil ausser dem Felde der Anthropologie liegt. 49) Einfältig (liebes), ähnlich einem nicht gestählten Messer oder Beil, ist Der, welchem man nichts bei- bringen kann; der zum Lernen unfähig ist. Der nur zum Nachahmen geschickt ist, heisst ein Pinsel; dagegen Der, welcher selbst Urheber eines Geistes -oder Kunst- products sein kann, ein Kopf. Ganz unterschieden ist davon Einfalt (im Gegensatz der Künstelei, von der man sagt: „vollkommene Kunst wird wieder zur Natur", und zu der man nur spät gelangt), ein Vermögen, durch Ersparung der Mittel — d. i. ohne Umschweif — zu ebendemselben Zwecke zu gelangen. Der diese Gabe besitzt (der Weise), ist bei seiner Einfalt gar nicht ein- fältig.
Dumm heisst vornehmlich Der, welcher zu Ge- schäften nicht gebraucht werden kann, weil er keine Urtheilskraft besitzt.
Thor ist Der, welcher Zwecken, die keinen Werth haben, das aufopfert, was einen Werth hat; z. B. die häusliche Glückseligkeit dem Glänze ausser seinem Hause. Die Thorheit, wenn sie beleidigend ist, heisst Narrheit. — Man kann Jemanden thöricht nennen, ohne ihn zu beleidigen; ja er kann es selbst von sich gestehen; aber das Werkzeug der Schelme (nach Pope), f) Dieser Paragraph hat in der 1. Ausg. die besondere Ueberschrift: „B. Von dem Gradunterschiede in der Gemüths- schwäche."
Narr genannt, zu heissen, kann Niemand gelassen an- hören. *) Hochmuth ist Narrheit, denn erstlich ist es thö rieht, Anderen zuzumuthen, dass sie sich selbst in Vergleichung mit mir geringschätzen sollen, und so werden mir immer Querstriche zur Folge. Aber in dieser Zumuthung steckt auch Beleidigung, und dieses be- wirkt verdienten Hass. Das Wort Närrin, gegen ein Frauenzimmer gebraucht, hat nicht die harte Bedeutung; weil ein Mann durch die eitle Anmaassung des letzteren nicht glaubt beleidigt werden zu können. Und so scheint Narrheit blos an den Begriff des Hochmuths eines Mannes gebunden zu sein. — Wenn man Den, der sich selbst (zeitlich oder ewig) schadet, einen Narren nennt, folg- lich in die Verachtung desselben Hass mischt, ob er zwar uns nicht beleidigt hat, so muss man sie sich als Beleidigung der Menschheit überhaupt, folglich als gegen einen Anderen ausgeübt denken. Wer seinem eigenen rechtmässigen Vortheil gerade entgegen handelt, wird auch bisweilen Narr genannt, ob er zwar sich nur allein schadet. Arouet, der Vater des Voltaire, sagte zu Jemandem, der ihm zu seinen vortheilhaft bekannten Söhnen gratulirte: „Ich habe zwei Narren zu Söhnen, der eine ist ein Narr in Prose, der andere in Versen" (der eine hatte sich in den Jansenismus geworfen und wurde verfolgt, der andere musste seine Spottgedichte mit der Bastille büssen). Ueber- haupt setzt der Thor einen grösseren Werth in Dinge, der Narr in sich selbst, als er vernünftigerweise thun sollte.
Die Betitelung eines Menschen als L äffen oder Gecken legt auch den Begriff ihrer Unklugheit als Narrheit zum Grunde. Der erste ist ein junger, der andere ein alter Narr, beide von Schelmen oder Schälken *) Wenn man Jemandem auf seine Schwanke erwidert: Ihr seid nicht klug, so ist das ein etwas platter Ausdruck für: Ihr scherzt, oder: Ihr seid nicht gescheut. — Ein gescheuter Mensch ist ein richtig und praktisch, aber kunstlos urtheilender Mensch. Erfahrung kann zwar einen gescheuten Menschen klug, d. i. zum künstlichen Verstandesgebrauch geschickt, die Natur aber allein ihn gescheut machen.
