SigPhi · Immanuel Kant

Kant's gesammelte Schriften. Band V. Kritik der praktischen Vernunft. (German)

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der Vernunft bedürfte. Der Verleger Hartknoch (19. Nov. 1781, X 261) rechnet auf eben diese beiden Werke, »da dies zur =Vollendung Ihres Plans= gehört u. ein Ganzes ausmacht.« Keiner denkt, und Kant selbst denkt in dieser Zeit nicht an eine zweite Kritik. Daher »brennt« z. B.

Schütz (10. Juli 1784, X 371) »vor Begierde und Sehnsucht« nach seiner =Metaphysik der Natur=, der er »doch auch gewiss eine =Metaph. der Sitten= folgen lassen« werde.

2. Der Schlussabschnitt der Einleitung, der von der Eintheilung der Transscendentalphilosophie handelt, schränkt zwar den Begriff der letzteren und damit den der _Kritik der reinen Vernunft_ ein Aber diese Einschränkung wird nur dadurch begründet, dass bei den obersten Grundsätzen und Grundbegriffen der Moralität, obgleich sie Erkenntnisse +a priori+ sind, doch Begriffe =empirischen= Ursprungs (der Lust und Unlust, der Begierden und Neigungen, der Willkür etc.)

=vorausgesetzt= werden müssten. Dies bedarf der Erklärung, da Kant mindestens seit 1770 (Diss. § 9) annimmt und unerschütterlich daran festhält, dass die Principien der Moral der reinen Vernunft entstammen und also zur reinen Philosophie gehören. (S. bes. an Lambert, 1770, X der theoretischen sowohl als_ +pract+_ischen Erkenntnis, so fern sie blos_ +intellectual+ _ist_). Aber die Erklärung liegt nicht fern: auch bei den obersten, völlig _reinen_ Grundsätzen und Grundbegriffen der Moral müssen dennoch die empirischen Begriffe der Lust, Unlust etc.

insofern _vorausgesetzt_ werden, als ein menschlicher Wille niemals ohne _Materie_ ist. Aber diese Materie geht nicht als _Princip_ oder _Bedingung_ in die reinen sittlichen Grundsätze oder Grundbegriffe mit ein. So _Kr. d. r. V.,_ III 384: _Moralische Begriffe sind nicht gänzlich reine Vernunftbegriffe, weil ihnen etwas empirisches (Lust oder Unlust) zum Grunde liegt, Gleichwohl können sie in Ansehung des =Princips=...(also wenn man bloß auf ihre Form Acht hat) gar wohl zum Beispiele reiner Vernunftbegriffe dienen_. Durch diese wohlbekannte Distinction erklären sich scheinbar empiristische Äusserungen wie im Brief an Herz 1773 (X 138) oder _Kr_. III 520 Anm.

Aber kann denn eine =Metaphysik= der Sitten, kann die Aufstellung =reiner= Principien der Moral einer voraufgehenden Kritik entrathen?

Gilt hier etwa nicht, dass +Methodus antevertit omnem scientiam+?

