SigPhi · Immanuel Kant

Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft

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die Arbeit auf sich nehmen, mit jenen Positionen Locke's und — um sogleich wieder auf die neueste Phase dieses Complexes von Streit- fragen einen Blick zu werfen: mit dem gegenwärtig so beliebten Angriffe gegen eine Unterscheidung von Bewusstseins- A c t e n (Locke's Operations) und Bewusstseins- 1 n h a 1 1 e n und -Gegenständen sich auseinanderzusetzen.

Um aber insbesondere auch der Beziehungen zu gedenken, welche diese psychologisch-erkenntnistheoretischen Streitfragen zum KANT'schen Gedankenkreis besitzen, so braucht nur daran erinnert zu werden, wie nahe jene angeblich oder wirklich „apriorischen Vor- \Q Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.

Stellungen" von Gleichheit, Verschiedenheit, Notwendigkeit u. dgl. m. den KANT'schen „Kategorien" stehen. — Auch hierüber einige Worte — schon weil die Kategorien ebenso wie die Grundlage, so auch die pike de resistance der Vorrede zu den „Metaphysischen An- fangsgründen der Naturwissenschaft," ja, wenigstens nach Kants Inten- tionen, der ganzen Schrift selbst darstellen. Um in letzterer Hinsicht von vornherein keinen Zweifel über die Haltung des vorliegenden Nachwortes zu dieser Lieblingsmeinung Kants in Sachen der apriorischen Naturwissenschaft aufkommen zu lassen, lege ich hier das aufrichtige Geständnis ab, dass ich nicht ohne ein Lächeln der Bewunderung jene Stellen S. 32, 61, 90, 97 lesen und wieder lesen kann, in denen Kant seine viermal drei Kategorien im Denken des Physikers ver- wirklicht findet. Aber mögen es mir Kants Getreuen verzeihen, — es ist eben doch nur das Lächeln der Bewunderung, wie es uns ein ge- schickter Taschenspieler abnöthigt. Man wundert sich, wie hübsch es klappt, aber denkt nicht im entferntesten daran, an den Zauber zu glauben.

Doch zur Sache: Gleichheit, Verschiedenheit, Not- wendigkeit sind Relationen; auch Kausalität, insofern ihr Begriff den der Nothwendigkeit zum Kern hat. Sind also Kant's Kate- gorien überhaupt Relationen? Oder sind wohl gar alle Re- lationen das, was nach Kant die Kategorien sein sollen? Historisch genommen gewiss nicht. Denn „Relation" ist ja nur der Titel eines, des dritten, von den vier Feldern der KANT'schen Kate- gorientafel. Aber vielleicht haben wir hier von historischen Zufällig- keiten und Mängeln untergeordneter Art abzusehen, und wenigstens grundsätzlich ist das, was Kant mit dem Begriff der Kategorie wollte, nichts anderes als die Relation mit ihren Gattungen und Arten? Wenn ja, so wäre dieser Lösungsversuch als Rettung des KANT'schen Kategorien - Unternehmens sicherlich nicht zu verachten. Denn mag auch der empiristische Naturforscher in seinen Gedankenbildungen sich noch so wenig über das hinauswagen, was ihm durch die physischen Phänomene vorgezeichnet ist, so wird er den Begriff der „Relation" als solchen doch nicht leugnen wollen, geschweige können; denn wenn er ihn innerhalb seiner Facharbeit auch nicht theoretisch analysirt, so handhabt er ihn doch praktisch jeden Augenblick. Ist doch jede „Gleichung" nichts als ein Urteil über das Bestehen einer Gleich- heitsrelation.

