Es zeigen sich also hier drei Begriffe, deren Gebrauch in der* all- gemeinen Naturwissenschaft unvermeidlich, deren genaue Bestimmung um deswillen nothwendig, obgleich eben nicht so leicht und fasslich ist, nämlich der Begriff der Bewegung im relativen (beweglichen) Räume, zweitens der Begriff der Bewegung im absoluten (unbeweglichen) Räume, drittens der Begriff der relativen Bewegung überhaupt, zum Unterschiede von der absoluten. Allen wird der Begriff des ab- soluten Raumes zum Grunde gelegt. Wie kommen wir aber zu diesem 7 gg Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft.
sonderbaren Begriffe, und worauf beruht die Notwendigkeit seines Ge- brauchs?
Er kann kein Gegenstand der Erfahrung sein; denn der Raum ohne Materie ist kein Object der Wahrnehmung, und dennoch ist er ein not- wendiger Vernunftbegriff, mithin nichts weiter, als eine blosse Idee. Denn damit Bewegung auch nur als Erscheinung gegeben werden könne, dazu wird eine empirische Vorstellung des Raums, in Ansehung dessen das Bewegliche sein Verhältniss verändern soll, erfordert; der Raum aber, der wahrgenommen werden soll, muss material, mithin, dem Begriffe einer Materie überhaupt zufolge, selbst beweglich sein. Um ihn nun bewegt zu denken, darf man ihn nur als in einem Räume von grösserem Umfange enthalten denken und diesen als ruhig annehmen. Mit diesem aber lässt sich ebendasselbe in Ansehung eines noch mehr erweiterten Raumes ver- anstalten und so ins Unendliche, ohne jemals zu einem unbeweglichen (unmateriellen) Räume durch Erfahrung zu gelangen, in Ansehung dessen irgend einer Materie schlechthin Bewegung oder Ruhe beigelegt werden könne, sondern der Begriff dieser Verhältnissbestimmungen wird beständig abgeändert werden müssen, nachdem man das Bewegliche mit einem oder dem andern dieser Räume in Verhältniss betrachten wird. Da nun die Bedingung", etwas als ruhig oder bewegt anzusehen, im relativen Räume ins Unendliche immer wiederum bedingt ist, so erhellt daraus erstlich: dass alle Bewegung oder Ruhe blos relativ und keine absolut sein könne, d. i. dass Materie bloss in Verhältniss auf Materie, niemals aber in An- sehung des blossen Raumes ohne Materie als bewegt oder ruhig gedacht werden könne, mithin absolute Bewegung, d. i. eine solche, die ohne alle Beziehung einer Materie auf eine andere gedacht wird, schlechthin un- möglich sei; zweitens, dass auch eben darum kein für alle Er- scheinung gültiger Begriff von Bewegung oder Ruhe im relativen Räume möglich sei, sondern man sich einen Raum, in welchem dieser selbst als bewegt gedacht werden könne, der aber seiner Bestimmung nach weiter von keinem anderen empirischem Räume abhängt und daher nicht wiederum bedingt ist, d. i. einen absoluten Raum, auf den alle re- lativen Bewegungen bezogen werden können, denken müsse, in welchem alles Empirische beweglich ist, eben darum, damit in demselben alle Be- wegung des Materiellen, als blos relativ gegen einander, als alternativ- wechselseitig*, keine aber als absolute Bewegung oder Ruhe (da, indem * In der Logik bezeichnet das Entweder-Oder jederzeit ein disjunctives Urtheil; da denn, wenn das Eine wahr ist, das Andere falsch sein muss. Z. B. ein Körper ist entweder bewegt, oder nicht bewegt, d. i. in Ruhe. Denn man redet da lediglich von dem Verhältniss des Erkenntnisses zum Objecto. In der IV. Hauptstück. Phänomenologie. 99 daß Eine bewegt heisst, das Andere, woranf in Beziehung jenes bewegt ist, gleichwohl als schlechthin ruhig vorgestellt wird), gelten möge. Der absolute Raum ist also nicht als ein Begriff von einem wirklichen Object, sondern als eine Idee, welche zur Begel dienen soll, alle Bewegung in ihm blos als relativ zu betrachten, nothwendig, und alle Bewegung und Ruhe muss auf den absoluten Raum reducirt werden, wenn die Erscheinung derselben in einen bestimmten Erfahrungsbegriff (der alle Erscheinungen vereinigt) verwandelt werden soll.
