SigPhi · Immanuel Kant

Der Streit der Fakultäten (The Conflict of the Faculties)

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Von dem Punkte alſo, wo der Kirchenglaube anfängt, für ſich ſelbſt mit Autorität zu ſprechen, ohne auf ſeine Rectification durch den reinen Religionsglauben zu achten, hebt auch die Sectirerei au; denn da dieſer (als praktiſcher Vernunftglaube) ſeinen Einfluß auf die menſch⸗ liche Seele nicht verlieren kaun, der mit dem Bewußtſein der Freiheit verbunden iſt, indeſſen daß der Kirchenglaube über die Gewiſſen Gewalt ausübt: ſo ſucht ein Jeder etwas für ſeine eigene Meinung in den Kirchenglauben hinein oder aus ihm heraus zu bringen.

Dieſe Gewalt veranlaßt entweder bloße Abſonderung von der Kirche (Separatismus), d. i. Enthaltung von der öffentlichen Gemeinſchaft mit ihr, oder öffentliche Spaltung der in Anſehung der kirchlichen Form Andersdenkenden, ob ſie zwar der Materie nach ſich zu eben derſelben bekennen (Schismatiker), oder Zuſammentretung der Diſſidenten in Anſehung gewiſſer Glaubenslehren in beſondere, nicht immer geheime, aber doch vom Staat nicht fanctienirte Geſellſchaf⸗ 70 1. Abſch. Der Streit der phlloſophiſchen ten (Sectirer), deren einige noch beſondere, nicht fürs große Publikum gehörende, geheime Lehren aus eben demſelben Schatz herholen (gleichſam Clubbiſten der Frömmigkeit), endlich auch falſche Friedensſtifter, die durch die Zuſammen⸗ ſchmelzung verſchiedener Glaubensarten allen genug zu thun meinen (Synkretiſten); die dann noch ſchlimmer ſind als Sectirer, weil Gleichgültigkeit in Anſehung der Religion überhaupt zum Grunde liegt, und weil einmal doch ein Kirchenglaube im Volk ſein müſſe, einer ſo gut wie der an⸗ dere ſei, wenn er ſich nur durch die Regierung zu ihren Zwecken gut handhaben läßt; ein Grundſatz, der im Munde des Regenten, als eines ſolchen, zwar ganz richtig, auch ſogar weiſe iſt, im Urtheile des Unterthanen ſelbſt aber, der dieſe Sache aus ſeinem eigenen und zwar moraliſchen Jutereſſe zu erwägen hat, die äußerſte Geringſchätzung der Religion verrathen würde; indem, wie ſelbſt das Vehikel der Religion beſchaffen ſei, was Jedermann in ſeinen Kir⸗ chenglauben aufnimmt, für die Religion keine gleichgültige Sache iſt.

In Auſehung der Sectirerei (welche auch wohl ihr Haupt bis zur Vermannigfaltigung der Kirchen erhebt, wie es bei den Proteſtanten geſchehen iſt) pflegt mau zwar zu ſagen: es iſt gut, daß es vielerlei Religionen (eigentlich kirchliche Glaubensarten in einem Staate) giebt, und fo fern iſt dieſes auch richtig, als es ein gutes Zeichen iſt: nämlich daß Glaubeusfreiheit dem Volke gelaſſen worden; aber das iſt eigentlich nur ein Lob für die Regierung. An ſich aber iſt ein ſolcher öffentlicher Religionszuſtand doch nicht gut, deſſen Prineip fo beſchaffen iſt, daß es nicht, wie es doch der Begriff einer Religion erfordert, Allgemeinheit und Ein⸗ heit der weſentlichen Glaubensmaximen bei ſich führt und den Streit, der von dem Außerweſentlichen herrührt, nicht von jeuem unterſcheidet. Der Unterſchied der Meinungen, in Auſehung der größeren oder minderen Schicklichkeit oder Unſchicklichkeit des Vehikels der Religion zu dieſer als End⸗ abſicht ſelbſt (nämlich die Menſchen moraliſch zu beſſern), mag alſo allenfalls Verſchiedenheit der Kirchenſeeten, darf aber darum nicht Verſchiedenheit der Religionsſeeten be⸗ wirken, welche der Einheit und Allgemeinheit der Religion Facultät mit der theologiſchen. 71 (alſo der unſichtbaren Kirche) gerade zuwider iſt. Aufge⸗ klärte Katholiken und Proteſtanten werden alſo einander als Glaubensbrüder anſehen können, ohne ſich doch zu ver⸗ mengen, beide in der Erwartung (und Bearbeitung zu die- ſem Zweck): daß die Zeit, unter Begünſtigung der Regie⸗ rung, nach und nach die Förmlichkeiten des Glaubens (der freilich alsdann nicht ein Glaube ſein muß, Gott ſich durch etwas anders, als durch reine moraliſche Geſinnung günſtig zu machen oder zu verſöhnen) der Würde ihres Zwecks, näm⸗ lich der Religion ſelbſt, näher bringen werde. — Selbſt in Anſehung der Juden iſt dieſes, ohne die Träumerei einer allgemeinen Judenbekehrungs) (zum Chriſtenthum als ei⸗ nem meſſianiſchen Glauben) möglich, wenn unter ihnen, wie jetzt geſchieht, geläuterte Religionsbegriffe erwachen, und das Kleid des nunmehro zu nichts dienenden, viel— mehr alle wahre Religionsgeſinnung verdrängenden, alten Cultus abwerfen. Da ſie nun ſo lange das Kleid ohne Mann (Kirche ohne Religion) Ne haben, gleichwohl aber der Mann ohne Kleid (Religion ohne Kirche) auch nicht gut verwahrt iſt, ſie alſo gewiſſe Förmlichkeiten einer Kirche, die dem Endzweck in ihrer jetzigen Lage am ange— meſſenſten wäre, bedürfen: ſo kann man den Gedanken eines ſehr guten Kopfs dieſer Nation, Bendavids, die Reli⸗ gion Jef u (vermuthlich mit ihrem Vehikel dem Evan⸗ gel ium) öffentlich anzunehmen, nicht allein für ſehr glück⸗ lich, ſondern auch für den einzigen Vorſchlag halten, deſſen Ausführung dieſes Volk, auch ohne ſich mit andern in Glau⸗ bensſachen zu vermiſchen, bald als ein gelehrtes, wohlge— Moſes Mendelsſohn wies dieſes Aufinnen auf eine Art ab, die ſeiner Klugheit Ehre macht (durch eine argumentatio ad hominem). So lange (ſagt er) als nicht Gott vom Berge Sinai eben ſo feierlich unſer Geſetz aufhebt, als er es (unter Donner und Blitz) gegeben, d. i. bis zum Nimmertag, ſind wir daran gebunden; womit er wahrſchein⸗ licher Weiſe jagen wollte: Chriſten, ſchafft ihr erſt das Judenthum aus Eurem eigenen Glauben weg: ſo werden wir auch das unſrige ver⸗ laſſen — daß er aber ſeinen eignen Glaubensgenoſſen durch dieſe harte Forderung die Hoffnung zur mindeſten Erleichterung der ſie drückenden Laſten abſchnitt, ob er zwar wahrſcheinlich die wenigſten derſelben für weſentlich feinem Glauben angehörig hielt, ob das feinem guten Wil⸗ len Ehre mache, mögen dieſe ſelbſt entſcheiden.