Aber freilich — eine solche Berufung auf Relationen schlüge der thatsächlich vorliegenden Kategorien tafel statt zum Heile zum Nachwort zu Kant, Metaph. Anf. der Nat., Vorrede. 17 Unheil aus. Denn eben die Gleichheit — diese meist genannte aller Relationen*) — fehlt ja in der KANT'schen Tafel. Nur in ganz anderem Zusammenhange kommt Kant auf Einerleiheit, Verschieden- heit u. s. f. zu sprechen (1877 Kr. d. r. V., Ausgabe Kehrbach, S. 240 ff). Es genüge, an diesem einen Beispiel gezeigt zu haben, wie wenig es historisch mit einem summarischen Hinweis von den Kate- gorien auf die Relationen gethan wäre. In rein sachlicher Hinsicht dagegen steht über die Frage, wie viel von den Grundintentionen Kants in Sachen der Kategorien mittelst der Relationen zu retten wäre, ein letztes Wort gewiss nur der allgemeinen Relationstheorie als solcher zu. Die Kritik der reinen Vernunft selbst und ihr be- sonderer Ausbau auf dem Boden der Philosophie der Mechanik, wie ihn Kant in der vorliegenden Schrift versucht hat, ist auf jenen Lösungs versuch nicht eingegangen. Auch aller seither geführte Streit, wieweit einzelne Principien der Mechanik, z. B. das Trägheitsgesetz, *) So legt MACH 's programmatischer Vortrag (gehalten auf der Naturforscher- versammlnng zu Wien 1894, abgedruckt in den Populär-wissenschaftlichen Vor- lesungen von MACH) schon in seinem Titel „Über das Princip der Ver- gleichung in der Physik" Zeugnis ab für die Bedeutung der Vergleichungs- Relationen, nicht nur im apriorischen Denken des Mathematikers, sondern auch im empirischen des Physikers. — Es ist bemerkenswerte, dass wie nach der positiven Seite hin die Unumgänglichkeit der Vergleichungs-Relationen in jenem Vortrag betont wird, nach der negativen Seite für den Physiker als solchen, d. h. soweit er nicht bloss sich der logischen und der mathematischen Notwendigkeiten be- dient, das Denken in Nothwendigkeit s- Relationen abgelehnt wird. — Gerade diese Nothwendigkeitsrelationen (das „Muss" sammt seinen logischen Verwandten des „Kann nicht", „Kann" und „Muss nicht") hatte MEINONG (a. a. 0. S. 89 ff) den Vergleichungs-Relationen („Gleich", „Ähnlich", „Verschieden" u. s. f.) als die zweite der beiden Hauptclassen von Relationen unter dem allgemeinen Terminus der Verträglichkeitsrelationen coordiniert. Diese zwei Typen von Relationen sind es denn auch, auf welche sich neben unzähligen anderen logischen Anwendungen und Derivaten die beiden Leitbegriffe der Forschung, „Beschreibung" und „Erklärung", gründen. Und ein „Erklären", welches nicht im Grunde doch wieder nur ein Beschreiben wäre, zu leugnen, ist ja die negative Hauptabsicht jenes Vortrages, der von KlRCHHOFF's berühmtem Worte über das „Beschreiben, Nichterklären" ausgeht.

Nur eine von der Zukunft zu hoffende Theorie speciell der Nothwendigkeits- relationen als solcher in ihren logischen, psychologischen, physikalischen und meta- physischen Verzweigungen kann der Gerichtshof sein, vor welchem die Streitig- keiten, die heute noch fast allgemein nur als Parteisache sich forterben, durch die Mittel objectiver Untersuchung zu schlichten sein werden. — Einige nähere An- deutungen über solche Grundbestimmungen aus der Theorie der Nothwendigkeits- Relationen, welche speciell für Ursach- und Kraft-Begriff constitutiv sind, vgl. unten S. 41 ff.