8* 116 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
verleitet, wo der Erstere doch noch Mitleiden, der Andere aber bitteres Hohnlachen auf sich zieht. Ein witziger deutscher Philosoph und Dichter machte die Titel fat und sot (unter dem Gemeinnamen fou) durch ein Beispiel begreiflich: „Der Erstere", sagte er, ist ein junger Deutscher, der nach Paris zieht; der zweite ist eben- derselbe, nachdem er eben von Paris zurückgekommen Die gänzliche Gemüthsschwäche, die entweder selbst nicht zum thierischen Gebrauch der Lebenskraft (wie bei den Kr et inen des Walliserlandes), oder auch nur eben zur blos mechanischen Nachahmung äusserer, durch Thiere möglichen Handlungen (Sägen, Graben etc.) zureicht, heisst Blödsinnigkeit und kann nicht wohl Seelenkrankheit, sondern eher Seelenlosigkeit betitelt werden.
Von den Gemüthskrankheiten.
Die oberste Eintheilung ist, wie bereits oben bemerkt worden ftt), die in Grillenkrankheit (Hypochondrie) und das gestörte Gemüth (Manie). Die Benennung der ersteren ist von der Analogie des Aufmerkens auf den tschirpenden Laut einer Heime (Hausgrille) in der Stille der Nacht hergenommen, welche die Ruhe des Gemüths stört, die zum Schlafen erfordert wird. Die Krankheit des Hypochondristen besteht nun darin, dass gewisse innere körperliche Empfindungen nicht sowohl ein wirklich vorhandenes Uebel im Körper entdecken, als vielmehr es nur besorgen lassen und die mensch- liche Natur von der besonderen Beschaffenheit ist (die das Thier nicht hat), durch Aufmerksamkeit auf gewisse f) 1. Ausgabe: „nachdem er eben nach Hause ge- kommen ist."
ff) „C" Zusatz der 2. Ausg. ttt) »wie < ' • worden" Zusatz der 2. Ausg.
lokale Eindrücke das Gefühl derselben zu verstärken oder auch anhaltend zu machen; da hingegen eine ent- weder vorsätzliche oder durch andere zerstreuende Be- schäftigungen bewirkte Abstraction jene nachlassen, und, wenn die letztere habituell wird, gar wegbleiben macht. *) Auf solche Weise wird die Hypochondrie, als Grillenkrankheit, die Ursache von Einbildungen körper- licher Uebel, von denen sich der Patient bewusst ist, dass es Einbildungen sind, von Zeit zu Zeit aber sich nicht entbrechen kann, sie für etwas Wirkliches zu halten, oder umgekehrt, aus einem wirklichen körperlichen Uebel f) (wie das der Beklommenheit aus eingenommenen blähenden Speisen nach der Mahlzeit) sich Einbildungen von allerlei bedenklichen äusseren Begegnissen und Sorgen über sein Geschäft zu machen, die so bald ver- schwinden, als nach vollendeter Verdauung die Blähung aufgehört hat. Der Hypochondrist ist ein Grillen- fänger (Phantast) von der kümmerlichsten Art: eigen- sinnig, sich seine Einbildungen nicht ausreden zu lassen, und dem Arzt immer zu Halse gehend, der mit ihm seine liebe Noth hat, ihn auch nicht anders als ein Kind (mit Pillen aus Brotkrumen statt Arzneimitteln) beruhigen kann; und wenn dieser Patient, der vor immerwährendem Kränkeln nie krank werden kann, medicinische Bücher zu Eathe zieht, so wird er vollends unerträglich; weil er alle die Uebel in seinem Körper zu fühlen glaubt, die er im Buche liest. Zum Kennzeichen dieser Einbildungskrankheit dient die ausser- ordentliche Lustigkeit, der lebhafte Witz und das fröhliche Lachen, denen sich dieser Kranke bisweilen überlassen fühlt und so das immer wandelbare Spiel seiner Launen ist. Die auf kindische Art ängstliche Furcht vor dem Gedanken des Todes nährt diese Krankheit.