72 1. Abſch. Der Streit der philoſophiſchen ſittetes, und aller Rechte des bürgerlichen Zuſtandes fähiges Volk, deſſen Glaube auch von der Regierung ſanctionirt werden könnte, bemerklich machen würde; wobei freilich ihr die Schriftauslegung (der Thora und des Evangeliums) frei gelaſſen werden müßte, um die Art wie Jeſus, als Jude zu Juden, von der Art wie er als moraliſcher Lehrer zu Menſchen überhaupt redete, zu unterſcheiden. — Die Euthanaſie des Judenthums iſt die reine moraliſche Reli⸗ gion, mit Verlaſſung aller alten Satzungslehren, deren ei⸗ nige doch im Chriſtenthum (als meſſianiſchen Glauben) noch zurück behalten bleiben müſſen: welcher Sectenunterſchied endlich doch auch verſchwinden muß, und ſo das, was man als den Beſchluß des großen Drama des Religionswechſels auf Erden nennt, (die Wiederbringung aller Dinge) wenig⸗ ſtens im Geiſte herbeiführt, da nur ein Hirt und eine Heerde ſtattfindet.

Wenn aber gefragt wird: nicht blos was Chriſtenthum ſei, ſondern wie es der Lehrer deſſelben anzufangen habe, damit ein ſolches in den Herzen der Menſchen wirklich an⸗ getroffen werde (welches mit der Aufgabe einerlei iſt: was iſt zu thun, damit der Religionsglaube zugleich beſſere Menſchen mache?) ſo iſt der Zweck zwar einerlei, und kann keinen Sectenunterſchied veranlaſſen, aber die Wahl des Mittels zu demſelben kann dieſen doch herbeiführen, weil zu einer und derſelben Wirkung ſich mehr wie eine Urſache denken läßt, und ſofern alſo Verſchiedenheit und Streit der Meinungen, ob das eine oder das andere demſelben angemeſſen und göttlich ſei, mithin eine Trennung in Prin⸗ cipien bewirken kann, die ſelbſt das Weſentliche (in ſubjec⸗ tiver Bedeutung) der Religion überhaupt angehen.