Gewiss bedarf sie der kritischen Bodenbereitung: aber =diese ist in der _Kritik der reinen (speculativen) Vernunft_ zugleich gegeben=. Eben sie hat (III 249) _den Boden zu jenen majestätischen =sittlichen= Gebäuden eben und baufest zu machen_. Sie thut es durch Sicherung der =Idee=, besonders der Idee der =Freiheit=, welche, obwohl selbst eine rein speculative, doch schon von der Dissertation (1770) an (§ 9. Anm.) die Grundidee der =praktischen Erkenntnis= ist, ja überhaupt den Begriff des Praktischen erst giebt: _Kr._ III 246f. _Plato fand seine Ideen vorzüglich in allem, was =praktisch ist, d. i. auf Freiheit beruht=, welche ihrerseits unter Erkenntnissen steht, die ein eigenthümliches Product der Vernunft sind_; III 384 _Ideen,...die =praktische= Kraft...haben und der Möglichkeit der Vollkommenheit gewisser =Handlungen= zum Grunde liegen_. Die »transscendentalen« Ideen aber, insbesondere die der Freiheit, erhalten ihre Sicherung durch die _Kritik der reinen Vernunft_ und erwarten sie nicht erst von einer zweiten, noch ausstehenden _Kritik der praktischen Vernunft_. Name und Begriff einer solchen ist in der 1. Aufl. der _Kr. d. r. V_. ganz unbekannt. Was noch aussteht, ist nicht eine zweite Kritik, sondern nur die Ausführung der Moral selbst, welche empirischer Begriffe (der Lust, Unlust etc., kurz der Materie des Willens) nicht entrathen kann und deshalb nicht zur Aufgabe der _Kritik_, der einzigen, nämlich der der in sich einigen Allerdings steht (nach III 332) die _reine Moral_ -- gleich der reinen Mathematik, auch diese Vergleichung ist zu beachten -- ausser der Transscendentalphilosophie; doch werden die _transscendentalen Vernunftbegriffe_ oder _Ideen...vielleicht von den Naturbegriffen zu den praktischen einen =Übergang= möglich machen..._ (255); sie machen die _=theoretische Stütze=_ der moralischen Ideen und Grundsätze aus, mit der diese (stehen und) fallen (325). Denn auf die transscendentale Idee der Freiheit =gründet sich= der praktische Begriff derselben; die Aufhebung der ersteren würde zugleich die letztere _vertilgen_ (363f.). Es wird dann die Deduction der Möglichkeit der Freiheit auf Grund der Unterscheidung von Erscheinung und Ding an sich, mitsammt der allgemeinen Erklärung des Sollens (371), das eine _ganz andere Regel und Ordnung, als die Naturordnung ist_, einführt (373), wenn auch kurz, gegeben, also der Kerngedanke der _Grundlegung_ wie der _Kritik der praktischen Vernunft_ vorweggenommen, ohne dass doch der Boden der rein speculativen Untersuchung damit verlassen würde, denn überall handelt es sich hier um die _theoretische Stütze_ der Moral, noch nicht um diese selbst.

Es werden auch die praktischen Postulate bereits angedeutet (421ff., 518); es wird endlich im _Kanon der reinen Vernunft_, der als wesentlicher Bestandtheil der Transscendentalphilosophie schon im Briefe an Herz 1776, X 186, bezeichnet worden war,[19] der Übergang ins praktische Gebiet ganz offen vollzogen; denn der Kanon =betrifft ausdrücklich den praktischen und nicht den speculativen Vernunftgebrauch= (III 518). Man versteht, dass es hier Kant selbst um die _Einheit des Systems_ fast bange wird (520); es kommt die Gefahr hinzu, von dem _neuen Stoffe_ oder dem _Gegenstand, der der transscendentalen Philosophie fremd ist_, zu wenig zu sagen und es so an Deutlichkeit oder Überzeugung fehlen zu lassen (ebenda). In der That aber ist die Grenze der bloss speculativen Untersuchung auch hier in aller Strenge eingehalten. Gehören einerseits -- wie hier wiederum betont wird -- die praktischen Begriffe, eben als praktische, d. h. auf Lust und Unlust (der Materie nach) bezogen, _nicht in den Inbegriff der Transscendentalphilosophie_ (520 Anm.), so gehört umgekehrt das Problem der transscendentalen Freiheit nicht für die Vernunft im praktischen Gebrauch, sondern betrifft bloss das speculative Wissen; es kann, sofern es ums Praktische zu thun ist, sogar als _ganz gleichgültig_ bei Seite gesetzt werden (522); Moral braucht (unmittelbar) nur die Freiheit _im praktischen Verstande_, die sogar _durch Erfahrung bewiesen werden_ kann (521). So auch (523): Die Frage _Was soll ich thun? ist =bloß= praktisch. Sie kann als eine solche zwar der reinen Vernunft angehören, ist aber alsdann =doch nicht transscendental, sondern moralisch=, mithin kann sie unsere Kritik an sich selbst nicht beschäftigen_. Nur bei oberflächlichem Lesen könnte man hier in _=unsere= Kritik_ die Hindeutung auf eine andere Kritik, nämlich die der praktischen Vernunft, finden. Die schroffe Entgegensetzung _nicht transscendental, sondern moralisch_ kann aber nach allem Frühern (bes.

nach IV 24) nur so verstanden werden, dass im Begriff des Moralischen die Hinzunahme empirischer Begriffe mitgedacht ist. Also nicht im Gegensatz zu einer andern Kritik, sondern nur im Gegensatz zur Moral selbst als einem Theil des Systems der Philosophie ist der Ausdruck _unsere Kritik_ zu verstehen.

[19] Also widerspricht dieser Brief nicht der Voraussetzung, dass es nur =eine= Kritik der Vernunft giebt.