*) Ich habe in einer anderen Schrift angemerkt, dass Abwendung der Aufmerksamkeit von gewissen schmerzhaften Empfindungen und Anstrengung derselben auf irgend einen anderen willkürlich in Gedanken gefassten Gegenstand ver- mögend ist, jene so weit abzuwehren, dass sie nicht in Krank- heit ausschlagen können.
f) 1. Ausgabe: „umgekehrt, ein wirkliches körperliches Uebel« 118 Anthropologie. L Tlieil. Anthropol. Didaktik.
Wer aber über diesen Gedanken nicht mit männlichem Muthe wegsieht, wird des Lebens nie recht froh werden.
Noch diesseits der Grenze des gestörten Gemüths ist der plötzliche Wechsel der Launen (raptus). Ein unerwarteter Absprung von einem Thema zu einem ganz verschiedenen, den sich Niemand gewärtigt. Bis- weilen geht er vor jener Störung, die er ankündigt, vorher; oft aber ist der Kopf schon so verkehrt gestellt, dass diese Ueberfälie der Regellosigkeit bei ihm zur Regel werden. — Der Selbstmord ist oft blos die Wir- kung von einem Raptus. Denn Der, welcher sich in der Heftigkeit des Affects die Gurgel abschneidet, lässt sich bald darauf geduldig sie wieder zunähen.
Die Tiefsinnigkeit {inelancholid) kann auch ein blosser Wahn von Elend sein, den sich der trübsinnige (zum Grämen geneigte) Selbstquäler schafft. Sie ist selber zwar noch nicht Gemüthsstörung, kann aber wohl dahin führen. — Uebrigens ist es ein verfehlter, doch oft vorkommender Ausdruck: von einem tiefsinnigen Mathematiker (z. B. Prof. Hausen) zu reden, indessen dass man blos den tiefdenkenden meint.
Das Irrereden (delirium) des Wachenden im fieberhaften Zustande ist eine körperliche Krankheit und bedarf medicinischer Vorkehrungen. Nur der Irre- redende, bei welchem der Arzt keine solchen krank- haften Zufälle wahrnimmt, heisst verrückt; wofür das Wort gestört nur ein mildernder Ausdruck ist. Wenn also Jemand vorsätzlich ein Unglück angerichtet hat, und nun, ob und welche Schuld deswegen auf ihm hafte, die Frage ist, mithin zuvor ausgemacht werden muss, ob er damals verrückt gewesen sei oder nicht, so kann das Gericht ihn nicht an die medicinische, sondern müsste (der Incompetenz des Gerichtshofes halber ihn an die philosophische Facultät verweisen. Denn die Frage: ob der Angeklagte bei seiner That im Besitz seines natürlichen Verstandes- und Beurtheilungs - Ver- mögens gewesen sei, ist gänzlich psychologisch, und obgleich körperliche Verschrobenheit der Seelenorgaue vielleicht wohl bisweilen die Ursache einer unnatürlichen Ii Buch. Vom Erkenntnisvermögen. §. 50. 119 Uebertretung des (jedem Menschen beiwohnenden) Pflicht- gesetzes sein möchte, so sind die Aerzte und Physiologen überhaupt doch nicht so weit, um das Maschinenwesen im Menschen so tief einzusehen, dass sie die Anwand- lung zu einer solchen Gräuelthat daraus erklären, oder (ohne Anatomie des Körpers) sie vorher sehen könnten; und eine gerichtliche Arzneikunde (mediana forensis) ist, — wenn es auf die Frage ankommt: ob der Gemtiths- zustand des Thäters Verrückung, oder mit gesundem Ver- stände genommene Entschliessung gewesen sei? — Ein- mischung in fremde Geschäfte, wovon der Richter nichts versteht, wenigstens es, als zu seinem Forum nicht ge- hörend, an eine andere Facultät verweisen muss. *) Es ist schwer, eine systematische Eintheilung in das zu bringen, was wesentliche und unheilbare Unordnung ist. Es hat auch wenig Nutzen, sich damit zu befassen; weil, da die Kräfte des Subjects dahin nicht mitwirken (wie es wohl bei körperlichen Krankheiten der Fall ist), und doch nur durch den eigenen Verstandesgebrauch dieser Zweck erreicht werden kann, alle Heilmethode in dieser Absicht fruchtlos ausfallen muss. Indessen *) So erklärte ein solcher Richter in dem Falle, da eine Person, die, weil sie zum Zuchthause verurtheilt war und aus Verzweiflung ein Kind umbrachte, diese für verrückt und so für frei von der Todesstrafe. — Denn, sagte er, wer aus falschen Prämissen wahre Schlüsse folgert, ist ver- rückt. Nun nahm jene Person es als Grundsatz an: dass die Zuchthausstrafe eine unauslöschliche Entehrung sei, die ärger ist als der Tod (welches doch falsch ist), und kam durch den Schluss daraus auf ff) den Vorsatz, sich den Tod zu ver- dienen. — Folglich war sie verrückt und, als eine solche der Todesstrafe zu überheben. — Auf dem Fuss dieses Ar- guments möchte es wohl leicht sein, alle Verbrecher für Ver- rückte zu erklären, die man bedauern und kuriren, aber nicht bestrafen müsste.