Da die Mittel zu dieſem Zwecke nicht empiriſch ſein lönnen, — weil dieſe allenfalls wohl auf die That, aber nicht auf die Geſinnung hinwirken, — ſo muß für den, der alles Ue berſinnliche zugleich für über natürlich hält, die obige Aufgabe ſich in die Frage verwandeln: wie iſt die Wiedergeburt (als die Folge der Bekehrung, wodurch Jemand ein anderer, neuer Menſch wird) durch göttlichen * Facultät mit der theologiſchen. 73 unmittelbaren Einfluß möglich, und was hat der Menſch zu thun, um dieſen herbei zu ziehen? Ich behaupte, daß, ohne die Geſchichte zu Rathe zu ziehen, (als welche zwar Meinungen, aber nicht die Nothwendigkeit derſelben vor⸗ ſtellig machen kann) man a priori einen unausbleiblichen Sectenunterſchied, den blos dieſe Aufgabe bei denen be⸗ wirkt, welchen es eine Kleinigkeit iſt, zu einer natür⸗ lichen Wirkung übernatürliche Urſachen herbeizurufen, vor⸗ her zu ſagen, ja daß dieſe Spaltung auch die einzige ſei, welche zur Benennung zweier verſchiedener Religionsſecten berechtigt; denn die anderen, welche man fälſchlich ſo be⸗ nennt, find nur Kirchenſeeten, und gehen das Innere der Religion nicht an. — Ein jedes Problem aber beſteht erſt⸗ lich aus der Quäſtion der Aufgabe, zweitens der Auf⸗ löſung, und drittens dem Beweis, daß das Verlangte durch die letztere Ne bie werde. Alſo: 1) Die Aufgabe (die der wackere Spener mit Eifer allen Lehrern der Kirche zurief) iſt: der Religionsvortrag muß zum Zweck haben, aus uns andere, nicht blos beſſere Menſchen, (gleich als ob wir ſo ſchon gute, aber nur dem Grade nach vernachläſſigte wären) zu machen. Dieſer Satz ward den Orthodoiſten (ein nicht übel ausgedachter Name) in den Weg geworfen, welche in dem Glauben an die reine Offenbarungslehre und der von der Kirche vor⸗ geſchriebenen Obſervanzen (dem Beten, dem Kirchengehen und den Sacramenten) neben dem ehrbaren (zwar mit Ueber⸗ tretungen untermengten, durch jene aber immer wieder gut zu machenden) Lebenswandel die Art ſetzten, Gott wohlge⸗ fällig zu werden. — Die Aufgabe iſt alſo ganz in der Vernunft gegründet.

2) Die Auflöſung aber iſt völlig myſtiſch ausgefallen: ſo wie man es vom Supernaturalismus in Prineipien der Religion erwarten konnte, der, weil der Menſch von Natur in Sünden todt ſei, keine Beſſerung aus eigenen Kräften hoffen laſſe, ſelbſt nicht aus der urſprünglichen unverfälſch⸗ baren moraliſchen Anlage in ſeiner Natur, die, ob ſie gleich überſinnlich iſt, dennoch Fleiſch genannt wird, darum weil ihre Wirkung nicht zugleich übern atürlich iſt, als in welchem Falle die unmittelbare Urſache derſelben allein 74 1. Abſch. Der Streit der philoſophiſchen der Geiſt (Gottes) ſein würde. — Die myſtiſche Auflöſung jener Aufgabe theilt nun die Gläubigen in zwei Secten des Gefühls übernatürlicher Einflüſſe: die eine, wo das Gefühl als von herzzer malmender (zerfmirfchender), die andere, wo es von herzzerſchmelzender (in die ſelige Gemeinſchaft mit Gott ſich auflöſender) Art ſein müſſe, ſo, daß die Auflöſung des Problems (aus böſen Menſchen gute zu machen) von zwei entgegengeſetzten Standpunkten aus⸗ geht („wo das Wollen zwar gut iſt, aber das Vollbringen mangelt“). In der einen Secte kommt es nämlich nur darauf an, um von der Herrſchaft des Böſen in ſich los zu kommen, worauf dann das gute Princip ſich von ſelbſt einfinden würde: in der andern, das gute Princip in ſeine Geſinnung aufzunehmen, worauf vermittelſt eines überna⸗ türlichen Einfluſſes das Böſe für ſich keinen Platz mehr finde, und das Gute allein herrſchend ſein würde.

Die Idee von einer moraliſchen, aber nur durch über⸗ natürlichen Einfluß möglichen, Metamorphoſe des Men⸗ ſchen mag wohl ſchon längſt in den Köpfen der Gläubigen rumort haben: ſie iſt aber in neueren Zeiten allererſt recht zur Sprache gekommen, und hat den Spener—⸗ Frankiſchen und den Mähriſch-Zinzendorfſchen Sectenunterſchied (den Pietismus und Moravianismus) in der Bekehrungslehre hervorgebracht.