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oder allgemeinere ontologische Principien, wie das des „(fehlenden) zureichenden Grundes" oder wie man es jetzt lieber nennt: das der „Ein- deutigkeit", sozusagen für die Natur, nicht nur für unser Denken über die Natur, verbindlich sein mögen, braucht solange nicht in skeptischer Resignation zu enden, als die relationstheoretische Lösung nicht wenigstens versucht worden ist. Auf naturwissenschaftlicher Seite sollte ein solcher Versuch umsomehr auf sympathisches Gehört- und Geprüftwerden zählen dürfen, als die Aufdeckung von „Relativität" in unserem Denken ja zu den geläufigsten Auskunftsmitteln angesichts so ziemlich aller erkenntnistheoretischen Probleme von altersher zählt. Und eines der berühmtesten Probleme, das der „Relativität der Be- wegung", ist es ja, in welches gerade auch die folgende Schrift Kants ausläuft.

Im folgenden zu den vier Hauptstücken der Schrift ebenfalls nur je einige richtunggebende Bemerkungen.

Zum Ersten Hauptstück: Phoronomie.

Das erste Hauptstück gliedert sich in zwei Keinen von Erörte- rungen, deren zweite mit der Erklärung 4 (S. 22), nämlich dem Begriff der „Zusammensetzung von Bewegungen" beginnt. Nach der letzten Anmerkung des Hauptstückes (S. 31) soll Phoronomie sogar überhaupt von nichts anderem zu handeln haben, als von der Zusammensetzung der Bewegungen (und zwar nur der geradlinigen Bewegung, schon nicht mehr der krummlinigen). Hienach haben wir die Erörterungen von S. 15 bis zu jener Erklärung 4 (S. 22) nur als Vorbereitungen zum Hauptthema dieses ersten Hauptstückes zu betrachten. — Im Hinblick auf den reichen Inhalt des Abschnittes „ Phoronomie" oder „Kinematik"*) in irgend einer grösseren modernen *) Was den von KANT gewählten Namen „Phoronomie" betrifft, so scheint er mir aus zwei Gründen ausdrucksvoller als der in gleichem Sinne gegenwärtig wohl noch häufiger gebrauchte Ausdruck „Kinematik". Bei beiden Bezeich- nungen, der KANT'schen und der modernen, handelt es sich ja darum, Bewegungen ohne Rücksicht auf die „Ursachen" der Bewegung zu behandeln; also wirklich nur das „Sich-bewegen" zu beschreiben, ohne jeden Gedanken an ein Einwirken eines „Bewegenden" auf ein.Bewegtes". Zur Bezeichnung dieser sozusagen intransitiv gefassten Bewegung eignet sich also das intransitive Zeitwort (plgofiau mehr als das transitive xivico. — Gegen die Bezeichnung Kinematik spricht auch noch im besonderen, dass sie durch die nichtssagende Bildungsilbe fia nur in ganz äusserlicher, willkürlicher Weise von der Bezeichnung Kinetik sich unterscheidet; und doch sollen Kinematik und Kinetik den Gegensatz zwischen einer Behandlung der Mechanik ohne Eingehen und mit Eingehen auf die die Bewegung bedingenden Kräfte (und Energien) andeuten. Ich weiss nicht, ob es Erwägungen solcher Art sind, welche gegenwärtig die Be- zeichnung „Phoronomie" gegenüber der anderen Bezeichnung „Kinematik" wenigstens wieder etwas mehr in Aufnahme bringen. Sollte KANT's Autorität zur weiteren Verbreitung der Bezeichnung „Phoronomie" an Stelle von „Kine- matik" etwas beitragen können, so wäre dies im Interesse einer significanteren Terminologie nur zu begrüssen.