4. Noch bleibt übrig die _Architektonik der reinen Vernunft_, in der doch am ehesten eine endgültige Entscheidung unserer Frage zu finden sein sollte. Was ergiebt sie? III 543f.: _Die Gesetzgebung der menschlichen Vernunft (Philosophie) hat zwei Gegenstände, Natur und Freiheit, und enthält also sowohl das Naturgesetz, als auch das Sittengesetz, anfangs in zwei besonderen, zuletzt aber in einem einzigen =philosophischen System=...Die Philosophie der reinen Vernunft ist nun entweder Propädeutik...und heißt =Kritik=, oder zweitens das System der reinen Vernunft (Wissenschaft)...und heißt =Metaphysik=...Die Metaphysik theilt sich in die des =speculativen= und =praktischen= Gebrauchs der reinen Vernunft und ist also entweder =Metaphysik der Natur=, oder =Metaphysik der Sitten=._ Auch hier kein Wort von einer entsprechenden Eintheilung der Kritik; vielmehr muss man sagen, eine solche wird durch diese Erklärung geradezu ausgeschlossen, da zum wenigsten hier, fast am Ende des Werks, von dem noch fehlenden andern Theil der Kritik, wenn ein solcher vorausgesetzt wäre, nicht hätte geschwiegen werden können. Aber es heisst nochmals am Schluss desselben Hauptstücks (549): _=Metaphysik= also sowohl =der Natur=, als =der Sitten=, vornehmlich die =Kritik= der sich auf eigenen Flügeln wagenden Vernunft, welche vorübend (propädeutisch) vorhergeht, machen eigentlich allein dasjenige aus, was wir im ächten Verstande Philosophie nennen können._ Auch hier nicht die entfernteste Andeutung eines noch fehlenden praktischen Theils der »Propädeutik«.

Nach diesem allen ist es ganz, was man erwartet, dass Kant nach dem Erscheinen der _Kritik der reinen Vernunft_ alsbald die Abfassung der Metaphysik und zwar des Theils, dessen Fertigstellung er sich so oft schon vorgenommen und immer wieder zurückgestellt hatte, der Metaphysik der Sitten ins Auge fasst (s. Hamann an Hartknoch 7. Mai und 23. Okt.

1781, 11. Jan. 1782, Gildemeister II 368, und Hamanns Werke VI 222, 236; Hartknoch an Kant 19. Nov. 1781, X 261; Erdmann IV 602f., Menzer 625; und besonders den schon erwähnten Brief Kants an Mendelssohn 16.

Aug. 1783, X 325).

Aber auch das ist nur, was wir erwarten, dass die mit der _Kritik_ eingeschlagene neue Gedankenrichtung ihn noch nicht losliess; dass, eben als er nun an die Ausarbeitung der Metaphysik der Sitten ernstlich herantrat, die für diese in der _Kritik der reinen Vernunft_ geleistete kritische _Vorarbeitung_ ihm noch nicht ganz genügen wollte. Denn sie enthielt zwar dem Kerne nach die kritische Grundlegung auch zur reinen Moral, aber nur in knapper, mehr gelegentlicher und noch manchem Einwand ausgesetzter Ausführung. So versteht es sich, dass aus dem _ersten Theil seiner Moral_ (im Brief an Mendelssohn) ein _Prodromus_ oder _Plan_ (X 373) zur Metaphysik der Sitten, und endlich eine _Grundlegung_ zu dieser wurde (Menzer 626f.); die in der That nichts anderes als eine vollständigere, von der Kritik der reinen, bloss speculativen Vernunft soviel möglich losgelöste, mit den Problemen der Moral selbst in deutlichere und vollständigere Beziehung gesetzte kritische Bodenbereitung zur reinen Moral oder Metaphysik der Sitten ist.

In der (leider nicht datirten) Vorrede dieser Schrift nun -- deren Manuscript am 19. Sept. 1784 abgeschickt wurde, und deren erste Exemplare Kant am 7. April 1785 erhielt (Menzer 628) -- tritt überhaupt zum ersten Mal der Name und Begriff einer _=Kritik der praktischen Vernunft=_ auf. Was soll sie denn noch, neben der _Kritik der reinen Vernunft_ und der _Grundlegung zur Metaphysik der Sitten_? Was kann eine _Kritik der praktischen Vernunft_ anders sein als eben die (kritische) _Grundlegung_ zur Metaphysik der Sitten?