f ) Dieser Paragraph hat in der 1. Ausg. die Ueberschrift: „Classification der Verrückung."
ff) 1. Ausg.: „und schloss daraus auf" 120 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didakiik.
fordert doch die Anthropologie, obgleich sie hiebei nur indirect pragmatisch sein kann, nämlich nur Unter- lassungen zu gebieten, wenigstens einen allgemeinen Abriss dieser tiefsten, aber von der Natur herrührenden Erniedrigung der Menschheit zu versuchen. Man kann die Verrückung überhaupt in die tumult uar ische, methodische und systematische eintheilen.
1) Unsinnigkeit (amentia) ist das Unvermögen, seine Vorstellungen, auch nur in den zur Möglichkeit der Erfahrung nöthigen Zusammenhang zu bringen. In den Tollhäusern ist das weibliche Gesehlecht, seiner Schwatzhaftigkeit halber, dieser Krankheit am meisten unterworfen; nämlich unter das, was sie erzählen, so viel Einschiebsel in ihrer lebhaften Einbildungskraft zu machen, dass Niemand begreift, was sie eigentlich sagen wollten. Diese erste Verrückung ist tumul tu arisch.
2) Wahnsinn {dementia) ist diejenige Störung des Gemüths, da Alles, was der Verrückte erzählt, zwar den formalen Gesetzen des Denkens zu der Möglichkeit einer Erfahrung gemäss ist, aber durch falsch dichtende Ein- bildungskraft selbst gemachte Vorstellungen für Wahr- nehmungen gehalten werden. Von der Art sind Die- jenigen, welche allerwärts Feinde um sich zu haben glauben; die alle Mienen, Worte oder sonstige gleich- gültige Handlungen Anderer als auf sich abgezielt und als Schlingen betrachten, die ihnen gelegt werden. — Diese sind in ihrem unglücklichen Wahn oft so scharf- sinnig in Auslegung dessen, was Andere unbefangen thun, um es als auf sich angelegt auszudeuten, dass, wenn die Data nur wahr wäre, man ihrem Verstände alle Ehre müsste widerfahren lassen. — Ich habe nie gesehen, dass Jemand von dieser Krankheit je ge- heilt worden ist (denn es ist eine besondere Anlage, mit Vernunft zu rasen). Sie sind aber doch nicht zu den Hospitalnarren zu zählen; weil sie, nur für sich selbst besorgt, ihre vermeinte Schlauigkeit nur auf ihre eigene Erhaltung richten, ohne Andere in Gefahr zu setzen, mithin nicht sicherheitshalber eingeschlossen zu werden bedürfen. Diese zweite Verrückung ist me- thodisch.
3) Wahnwitz (insania) ist eine gestörte Urtheils- kraft; wodurch das Gemüth durch Analogien hingehalten wird, die mit Begriffen einander ähnlicher Dinge verwechselt werden, und so die Einbildungskraft ein dem Verstände ähnliches Spiel der Verknüpfung disparater Dinge als das Allgemeine vorgaukelt, worunter die letzteren Vorstellungen enthalten waren. Die Seelen- kranken dieser Art sind mehrentheils sehr vergnügt, dichten abgeschmackt und gefallen sich in dem Reichthume einer so ausgebreiteten Verwandtschaft sich, ihrer Meinung nach, zusammenreimender Begriffe. — Der Wahnsinnige dieser Art ist nicht zu heilen; weil er, wie die Poesie überhaupt, schöpferisch und durch Mannichfaltigkeit unter- haltend ist. — Diese dritte Verrückung ist zwar methodisch, aber nur fragmentarisch.