Nach der erſteren Hypotheſe geſchieht die Scheidung des Guten vom Böſen (womit die menſchliche Natur amal⸗ gamirt iſt) durch eine übernatürliche Operation, die Zer- knirſchung und Zermalmung des Herzens in der Buße, als einem nahe an Verzweiflung grenzenden, aber doch auch nur durch den Einfluß eines himmliſchen Geiſtes in n nöthigen Grade erreichbaren Gram (moeror animi), um welchen der Menſch ſelbſt bitten müſſe, indem er ſich ſelbſt darüber grämt, daß er ſich nicht genug grämen (mithin das Leidſein ihm doch nicht ſo ganz von Herzen gehen) kann. Dieſe „Höllenfahrt des Selbſterkenntniſſes bahnt nun, wie der ſelige Haman ſagt, den Weg zur Vergötte⸗ rung.“ Nämlich, nachdem dieſe Glut der Buße ihre größte Höhe erreicht hat, geſchehe der Durchbruch, und der Re⸗ gulus des Wiedergebornen glänze unter den Schlacken, Facultät mit der theologlſchen. 75 die ihn zwar umgeben, aber nicht verunreinigen, tüchtig zu dem Gott wohlgefälligen Gebrauch in einem guten Lebens⸗ wandel. — Diese radicale Veränderung fängt alfo mit ei⸗ nem Wunder an, und endigt mit dem, was man ſonſt als natürlich anzuſehen pflegt, weil es die Vernunft vor⸗ ſchreibt, nämlich mit dem moraliſch-guten Lebenswandel. Weil man aber, ſelbſt beim höchſten Fluge einer myſtiſch⸗ geſtimmten Einbildungskraft, den Menſchen doch nicht von allem Selbſtthun losſprechen kann, ohne ihn gänzlich zur Maſchine zu machen, jo iſt das anhaltende inbrünſtige Ge— bet das, was ihm noch zu thun obliegt (wofern man es überhaupt für ein Thun will gelten laſſen) und wovon er ſich jene übernatürliche Wirkung allein verſprechen kaun; wobei doch auch der Serupel eintritt: daß, da das Gebet, wie es heißt, nur ſofern erhörlich iſt, als es im Glauben geſchieht, dieſer ſelbſt aber eine Gnadenwirkung iſt, d. i. etwas, wozu der Menſch aus eigenen Kräften nicht gelangen kann, er mit feinen Guadenmitteln im Zirkel geführt wird, und am Ende eigentlich nicht weiß, wie er das Ding an— greifen ſolle.

Nach der zweiten Secte Meinung geſchieht der erſte Schritt, den der ſich ſeiner ſündigen Beſchaffenheit bewußt werdende Meuſch zum Beſſeren thut, ganz natürlich, durch die Vernunft, die, indem ſie ihm im moraliſchen Geſetz den Spiegel vorhält, worin er ſeine Verwerflichkeit erblickt, die moraliſche Aulage zum Guten benutzt, um ihn zur Eutſchließung zu bringen, es fortmehro zu ſeiner Maxime zu machen: Aber die Ausführung dieſes Vorſatzes iſt ein Wunder. Er wendet ſich nämlich von der Fahne des böſen Geiſtes ab, und begiebt ſich unter die des Guten, welches eine leichte Sache iſt. Aber nun bei dieſer zu be⸗ harren, nicht wieder ins Böſe zurück zu fallen, vielmehr im Guten immer mehr fortzuſchreiten, das iſt die Sache, wozu er natürlicher Weiſe unvermögend ſei, vielmehr nichts Ge— ringeres, als Gefühl einer übernatürlichen Gemeinſchaft, und ſogar das Bewußtſein eines continuirlichen Umganges mit einem himmliſchen Geiſte, erfordert werde; wobei es zwiſchen ihm und dem letzteren zwar auf einer Seite nicht an Verweiſen, auf der andern nicht an Abbitten, fehlen 76 1. Abſch. Der Streit der philoſophiſchen kann; doch ohne daß eine Entzweiung oder Rückfall (aus der Gnade) zu beſorgen iſt: wenn er nur darauf Bedacht nimmt, dieſen Umgang, der ſelbſt ein continuirliches Gebet iſt, ununterbrochen zu cultiviren.

Hier iſt nun eine zwiefache myſtiſche Gefühlstheorie zum Schlüſſel der Aufgabe: ein neuer Menſch zu werden, vor⸗ gelegt; wo es nicht um das Object und den Zweck aller Religion (den Gott gefälligen Lebenswandel, denn darüber ſtimmen beide Theile überein), ſondern um die ſubjectiven Bedingungen zu thun iſt, unter denen wir allein Kraft dazu bekommen, jene Theorie in uns zur Ausführung zu bringen; wobei dann von Tugend (die ein leerer Name ſei) nicht die Rede ſein kann, ſondern nur von der Gnade, weil beide Parteien darüber einig find, daß es hiemit nicht na- türlich zugehen könne, ſich aber wieder darin von einander trennen, daß der eine Theil den fürchterlichen Kampf mit dem böſen Geiſte, um von deſſen Gewalt los zu kom⸗ men, beſtehen muß, der andere aber dieſes gar nicht nöthig, ja als Werkheiligkeit verwerflich findet, ſondern geradezu mit dem guten Geiſte Allianz ſchließt, weil die vorige mit dem Böſen (als pactum turpe) gar keinen Einſpruch da⸗ gegen verurſachen kann; da dann die Wiedergeburt, als einmal für allemal vorgehende übernatürliche und radicale Revolution im Seelenzuſtande auch wohl äußerlich einen Sectenunterſchied aus jo ſehr gegen einander abſtechenden Gefühlen beider Parteien, keunbar machen dürfte. “) drilcke aufs Gemüth ſich in Geberdung und Ton der Sprache äußern, und Mienen endlich ſtehende Geſichtszüge werden. Beate, oder wie ſie Hr. Nicolai nennt, gebenedeiete Geſichter würden es von an⸗ deren geſitteten und aufgeweckten Völkern (eben nicht zu ihrem Vor⸗ theil) unterſcheiden; denn es iſt Zeichnung der Frömmigkeit in Carri⸗ catur. Aber nicht die Verachtung der Frömmigkeit iſt es, was den Namen der Pietiſten zum Sectennamen gemacht hat, (mit dem immer eine gewiſſe Verachtung verbunden iſt), ſondern die phantaſtiſche, und, bei allem Schein der Demuth, ſtolze Anmaßung ſich als übernatürlich⸗ begünſtigte Kinder des Himmels auszuzeichnen wenn gleich ihr Wandel, ſo viel man ſehen kann, vor dem der von ihnen ſo benannten Welt⸗ kinder, in der Moralität nicht den mindeſten Vorzug zeigt.