So wird die geradlinigte Bewegung eines Körpers im relativen Räume auf den absoluten Raum reducirt, wenn ich den Körper als an sich ruhig, jenen Raum aber Im absoluten (der nicht in die Sinne fällt) in entgegen- gesetzter Richtung bewegt, und diese Vorstellung als diejenige denke, welche gerade dieselbe Erscheinung gibt, wodurch denn alle möglichen Erscheinungen geradlinigter Bewegungen, die ein Körper allenfalls zu- gleich haben mag, auf den Erfahrungsbegriff, der sie insgesammt ver- einigt, nämlich den der blos relativen Bewegung und Ruhe zurückgeführt werden.
Die Kreisbewegung, weil sie, nach dem zweiten Lehrsatze, auch ohne Beziehung auf den äusseren empirisch-gegebenen Raum als wirkliche Bewegung in der Erfahrung gegeben werden kann, scheint doch in der That absolute Bewegung zu sein. Denn die relative in Ansehung des äusseren Raums (z. B. die Achsendrehung der Erde relativ auf die Sterne des Himmels) ist eine Erscheinung, an deren Stelle die ent- gegengesetzte Bewegung dieses Raums (des Himmels) in derselben Zeit, als jener völlig gleichgeltend, gesetzt werden kann, die aber nach diesem Erscbeinungslehre, wo es auf das Verhältniss zum Subject ankommt, um darnach das Verhältnis8 der Objecto zu bestimmen, ist es anders. Denn da ist der Satz: der Körper ist entweder bewegt und der Raum ruhig, oder umgekehrt, nicht ein disjunctiver Satz in objectiver, sondern nur in subjectiver Beziehung, und beide darin enthaltenen Urtheile gelten alternativ. In ebenderselben Phänomenologie, wo die Bewegung nicht blos phoronomisch, sondern vielmehr dynamisch betrachtet wird, ist dagegen der disjunctive Satz in objectiver Bedeutung zu nehmen; d. i. an die Stelle der Umdrehung eines Körpers kann ich nicht die Ruhe desselben und dagegen die entgegengesetzte Bewegung des Raumes annehmen. Wo aber die Be- wegung sogar mechanisch betrachtet wird (wie wenn ein Körper gegen einen dem Scheine nach ruhigen anläuft), ist sogar das der Form nach disjunctive Urtheil in Ansehung des Objects distributiv zu gebrauchen, so dass die Be- wegung nicht entweder dem einen, oder dem anderen, sondern einem jeden ein gleicher Antheil daran beigelegt werden muss. Diese Unterscheidung der alternativen, disjunctiven und distributiven Bestimmung eines Begriffs, in Ansehung entgegengesetzter Prädicate, hat ihre Wichtigkeit, kann aber liier nicht weiter erörtert werden.
7* 100 Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft.
Lehrsatze in der Erfahrung durchaus nicht an deren Stelle gesetzt werden darf, mithin auch jene Kreisdrehung nicht als äusserlich relativ vorgestellt werden soll, welches so lautet, als oh diese Art der Bewegung für absolut anzunehmen sei.