4) Aberwitz (vesaniä) ist die Krankheit einer ge- störten Vernunft. — Der Seelenkranke überfliegt die ganze Erfahrungsleiter und hascht nach Principien, die des Probirsteins der Erfahrung ganz überhoben sein können, und wähnt, das Unbegreifliche zu begreifen. — Die Erfindung der Quadratur des Zirkels, des Perpetuum Mobile, die Enthüllung der übersinnlichen Kräfte der Natur, und die Begreifung des Geheimnisses der Drei- einigkeit sind in seiner Gewalt. Er ist der ruhigste unter allen Hospitaliten und seiner in sich verschlossenen Speculation wegen am weitesten von der Raserei ent- fernt; weil er mit voller Selbstgenügsamkeit über alle Schwierigkeiten der Nachforschung wegsieht. — Diese vierte Art der Verrückung könnte man systematisch nennen.
Denn es ist in der letzteren Art der Gemüthsstörung nicht blos Unordnung und Abweichung von der Regel des Gebrauchs der Vernunft, sondern auch positive Unvernunft, d. i. eine andere Regel, ein ganz ver- schiedener Standpunkt, worein, so zu sagen, die Seele versetzt wird, und aus dem sie alle Gegenstände anders sieht, und aus dem sensorium commune, das zur Ein- heit des Lebens (des Thiers) erfordert wird, sich in einen davon entfernten Platz f) versetzt findet (daher das Wort Verrückung). Wie eine bergigte Landschaft, aus der Vogelperspective gezeichnet, ein ganz anderes 122 Anthropologie. I. Theil. Anthropol. Didaktik.
Urtheil über die Gegend veranlasst, als wenn sie von der Ebene ans betrachtet wird. Zwar fühlt oder sieht die Seele sich nicht an einer andern Stelle (denn sie kann sich selbst nach ihrem Orte im Räume, ohne einen Wider- spruch zu begehen, nicht wahrnehmen, weil sie sich sonst als Object ihres äusseren Sinnes anschauen würde, da sie sich selbst nur Object des inneren Sinnes sein kann); aber man erklärt sich dadurch, so gut wie man kann, die so- genannte Verrückung. — Es ist aber verwunderungswürdig, dass die Kräfte des zerütteten Gemüths sich doch in einem System zusammenordnen, und die Natur auch sogar in die Unvernunft ein Princip der Verbindung derselben zu bringen strebt, damit das Denkungsvermögen, wenn- gleich nicht objectiv zum wahren Erkenntniss der Dinge, doch blos subjectiv zum Behuf des thierischen Lebens, nicht unbeschäftigt bleibe.
Dagegen zeigt der Versuch, sich selbst durch physische Mittel in einem Zustande, welcher der Verrückung nahe kommt, und in den man sicli willkürlich versetzt, zu beobachten, um durch diese Beobachtung auch den un- willkürlichen besser einzusehen, Vernunft genug, den Ursachen der Erscheinung nachzuforschen. Aber es ist gefährlich, mit dem Gemüth Experimente und es in ge- wissem Grade krank zu machen, um es zu beobachten und durch Erscheinungen, die sich da vorfinden möchten, seine Natur zu erforschen. — So will Helmont, nach Einnehmungen einer gewissen Dosis Napell (einer Gift- wurzel) eine Erfindung wahrgenommen haben, als ob er im Magen dächte. Ein anderer Arzt vergrösserte nach und nach die Gabe Kampher, bis es ihm vorkam, als ob Alles auf der Strasse in grossem Tumult wäre. Mehrere haben mit dem Opium so lange an sich experimentirt, bis sie in Gemüthsschwäche fielen, wenn sie nachliessen, dieses Hülfsmittel der Gedankenbelebung ferner zu gebrauchen. — Ein gekünstelter Wahnsinn könnte leicht ein wahrer werden. 51) Zerstreute Anmerkungen.