Die Vorrede selbst giebt darauf Antwort (IV 391): _Im Vorsatze nun, eine =Metaphysik der Sitten= dereinst zu liefern, lasse ich diese =Grundlegung= vorangehen. Zwar giebt es eigentlich keine andere Grundlage derselben, als die =Kritik einer reinen praktischen Vernunft=, so wie zur Metaphysik_ (der Natur) _die schon gelieferte Kritik der reinen speculativen Vernunft_. Und jeder Leser beider Schriften weiss ja, dass die _Grundl._ und die _Kr. d. pr. V._ sich wirklich dem Hauptinhalt nach decken, dass sie sich fast nur formal, und zwar so unterscheiden, dass die Gedankenentwicklung in der _Grundlegung_ mehr einen analytischen, in der _Kr. d. pr. V._ einen synthetischen Gang befolgt. Es wird ja im 3. Abschnitt der _Grundlegung_ direct der _Übergang_ zur Kritik der reinen praktischen Vernunft vollzogen, und von dieser die _zu unserer Absicht hinlängliche Hauptzüge_ bereits dargestellt (IV 445). Nur in =Vollständigkeit= ist diese Kritik auch hier noch nicht geliefert; zu ihrer =Vollendung= nämlich wird noch erfordert (391), dass die =Einheit= der praktischen mit der speculativen Vernunft =in einem gemeinschaftlichen Princip= aufgezeigt werde, _weil es doch =am Ende= nur eine und dieselbe Vernunft sein kann, die bloß in der Anwendung unterschieden sein muß_.

Und hieraus endlich glauben wir zu verstehen, weshalb Kant auch nach Vollendung der _=Grundlegung=_ (sowie der _Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft) ungesäumt zur völligen Ausarbeitung_, =nicht= der _Kritik der praktischen Vernunft_, sondern der _Metaphysik der Sitten_ geht (an Schütz, 13. Sept. 1785, X 383). Auch noch in dem Brief an Bering vom 7. April 1786 (X 418) will er die Bearbeitung des =Systems der Metaphysik= (in engern, theoretischen Sinne) noch _etwas weiter hinaussetzen, um für das =System der practischen Weltweisheit= Zeit zu gewinnen, welches mit dem ersteren vergeschwistert ist und einer ähnlichen Bearbeitung bedarf, wiewohl die Schwierigkeit bey demselben nicht so groß ist_. Kant gedachte also alles Ernstes die _Kritik der praktischen Vernunft_, welche =zum Abschluss des ganzen kritischen Systems= die Einheit der speculativen und praktischen Vernunft darthun sollte, erst nach Vollendung des Systems der Metaphysik der Natur sowohl als der Sitten vorzulegen. Nur so begreift sich, dass noch am 14. Mai 1787, kurz vor dem Erscheinen der _Kr. d.

pr. V._ (nach dem Briefe von Jenisch an Kant, X 463) _alles nur mit Sehnsucht_ seiner =Metaphysik der Sitten=, und nicht der Kr. d. pr. V.

entgegensah.

Von dieser Absicht nun aber doch wieder abzugehen bestimmte ihn, so scheint es, hauptsächlich die Rücksicht auf die =Beurtheilungen= sowohl der _Kr. d. r. V._ als der _Grundlegung_, welche gerade das, was er der _Kr. d. pr. V._ vorbehalten hatte: den überzeugenden Beweis der Einheit der speculativen und der praktischen Vernunft vermissten, namentlich Anstoss nahmen an der _im theoretischen Erkenntniß geleugneten und im praktischen behaupteten objectiven Realität der auf Noumenen angewandten Kategorien_ und an der _paradoxen Forderung, sich als Subject der Freiheit zum Noumen, zugleich aber auch in Absicht auf die Natur zum Phänomen in seinem eigenen empirischen Bewußtsein zu machen_ Einwänden gründlich zu begegnen, entschloss er sich, so scheint es, nun doch die _Kritik der praktischen Vernunft_ der Metaphysik der Sitten vorauszuschicken. Diese Motivation ergiebt ausführliche Kritik der praktischen Vernunft kann alle diese Mißdeutung heben und die consequente Denkungsart, welche eben ihren größten Vorzug ausmacht, in ein helles Licht setzen._ (Nur eine =ausführliche= Kritik: die _Hauptzüge_ enthielt ja schon die _Grundlegung_.)

2. Kurz vor der Vollendung des Buches der Brief an Schütz vom 25. Juni weit fertig, daß ich sie denke künftige Woche nach Halle zum Druck zu schicken. Diese wird besser, als alle Controversen mit Feder und Abel...die Ergänzung dessen, was ich der spekulativen Vernunft absprach, durch reine praktische, und die Möglichkeit derselben beweisen und faßlich machen, welches doch der eigentliche Stein des Anstoßes ist, der jene Männer nöthigt, lieber die unthunlichsten, ja gar ungereimte Wege einzuschlagen, um das spekulative Vermögen bis aufs Übersinnliche ausdehnen zu können, ehe sie sich jener ihnen ganz trostlos scheinenden Sentenz der Kritik unterwürfen._ 3. Gleich nach dem Erscheinen des Buches der Brief an Reinhold vom 28.