Allein es ist wohl zu merken: dass hier von der wahren (wirklichen) Bewegung, die doch nicht als solche erscheint, die also, wenn mau sie blos nach empirischen Verhältnissen zum Räume beurtheilen wollte, für Ruhe könnte gehalten werden, d. i. von der wahren Bewegung zum Unterschiede vom Schein, nicht aber von ihr als absoluten Bewe- gung im Gegensatze der relativen die Rede sei, mithin die Kreisbewegung, ob sie zwar in der Erscheinung keine Stellen-Veränderung, d. i. keine phoronomische, des Verhältnisses des Bewegten zum (empirischen) Räume zeigt, dennoch eine durch Erfahrung erweisliche continuirliche dynamische Veränderung des Verhältnisses der Materie in ihrem Räume, z. B. eine beständige Verminderung der Anziehung durch eine Bestrebung zu entfliehen, als Wirkung der Kreisbewegung, zeige und dadurch den Unter- schied derselben vom Schein sicher bezeichne. Man kann sich z. B. die Erde im unendlichen leeren Raum, als um die Achse gedreht, vorstellen, und diese Bewegung auch durch Erfahrung darthun, obgleich weder das Verhältniss der Theile der Erde untereinander, noch zum Räume ausser ihr, phoronomisch, d. i. in der Erscheinung verändert wird. Denn in An- sehung des ersteren als empirischen Raumes verändert nichts auf und in der Erde seine Stelle, und in Beziehung des zweiten, der ganz leer ist, kann überall kein äusseres verändertes Verhältniss, mithin auch keine Erscheinung einer Bewegung stattfinden. Allein wenn ich mir eine zum Mittelpunkt der Erde hingehende tiefe Höhle vorstelle, und lasse einen Stein darin fallen, finde aber, dass, obzwar in jeder Weite vom Mittel- punkt die Schwere immer nach diesem hin gerichtet ist, der fallende Stein dennoch von seiner senkrechten Richtung im Fallen continuirlich und zwar von West nach Ost abweiche, so schliesse ich, die Erde sei vom Abend gegen Morgen um die Achse gedreht. Oder wenn ich auch ausserhalb den Stein von der Oberfläche der Erde weiter entferne, und er bleibt nicht über demselben Punkte der Oberfläche, sondern entfernt sich von demselben von Westen nach Osten, so werde ich auf ebendieselbe vorher- genannte Achsendrehung der Erde schliessen und beiderlei Wahrnehmungen werden zum Beweise der Wirklichkeit dieser Bewegung hinreichend sein, wozu die Veränderung des Verhältnisses zum äusseren Räume (dem bestirnten Himmel) nicht hinreicht, weil sie blosse Erscheinung ist, die von zwei in der That entgegengesetzten Gründen herrühren kann und nicht ein aus dem Erklärungsgrunde aller Erscheinungen dieser Veränderung IV. Hauptstück. Phänomenologie. 101 abgeleitetes Erkenntniss, d. i. Erfahrung, ist. Dass aber diese Bewegung, ob sie gleich keine Veränderung des Verhältnisses zum empirischen Räume ist, dennoch keine absolute Bewegung, sondern continuirliche Veränderung der Relationen der Materien zu einander, obzwar im absoluten Räume vor- gestellt, mithin wirklich nur relative und sogar darum allein wahre Be- wegung sei, das beruht auf der Vorstellung der wechselseitigen continuir- lichen Entfernung eines jeden Theils der Erde (ausserhalb der Achse) von jedem andern ihm in gleicher Entfernung vom Mittelpunkte im Dia- meter gegenüber liegenden. Denn diese Bewegung ist im absoluten Räume wirklich, indem dadurch der Abgang der gedachten Entfernung, den die Schwere für sich allein dem Körper zuziehen würde, und zwar ohne alle dynamische zurücktreibende Ursache (wie man aus dem von Newton Princ. Phü. Nat. pag. 10. Edit. 1714* gewählten Beispiele ersehen kann), mithin durch wirkliche, aber auf den innerhalb der bewegten Materie (nämlich des Centrum derselben) beschlossenen, nicht aber auf den äusseren Raum bezogene Bewegung, continuirlich ersetzt wird.
Was den Fall des dritten Lehrsatzes anlangt, so bedarf es, um die Wahrheit der wechselseitig-entgegengesetzten und gleichen Bewegung beider Körper auch ohne Rücksicht auf den empirischen Raum zu zeigen, nicht einmal des im zweiten Fall nöthigen, durch Erfahrung gegebenen thätigen dynamischen Einflusses (der Schwere oder eines gespannten Fadens), sondern die blosse dynamische Möglichkeit eines solchen Ein- flusses, als Eigenschaft der Materie (die Zurückstossung oder Anziehung), führt bei der Bewegung der einen die gleiche und entgegengesetzte Be- wegung der andern zugleich mit sich, und zwar aus blossen Begriffen einer relativen Bewegung, wenn sie im absoluten Räume, d. i. nach der Wahr- heit betrachtet wird, und ist daher, wie alles, was aus blossen Begriffen hinreichend erweislich ist, ein Gesetz einer schlechterdings nothwendigen Gegenbewegung.