Faculät mit ber theologiſchen. 77 3) Der Beweis: daß wenn, was Nr. 2 verlangt wor⸗ den, geſchehen, die Aufgabe Nr. 1 dadurch aufgelöst ſein werde. — Dieſer Beweis iſt unmöglich. Denn der Menſch müßte beweiſen, daß in ihm eine übernatürliche Erfahrung, die an ſich ſelbſt ein Widerſpruch iſt, vorgegangen ſei. Es könnte allenfalls eingeräumt werden, daß der Menſch in ſich eine Erfahrung (3. B. von neuen und beſſeren Willensbe⸗ ſtimmungen) gemacht hätte, von einer Veränderung, die er ſich nicht anders als durch ein Wunder zu erklären weiß, alſo von etwas Uebernatürlichem. Aber eine Erfahrung, von der er ſich ſogar nicht einmal, daß ſie in der That Erfahrung ge überführen kann, weil fie (als übernatürlich) auf keine Regel der Natur unſeres Verſtandes zurückge⸗ führt, und dadurch bewährt werden kann, iſt eine Ausdeu⸗ tung gewiſſer Empfindungen, von denen man nicht weiß, was man aus ihnen machen ſoll, ob ſie als zum Erkennt⸗ niß gehörig einen wirklichen Gegenſtand haben, oder bloße Träumereien ſein mögen. Den unmittelbaren Einfluß der Gottheit als einer ſolchen fühlen wollen, iſt, weil die Idee von dieſer blos in der Vernunft liegt, eine ſich ale widerſprechende Aumaßung. — Alſo iſt hier eine Aufgabe ſammt ihrer Auflöſung ohne irgend einen möglichen Be⸗ weis, woraus denn auch nie etwas Vernünftiges gemacht werden wird.

Es kommt nun noch darauf an, nachzuſuchen, ob die Bibel nicht noch ein anderes Prineip der Auflöſung jenes Speneriſchen Problems, als die zwei angeführten ſecten⸗ mäßigen enthalte, welches die Unfruchtbarkeit des kirchlichen Grundſatzes der bloßen Orthodoxie erſetzen könne. In der That iſt nicht allein in die Augen fallend, daß ein ſolches in der Bibel anzutreffen ſei, ſondern auch überzeugend ge⸗ wiß, daß nur durch daſſelbe, und das in dieſem Princip enthaltene Chriſtenthum dieſes Buch ſeinen ſo weit aus⸗ gebreiteten Wirkungskreis und dauernden Einfluß auf die Welt hat erwerben können, eine Wirkung, die keine Offen⸗ barungslehre, (als ſolche), kein Glaube an Wunder, keine vereinigte Stimme vieler Bekenner, je hervorgebracht hätte, weil ſie nicht aus der Seele des Menſchen ku geſchöpft geweſen wäre, und ihm alſo immer hätt fremd bleiben müſſen.