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Darstellung der Mechanik möchte die ausgezeichnete, ja singulare Rolle, die Kant gerade dem Begriffe der „Zusammensetzung gerad- liniger Bewegungen" anweist, wie eine arge Einseitigkeit erscheinen. Doch lässt sich diese nach dem Plane der Untersuchung dadurch rechtfertigen, dass es sich um „Phoronomie, nicht als reine Be- wegungslehre, sondern bloss als reine Grössenlehre der Bewegung* (S. 31) handeln soll, wobei „Grössenlehre der Bewegung" wieder die Untersuchung besagt, ob und wieso die Bewegung — oder, wie es S. 29 genauer heisst: die Geschwindigkeit — überhaupt als eine „Grösse", und wenn ja, ob als extensive oder intensive Grösse vor- zustellen sei. Nicht um Mechanik, sondern um Philosophie der Mechanik, d. h. erkenntnistheoretische Analyse und „Construction'< der diese Wissenschaft ausmachenden Gedanken, handelt es sich ja in diesem ersten Hauptstück, wie überhaupt in der ganzen Schrift; und die Einseitigkeit des von Kant seiner Phoronomie gestellten Problems im Vergleich zur Kinematik selbst ist geeignet, das Charakteristische der „transcendentalen" Fragestellung gegenüber der physikalischen an einem einfachen und darum umso lehrreicheren Beispiele zu erläutern.

Was nun dieses „transcendentale" Problem selbst betrifft, so interessirt es nicht nur den eingeschworenen Kantianer, sondern es berührt sich unmittelbar mit einer der noch immer actuellsten Fragen moderner Psychologie — dem auf den ersten Blick freilich ganz heterogen scheinenden Unternehmen von Fechner's Psychophysik Diese merkwürdige Beziehung dürfte am raschesten erhellen aus Kant's Satz S. 29: „Es ist nicht für sich klar, dass eine gegebene Geschwindigkeit aus kleineren und eine Schnelligkeit aus Langsam- keiten ebenso bestehe wie ein Raum aus kleineren." — Nun war das Hauptangriffsobject im Psychophysik - Streite Fechner's Begriff des „Empfindungs -Zuwachses". Lässt sich zu einer Empfin- dungs-, z. B. Schall-Stärke eine andere als „Zuwachs" hinzufügen, addiren? Lassen sich 2, 3, 4.. 100 Piano addieren zu einem Forte? Besteht das Forte aus den 100 Piano? (Die Fragen wären müssig, wenn sie sich auf die Empfindungs - R e i z e bezögen. Es handelt sich aber um die Empfindungen selbst, genauer um ihre psychologischen Inhalte.) Alle diese Fragen sind häufig verneint worden, und der Kern der für die Verneinung vorgebrachten Gründe war, dass sich nur extensive, nicht intensive Grössen addiren lassen. Noch weiter geht die Auffassung, welche überhaupt nur dem Extensiven das Merkmal der Grösse zugesteht, so dass also Nachwort zu Kant, I. Hauptstück: Phoronomie. 21 .intensive Grösse" ein Widerspruch, „extensive Grösse" ein Pleonasmus wäre.*) Ich gestehe, dass mich der Kampf gegen die „intensiven Grössen" von jeher sonderbar berührt hat. Ein Blick vom strittigen Gebiet, der Psychophysik, hinüber auf die unbestrittene Physik hätte genügt, erkennen zu lassen, dass ja die extensiven Grössen sogar in der Physik nicht die einzigen Grössen sind, ja dass sie gegenüber den .intensiven" bei weitem die Minderheit bilden.**) Sicher ist ja doch, dass die Physik mit bestem Gewissen ebenso Maasszahlen für Be- leuchtungsgrade, Stromintensitäten u. s. f. ansetzt, wie für Raum- und Zeitstrecken.

