denkbaren Offenbarung angeführt wird) bezogen wird, weil, ſage ich, dieſen Werth der Vernunftreligion deutlich zu machen Pflicht war. Es hätte meinem Ankläger obgelegen, einen Fall anzuführen, wo ich mich durch Abwürdigung des Chriſtenthums vergangen habe, entweder die Annahme deſſelben als Offenbarung zu beſtreiten, oder dieſe auch als unnöthig zu erklären; denn daß dieſe Offenbarungslehre in Anſehung des praktiſchen Gebrauchs (als welcher das Weſentliche aller Religion ausmacht) nach den Grundſätzen des reinen Vernunftglaubens müſſe ausgelegt und öffent⸗ lich ans Herz gelegt werden, nehme ich für keine Abwür⸗ digung, ſondern vielmehr für Anerkennung ihres moraliſch fruchtbaren Gehalts an, der durch die vermeinte innere vorzügliche Wichtigkeit blos theoretiſcher Glaubensſätze ver⸗ unſtaltet werden würde.
4. Daß ich vielmehr eine wahre Hochachtung für das Chriſtenthum bewieſen habe durch die Erklärung, die Bibel als das beſte vorhandene zu Gründung und Erhaltung einer wahrhaftig moraliſchen Landesreligion auf unabſeh⸗ liche Zeiten taugliche Leitmittel der öffentlichen Religions⸗ unterweiſung anzupreiſen, und daher in dieſer ſich ſelbſt auf blos theoretiſche Glaubenslehren keine Angriffe und Einwürfe zu erlauben (obgleich die letzteren vor den Fa⸗ cultäten erlaubt ſein müſſen), ſondern auf ihren heiligen praktiſchen Inhalt zu dringen, der bei allem Wechſel der theo⸗ retiſchen Glaubens⸗Meinungen, welcher in Anfehung der bloßen Offenbarungslehren wegen ihrer Zufälligkeit nicht ausbleiben wird, das Innere und Weſentliche der Reli⸗ gion immer erhalten und das manche Zeit hindurch, wie in den dunkeln Jahrhunderten des Pfaffenthums, entartete Chriſtenthum in ſeiner Reinigkeit immer wieder herſtellen kann.
5. Daß endlich, ſo wie ich allerwärts auf Gewiſſenhaf⸗ tigkeit der Bekenner eines Offenbarungsglaubens, nämlich nicht mehr davon vorzugeben, als ſie wirklich wiſſen, oder Andern dasjenige zu glauben aufzudringen, was ſie doch ſelbſt nicht mit völliger Gewißheit zu erkennen ſich bewußt ſind, gedrungen habe, ich auch an mir ſelbſt das Gewiſſen, gleichſam als den göttlichen Richter in mir, bei Abfaſſung 140 Der Streit der Facultäten. Anhang.
meiner die Religion betreffenden Schriften nie aus dem Auge verloren habe, vielmehr jeden, ich will nicht ſagen, ſeelenverderblichen Irrthum, ſondern auch nur mir etwa anſtößigen Ausdruck durch freiwilligen Widerruf nicht würde Ne haben zu tilgen, vornehmlich in meinem 71. Le⸗ ensjahre, wo der Gedanke ſich von ſelbſt aufdringt, daß es wohl ſein könne, ich müſſe dereinſt einem herzenskun⸗ digen Weltrichter davon Rechenſchaft ablegen; daher ich dieſe meine Verantwortung jetzt vor der höchſten Landes⸗ herrſchaft mit voller Gewiſſenhaftigkeit als mein unverän⸗ derliches freimüthiges Bekenntniß beizubringen kein Be⸗ denken trage.
6. Was den zweiten Punkt betrifft, mir keine dergleichen (angeſchuldigte) Entſtellung und Herabwürdigung des Chriſtenthums künftighin zu Schulden kommen zu laſ⸗ ſen, 1 finde ich, um als Ew. Majeſtät treuer Unterthan darüber in keinen Verdacht zu gerathen, das Sicherſte, daß ich mich fernerhin aller öffentlichen Vorträge in Sachen der Religion, es ſei der natürlichen oder der geoffenbarten, in Vorleſungen ſowohl als in Schriften völlig enthalte und mich hiemit dazu verbinde.
Ich erſterbe in devoteſtem Gehorſam Ew. Königl. Majeſtät allerunterthänigſter Knecht.
Ende.
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ee MDZ Seilen enn taatsBibliothel Digitale Bibliothek Kant, Immanuel, Der Streit der Fakultäten in drei Abschnitten Leipzig [1880]