78 1. Abſch. Der Streit der philoſophiſchen Es iſt nämlich etwas in uns, was zu bewundern wir niemals aufhören können, wenn wir es einmal ins Auge gefaßt haben, und dieſes iſt zugleich dasjenige, was die Menſchheit in der Idee zu einer Würde erhebt, die man am Menſchen, als Gegenſtand der Erfahrung, nicht ver⸗ muthen ſollte. Daß wir den moraliſchen Geſetzen unter⸗ worfene und zu deren Beobachtung ſelbſt mit Aufopferun aller ihnen widerſtreitenden Lebensannehmlichkeiten dur unſere Vernunft beſtimmte Weſen find, darüber wundert man ſich nicht, weil es objectiv in der natürlichen Ordnung der Dinge als Object der reinen Vernunft liegt, jenen Ge⸗ ſetzen zu gehorchen: ohne daß es dem gemeinen und ge⸗ ſunden Verſtande nur einmal einfällt, zu fragen, woher uns jene Geſetze kommen mögen, um vielleicht, bis wir ihren Urſprung wiſſen, die Befolgung derſelben aufzuſchieben, oder 49035 gar ſeine Wahrheit zu bezweifeln. — Aber daß wir auch das Vermögen dazu haben, der Moral mit unſerer ſinnlichen Natur ſo große Opfer zu bringen, daß wir das auch können, wovon wir ganz leicht und klar begreifen, daß wir es ſollen, dieſe Ueberlegenheit des überſinnlichen Menſchen in uns über den ſinnlichen, desjenigen, gegen den der letztere (wenn es zum Wider⸗ ſtreit kommt) nichts iſt, ob dieſer zwar in ſeinen eigenen Augen Alles iſt, dieſe moraliſche, von der Menſchheit un⸗ zertrennliche Anlage in uns, iſt ein Gegenſtand der höchſten Bewunderung, die, je länger man dieſes wahre (nicht erdachte) Ideal anſieht, nur immer deſto höher ſteigt: ſo daß diejenigen wohl zu entſchuldigen ſind, welche, durch die Unbegreiflichkeit deſſelben verleitet, dieſes Ueberſinnliche in uns, weil es doch praktiſch iſt, für übernatürlich, d. i. für etwas, was gar nicht in unſerer Macht ſteht, und uns als eigen zugehört, ſondern vielmehr für den Einfluß von einem andern und höheren Geiſte halten; worin ſie aber ſehr fehlen; weil die Wirlung dieſes Vermögens als⸗ dann nicht unſere That ſein, mithin uns auch nicht zuge⸗ rechnet werden könnte, das Vermögen dazu alſo nicht das unſrige ſein würde. — Die Benutzung der Idee dieſes uns unbegreiflicher Weiſe beiwohnenden Vermögens und die Ansherzlegung derſelben, von der früheſten Jugend an und Facultät mit der theologiſchen. 79 fernerhin im öffentlichen Vortrage, enthält nun die ächte Auflöſung jeues Problems (vom neuen Menſchen) und ſelbſt die Bibel ſcheint nichts anders vor Augen gehabt zu haben, nämlich nicht auf übernatürliche Erfahrungen und ſchwär⸗ meriſche Gefühle hinzuweiſen, die, ſtatt der Vernunft, dieſe Revolution bewirken ſollten: ſondern auf den Geiſt Chriſti, um ihn, ſo wie er ihn in Lehre und Beiſpiel bewies, zu dem unſrigen zu machen, oder vielmehr, da er mit der ur⸗ ſprünglichen moraliſchen Anlage ſchon in uns liegt, ihm nur Raum zu verſchaffen. Und ſo iſt, zwiſchen dem ſeelen⸗ loſen Orthodoxismus und dem vernunfttödtenden My⸗ ſticismus, die bibliſche Glaubenslehre, ſo wie ſie ver⸗ mittelſt der Vernunft aus uns ſelbſt entwickelt werden kann, die mit göttlicher Kraft auf aller Menſchen Herzen zur gründlichen Beſſerung hinwirkende und ſie in einer allge⸗ meinen (obzwar unſichtbaren) Kirche vereinigende, auf dem Kriticismus der praktiſchen Vernunft gegründete wahre Religionslehre. * Das aber, worauf es in dieſer Anmerkung eigentlich ankommt, iſt die Beantwortung der Frage: ob die Regie⸗ rung wohl einer Secte des Gefühlglaubens die Sanction einer Kirche könne angedeihen laſſen: oder ob ſie eine ſolche zwar dulden und ſchützen, mit jenem Prärogativ aber nicht 9890 könne, ohne ihrer eigenen Abſicht zuwider zu han⸗ eln?

eln?

Wenn man annehmen darf, (wie man es denn mit Grunde thun kann,) daß es der Regierung Sache gar nicht ſei, für die künftige Seligkeit der Unterthanen Sorge zu tragen und ihnen den Weg dazu anzuweiſen, (denn das muß ſie wohl dieſen ſelbſt überlaſſen, wie denn auch der Regent ſelbſt ſeine eigene Religion gewöhnlicher Weiſe vom Volk und deſſen Lehrern her hat): ſo kann ihre Abſicht nur ſein, auch durch dieſes Mittel (den Kirchenglauben) lenk⸗ ſame und moraliſch-gute Unterthauen zu haben.

Zu dem Ende wird ſie erſtlich keinen Naturalismus (Kirchenglauben ohne Bibel) ſanctioniren, weil es bei dem gar keine dem Einfluß der Regierung unterworfene kirch⸗ 80 1. Abſch. Der Streit der philoſophiſchen.

liche Form geben würde, welches der Vorausſetzung wider⸗ ſpricht. — Die bibliſche Orthodoxie würde alſo das ſein, woran ſie die öffentlichen Volkslehrer bände, in Anſehung deren dieſe wiederum unter der Beurtheilung der Facultä⸗ ten ſtehen würden, die es angeht, weil ſonſt ein Pfaffen⸗ thum, d. i. eine Herrſchaft der Werkleute des Kirchenglau⸗ bens eutſtehen würde, das Volk nach ihren Abſichten zu be⸗ herrſchen. Aber den Orthodoxismus, d. i. die Mei⸗ nung von der Hinlänglichkeit des Kirchenglaubens zur Re⸗ ligion würde ſie durch ihre Autorität nicht beſtätigen; weil 15 die natürlichen Grundſätze der Sittlichkeit zur Neben⸗ ſache macht, da ſie vielmehr die Hauptſtütze iſt, worauf die Regierung muß rechnen können, wenn fie in ihr Volk Ver⸗ trauen ſetzen ſoll.“) Endlich kann fie am wenigſten den Myſticismus als Meinung des Volks übernatürlicher In⸗ ſpiration ſelbſt e werden zu können, zum Raug eines öffentlichen Kirchenglaubeus erheben, weil er gar nichts Oeffentliches iſt, und ſich alſo dem Einfluß der Regierung gänzlich entzieht.