Was dabei die von Kant im besonderen erörterte Ge- schwindigkeit betrifft, so dürfte unschwer zugestanden werden, dass Geschwindigkeit, wenn auch nicht im eigentlichsten Sinne eine .intensive", doch jedenfalls nicht einfach eine extensive Grösse sei. Nur wer die Geschwindigkeit willkürlich identificirt mit dem „Wege", der in der Zeit 1 oder sonst irgendeiner zurückgelegt ist — oder aber wer die Geschwindigkeit verwechselt mit dem die Geschwindig- keit graphisch darstellenden Vector, könnte Kant widersprechen, *) Zum Gegenstand der letzten weitest gehenden Behauptungen hat die Kritik der reinen Vernunft ablehnende Stellung genommen, indem KANT in den Anticipationen der Wahrnehmung den Begriff der intensiven Grösse ein- führt. Hier einige Hauptstellen: Kehrbach S. 162: „In allen Erscheinungen hat die Empfindung und das Reale, welches ihr an dem Gegenstand entspricht (realitas phaenomenon), eine intensiveGrösse, d. i. einen Grad." — Ib. S. 163: Es gebe „auch eine Synthesis der Grössenerzeugung einer Empfindung, von ihrem Anfange, der reinen Anschauung = 0, an, bis zu einer beliebigen Grösse der- selben." — Ib. S. 164: „Das Reale in der Erscheinung hat jederzeit eine Grösse.. vermittelst der blossen Empfindung in einem Augenblicke und nicht durch successive Synthesis vieler Empfindungen..; es hat also zwar eine Grösse, aber keine extensive. — Nun nenne ich diejenige Grösse, die nur als Einheit apprehendirt wird, und in welcher die Vielheit nur durch Annäherung zur Negation = 0 vor- gestellt werden kann, die intensive Grösse."

**) Es mag hier ganz dahingestellt bleiben, ob „extensiv" und „intensiv* wirklich so reinliche Gegensätze darstellen, als man es beimahe überall — wohl stark durch die analogen Wortbildungen geleitet — für selbstverständlich zu halten scheint. Es würde auch einer näheren Untersuchung bedürfen, ob und inwieweit sich Intensität und Grad, wie KANT durch das „d. i." behauptet, be- grifflich decken. — Den ganzen Complex principieller Fragen der psychologischen Grössenlehre behandelt bisher am eingehendsten MEINONG, Ueber die Bedeutung des WEBER'schen Gesetzes. Beiträge zur Psychologie des Vergleichens und Messens. — Ztschr. f. Psych, v. Ebbinghaus und König, Bd. XI. Auch in Sonder- ausgabe (164 Seiten) bei Voss, Hamburg 1896.

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wenn er die Addition der Strecken nicht schon als eine Addition der Geschwindigkeiten gelten lässt.

Ist Kant's Problem insoweit als berechtigt anerkannt, so gewinnt seine Lösung ein principielles Interesse, welches über die Frage, ob und wie sich Geschwindigkeiten als solche addiren lassen, weit hinaus- geht. Es genügt hier, sich diese Bedeutung der K Ansehen Frage- stellung für den ersten einfachsten seiner drei Fälle, für die Zu- sammensetzung zweier gleichgerichteten Geschwindigkeiten, klar zu machen. In Gleichungs-Symbolen lautet die Frage so: Wenn binnen derselben Zeit t die Wege sv und s2 zurückgelegt werden — mit welchem Rechte setzen wir die resultirende Geschwindigkeit Maasszahlen gelten nach Kant nicht für einen ausreichenden Beweis, dass sich die analogen Operationen auch zwischen den ge- messenen Grössen selbst,*) nämlich den Geschwindigkeiten selbst, auch nur denken, auch nur in der Vorstellung verwirklichen lassen.

In der von Kant gegebenen Lösung des Problems sind zwei Gedankenreihen auseinanderzuhalten: 1. dass eine Zusammensetzung von Bewegungen, speciell von Geschwindigkeiten nicht möglich ist ohne Zuhilfenahme der relativen Bewegung — und 2. dass sich mittelst der Anschauung von relativer Bewegung auch die Anschauung von der Zusammensetzung der Bewegungen wirklich erzielen, dass sich ihr Begriff „construiren" lasse.