Dec. 1787, X 487: _In diesem Büchlein werden viele Widersprüche, welche die Anhänger am Alten in meiner Critik zu finden vermeinen, hinreichend gehoben; dagegen diejenigen, darin sie sich selbst unvermeidlich verwickeln, wenn sie ihr altes Flickwerk nicht aufgeben wollen, klar genug vor Augen gestellt._ Dazu kommen 4. die in unsrer Schrift besonders zahlreichen und directen Beziehungen auf gegnerische Beurtheilungen: auf den Mendelssohn-Jacobi-Streit, an dem Kant betheiligt war durch die Schrift _Was heißt sich im Denken orientiren?_ und Wizenmanns Entgegnung; auf die Tübinger Recension der _Grundlegung_ (von Flatt; Grundgedanke: »Inconsequenz«) und Tittels Widerlegung (_neue Formel_, nicht neues Princip, und wieder die Inconsequenz); auf den _wahrheitliebenden Recensenten_ (Vorr. S. 8: Pistorius in der Allg. Deutschen Bibliothek) und _manche andere Einwürfe_, von denen in den sachlichen Erläuterungen zu reden sein wird; endlich 5. die jedenfalls nach Kants eignen Angaben abgefasste Ankündigung der _Kr. d. pr. V._, im Verein mit der 2. Aufl. der _Kr. d. r. V._, in der Allgemeinen Literaturzeitung vom 21. November 1786 (abgedruckt bei Erdmann, III 556), in welcher es heisst: »Auch wird, zu der in der ersten Auflage enthaltenen =Kritik der reinen speculativen Vernunft= in der zweyten noch eine =Kritik der reinen practischen Vernunft= hinzukommen, die dann ebenso das Princip der Sittlichkeit =wider die gemachten oder noch zu machenden Einwürfe zu sichern=, und =das Ganze= der kritischen Untersuchungen, die vor dem System der Philosophie der reinen Vernunft vorhergehen müssen, zu =vollenden= dienen kann.« Auf diese Ankündigung bezieht sich wohl Hamanns Äusserung im Briefe an Jacobi vom 30. Jan. 1787 (Gildemeister, J. G. Hamanns Leben und Schriften, 1857ff. V 452): »Aus der Zeitung habe ersehen, dass selbige«, nämlich die neue Ausgabe der _Kr. d. r. V._, deren Manuscript kurz zuvor abgegangen war,»mit =einer Kritik der praktischen Vernunft vermehrt werden wird=.« Diese allerengste Verbindung, in der die beiden Kritiken gradezu als =ein= Werk gedacht waren, ist dann wohl schon aus äusseren Gründen aufgegeben worden; die neue Ausgabe der _Kr. d. r.

V._ erschien, ohne die angekündigte Vermehrung, im Frühjahr 1787 (die Vorrede ist unterzeichnet im _Aprilmonat_ 1787). Doch war die _Kr. d.

pr. V._ bereits am 25. Juni desselben Jahres (nach dem schon erwähnten Briefe an Schütz unter diesem Datum, X 467) nahezu druckfertig; sie war nach einem Briefe an Jakob (X 471), den Reicke (allerdings zweifelnd) auf den 11. Sept. desselben Jahres ansetzt, bei Grunert im Druck; auch hier heisst es: _Sie enthält manches, welches die Mißverständnisse der der theoretischen heben kann._ Unter demselben Datum giebt Kant bereits dem Drucker Anweisung über die zu versendenden Freiexemplare (X 483).

Immerhin schob sich der Druck dann noch etwas hinaus, weil Grunert das Werk mit neuen und scharfen Lettern drucken lassen wollte, die erst 8 Tage nach der Michaelismesse ihm geliefert wurden (ebenda). Doch waren kurz vor Weihnachten 6 Exemplare auf Schreibpapier (X 483) in Kants Händen; in Briefen an Herz (24. Dec., X 485) und an Reinhold (28. Dec., X 487) stellt er diesen solche in Aussicht, die durch Grunert ihnen zugestellt werden sollen. Der letzterwähnte Brief nennt zum ersten Mal die drei Kritiken, welche für die =drei Theile der Philosophie= die Principien a priori nachweisen; während noch die Vorrede der 2.