*) Was den Staat in Religionsdingen allein intereſſiren darf, iſt: wozu die Lehrer derſelben anzuhalten ſind, damit er nützliche Bürger, gute Soldaten, und überhaupt getreue Unterthanen habe. Wenn er nun dazu die Einſchärfung der Rechtgläubigkeit in ſtatutariſchen Glau⸗ benslehren und eben ſolcher Gnadenmittel wählt, ſo kann er hiebei ſehr übel fahren. Denn da das Annehmen dieſer Statuten eine leichte und dem ſchlechtdenkendſten Menſchen weit leichtere Sache iſt, als dem Gu⸗ ten, dagegen die moraliſche Beſſerung der Geſinnung viel und lange Mühe macht, er aber von der erſteren hauptſächlich ſeine Seligkeit zu hoffen gelehrt worden iſt, ſo darf er ſich eben kein groß Bedenken ma⸗ chen, ſeine Pflicht (doch behutſam) zu übertreten, weil er ein unfehl⸗ bares Mittel bei der Hand hat, der göttlichen Strafgerechtigkeit (nur daß er ſich nicht verſpäten muß,) durch ſeinen rechten Glauben an alle Geheimniſſe und inſtändiger Benutzung der Gnadenmittel, zu entgehen: dagegen, wenn jene Lehre der Kirche geradezu auf die Moralität gerich⸗ tet ſein würde, das Urtheil ſeines Gewiſſens ganz anders lauten würde: nämlich daß, ſo viel er von dem Böſen, was er that, nicht erſetzen kann, dafür müſſe er einem künftigen Richter antworten, und dieſes Schickſal abzuwenden, vermöge kein kirchliches Mittel, kein durch Angft herausgedrängter Glaube, noch ein ſolches Gebet (desine fata deum flecti sperare precando). — Bei welchem Glauben iſt nun der Staat ſicherer?

Facultät mit der theofogifchen. 81 Friedens-Abſchluß und Beilegung des Streits der Facultäten.

In Streitigkeiten, welche blos die reine, aber praktiſche, Vernunft angehen, hat die philoſophiſche Facultät ohne Widerrede das Vorrecht, den Vortrag zu thun, und, was das Formale betrifft, den Prozeß zu inſtruirenz was aber das Materiale anlangt, ſo iſt die theologiſche im Beſitz den Lehnſtuhl, der den Vorrang bezeichnet, einzunehmen, nicht weil ſie etwa in Sachen der Vernunft auf mehr Einſicht Auſpruch machen kaun, als die übrigen, ſondern weil es die wichtigſte menſchliche Angelegenheit betrifft, und führt daher den Titel der oberſten Facultät (doch nur als prima inter pares). — Sie ſpricht aber nicht nach Geſetzen der reinen und a priori erkeunbaren Vernunftreligion (denn da würde ſie ſich erniedrigen, und auf die philoſophiſche Bauk herabſetzen), ſondern nach ſtatutariſchen, in einem Buche, vorzugsweiſe Bibel genannt, enthaltenen Glaubensvor⸗ ſchriften, d. i., in einem Codex der Offenbarung eines vor viel hundert Jahren geſchloſſenen alten und neuen Bundes der Meuſchen mit Gott, deſſen Authenticität, als eines Ge⸗ ſchichtsglaubens (nicht eben des moraliſchen; denn der würde auch aus der Philoſophie gezogen werden können), doch mehr von der Wirkung, welche die Leſung der Bibel auf das Herz der Menſchen thun mag, als von mit kritiſcher Belifung der darin enthaltenen Lehren und Erzählungen aufgeſtellten Beweiſen erwartet werden darf, deſſen Aus⸗ legung auch nicht der natürlichen Vernunft der Laien, ſondern nur der Scharfſinnigkeit der Schriftgelehrten über⸗ laſſen wird.“) ) Im römiſch⸗katholiſchen Syſtem des Kirchenglaubens iſt, dieſen Punkt (das Bibelleſen), betreffend, mehr Conſequenz als im proteſtan⸗ tiſchen. — Der reformirte Prediger La Coſte ſagt zu ſeinen Glau⸗ bensgenoſſen: „ſchöpft das göttliche Wort aus der Quelle (der Bibel) ſelbſt, wo ihr es dann lauter und unverfälſcht einnehmen könnt; aber ihr müßt ja nichts anders in der Bibel finden, als was wir darin finden. — Nun, lieben Freunde, ſagt uns lieber, was ihr in der Bibel findet, damit wir nicht unnöthiger Weiſe darin ſelbſt ſuchen, und am Ende 6 82 1. Abſch. Der Streit der philoſophiſchen Der bibliſche Glaube iſt ein meſſianiſcher Geſchichts⸗ glaube, dem ein Buch des Bundes Gottes mit Abraham zum Grunde liegt, und beſteht aus einem moſaiſch⸗ meſſianiſchen und einem evangeliſch-meſſianiſchen Kir⸗ chenglauben, der den Urſprung und die Schickſale des Volks Gottes ſo vollſtändig erzählt, daß er von dem, was in der Weltgeſchichte überhaupt das Oberſte iſt, und wobei kein Menſch zugegen war, nämlich dem Weltanfang (in der Ge⸗ neſis) anhebend, fie bis zum Ende aller Dinge (in der Apokalypſis) verfolgt, — welches freilich von keinem An- dern, als einem göttlich-inſpirirten Verfaſſer erwartet wer⸗ den darf; wobei ſich doch eine bedenkliche Zahlen-Kabbala, in Anſehung der wichtigſten Epochen der heiligen Chro- nologie darbietet, welche den Glauben an die Authenticität Be 1 Geſchichtserzählung etwas ſchwächen dürfte.“ was wir darin gefunden zu haben vermeinen, von euch für unrichtige Auslegung derſelben erklärt werde.“ — Auch ſpricht die katholiſche Kirche in dem Satze: „Außer der Kirche (der katholiſchen) iſt kein Heil,“ conſequenter als die proteſtantiſche, wenn dieſe ſagt: daß man auch als Katholik ſelig werden könne. Denn wenn das tft (ſagt Boſſuet), ſo wählt man ja am ſicherſten, ſich zur erſteren zu ſchlagen. Denn noch ſeliger als ſelig kann doch kein Menſch zu werden verlangen.