Zum ersten Punkte ist ohne weiteres zuzugeben, dass der Begriff der Zusammensetzung, so geläufig er dem primitivsten physi- kalischen Sprechen und Denken ist, wirklich den Einwurf nahe legt: „Es ist und bleibt unmöglich, dass ich mich aus der Ecke A eines Zimmers längs der Wand AB und zugleich längs der Wand AC be- *) Freilich ist auch der Begriff einer „ Operation zwischen Grössen selbst" und der verwandte einer Functionsbeziehung j = f (x), wenn j und x nicht bloss Maasszahlen, sondern die Grössen selbst bedeuten, schon wieder ein Problem für sich, über welches augenblicklich in unseren Zeitschriften für mathe- matischen und naturwissenschaftlichen Unterricht viel verhandelt wird. Ich musste mich darauf beschränken, für die Möglichkeit von Functionsbeziehungen zwischen den Grössen (z. B. dem Radius einer sich vergrössernden Seifenblase und ihres Volumens), nicht bloss von Zahlen, in einer kurzen Brief kastennotiz in der Ztschr. f. d. physikal. Unterr, 1899, Heft 6, Stellung zu nehmen.

Nachwort zu Kant, I. Hauptstück: Phoronomie. 23 wege; denn die Bewegungen, welche sich angeblich „zusammensetzen" sollen, haben ja thatsächlich garnicht stattgefunden — sondern nur die eine Bewegung längs der Diagonale AD." — Merkwürdiger- weise nimmt man nicht ebenso Anstand zuzugeben, dass sich die Bewegung der Diagonale AD zerlegt denken lasse in die zwei Teilbewegungen längs AB und AD. Es hängt dieser Vorzug welchen das Zerlegen vor dem Zusammensetzen hat, gewiss zusammen mit jenem Primat der Analyse vor der Synthese, auf welche unter anderen Cobneliüs (Vierteljahrschr. f. wiss. Philos. 1893 und in seiner Psychologie 1897) so nachdrücklich hingewiesen hat.

Durch Heranziehen des Begriffes der relativen Bewegung, und nur*) durch ihn (S. 26 ff.), soll es nun aber nach Kant möglich werden, nicht nur das Zerlegen anschaulich zu vollziehen, sondern auch das Zusammensetzen. Das typische Beispiel für den ersten einfachsten dieser drei Fälle ist das gewöhnlich angeführte vom Schaffner, der den fahrenden Eisenbahnzug in der Richtung der Fahrt durchschreitet. In Bezug auf den Bahnkörper A bewegt sich der Zug B, in Bezug auf B bewegt sich der Schaffner C. Die Be- wegung III von C in Bezug auf A ist dann „zusammenge- setzt" aus der Bewegung II von C in Bezug auf B und aus der Bewegung I von B in Bezug auf A. Symbolisch: III = 11 + 1. Ist nun hier das Zeichen + auch nur Symbol, oder ist es ein echtes Additionszeichen?

Ich glaube mit Kant auf die letzte Frage antworten zu dürfen: J a. Denn — soweit von einem „Sehen" der Bewegung überhaupt die Rede sein darf,**) konnte man ebenso gut den Schaffner auf dem Zug, *) Ich erinnere mich, schon zu einer Zeit, da ich KANT's Metaphysische Anfangsgrunde noch nicht kannte (Ende der Siebzigerjahre), durch den physika- lischen Elementarunterricht dazu gedrängt worden zu sein, das Bedenken gegen die Zusammensetzung von Bewegungen durch folgenden phoronomischen Versuch zu umgehen (vgl. meine „Naturlehre" von 1881, S. 129): Ein Schüler hatte die Kreide längs eines Lineals und zwei andere Schüler hatten das Lineal längs der Tafel zu verschieben. Die Bewegung der Kreide in Bezug auf die Tafel ist dann zusammengesetzt aus der Bewegung der Kreide in Bezug auf das Lineal und der Bewegung des Lineals in Bezug auf die Tafel. — Je nachdem dabei die Ver- schiebung der Kreide und des Lineals Winkel von 0°, 180° oder zwischen diesen Grenzlagen bilden, ergeben sich die drei KANT'schen Fälle.