Es ist also auch keine absolute Bewegung, wenngleich ein Körper im leeren Räume in Ansehung eines anderen als bewegt gedacht wird; die Bewegung beider wird hier nicht relativ auf den sie umgebenden Raum, * Er sagt daselbst: Motus quidem veros corporum singulorum cognoscere et ab apparentibus actu discriminare difficillimum est: propterea quod partes spatii illius immobilis, in quo corpora vere moventur, non incurrunt in sensus. Causa tarnen non est prorsus desperata. Hierauf lässt er zwei durch einen Faden verknüpfte Kugeln sich um ihren gemeinschaftlichen Schwerpunkt im leeren Räume drehen, und zeigt, wie die Wirklichkeit ihrer Bewegung sammt der Richtung derselben dennoch durch Erfahrung könne gefunden werden. Ich habe dieses auch an der um ihre Achse bewegten Erde unter etwas veränderten Umstanden zu zeigen gesucht.
102 Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft.
sondern nur auf den zwischen ihnen, welcher ihr äusseres Verhältnis» unter einander allein bestimmt, als den absoluten Raum betrachtet, und ist also wiederum nur relativ. Absolute Bewegung würde also nur die- jenige sein, die einem Körper ohne ein Verhältniss auf irgend eine andere Materie zukäme. Eine solche wäre allein die geradlinigte Bewegung des Weltganzen, d. i. des Systems aller Materie. Denn wenn ausser einer Materie noch irgend eine andere, selbst durch den leeren Raum getrennte Materie wäre, so würde die Bewegung schon relativ sein. Um deswillen ist ein jeder Beweis eines Bewegungsgesetzes, der darauf hinausläuft, dass das Gegentheil desselben eine geradlinigte Bewegung des ganzen Welt- gebäudes zur Folge haben müsste, ein apodiktischer Beweis der Wahrheit desselben; blos weil daraus absolute Bewegung folgen würde, die schlech- terdings unmöglich ist. Von der Art ist das Gesetz des Antagonismus in aller Gemeinschaft der Materie durch Bewegung. Denn eine jede Ab- weichung von demselben würde den gemeinschaftlichen Mittelpunkt der Schwere aller Materie, mithin das ganze Weltgebäude aus der Stelle rücken, welches dagegen, wenn man dieses sich als um seine Achse ge- dreht vorstellen wollte, nicht geschehen würde, welche Bewegung also immer noch zu denken möglich, obzwar anzunehmen, so viel man absehen kann, ganz ohne begreiflichen Nutzen sein würde.