Aufl. der _Kr. d. r. V._ nur die Ausführung der »_Metaphysik der Natur sowohl als der Sitten, als Bestätigung der Richtigkeit der Kritik der speculativen sowohl als praktischen Vernunft_« noch in Aussicht stellte (III 26).

An den =Neuauflagen= der Schrift hat Kant allem Anschein nach in keiner Weise mitgewirkt. Die 2. Auflage sollte (nach den Briefen des jüngern Hartknoch vom Aug. u. Sept. 1789, XI 71 u. 88) schon zur Ostermesse 1790 fertig werden; wirklich erschien sie erst mit der Jahrzahl 1792.

Dieser zweiten folgte 1797 nicht die dritte, sondern die vierte; von einer dritten ist bisher keine Spur gefunden. Ich vermuthe, dass der Verleger die thatsächlich dritte Auflage als vierte hat bezeichnen lassen, nachdem die zweite (nach X 71) sogleich in 2000 (statt wie sonst 1000) Exemplaren gedruckt worden war. Mitgewirkt hat Kant bei dieser Auflage (nach dem Briefe an Hartknoch vom 28. Jan. 1797, XII 146) nicht. Eine fünfte Auflage erschien 1818, eine sechste 1827.

Nachdrucke sind 1791 und 1795 zu Frankfurt und Leipzig und 1796 zu Grätz erschienen.

Lesarten.

Für die Textgestaltung konnte von den Originalausgaben ausser der ersten höchstens noch die zweite in Frage kommen. Die vierte ist ein genauer Wiederabdruck der ersten, mit der sie, bis auf seltene Versehen, auch die Besonderheiten der Sprache, Orthographie, Interpunction, durchweg auch die Abtheilung der Seiten und meist die der Zeilen gemein hat. Die Verbesserungen der 2. Auflage haben in ihr so wenig Berücksichtigung gefunden wie das Druckfehlerverzeichniss von Grillo. Nur =eine= richtige Änderung der 2. Aufl. (79{27}) und eine falsche (38{30}) findet sich ebenfalls in der vierten. Einige neue Fehler sind hinzugekommen (25{26}, 28{24}, 85{25}). Die fünfte und sechste Auflage, lange nach Kants Tode erschienen, sind genaue Wiederabdrücke der vierten, einschliesslich der obbemerkten Abweichungen dieser von der ersten. Der Satz ist enger; aus den 292 Seiten der 1., 2. und 4.

Auflage sind 285 in A^5, 236 in A^6 geworden. A^6 hat noch einige neue Versehen aufzuweisen (25{16}, 32{9}, 36{3}4); was nur deshalb erwähnt wird, weil Hartenstein diese Auflage zu Grunde gelegt und ihre Fehler wiederholt hat. In wenigen Fällen (50{31}, 54{34}, 58{26}) sind kleine Versehen von A^1-4 (Interpunctionsfehler) in A^5-6 übereinstimmend mit A^2 verbessert, aber diese Verbesserungen sind sicher nicht aus A^2 geschöpft, da andere, viel wichtigere Verbesserungen der 2.

Auflage unbeachtet geblieben sind. In einem Fall (52{12}) ist ein Interpunctionsversehen von A^1-2-4 in A^5-6, in einem weiteren (11{19.20}) ein ebenfalls unbedeutender Fehler von A^1 5 in A^6 verbessert.

Aber auch an den Abweichungen der 2. von der 1. Auflage hat Kant selbst wahrscheinlich keinen Antheil. Die besonders auf den ersten Bogen zahlreichen Verschiedenheiten in Schreibung, Interpunction und Gebrauch der Schwabacher Lettern kommen jedenfalls nur auf Rechnung der Setzer oder Correctoren. Sachlich aber bringt zwar die 2. Auflage eine Anzahl (79{27}) mit einer Randbemerkung in Kants Handexemplar zusammentrifft.

Aber die drei weiteren Correcturen des letzteren (24{35}, 26{32}, 132{15}) haben in A^2 keine Aufnahme gefunden; eine beträchtliche Zahl auch solcher Versehen, die der Autor bei eigener Durchsicht schwerlich stehen gelassen hätte, ist geblieben, eine Anzahl neuer hinzugekommen was besonders beweisend ist, in wenigstens zwei Fällen (37{13} und besonders 125{15}) ist die erste Auflage falsch corrigirt. (Dazu ist auch 38{30} zu rechnen, wenn dort etwa nicht ein Druckversehen, sondern eine vermeintliche Berichtigung vorliegt.)