**) Die in meiner Psychologie S. 360 ff. angedeuteten Gründe, aus welchen mir der sehr gebräuchliche Terminus „ Bewegungsem pfindungen" oder der etwas allge- meinere,, Wahrnehmungsvorstellungen von Bewegungen" ganz wörtlich ge- nommen unvereinbare Begriffselemente einzuschliessen scheint, halte ich auch 24 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.

wie den Zug auf dem Bahnkörper sich bewegen sehen, und sieht auch den Schaffner in Bezug auf den Bahnkörper sich bewegen — „sieht" auch, dass diese letztere Bewegung den beiden ersteren „zusammen- genommen" gleich sei, aus ihnen „besteht". — Oder sollte man doch nur die Wege sich addieren sehen? Ich halte letzteres für die minder natürliche psychologische Beschreibung des Sachverhalts.

Hat nun Kant recht, die Geschwindigkeiten, obwohl sie „intensive" Grössen sind, für addierbar zu halten, so ist zum allermindesten nicht nur ein Vorurtheil gegen „intensive" (allgemeiner: gegen „nicht extensive") Grössen überhaupt, sondern auch das gegen ihre Zugäng- lichkeit für mathematische Operationen durchbrochen.

Und noch von einer anderen Seite her scheint mir diese „Con- struction" der Bewegung als einer Grösse von principieller Wichtig- keit. Ich habe anderwärts *) zu zeigen versucht, dass die qualitative Vorstellung der Geschwindigkeit unter diejenigen Vorstellungsgebilde gehört, welche Ehrenfels „Gestaltqualitäten", Meinong „fundirte Inhalte" **) nennt. Ist schon die Addierbarkeit von Empfindungen ein Problem, so könnte noch mehr die von solchen höheren Vorstellungs- gebilden als eines, und zwar nur umso hoffnungsloseres erscheinen. Auch diese wäre als Vorurteil erwiesen, falls Kant mit seiner Construction einer Summe von Geschwindigkeiten recht hat, wobei zu untersuchen bleibt, wie viele von den sonstigen Gestaltqualitäten quantitativer Behandlung zugänglich sind. — Das hier freilich nur Angedeutete ist der Grund, warum ich meine, dass die, wie es scheint, im Ganzen nur wenig beachtete und verwerthete Stelle auf S. 29 und 30 der vorliegenden Kant- sehen Schrift für die gegenwärtige Psychologie und Erkenntnisstheorie zu dem Actuellsten gehört, was die ganze Schrift überhaupt birgt.

durch die inzwischen (namentlich zwischen WILLIAM STERN, WlTASEK und neuestens MEINONG in der Ztschr. für Psychol.) geführte Discussion über „ Präsenszeit ■ u. dgl. nicht entkräftet; der Bequemlichkeit halber aber mag man immerhin von einem „Sehen" der Bewegung ebenso sprechen, wie vom Sehen einer Farbe.

*) Ztschr. f. d. physikal. und ehem. Unterr., XI. Jahrg. 1899, S. 22 ff. **) Neuestens „Gegenstände höherer Ordnung" (Ztschr. f. Psychol., Bd. XXI, 1899).

Zum Zweiten Hauptstück: Dynamik.

Das zweite Hauptstück gliedert sich (allerdings nicht so scharf als das erste Hauptstück in die zwei oben, S. 19, auseinandergehaltenen Teile), in folgende fünf Gedankenreihen: I. S. 33—39 (bis excl. Erkl. 5): Was man Undurchdring- lichkeit zu nennen pflegt, ist repulsive Kraft.

H. S. 39—45 (bis excl. Lehrsatz 5): Nicht die Atomistik hat Recht, sondern die Annahme eines stetig von Materie erfüllten Raumes.