Auf die verschiedenen Begriffe der Bewegung und bewegenden Kräfte haben auch die verschiedenen Begriffe vom leeren Räume ihre Be- ziehung. Der leere Raum in phoronomischer Rücksicht, der auch der absolute Raum heisst, sollte billig nicht ein leerer Raum genannt werden; denn er ist nur die Idee von einem Räume, in welchem ich von aller besonderen Materie, die ihn zum Gegenstande der Erfahrung machte abstrahire, um in ihm den materiellen, oder jeden empirischen Raum noch als beweglich und dadurch die Bewegung nicht blos einseitig als abso- lutes, sondern jederzeit wechselseitig als blos relatives Prädicat zu den- ken. Er ist also gar nichts, was zur Existenz der Dinge, sondern blos zur Bestimmung der Begriffe gehört, und sofern existirt kein leerer Raum. Der leere Raum in dynamischer Rücksicht ist der, der nicht erfüllt ist; d. i. worin dem Eindringen des Beweglichen nichts anderes Bewegliches widersteht, folglich keine repulsive Kraft wirkt, und er kann entweder der leere Raum i n der Welt (vacuum mundanum), oder, wenn diese als begrenzt vorgestellt wird, der leere Raum ausser der Welt (vacuum extramundanum) sein; der erstere auch entweder als zerstreuter {vacuum disseminatum, der nur einen Theil des Volumens der Materie ausmacht), oder als gehäufter leerer Raum (vacuum coacervatum, der die Körper, z. B. Weltkörper, von einander absondert), vorgestellt werden, IV. Hauptstück. Phänomenologie. 103 welche Unterscheidung:, da sie nur auf dem Unterschied der Plätze, die man dem leeren Raum in der Welt anweist, beruht, eben nicht wesentlich ist, aber doch in verschiedener Absicht gebraucht wird, der erste, um den specifischen Unterschied der Dichtigkeit, der zweite, um die Möglichkeit einer von allem äusseren Widerstände freien Bewegung im Welträume davon abzuleiten. Dass den leeren Raum in der ersteren Absicht anzunehmen nicht nöthig sei, ist schon in der allgemeinen Anmerkung zur Dynamik gezeigt worden; dass er aber unmöglich sei, kann aus seinem Begriffe allein, nach dem Satze des Widerspruchs, keineswegs bewiesen werden. Gleichwohl, wenn hier auch kein blos logischer Grund der Verwerfung desselben anzutreffen wäre, könnte doch ein allgemeiner physischer Grund, ihn aus der Naturlehre zu verweisen, nämlich der von der Möglichkeit der Zusammensetzung einer Materie überhaupt, da sein, wenn man die letztere nur besser einsähe. Denn wenn die Anziehung, die man zur Erklärung des Zusammenhanges der Materie annimmt, nur scheinbare, nicht wahre Anziehung, vielmehr etwa blos die Wirkung einer Zusammendrückung durch äussere im Welträume allenthalben verbreitete Materie (den Aether), welche selbst nur durch eine allgemeine und ursprüngliche Anziehung, nämlich die Gravitation, zu diesem Drucke gebracht wird, sein sollte, welche Meinung manche Gründe für sich hat; so würde der leere Raum innerhalb der Materien, wenngleich nicht logisch, doch dynamisch und also physisch unmöglich sein, weil jede Materie sich in die leeren Räume, die man innerhalb derselben annähme (da ihrer expansiven Kraft hier nichts widersteht), von selbst ausbreiten und sie jederzeit erfüllt erhalten würde. Ein leerer Raum ausser der Welt würde, wenn man unter dieser den Inbegriff aller vorzüglich attractiven Materien (der grossen Weltkörper) versteht, aus ebendenselben Gründen unmöglich sein, weil nach dem Maasse, als die Entfernung von diesen zunimmt, auch die Anziehungskraft auf den Aether (der jene Körper alle einschliesst und, von jener getrieben, sie in ihrer Dichtigkeit durch Zu- sammendrückung erhält), in umgekehrtem Verhältnisse abnimmt, dieser also selbst nur ins Unendliche an Dichtigkeit abnehmen, nirgend aber den Raum ganz leer lassen würde. Dass es indessen mit dieser Wegschaffung des leeren Raumes ganz hypothetisch zugeht, darf Niemand befremden; geht es doch mit der Behauptung desselben nicht besser zu. Diejenigen, welche diese Streitfrage dogmatisch zu entscheiden wagen, sie mögen es bejahend oder verneinend thun, stützen sich zuletzt auf lauter meta- physische Voraussetzungen, wie aus der Dynamik zu ersehen ist, und es war wenigstens nöthig, hier zu zeigen, dass diese über gedachte Aufgabe gar nicht entscheiden können. Was drittens den leeren Raum in media- 104 Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft.