Auch nach dem Briefwechsel Kants ist nicht anzunehmen, dass dieser bei der Textgestaltung der 2. oder 4. Auflage irgendwie betheiligt gewesen wäre. Für die vierte geht das Gegentheil direct hervor aus den Briefen XII 145, 146, wonach Kant den unveränderten Wiederabdruck mit Rücksicht auf seine _jetzige Unpäßlichkeit_, die ihm _alle Kopfarbeit sehr erschwert_, genehmigte. Aber auch für die 2. Auflage hat Kant, nach XI 71 und 88, nicht etwa ein von ihm durchgesehenes Exemplar an den Drucker (Mauke in Jena, da Grunert in Halle nicht Zeit hatte) gesandt, sondern offenbar hat, eben weil keinerlei Änderungen von Kant beabsichtigt waren, Hartknochs Vertreter in Leipzig, Hertel, Exemplare der vorigen Auflagen der beiden gleichzeitig neu zu druckenden Kritiken als Druckvorlagen übersandt, und der Neudruck ist dann einfach nach diesen bewirkt worden. Auch von einer sachverständigen Überwachung des Drucks, wie die Urausgabe der _Kritik der Urtheilskraft_ sie erfahren hat, hören wir nichts. Zwar könnten die zum Theil von Nachdenken zeugenden Verbesserungen eine solche vermuthen lassen. Aber auch dann würden diese eine höhere Autorität als die der späteren Herausgeber nicht beanspruchen können. Zu beachten ist auch, dass beim Druck der vierten Auflage nicht, was doch am nächsten lag, die zweite, sondern die erste als Vorlage gedient hat.

Bei dieser Sachlage war es angezeigt, dem gegenwärtigen Abdruck die =erste= Auflage zu Grunde zu legen, alle nicht ganz belanglosen Abweichungen der zweiten und der folgenden aber im Apparat wenigstens zu verzeichnen.

Von den späteren Herausgebern hat Hartenstein, wie schon gesagt, die 6., Rosenkranz die 2., Kehrbach die 1. Auflage zu Grunde gelegt; doch haben Hartenstein und Kehrbach die 2. auch zu Rathe gezogen, die wesentlichsten Verbesserungen daraus aufgenommen, in Nebendingen aber sich je an ihre Vorlage gehalten. Weit die meisten eigenen Verbesserungen hat, wie stets, Hartenstein aufzuweisen. Grillos Druckfehlerverzeichniss (Philos. Anzeiger, 1. Jahrg., 1795, 41.--48.

Stück) enthält neben vielem Werthlosen immerhin über ein Dutzend wirklicher Berichtigungen, die zwar fast alle auch von den späteren Herausgebern, ohne Kenntniss dieses Verzeichnisses, gemacht worden sind.

Bei allem blieb dem Herausgeber noch genug zu thun übrig. Er sah sich bei seiner Arbeit in dankenswerther Weise unterstützt durch drei jüngere Gelehrte, =A. Görland= in Hamburg, =A. Nolte= in Cassel und =K.

Vorländer= in Solingen, die fast jede der nachstehend verzeichneten Stellen, zum Theil wiederholt, mit ihm geprüft, manche sichere oder mögliche Verbesserung selbst gefunden oder auf vorhandene Schäden hingewiesen haben. Solches Zusammenarbeiten hat besonders das Gute, gegen die eignen Vermuthungen misstrauisch zu machen. Aus diesem Misstrauen ist eine ziemliche Zahl mehr oder minder wahrscheinlicher Verbesserungen nicht in den Text gesetzt, sondern nur im Apparat mitgetheilt worden. Besonders bei den so häufigen Fehlern und Freiheiten der Satzconstruction ist darüber, was Kant geschrieben oder zu schreiben beabsichtigt habe, volle Sicherheit meist nicht zu erreichen, und thut man daher besser nicht zu ändern, auch wenn das Überlieferte sicher falsch ist.

Erst nach dieser gemeinsamen Durcharbeitung erschienen die »Correcturen und Conjecturen zu Kants ethischen Schriften« von =E. Adickes= zu Kants Kritik der praktischen Vernunft« von =E. Wille= (ebenda VIII 467--471). Beide dienten in mehreren Fällen zu erwünschter Bestätigung des von uns bereits Gefundenen, in andern zu weiterer Aufhellung.