) 70 apokalyptiſche Monate (deren es in dieſem Cyelus 4 giebt), jeden zu 29½ Jahren, geben 2065 Jahr. Davon jedes 49. Jahr, als das große Ruhejahr, (deren in dieſem Zeitlaufe 42) ſind) abgezogen: bleiben gerade 2023, als das Jahr, da Abraham aus dem Lande Ka⸗ naan, das ihm Gott geſchenkt hatte, nach Egypten ging. — Von da an bis zur Einnahme jenes Landes durch die Kinder Sfrael, 70 apokalyp⸗ tiſche Wochen ( 490 Jahr) — und fo Amal folder Jahrwochen zu⸗ ſammengezählt (= 1960) und mit 2023 addirt, geben, nach P. Petau Rechnung, das Jahr der Geburt Chriſti ( 3983) fo genau, daß auch nicht ein Jahr daran fehlt. — Siebzig Jahr hernach die Zerſtörung Jeruſalems (auch eine myſtiſche Epoche). — — Aber Bengel, in ordine temporum pag. 9. it. p. 218. seqq. bringt 3939, als die Zahl der Ge⸗ burt Chriſti, heraus? Aber das ändert nichts an der Heiligkeit des Numerus ſeptenarius. Denn die Zahl der Jahre vom Rufe Gottes an Abraham, bis zur Geburt Chrifti, iſt 1960, welches 4 apokalyptiſche Perioden austrägt, jede zu 490, oder auch 40 apok. Perioden, jede zu 7 mal 7 = 49 Jahr. Zieht man nun von jedem neunundvierzig⸗ Ten das große Ruhejahr und von jedem größten Ruhejahr, wel⸗ ches das 490. iſt, eines ab (zuſammen 44), jo bleibt gerade 3939, — Alſo ſind die Jahrzahlen 3983 und 3939, als das verſchieden ange⸗ Facultät mit der theologiſchen. 83 Ein Geſetzbuch des nicht aus der menſchlichen Vernunft gezogenen, aber doch mit ihr, als moraliſch⸗praktiſcher Ver⸗ nunft, dem Endzwecke nach vollkommen einſtimmigen ſta⸗ tutariſchen (mithin aus einer Offenbarung hervorgehen⸗ den) göttlichen Willens, die Bibel, würde nun das kräftigſte Organ der Leitung des Menſchen und des Bürgers zum zeitlichen und ewigen Wohl ſein, wenn ſie nur als Gottes Wort beglaubigt und ihre Authenticität documentirt wer⸗ den könnte. — Dieſem Umſtande aber ſtehen viele Schwie⸗ rigkeiten entgegen.

Denn wenn Gott zum Menſchen wirklich ſpräche, jo kann dieſer doch niemals wiſſen, daß es Gott ſei, der zu ihm ſpricht. Es iſt ſchlechterdings unmöglich, daß der Menſch durch ſeine Sinne den Unendlichen faſſen, ihn von Sinnen⸗ weſen unterſcheiden, und ihn woran kennen ſolle. — Daß es aber nicht Gott ſein könne, deſſen Stimme er zu hören glaubt, davon kann er ſich wohl in einigen Fällen über⸗ zeugen; denn, wenn das, was ihm durch ſie geboten wird, dem moraliſchen Geſetz zuwider iſt ſo mag die Erſcheinung ihm noch ſo majeſtätiſch, und die ganze Natur überſchreitend dünken: er muß ſie doch für Täuſchung halten.“)