nischer Absicht betrifft, so ist dieser das gehäufte Leere innerhalb dem Weltganzen, um den Weltkörpern freie Bewegung zu verschaffen. Man sieht leicht, dass die Möglichkeit oder Unmöglichkeit desselben nicht auf metaphysischen Gründen, sondern dem schwer aufzuschliessenden Naturgeheimnisse, auf welche Art die Materie ihrer eigenen ausdehnenden Kraft Schranken setze, beruhe. Gleichwohl, wenn das, was in der all- gemeinen Anmerkung zur Dynamik von der ins Unendliche möglichen grösseren Ausdehnung specifisch verschiedener Stoffe, bei derselben Quan- tität der Materie (ihrem Gewichte nach) gesagt worden, eingeräumt wird, so möchte wohl, um der freien und dauernden Bewegung der Weltkörper willen, einen leeren Raum anzunehmen, unnöthig sein, weil der Wider- stand, selbst bei gänzlich erfüllten Räumen, alsdenn doch so klein, als man will, gedacht werden kann.
Und so endigt sich die metaphysische Körperlehre mit dem Leeren und eben darum Unbegreiflichen, worin sie einerlei Schicksal mit allen übrigen Versuchen der Vernunft hat, wenn sie im Zurückgehen zu Prin- cipien den ersten Gründen der Dinge nachstrebt, da, weil es ihre Natur so mit sich bringt, niemals etwas Anderes, als sofern es unter gegebenen Bedingungen bestimmt ist, zu begreifen, folglich sie weder beim Beding- ten stehen bleiben, noch sich das Unbedingte fasslich machen kann, ihrr wenn Wissbegierde sie auffordert, das absolute Ganze aller Bedingungen zu fassen, nichts übrig bleibt, als von den Gegenständen auf sich selbst zurückzukehren, um anstatt der letzten Grenze der Dinge die letzte Grenze ihres eigenen sich selbst überlassenen Vermögens zu erforschen und zu bestimmen.
Oswald Schmidt, Leipzig.
Veröffentlichungen der Philosophischen Gesellschaft an der Universität zu Wien, Band III b.
Studien zur gegenwärtigen Philosophie der Mechanik.
Als Nachwort zu: Kaufs Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft.
Von Dr. Alois Höfler, Privatdocent der Philosophie und der Pädagogik an der Universität Wien, k. k. Schulrath, Professor der Mathematik, Physik and philosophischen Propädeutik an der Theresianischen Akademie in Wien.
Leipzig 1900.
Verlag von C. E. M. Pfeffer.
Vorbemerkung.
„...Ich möchte Jenen, welche irgend ein meta- physisches System studieren, anempfehlen, den Theil desselben, der sich mit physikalischen Begriffen beschäftigt, sorgfältig zu prüfen."
MAXWELL, Matter and Motion, Art. XVI.
Gelegentlich eines Collegs: „Kants Metaphysische Anfangs- gründe der Natur wi 8 sen seh aft, verglichen mit Maxwell'S Stoff und Bewegung", das ich im Wintersemester 1898/99 an der Uni- versität Wien abgehalten habe, stellte es sich als eine Unbequemlichkeit für die Teilnehmer heraus, dass jene Schrift Kant'S seit ihrer dritten, un- veränderten Auflage 1800 nicht mehr selbständig gedruckt worden, sondern nur in den Gesammtausgaben Kants zugänglich war. Da die Philosophische Gesellschaft an der Universität zu Wien um jene Zeit als zweiten Band ihrer Veröffentlichungen die „Vorreden und Einleitungen zu klassischenWerken der Mechanik"1) vorbereitete, lag als drittes Bändchen ein Neudruck der Schrift Kants nahe, indem ihr Gegenstand sich auf gleichem Gebiet, das man die Philosophie der Mechanik nennen kann, bewegt. Der Verleger ging auf den Vorschlag zu einem solchen Neudruck des Kant-Textes bereitwilligst ein und stellte auch den Teilnehmern des Collegs eine grössere Anzahl Vordrucke unentgeltlich zur Verfügung, für welches Entgegenkommen ihm an dieser Stelle unser Dank gebührt. Andrerseits trug der Umstand, dass diese Sonderdrucke ein Semester lang von vielen Augen gelesen wurden, zur Correctheit des Druckes vorliegender Ausgabe bei, für welche Unterstützung ich den Teilnehmern des Collegs hiermit nochmals danke.