Einige neue Verbesserungsvorschläge finden sich in Vorländers Ausgabe 1906, S. XLVII. Für diese neue Ausgabe konnten noch benutzt werden die Besprechungen der vorhergehenden Ausgabe von =E. v. Aster= (Kantstudien XIV 468 ff.), O. Schöndörffer (Altpreuss. Monatsschr. XLVIII 1 ff.) und K. Vorländer (Ztschr. f. Philos. u. philos. Kritik CXXXVIII 137 ff.).

richtig: entweder _Gegenstände_ oder allenfalls _Gegenstände (äußere Adickes || 21{20} _zu machen_] Grillo, Rosenkranz, Hartenstein (so auch Wille), doch ist der Übergang in den Pluralis bei Kant dem Prädicat construirt sein wie im Lateinischen, vgl. z. B. 34{33} (dem Sinne nach richtig, doch ist das Überlieferte haltbar, wenn man ersteren -- dem letzteren_] Es liegt nahe, beidemal _den_ (nämlich _Grundsätzen_ oder _Gesetzen_) zu schreiben; möglich aber ist auch beidemal _dem_ (nämlich _Bewußtwerden_ und dabei _Achthaben_) -- und so am Ende auch der Wechsel || 30{24} _unwiderstehlich: ob_] _unwiderstehlich, ob_ A. Die geänderte Interpunction erledigt wohl den Anstoss, den man an der Satzconstruction nehmen könnte || 31{11.12} _mithin -- gedacht_] das erste _als_ ist dem zweiten untergeordnet (Nolte); daher war das zweite nicht etwa zu streichen, sondern nur sich das Überlieferte vertheidigen || 32{32} _könnte_] Hartenstein dem Prädicat construirt (vgl. zu 28{7}), oder auf den Infinitiv _zu 36{18} _gelegt_] erg. _werden_ (doch der Ausfall bei Kant möglich) || 36{19} _empfiehlt_] A _empfindet_ Hartenstein. Ich habe nicht ändern wollen, da das Überlieferte sich nach Z. 25 _räth an_, 27 _anräthig schwierig. Mindestens erwartet man _dem einzigen formalen_ (ungenau statt: _dem einzigen Fall des formalen Princips_). So v. Aster Kantstud. XIV 474. Vielleicht genügt aber eine blosse Änderung der Interpunction: _einem einzigen (formalen)_. Vielleicht war _formalen_ nachträglich von Kant zwischen die Zeilen oder an den Rand geschrieben Oder darf man verstehen: _Der Sinnenwelt die Form, als einem Ganzen vernünftiger Wesen, zu ertheilen_? || 44{29} _desselben_] ist schwierig; am einfachsten zu streichen || 45{3} _Maximen als Gesetzes_] vgl. 27{15-19} (oder soll _Gesetzes_ sich auf _Allgemeingültigkeit ihrer Maximen_ beziehen?) || 45{11} _speculativen_] Grillo, Kehrbach Erfahrung_] _durch keine Erfahrung_ Grillo _auch durch Erfahrung nicht_ Adickes, der auch Z. 16 _keine_ st. _alle_ lesen möchte. Doch ist nach Kantischem Sprachgebrauch möglich die Negation aus dem Anfang des Satzes hinzuzudenken || 47{21} _Widersinnisches_] A^1.4 Freiheit_ (Natorp); doch ist der Accusativ _das_ bei Kant wohl möglich Hartenstein _des letzteren_ A. -- Der Satz ist schwierig, aber, wie Adickes bemerkt hat, schliesslich möglich, indem die Participia sind. Auch _praktischer Gebrauch_ Z. 29 ist bei Kant möglich || beidemal Sing. oder beidemal Plur. stehen (so auch Wille); doch kommen Freiheiten solcher Art auch sonst bei Kant vor || 51{8.9} _Verbindung, die zwischen einem Dinge und einem =anderen=_] _Verbindung zwischen ihre_ nach Z. 21 _die nicht...,_ doch ist solcher Beziehungswechsel Hartenstein, doch lässt das Überlieferte sich wohl halten || 55{33} _theoretischer bestimmter_] es läge nahe umzustellen, doch sind solche Wortstellungen bei Kant nicht ganz selten, z. B. 86{18.19} _moralischen Verbesserung, die d. Her. schon in der vorhergehenden Ausgabe vorschlug, aber nicht in den Text aufzunehmen wagte, wird auch befürwortet durch v. Aster und Schöndörffer; _einem Begriffe eines Hartenstein^1, doch _hatte_ Hartenstein^2, welches sich in der That _Gefühl_ Hartenstein || 66{5.6} _(des praktischen Vermögens) der