III. S. 45 — 53 (bis excl. Erkl. 7): Es giebt eine der Materie wesentliche Anziehungskraft, die als „actio in distans" wirkt.

IV. S. 53 — 61: Repulsion als Flächenkraft und Attraction als Raurakraft (durchdringende Kraft) machen zusammen das dynamische Wesen der Materie aus.

V. S. 61 — 74 „Allgemeiner Zusatz zur Dynamik". — Nachdem hier die „Zurückstossungskraft'* und die „Anziehungskraft" mit ihrer gegen- seitigen „Einschränkung" in das transcendentale Kategorienschema der Realität, Negation und Limitation eingefügt sind, steigt der Zusatz von dieser transcendentalen Höhe hinab bis zu den physikalischen und chemischen Begriffen fester, flüssiger, spröder, klebriger Körper u. s. f., Reibung, Auflösung, Scheidung u. s. f.

Dass hier nirgends die Grenze der Metaphysik in's Gebiet der Physik hinein sollte überschritten worden sein, wird nicht erst ein ausserhalb des strengen „Kriticismus" stehender Leser finden; Kant selbst hebt ja gelegentlich (so S. 56 bei der „vielleicht möglichen Con- struktion" der Cohäsion) hervor, dass er sich hier eine Ueberschreitung*) *) Diese ersten Schritte wurden dann planmässig fortgesetzt in der posthumen Schrift „Uebergang von den metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft zur Physik". — Hierzu namentlich die Ausgabe von KRAUSE (1888) und das Programm von KEFERSTEIN (1892, vgl oben, S. 7).

26 Höfler, Studien zur Philos. der Mechanik.

des Programm es seiner Schrift gestatte. — Die gegenwärtige Natur- forschung hätte also allen Grund, das Mitsprechen der Philosophen in diesen Dingen von vornherein dankend abzulehnen, wenn sich nicht zeigte, dass gerade der hier behandelte Problemenkreis ein solcher ist, innerhalb dessen sich noch heute der Physiker leichter als sonst irgendwo zu „speculativen", apriorischen Argumenten und Gegenargumenten ver- leiten lässt. Eine Probe davon das immer noch durch fast alle Lehr- bücher verbreitete apriorische Argument für die Atomistik aus der Thatsache der Verdichtbarkeit der Stoffe. — Was Kant unter dem Namen „Dynamik" bietet, pflegt man nach seiner physikalischen Seite heute gewöhnlich „Molekularphysik" zu nennen. — Die KANT'sche Verwendung des Terminus „Dynamik" = Meta- physik der Molekularkräfte (nebst der Newton 'sehen Attraction) ist also eine bei weitem engere, als die beiden modernen Bedeutungen des Wortes „Dynamik", welche leider selbst noch stark von einander abweichen. Die ältere, aber noch nicht ausser Gebrauch gekommene Bedeutung von „Dynamik" ist nämlich gegeben durch den Gegensatz zu „Statik"; die neuere, in welcher sich die Etymologie correcter mit der zu bezeichnenden Sache deckt, ist: Dynamik = Lehre von den mechanischen Kräften und Energien. So schliesst sie dann natürlich die Statik ein, nicht aus. Ich möchte weiter die Dynamik unterschieden sehen in zwei Abschnitte: a) Die Dynamik im engeren Sinne, welche sich behufs „Erklärung" der mechanischen Thatsachen des Newton 'sehen Begriffes der Kraft gemäss der Gleichung p = mg, und in b) die Energetik, welche sich zur „Erklärung" der näm- lichen Thatsachen des Begriffes Energie gemäss der Gleichung ps = 1/2mv2 bedient. — Erst jene Dynamik im weiteren Sinne ist dann der Phoronomie coordinirt (genauer genommen der Phoronomie zusammen mit einer „Tononomie", wie unten S. 33 ff.