Dem Neudruck ist zu Grunde gelegt die Ausgabe von Harten- stein: „Kants sämmtliche Werke", Vierter Band, 1867. — Harten- stein sagt in der Vorrede zu diesem Band, S. VII: „Die metapby- *) Enthaltend die Hauptetellen philosophiechen Inhaltes aue GALILEI, NEWTON, d Alembert, Lagbange, Kirchhoff, Hertz. — 258 S.
1* 4 Vorbemerkung.
sischenAnfangsgründe der Naturwissenschaft erschienen zuerst 1786 (Riga, J. F. Habtknoch, XXIV u. 158 S. gr. 8). Schon 1787 erschien eine zweite, den Typen, der Einrichtung des Drucks und der Seitenzahl nach mit jener ganz übereinstimmende Ausgabe, die sich von ihr lediglich durch die Verbesserung einiger weniger Druckfehler unterscheidet. Abgesehen von einem Nachdrucke (Frankfurt u. Leipzig, 1794) erschien bei Kant'S Leben im Jahre 1800 die dritte Ausgabe, die wieder ein blosser Abdruck der zweiten ist. Die nicht ganz geringe An- zahl von Lesarten, die in den beiden ersten Ausgaben gleichlautend sich als Druckfehler verrathen, hat folgende Änderungen des ursprünglichen Textes veranlasst. Es ist gesetzt worden 363, 9 u. (Text) Objecten st. Objecte; 365, 13 o. (Anm.) des äusseren st. äusserer; 367, 7 o. sich findet st. findet; 370, 10 u. sich bewegt st. bewegt; 376, 8 o. Grade verzögert werde, der kleiner ist st. Grade, der kleiner ist; 381, 10 o. jeder st. jede; 383, 1 o. die Richtungen st. Richtungen, 14 o. der relative Raum st. der Raum; 390, 19 n. Lehrsatz 1 st. Lehrsatz 2; 397, 8 o. ihn st. sie; 403, 15 o. Demnach st. Dennoch; 406, 15 n. gar st. ganz; 411, 20 u. Weiten st. Welten, 11 u. sich st. sie; 414, 15 o. war st. waren, 2 u.
könnest, können; 415, 3 o. erfüllt st. erfüllt war; 416, 3 o. müssen st. müsse; 417, 15 o. Erwärmung st. Erwägung; 427, 13 o. forschende st. herrschende; 429, 9 o. nach ursprünglich st. nach als ursprünglich, 12 u. Schwere st. Schweren, 8 u. über dem st. über den; 431, 5 u. einer anderen st. eine andere; 437, 9 u. die Substanz st. der Substanz; 444, 10 o. sich bewegt st. bewegt; 446, 12 o. die Körper st. ein Körper; 448, 12 o. der Anziehung st. die Anziehung."
Von dem Hartenstein 'sehen Text unterscheidet sich der vor- liegende Neudruck durch eine Reihe, freilich meist unbeträchtlicher Ver- änderungen. Bei einer genauen Vergleichung der Vordrucke mit dem Härtens tein'schen Texte einerseits, dem Originaltexte von 1786 andererseits — um welche Vergleichung sich von den Hörern des Collegs ganz besonders die Herren Dr. Karl Neisser und Otto Neisser durch wiederholte vollständige Durchsicht der Drucke verdient gemacht haben — glaubten wir schliesslich folgende beiden Arten a) und b) von Veränderungen vornehmen zu sollen: a) Abweichungen von Hartenstein (H.), übereinstimmend S. 3, Text, Z. 6 v. u.: der rationalen (bei Hartenstein: rationalen); S. 6, Z. 15 v. o.: aus ihren blossen Begriffen (bei H.; aus blossen Be- griffen); Vorbemerkung. 5 S. 9, Z. 1 v. o.: wo metaphysische und mathematische Konstruk- tionen (bei H.: wo mathematische Konstruktionen); S. 11, Anmerkung, Z. 15 v. o.: äusserer oder des inneren Sinnes (bei H.: des äusseren oder des inneren Sinnes); S. 16, Z. 3 v. u.: der absolute Raum ist also an sich nichts (bei H. der absolute Raum ist an sich nichts);